Schnee
Fünfmal täglich kam an den sieben Tischen einhellige Unzufriedenheit zum Ausdruck mit dem Witterungscharakter des diesjährigen Winters. Man urteilte, daß er seine Verpflichtungen als Hochgebirgswinter sehr mangelhaft erfülle, daß er die meteorologischen Kurmittel, denen die Sphäre ihren Ruf verdankte, durchaus nicht in dem Umfange bereitstelle, wie der Prospekt es verhieß, wie Langjährige es gewohnt waren und Neulinge es sich ausgemalt hatten. Gewaltige Ausfälle an Sonne waren zu verzeichnen, an Sonnenstrahlung, diesem wichtigen Heilfaktor, ohne dessen Mithilfe die Genesung sich zweifellos verzögerte ... Und wie nun Herr Settembrini auch über die Aufrichtigkeit denken mochte, mit der die Berggäste ihre Genesung und ihre Rückkehr aus der „Heimat“ ins Flachland betrieben: jedenfalls verlangten sie ihr Recht, jedenfalls wollten sie auf ihre Kosten kommen, auf diejenigen, die ihre Eltern, ihre Gatten für sie bestritten, und so murrten sie in ihren Gesprächen bei Tisch, im Lift und in der Halle. Auch zeigte die Oberleitung ein volles Einsehen in ihre Verpflichtung zu Aushilfe und Schadenersatz. Ein neuer Apparat für „künstliche Höhensonne“ wurde angeschafft, da die beiden schon vorhandenen der Nachfrage derer nicht genügten, die sich auf elektrischem Wege braun brennen lassen wollten, was die jungen Mädchen und Frauen gut kleidete und der Männerwelt trotz horizontaler Lebensweise ein prächtig sportliches underobererhaftes Ansehen verlieh. Ja, dies Ansehen trug Früchte im Wirklichen; die Frauen, obwohl völlig im klaren über die technisch-kosmetische Herkunft dieser Männlichkeit, waren dumm oder ausgepicht genug, auf Sinnentrug hinlänglich versessen, um sich von der Illusion berauschen und weiblich hinnehmen zu lassen. „Mein Gott!“ sagte Frau Schönfeld, eine rothaarige und rotäugige Kranke aus Berlin, abends in der Halle zu einem Kavalier mit langen Beinen und eingefallener Brust, der sich auf seiner Karte als „Aviateur diplômé et Enseigne de la Marine allemande“ bezeichnete und mit dem Pneumothorax versehen war, übrigens zum Mittagessen im Smoking erschien und dies Kleidungsstück abends wieder ablegte, behauptend, bei der Marine sei das so Vorschrift, – „mein Gott!“ sagte sie, indem sie denEnseignegierig betrachtete, „wie herrlich braun er ist von Höhensonne! Wie ein Adlerjäger sieht er aus, dieser Teufel!“ – „Wart, Nixe!“ flüsterte er im Lift an ihrem Ohr, so daß eine Gänsehaut sie überlief, „Sie werden mir büßen müssen für Ihr verderbliches Augenspiel!“ Und über die Balkons, an den gläsernen Scheidewänden vorbei, fand der Teufel und Adlerjäger den Weg zur Nixe ...
Dennoch fehlte viel, daß die künstliche Höhensonne als wirklicher Ausgleich für den diesjährigen Fehlbetrag an echtem Himmelslicht empfunden worden wäre. Zwei oder drei reine Sonnentage im Monat – Tage, die freilich mit tief-tiefer Sammetbläue hinter den weißen Gipfeln, mit Diamantengeglitzer und köstlich heißem Brande in den Nacken und die Gesichter der Menschen besonders herrlich aus verschwimmendem Nebelgrau und dicker Verhüllung hervorstrahlten – zwei oder drei solcher Tage im Laufe von Wochen, das war zu wenig für das Gemüt von Leuten, deren Schicksal außerordentlicheTröstungsansprüche rechtfertigte, und die innerlich auf einen Pakt pochten, welcher ihnen gegen Verzicht auf die Freuden und Plagen des Flachland-Menschentums ein zwar lebloses, aber ganz leichtes und vergnügliches Leben verbriefte, – sorglos bis zur Aufhebung der Zeit und vollkommen günstig. Es half dem Hofrat wenig, wenn er daran erinnerte, wie wenig auch unter diesen Umständen noch das Berghof-Dasein dem Aufenthalt in einem Bagno oder einem sibirischen Bergwerk gleiche, und welche Vorzüge die hiesige Luft, dünn und leicht wie sie war, leerer Äther des Alls beinahe, arm an irdischen Zusätzen, an Gutem wie Bösem, auch ohne Sonne doch immer noch vor dem Qualm und Brodem der Ebene bewahre: Verdüsterung und Protest griffen um sich, Drohungen mit wilder Abreise waren an der Tagesordnung, und es kam vor, daß sie ausgeführt wurden, trotz solcher Exempel, wie der jüngst erfolgten traurigen Rückkehr Frau Salomons, deren Fall nicht schwer, wenn auch langwierig gewesen war, durch ihren eigenmächtigen Aufenthalt in dem nassen und zugigen Amsterdam aber lebenslänglichen Charakter gewonnen hatte ...
Statt der Sonne jedoch gab es Schnee, Schnee in Massen, so kolossal viel Schnee, wie Hans Castorp in seinem Leben noch nicht gesehen. Der vorige Winter hatte es in dieser Richtung wahrhaftig nicht fehlen lassen, doch waren seine Leistungen schwächlich gewesen im Vergleich mit denen des diesjährigen. Sie waren monströs und maßlos, erfüllten das Gemüt mit dem Bewußtsein der Abenteuerlichkeit und Exzentrizität dieser Sphäre. Es schneite Tag für Tag und die Nächte hindurch, dünn oder in dichtem Gestöber, aber es schneite. Die wenigen gangbar gehaltenen Wege erschienen hohlwegartig, mit übermannshohen Schneewänden zu beiden Seiten, alabasternenTafelflächen, die in ihrem körnig kristallischen Geflimmer angenehm zu sehen waren und den Berggästen zum Schreiben und Zeichnen dienten, zur Übermittlung von allerlei Nachrichten, Scherzworten und Anzüglichkeiten. Aber auch zwischen den Wänden noch trat man stark aufgehöhten Grund, so tief auch geschaufelt war, das merkte man an lockeren Stellen und Löchern, wo plötzlich der Fuß einsank, tief hinab, wohl bis zum Knie: man hatte gut acht zu geben, daß man nicht unversehens das Bein brach. Die Ruhebänke waren verschwunden, versunken; ein Stück Lehne etwa ragte noch aus ihrem weißen Begräbnis hervor. Drunten im Ort war das Straßenniveau so seltsam verlegt, daß die Läden im Erdgeschoß der Häuser zu Kellern geworden waren, in die man auf Schneestufen von der Höhe des Bürgersteiges hinabstieg.
Und auf die liegenden Massen schneite es weiter, tagaus, tagein, still niedersinkend bei mäßigem Frost, zehn, fünfzehn Kältegraden, die nicht eben ans Mark gingen, – man spürte sie wenig, es hätten auch fünf oder zwei sein können, Windstille und Lufttrockenheit nahmen ihnen den Stachel. Es war sehr dunkel am Morgen; man frühstückte beim künstlichen Schein der Lüstermonde im Saal mit den lustig schablonierten Gewölbegurten. Draußen war das trübe Nichts, die Welt in grauweiße Watte, die gegen die Scheiben drängte, in Schneequalm und Nebeldunst dicht verpackt. Unsichtbar das Gebirge; vom nächsten Nadelholz allenfalls mit der Zeit ein wenig zu sehen: beladen stand es, verlor sich rasch im Gebräu, und dann und wann entlud eine Fichte sich ihrer Überlast, schüttelte stäubendes Weiß ins Grau. Um zehn Uhr kam die Sonne als schwach erleuchteter Rauch über ihren Berg, ein matt gespenstisches Leben, einen fahlen Schein von Sinnlichkeitin die nichtig-unkenntliche Landschaft zu bringen. Doch blieb alles gelöst in geisterhafter Zartheit und Blässe, bar jeder Linie, die das Auge mit Sicherheit hätte nachziehen können. Gipfelkonturen verschwammen, vernebelten, verrauchten. Bleich beschienene Schneeflächen, die hinter- und übereinander aufstiegen, leiteten den Blick ins Wesenlose. Dann schwebte wohl eine erleuchtete Wolke, rauchartig, lange, ohne ihre Form zu verändern, vor einer Felswand.
Um Mittag zeigte die Sonne, halb durchbrechend, das Bestreben, den Nebel in Bläue zu lösen. Ihr Versuch blieb fern vom Gelingen; doch eine Ahnung von Himmelsblau war augenblicksweise zu erfassen, und das wenige Licht reichte hin, die durch das Schneeabenteuer wunderlich entstellte Gegend weithin diamanten aufglitzern zu lassen. Gewöhnlich hörte es auf zu schneien um diese Stunde, gleichsam um einen Überblick über das Erreichte zu gewähren, ja, diesem Zweck schienen auch die wenigen eingestreuten Sonnentage zu dienen, an denen das Gestöber ruhte und der unvermittelte Himmelsbrand die köstlich reine Oberfläche der Massen von Neuschnee anzuschmelzen suchte. Das Bild der Welt war märchenhaft, kindlich und komisch. Die dicken, lockeren, wie aufgeschüttelten Kissen auf den Zweigen der Bäume, die Buckel des Bodens, unter denen sich kriechendes Holz oder Felsvorsprünge verbargen, das Hockende, Versunkene, possierlich Vermummte der Landschaft, das ergab eine Gnomenwelt, lächerlich anzusehn und wie aus dem Märchenbuch. Mutete aber die nahe Szene, in der man sich mühselig bewegte, phantastisch-schalkhaft an, so waren es Empfindungen der Erhabenheit und des Heiligen, die der hereinschauende fernere Hintergrund, die getürmten Standbilder der verschneiten Alpen erweckten.
Nachmittags zwischen zwei und vier Uhr lag Hans Castorp in der Balkonloge und blickte wohlverpackt, den Kopf gestützt von der weder zu steil noch zu flach eingestellten Lehne seines vorzüglichen Liegestuhls, über die bepolsterte Brüstung hin auf Wald und Gebirge. Der grünschwarze, mit Schnee beschwerte Tannenforst stieg die Lehnen hinan, und zwischen den Bäumen war aller Boden kissenweich von Schnee. Darüber erhob sich das Felsgebirg ins Grauweiß, mit ungeheueren Schneeflächen, die von einzelnen, dunkler hervorragenden Felsnasen unterbrochen waren, und zart verdunstenden Kammlinien. Es schneite still. Alles verschwamm mehr und mehr. Der Blick, in ein wattiges Nichts gehend, brach sich leicht zum Schlummer. Ein Frösteln begleitete den Augenblick des Hinüberganges, doch gab es dann kein reineres Schlafen als dieses hier in der Eiseskälte, dessen Traumlosigkeit von keinem unbewußten Gefühl organischer Lebenslast berührt wurde, da das Atmen der leeren, nichtig-dunstlosen Luft dem Organismus nicht schwerer fiel, als das Nichtatmenden Toten. Beim Erwachen war das Gebirge völlig im Schneenebel verschwunden, und nur Stücke davon, eine Gipfelkuppe, eine Felsnase, traten wechselnd für einige Minuten hervor, um wieder verhüllt zu werden. Dies leise Geisterspiel war äußerst unterhaltend. Man mußte scharf achtgeben, um die Schleier-Phantasmagorie in ihren heimlichen Wandlungen zu belauschen. Wild und groß zeigte sich, frei im Dunste, eine Felsgebirgspartie, von der weder Gipfel noch Fuß zu sehen war. Aber da man sie nur eine Minute aus den Augen gelassen, war sie entschwunden.
Dann gab es Schneestürme, die den Aufenthalt in der Balkonlaube überhaupt verhinderten, da das stöbernde Weiß massenweise hereintrieb und alles, Boden und Möbel, dickaufbedeckte. Ja, es konnte auch stürmen in dem gefriedeten Hochtal. Die nichtige Atmosphäre geriet in Aufruhr, sie war so ausgefüllt von Flockengewimmel, daß man nicht einen Schritt weit sah. Böen von erstickender Stärke versetzten das Gestöber in wilde, treibende, seitliche Bewegung, sie wirbelten es von unten nach oben, von der Talsohle in die Lüfte empor, quirlten es in tollem Tanz durcheinander, – das war kein Schneefall mehr, es war ein Chaos von weißer Finsternis, ein Unwesen, die phänomenale Ausschreitung einer über das Gemäßigte hinausgehenden Region, worin nur der Schneefink, der plötzlich in Scharen zum Vorschein kam, sich heimatlich auskennen mochte.
Jedoch liebte Hans Castorp das Leben im Schnee. Er fand es demjenigen am Meeresstrande in mehrfacher Hinsicht verwandt: die Urmonotonie des Naturbildes war beiden Sphären gemeinsam; der Schnee, dieser tiefe, lockere, makellose Pulverschnee, spielte hier ganz die Rolle wie drunten der gelbweiße Sand; gleich reinlich war die Berührung mit beiden, man schüttelte das frosttrockene Weiß von Schuhen und Kleidern wie drunten das staubfreie Stein- und Muschelpulver des Meeresgrundes, ohne daß eine Spur hinterblieb, und auf ganz ähnliche Weise mühselig war das Marschieren im Schnee wie eine Dünenwanderung, es sei denn, daß die Flächen vom Sonnenbrand oberflächlich angeschmolzen, nachts aber hart gefroren waren: dann ging es sich leichter und angenehmer darauf, als auf Parkett, – genau so leicht und angenehm, wie auf dem glatten, festen, gespülten und federnden Sandboden am Saume des Meeres.
Nur waren das Schneefälle und lagernde Massen dies Jahr, die für jedermann, ausgenommen den Skiläufer, die Möglichkeitder Bewegung im Freien kärglich verengten. Die Schneepflüge arbeiteten; aber sie hatten Mühe, die allergebräuchlichsten Pfade und die Hauptstraße des Kurortes notdürftig frei zu halten, und die wenigen Wege, die offen standen und rasch ins Unzugängliche mündeten, waren dicht begangen, von Gesunden und Kranken, von Einheimischen und internationaler Hotelgesellschaft; den Fußgängern aber stolperten die Rodelfahrer an die Beine, Herren und Damen, welche, zurückgelehnt, die Füße voran, unter Warnungsrufen, deren Ton davon zeugte, wie sehr durchdrungen sie von der Wichtigkeit ihres Unternehmens waren, auf ihren Kinderschlittchen schlingernd und kippend die Abhänge hinunterfegten, um, unten angekommen, ihr Modespielzeug am Seile wieder bergan zu ziehen.
Dieser Promenaden war Hans Castorp nun übersatt. Er hegte zwei Wünsche: der stärkste davon war der, mit seinen Gedanken und Regierungsgeschäften allein zu sein, und diesen hätte seine Balkonloge ihm, wenn auch oberflächlich, gewährt. Der andere aber, verbunden mit jenem, galt lebhaft einer inniger-freieren Berührung mit dem schneeverwüsteten Gebirge, für das er Teilnahme gefaßt hatte, und dieser Wunsch war unerfüllbar, solange ein unbewehrter und unbeschwingter Fußgänger es war, der sich mit ihm trug; denn sofort hätte ein solcher bis über die Brust im Elemente gesteckt, wenn er versucht hätte, über das allerorts rasch erreichte Ende der geschaufelten Verkehrspfade hinaus vorzudringen.
So beschloß Hans Castorp eines Tages, in diesem seinem zweiten Winter hier oben, sich Schneeschuhe zu kaufen und ihren Gebrauch zu erlernen, soweit sein sachliches Bedürfnis es eben erforderte. Er war kein Sportsmann; war, mangels körperlicher Gesinnung, nie einer gewesen; tat auch nicht, alsob er einer sei, wie manche Berghofgäste, die dem Ortsgeist und der Mode zu Gefallen sich geckigerweise so kostümierten, – Frauenzimmer zumal, Hermine Kleefeld zum Beispiel, die, obgleich unzureichende Atmung ihre Nasenspitze und Lippen beständig blau färbte, zum Lunch in wollener Hosentracht zu erscheinen liebte, darin sie sich nach dem Essen mit gespreizten Knien in einem Korbsessel der Halle recht liederlich lümmelte. Hans Castorp wäre, wenn er nach des Hofrats Erlaubnis für sein ausschweifendes Vorhaben gefragt hätte, unbedingt abschlägig beschieden worden. Sportliche Betätigung war der Gemeinschaft derer hier oben, im Berghof wie allerwärts in ähnlichen Anstalten, unbedingt verwehrt; denn ohnehin stellte die scheinbar so leicht eingehende Atmosphäre strenge Anforderungen an den Herzmuskel, und was Hans Castorp persönlich betraf, so war sein aufgewecktes Wort von der „Gewöhnung daran, daß er sich nicht gewöhnte“, in voller Kraft geblieben, und seine Fieberneigung, die Radamanth von einer feuchten Stelle herleitete, bestand zähe fort. Was hätte er sonst auch hier oben zu suchen gehabt? So war sein Wunsch und Vorhaben widerspruchsvoll und unstatthaft. Nur mußte man ihn auch recht verstehen. Ihn stach nicht der Ehrgeiz, es den Freiluftgecken und Schicksportlern gleichzutun, die, wäre es eben Parole gewesen, mit ebenso wichtigem Eifer dem Kartenspiel im stickigen Zimmer obgelegen hätten. Durchaus fühlte er sich einer anderen, gebundeneren Gemeinschaft zugehörig, als dem Touristenvölkchen, und unter einem weiteren und neueren Gesichtspunkt noch, auf Grund einer entfremdenden Würde und dämpfenden Verpflichtung war ihm zumute, als sei es nicht seine Sache, sich obenhin zu tummeln gleich jenen und sich im Schnee zu wälzen wie ein Narr. Er hatte keineEskapaden im Sinn, wollte sich schon mäßig halten, und was er plante, hätte Rhadamanthys ihm recht wohl gestatten können. Da er’s der Hausordnung halber dennoch verbieten würde, beschloß Hans Castorp, hinter seinem Rücken zu handeln.
Gelegentlich sprach er Herrn Settembrini von seinem Vorhaben. Herr Settembrini hätte ihn vor Freuden beinahe umarmt. „Aber ja, aber ja doch, Ingenieur, um Gottes willen, tun Sie das! Fragen Sie niemanden und tun Sie’s, – Ihr guter Engel hat Ihnen das eingeflüstert! Tun Sie’s sofort, bevor diese gute Lust Sie wieder verläßt! Ich gehe mit Ihnen, ich begleite Sie in das Geschäft, und stehenden Fußes erwerben wir miteinander diese gesegneten Utensilien! Auch in die Berge würde ich Sie begleiten, würde mit Ihnen fahren, Flügelschuhe an den Füßen, wie Mercurio, aber ich darf es nicht ... Eh, dürfen! Ich täte es schon, wenn ich es nur ‚nicht dürfte‘, aber ich kann’s nicht, ich bin ein verlorener Mann. Dagegen Sie ... es wird Ihnen nicht schaden, durchaus nicht, wenn Sie vernünftig sind und nichts übertreiben. Ach was, und schadete es Ihnen sogar ein wenig, so wird es immer noch Ihr guter Engel gewesen sein, welcher ... Ich sage nichts weiter. Was für ein exzellenter Plan! Zwei Jahre hier und noch dieses Einfalls fähig, – ah, nein, Ihr Kern ist gut, man hat keinen Grund, an Ihnen zu verzweifeln. Bravo, bravo! Sie drehen Ihrem Schattenfürsten dort oben eine Nase, Sie kaufen diese Schlittschuhe, Sie lassen sie zu mir schicken oder zu Lukaček, oder zu dem Gewürzkrämer drunten in unserem Häuschen. Sie holen sie von dort, um sich darauf zu üben, und Sie gleiten dahin ...“
Ganz so geschah es. Unter den Augen Herrn Settembrinis, der den kritischen Sachkenner spielte, obgleich er von Sport keine Ahnung hatte, erstand Hans Castorp in einem Spezialgeschäftder Hauptstraße ein Paar schmucker Ski, hellbraun lackiert, aus gutem Eschenholz, mit prächtigem Lederzeug und vorne spitz aufgebogen, kaufte auch die Stäbe mit Eisenspitze und Radscheibe dazu und ließ es sich nicht nehmen, alles selbst auf der Schulter davonzutragen bis zu Settembrinis Quartier, wo mit dem Krämer eine Übereinkunft wegen täglicher Unterstellung der Gerätschaften bald getroffen war. Durch vielfache Anschauung über die Art ihres Gebrauches unterrichtet, begann er auf eigene Hand, fern von dem Gewimmel der Übungsplätze, an einem fast baumfreien Abhang nicht weit hinter Sanatorium Berghof, alltäglich darauf herumzustümpern, wobei das eine und andere Mal Herr Settembrini aus einiger Entfernung ihm zuschaute, auf seinen Stock gestützt, die Füße anmutig gekreuzt, Gewandtheitsfortschritte mit Bravorufen begrüßend. Es lief gut ab, als Hans Castorp eines Tages, die geschaufelte Wegschleife gegen „Dorf“ hinuntersteuernd, im Begriffe, die Schneeschuhe zum Krämer zurückzubringen, dem Hofrat begegnete. Behrens erkannte ihn nicht, obgleich es heller Mittag war und der Anfänger fast mit ihm zusammengestoßen wäre. Er hüllte sich in eine Wolke Zigarrenrauchs und stapfte vorbei.
Hans Castorp erfuhr, daß man eine Fertigkeit rasch gewinnt, deren man innerlich bedürftig ist. Er erhob keine Ansprüche auf Virtuosentum. Was er brauchte, war ohne Überhitzung und Atemlosigkeit in ein paar Tagen erlernt. Er hielt sich an, die Füße hübsch beieinander zu halten und gleichlaufende Spuren zu schaffen, probte aus, wie man sich bei der Abfahrt des Stockes zum Lenken bedient, lernte Hindernisse, kleine Bodenerhebungen, die Arme ausgebreitet, im Schwunge nehmen, aufgehoben und abtauchend wie ein Schiff auf stürmischer See,und fiel seit dem zwanzigsten Versuch nicht mehr um, wenn er in voller Fahrt mit Telemarkschwung bremste, das eine Bein vorgeschoben, das andere ins Knie gebeugt. Allmählich erweiterte er den Umkreis seiner Übungen. Eines Tages sah Herr Settembrini ihn im weißlichen Nebel verschwinden, rief ihm durch die hohlen Hände eine Warnung nach und ging pädagogisch befriedigt nach Hause.
Es war schön im winterlichen Gebirge, – nicht schön auf gelinde und freundliche Weise, sondern so, wie die Nordseewildnis schön ist bei starkem West, – zwar ohne Donnerlärm, sondern in Totenstille, doch ganz verwandte Ehrfurchtsgefühle erweckend. Hans Castorps lange, biegsame Sohlen trugen ihn in allerlei Richtung: entlang der linken Lehne gegen Clavadel oder rechtshin an Frauenkirch und Glaris vorüber, hinter denen der Schatten des Amselfluhmassivs im Nebel spukte; auch in das Dischmatal oder hinter dem Berghof empor in Richtung auf das bewaldete Seehorn, von dem nur die schneeige Spitze über die Baumgrenze ragte, und den Drusatschawald, hinter dem man den bleichen Schattenriß der tief verschneiten Rhätikonkette erblickte. Er ließ sich auch mit seinen Hölzern von der Drahtseilbahn zur Schatzalp steil aufheben und trieb sich gemächlich dort oben, zweitausend Meter hoch entführt, auf schimmernden Schrägflächen von Puderschnee herum, die bei sichtigem Wetter einen hehren Weitblick über die Landschaft seiner Abenteuer boten.
Er freute sich seiner Errungenschaft, vor welcher die Unzugänglichkeit sich auftat und Hindernisse fast zunichte wurden. Sie umgab ihn mit erwünschter Einsamkeit, der erdenklich tiefsten sogar, einer Einsamkeit, die das Herz mit Empfindungen des menschlich Wildfremden und Kritischen berührte. Dawar wohl zu seiner einen Seite ein Tannenabsturz hinab in Schneedunst und andererseits ein Felsenaufstieg mit ungeheueren, zyklopischen, gewölbten und gebuckelten, Höhlen und Kappen bildenden Schneemassen. Die Stille, wenn er regungslos stehen blieb, um sich selbst nicht zu hören, war unbedingt und vollkommen, eine wattierte Lautlosigkeit, unbekannt, nie vernommen, sonst nirgends vorkommend. Da war kein Windhauch, der die Bäume auch nur aufs leiseste gerührt hätte, kein Rauschen, nicht eine Vogelstimme. Es war das Urschweigen, das Hans Castorp belauschte, wenn er so stand, auf seinen Stock gestützt, den Kopf zur Schulter geneigt, mit offenem Munde; und still und unablässig schneite es weiter darin, ruhig hinsinkend, ohne einen Laut.
Nein, diese Welt in ihrem bodenlosen Schweigen hatte nichts Wirtliches, sie empfing den Besucher auf eigene Rechnung und Gefahr, sie nahm ihn nicht eigentlich an und auf, sie duldete sein Eindringen, seine Gegenwart auf eine nicht geheuere, für nichts gutstehende Weise, und Gefühle des still bedrohlich Elementaren, des nicht einmal Feindseligen, vielmehr des Gleichgültig-Tödlichen waren es, die von ihr ausgingen. Das Kind der Zivilisation, fern und fremd der wilden Natur von Hause aus, ist ihrer Größe viel zugänglicher als ihr rauher Sohn, der, von Kindesbeinen auf sie angewiesen, in nüchterner Vertraulichkeit mit ihr lebt. Dieser kennt kaum die religiöse Furcht, mit der jener, die Augenbrauen hochgezogen, vor sie tritt, und die sein ganzes Empfindungsverhältnis zu ihr in der Tiefe bestimmt, eine beständige fromme Erschütterung und scheue Erregung in seiner Seele unterhält. Hans Castorp, in seiner langärmeligen Kamelhaarweste, seinen Wickelgamaschen und auf seinen Luxusski, kam sich im Grunde sehr keck vor im Belauschender Urstille, der tödlich lautlosen Winterwildnis, und das Erleichterungsgefühl, das sich meldete, wenn auf dem Heimweg die ersten menschlichen Wohnstätten im Geschleier wieder auftauchten, machte ihm seinen vorherigen Zustand bewußt und lehrte ihn, daß stundenlang ein heimlich-heiliger Schrecken sein Gemüt beherrscht hatte. Auf Sylt hatte er, in weißen Hosen, sicher, elegant und ehrerbietig, am Rande der mächtigen Brandung gestanden wie vor einem Löwenkäfig, hinter dessen Gitter die Bestie ihren Rachen mit den fürchterlichen Reißzähnen schlundtief ergähnen läßt. Dann hatte er gebadet, während ein Strandwächter auf einem Hörnchen denjenigen Gefahr zublies, die frecherweise versuchten, über die erste Welle hinauszudringen, dem herantreibenden Ungewitter auch nur zu nahe zu kommen, und noch der letzte Auslauf des Katarakts hatte den Nacken wie Prankenschlag getroffen. Von dorther kannte der junge Mensch das Begeisterungsglück leichter Liebesberührungen mit Mächten, deren volle Umarmung vernichtend sein würde. Was er aber nicht gekannt hatte, war die Neigung, diese begeisternde Berührung mit der tödlichen Natur so weit zu verstärken, daß die volle Umarmung drohte, – als ein schwaches, wenn auch bewaffnetes und von der Zivilisation leidlich ausgestattetes Menschenkind, das er war, sich so weit ins Ungeheuerliche vorzuwagen, oder doch so lange nicht davor zu fliehen, bis der Verkehr das Kritische streifte und ihm kaum noch beliebig Grenzen zu setzen waren, bis es sich nicht mehr um Schaumauslauf und leichten Prankenschlag handelte, sondern um die Welle, den Rachen, das Meer.
Mit einem Worte: Hans Castorp hatte Mut hier oben, – wenn Mut vor den Elementen nicht stumpfe Nüchternheit im Verhältnis zu ihnen, sondern bewußte Hingabe und aus Sympathiebezwungenen Todesschrecken bedeutet. – Sympathie? – Allerdings, Hans Castorp hegte Sympathie mit den Elementen in seiner schmalen, zivilisierten Brust; und da war ein Zusammenhang dieser Sympathie mit dem neuen Würdegefühl, dessen er sich beim Anblick des schlittelnden Völkchens bewußt geworden, und das ihm eine tiefere und größere, weniger hotelbequeme Einsamkeit als die seiner Balkonloge hatte schicklich und wünschenswert erscheinen lassen. Von dort aus hatte er das hohe Nebelgebirg, den Tanz des Schneesturms betrachtet und sich seines Gaffens über die Brustwehr des Komforts hin in seiner Seele geschämt. Darum, und nicht aus Sportfexerei noch aus angeborner Körperfreudigkeit, hatte er Skilaufen gelernt. Wenn es ihm nicht geheuer war dort in der Größe, der schneienden Totenstille – und das war es dem Kinde der Zivilisation durchaus nicht –: nun, so hatte er vom nicht Geheueren längst hier oben mit Geist und Sinn gekostet. Ein Kolloquium mit Naphta und Settembrini war auch nicht just das Geheuerste; ebenfalls führte es ins Weglose und Hochgefährliche; und wenn von Sympathie mit der großen Winterwildnis auf seiten Hans Castorps die Rede sein konnte, so darum, weil er sie, seines frommen Schreckens ungeachtet, als passenden Schauplatz für das Austragen seiner Gedankenkomplexe empfand, als geziemenden Aufenthalt für einen, der, ohne freilich recht zu wissen, wie er dazu kam, mit Regierungsgeschäften, betreffend Stand und Staat deshomo Deibeschwert war.
Kein Mann war hier, der Vorwitzigen auf einem Hörnchen Gefahr geblasen hätte, es sei denn, Herr Settembrini wäre dieser Mann gewesen, als er dem entschwindenden Hans Castorp durch die hohlen Hände zugerufen hatte. Dieser aber hatteMut und Sympathie, er achtete des Zurufs in seinem Rücken nicht mehr, als er dessen geachtet hatte, der bei gewissen Schritten einst in der Faschingsnacht hinter ihm drein geklungen war. „Eh, Ingeniere, un po’ di ragione, sa!“ Ach ja, du pädagogischer Satana mit deinerragioneundribellione, dachte er. Übrigens habe ich dich gern. Du bist zwar ein Windbeutel und Drehorgelmann, aber du meinst es gut, meinst es besser und bist mir lieber als der scharfe kleine Jesuit und Terrorist, der spanische Folter- und Prügelknecht mit seiner Blitzbrille, obgleich er fast immer recht hat, wenn ihr euch zankt ... euch pädagogisch um meine arme Seele rauft, wie Gott und Teufel um den Menschen im Mittelalter ...
Die Beine bepudert, stöckelte er sich irgendwo bleiche Höhen hinan, deren Lakengebreite sich in Terrassen, absatzweise erhoben, höher und höher, man wußte nicht wohin; es schien, daß sie nirgends hinführten; ihre obere Region verschwamm mit dem Himmel, der ebenso nebelweiß war wie sie, und von dem man nicht wußte, wo er anfing; kein Gipfel, keine Gratlinie war sichtbar, es war das dunstige Nichts, gegen das Hans Castorp sich emporschob, und da auch hinter ihm die Welt, das bewohnte Menschental, sich sehr bald schloß und den Augen abhanden kam, auch kein Laut von dorther mehr zu ihm drang, so war denn seine Einsamkeit, ja Verlorenheit, ehe er’s gedacht, so tief, wie er sie sich nur hatte wünschen können, tief bis zum Schrecken, der die Vorbedingung des Mutes ist. „Praeterit figura hujus mundi“, sagte er bei sich in einem Latein, das nicht humanistischen Geistes war, – er hatte die Redensart von Naphta gehört. Er blieb stehen und sah sich um. Es war überall gar nichts und nirgends etwas zu sehen, außer einzelnen ganz kleinen Schneeflocken, die aus dem Weißder Höhe kommend auf das Weiß des Grundes niedersanken, und die Stille ringsumher war gewaltig nichtssagend. Während sein Blick sich in der weißen Leere brach, die ihn blendete, fühlte er sein Herz sich regen, das vom Aufstieg pochte, – dies Herzmuskelorgan, dessen tierische Gestalt und dessen Art zu schlagen er unter den knatternden Blitzen der Durchleuchtungskammer, frevelhafterweise vielleicht, belauscht hatte. Und eine Art von Rührung wandelte ihn an, eine einfache und andächtige Sympathie mit seinem Herzen, dem schlagenden Menschenherzen, so ganz allein hier oben im Eisig-Leeren mit seiner Frage und seinem Rätsel.
Er schob sich weiter, höher hinauf, gegen den Himmel. Manchmal stieß er das obere Ende seines Skistockes in den Schnee und sah zu, wie blaues Licht aus der Tiefe des Loches dem Stabe nachstürzte, wenn er ihn herauszog. Das machte ihm Spaß; er konnte lange stehen bleiben, um die kleine optische Erscheinung wieder und wieder zu erproben. Es war so ein eigentümliches zartes Berg- und Tiefenlicht, grünlich-blau, eisklar und doch schattig, geheimnisvoll anziehend. Es erinnerte ihn an das Licht und die Farbe gewisser Augen, schicksalblickender Schrägaugen, die Herr Settembrini vom humanistischen Standpunkte aus verächtlich als „Tatarenschlitze“ und „Steppenwolfslichter“ bezeichnet hatte, – an früh erschaute und unvermeidlich wieder gefundene, an Hippes und Clawdia Chauchats Augen. „Gern“, sagte er halblaut in der Lautlosigkeit. „Aber mach ihn nicht entzwei:Il est à visser, tu sais.“ Und im Geiste hörte er hinter sich wohllautende Mahnungen zur Vernunft.
Rechts seitwärts in einiger Entfernung nebelte Wald. Er wandte sich dorthin, um ein irdisches Ziel vor Augen zu haben,statt weißlicher Transzendenz, und fuhr plötzlich ab, ohne daß er im geringsten eine Geländesenkung hatte kommen sehen. Die Blendung verhinderte jedes Erkennen der Bodengestaltung. Man sah nichts; alles verschwamm vor den Augen. Ganz unerwartet hoben Hindernisse ihn auf. Er überließ sich dem Gefälle, ohne mit dem Auge den Grad seiner Neigung zu unterscheiden.
Das Gehölz, das ihn angezogen hatte, lag jenseits der Schlucht, in die er unversehens hineingefahren. Ihr mit lockerem Schnee bedeckter Grund senkte sich nach der Seite des Gebirges hin, wie er bemerkte, als er ihn ein Stück in dieser Richtung verfolgte. Es ging abwärts; die Seitenschrägen erhöhten sich; wie ein Hohlweg schien die Falte in den Berg hineinzuführen. Dann standen die Schnäbel seines Fahrzeugs wieder aufwärts; der Boden hob sich, es gab bald keine Seitenwand mehr zu ersteigen; Hans Castorps weglose Fahrt ging wieder auf offener Berghalde gegen den Himmel.
Er sah das Nadelholz seitlich hinter und unter sich, wandte sich dorthin und erreichte in schneller Abfahrt die schneebeladenen Tannen, die sich, keilförmig angeordnet, als Ausläufer abschüssig vernebelnder Waldungen ins Baumfreie vorschoben. Unter ihren Zweigen rauchte er ausruhend eine Zigarette, in seiner Seele immerfort etwas bedrückt, gespannt, beklommen von der übertiefen Stille, der abenteuerlichen Einsamkeit, aber stolz, sie erobert zu haben, und mutig im Gefühl seines Würdenrechtes auf diese Umgebung.
Es war nachmittags um drei Uhr. Bald nach Tische hatte er sich aufgemacht, um einen Teil der Großen Liegekur und die Vespermahlzeit zu schwänzen und vor Dunkelwerden zurück zu sein. Wohligkeit erfüllte ihn bei dem Gedanken, daßmehrere Stunden zum Schweifen im Freien und Großartigen vor ihm lagen. Er hatte etwas Schokolade in der Tasche seiner Breeches und eine kleine Flasche mit Portwein in der Westentasche.
Der Stand der Sonne war kaum zu erkennen, so dicht umnebelt war sie. Hinten, in der Gegend des Talausganges, des Gebirgswinkels, den man nicht sah, dunkelte das Gewölk, das Gedünste tiefer und schien sich vorzuschieben. Es sah nach Schnee aus, mehr Schnee, um dringendem Bedarf abzuhelfen, – nach einem ordentlichen Gestöber. Und wirklich fielen die kleinen, lautlosen Flocken über der Halde schon reichlicher.
Hans Castorp trat vor, um ein paar davon auf seinen Ärmel fallen zu lassen und sie mit den Kenneraugen des Liebhaberforschers zu betrachten. Sie schienen formlose Fetzchen, aber er hatte mehr als einmal ihresgleichen unter seiner guten Linse gehabt und wußte wohl, aus was für zierlichst genauen kleinen Kostbarkeiten sie sich zusammensetzten, Kleinodien, Ordenssternen, Brillantagraffen, wie der getreueste Juwelier sie nicht reicher und minuziöser hätte herstellen können, – ja, es hatte mit all diesem leichten, lockeren Puderweiß, das in Massen den Wald beschwerte, das Gebreite bedeckte, und über das seine Fußbretter ihn trugen, denn doch eine andere Bewandtnis als mit dem heimischen Meersande, an den es erinnerte: das waren bekanntlich nicht Steinkörner, woraus es bestand, es waren Myriaden im Erstarren zu ebenmäßiger Vielfalt kristallisch zusammengeschossener Wasserteilchen, – Teilchen eben der anorganischen Substanz, die auch das Lebensplasma, den Pflanzen-, den Menschenleib quellen machte, – und unter den Myriaden von Zaubersternchen in ihrer untersichtigen, dem Menschenauge nicht zugedachten, heimlichen Kleinprachtwar nicht eines dem anderen gleich; eine endlose Erfindungslust in der Abwandlung und allerfeinsten Ausgestaltung eines und immer desselben Grundschemas, des gleichseitig-gleichwinkligen Sechsecks, herrschte da; aber in sich selbst war jedes der kalten Erzeugnisse von unbedingtem Ebenmaß und eisiger Regelmäßigkeit, ja, dies war das Unheimliche, Widerorganische und Lebensfeindliche daran; sie waren zu regelmäßig, die zum Leben geordnete Substanz war es niemals in diesem Grade, dem Leben schauderte vor der genauen Richtigkeit, es empfand sie als tödlich, als das Geheimnis des Todes selbst, und Hans Castorp glaubte zu verstehen, warum Tempelbaumeister der Vorzeit absichtlich und insgeheim kleine Abweichungen von der Symmetrie in ihren Säulenordnungen angebracht hatten.
Er stieß sich ab, schlürfte auf seinen Kufen fort, fuhr am Waldrande den dicken Schneebelag der Schräge ins Neblige hinunter und trieb sich, steigend und gleitend, ziellos und gemächlich, weiter in dem toten Gelände umher, das mit seinen leeren, welligen Gebreiten, seiner Trockenvegetation, die aus einzelnen, dunkel hervorstechenden Latschenbüschen bestand, und seiner Horizontbegrenzung von weichen Erhebungen so auffallend einer Dünenlandschaft glich. Hans Castorp nickte zufrieden mit dem Kopf, wenn er stand und sich an dieser Ähnlichkeit weidete; und auch den Brand seiner Miene, die Neigung zum Gliederzittern, die eigentümliche und trunkene Mischung von Aufregung und Müdigkeit, die er spürte, duldete er mit Sympathie, da dies alles ihn an nah verwandte Wirkungen der ebenfalls aufpeitschenden und zugleich mit schlafbringenden Stoffen gesättigten Seeluft vertraulich erinnerte. Er empfand mit Genugtuung seine beschwingte Unabhängigkeit, sein freies Schweifen. Vor ihm lag kein Weg, an den er gebundenwar, hinter ihm keiner, der ihn so zurückleiten würde wie er gekommen war. Es hatte anfangs Stangen, eingepflanzte Stöcke, Schneezeichen gegeben, aber absichtlich hatte er sich bald von ihrer Bevormundung freigemacht, da sie ihn an den Mann mit dem Hörnchen erinnerten und seinem inneren Verhältnis zur großen Winterwildnis nicht angemessen schienen.
Hinter verschneiten Felshügeln, zwischen denen er sich, bald rechts, bald links lenkend, hindurchschob, lag eine Schräge, dann eine Ebene, dann großes Gebirge, dessen weich gepolsterte Schluchten und Pässe so zugänglich und lockend schienen. Ja, die Lockung der Fernen und Höhen, der immer neu sich auftuenden Einsamkeiten war stark in Hans Castorps Gemüt, und auf die Gefahr, sich zu verspäten, strebte er tiefer ins wilde Schweigen, ins Nichtgeheure, für nichts Gutstehende hinein, – ungeachtet, daß überdies die Spannung und Beklommenheit seines Inneren zur wirklichen Furcht wurde angesichts der vorzeitig zunehmenden Himmelsdunkelheit, die sich wie graue Schleier auf die Gegend herabsenkte. Diese Furcht machte ihm bewußt, daß er es heimlich bisher geradezu darauf angelegt hatte, sich um die Orientierung zu bringen und zu vergessen, in welcher Richtung Tal und Ortschaft lagen, was ihm denn auch in erwünschter Vollständigkeit gelungen war. Übrigens durfte er sich sagen, daß, wenn er sofort umkehrte und immer bergab fuhr, das Tal, wenn auch möglicherweise fern vom „Berghof“, rasch erreicht sein werde, – zu rasch; er würde zu früh kommen, würde seine Zeit nicht ausgenutzt haben, während er allerdings, wenn das Schneeunwetter ihn überraschte, den Heimweg wohl vorderhand überhaupt nicht finden würde. Darum aber vorzeitig flüchtig zu werden, weigerte er sich, – die Furcht, seine aufrichtige Furcht vor den Elementen mochteihn beklemmen wie sie wollte. Das war kaum sportsmännisch gehandelt; denn der Sportsmann läßt sich mit den Elementen nur ein, solange er sich ihr Herr und Meister weiß, übt Vorsicht und ist der Klügere, der nachgibt. Was aber in Hans Castorps Seele vorging, war nur mit einem Wort zu bezeichnen: Herausforderung. Und soviel Tadel das Wort umschließt, auch wenn – oder besonders wenn – das ihm entsprechende frevelhafte Gefühl mit so viel aufrichtiger Furcht verbunden ist, so ist doch bei einigem menschlichen Nachdenken ungefähr zu begreifen, daß in den Seelengründen eines jungen Menschen und Mannes, der jahrelang gelebt hat wie dieser hier, manches sich ansammelt, oder, wie Hans Castorp, der Ingenieur, gesagt haben würde, „akkumuliert“, was eines Tages als ein elementares „Ach was!“ oder ein „Komm denn an!“ von erbitterter Ungeduld, kurz eben als Herausforderung und Verweigerung kluger Vorsicht sich entlädt. Und so fuhr er denn zu auf seinen langen Pantoffeln, glitt noch den Abhang hinunter und schob sich über die folgende Halde, auf der in einiger Entfernung ein Holzhäuschen, Heuschober oder Almhütte mit steinbeschwertem Dache, stand, dem nächsten Berge zu, dessen Rücken borstig von Tannen war, und hinter dem Hochgipfel sich nebelhaft türmten. Die mit einzelnen Baumgruppen besetzte Wand vor ihm war schroff, aber schräg rechtshin mochte man sie in mäßiger Steigung halb umgehen und hinter sie kommen, um zu sehen, was da weiter sein werde, und an dieses Forschergeschäft machte sich Hans Castorp, nachdem er vor dem Feld mit der Sennhütte noch in eine ziemlich tiefe, von rechts nach links abfallende Schlucht hinabgefahren war.
Er hatte eben wieder angefangen zu steigen, als denn also, wie zu erwarten gestanden, Schneefall und Sturm losgingen,daß es eine Art hatte, – der Schneesturm, mit einem Worte, war da, der lange gedroht hatte, wenn man von „Drohung“ sprechen kann in Hinsicht auf blinde und unwissende Elemente, die es nicht darauf abgesehen haben, uns zu vernichten, was vergleichsweise anheimelnd wäre, sondern denen es auf die ungeheuerste Weise gleichgültig ist, wenn das nebenbei mit unterläuft. „Hallo!“ dachte Hans Castorp und blieb stehen, als der erste Windstoß in das dichte Gestöber fuhr und ihn traf. „Das ist eine Sorte von Anhauch. Die geht ins Mark.“ Und wirklich war dieser Wind von ganz gehässiger Art: die furchtbare Kälte, die tatsächlich herrschte, gegen zwanzig Grad unter Null, war nur dann nicht zu spüren und mutete milde an, wenn die feuchtigkeitslose Luft still und unbewegt war wie gewöhnlich; sobald sie sich aber windig regte, schnitt das wie mit Messern ins Fleisch, und wenn es zuging wie jetzt – denn der erste fegende Windlauf war nur ein Vorläufer gewesen –, so hätten sieben Pelze nicht hingereicht, das Gebein vor eisigem Todesschrecken zu schützen, und Hans Castorp trug nicht sieben Pelze, sondern nur eine wollene Weste, die ihm sonst auch vollkommen genügt hatte und ihm bei dem geringsten Sonnenschein sogar lästig gewesen war. Übrigens bekam er den Wind etwas seitlich von hinten, so daß es sich wenig empfahl, umzukehren und ihn von vorn zu empfangen; und da diese Überlegung sich mit seinem Trotz und mit dem gründlichen „Ach was!“ seiner Seele mischte, so strebte der tolle Junge immer noch weiter, zwischen einzeln stehenden Tannen hin, um hinter den in Angriff genommenen Berg zu kommen.
Dabei jedoch war gar kein Vergnügen, denn man sah nichts vor Flockentanz, der scheinbar ohne zu fallen in dichtestem Wirbelgedränge allen Raum erfüllte; die dreinfahrendenEisböen machten die Ohren mit scharfem Schmerze brennen, lähmten die Glieder und ließen die Hände ertauben, so daß man nicht mehr wußte, ob man den Pickelstock noch hielt oder nicht. Der Schnee wehte ihm hinten in den Kragen und schmolz ihm den Rücken hinunter, legte sich ihm auf die Schultern und bedeckte seine rechte Flanke; es war ihm, als solle er hier zum Schneemann erstarren, seinen Stock steif in der Hand; und all diese Unzuträglichkeit ergab sich bei vergleichsweise günstigen Umständen: wendete er sich, so würde es schlimmer sein; und doch hatte der Heimweg sich zu einem Stück Arbeit gestaltet, das in Angriff zu nehmen er wohl nicht zögern sollte.
So blieb er denn stehen, zuckte zornig mit den Achseln und stellte seine Bretter herum. Der Gegenwind verschlug ihm sofort den Atem, so daß er der unbequemen Prozedur der Umstellung sich nochmals unterzog, um zu Luft zu kommen und mit besserer Fassung dem gleichgültigen Feinde die Stirn zu bieten. Bei gesenktem Kopfe und vorsichtig geregeltem Atemhaushalt gelang ihm denn auch, in umgekehrter Richtung sich in Bewegung zu setzen, – überrascht, trotz böser Erwartungen, von den Schwierigkeiten des Vorwärtskommens, die namentlich aus seiner Blindheit und seiner Atemknappheit erwuchsen. Jeden Augenblick war er zum Haltmachen gezwungen, erstens, um hinter dem Sturme Luft zu schöpfen, und dann auch, weil er, geneigten Kopfes aufwärts blinzelnd, nichts sah vor weißer Verfinsterung und sich vor dem Anrennen an Bäume, dem Geworfenwerden durch Hindernisse hüten mußte. Die Flocken flogen ihm massenweise ins Gesicht und schmolzen dort, so daß es erstarrte. Sie flogen ihm in den Mund, wo sie mit schwach wässerigem Geschmack zergingen, flogen gegen seine Lider, die sich krampfhaft schlossen, überschwemmten die Augenund verhinderten jede Ausschau, – die übrigens nutzlos gewesen wäre, da die dichte Verschleierung des Blickfeldes und die Blendung durch all das Weiß den Gesichtssinn ohnedies fast völlig ausschalteten. Es war das Nichts, das weiße, wirbelnde Nichts, worein er blickte, wenn er sich zwang, zu sehen. Und nur zuweilen tauchten gespenstische Schatten der Erscheinungswelt darin auf: ein Latschenbusch, eine Fichtengruppe, die schwache Silhouette des Schobers auch, an dem er kürzlich vorübergekommen.
Er ließ ihn liegen, suchte über die Halde hin, wo der Schuppen stand, seinen Rückweg. Aber ein Weg war ja nicht vorhanden; eine Richtung zu halten, die ungefähre Richtung nach Hause, ins Tal, war weit mehr Glücks- als Verstandessache, da man allenfalls die Hand vor Augen, aber nicht einmal bis zu den Spitzen seiner Schneeschuhe sah; und hätte man auch besser gesehen, so wären doch immer noch ausgiebige Vorkehrungen getroffen gewesen, ein Vorwärtskommen aufs äußerste zu erschweren: das Gesicht voll Schnee, den Sturm als Widersacher, der die Atmung zerstörte, sie abschnitt, das Aufnehmen von Luft wie den Aushauch verhinderte und jeden Augenblick zu schnappender Abkehr zwang, – da sollte dieser und jener vorwärts kommen, Hans Castorp oder ein anderer, Stärkerer, – man blieb stehen, schnappte, drückte sich blinzelnd das Wasser aus den Wimpern, klopfte den Harnisch von Schnee herunter, der sich einem auf die Frontseite gelegt hatte, und empfand es als unvernünftige Zumutung, unter solchen Umständen vorwärts zu kommen.
Hans Castorp kam dennoch vorwärts, das heißt: er kam von der Stelle. Allein ob das ein zweckmäßiges Fortkommen, ein Fortkommen in rechter Richtung war, und ob es nichtweniger falsch gewesen wäre, zu bleiben, wo man war (was aber auch nicht tunlich schien), das stand dahin, es sprach sogar die theoretische Wahrscheinlichkeit dagegen, und praktisch genommen, schien es Hans Castorp bald, als sei mit dem Grund und Boden nicht alles in Ordnung, als habe er nicht den richtigen unter den Füßen, das heißt die flache Halde, die er von der Schlucht aufsteigend mit großer Mühe wieder gewonnen, und die es vor allem wieder zurückzulegen galt. Die Ebene war zu kurz gewesen, er stieg schon wieder. Offenbar hatte der Sturm, der von Südwest, aus der Gegend des Talausgangs kam, mit seinem wütenden Gegendrucke ihn abgedrängt. Es war ein falsches Fortkommen, schon längere Zeit, mit dem er sich abmattete. Blindlings, umhüllt von wirbelnder, weißer Nacht, arbeitete er sich nur tiefer ins Gleichgültig-Bedrohliche hinein.
„Na, so was!“ sagte er zwischen den Zähnen und machte halt. Pathetischer drückte er sich nicht aus, obgleich es ihm einen Augenblick war, als griffe eine eiskalte Hand nach seinem Herzen, so daß es aufzuckte und dann mit so raschen Schlägen gegen seine Rippen pochte wie damals, als Rhadamanthys die feuchte Stelle bei ihm entdeckt. Denn er sah ein, daß er kein Recht hatte auf große Worte und Gebärden, da Herausforderung sein Teil gewesen und alle Bedenklichkeiten der Lage auf seine eigenste Rechnung kamen. „Nicht schlecht“, sagte er und fühlte, daß seine Gesichtszüge, die Ausdrucksmuskeln seiner Miene, der Seele nicht mehr gehorchten und gar nichts wiederzugeben vermochten, weder Furcht, noch Wut, noch Verachtung, denn sie waren erstarrt. „Was nun? Hier schräg hinunter und fortan hübsch der Nase nach, immer genau gegen den Wind. Das ist zwar leichter gesagt als getan“, fuhrer keuchend und abgerissen, aber tatsächlich halblaut sprechend fort, indem er sich wieder in Bewegung setzte; „aber geschehen muß etwas, ich kann mich nicht hinsetzen und warten, denn dann werde ich zugedeckt von hexagonaler Regelmäßigkeit, und Settembrini, wenn er mit seinem Hörnchen kommt, um nach mir zu sehen, findet mich hier mit Glasaugen hocken, eine Schneemütze schief auf dem Kopf ...“ Er nahm wahr, daß er mit sich selber sprach, und zwar etwas sonderbar. Darum verwies er es sich, tat es aber wiederum halblaut und ausdrücklich, obgleich seine Lippen so lahm waren, daß er auf ihre Benutzung verzichtete und ohne die Konsonanten sprach, die mit ihrer Hilfe gebildet werden, was ihn selbst an eine frühere Lebenslage erinnerte, in der es ebenso gewesen war. „Schweig still und sieh, daß du fortkommst“, sagte er und fügte hinzu: „Mir scheint, du faselst und bist nicht ganz klar im Kopf. Das ist schlimm in gewisser Hinsicht.“
Allein, daß es schlimm war, unter dem Gesichtspunkt seines Davonkommens, war eine reine Feststellung der kontrollierenden Vernunft, gewissermaßen einer fremden, unbeteiligten, wenn auch besorgten Person. Für sein natürliches Teil war er sehr geneigt, sich der Unklarheit zu überlassen, die mit zunehmender Müdigkeit Besitz von ihm ergreifen wollte, nahm jedoch von dieser Geneigtheit Notiz und hielt sich gedanklich darüber auf. „Das ist die modifizierte Erlebnisart von einem, der im Gebirge in einen Schneesturm gerät und nicht mehr heimfindet“, dachte er arbeitend und redete abgerissene Brocken davon atemlos vor sich hin, indem er deutlichere Ausdrücke aus Diskretion vermied. „Wer nachher davon hört, stellt es sich gräßlich vor, vergißt aber, daß die Krankheit – und meine Lage ist ja gewissermaßen eine Krankheit – sich ihren Mannschon so zurichtet, daß sie miteinander auskommen können. Da gibt es sensorische Herabminderungen, Gnadennarkosen, Erleichterungsmaßnahmen der Natur, jawohl ... Man muß jedoch dagegen kämpfen, denn sie haben ein doppeltes Gesicht, sind zweideutig im höchsten Grad; bei ihrer Würdigung kommt alles auf den Gesichtspunkt an. Sie sind gut gemeint und eine Wohltat, sofern man eben nicht heimkommen soll, sind aber sehr schlimm gemeint und äußerst bekämpfenswert, sofern von Heimkommen überhaupt noch die Rede ist, wie bei mir, der ich nicht daran denke, in diesem meinem stürmisch schlagenden Herzen nicht daran denke, mich hier von blödsinnig regelmäßiger Kristallometrie zudecken zu lassen ...“
Wirklich war er schon stark mitgenommen und bekämpfte die beginnende Unklarheit seines Sensoriums auf unklare und fieberhafte Art. Er erschrak nicht so, wie er gesunderweise hätte erschrecken sollen, als er gewahrte, daß er schon wieder von der ebenen Bahn abgekommen war: diesmal offenbar nach der anderen Seite, dorthin, wo die Halde sich senkte. Denn er fuhr ab, bei schrägem Gegenwinde, und obgleich er das vorderhand nicht hätte tun dürfen, war es für den Augenblick das Bequemste. „Schon recht“, dachte er. „Weiter unten werde ich wieder Richtung nehmen.“ Und das tat er oder glaubte es zu tun, oder glaubte es auch selber nicht recht, oder, noch bedenklicher, es fing an, ihm gleichgültig zu werden, ob er es tat oder nicht. So wirkten die zweideutigen Ausfälle, die er nur matt bekämpfte. Jene Mischung aus Müdigkeit und Aufregung, die den vertrauten Dauerzustand eines Gastes bildete, dessen Akklimatisation in der Gewöhnungdaran bestand, daß er sich nicht gewöhnte, hatte sich in ihren beiden Bestandteilen so weit verstärkt, daß von einem besonnenen Verhaltengegen die Ausfälle nicht mehr die Rede sein konnte. Benommen und taumelig, zitterte er vor Trunkenheit und Exzitation, sehr ähnlich wie nach einem Kolloquium mit Naphta und Settembrini, nur ungleich stärker; und so mochte es kommen, daß er seine Trägheit im Bekämpfen der narkotischen Ausfälle mit betrunkenen Reminiszenzen an solche Erörterungen beschönigte, – trotz seiner verächterischen Empörung gegen das Zugedecktwerden durch hexagonale Regelmäßigkeit etwas in sich hineinfaselte, des Sinnes oder Unsinnes: das Pflichtgefühl, das ihn anhalten wolle, die verdächtigen Herabminderungen zu bekämpfen, sei nichts als bloße Ethik, das heiße schäbige Lebensbürgerlichkeit und irreligiöse Philisterei. Wunsch und Versuchung, sich niederzulegen und zu ruhen, beschlichen in der Gestalt seinen Sinn, daß er sich sagte, es sei wie bei einem Sandsturm in der Wüste, der die Araber veranlasse, sich aufs Gesicht zu werfen und den Burnus über den Kopf zu ziehen. Nur eben den Umstand, daß er keinen Burnus habe und daß man eine wollene Weste nicht recht über den Kopf ziehen könne, empfand er als Einwand gegen ein solches Verhalten, obgleich er kein Kind war und aus mancherlei Überlieferung ziemlich genau Bescheid wußte, wie man erfriert.
Nach mäßig rascher Abfahrt und einiger Ebenheit ging es nun wieder aufwärts, und zwar recht steil. Das brauchte nicht falsch zu sein, denn zwischendurch mußte es bei dem Wege ins Tal auch wieder einmal aufwärts gehen, und was den Wind betraf, so hatte er sich wohl launisch gedreht, denn Hans Castorp hatte ihn neuerdings im Rücken und fand das dankenswert, an und für sich. Beugte ihn übrigens der Sturm oder übte die vom dämmerigen Gestöber verschleierte weiche weiße Schrägfläche vor ihm eine Anziehung auf seinen Körper aus,so daß er sich ihr zuneigte? Nur um ein Hinlehnen würde es sich handeln, wenn man sich ihr überließ, und die Versuchung dazu war groß, – ganz so groß, wie es im Buche stand und als typisch-gefährlich gekennzeichnet war, was jedoch der lebendig-gegenwärtigen Macht der Versuchung durchaus keinen Abbruch tat. Sie behauptete individuelle Rechte, wollte sich ins allgemein Bekannte nicht einordnen lassen, sich nicht darin wiedererkennen, erklärte sich als einmalig und unvergleichbar in ihrer Dringlichkeit, – ohne freilich leugnen zu können, daß sie eine Zuflüsterung von bestimmter Seite war, die Eingebung eines Wesens in spanischem Schwarz mit schneeweißer, gefälteter Tellerkrause, an dessen Idee und prinzipielle Vorstellung sich allerlei Düsteres, scharf Jesuitisches und Menschenfeindliches knüpfte, allerlei Folter- und Prügelknechtschaft, Herrn Settembrini ein Greuel, als welcher sich aber dem gegenüber auch nur lächerlich machte, mit seiner Drehorgel und seinerragione...
Doch hielt Hans Castorp sich redlich und widerstand der Lockung, sich hinzulehnen. Er sah nichts, aber er kämpfte und kam von der Stelle, – zweckmäßig oder nicht, aber er tat das Seine und regte sich, den lastenden Banden zum Trotz, in die der Froststurm immer schwerer seine Glieder schlug. Da ihm der Aufstieg zu steil wurde, lenkte er seitlich, ohne sich viel Rechenschaft davon zu geben, und fuhr eine Weile so an der Schräge hin. Die verkrampften Lider zu trennen und auszuspähen, war eine Anstrengung, deren erprobte Nutzlosigkeit wenig dazu ermutigte, sie auf sich zu nehmen. Dennoch sah er zuweilen etwas: Fichten, die zusammentraten, einen Bach oder Graben, dessen Schwärze sich zwischen überhängenden Schneerändern vom Gelände abzeichnete; und als es zur Abwechslungwieder einmal bergab mit ihm ging, übrigens gegen den Sturm, gewahrte er vor sich in einiger Ferne, frei schwebend gleichsam im fegenden Schleiergewirr, den Schatten einer menschlichen Baulichkeit.
Willkommener, tröstlicher Anblick! Rüstig hat er es geschafft, trotz aller Widrigkeiten, daß nun sogar schon menschliche Baulichkeiten erschienen, zum Zeichen, das bewohnte Tal sei nahe. Vielleicht waren Menschen dort; vielleicht konnte man bei ihnen eintreten, um unter Dach und Fach das Ende des Wetters abzuwarten und nötigenfalls Begleitung und Führung zu haben, wenn unterdessen die natürliche Dunkelheit sollte eingefallen sein. Er hielt auf das chimärische, oft ganz im Wetterdunkel verschwindende Etwas zu, hatte noch einen kräfteverzehrenden Aufstieg gegen den Wind zu überwinden, um es zu erreichen, und überzeugte sich, angekommen, mit Empörung, Staunen, Schrecken und Schwindelgefühl, daß es die bekannte Hütte, der Heuschober mit steinbeschwertem Dache war, den er auf allerlei Umwegen und mit redlichster Anspannung zurückerobert hatte.
Das war des Teufels. Schwere Verwünschungen lösten sich, unter Auslassung der Labiallaute, von Hans Castorps erstarrten Lippen. Er stocherte sich zu seiner Orientierung um die Hütte herum und stellte fest, daß er sie von hinten wieder erreicht und also eine gute Stunde lang – seiner Schätzung nach – den reinsten und nichtsnutzigsten Unsinn getrieben hatte. Aber so ging es, so stand es im Buche. Man lief im Kreise herum, plagte sich ab, die Vorstellung der Förderlichkeit im Herzen, und beschrieb dabei irgendeinen weiten, albernen Bogen, der in sich selber zurückführte wie der vexatorische Jahreslauf. So irrte man herum, so fand man nicht heim. HansCastorp erkannte das überlieferte Phänomen mit einer gewissen Befriedigung, wenn auch mit Schrecken, und schlug sich auf den Schenkel vor Grimm und Staunen, weil sich das Allgemeine in seinem eigentümlichen, individuellen und gegenwärtigen Fall so pünktlich ereignet hatte.
Der einsame Schuppen war unzugänglich, die Tür verschlossen, man konnte nirgends hinein. Aber Hans Castorp beschloß dennoch, vorderhand hier zu bleiben, denn das vorstehende Dach gewährte die Illusion einer gewissen Wirtlichkeit, und die Hütte selbst, an ihrer dem Gebirge zugekehrten Seite, die Hans Castorp aufsuchte, bot wirklich einigen Schutz gegen den Sturm, wenn man sich mit der Schulter gegen die aus Baumstämmen gezimmerte Wand lehnte, da es mit dem Rücken, der langen Schneeschuhe wegen, nicht füglich gehen wollte. Schräg angelehnt stand er, nachdem er den Skistock neben sich in den Schnee gestoßen, die Hände in den Taschen, den Kragen seiner Wolljacke hochgestellt, das äußere Bein als Gegenstütze benutzend, und ließ den taumeligen Schädel mit geschlossenen Augen an der Bohlenwand ruhen, indem er nur dann und wann, der Schulter entlang, über die Schlucht hin zur jenseitigen Bergwand hinüberblinzelte, die manchmal matt im Geschleier sichtbar wurde.
Seine Lage war vergleichsweise behaglich. „So kann ich notfalls die ganze Nacht stehen,“ dachte er, „wenn ich von Zeit zu Zeit das Bein wechsle, mich sozusagen auf die andere Seite lege und mir zwischendurch natürlich etwas Bewegung mache, was unerläßlich ist. Wenn auch außen verklammt, habe ich doch innerlich Wärme gesammelt bei der Bewegung, die ich gemacht, und so war die Exkursion doch nicht ganz nutzlos, wenn ich auch umgekommen bin und von der Hüttezur Hütte geschweift ... ‚Umkommen‘, was ist denn das für ein Ausdruck? Man braucht ihn gar nicht, er ist nicht üblich für das, was mir zugestoßen, ganz willkürlich setze ich ihn dafür ein, weil ich nicht so ganz klar im Kopfe bin; und doch ist es in seiner Art ein richtiges Wort, wie mir scheint ... Nur gut, daß ich es aushalten kann, denn das Treiben, das Schneetreiben, das Unfug-treiben, kann gut und gern bis morgen früh währen, und wenn es auch nur bis zum Dunkelwerden währt, so ist das schlimm genug, denn bei Nacht ist die Gefahr des Umkommens, des im Kreise Herumkommens ebenso groß wie beim Schneesturm ... Es müßte sogar schon Abend sein, ungefähr sechs, – so viel Zeit, wie ich beim Umkommen vertrödelt habe. Wie spät ist es denn?“ Und er sah nach der Uhr, obgleich es den starren Fingern nicht leicht fiel, sie ohne Gefühl aus den Kleidern zu graben, – nach seiner goldenen Springdeckeluhr mit Monogramm, die lebhaft und pflichttreu hier in der wüsten Einsamkeit tickte, ähnlich seinem Herzen, dem rührenden Menschenherzen in der organischen Wärme seiner Brustkammer ...
Es war halb fünf. Was Teufel, so viel war es ja beinahe schon gewesen, als das Wetter losgegangen war. Sollte er glauben, daß sein Herumirren kaum eine Viertelstunde gedauert hatte? „Die Zeit ist mir lang geworden“, dachte er. „Das Umkommen ist langweilig, wie es scheint. Aber um fünf oder halb sechs wird es regelrecht dunkel, das bleibt bestehen. Wird es vorher aufhören, rechtzeitig genug, daß ich vor weiterem Umkommen bewahrt bleibe? Darauf könnte ich einen Schluck Portwein nehmen, zu meiner Stärkung.“
Dies dilettantische Getränk hatte er zu sich gesteckt, einzig und allein, weil es auf „Berghof“ in flachen Fläschchen bereitgehalten und Ausflüglern verkauft wurde, wobei selbstverständlich nicht an solche gedacht war, die sich unerlaubterweise bei Schnee und Frost im Gebirge verirrten und unter solchen Umständen die Nacht erwarteten. Bei minder herabgesetzten Sinnen hätte er sich sagen müssen, daß es, unter dem Gesichtspunkt des Heimkommens, beinahe das Falscheste war, was er hätte zu sich nehmen können; und das sagte er sich auch, nachdem er einige Schlucke genommen, die sofort eine Wirkung zeitigten, ganz ähnlich derjenigen des Kulmbacher Bieres am Abend seines ersten Tages hier oben, als er durch liederlich unbeherrschte Reden von Fischsaucen und dergleichen mehr bei Settembrini angestoßen hatte, – bei Herrn Lodovico, dem Pädagogen, der sogar die Tollen, die sich gehen ließen, mit seinem Blick zur Vernunft anhielt, und dessen wohllautendes Hörnchen Hans Castorp eben durch die Lüfte vernahm, zum Zeichen, der rednerische Erzieher nähere sich in großen Märschen, um den Schmerzenszögling, das Sorgenkind des Lebens aus seiner tollen Lage zu befreien und heimzuführen ... Was selbstverständlich lauter Unsinn war und nur von dem Kulmbacher herrührte, das er aus Versehen getrunken. Denn erstens hatte Herr Settembrini gar kein Hörnchen, sondern nur seine Drehorgel, die auf einem Stelzbein auf dem Pflaster stand, und zu deren geläufigem Spiel er humanistische Augen an den Häusern emporsandte; und zweitens wußte und merkte er gar nichts von dem, was vorging, da er sich nicht mehr im Sanatorium „Berghof“, sondern bei Damenschneider Lukaček in seinem Speicherstübchen mit der Wasserflasche, oberhalb von Naphtas seidener Zelle, befand, – hatte auch gar kein Recht und keine Möglichkeit zum Einschreiten, so wenig wie dermaleinst in der Faschingsnacht, als Hans Castorp sich in ebensotoller und schlimmer Lage befunden, indem er der kranken Clawdia Chauchatson crayon, seinen Bleistift, Pribislav Hippes Bleistift zurückgegeben hatte ... Wie war das übrigens mit der „Lage“? Um sich in einer Lage zu befinden, mußte er liegen und nicht stehen, damit das Wort seinen gerechten und ordentlichen Sinn, statt eines bloß metaphorischen, gewänne. Horizontal, das war die Lage, die einem langjährigen Mitgliede Derer hier oben zukam. War er denn nicht daran gewöhnt, bei Schnee und Frost im Freien zu liegen, nachts sowohl wie am Tage? Und er machte Anstalt, sich niedersinken zu lassen, als ihn die Einsicht durchfuhr, ihn sozusagen beim Kragen nahm und aufrecht hielt, daß auch dieses sein Gedankengeschwätz von der „Lage“ nur auf Rechnung des Kulmbacher Bieres zu setzen war, nur seiner unpersönlichen, als typisch gefährlich im Buche stehenden Lust zum Liegen und Schlafen entsprang, die ihn mit Sophismen und Wortspielen betören wollte.
„Da ist ein Mißgriff begangen worden“, erkannte er. „Der Portwein war nicht das Rechte, die wenigen Schlucke haben mir den Kopf ganz übertrieben schwer gemacht, er fällt mir ja auf die Brust, und meine Gedanken sind unklares Zeug und fade Witzeleien, denen ich nicht trauen darf, – nicht nur die ursprünglichen, die mir zuerst einfallen, sondern auch die zweiten, die ich mir kritischerweise über die ersten mache, das ist das Unglück. ‚Son crayon‘! Das heißt ‚ihr‘crayon, und nicht seines, in diesem Fall, und man sagt nur ‚son‘, weil ‚crayon‘ ein Maskulinum ist, alles übrige ist Witzelei. Daß ich mich überhaupt dabei aufhalte! Während zum Beispiel die Tatsache viel vordringlicher ist, daß mein linkes Bein, gegen das ich mich stütze, auffallend an das hölzerne Stelzbein vonSettembrinis Drehorgel erinnert, das er immer mit dem Knie vor sich herstößt, über das Pflaster hin, wenn er näher unter das Fenster tritt und den Sammethut hinhält, damit das Mägdlein droben ihm etwas hineinwirft. Und dabei zieht es mich unpersönlicherweise förmlich mit Händen, daß ich mich in den Schnee lege. Dagegen hilft nur Bewegung. Ich muß mir Bewegung machen, zur Strafe für das Kulmbacher und um das Holzbein zu schmeidigen.“
Er stieß sich mit der Schulter ab. Aber sowie er sich von dem Schuppen löste, einen Schritt nur vorwärts tat, hieb der Wind wie mit Sensen auf ihn ein und trieb ihn an die schützende Wand zurück. Zweifellos war sie der ihm gewiesene Aufenthalt, mit dem er sich vorläufig abzufinden hatte, wobei es ihm freistand, sich zur Abwechselung mit der linken Schulter anzulehnen und sich auf das rechte Bein zu stützen, unter einigem Schlenkern des linken, zu dessen Belebung. Bei einem derartigen Wetter verläßt man das Haus nicht, dachte er. Mäßige Abwechslung ist zulässig, aber keine Neuerungssucht und kein Anbinden mit der Windsbraut. Halte dich still und laß immerhin deinen Kopf hängen, da er nun einmal so schwer ist. Die Wand ist gut, Holzbalken, es scheint eine gewisse Wärme davon auszugehen, soweit hier von Wärme die Rede sein kann, diskrete Eigenwärme des Holzes, möglicherweise mehr Stimmungssache, subjektiv ... Ah, die vielen Bäume! Ah, das lebendige Klima der Lebendigen! Wie es duftet! ...
Es war ein Park, der unter ihm lag, unter dem Balkon, auf dem er wohl stand – ein weiter, üppig grünender Park von Laubbäumen, von Ulmen, Platanen, Buchen, Ahorn, Birken, leicht abgestuft in der Färbung ihres vollen, frischen, schimmernden Blätterschmucks und sacht mit den Wipfeln rauschend.Es wehte eine köstliche, feuchte, vom Atem der Bäume balsamierte Luft. Ein warmer Regenschauer zog vorüber, aber der Regen war durchleuchtet. Man sah bis hoch zum Himmel hinauf die Luft mit blankem Wassergeriesel erfüllt. Wie schön! Oh, Heimatodem, Duft und Fülle des Tieflandes, lang entbehrt! Die Luft war voller Vogellaut, voll zierlich-innigem und süßem Flöten, Zwitschern, Girren, Schlagen und Schluchzen, ohne daß eines der Tierchen sichtbar gewesen wäre. Hans Castorp lächelte, dankbar atmend. Inzwischen aber ließ alles sich noch schöner an. Ein Regenbogen spannte sich seitwärts über die Landschaft, voll ausgebildet und stark, die reinste Herrlichkeit, feucht schimmernd mit allen seinen Farben, die satt wie Öl ins dichte, blanke Grün herniederflossen. Das war ja wie Musik, wie lauter Harfenklang, mit Flöten untermischt und Geigen. Das Blau und Violett besonders strömten wunderbar. Alles ging zauberisch verschwimmend darin unter, verwandelte, entfaltete sich neu und immer schöner. Es war, wie einmal, manches Jahr war das schon her, als Hans Castorp einen weltberühmten Sänger hatte hören dürfen, einen italienischen Tenor, aus dessen Kehle gnadenvolle Kunst und Kräfte sich über die Herzen der Menschen ergossen hatten. Er hatte einen hohen Ton gehalten, der schön gewesen war gleich am Anfang. Allein allmählig, von Augenblick zu Augenblick hatte der leidenschaftliche Wohllaut sich geöffnet, sich schwellend aufgetan, sich immer strahlender erhellt. Schleier auf Schleier, den vorher niemand wahrgenommen, war gleichsam davon abgesunken – ein letzter noch, der nun denn doch, so glaubte man, das äußerste und reinste Licht enthüllt hatte, und dann ein aller- und dann ein unwahrscheinlich aberletzter, befreiend einen solchen Überschwang von Glanz und tränenschimmernderHerrlichkeit, daß dumpfe Laute des Entzückens, die fast wie Ein- und Widerspruch geklungen, sich aus der Menge gelöst hatten und ihn selbst, den jungen Hans Castorp, ein Schluchzen angekommen war. So jetzt mit seiner Landschaft, die sich wandelte, sich öffnete in wachsender Verklärung. Bläue schwamm ... Die blanken Regenschleier sanken: da lag das Meer – ein Meer, das Südmeer war das, tief-tiefblau, von Silberlichtern blitzend, eine wunderschöne Bucht, dunstig offen an einer Seite, zur Hälfte von immer matter blauenden Bergzügen weit umfaßt, mit Inseln zwischenein, von denen Palmen ragten oder auf denen man kleine, weiße Häuser aus Zypressenhainen leuchten sah. Oh, oh, genug, ganz unverdient, was war denn das für eine Seligkeit von Licht, von tiefer Himmelsreinheit, von sonniger Wasserfrische! Hans Castorp hatte das nie gesehen, nichts dergleichen. Er hatte auf Ferienreisen vom Süden kaum genippt, kannte die rauhe, die blasse See und hing daran mit kindlichen, schwerfälligen Gefühlen, hatte aber das Mittelmeer, Neapel, Sizilien etwa oder Griechenland, niemals erreicht. Dennocherinnerteer sich. Ja, das war eigentümlicherweise ein Wiedererkennen, das er feierte. „Ach, ja, so ist es!“ rief es in ihm – als hätte er das blaue Sonnenglück, das sich da vor ihm breitete, insgeheim und vor sich selbst verschwiegen, von je im Herzen getragen: Und dieses „Je“ war weit, unendlich weit, so wie das offene Meer zur Linken, dort, wo der Himmel zart veilchenfarben darauf niederging.
Der Horizont lag hoch, die Weite schien zu steigen, was daher kam, daß Hans den Golf von oben sah, aus einiger Höhe: Die Berge griffen um, als Vorgebirge, buschwaldig, in die See tretend, zogen sie sich von der Mitte der Aussicht im Halbkreisbis dorthin, wo er saß, und weiter; es war Bergküste, wo er auf sonnerwärmten steinernen Stufen kauerte; vor ihm fiel das Gestade, moosig-steinig, in Treppenblöcken, mit Gestrüpp, zu einem ebenen Ufer ab, wo zwischen Schilf das Steingeröll blauende Buchten, kleine Häfen, Vorseen bildete. Und dieses sonnige Gebiet, und diese zugänglichen Küstenhöhen, und diese lachenden Felsenbecken, wie auch das Meer hinaus bis zu den Inseln, wo Boote hin und wider fuhren, war weit und breit bevölkert: Menschen, Sonnen- und Meereskinder, regten sich und ruhten überall, verständig-heitere, schöne junge Menschheit, so angenehm zu schauen – Hans Castorps ganzes Herz öffnete sich weit, ja schmerzlich weit und liebend ihrem Anblick.
Jünglinge tummelten Pferde, liefen, die Hand am Halfter, neben ihrem wiehernden, kopfwerfenden Trabe her, zerrten die Bockenden an langem Zügel oder trieben sie, sattellos reitend, mit bloßen Fersen die Flanken der Gäule schlagend, ins Meer hinein, wobei die Muskeln ihrer Rücken unter der goldbraunen Haut in der Sonne spielten und die Rufe, die sie tauschten oder an ihre Tiere richteten, aus irgend einem Grunde bezaubernd klangen. An einer wie ein Bergsee die Ufer spiegelnden Bucht, die weit ins Land trat, war Tanz von Mädchen. Eine, von deren zum Knoten hochgenommenem Nackenhaar besonderer Liebreiz ausging, saß, die Füße in einer Bodenvertiefung und blies auf einer Hirtenflöte, die Augen über ihr Fingerspiel hinweg gerichtet auf die Gefährtinnen, die, lang- und weitgewandet, einzeln, die Arme lächelnd ausgebreitet, und zu Paaren, die Schläfen lieblich aneinander gelehnt, im Tanze schritten, während im Rücken der Flötenden, der weiß und lang und zart und seitlich gerundet war, infolge der Stellung der Arme, andere Schwestern saßen oder umschlungenstanden, zuschauend in ruhigem Gespräch. Weiterhin übte sich Jungmannschaft im Bogenschießen. Es war glücklich und freundschaftlich zu sehen, wie Ältere noch Ungeschickte, Lockige im Spannen der Sehne, im Anlegen unterwiesen, mit ihnen zielten und die vom Rückschlag Taumelnden lachend stützten, wenn der Pfeil schwirrend hinausging. Andere angelten. Sie lagen bäuchlings auf Uferfelsenplatten, mit einem Beine wippend, und hielten die Schnur ins Meer, den Kopf gemächlich plaudernd dem Nachbarn zugewandt, der, in schrägem Sitz den Körper reckend, seinen Köder recht weit hinauswarf. Wieder andere waren beschäftigt, ein hochbordiges Boot mit Mast und Segelstange unter Zerren, Schieben und Stemmen ins Meer zu fördern. Kinder spielten und jauchzten zwischen den Wellenbrechern. Ein junges Weib, lang hingestreckt, hintüber blickend, zog mit der einen Hand das blumige Gewand zwischen den Brüsten hoch, indem sie mit der andren verlangend in die Luft nach einer Frucht mit Blättern griff, die der Schmalhüftige, zu ihren Häupten aufrecht, ihr mit gestrecktem Arme spielend vorenthielt. Man lehnte in Felsennischen, man zögerte am Rande des Bades, indem man kreuzweise mit den Händen die eigenen Schultern hielt und mit der Zehenspitze die Kühle des Wassers prüfte. Paare ergingen sich das Ufer entlang, und am Ohr des Mädchens war dessen Mund, der sie vertraulich führte. Langzottige Ziegen sprangen von Platte zu Platte, überwacht von einem jungen Hirten, der, eine Hand in der Hüfte, mit der andern auf seinen langen Stab gestützt, einen kleinen Hut mit hinten aufgeschlagener Krempe auf braunen Locken, am erhöhten Orte stand.
„Das ist ja reizend!“ dachte Hans Castorp von ganzem Herzen. „Das ist ja überaus erfreulich und gewinnend! Wie hübsch,gesund und klug und glücklich sie sind! Ja, nicht nur wohlgestalt – auch klug und liebenswürdig von innen heraus. Das ist es, was mich so rührt und ganz verliebt macht: der Geist und Sinn, so möcht’ ich sagen, der ihrem Wesen zugrunde liegt, in dem sie miteinander sind und leben!“ Er meinte damit die große Freundlichkeit und gleichmäßig verteilte höfliche Rücksicht, mit der die Sonnenleute verkehrten: eine leichte und unter Lächeln verborgene Ehrerbietung, die sie einander, unmerklich fast und doch kraft einer deutlich durch alle waltenden Sinnesbindung und eingefleischten Idee, auf Schritt und Tritt erwiesen; eine Würde und Strenge sogar, doch ganz ins Heitere gelöst und einzig als ein unaussprechlicher geistiger Einfluß undüsteren Ernstes, verständiger Frömmigkeit ihr Tun und Lassen bestimmend – wenn auch nicht ohne alles Zeremoniell. Denn dort auf einem runden, bemoosten Steine saß in braunem Kleide, das von der einen Schulter gelöst war, eine junge Mutter und stillte ihr Kind. Und jeder, der vorbei kam, grüßte sie auf eine besondre Art, in welcher sich alles versammelte, was in dem allgemeinen Verhalten der Menschen sich so ausdrucksvoll verschwieg: die Jünglinge, indem sie, sich gegen die Mütterliche wendend, leicht, rasch und formell die Arme über der Brust kreuzten und lächelnd den Kopf neigten, die Mädchen durch das nicht allzu genaue Andeuten einer Kniebeugung, ähnlich dem Kirchenbesucher, der im Vorübergehn vorm Hochaltar sich leichthin erniedrigt. Doch nickten sie mehrmals lebhaft, lustig und herzlich ihr mit dem Kopfe dabei zu, – und diese Mischung von förmlicher Devotion und heiterer Freundschaft, dazu die langsame Milde, mit der die Mutter von ihrem Würmchen, dem sie das Trinken mit in die Brust gedrücktem Zeigefinger bequem machte, aufblickte und den ReverenzErweisenden mit einem Lächeln dankte, durchdrang Hans Castorp gänzlich mit Entzücken. Er wurde des Schauens nicht satt und fragte sich dennoch beklommen, ob ihm das Schauen denn auch erlaubt sei, ob das Belauschen dieses sonnig-gesitteten Glückes ihn, den Unzugehörigen, der sich unedel und häßlich und plump gestiefelt vorkam, nicht höchlichst strafbar mache.
Es schien unbedenklich. Ein schöner Knabe, dessen volles, seitlich über den Kopf gelegtes Haar vorn über der Stirn vorstand und in die Schläfe fiel, hielt sich, gerade unter seinem Sitz, mit auf der Brust verschränkten Armen von den Genossen abseits – nicht traurig oder trotzig, sondern eben nur gelassen abseits. Und dieser sah ihn, wandte den Blick zu ihm hinauf, und seine Augen gingen zwischen dem Späher und den Bildern des Strandes, sein Lauschen belauschend, hin und her. Plötzlich aber blickte er über ihn hinaus, sah hinter ihn ins Weite, und augenblicklich verschwand aus seinem schönen, streng geschnittenen, halbkindlichen Gesicht das allen gemeinsame Lächeln höflich geschwisterlicher Rücksicht – ja, ohne daß seine Brauen sich verfinstert hätten, erstand in seiner Miene ein Ernst, ganz wie aus Stein, ausdruckslos, unergründlich, eine Todesverschlossenheit, vor der den kaum beruhigten Hans Castorp der blasse Schrecken ankam, nicht ohne eine Beitat von unbestimmter Ahnung ihres Sinnes.
Auch er sah rückwärts ... Mächtige Säulen, ohne Sockel, aus zylindrischen Blöcken getürmt, in deren Fugen Moos sproßte, ragten hinter ihm – die Säulen eines Tempeltors, auf dessen in der Mitte offenem Stufenunterbau er saß. Schweren Herzens stand er auf, stieg seitlich die Stufen hinab und ging in den tiefen Torweg hinein, hindurch, auf einer mit Fliesen belegten Straße fort, die ihn alsbald vor neue Propyläenführte. Er durchschritt auch sie, und nun lag vor ihm der Tempel, massig, graugrünlich verwittert anzusehen, mit steilem Treppensockel und breiter Stirn, die auf den Kapitälen solcher gewaltiger und fast gedrungener, nach oben sich verjüngender Säulen lag, aus deren Gefüge manchmal ein gekehlter Rundblock, verschoben, seitlich austrat. Mit Mühe, auch unter Gebrauch der Hände und seufzend, denn immer beengter wurde es ihm ums Herz, erkletterte Hans Castorp die hohen Stufen und gewann den Hallenwald der Säulen. Der war sehr tief, er ging darin umher wie zwischen den Stämmen des Buchenwaldes am blassen Meer, indem er absichtlich die Mitte vermied und auszuweichen suchte. Doch schweifte er wieder zu ihr zurück und fand sich, wo die Säulenreihen auseinander traten, vor einer Statuengruppe, zwei steinernen Frauenfiguren auf einem Sockel, Mutter und Tochter, wie es schien: die eine, sitzend, älter, würdiger, recht milde und göttlich, doch mit klagenden Brauen über den sternlos leeren Augen, in faltenreicher Tunika und Oberkleid, den gewellten Matronenscheitel mit einem Schleier bedeckt; die andere, stehend, von jener mütterlich umschlungen, mit rundem Jungfrauengesicht, Arme und Hände in die Falten ihres Übergewandes geschlungen und darin verborgen.
In der Betrachtung des Standbildes wurde Hans Castorps Herz aus dunklen Gründen noch schwerer, angst- und ahnungsvoller. Er getraute sich kaum und war doch genötigt, die Gestalten zu umgehen und hinter ihnen die nächste doppelte Säulenreihe zurückzulegen: Da stand ihm die metallene Tür der Tempelkammer offen, und die Knie wollten dem Armen brechen vor dem, was er mit Starren erblickte. Zwei graue Weiber, halbnackt, zottelhaarig, mit hängenden Hexenbrüstenund fingerlangen Zitzen, hantierten dort drinnen zwischen flackernden Feuerpfannen aufs gräßlichste. Über einem Becken zerrissen sie ein kleines Kind, zerrissen es in wilder Stille mit den Händen – Hans Castorp sah zartes blondes Haar mit Blut verschmiert – und verschlangen die Stücke, daß die spröden Knöchlein ihnen im Maule knackten und das Blut von ihren wüsten Lippen troff. Grausende Eiseskälte hielt Hans Castorp in Bann. Er wollte die Hände vor die Augen schlagen und konnte nicht. Er wollte fliehen und konnte nicht. Da hatten sie ihn schon gesehen bei ihrem greulichen Geschäft, sie schüttelten die blutigen Fäuste nach ihm und schimpften stimmlos, aber mit letzter Gemeinheit, unflätig, und zwar im Volksdialekt von Hans Castorps Heimat. Es wurde ihm so übel, so übel wie noch nie. Verzweifelt wollte er sich von der Stelle reißen – und so, wie er dabei an der Säule in seinem Rücken seitlich hingestürzt, so fand er sich, das scheußliche Flüsterkeifen noch im Ohr, von kaltem Grausen noch ganz umklammert an seinem Schuppen im Schnee, auf einem Arme liegend, mit angelehntem Kopf, die Beine mit den Ski-Hölzern von sich gestreckt.