Der Donnerschlag

Der Donnerschlag

Sieben Jahre blieb Hans Castorp bei Denen hier oben, – keine runde Zahl für Anhänger des Dezimalsystems, und doch eine gute, handliche Zahl in ihrer Art, ein mythisch-malerischer Zeitkörper, kann man wohl sagen, befriedigender für das Gemüt als etwa ein trockenes halbes Dutzend. Er hatte an allen sieben Tischen des Speisesaales gesessen, an jedem ungefähr ein Jahr. Zuletzt saß er am Schlechten Russentisch, zusammen mit zwei Armeniern, zwei Finnen, einem Bucharier und einem Kurden. Er saß dort mit einem kleinen Bärtchen, das er sich mittlerweile hatte stehen lassen, einem strohblonden Kinnbärtchen ziemlich unbestimmbarer Gestalt, das wir als Zeugnis einer gewissen philosophischen Gleichgültigkeit gegen sein Äußeres aufzufassen gezwungen sind. Ja, wir müssen weitergehen und diese Idee einer persönlichen Neigung zur Vernachlässigung seiner selbst in Verbindung bringen mit einer ebensolchen Neigung der Außenwelt in Beziehung zu ihm. Die Obrigkeit hatte aufgehört,Diversionen für ihn zu ersinnen. Außer der morgentlichen Frage, ob er „schön“ geschlafen habe, die aber rhetorischer Art war und summarisch gestellt wurde, richtete der Hofrat nicht mehr besonders oft das Wort an ihn, und auch Adriatica von Mylendonk (sie trug ein hochreifes Gerstenkorn um die Zeit, von der wir reden) tat es nicht alle paar Tage. Sehen wir die Dinge genauer an, so geschah es selten oder nie. Man ließ ihn in Ruhe – ein wenig wie einen Schüler, der des eigentümlich lustigen Vorzuges genießt, nicht mehr gefragt zu werden, nichts mehr zu tun zu brauchen, weil sein Sitzenbleiben beschlossene Sache ist und weil er nicht mehr in Betracht kommt, – eine orgiastische Form der Freiheit, wie wir hinzufügen, indem wir uns selber fragen, ob Freiheit je von anderer Form und Art sein könne, als ebendieser. Jedenfalls war hier einer, auf den die Obrigkeit fürder kein sorgendes Auge zu haben brauchte, weil es gewiß war, daß in seiner Brust keine wilden und trotzigen Entschlüsse mehr reifen würden, – ein Sicherer und Endgültiger, der längst gar nicht mehr gewußt hätte, wohin denn sonst, der den Gedanken der Rückkehr ins Flachland überhaupt nicht mehr zu fassen imstande war ... Drückte sich nicht eine gewisse Sorglosigkeit in betreff seiner Person allein in der Tatsache aus, daß er an den Schlechten Russentisch versetzt worden war? Womit übrigens gegen den sogenannten Schlechten Russentisch nicht das Allergeringste gesagt sein soll! Es gab keine irgendwie greifbaren Vor- oder Nachteile unter den sieben Tischen. Es war eine Demokratie von Ehrentischen, kühn gesagt. Dieselben übergewaltigen Mahlzeiten wurden an diesem gereicht, wie an allen anderen; Rhadamanthys selbst faltete dort zuweilen, im Turnus, die riesigen Hände vor seinem Teller; und die daran speisenden Völkerschaften warenehrenwerte Mitglieder der Menschheit, wenn sie auch kein Latein verstanden und sich beim Essen nicht übertrieben zierlich benahmen.

Die Zeit, die nicht von der Art der Bahnhofsuhren ist, deren großer Zeiger ruckweise, von fünf zu fünf Minuten fällt, sondern eher von der jener ganz kleinen Uhren, deren Zeigerbewegung überhaupt untersichtig bleibt, oder wie das Gras, das kein Auge wachsen sieht, ob es gleich heimlich wächst, was denn auch eines Tages nicht mehr zu verkennen ist; die Zeit, eine Linie, die sich aus lauter ausdehnungslosen Punkten zusammensetzt (wobei der unselig verstorbene Naphta wahrscheinlich fragen würde, wie lauter Ausdehnungslosigkeiten es anfangen, eine Linie hervorzubringen): die Zeit also hatte in ihrer schleichend untersichtlichen, geheimen und dennoch betriebsamen Art fortgefahren, Veränderungen zu zeitigen. Der Knabe Teddy, um nur ein Beispiele zu nennen, war eines Tages – aber natürlich nicht „eines Tages“, sondern ganz unbestimmt von welchem Tage an – kein Knabe mehr. Die Damen konnten ihn nicht mehr auf den Schoß nehmen, wenn er zuweilen aufstand, den Pyjama mit dem Sportanzug vertauschte und herunterkam. Unmerklich hatte das Blättchen sich gewendet, er nahm sie selbst auf den Schoß bei solchen Gelegenheiten, und das machte beiden Teilen ebensoviel Vergnügen, sogar noch mehr. Er war zum Jüngling – wir wollen nicht sagen: erblüht, aber doch aufgeschossen: Hans Castorp hatte es nicht gesehen, aber er sah es. Übrigens bekamen die Zeit und das Aufschießen dem Jüngling Teddy nicht, er war nicht dafür geschaffen. Das Zeitliche segnete ihn nicht, – in seinem einundzwanzigsten Jahre starb er an der Krankheit, für die er aufnahmelustig gewesen, und in seinem Zimmer wurde gestöbert.Mit ruhiger Stimme erzählen wir es, da kein großer Unterschied war zwischen seinem neuen Zustande und dem bisherigen.

Aber gewichtigere Todesfälle ereigneten sich, flachländische Todesfälle, die unseren Helden näher angingen oder doch ehemals ihn näher angegangen hätten. Wir denken an das kürzlich erfolgte Ableben des alten Konsul Tienappel, Hansens Großonkel und Pflegevater verblaßten Angedenkens. Er hatte unzuträgliche Luftdruckverhältnisse sorgfältigst gemieden und es Onkel James überlassen, sich darin zu blamieren; aber der Apoplexie hatte er auf die Dauer doch nicht entgehen können, und die drahtlich knapp, aber zart und schonend abgefaßte Nachricht von seinem Hintritt – zart und schonend mehr mit Rücksicht auf den Verblichenen, als auf den Empfänger der Botschaft – war eines Tages herauf an Hans Castorps vorzüglichen Liegestuhl gelangt, worauf er sich schwarz gerändertes Papier gekauft und den Onkel-Cousins geschrieben hatte, er, die Doppelwaise, die sich nun als noch einmal, als dreifach verwaist zu betrachten habe, sei um so betrübter, als es ihm verwehrt und verboten sei, seinen hiesigen Aufenthalt zu unterbrechen, um dem Großonkel das letzte Geleite zu geben.

Von Trauer zu reden, wäre Schönfärberei, doch zeigten Hans Castorps Augen in jenen Tagen immerhin einen Ausdruck, der sinnender war als gewöhnlich. Dieser Sterbefall, dessen Gefühlsbedeutung niemals mächtig gewesen wäre und durch abenteuerliche Jährchen der Entfremdung auf fast nichts herabgemindert worden war, er kam doch dem Zerreißen noch einer Bindung, noch einer Beziehung zur unteren Sphäre gleich, gab dem, was Hans Castorp mit Recht die Freiheit nannte, letzte Vollständigkeit. Wirklich war in der späten Zeit, von der wir sprechen, jede Fühlung zwischen ihm und demFlachlande restlos aufgehoben. Er schrieb keine Briefe dorthin und empfing keine. Er bezog Maria Mancini nicht mehr von dort. Er hatte hier oben eine Marke gefunden, die ihm zusagte, und der er nun ebenso Treue trug wie einst jener Freundin: ein Fabrikat, das selbst dem Polarforscher im Eise über die ärgsten Strapazen hinweggeholfen hätte, und mit dem versehen, man einfach wie am Meere lag und es aushalten konnte, – eine besonders gut gepflegte Sandblattzigarre, namens „Rütlischwur“, etwas gedrungener, als Maria, mausgrau von Farbe, mit einem bläulichen Leibring, sehr fügsam und mild im Charakter und zu schneeweißer, haltbarer Asche, in welcher die Adern des Deckblattes stehen blieben, so gleichmäßig sich verzehrend, daß sie dem Genießenden statt einer fließenden Sanduhr hätte dienen können und ihm nach seinen Bedürfnissen auch so diente, denn seine Taschenuhr trug er nicht mehr. Sie stand, sie war ihm eines Tages vom Nachttisch gefallen, und er hatte davon abgesehen, sie wieder in messenden Rundlauf setzen zu lassen, – aus denselben Gründen, weshalb er auch auf den Besitz von Kalendern, sei es zum täglichen Abreißen, sei es zur Vorbelehrung über den Fall der Tage und Feste, schon längst verzichtet hatte: aus Gründen der „Freiheit“ also, dem Strandspaziergange, dem stehenden Immer-und-Ewig zu Ehren, diesem hermetischen Zauber, für den der Entrückte sich aufnahmelustig erwiesen, und der das Grundabenteuer seiner Seele gewesen, dasjenige, worin alle alchymistischen Abenteuer dieses schlichten Stoffes sich abgespielt hatten.

So lag er, und so lief wieder einmal, im Hochsommer, der Zeit seiner Ankunft, zum siebentenmal – er wußte es nicht – das Jahr in sich selber.

Da erdröhnte –

Aber Scham und Scheu halten uns ab, erzählerisch den Mund vollzunehmen von dem, was da erscholl und geschah. Nur hier keine Prahlerei, kein Jägerlatein! Die Stimme gemäßigt zu der Aussage, daß also der Donnerschlag erdröhnte, von dem wir alle wissen, diese betäubende Detonation lang angesammelter Unheilsgemenge von Stumpfsinn und Gereiztheit, – ein historischer Donnerschlag, mit gedämpftem Respekt zu sagen, der die Grundfesten der Erde erschütterte, für uns aber der Donnerschlag, der den Zauberberg sprengt und den Siebenschläfer unsanft vor seine Tore setzt. Verdutzt sitzt er im Grase und reibt sich die Augen, wie ein Mann, der es trotz mancher Ermahnung versäumt hat, die Presse zu lesen.

Sein mittelländischer Freund und Mentor hatte dem immer ein wenig abzuhelfen gesucht und es sich angelegen sein lassen, das Sorgenkind seiner Erziehung über die unteren Vorgänge in großen Zügen zu unterrichten, hatte aber wenig Ohr bei einem Schüler gefunden, der sich zwar von den geistigen Schatten der Dinge regierungsweise das eine und andere träumen ließ, der Dinge selbst aber nicht geachtet hatte und zwar aus der Hochmutsneigung, die Schatten für die Dinge zu nehmen, in diesen aber nur Schatten zu sehen, – weswegen man ihn nicht einmal allzu hart schelten darf, da dies Verhältnis nicht letztgültig geklärt ist.

Es war nicht mehr so, wie einst, daß Herr Settembrini, nachdem er plötzliche Klarheit hergestellt hatte, an dem Bette des horizontalen Hans Castorp saß und in Dingen des Todes und des Lebens berichtigend auf ihn einzuwirken suchte. Umgekehrt saß nun dieser, die Hände zwischen den Knien, an dem Bette des Humanisten im kleinen Kabinett oder an seinem Tagesruhelager im separierten und traulichen Mansardenstudio mitden Carbanarostühlen und der Wasserflasche, leistete ihm Gesellschaft und lauschte höflich seinen Erörterungen der Weltlage, denn nicht oft mehr war Herr Lodovico auf den Beinen. Naphtas krasses Ende, die terroristische Tat des scharf verzweifelten Disputanten, hatte seiner empfindsamen Natur einen harten Stoß versetzt, er konnte sich nicht davon erholen, unterlag seither großer Schwäche und Hinfälligkeit. Seine Mitarbeit an der „Soziologischen Pathologie“ stockte, das Lexikon aller Werke des schönen Geistes, die das menschliche Leiden zum Gegenstande hatten, kam nicht mehr vom Fleck, jene Liga wartete vergebens auf den betreffenden Band ihrer Enzyklopädie, Herr Settembrini war gezwungen, seine Mitwirkung an der Organisation des Fortschritts aufs Mündliche zu beschränken, und dazu eben boten Hans Castorps freundschaftliche Besuche ihm eine Gelegenheit, die er ohne sie ebenfalls hätte entbehren müssen.

Er sprach mit schwacher Stimme, aber viel, schön und von Herzen über die Selbstvervollkommnung der Menschheit auf gesellschaftlichem Wege. Seine Rede ging wie auf Taubenfüßen, aber bald, wenn er etwa von der Vereinigung der befreiten Völker zum allgemeinen Glücke sprach, so mischte sich – er wollte und wußte es wohl selber nicht – etwas wie Rauschen von Adlersschwingen hinein, und das machte zweifellos die Politik, das großväterliche Erbe, das sich mit dem humanistischen Erbe des Vaters in ihm, Lodovico, zur schönen Literatur vereinigt hatte, – genau wie Humanität und Politik sich vereinigten in dem Hoch- und Toastgedanken der Zivilisation, diesem Gedanken voll Taubenmilde und Adlerskühnheit, der seinen Tag erwartete, den Völkermorgen, da das Prinzip der Beharrung würde aufs Haupt geschlagen und die heilige Allianzder bürgerlichen Demokratie in die Wege geleitet werden ... Kurzum, hier gab es Unstimmigkeiten. Herr Settembrini war humanitär, aber zugleich und eben damit, halb ausgesprochen, war er auch kriegerisch. Er hatte sich beim Duell mit dem krassen Naphta wie ein Mensch benommen, im großen aber, wo die Menschlichkeit sich begeisterungsvoll mit der Politik zur Sieges- und Herrschaftsidee der Zivilisation verband und man die Pike des Bürgers am Altar der Menschheit weihte, wurde es zweifelhaft, ob er, unpersönlich, gemeint blieb, seine Hand zurückzuhalten vom Blute; – ja die inneren Umstände bewirkten, daß in Herrn Settembrinis schöner Gesinnung das Element der Adlerskühnheit mehr und mehr gegen das der Taubenmilde durchschlug.

Nicht selten war sein Verhältnis zu den großen Konstellationen der Welt zwiespältig, von Skrupeln gestört und verlegen. Neulich, zwei oder anderthalb Jährchen zurück, hatte das diplomatische Zusammenwirken seines Landes mit Österreich in Albanien sein Gespräch beunruhigt, dies Zusammenwirken, das ihn erhob, da es gegen das lateinlose Halbasien, gegen Knute und Schlüsselburg gerichtet war, und das ihn quälte eben als Mißbündnis mit dem Erbfeinde, dem Prinzip der Beharrung und der Völkerknechtschaft. Vorigen Herbst hatte die große Leihgabe Frankreichs an Rußland zum Zwecke des Baues eines Bahnnetzes in Polen ihm ähnlich widerstreitende Gefühle geweckt. Denn Herr Settembrini gehörte der frankophilen Partei seines Landes an, was nicht wundernehmen kann, wenn man bedenkt, daß sein Großvater die Tage der Julirevolution denjenigen der Weltschöpfung gleichgesetzt hatte; aber das Einverständnis der erleuchteten Republik mit dem byzantinischen Skythentum schuf ihm moralische Verlegenheit, – eineBeklemmung seiner Brust, die doch auch wieder, beim Gedanken an den strategischen Sinn jenes Bahnnetzes, in rasch atmende Hoffnung und Freude sich umdeuten wollte. Dann fiel der Fürstenmord ein, der für jedermann, außer für deutsche Siebenschläfer, ein Sturmzeichen war, Bescheid für die Wissenden, zu denen wir Herrn Settembrini mit Fug zu rechnen haben. Hans Castorp sah ihn wohl privatmenschlich schaudern vor solcher Schreckenstat, sah aber auch seine Brust sich heben beim Gedanken daran, daß es eine Volks- und Befreiungstat war, die da geschehen, gerichtet gegen die Burg seines Hasses, wenn auch hinwiederum zu werten als Frucht moskowitischen Betreibens, was ihm Beklemmung schuf, ihn aber nicht hinderte, die äußerste Aufforderung der Monarchie an Serbien, drei Wochen später, als Beleidigung der Menschheit und grauenhaftes Verbrechen zu kennzeichnen, in Anbetracht ihrer Folgen, die zu sehen er eingeweiht war, und die er rasch atmend begrüßte ...

Kurzum, Herrn Settembrinis Empfindungen waren vielfach zusammengesetzt, wie das Verhängnis, das er mit großer Schnelle sich ballen sah, und für das er seinem Zögling mit halben Worten Augen zu machen suchte, während doch eine Art von nationaler Höflichkeit und Erbarmnis ihn abhielt, vollends darüber aus sich herauszugehen. In den Tagen der ersten Mobilisationen, der ersten Kriegserklärung, hatte er eine Gewohnheit angenommen, dem Besucher beide Hände entgegenzustrecken und ihm die seinen zu drücken, daß es dem Tölpel zu Herzen ging, wenn auch nicht recht zu Kopfe. „Mein Freund!“ sagte der Italiener. „Das Schießpulver, die Druckerpresse – unleugbar, Sie haben das einst erfunden! Allein wenn Sie glauben, daß wir gegen die Revolution marschieren werden ...Caro...“

Während der Tage schwülster Erwartung, als eine wahre Streckfolter die Nerven Europas spannte, sah Hans Castorp Herrn Settembrini nicht. Die wüsten Zeitungen drangen nun unmittelbar aus der Tiefe zu seiner Balkonloge empor, durchzuckten das Haus, erfüllten mit ihrem die Brust beklemmenden Schwefelgeruch den Speisesaal und selbst die Zimmer der Schweren und Moribunden. Es waren jene Sekunden, wo der Siebenschläfer im Grase, nicht wissend, wie ihm geschah, sich langsam aufrichtete, bevor er saß und sich die Augen rieb ... Wir wollen aber das Bild zu Ende führen, um seiner Gemütsbewegung gerecht zu werden. Er zog die Beine unter sich, stand auf, blickte um sich. Er sah sich entzaubert, erlöst, befreit, – nicht aus eigener Kraft, wie er sich mit Beschämung gestehen mußte, sondern an die Luft gesetzt von elementaren Außenmächten, denen seine Befreiung sehr nebensächlich mit unterlief. Aber wenn auch sein kleines Schicksal vor dem allgemeinen verschwand, – drückte nicht dennoch etwas von persönlich gemeinter und also von göttlicher Güte und Gerechtigkeit sich darin aus? Nahm das Leben sein sündiges Sorgenkind noch einmal an, – nicht auf wohlfeile Art, sondern eben nur so, auf diese ernste und strenge Art, im Sinn einer Heimsuchung, die vielleicht nicht Leben, aber gerade in diesem Falle drei Ehrensalven für ihn, den Sünder, bedeutete, konnte es geschehen. Und so sank er denn auf seine Knie hin, Gesicht und Hände zu einem Himmel erhoben, der schweflig dunkel, aber nicht länger die Grottendecke des Sündenberges war.

In dieser Haltung traf ihn Herr Settembrini, – stark bildlich gesprochen, wie sich versteht; denn in Wirklichkeit, das wissen wir, schloß unseres Helden Sittensprödigkeit solches Theater aus. In spröder Wirklichkeit traf ihn der Mentor beimKofferpacken, – denn seit dem Augenblick seines Erwachens sah Hans Castorp sich in den Trubel und Strudel von wilder Abreise gerissen, den der sprengende Donnerschlag im Tale angerichtet. Die „Heimat“ glich einem Ameisenhaufen in Panik. Fünftausend Fuß tief stürzte das Völkchen Derer hier oben sich kopfüber ins Flachland der Heimsuchung, die Trittbretter des gestürmten Zügleins belastend, ohne Gepäck, wenn es sein mußte, das in Stapelreihen die Steige des Bahnhofs bedeckte, – des wimmelnden Bahnhofs, in dessen Höhe brenzlige Schwüle von unten heraufzuschlagen schien, – und Hans stürzte mit. Im Tumult umarmte ihn Lodovico, – buchstäblich, er schloß ihn in seine Arme und küßte ihn wie ein Südländer (oder auch wie ein Russe) auf beide Wangen, was unseren wilden Reisenden in aller Bewegung nicht wenig genierte. Aber fast hätte er die Fassung verloren, als Herr Settembrini ihn im letzten Augenblick mit Vornamen, nämlich „Giovanni“ nannte und dabei die im gesitteten Abendland übliche Form der Anrede dahin fahren und das Du walten ließ!

„E così in giù,“ sagte er, – „in giù finalmente! Addio, Giovanni mio!Anders hatte ich dich reisen zu sehen gewünscht, aber sei es darum, die Götter haben es so bestimmt und nicht anders. Zur Arbeit hoffte ich dich zu entlassen, nun wirst du kämpfen inmitten der Deinen. Mein Gott, dir war es zugedacht und nicht unserm Leutnant. Wie spielt das Leben ... Kämpfe tapfer, dort, wo das Blut dich bindet! Mehr kann jetzt niemand tun. Mir aber verzeih’, wenn ich den Rest meiner Kräfte daransetze, um auch mein Land zum Kampfe hinzureißen, auf jener Seite, wohin der Geist und heiliger Eigennutz es weisen.Addio!“

Hans Castorp zwängte seinen Kopf zwischen zehn andere, die den Rahmen des Fensterchens füllten. Er winkte über sie hin. Auch Herr Settembrini winkte mit der Rechten, während er mit der Ringfingerspitze der Linken zart einen Augenwinkel berührte.

Wo sind wir? Was ist das? Wohin verschlug uns der Traum? Dämmerung, Regen und Schmutz, Brandröte des trüben Himmels, der unaufhörlich von schwerem Donner brüllt, die nassen Lüfte erfüllt, zerrissen von scharfem Singen, wütend höllenhundhaft daherfahrendem Heulen, das seine Bahn mit Splittern, Spritzen, Krachen und Lohen beendet, von Stöhnen und Schreien, von Zinkgeschmetter, das bersten will, und Trommeltakt, der schleuniger, schleuniger treibt ... Dort ist ein Wald, aus dem sich farblose Schwärme ergießen, die laufen, fallen und springen. Dort zieht eine Hügelzeile sich vor dem fernen Brande hin, dessen Glut sich manchmal zu wehenden Flammen sammelt. Um uns ist welliges Ackerland, zerwühlt, zerweicht. Eine Landstraße läuft kotig, mit gebrochenen Zweigen bedeckt, dem Walde gleich; ein Feldweg, zerfurcht und grundlos, schwingt sich von ihr im Bogen gegen die Hügel hin, Baumstöcke ragen im kalten Regen, nackt und entzweigt ... Hier ist ein Wegweiser, – unnütz ihn zu befragen; Halbdunkel würde uns seine Schrift verhüllen, auch wenn das Schild nicht von einem Durchschlage zackig zerrissen wäre. Ost oder West? Es ist das Flachland, es ist der Krieg. Und wir sind scheue Schatten am Wege, schamhaft in Schattensicherheit, und keineswegs gesonnen, uns in Prahlerei und Jägerlatein zu ergehen, aber dahergeführt vom Geist der Erzählung, um vonden grauen, laufenden, stürzenden, vorwärts getrommelten Kameraden, die aus dem Walde schwärmen, einem, den wir kennen, dem Weggenossen so vieler Jährchen, dem gutmütigen Sünder, dessen Stimme wir so oft vernahmen, noch einmal ins einfache Angesicht zu blicken, bevor wir ihn aus den Augen verlieren.

Man hat sie herangeholt, die Kameraden, um dem Gefechte letzten Nachdruck zu geben, das schon den ganzen Tag gedauert hat, und das dem Wiedergewinn jener Hügelstellung und der dahinterliegenden brennenden Dörfer gilt, die vor zwei Tagen an den Feind verloren gingen. Es ist ein Regiment Freiwilliger, junges Blut, Studenten zumeist, nicht lange im Felde. Sie wurden alarmiert in der Nacht, sie fuhren mit der Bahn bis zum Morgen und marschierten im Regen bis zum Nachmittag auf schlimmen Wegen, – auf gar keinen Wegen, die Straßen waren verstopft, es ging durch Äcker und Moor, sieben Stunden lang, im schwergesogenen Mantel, mit Sturmgepäck, und das war kein Lustwandel; denn wollte man nicht die Stiefel verlieren, so mußte man fast bei jedem Schritte gebückt mit dem Finger in die Lasche greifen um den Fuß daran aus dem quatschenden Grunde ziehen. So haben sie eine Stunde gebraucht, um über eine kleine Wiese zu kommen. Nun sind sie da, ihr junges Blut hat alles geschafft, ihre erregten und schon erschöpften, aber aus tiefsten Lebensreserven in Spannung gehaltenen Körper fragen dem vorenthaltenen Schlaf, der Nahrung nicht nach. Ihre nassen, mit Schmutz bespritzten, vom Sturmband umrahmten Gesichter unter den grau bespannten, verschobenen Helmen glühen. Sie glühen von Anstrengung und von dem Anblick der Verluste, die sie beim Zuge durch den morastigen Wald erlitten haben. Denn der Feind,ihres Anrückens kundig, hat Sperrfeuer von Schrapnells und großkalibrigen Granaten auf ihren Weg gelegt, das schon durch den Wald splitternd in ihre Gruppen schlug und heulend, spritzend und flammend das weite Sturzackerland peitscht.

Sie müssen hindurch, die dreitausend fiebernden Knaben, sie müssen als Nachschub mit ihren Bajonetten den Sturm auf die Gräben vor und hinter der Hügelzeile, auf die brennenden Dörfer entscheiden und helfen, ihn vorzutragen bis zu einem bestimmten Punkt, der bezeichnet ist in dem Befehl, den ihr Führer in seiner Tasche trägt. Sie sind dreitausend, damit sie noch ihrer zweitausend sind, wenn sie bei den Hügeln, den Dörfern anlangen; das ist der Sinn ihrer Menge. Sie sind ein Körper, darauf berechnet, nach großen Ausfällen noch handeln und siegen, den Sieg noch immer mit tausendstimmigem Hurra begrüßen zu können, – ungeachtet derer, die sich vereinzelten, indem sie ausfielen. Manch einer schon hat sich vereinzelt, fiel aus beim Gewaltmarsch, für den er sich als zu jung und zart erwies. Er wurde blasser und wankte, forderte verbissen Mannheit von sich und blieb endlich doch zurück. Er schleppte sich noch eine Weile neben der Marschkolonne hin, Rotte um Rotte überholte ihn, und er verschwand, blieb liegen, wo es nicht gut war. Und dann war der splitternde Wald gekommen. Aber der Hervorschwärmenden sind immer noch viele; dreitausend können einen Aderlaß aushalten und sind auch dann noch ein wimmelnder Verband. Schon überfluten sie unser gepeitschtes Regenland, die Chaussee, den Feldweg, die verschlammten Äcker; wir schauenden Schatten am Wege sind mitten unter ihnen. Am Waldesrand wird immer das Seitengewehr aufgepflanzt, mit gedrillten Griffen, das Zink ruft dringend, die Trommel klopft und rollt im tieferen Donner, und vorwärtsstürzen sie, wie es gehen will, mit sprödem Schreien und qualtraumschwer die Füße, da die Ackerklüten sich bleiern an ihre plumpen Stiefel hängen.

Sie werfen sich nieder vor anheulenden Projektilen, um wieder aufzuspringen und weiter zu hasten, mit jungsprödem Mutgeschrei, weil es sie nicht getroffen hat. Sie werden getroffen, sie fallen, mit den Armen fechtend, in die Stirn, in das Herz, ins Gedärm geschossen. Sie liegen, die Gesichter im Kot, und rühren sich nicht mehr. Sie liegen, den Rücken vom Tornister gehoben, den Hinterkopf in den Grund gebohrt und greifen krallend mit ihren Händen in die Luft. Aber der Wald sendet neue, die sich hinwerfen und springen und schreiend oder stumm zwischen den Ausgefallenen vorwärts stolpern.

Das junge Blut mit seinen Ranzen und Spießgewehren, seinen verschmutzten Mänteln und Stiefeln! Man könnte sich humanistisch-schönseliger Weise auch andere Bilder erträumen in seiner Betrachtung. Man könnte es sich denken: Rosse regend und schwemmend in einer Meeresbucht, mit der Geliebten am Strande wandelnd, die Lippen am Ohre der weichen Braut, auch wie es glücklich freundschaftlich einander im Bogenschuß unterweist. Statt dessen liegt es, die Nase im Feuerdreck. Daß es das freudig tut, wenn auch in grenzenlosen Ängsten und unaussprechlichem Mutterheimweh, ist eine erhabene und beschämende Sache für sich, sollte jedoch kein Grund sein, es in die Lage zu bringen.

Da ist unser Bekannter, da ist Hans Castorp! Schon ganz von weitem haben wir ihn erkannt an seinem Bärtchen, das er sich am Schlechten Russentisch hat stehen lassen. Er glüht durchnäßt, wie alle. Er läuft mit ackerschweren Füßen, das Spießgewehr in hängender Faust. Seht, er tritt einem ausgefallenenKameraden auf die Hand, – tritt diese Hand mit seinem Nagelstiefel tief in den schlammigen, mit Splitterzweigen bedeckten Grund hinein. Er ist es trotzdem. Was denn, er singt! Wie man in stierer, gedankenloser Erregung vor sich hinsingt, ohne es zu wissen, so nutzt er seinen abgerissenen Atem, um halblaut für sich zu singen:

„Ich schnitt in seine RindeSo manches liebe Wort –“.

„Ich schnitt in seine RindeSo manches liebe Wort –“.

„Ich schnitt in seine RindeSo manches liebe Wort –“.

„Ich schnitt in seine Rinde

So manches liebe Wort –“.

Er stürzt. Nein, er hat sich platt hingeworfen, da ein Höllenhund anheult, ein großes Brisanzgeschoß, ein ekelhafter Zuckerhut des Abgrunds. Er liegt, das Gesicht im kühlen Kot, die Beine gespreizt, die Füße gedreht, die Absätze erdwärts. Das Produkt einer verwilderten Wissenschaft, geladen mit dem Schlimmsten, fährt dreißig Schritte schräg vor ihm wie der Teufel selbst tief in den Grund, zerplatzt dort unten mit gräßlicher Übergewalt und reißt einen haushohen Springbrunnen von Erdreich, Feuer, Eisen, Blei und zerstückeltem Menschentum in die Lüfte empor. Denn dort lagen zwei, – es waren Freunde, sie hatten sich zusammengelegt in der Not: nun sind sie vermengt und verschwunden.

O Scham unserer Schattensicherheit! Hinweg! Wir erzählen das nicht! Ist unser Bekannter getroffen? Er meinte einen Augenblick, es zu sein. Ein großer Erdklumpen fuhr ihm gegen das Schienbein, das tat wohl weh, ist aber lächerlich. Er macht sich auf, er taumelt hinkend weiter mit erdschweren Füßen, bewußtlos singend:

„Und sei–ne Zweige rau–uschten,Als rie–fen sie mir zu –“.

„Und sei–ne Zweige rau–uschten,Als rie–fen sie mir zu –“.

„Und sei–ne Zweige rau–uschten,Als rie–fen sie mir zu –“.

„Und sei–ne Zweige rau–uschten,

Als rie–fen sie mir zu –“.

Und so, im Getümmel, in dem Regen, der Dämmerung, kommt er uns aus den Augen.

Lebewohl, Hans Castorp, des Lebens treuherziges Sorgenkind! Deine Geschichte ist aus. Zu Ende haben wir sie erzählt; sie war weder kurzweilig noch langweilig, es war eine hermetische Geschichte. Wir haben sie erzählt um ihretwillen, nicht deinethalben, denn du warst simpel. Aber zuletzt war es deine Geschichte; da sie dir zustieß, mußtest du’s irgend wohl hinter den Ohren haben, und wir verleugnen nicht die pädagogische Neigung, die wir in ihrem Verlaufe für dich gefaßt, und die uns bestimmen könnte, zart mit der Fingerspitze den Augenwinkel zu tupfen bei dem Gedanken, daß wir dich weder sehen noch hören werden in Zukunft.

Fahr wohl – du lebest nun oder bleibest! Deine Aussichten sind schlecht; das arge Tanzvergnügen, worein du gerissen bist, dauert noch manches Sündenjährchen, und wir möchten nicht hoch wetten, daß du davonkommst. Ehrlich gestanden, lassen wir ziemlich unbekümmert die Frage offen. Abenteuer im Fleische und Geist, die deine Einfachheit steigerten, ließen dich im Geist überleben, was du im Fleische wohl kaum überleben sollst. Augenblicke kamen, wo dir aus Tod und Körperunzucht ahnungsvoll und regierungsweise ein Traum von Liebe erwuchs. Wird auch aus diesem Weltfest des Todes, auch aus der schlimmen Fieberbrunst, die rings den regnerischen Abendhimmel entzündet, einmal die Liebe steigen?

FINIS OPERIS


Back to IndexNext