Viertes Kapitel

Viertes Kapitel

„Ist jetzt euer Sommer zu Ende?“ fragte Hans Castorp am dritten Tage ironisch seinen Vetter ...

Es war ein schrecklicher Wettersturz.

Der zweite Tag, den der Hospitant vollständig hier oben verlebt hatte, war prächtig-sommerlich gewesen. Tiefblau leuchtete der Himmel über den lanzenartigen Wipfeltrieben der Fichten, während die Ortschaft im Talgrunde grell in der Hitze schimmerte und das Geläut der Kühe, die umherwandelnd das kurze, erwärmte Mattengras der Lehnen rupften, heiter-beschaulich die Lüfte erfüllte. Die Damen waren schon zum ersten Frühstück in zarten Waschblusen erschienen, einige sogar mit durchbrochenen Ärmeln, was nicht alle gleich gut gekleidet hatte, – Frau Stöhr zum Beispiel kleidete es entschieden schlecht, ihre Arme waren zu schwammig, Duftigkeit der Kleidung eignete sich nun einmal nicht für sie. Auch die Herrenwelt des Sanatoriums hatte der schönen Witterung auf verschiedene Weise in ihrem Äußeren Rechnung getragen. Lüsterjacken und leinene Anzüge waren aufgetaucht, und Joachim Ziemßen hatte elfenbeinfarbene Flanellhosen zu seinem blauen Rock getragen, eine Zusammenstellung, die seiner Erscheinung ein vollständig militärisches Gepräge verlieh. Was Settembrini betraf, so hatte er zwar wiederholt das Vorhaben geäußert, den Anzug zu wechseln. „Teufel!“ hatte er gesagt, als er nach dem Lunch mit den Vettern in den Ort hinunterpromenierte, „wie die Sonne brennt! Ich sehe, ich werde mich leichter kleiden müssen.“ Aber trotzdem es gewählt ausgedrückt war, hatte ernach wie vor seinen langen Flaus mit den großen Aufschlägen und seine gewürfelten Beinkleider anbehalten, – wahrscheinlich war das alles, was er an Garderobe besaß.

Am dritten Tage jedoch war es genau, als ob die Natur zu Falle gebracht und jede Ordnung auf den Kopf gestellt würde; Hans Castorp traute seinen Augen nicht. Es war nach der Hauptmahlzeit, und man befand sich seit zwanzig Minuten in der Liegekur, als die Sonne sich eilig verbarg, häßlich torfbraunes Gewölk über die südöstlichen Kämme heraufzog und ein Wind von fremder Luftbeschaffenheit, kalt und das Gebein erschreckend, als käme er aus unbekannten, eisigen Gegenden, plötzlich durch das Tal fegte, die Temperatur umstürzte und ein ganz neues Regiment eröffnete.

„Schnee“, sagte Joachims Stimme hinter der Glaswand.

„Was meinst du mit ‚Schnee‘?“ fragte Hans Castorp darauf. „Du willst doch nicht sagen, daß es jetzt schneien wird?“

„Sicher“, antwortete Joachim. „Den Wind, den kennen wir. Wenn der kommt, dann gibt es Schlittenbahn.“

„Unsinn!“ sagte Hans Castorp. „Wenn mir recht ist, so schreiben wir Anfang August.“

Aber Joachim hatte wahr gesprochen, eingeweiht, wie er war in die Verhältnisse. Denn binnen wenigen Augenblicken setzte unter wiederholten Gewitterschlägen ein gewaltiges Schneetreiben ein, – ein Gestöber, so dicht, daß alles in weißen Dampf gehüllt erschien und man von Ortschaft und Tal fast nichts mehr erblickte.

Es schneite den ganzen Nachmittag fort. Die Zentralheizung ward angezündet, und während Joachim seinen Pelzsack in Benutzung nahm und sich im Kurdienste nicht stören ließ, flüchtete sich Hans Castorp in das Innere seines Zimmers,rückte einen Stuhl an die erwärmten Röhren und blickte von dort unter häufigem Kopfschütteln in das Unwesen hinaus. Am nächsten Morgen schneite es nicht mehr; aber obgleich das Außenthermometer einige Wärmegrade zeigte, war der Schnee doch fußhoch liegen geblieben, so daß eine vollkommene Winterlandschaft sich vor Hans Castorps verwunderten Blicken ausbreitete. Man hatte die Heizung wieder ausgehen lassen. Die Zimmertemperatur betrug sechs Grad über Null.

„Ist jetzt euer Sommer zu Ende?“ fragte Hans Castorp seinen Vetter mit bitterer Ironie ...

„Das kann man nicht sagen“, erwiderte Joachim sachlich. „Will’s Gott, so wird es noch schöne Sommertage geben. Selbst im September ist das noch sehr wohl möglich. Aber die Sache ist die, daß die Jahreszeiten hier nicht so sehr voneinander verschieden sind, weißt du, sie vermischen sich sozusagen und halten sich nicht an den Kalender. Im Winter ist oft die Sonne so stark, daß man schwitzt und den Rock auszieht beim Spazierengehen, und im Sommer, nun, das siehst du ja schon, wie es im Sommer hier manchmal ist. Und dann der Schnee – er bringt alles durcheinander. Es schneit im Januar, aber im Mai nicht viel weniger, und im August schneit es auch, wie du bemerkst. Im ganzen kann man sagen, daß kein Monat vergeht, ohne daß es schneit, das ist ein Satz, an dem man festhalten kann. Kurz, es gibt Wintertage und Sommertage und Frühlings- und Herbsttage, aber so richtige Jahreszeiten, die gibt es eigentlich nicht bei uns hier oben.“

„Das ist ja eine schöne Konfusion“, sagte Hans Castorp. Er ging in Überschuhen und Winterpaletot mit seinem Vetter in den Ort hinab, um sich Decken für die Liegekur zu besorgen, denn es war klar, daß er bei dieser Witterung mit seinem Plaidnicht auskommen werde. Vorübergehend erwog er sogar, ob er nicht zum Kauf eines Pelzsackes schreiten solle, nahm dann aber Abstand davon, ja, schreckte gewissermaßen vor dem Gedanken zurück.

„Nein, nein,“ sagte er, „bleiben wir bei den Decken! Ich werde unten schon wieder Verwendung für sie haben, und Decken hat man ja überall, es ist weiter nichts so Besonderes oder Aufregendes dabei. Aber so ein Pelzsack ist etwas gar zu Spezielles, – versteh’ mich recht, wenn ich mir einen Pelzsack anschaffe, käme ich mir selber vor, als ob ich mich hier häuslich niederlassen wollte und schon gewissermaßen zu euch gehörte ... Kurz, ich will nichts weiter sagen, als daß es ja absolut nicht lohnen würde, für die paar Wochen eigens einen Pelzsack zu kaufen.“

Joachim stimmte dem zu, und so erstanden sie denn in einem hübschen, reichhaltigen Geschäft des Englischen Viertels zwei solche Kamelhaardecken, wie Joachim sie hatte, ein besonders langes und breites, angenehm weiches Fabrikat in Naturfarbe, und gaben Order, daß sie sofort ins Sanatorium gesandt werden sollten, ins Internationale Sanatorium „Berghof“, Zimmertür 34. Gleich heute nachmittag wollte Hans Castorp sie zum erstenmal in Gebrauch nehmen.

Natürlich war es um die Zeit nach dem zweiten Frühstück, denn sonst bot die Tagesordnung keine Gelegenheit, in den Ort hinunterzugehen. Es regnete jetzt, und der Schnee auf den Straßen hatte sich in spritzenden Eisbrei verwandelt. Auf dem Heimwege holten sie Settembrini ein, welcher unter einem Regenschirm, wenn auch barhäuptig, ebenfalls dem Sanatorium zustrebte. Der Italiener sah gelb aus und befand sich ersichtlich in elegischer Stimmung. In reinen und wohlgeformtenWorten jammerte er über die Kälte, die Nässe, unter der er so bitter litt. Wenn wenigstens geheizt würde! Aber diese elenden Machthaber ließen die Heizung ja ausgehen, sobald es zu schneien aufhöre, – eine stumpfsinnige Regel, ein Hohn auf alle Vernunft! Und als Hans Castorp einwandte, er denke sich, daß eine mäßige Zimmertemperatur wohl zu den Kurprinzipien gehöre, – man wolle einer Verwöhnung der Patienten offenbar damit vorbeugen, da antwortete Settembrini mit dem heftigsten Spott. Ei, in der Tat, die Kurprinzipien. Die hehren und unantastbaren Kurprinzipien! Hans Castorp spreche wahrhaftig in dem richtigen Tone von ihnen, nämlich in dem der Religiosität und der Unterwürfigkeit. Nur auffallend – wenn auch in einem durchaus erfreulichen Sinne auffallend, – daß gerade diejenigen unter ihnen so unbedingte Verehrung genössen, die mit den ökonomischen Interessen der Gewalthaber genau übereinstimmten, – während man denen gegenüber, bei denen dies weniger zutreffe, ein Auge zuzudrücken geneigt sei ... Und während die Vettern lachten, kam Settembrini auf seinen verstorbenen Vater zu sprechen, im Zusammenhang mit der Wärme, nach der er sich sehnte.

„Mein Vater,“ sagte er gedehnt und schwärmerisch, – „er war ein so feiner Mann, – empfindlich am Körper wie an der Seele! Wie liebte er im Winter sein kleines, warmes Studierstübchen, von Herzen liebte er es, stets mußten zwanzig Grad Réaumur darin herrschen, vermöge eines rotglühenden Öfchens, und wenn man an naßkalten Tagen oder an solchen, wenn der schneidende Tramontanawind ging, vom Flure des Häuschens her eintrat, so legte die Wärme sich einem wie ein linder Mantel um die Schultern, und die Augen füllten sich mit wohligen Tränen. Vollgepfropft war das Stübchen mitBüchern und Handschriften, worunter sich große Kostbarkeiten befanden, und zwischen den Geistesschätzen stand er in seinem Schlafrock aus blauem Flanell am schmalen Pult und widmete sich der Literatur, – zierlich und klein von Person, einen guten Kopf kleiner als ich, stellen Sie sich vor! aber mit dicken Büscheln aus grauem Haar an den Schläfen und einer Nase, so lang und fein ... Welch ein Romanist, meine Herren! Einer der Ersten seiner Zeit, ein Kenner unserer Sprache wie wenige, ein lateinischer Stilist wie sonst keiner mehr, einuomo letteratonach Boccaccios Herzen ... Von weither kamen die Gelehrten, um sich mit ihm zu besprechen, der eine aus Haparanda, ein anderer aus Krakau, sie kamen ausdrücklich nach Padua, unserer Stadt, um ihm Hochachtung zu erweisen, und er empfing sie mit freundlicher Würde. Auch ein Dichter von Distinktion war er, welcher in seinen Mußestunden Erzählungen in der elegantesten toskanischen Prosa verfaßte, – ein Meister desidioma gentile“, sagte Settembrini mit äußerstem Genuß, indem er die heimatlichen Silben langsam auf der Zunge zergehen ließ und den Kopf dabei hin und her bewegte. „Sein Gärtchen baute er nach dem Beispiele Vergils,“ fuhr er fort, „und was er sprach, war gesund und schön. Aber warm, warm mußte er es haben in seinem Stübchen, sonst zitterte er und konnte wohl Tränen vergießen vor Ärger, daß man ihn frieren ließ. Und nun stellen Sie sich vor, Ingenieur, und Sie, Leutnant, was ich, der Sohn meines Vaters, an diesem verdammten und barbarischen Orte leiden muß, wo der Körper im hohen Sommer vor Kälte zittert und erniedrigende Eindrücke beständig die Seele foltern! Ach, es ist hart! Welche Typen, die uns umgeben! Dieser närrische Teufelsknecht von Hofrat. Krokowski“ – und Settembrini tat, alsmüsse er sich die Zunge zerbrechen – „Krokowski, dieser schamlose Beichtvater, der mich haßt, weil meine Menschenwürde mir verbietet, mich zu seinem pfäffischen Unwesen herzugeben ... Und an meinem Tische ... Welche Gesellschaft, in der ich zu speisen gezwungen bin! Zu meiner Rechten sitzt ein Bierbrauer aus Halle – Magnus ist sein Name – mit einem Schnurrbart, der einem Heubündel ähnelt. ‚Lassen Sie mich mit der Literatur in Ruhe!‘ sagt er. ‚Was bietet sie? Schöne Charaktere! Was fang ich mit schönen Charakteren an! Ich bin ein praktischer Mann, und schöne Charaktere kommen im Leben fast gar nicht vor.‘ Dies ist die Vorstellung, die er sich von der Literatur gebildet hat. Schöne Charaktere ... o Mutter Gottes! Seine Frau, ihm gegenüber, sitzt da und verliert Eiweiß, während sie mehr und mehr in Stumpfsinn versinkt. Es ist ein schmutziger Jammer ...“

Ohne daß sie sich miteinander verständigt hätten, waren Joachim und Hans Castorp eines Sinnes über diese Reden: sie fanden sie wehleidig und unangenehm aufrührerisch, freilich auch unterhaltsam, ja bildend in ihrer kecken und wortscharfen Aufsässigkeit. Hans Castorp lachte gutmütig über das „Heubündel“ und auch über die „schönen Charaktere“, oder vielmehr über die drollig verzweifelte Art, in der Settembrini davon sprach. Dann sagte er:

„Gott, ja, die Gesellschaft ist wohl ein bißchen gemischt in so einer Anstalt. Man kann sich die Tischnachbarn nicht aussuchen, – wohin sollte denn das auch führen. An unserem Tisch sitzt auch so eine Dame ... Frau Stöhr, – ich denke mir, daß Sie sie kennen? Mörderlich ungebildet ist sie, das muß man ja sagen, und manchmal weiß man nicht recht, wo man hinsehen soll, wenn sie so plappert. Und dabei klagt siesehr über ihre Temperatur und daß sie so schlaff ist, und ist wohl leider gar kein ganz leichter Fall. Das ist so sonderbar, – krank und dumm – ich weiß nicht, ob ich mich richtig ausdrücke, aber mich mutet es ganz eigentümlich an, wenn einer dumm ist und dann auch noch krank, wenn das so zusammenkommt, das ist wohl das Trübseligste auf der Welt. Man weiß absolut nicht, was man für ein Gesicht dazu machen soll, denn einem Kranken möchte man doch Ernst und Achtung entgegenbringen, nicht wahr, Krankheit ist doch gewissermaßen etwas Ehrwürdiges, wenn ich so sagen darf. Aber wenn nun immer die Dummheit dazwischen kommt mit ‚Fomulus‘ und ‚kosmische Anstalt‘ und solchen Schnitzern, da weiß man wahrhaftig nicht mehr, ob man weinen oder lachen soll, es ist ein Dilemma für das menschliche Gefühl und so kläglich, daß ich es gar nicht sagen kann. Ich meine, es reimt sich nicht, es paßt nicht zusammen, man ist nicht gewöhnt, es sich zusammen vorzustellen. Man denkt, ein dummer Mensch muß gesund und gewöhnlich sein, und Krankheit muß den Menschen fein und klug und besonders machen. So denkt man es sich in der Regel. Oder nicht? Ich sage da wohl mehr, als ich verantworten kann“, schloß er. „Es ist nur, weil wir zufällig darauf kamen ...“ Und er verwirrte sich.

Auch Joachim war etwas verlegen, und Settembrini schwieg mit erhobenen Augenbrauen, indem er sich den Anschein gab, als warte er aus Höflichkeit das Ende der Rede ab. In Wirklichkeit hatte er es darauf abgesehen, Hans Castorp erst völlig aus dem Konzept kommen zu lassen, bevor er antwortete:

„Sapristi, Ingenieur, Sie legen da philosophische Gaben an den Tag, deren ich mich gar nicht von Ihnen versehen hätte! Ihrer Theorie zufolge müßten Sie weniger gesund sein,als Sie sich den Anschein geben, daSie offenbar Geist besitzen. Erlauben Sie mir aber, Ihnen zu bemerken, daß ich Ihren Deduktionen nicht folgen kann, daß ich sie ablehne, ja ihnen in wirklicher Feindseligkeit gegenüberstehe. Ich bin, wie Sie mich da sehen, ein wenig unduldsam in geistigen Dingen und lasse mich lieber einen Pedanten schelten, als daß ich Ansichten unbekämpft ließe, die mir so bekämpfenswert scheinen wie die von Ihnen entwickelten ...“

„Aber, Herr Settembrini ...“

„Ge–statten Sie mir ... Ich weiß, was Sie sagen wollen. Sie wollen sagen, daß Sie es so ernst nicht gemeint haben, daß die von Ihnen vertretenen Anschauungen nicht ohne Weiteres die Ihren sind, sondern daß Sie gleichsam nur eine der möglichen und in der Luft schwebenden Anschauungen aufgriffen, um sich unverantwortlicherweise einmal darin zu versuchen. So entspricht esIhrem Alter, welches männlicher Entschlossenheit noch entraten und vorderhand mit allerlei Standpunkten Versuche anstellen mag.Placet experiri“, sagte er, indem er dascvon „Placet“ weich, nach italienischer Mundart sprach. „Ein guter Satz. Was mich stutzig macht, ist eben nur die Tatsache, daß Ihr Experiment sich gerade in dieser Richtung bewegt. Ich bezweifle, daß hier Zufall waltet. Ich befürchte das Vorhandensein einer Neigung, die sich charaktermäßig zu befestigen droht, wenn man ihr nicht entgegentritt. Darum fühle ich mich verpflichtet, Sie zu korrigieren. Sie äußerten, Krankheit mit Dummheit gepaart sei das Trübseligste auf der Welt. Ich kann Ihnen das zugeben. Auch mir ist ein geistreicher Kranker lieber als ein schwindsüchtiger Dummkopf. Aber mein Protest beginnt, wenn Sie Krankheit mit Dummheit im Verein gewissermaßen als einen Stilfehlerbetrachten, als eine Geschmacksverirrung der Natur und einDilemma für das menschliche Gefühl, wie Sie sich auszudrücken beliebten. Wenn Sie Krankheit für etwas so Vornehmes und – wie sagten Sie doch –Ehrwürdigeszu halten scheinen, daß sie sich mit Dummheit schlechterdingsnicht zusammenreimt. Dies war ebenfalls Ihr Ausdruck. Nun denn, nein! Krankheit ist durchaus nicht vornehm, durchaus nicht ehrwürdig, – diese Auffassung ist selbst Krankheit oder sie führt dazu. Vielleicht rufe ich am sichersten Ihren Abscheu gegen sie wach, wenn ich Ihnen sage, daß sie betagt und häßlich ist. Sie rührt aus abergläubisch zerknirschten Zeiten her, in denen die Idee des Menschlichen zum Zerrbild entartet und entwürdigt war, angstvollen Zeiten, denen Harmonie und Wohlsein als verdächtig und teuflisch galten, während Bresthaftigkeit damals einem Freibrief zum Himmelreich gleichkam. Vernunft und Aufklärung jedoch haben diese Schatten vertrieben, welche auf der Seele der Menschheit lagerten, – noch nicht völlig, sie liegen noch heute im Kampfe mit ihnen; dieser Kampf aber heißt Arbeit, mein Herr, irdische Arbeit, Arbeit für die Erde, für die Ehre und die Interessen der Menschheit, und täglich aufs neue gestählt in solchem Kampfe, werden jene Mächte den Menschen vollends befreien und ihn auf den Wegen des Fortschrittes und der Zivilisation einem immer helleren, milderen und reineren Lichte entgegenleiten.“

Donnerwetter, dachte Hans Castorp bestürzt und beschämt, das ist ja eine Arie! Womit habe ich denn das herausgefordert? Etwas trocken kommt es mir übrigens vor. Und was er nur immer mit der Arbeit will. Immer hat er es mit der Arbeit, obgleich es doch wenig hierher paßt. Und er sagte:

„Sehr schön, Herr Settembrini. Es ist geradezu hörenswert, wie Sie das so zu sagen wissen. Man könnte es gar nicht ... gar nicht plastischer ausdrücken, meine ich.“

„Rückneigung,“ setzte Settembrini wieder ein, indem er seinen Regenschirm über den Kopf eines Vorübergehenden hinweghob, „geistige Rückneigung in die Anschauungen jener finsteren, gequälten Zeiten – glauben Sie mir, Ingenieur, das ist Krankheit, – eine sattsam erforschte Krankheit, für welche die Wissenschaft verschiedene Namen besitzt, einen aus der Sprache der Schönheits- und Seelenlehre und einen aus der der Politik, – Schulausdrücke, die nichts zur Sache tun und deren Sie gern entraten mögen. Da aber im Geistesleben alles zusammenhängt und eines sich aus dem andern ergibt, da man dem Teufel nicht den kleinen Finger reichen darf, ohne daß er die ganze Hand nimmt und den ganzen Menschen dazu ... da andererseits ein gesundes Prinzip immer nur lauter Gesundes zeitigen kann, gleichviel, welches man nun an den Anfang stelle, – so prägen Sie es sich ein, daß Krankheit, weit entfernt, etwas Vornehmes, etwas allzu Ehrwürdiges zu sein, um mit Dummheit leidlicherweise verbunden sein zu dürfen, vielmehrErniedrigungbedeutet, – ja, eine schmerzliche, die Idee verletzende Erniedrigung des Menschen, die man im Einzelfalle schonen und betreuen möge, aber die geistig zu ehrenVerirrung– prägen Sie sich das ein! – eine Verirrung und aller geistigen Verirrung Anfang ist. Diese Frau, deren Sie Erwähnung taten, – ich verzichte darauf, mich ihres Namens zu entsinnen – Frau Stöhr also, ich danke sehr – kurzum, diese lächerliche Frau, – nicht ihr Fall ist es, wie mir scheint, der das menschliche Gefühl, wie Sie sagten, in ein Dilemma versetzt. Krank und dumm, – in Gottes Namen, das ist dieMisere selbst, die Sache ist einfach, es bleibt nichts als Erbarmen und Achselzucken. Das Dilemma, mein Herr, dieTragikbeginnt, wo die Natur grausam genug war, die Harmonie der Persönlichkeit zu brechen – oder von vornherein unmöglich zu machen –, indem sie einen edlen und lebenswilligen Geist mit einem zum Leben nicht tauglichen Körper verband. Kennen Sie Leopardi, Ingenieur, oder Sie, Leutnant? Ein unglücklicher Dichter meines Landes, ein bucklichter, kränklicher Mann mit ursprünglich großer, durch das Elend seines Körpers aber beständig gedemütigter und in die Niederungen der Ironie herabgezogener Seele, deren Klagen das Herz zerreißen. Hören Sie dieses!“

Und Settembrini begann, italienisch zu rezitieren, indem er die schönen Silben auf der Zunge zergehen ließ, den Kopf hin und her bewegte und zuweilen die Augen schloß, unbekümmert darum, daß seine Begleiter kein Wort verstanden. Sichtlich war es ihm darum zu tun, sein Gedächtnis und seine Aussprache selbst zu genießen und vor den Zuhörern zur Geltung zu bringen. Endlich sagte er:

„Aber Sie verstehen nicht, Sie hören, ohne den schmerzlichen Sinn zu erfassen. Der Krüppel Leopardi, meine Herren, empfinden Sie dies ganz, entbehrte vor allem der Frauenliebe, und dies war es wohl namentlich, was ihn unfähig machte, der Verkümmerung seiner Seele zu steuern. Der Glanz des Ruhmes und der Tugend verblaßte ihm, die Natur erschien ihm böse – übrigensistsie böse, dumm und böse, ich gebe ihm recht hierin – und er verzweifelte – es ist furchtbar zu sagen – er verzweifelte an Wissenschaft und Fortschritt! Hier haben Sie Tragik, Ingenieur. Hier haben Sie Ihr ‚Dilemma für das menschliche Gefühl‘, – nicht bei jener Frau dort, – ich lehne es ab,mein Gedächtnis um ihren Namen zu bemühen ... Sprechen Sie mir nicht von der ‚Vergeistigung‘, die durch Krankheit hervorgebracht werden kann, um Gottes willen, tun Sie es nicht! Eine Seele ohne Körper ist so unmenschlich und entsetzlich, wie ein Körper ohne Seele, und übrigens ist das erstere die seltene Ausnahme und das zweite die Regel. In der Regel ist es der Körper, der überwuchert, der alle Wichtigkeit, alles Leben an sich reißt und sich aufs widerwärtigste emanzipiert. Ein Mensch, der als Kranker lebt, istnurKörper, das ist das Widermenschliche und Erniedrigende, – er ist in den meisten Fällen nichts Besseres als ein Kadaver ...“

„Komisch“, sagte Joachim plötzlich, indem er sich vorbeugte, um seinen Vetter anzusehen, der an Settembrinis anderer Seite ging. „Etwas ganz ähnliches hast du doch neulich auch gesagt.“

„So?“ sagte Hans Castorp. „Ja, es kann ja wohl sein, daß mir was ähnliches auch schon durch den Kopf ging.“

Settembrini schwieg während einiger Schritte. Dann sagte er:

„Desto besser, meine Herren. Desto besser, wenn dem so ist. Die Absicht lag mir fern, Ihnen irgendwelche Originalphilosophie vorzutragen, – das ist nicht meines Amtes. Wenn unser Ingenieur schon seinerseits Übereinstimmendes angemerkt hat, so bestätigt dies nur meine Mutmaßung, daß er geistig dilettiert, daß er nach Art begabter Jugend mit den möglichen Anschauungen vorläufig nur Versuche anstellt. Der begabte junge Mensch ist kein unbeschriebenes Blatt, er ist vielmehr ein Blatt, auf dem gleichsam mit sympathetischer Tinte alles schon geschrieben steht, das Rechte wie das Schlechte, und Sache des Erziehers ist es, das Rechte entschieden zu entwickeln, das Falsche aber, das hervortreten will, durch sachgemäße Einwirkung aufimmer auszulöschen. Die Herren haben Einkäufe gemacht?“ fragte er veränderten, leichten Tones ...

„Nein, nichts weiter,“ sagte Hans Castorp, „das heißt ...“

„Wir haben ein paar Decken für meinen Vetter besorgt“, antwortete Joachim gleichgültig.

„Für die Liegekur ... Bei dieser Hundekälte ... Ich soll ja mitmachen die paar Wochen“, sagte Hans Castorp lachend und sah zu Boden.

„Ah, Decken, Liegekur“, sagte Settembrini. „So, so, so. Ei, ei, ei. In der Tat:Placet experiri!“ wiederholte er mit italienischer Aussprache und verabschiedete sich, denn sie hatten, begrüßt von dem hinkenden Concierge, das Sanatorium betreten, und in der Halle schwenkte Settembrini in die Konversationsräume ab, um vor Tische die Zeitungen zu lesen, wie er sagte. Die zweite Liegekur schien er schwänzen zu wollen.

„Gott bewahre!“ sagte Hans Castorp, als er mit Joachim im Lift stand. „Das ist wirklich ein Pädagog, – er sagte es ja neulich schon selbst, daß er so eine Ader habe. Man muß furchtbar aufpassen mit ihm, daß man kein Wort zu viel sagt, sonst gibt es ausführliche Lehren. Aber hörenswert ist es ja, wie er zu sprechen versteht, jedes Wort springt ihm so rund und appetitlich vom Munde, – ich muß immer an frische Semmeln denken, wenn ich ihm zuhöre.“

Joachim lachte.

„Das sage ihm lieber nicht. Ich glaube doch, er wäre enttäuscht, zu erfahren, daß du an Semmeln denkst bei seinen Lehren.“

„Meinst du? Ja, das ist noch gar nicht mal sicher. Ich habe immer den Eindruck, daß es ihm nicht ganz allein umdie Lehren zu tun ist, vielleicht um sie erst in zweiter Linie, sondern besonders um das Sprechen, wie er die Worte springen und rollen läßt ... so elastisch, wie Gummibälle ... und daß es ihm gar nicht unangenehm ist, wenn man namentlich auch darauf achtet. Bierbrauer Magnus ist ja wohl etwas dumm mit seinen ‚schönen Charakteren‘, aber Settembrini hätte doch sagen sollen, worauf es denn eigentlich ankommt in der Literatur. Ich mochte nicht fragen, um mir keine Blöße zu geben, ich verstehe mich ja auch nicht weiter darauf und hatte bis jetzt noch nie einen Literaten gesehen. Aber wenn es nicht auf die schönen Charaktere ankommt, so kommt es offenbar auf die schönen Worte an, das ist mein Eindruck in Settembrinis Gesellschaft. Was er für Vokabeln gebraucht! Ganz ohne sich zu genieren spricht er von ‚Tugend‘ – ich bitte dich! Mein ganzes Leben lang habe ich das Wort noch nicht in den Mund genommen, und selbst in der Schule haben wir immer bloß ‚Tapferkeit‘ gesagt, wenn ‚virtus‘ im Buche stand. Es zog sich etwas zusammen in mir, das muß ich sagen. Und dann macht es mich etwas nervös, wenn er so schimpft, auf die Kälte und auf Behrens und auf Frau Magnus, weil sie Eiweiß verliert, und kurz, auf alles. Er ist ein Oppositionsmann, darüber war ich mir gleich im klaren. Er hackt auf alles Bestehende, und das hat immer etwas Verwahrlostes, ich kann mir nicht helfen.“

„Das sagst du so“, antwortete Joachim bedächtig. „Aber dann hat es doch wieder auch etwas Stolzes, was gar nicht verwahrlost anmutet, sondern im Gegenteil, er ist doch ein Mensch, der auf sich hält, oder auf die Menschen im allgemeinen, und das gefällt mir an ihm, das hat was Anständiges in meinen Augen.“

„Da hast du recht“, sagte Hans Castorp. „Er hat sogar etwasStrenges, – es wird einem öfter ganz ungemütlich, weil man sich – sagen wir mal: kontrolliert fühlt, doch, das ist gar keine schlechte Bezeichnung. Willst du glauben, daß ich immer das Gefühl hatte, er wäre nicht einverstanden damit, daß ich mir Decken zum Liegen gekauft habe, er hätte etwas dagegen und hielte sich irgendwie darüber auf?“

„Nein“, sagte Joachim erstaunt und besonnen. „Wie könnte das wohl sein. Das kann ich mir doch nicht denken.“ Und dann ging er, das Thermometer im Munde, mit Sack und Pack in die Liegekur, während Hans Castorp gleich begann, sich für die Mittagsmahlzeit zu säubern und umzukleiden, – es war ohnedies nur noch ein knappes Stündchen bis dahin.


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