Frau BrigitteNicht weit davon jetzt steht ein Denkmal seiner,An einem Baum, daß ich davor erschrecke.
WalterEin Denkmal? Wie?
Frau BrigitteWie? ja, da werdet Ihr—
Adam für sich.Verflucht, mein Unterleib.
LichtVorüber, bitte,Vorüber, hier, ich bitte, Frau Brigitte.
WalterWohin die Spur Euch führte, will ich wissen!
Frau BrigitteWohin? Mein Treu, den nächsten Weg zu Euch,Just wie Herr Schreiber Licht gesagt.
WalterZu uns? Hierher?
Frau BrigitteVom Lindengange, ja,Aufs Schulzenfeld, den Karpfenteich entlang,Den Steg, quer übern Gottesacker dann,Hier, sag ich, her, zum Herrn Dorfrichter Adam.
WalterZum Herrn Dorfrichter Adam?
AdamHier zu mir?
Frau BrigitteZu Euch, ja.
RuprechtWird doch der Teufel nichtIn dem Gerichtshof wohnen?
Frau BrigitteMein Treu, ich weiß nicht,Ob er in diesem Hause wohnt; doch hier,Ich bin nicht ehrlich, ist er abgestiegen:Die Spur geht hinten ein bis an die Schwelle.
AdamSollt er vielleicht hier durchpassiert—?
Frau BrigitteJa, oder durchpassiert. Kann sein. Auch das.Die Spur vornaus—
WalterWar eine Spur vornaus?
LichtVornaus, verzeihn Ew. Gnaden, keine Spur.
Frau BrigitteJa, vornaus war der Weg zertreten.
AdamZertreten. Durchpassiert. Ich bin ein Schuft.Der Kerl, paßt auf, hat den Gesetzen hierWas angehängt. Ich will nicht ehrlich sein,Wenn es nicht stinkt in der Registratur.Wenn meine Rechnungen, wie ich nicht zweifle,Verwirrt befunden werden sollten,Auf meine Ehr, ich stehe für nichts ein.
WalterIch auch nicht.
(Für sich.)
Hm! Ich weiß nicht, wars der Linke,War es der Rechte? Seiner Füße einer—Herr Richter! Eure Dose!—Seid so gefällig.
AdamDie Dose?
WalterDie Dose. Gebt! Hier!
Adam zu Licht.Bringt dem Herrn Gerichtsrat.
WalterWozu die Umständ? Einen Schritt gebrauchts.
AdamEs ist schon abgemacht. Gebt Sr. Gnaden.
WalterIch hätt Euch was ins Ohr gesagt.
AdamVielleicht, daß wir nachher Gelegenheit—
WalterAuch gut.
Nachdem sich Licht wieder gesetzt.
Sagt doch, Ihr Herrn, ist jemand hier im Orte,Der mißgeschaffne Füße hat?
LichtHm! Allerdings ist jemand hier in Huisum—
WalterSo? Wer?
LichtWollen Ew. Gnaden den Herrn Richter fragen—
WalterDen Herrn Richter Adam?
AdamIch weiß von nichts.Zehn Jahre bin ich hier im Amt zu Huisum,Soviel ich weiß, ist alles grad gewachsen.
Walter zu Licht.Nun? Wen hier meint Ihr?
Frau MartheLaß Er doch seine Füße draußen!Was steckt Er untern Tisch verstört sie hin,Daß man fast meint, Er wär die Spur gegangen.
WalterWer? Der Herr Richter Adam?
AdamIch? Die Spur?Bin ich der Teufel? Ist das ein Pferdefuß?
Er zeigt seinen linken Fuß.
WalterAuf meine Ehr. Der Fuß ist gut.
(Heimlich.)
Macht jetzt mit der Session sogleich ein Ende.
AdamEin Fuß, wenn den der Teufel hätt,So könnt er auf die Bälle gehn und tanzen.
Frau MartheDas sag ich auch. Wo wird der Herr Dorfrichter—
AdamAch, was! Ich!
WalterMacht, sag ich, gleich ein Ende.
Frau BrigitteDen einz'gen Skrupel nur, Ihr würd'gen Herrn,Macht, dünkt mich, dieser feierliche Schmuck!
AdamWas für ein feierlicher—?
Frau BrigitteHier, die Perücke!Wer sah den Teufel je in solcher Tracht?Ein Bau, getürmter, strotzender von Talg,Als eines Domdechanten auf der Kanzel!
AdamWir wissen hier zu Land nur unvollkommen,Was in der Hölle Mod ist, Frau Brigitte!Man sagt, gewöhnlich trägt er eignes Haar.Doch auf der Erde, bin ich überzeugt,Wirft er in die Perücke sich, um sichDen Honoratioren beizumischen.
WalterNichtswürd'ger! Wert, vor allem Volk ihn schmachvollVom Tribunal zu jagen! Was Euch schützt,Ist einzig nur die Ehre des Gerichts.Schließt Eure Session!
AdamIch will nicht hoffen—
WalterIhr hofft jetzt nichts. Ihr zieht Euch aus der Sache.
AdamGlaubt Ihr, ich hätte, ich, der Richter, gestern,Im Weinstock die Perücke eingebüßt?
WalterBehüte Gott! Die Eur ist ja im Feuer,Wie Sodom und Gomorrha, aufgegangen.
LichtVielmehr vergebt mir, gnäd'ger Herr! die KatzeHat gestern in die seinige gejungt.
AdamIhr Herrn, wenn hier der Anschein mich verdammt:Ihr übereilt Euch nicht, bitt ich. Es giltMir Ehre oder Prostitution.Solang die Jungfer schweigt, begreif ich nicht,Mit welchem Recht ihr mich beschuldiget.Hier auf dem Richterstuhl von Huisum sitz ich,Und lege die Perücke auf den Tisch:Den, der behauptet, daß sie mein gehört,Fordr ich vors Oberlandgericht in Utrecht.
LichtHm! Die Perücke paßt Euch doch, mein Seel,Als wär auf Euren Scheiteln sie gewachsen.
(Er setzt sie auf.)
AdamVerleumdung!
LichtNicht?
AdamAls Mantel um die SchulternMir noch zu weit, wieviel mehr um den Kopf.
Er besieht sich im Spiegel.
RuprechtEi, solch ein Donnerwetter-Kerl!
WalterStill, Er!
Frau MartheEi, solch ein blitz-verfluchter Richter, das!
WalterNoch einmal, wollt Ihr gleich, soll ich die Sache enden?
AdamJa, was befehlt Ihr?
Ruprecht zu Eve.Eve, sprich, ist ers?
WalterWas untersteht der Unverschämte sich?
VeitSchweig du, sag ich.
AdamWart, Bestie! Dich fass' ich.
RuprechtEi, du Blitz-Pferdefuß!
WalterHeda! Der Büttel!
VeitHalts Maul, sag ich.
RuprechtWart! Heute reich ich dich.Heut streust du keinen Sand mir in die Augen.
WalterHabt Ihr nicht soviel Witz, Herr Richter—?
AdamJa, wenn Ew. GnadenErlauben, fäll ich jetzo die Sentenz.
WalterGut. Tut das. Fällt sie.
AdamDie Sache jetzt konstiert,Und Ruprecht dort, der Racker, ist der Täter.
WalterAuch gut das. Weiter.
AdamDen Hals erkenn ichIns Eisen ihm, und weil er ungebührlichSich gegen seinen Richter hat betragen,Schmeiß ich ihn ins vergitterte Gefängnis.Wie lange, werd ich noch bestimmen.
EveDen Ruprecht—?
RuprechtIns Gefängnis mich?
EveIns Eisen?
WalterSpart eure Sorgen, Kinder.—Seid Ihr fertig?
AdamDen Krug meinthalb mag er ersetzen, oder nicht.
WalterGut denn. Geschlossen ist die Session.Und Ruprecht appelliert an die Instanz zu Utrecht.
EveEr soll, er, erst nach Utrecht appellieren?
RuprechtWas? Ich—?
WalterZum Henker, ja! Und bis dahin—
EveUnd bis dahin—?
RuprechtIn das Gefängnis gehn?
EveDen Hals ins Eisen stecken? Seid Ihr auch Richter?Er dort, der Unverschämte, der dort sitzt,Er selber wars—
WalterDu hörsts, zum Teufel! Schweig!Ihm bis dahin krümmt sich kein Haar—
EveAuf, Ruprecht!Der Richter Adam hat den Krug zerbrochen!
RuprechtEi, wart, du!
Frau MartheEr?
Frau BrigitteDer dort?
EveEr, ja! Auf, Ruprecht!Er war bei deiner Eve gestern!Auf! Fass' ihn! Schmeiß ihn jetzo, wie du willst.
Walter steht auf.Halt dort! Wer hier Unordnungen—
EveGleichviel!Das Eisen ist verdient, geh, Ruprecht!Geh, schmeiß ihn von dem Tribunal herunter.
AdamVerzeiht, Ihr Herrn.
Läuft weg.
EveHier! Auf!
RuprechtHalt ihn!
EveGeschwind!
AdamWas?
RuprechtBlitz-Hinketeufel!
EveHast du ihn?
RuprechtGotts Schlag und Wetter!Es ist sein Mantel bloß!
WalterFort! Ruft den Büttel!
Ruprecht schlägt den Mantel.Ratz! Das ist eins. Und Ratz! Und Ratz! Noch eins.Und noch eins! In Ermangelung des Buckels.
WalterEr ungezogner Mensch!—Schafft hier mir Ordnung!—An Ihm, wenn Er sogleich nicht ruhig ist,Ihm wird der Spruch vom Eisen heut noch wahr.
VeitSei ruhig, du vertrackter Schlingel!
Zwölfter Auftritt
Die Vorigen ohne Adam.—Sie begeben sich alle in denVordergrund der Bühne.
RuprechtEi, Evchen!Wie hab ich heute schändlich dich beleidigt!Ei, Gotts Blitz, alle Wetter; und wie gestern!Ei, du mein goldnes Mädchen, Herzens-Braut!Wirst du dein Lebtag mir vergeben können?
Eve wirft sich dem Gerichtsrat zu Füßen.Herr! Wenn Ihr jetzt nicht helft, sind wir verloren!
WalterVerloren? Warum das?
RuprechtHerr Gott! Was gibts?
EveErrettet Ruprecht von der Konskription!Denn diese Konskription—der Richter AdamHat mirs als ein Geheimnis anvertraut—Geht nach Ostindien; und von dort, Ihr wißt,Kehrt von drei Männern Einer nur zurück!
WalterWas! Nach Ostindien! Bist du bei Sinnen?
EveNach Bantam, gnäd'ger Herr; verleugnets nicht!Hier ist der Brief, die stille heimlicheInstruktion, die Landmiliz betreffend,Die die Regierung jüngst deshalb erließ:Ihr seht, ich bin von allem unterrichtet.
Walter nimmt den Brief und liest ihn.O unerhört-arglistiger Betrug!—Der Brief ist falsch!
EveFalsch?
WalterFalsch, so wahr ich lebe!Herr Schreiber Licht, sagt selbst, ist das die Ordre,Die man aus Utrecht jüngst an euch erließ?
LichtDie Ordre! Was! Der Sünder, der! Ein Wisch,Den er mit eignen Händen aufgesetzt!—Die Truppen, die man anwarb, sind bestimmtZum Dienst im Landesinneren; kein MenschDenkt dran, sie nach Ostindien zu schicken!
EveNein, nimmermehr, Ihr Herrn?
WalterBei meiner Ehre!Und zum Beweise meines Worts: den Ruprecht,Wärs so, wie du mir sagst: ich kauf ihn frei!
Eve steht auf.O Himmel! Wie belog der Böswicht mich!Denn mit der schrecklichen Besorgnis ebenQuält' er mein Herz, und kam, zur Zeit der Nacht,Mir ein Attest für Ruprecht aufzudrängen;Bewies, wie ein erlognes KrankheitszeugnisVon allem Kriegsdienst ihn befreien könnte;Erklärte und versicherte und schlich,Um es mir auszufert'gen, in mein Zimmer:So Schändliches, Ihr Herren, von mir fordernd,Daß es kein Mädchenmund wagt auszusprechen!
Frau BrigitteEi, der nichtswürdig-schändliche Betrüger!
RuprechtLaß, laß den Pferdehuf, mein süßes Kind!Sieh, hätt ein Pferd bei dir den Krug zertrümmert,Ich wär so eifersüchtig just, als jetzt!
(Sie küssen sich.)
VeitDas sag ich auch! Küßt und versöhnt und liebt euch;Und Pfingsten, wenn ihr wollt, mag Hochzeit sein!
Licht am Fenster.Seht, wie der Richter Adam, bitt ich euch,Berg auf, Berg ab, als flöh er Rad und Galgen,Das aufgepflügte Winterfeld durchstampft!
WalterWas? Ist das Richter Adam?
LichtAllerdings!
MehrereJetzt kommt er auf die Straße. Seht! seht!Wie die Perücke ihm den Rücken peitscht!
WalterGeschwind, Herr Schreiber, fort! Holt ihn zurück!Daß er nicht Übel rettend ärger mache.Von seinem Amt zwar ist er suspendiert,Und Euch bestell ich, bis auf weitereVerfügung, hier im Ort es zu verwalten;Doch sind die Kassen richtig, wie ich hoffe,Zur Desertion ihn zwingen will ich nicht.Fort! Tut mir den Gefallen, holt ihn wieder!
(Licht ab.)
Letzter Auftritt
Die Vorigen ohne Licht.
Frau MartheSagt doch, gestrenger Herr, wo find ich auchDen Sitz in Utrecht der Regierung?
WalterWeshalb, Frau Marthe?
Frau Marthe empfindlich.Hm! Weshalb? Ich weiß nicht—Soll hier dem Kruge nicht sein Recht geschehn?
WalterVerzeiht mir! Allerdings. Am großen Markt,Am Dienstag ist und Freitag Session.
Frau MartheGut! Auf die Woche stell ich dort mich ein.
(Alle ab.)
Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der zerbrochene Krug, von Heinrich von Kleist.