Wir hätten noch mehr miteinander disputiert, weil aber der Baur mit dem Essen und Trinken kam, saßen wir zusammen und stilleten unsere Mägen, dessen ich dann trefflich hoch vonnöten hatte.
Unser Essen war weiß Brot und ein gebratener kalter Kalbsschlegel, dabei hatten wir einen guten Trunk Wein und eine warme Stube.
»Gelt,Simplici, hier ist es besser als vor Breisach in den Laufgräben!«
»Das wohl, wann man solch ein Leben mit gewisser Sicherheit und besserer Ehre zu genießen hätte.«
Darüber lachte er überlaut.
»Mein lieberSimplici, ich sehe zwar, daß du deine Narrenkappe abgeleget, hingegen aber deinen närrischen Kopf noch behalten hast, der nit begreifen kann, was gut und bös ist.«
Ich gedachte, du mußt andere Worte hervorsuchen als bisher.
»Wo ist sein Tag je erhört,« sagte ich, »daß der Lehrjung das Handwerk besser versteht als der Lehrmeister. Bruder, hast du ein so edel, glückselig Leben, wie du vorgibst, so mache mich seiner teilhaftig, sintemal ich eines guten Glückes hoch vonnöten.«
»Sei versichert, Bruder,« antwortete Olivier, »daß ich dich so sehr liebe als mich selbsten, und daß mir die Beleidigung, die ich dir heut zugefügt, viel weher tut, als die Kugel, damit du mich an meine Stirn getroffen. Warum sollte ich dir dann etwas versagen können? Wann dirs beliebet, so bleib bei mir, ich will vor dich sorgen als wie vor mich. Damit du aber glaubest, so will ich dir die Ursache meiner Liebe sagen. — Der alte Herzbruder hat mir vor Magdeburg diese Worte geweissaget: ‚Olivier, siehe unsern Narren an wie du wilt, so wird er dannoch durch seine Tapferkeit dich erschröcken und dir den größten Possen erweisen, der dir dein Lebtag je geschehen wird, weil du ihm darzu verursachet. Doch wird er dir dein Leben schenken,so in seinen Händen gestanden, und wird an den Ort kommen, da du erschlagen wirst, daselbst wird er glückselig deinen Tod rächen.’ — Dieser Weissagung halber, lieberSimplici, bin ich bereit, dir mein Herz im Leib zu teilen, dann etlichs von den Worten des alten Herzbruder ist mit heutigem Tag erfüllet. Also zweifle ich nicht, daß das übrige von meinem Tod auch im wenigsten fehlschlagen werde. Aus solcher Rache nun, mein lieber Bruder, muß ich schließen, daß du mein getreuer Freund seiest. Da hast du nun dieConceptameines Herzens.«
Ich gedachte: traue dir der Teufel, ich nicht. Nehme ich Geld von dir auf den Weg, so möchtest du mich erst niedermachen, bleibe ich bei dir, so muß ich sorgen, mit dir gevierteilt zu werden. Satzte mir demnach vor, ich wollte ihm eine Nase drehen und bei ihm bleiben, bis ich mit Gelegenheit von ihm kommen könnte. Ich sagte ihm derhalben, so er mich leiden möchte, so wollte ich mich ein Tag oder acht bei ihm aufhalten, ob ich auf solche Art zu leben gewöhnen könnte. So sollte er beides: einen guten Soldaten und einen getreuen Freund an mir haben.
Hierauf satzte er mir mit dem Trunk zu, ich getraute aber auch nicht und stellete mich voll eh ichs war.
Am Morgen gegen Tag sagte Olivier: »Auf,Simplici, wir wollen in Gottes Namen hinaus und sehen, was etwan zu bekommen sein möchte.«
Ach Gott, dachte ich, soll ich dann nun in deinem hochheiligen Namen auf die Rauberei gehen und bin hiebevor nit so kühn gewesen, ohn Erstaunen zuzuhören, wann einer sagte: Komm Bruder, wir wollen in Gottes Namen ein Maß Wein miteinander saufen.O himmlischer Vater, wie habe ich mich verändert, ach, hemme meinen Lauf!
Mit dergleichen Gedanken folgete ich Olivier in ein Dorf, darin keine lebendige Kreatur war. Da stiegen wir des fernen Aussehens halber auf den Kirchturm. Dort hatte er zwei Laib Brot, etliche Stücke gesotten Dörrfleisch und ein Fäßlein voll Wein im Vorrat. Er sagte mir, daß er noch etliche solcher Örter hätte, die mit Speis und Trank versehen wären, damit, wann Bläsi an dem einen Ort nicht zu Haus wäre, er ihn am andern finden könnte. Ich mußte zwar seine Klugheit loben, gab ihm aber zu verstehen, daß es doch nicht schön stünde, einen so heiligen Ort zu beflecken.
»Was beflecken? Die Kirchen, so sie reden könnten, würden gestehen, daß sie meine Laster entgegen denen, so hiebevor in ihnen begangen worden, noch vor ganz gering aufnehmen müßten. Wie mancher und wie manche seit Erbauung dieser Kirchen sein hereingetreten unter dem Schein, Gott zu dienen, da sie doch nur hergekommen, ihre neuen Kleider, ihre schöne Gestalt, ihre Würden und sonst so etwas sehen zu lassen. Da kommt einer zur Kirche wie ein Pfau und stellet sich vor den Altar, als ob er den Heiligen die Füße abbeten wollte, dort steht einer in der Ecke, zu seufzen wie der Zöllner im Tempel, welche Seufzer aber nur zu seiner Liebsten gehen, in deren Angesicht er seine Augen weidet, um derentwillen er sich auch eingestellet. Ein anderer kommt vor oder, wanns wohlgerät, in die Kirche mit einem Gebund Briefe, wie einer, der eine Brandsteuer sammlet, seine Zinsleute zu mahmen. Hätte er aber nicht gewußt, daß seine Schuldner zur Kirche kommen müßten, so wäre er fein daheim über seinen Registern sitzen geblieben.Meinest du nicht, es werden auch von denenjenigen in die Kirche begraben, die Schwert, Galgen, Feuer und Rad verdienet hätten? Mancher könnte seine Buhlerei nicht zu Ende bringen, da ihm die Kirche nicht beförderlich wäre. Ist etwas zu verkaufen oder zu verleihen, so wird es an die Kirchtür geschlagen. Wann mancher Wucherer die ganze Woche keine Zeit nimmt, seiner Schinderei nachzusinnen, so sitzt er unter währendem Gottesdienst in der Kirche und dichtet, wie der Judenspieß zu führen sei. Da sitzen sie wohl hier und dort unter der Messe und Predigt, miteinander zu diskurieren und dann werden oft Sachen beratschlagt, deren man an Privatörtern nicht gedenken dörfte. Teils sitzen dort und schlafen, als ob sie es verdingt hätten. Etliche richten die Leut aus: Ach wie hat der Pfarrer diesen und jenen so artlich in seiner Predigt getroffen! Andere geben fleißig Achtung auf ihren Seelsorger, damit sie ihn, wann er nur im geringsten anstößt, durchziehen und tadeln möchten. Nicht allein in ihrem Leben beschmutzen die Menschen mit Lastern die Kirchen, sondern auch nach ihrem Tod mit Eitelkeit und Torheit. Du wirst an den Grabsteinen sehen, wie diejenigen noch prangen, die doch die Würmer schon längst gefressen. Siehest du dann in die Höhe der Kirche, so kommen dir mehr Schilde, Helme, Waffen, Degen, Fahnen, Stiefel, Sporen und dergleichen Ding ins Gesicht als in mancher Rüstkammer, dahero kein Wunder, daß sich die Bauren diesen Krieg über an etlichen Orten aus den Kirchen, wie aus Festungen um das Ihre gewehrt. — Ist es billig, daß mancher Reiche um ein Stück Geld in die Kirche begraben wird, hingegen der Arme außerhalb in einem Winkel verscharrt werden muß? Warum endlich sollte mir verboten sein,meine Nahrung vermittels eines Kirchtums zu suchen, da sich doch sonst so viel Menschen von der Kirche ernähren?«
Ich hätte Olivier gerne geantwortet, doch getrauete ich mich nicht nach meinem Herzen zu reden.
Er fragte mich, wie mirs ergangen, sint wir vor Magdeburg voneinder gekommen, weil ich aber wegen der Halsschmerzen gar zu unlustig, entschuldigte ich mich mit Bitte, er wollte mir doch zuvor seines Lebens Lauf erzählen.
»Mein Vater«, sagte Olivier, »ist unweit der Stadt Aach von geringen Leuten geboren worden. Er mußte bei einem reichen Kaufmann, der mit Kupfer schacherte, dienen und hielt sich so fein, daß der ihm Schreiben, Lesen und Rechnen lernen ließ und endlich über seinen ganzen Handel satzte. Dies schlug beiden Teilen wohl zu. Der Kaufmann ward je länger je reicher, mein Vater aber je länger je stolzer, daß er sich auch seiner Eltern schämete und sie verachtete. Der Kaufmann starb und verließ seine alte Witwe samt deren einziger Tochter, die kürzlich in eine Pfanne getreten und sich von einem Gademhengst ein Junges hatte zweigen lassen, das aber seinem Großvater bald nachfolgte. Da nun mein Vater sahe, daß die Tochter zwar vater- und kinderlos aber nicht geldlos worden, achtete er nicht, daß sie keinen Kranz mehr tragen dorfte, sondern erwug ihren Reichtum und machte sich bei ihr zutäppisch, so ihre Mutter gern zuließ, dann mein Vater hatte um den ganzen Kindeshandel Wissenschaft und konnte sonst mit dem Judenspieß trefflich fechten. Also ward mein Vater unversehens ein reicher Kaufmann, ich aber, sein Erbe, ward in Kleidung gehalten wie ein Edelmann, in Essen wie ein Freiherr und in der übrigen Wartung wie ein Graf.
Kein Schelmstück war mir zu viel, dann was zur Nessel werden soll, brennt bei Zeiten. Ich terminierte mit bößen Buben durch dick und dünn auf der Gasse. Kriegte ich Stöße, so sagten meine Eltern: soll so ein großer Flegel sich mit einem Kinde schlagen! Überwand ich, maßen ich kratzte, biß und warf, so sagten sie:unser Oliviergen wird ein braver Kerl. Ich ward immer ärger, bis man mich zur Schule schickte. Was die bösen Buben ersannen und nicht praktizieren dorften, das satzte ich ins Werk. Meinen Schulmeister tät ich großen Dampf an, dann er dorfte mich nicht hart halten, weil er ziemliche Verehrung von meinen Eltern bekam.
Ich stäubte Nießwurz an den Ort, da man die Knaben zu kastigieren pflegte; wann sich dann etwa ein halsstarriger wehrte, so stob mein Pulver herum und machte mir eine angenehme Kurzweile, dann alles nießen mußte. Ich stahl oft dem einen etwas und steckte es dem andern in den Sack, dem ich gern Stöße angerichtet. Mit solchen Griffen konnte ich so behutsam umgehen, daß ich fast niemals darüber erdappt ward.
Weilen sich meines Vaters Reichtum täglich mehrete, als bekam er auch desto mehr Schmarotzer und Fuchsschwänzer, die meinen guten Kopf trefflich lobten und meine Untugenden zu entschuldigen wußten. Derowegen hatten meine Eltern eine Freude an ihrem Sohn, als die Grasmücke, die einen Guckuck aufzeucht. Sie dingten mir einen eigenenPraeceptorund schickten mich nach Lüttich, mehr daß ich dort Welsch lernen, als studieren sollte, weil sie keinen Theologum, sondern einen Handelsmann aus mir erziehen wollten. Dieser hatte Befehl, mich beileib nicht streng zu halten, daß ich kein forchtsam knechtisch Gemüt überkäme und nicht leutscheu, sondern ein Weltmann würde.
ErmeldterPraeceptorwar dieser Weisung unbedürftig und von sich selbsten auf alle Büberei geneigt, aufs Buhlen und Saufen aber am meisten, ich aber von Natur aus aufs Balgen und Schlagen. Daher ging ich schon bei Nacht mit ihm und seines gleichengassatimund lernte ihm in Kürze mehr Untugenden ab als Latein.Beim Studieren verließ ich mich auf mein gut Gedächtnis und scharfen Verstand. Mein Gewissen war bereits so weit, daß ein großer Heuwagen hindurch hätte fahren mögen. Ich fragte nichts darnach, wann ich in der Kirche unter der Predigt schlüpfrige Bücher lase, und hörte nichts Liebers vom ganzen Gottesdienst, als wann man sagte:Ite, missa est.Darneben dünkte ich mich keine Sau zu sein, sondern hielt mich recht stutzerisch, alle Tage wars mir Martins-Abend oder Faßnacht. Da mir mein Vater zur Notdurft reichlich schickte und auch meiner Mutter fette Milchpfennige tapfer durchgehen ließe, lockte uns auch das Frauenzimmer an sich. Bei diesen Schleppsäcken lernte ich Löffeln, Buhlen und Spielen; Hadern, Balgen und Schlagen konnte ich zuvor.
Mein Vater erfuhr dieses herrliche Leben durch seinen Faktor in Lüttich. Der bekam Befehl, denPraeceptorabzuschaffen und den Zügel fürderhin nicht so lang zu lassen, mich ferner genauer im Gelde zu halten. Solches verdroß uns beide. Demnach wir aber nicht mehr wie hiebevor spendieren konnten, gesellten wir uns zu einer Bursch, die den Leuten des Nachts auf der Gasse die Mäntel abzwackte oder sie gar in der Maas ersäufte. Was wir solchergestalt eroberten, verschlemmten wir mit unseren Huren und ließen das Studieren beinahe ganz unterwegen.
Als wir nun einsmals bei Nacht herum schlingelten, den Studenten ihre Mäntel hinweg zu vulpinieren, wurden wir überwunden, meinPraeceptorerstochen und ich neben andern fünfen, die rechte Spitzbuben waren, erdappt und eingezogen. Auf Bürgschaft des Faktors, der ein ansehnlicher Mann war, ward ich losgelassen, doch daß ich bis auf weiteren Bescheid inseinem Hause im Arrest bleiben sollte. Jene fünf wurden als Spitzbuben, Räuber und Mörder gestraft. Mein Vater kam eiligst selbst auf Lüttich, richtete meine Sache mit Geld aus, hielt mir eine scharfe Predigt und verwiese mir, was ich ihm vor Kreuz und Unglück und meiner Mutter vor Verzweiflung machte — auch, daß er mich enterben und vorn Teufel hinwegjagen wollte. Ich versprach Besserung und ritte mit ihm nach Haus; also hat mein Studieren ein Ende genommen.
Ich war kein ehrbarerDominegeworden, sondern ein Disputierer und Schnarcher, der sich einbildete, er verstehe trefflich viel. Und mein Vater befand, daß ich im Grund verderbt wäre.
»Höre, Olivier,« sagte er, »ich sehe deine Eselsohren je länger je mehr hervorragen, du bist eine unnütze Last auf Erden. Ein Handwerk zu lernen bist du zu groß, einem Herren zu dienen bist du zu flegelhaftig, meine Hantierung zu begreifen und zu treiben bist du nichts nutz. Ich habe gehofft dich zum Manne zu machen, so habe ich dich hingegen jetzt aus des Henkers Händen erkaufen müssen: Pfui, der Schande!«
Dergleichen Lectionen mußte ich täglich hören, bis ich zuletzt auch ungeduldig ward und sagte, ich wäre an allem nicht schuldig, sondern er und meinPraeceptor, der mich verführt hätte. Daß er keine Freude an mir erlebe, wäre billig, sintemal seine Eltern sich auch seiner nicht erfreuen, als er sie gleichsam im Bettel verhungern lasse. Da erdappte er einen Prügel und wollte mir meine Wahrsagung lohnen, hoch und teuer sich verschwörend, er wolle mich nach Amsterdam ins Zuchthaus tun. Ich ging durch und ritte seinen besten Hengst auf Köln zu.
Den versilberte ich, kam abermals in eine Gesellschaftder Spitzbuben und Diebe und half bei Nacht einfahren. Maßen aber einer kurz hernach ergriffen ward, als er einer vornehmen Frau auf dem Alten Markt ihren schweren Beutel doll machen wollte und ich ihn einen halben Tag mit dem eisernen Halskragen am Pranger stehen sah, dergleichen wie sie ihm ein Ohr abschnitten und ihn mit Ruten aushieben, ward mir das Handwerk verleidet. Unser Obrister, bei dem wir vor Magdeburg gewesen, nahm eben damals Knechte an; ich ließ mich derowegen vor einen Soldaten unterhalten.
Nachgehends ging sein Schreiber mit Tod ab, so nahm mich der Obrist an dessen Statt zu sich, dann er hatte vernommen, daß ich eines reichen Kaufmanns Sohn wäre. Ich lernte von unsermSecretario, wie ich mich halten sollte, und mein Vorsatz, groß zu werden, verursachte, daß ich mich ehrbar und reputierlich einstellte und nit mehr mit Lumpenpossen schleppte.«
Sonach erzählte mir Olivier das Schelmenstück, das er meinem jungen Herzbruder mit dem übergöldten Becher angetan, damit er den alten Herzbruder auf den Tod gekränket, und mir ward grün und gelb vor Augen, als ich es aus seinem eigenen Maul hören mußte. Gleichwohl dorfte ich keine Rache nehmen.
»Im Treffen vor Wittstock«, sagte Olivier, »hielt ich mich nicht wie ein Federspitzer, der nur auf das Tintenfaß bestellt ist. Ich war wohl beritten und so fest als Eisen, ließ derhalben meinenValorsahen, als einer der durch den Degen hoch zu kommen oder zu sterben gedenket. Wie eine Windsbraut vagierte ich um unsere Brigade herum, mich zu exerzieren und zu erweisen, daß ich besser zu den Waffen als zur Feder tauge. Aber das Glück der Schweden überwand, ich wurde gefangen.
In einem Regiment, welches nach Pommern gelegtward, sich wieder zu erholen, ließ ich treffliche Courage verspüren und ward zum Korporal gemacht. Aber ich gedachte wieder unter die Kaiserlichen zu kommen. — Einsmals hatte ich mit sieben Musketierern achthundert Gulden ausständige Kontribution in unseren abgelegenen Quartieren erpreßt. Da ich nun das Geld beisammen trug, zeigte ich es meinen Burschen und machte ihre Augen nach demselben lüsternd, also daß wir des Handels einig wurden zu teilen und durchzugehen. Sonach persuadierte ich drei, daß sie mir halfen die andern vier tot zu schießen, und wir teileten das Geld. Unterwegs überredete ich noch einen, daß er auch die zween übrigen nieder schießen half. Den letzten erwürgte ich auch. So kam ich nach Werle, allwo ich mich anwerben ließ und mit dem Gelde ziemlich lustig machte.
Ich hörte daselbst viel Rühmens von einem jungen Soldaten in Soest, der sich treffliche Beuten und einen großen Namen machte. Man nannte ihn wegen seiner grünen Kleidung den Jäger. Mein Geld ging auf die Neige, derhalben ich mir einen grünen Wams und Hosen machen ließ und auf seinem Namen mit Verübung allerhand Exorbitantien in allen Quartieren stahl, soviel ich konnte. Der Jäger ließ mich herausfordern, aber der Teufel hätte mit ihm fechten mögen, den er auch in den Haaren sitzen hatte. Der würde mir meine Festigkeit schön aufgetan haben. Doch konnte ich seiner List nicht entgehen. Er praktizierte mich mich Hülfe zweier leibhaftiger Teufel in eine Schäferei und zwang mich zu der spöttlichsten Sache von der Welt, davon ich mich dergestalt schämte, daß ich hinweg nach Lippstadt lief.
Ich nahm fürders holländische Dienste, allwo ich zwar richtigere Bezahlung aber vor meinen Humoreinen langweiligen Krieg fand, dann da wurden wir eingehalten wie die Mönche und sollten züchtiger leben als die Nonnen.
Also gedachte ich mich zu den Spanischen zu schlagen und entwich, maßen mir der holländer Boden heiß geworden war. Allein mir ward der Kompaß verruckt, daß ich unversehens an die Bayrischen geriet. Mit denselben marschierte ich unter den Merode-Brüdern aus Westfalen bis ins Brißgäu und nährte mich mit Spielen und Stehlen, bis das Treffen vor Wittenweyer vorüberging, in welchem ich gefangen, abermals unter ein Regiment zu Fuß gestoßen und also zu einem Weimarischen Soldaten gemacht ward. Es wollte mir aber im Läger vor Breisach nicht gefallen, darum quittierte ichs bei Zeiten und ging davon, vor mich selbst zu kriegen, wie du siehest.«
Als Olivier seinen Diskurs dergestalt vollführte, konnte ich mich nicht genugsam über die göttliche Vorsehung verwundern. Dann sollte diese Bestia gewußt haben, daß ich der Jäger von Soest gewesen wäre, so hätte er mir gewißlich wieder eingetränkt, was ich ihm hiebevor auf der Schäferei getan. Ich sahe erst, was ich dem Olivier vor einen Possen erwiesen und wie weislich und obscur der alte Herzbruder seine Weissagungen gegeben, und wie es dannoch schwer fallen würde und seltsam hergehen müßte, da ich eines solchen Tod, der Galgen und Rad verdienet hätte, rächen sollte. Indem ich nun solche Gedanken machte, ward ich in Oliviers Gesicht etlicher Ritze gewahr, die ich vor Wahrzeichen des Spring-ins-Feld und seiner Teufelskrallen hielte. Ich fragte, woher ihm solche Zeichen kämen.
»Ach Bruder,« antwortete er, »wann ich dir alle meine Bubenstücke und Schelmerei erzählen sollte, so würde beides: mir und dir die Zeit zu lang werden. Ich will dir hievon auch die Wahrheit sagen, obschon es scheinet, als gereiche sie mir zum Spott.
Ich glaube gänzlich, daß ich vom Mutterleib an zu einem gezeichneten Angesicht vorbestimmt gewesen sei. In meiner Jugend ward ich von meinesgleichen Schuljungen zerkratzt, so hielt mich auch einer von denen Teufeln, die dem Jäger von Soest aufwarteten, überaus hart, maßen man seine Klauen wohl sechs Wochen in seinem Gesicht spürete. Diese Striemen aber, die du jetzt siehest, haben einen anderen Ursprung: Als ich unter den Schweden im Pommer lag und eine schöne Matresse hatte, mußte mein Wirt aus seinem Bette weichenund uns hineinlegen lassen. Seine Katze, die in demselben Bette zu schlafen gewohnt war, kam alle Nacht und machte uns große Ungelegenheit, dann meine Matresse konnte keine Katze leiden und verschwur sich hoch, sie wollte mir in keinem Fall mehr Liebes erweisen, bis ich ihr zuvor die Katze hätte abgeschafft. So gedachte ich mich an der Katze zu rächen, daß ich auch eine Lust daran haben möchte. Steckte sie derhalben in einen Sack, nahm meines Wirts beide starke Baurenhunde mit mir auf eine breite, lustige Wiese und gedachte da meinen Spaß zu haben, dann ich vermeinte, weil kein Baum in der Nähe war, auf den sich die Katze retirieren konnte, würden sie die Hunde eine Weile hin und her jagen, wie einen Hasen raumen und mir eine treffliche Kurzweile anrichten. Aber Potz Stern! es ging mir nicht allein hundeübel, wie man zu sagen pfleget, sondern auch katzenübel, maßen die Katze, sobald ich den Sack auftat, nur ein weites Feld, ihre zwei starken Feinde und nichts Hohes vor sich sahe, dahin sie ihre Zuflucht hätte nehmen mögen. Derowegen sprang sie auf meinen Kopf. — Je mehr ich sie nun herunter zu zerren trachtete, je fester schlug sie ihre Krallen ein. Solch unserem Gefecht konnten die beiden Hunde nicht lang zusehen, sondern mengten sich mit ins Spiel, sie sprangen mit offenem Rachen hinten, vorne, zur Seite nach der Katze, die sich mit ihren Klauen einkrallete, so gut sie konnte. Tät sie aber mit ihrem Dornhandschuh einen Fehlstreich nach den Hunden, so traf mich derselbe gewiß. Weil sie aber auch die Hunde auf die Nase schlug, beflissen sich dieselbigen, sie mit ihren Talpen herunter zu bringen und gaben mir damit manchen Griff ins Gesicht. Wann ich aber selbst mit beiden Händen nach der Katze tastete, sie herunter zu reißen, bißund kratzte sie nach ihrem besten Vermögen. Also ward ich beides: von den Hunden und von der Katze dergestalt schröcklich zugerichtet, daß ich schwerlich einem Menschen gleichsahe. Mein Kragen und Koller war blutig wie eines Schmiedes Notstall am St. Stefanstag, wann man die Pferde zur Ader läßt, und ich wußte ganz kein Mittel, mich aus diesen Ängsten zu erretten. Zuletzt so mußte ich von freien Stücken auf die Erde niederfallen, damit beide Hunde die Katze erwischen konnten, wollte ich anderst nicht, daß mein Kapitolium noch länger ihr Fechtplatz sein sollte. Die Hunde erwürgten zwar die Katze, ich hatte aber bei weitem keinen so herrlichen Spaß davon. Dessentwegen ward ich so ergrimmt, daß ich nachgehends beide Hunde totschoß und meine Matreß dergestalt abprügelte, daß sie hätte Öl geben mögen und darüber von mir weglief, weil sie ohn Zweifel keine solche abscheuliche Larve länger lieben konnte.«
Ich hätte gerne gelacht und mußte mich doch mitleidentlich erzeigen. Und als ich eben auch anfing, meines Lebens Lauf zu erzählen, sahen wir eine Kutsche samt zwei Reutern das Land herauf kommen. Wir satzten uns in ein Haus, das an der Straße lag und sehr bequem war, Reisende anzugreifen. Olivier legte mit einem Schuß gleich den einen Reuter und das Pferd, eh sie unserer inne wurden, deswegen dann der andere gleich durchging. Indem ich mit übergezogenem Hahn den Kutscher halten und absteigen gemachet, sprang Olivier auf ihn dar und spaltete ihm mit seinem breiten Schwert den Kopf bis auf die Zähne, wollte auch gleich die Frauenzimmer und Kinder metzgen, so vor Schröcken mehr den toten Leichen als den Lebenden gleich sahen. Ich aber wollte es rund nicht gestatten und sagte, er müßte mich zuvor erwürgen.
»Ach, du närrischerSimplici, daß du so ein heilloser Kerl bist und dich dergestalt anläßt!«
»Bruder, wes willst du die unschuldigen Kinder zeihen? Wann es Kerl wären, die sich stellen könnten!«
»Was! Eier in die Pfannen, so werden keine Junge draus! Ich kenne diese jungen Blutsauger wohl! Ihr Vater, der Major, ist ein rechter Schindhund und der erste Wamsklopfer von der Welt.«
Mit solchen Worten wollte er immer fortwürgen, doch enthielt ich ihn so lang, bis er sich endlich erweichen ließe. Es waren aber einer Majors Weib, ihre Magd und drei Kinder, die mich von Herzen daureten. Wir sperrten sie in einen Keller, auf daß sie uns nicht so bald verraten sollten, darin sie sonst nichts als Obst und weiße Rüben zu beißen hatten, bis sie gleichwohl von jemand erlöst würden. Demnach plünderten wir die Kutschen und zogen mit schönen Pferden in Wald, wo er zum dicksten war.
Da sahe ich unweit von uns einen Kerl stockstill an einem Baum stehen, solchen wiese ich dem Olivier aus Vorsicht.
»Ha, Narr,« antwortete er, »es ist ein Jud, den hab ich hingebunden. Der Schelm ist aber vorlängst erfroren und verreckt.« Indem ging er zu ihm, klopfte ihm mit der Hand unten ans Kinn und sagte: »Du Hund, hast mir viel schöne Dukaten gebracht!«
Da rollten dem Juden etliche Dublonen zum Maul heraus, welche der arme Schelm noch bis in seinen Tod davon bracht hatte. Olivier griff ihn darauf ins Maul und brachte zwölf Dublonen und einen köstlichen Rubin zusammen.
»Diese Beute habe ich dir zu danken,Simplici.«
Schenkte mir darauf den Rubin, stieß das Geld zusich und ging seinen Baurn zu holen mir Befehl, ich sollte indessen bei den Pferden verbleiben, aber wohl zusehen, daß mich der tote Jud nicht beiße.
Derweilen schlug mir das Gewissen merklich, darum daß ich die Kutsche aufgehalten, daß der Kutscher so erbärmlich ums Leben kommen und beide Weibsbilder mit denen unschuldigen Kindern in den Keller versperrt worden, worin sie vielleicht wie dieser Jude verderben mußten. Allein ich fand nicht Mittel noch Ausweg, dann ich gedachte, würdest du von den Weimarischen mit diesen Pferden erwischt, so wirst du als ein überzeugter Mörder aufs Rad gelegt, und ob deine Füße auch schnell genug wären, du wolltest desto weniger den Bauren auf dem Schwarzwald, so damals den Soldaten auf die Hauben klopften, entrinnen. Indem ich mich nun selbst so marterte und quälete und doch nichts entschließen konnte, kam Olivier mit dem Baur daher. Der führte uns mit den Pferden auf einen Hof, da wir fütterten. Wir ritten nach Mitternacht weiters und kamen gegen Mittag an die äußerste Grenzen der Schweizer, allwo Olivier wohl bekannt war und uns stattlich auftragen ließ. Der Wirt schickte nach zweien Juden, die uns die Pferde abhandelten. Es war alles so nett und just bestellt, daß es wenig Wortwechselns brauchte. Der Juden große Frage war, ob die Pferde kaiserisch oder schwedisch gewesen. Da sie vernahmen, daß sie von den Weimarischen herkämen, sagten sie, so müsse man solche nicht nach Basel sondern in das Schwabenland zu den Bayrischen reuten. Über welche große Kundschaft und Verträulichkeit ich mich verwundern mußte.
Wir bankettierten edelmännisch und ich ließ mir die guten Waldforellen und köstlichen Krebs wohl schmäcken. Wie es Abend ward, so machten wir uns wieder aufden Weg, hatten unsern Baur mit Gebratens und andern Viktualien wie einen Esel beladen. Damit kamen wir den andern Tag auf einen einzelnen Baurenhof, allwo wir freundlich aufgenommen wurden und uns wegen ungestümen Wetters ein paar Tage aufhielten. Folgends kamen wir auf Wald und Abwegen wieder in das Häuslein, dahin mich Olivier anfänglich geführet.
Wie wir nun so dasaßen auszuruhen, schickte Olivier den Baur aus, Essensspeise samt Zündkraut und Lot einzukaufen. Und als selbiger hinweg war, zog er seinen Rock aus und sagte:
»Bruder, ich mag das Teufelsgeld nicht mehr allein herumschleppen!« — Band demnach ein paar Würste oder Wülste, die er auf bloßem Leib trug, herunter und warf sie auf den Tisch. »Das Donnergeld hat mir Beulen gedruckt.«
Ich ergriff die Wülste und befand sie trefflich gewichtig, weil es lauter Goldsorten waren. Ich sagte, es sei alles unbequem gepackt, ich wollts einnähen, daß einem das Tragen nicht halb so sauer ankäme. Es gefiel ihm und ich machte mir und ihm ein Scapulier oder Schulterkleid aus einem Paar Hosen und versteppte manchen schönen, roten Batzen darein, daß wir unter dem Hemde hinten und vorn mit Gold gewappnet waren. So verriete er mir auch, daß er mehr als tausend Taler in einem Baume liegen hätte, aus welchem er den Baur hausen ließe, weil er solchen Schafmist nicht hoch halte.
Wir bäheten uns beim Ofen und gedachten an kein Ungemach, da kamen, als wir uns dessen am wenigsten versahen, sechs Musketierer samt einem Korporal mit fertigem Gewehr und aufgepaßten Lunten ins Häuslein, stießen die Stubentür auf und schrieen, wir sollten uns gefangen geben. Aber Olivier, der sowohl als ich seine gespannte Musketen neben sich liegen hatte, antwortete ihnen mit einem Paar Kugeln, durch welche er gleich zween zu Boden fällete, ich aber erlegte den dritten und beschädigte den vierten durch einen gleichmäßigenSchuß. Darauf wischte Olivier mit seinem notfesten Schwert, welches Haare schur, vom Leder und hieb den fünften von der Achsel bis auf den Bauch hinunter, daß ihme das Eingeweide heraus und er neben demselben nieder fiel, indessen schlug ich dem sechsten mit umgekehrtem Feuerrohr auf den Kopf, daß er alle vier von sich streckte. Einen solchen Streich kriegte Olivier von dem siebenten, und zwar mit solcher Gewalt, daß ihm das Hirn herausspritzte, ich aber traf diesen wiederum dermaßen, daß er seinen Kameraden beim Totenreigen Gesellschaft leisten mußte. Der Beschädigte aber fing an zu laufen, als ob ihn der Teufel selbst gejagt hätte. Und dies Gefecht währte kürzer als eines Vaterunsers Länge.
Sonach ich nun dergestalt allein Meister auf dem Platze blieb, beschauete ich den Olivier, ob er vielleicht noch einen lebendigen Atem in sich hätte. Da ich ihn aber ganz entseelt befand, dünkte es mich ungereimt zu sein, einem toten Körper so viel Goldes zu lassen, zog ihm derowegen das golden Fell ab und hing es mir an den Hals zu dem andern. Ich nahm auch Oliviers Muskete und Schwert zu mir, maßen mein Rohr zerschlagen war, und machte mich aus dem Staub auf einen Weg, da ich wußte, daß der Baur herkommen müsse.
Und kaum eine halbe Stunde ging ich in meinen Gedanken, so kam unser Baur daher und schnaubte wie ein Bär, dann er lief von allen Kräften.
»Warum so schnell? Was Neues?«
»Geschwind, machet Euch abwegs! Es kommt ein Korporal mit sechs Musketierern, die haben mich gefangen, daß ich sie zu euch führen sollte, ich bin ihnen aber entronnen.«
O Schelm, dachte ich, du hast uns um des OlivierSilbergeld verraten, ließe mich aber doch nichts merken, sondern sagte, daß Olivier und die andern tot wären. Das wollte er nicht glauben, bis ich ihn in das Häuslein führte, daß er das Elend an den sieben Körpern sehen könnte.
Der Baur erstaunte vor Schröcken und fragte, was Rats.
»Rat ist schon beschlossen. Unter dreien Dingen geb ich dir Wahl: Entweder führe mich alsbald durch sichere Abwege über den Wald hinaus nach Villingen oder zeige mir Oliviers Geld im Baum oder stirb hier. Führst du mich, so bleibt das Geld dein, wirst du mirs weisen, so teil ichs mit dir, tust du aber keines, so schieß ich dich tot.« — Der Baur wäre gern entloffen, aber er forchte die Muskete; fiele derhalben auf die Knie und erbot sich, mich über Wald zu führen.
Also wanderten wir denselben Tag und folgende Nacht ohn Essen und Trinken, bis wir gegen Tag die Stadt Villingen vor uns liegen sahen. Den Baur trieb Todesfurcht, mich aber die Begierde, mich selbst und mein Gold davon zu bringen, und muß fast glauben, daß einem Menschen das Gold große Kräfte mitteilet, dann obzwar ich schwer genug daran trug, so empfand ich jedoch keine sonderbare Müdigkeit.
Ich hielt es vor ein glücklich Omen, daß man die Pforte eben öffnete, als ich vor Villingen kam. Der Offizier von der Wacht examinierte mich, und da ich mich vor einen Freibeuter ausgab von jenem Regiment, wohin mich Herzbruder getan, wie auch, daß ich aus dem Läger vor Breisach von den Weimarischen herkäme und nunmehr zu meinem Regiment unter die Bayrischen begehrte, gab er mir einen Musketierer zu, der mich zum Kommandanten führte. Dem bekannteich alles, daß ich mich ein Tag oder vierzehn bei einem Kerl aufgehalten und mit demselben eine Kutschen angegriffen, der Meinung, von den Weimarischen Beute zu holen und rechtschaffen montiert wieder zu unserem Regiment zu kommen. Wir seien aber von einem Korporal mit sechs andern Kerlen überfallen worden, dadurch mein Kamerad und sechs vom Gegenteil auf dem Platze geblieben. Der Kommandant wollte es fast nicht glauben, daß wir zween sollten sechs Mann niedergemacht haben und ich nahm Gelegenheit von Oliviers Schwert zu reden. Das gefiel ihm so wohl, daß ichs ihm, wollte ich anders mit guter Manier von ihm kommen und Paß erlangen, gegen einen andern Degen lassen mußte. Im Wahrheit aber so war dasselbe trefflich schön und gut. Es war ein ganzer, ewigwährender Kalender darauf geätzt.
Ich ging den nächsten Weg ins Wirtshaus und wußte nicht, ob ich am ersten schlafen oder essen sollte. Doch wollte ich zuvor meinen Magen stillen und machte mir unterdessen Gedanken, wie ich meine Sachen anstellen, daß ich mit meinem Gold sicher nach L. zu meinem Weibe kommen möchte.
Indem ich nun so spekulierte, hinkte ein Kerl mit einem Stecken in der Hand in die Stube, der hatte einen verbundenen Kopf, einen Arm in der Schlinge und so elend verlauste Kleider an, daß ich ihm keinen Heller darum gegeben hätte. Der Hausknecht wollte ihn austreiben, weil er übel stank. Er aber bat, ihn um Gottes Willen zu lassen, sich nur ein wenig zu erwärmen, so aber nichts half. Demnach ich mich seiner erbarmete und vor ihn bat, ward er kümmerlich zum Ofen gelassen. Er sahe mir, wie mich bedünkte, mit begierigem Appetit und großer Andacht zu, wie ich darauf hiebund ließ etliche Seufzer laufen. Und als der Hausknecht ging, mir ein Stück Gebratenes zu holen, ging er gegen mich zum Tisch zu und reichte ein irden Pfennighäfelein in der Hand dar, daß ich mir wohl einbilden konnte, warum er käme; nahm derhalben die Kanne und goß ihm seinen Hafen voll, eh er heischte.
»Ach Freund,« sagte er, »um Herzbruders willen gebet mir auch zu essen!«
Solches ging mir durchs Herz und ich befand, daß es Herzbruder selbsten war. Ich wäre beinahe in Ohnmacht gesunken, doch erhielt ich mich, fiel ihm um den Hals, satzte ihn zu mir, da uns beiden die Augen übergingen.
Wir konnten fast weder essen noch trinken, nur fragte einer den andern, wie's ihm ergangen. Der Wirt wunderte sich, daß ich einen so lausigen Kerl bei mir litte, ich aber sagte, solches sei unter Kriegskameraden Brauch. Da ich auch verstund, daß sich Herzbruder bisher im Spital aufgehalten, vom Almosen sich ernähret, und seine Wunden liederlich verbunden worden, dingte ich dem Wirt ein sonderlich Stüblein ab, legte Herzbruder in ein Bette, ließ ihm den besten Wundarzt kommen, wie auch einen Schneider und eine Näherin, ihn zu kleiden und den Läusen aus den Zähnen zu ziehen. Ich hatte eben diejenigen Dublonen, so Olivier dem toten Juden aus dem Maul bekommen, bei mir in einem Säckel. Dieselben schlug ich auf den Tisch und sagte dem Wirt zu Gehör:
»Schau Herzbruder, das ist mein Geld, das will ich an dich wenden und mit dir verzehren.«
Darnach der Wirt uns wohl aufwartete. Dem Barbier aber wies ich den Rubin, der ungefähr zwanzig Taler wert war und sagte, weil ich mein wenig Geld vor uns zu Zehrung und Kleidung aufwenden müßte, so wollte ich ihm denselben Ring geben, wenn er meinen Kameraden in Bälde von Grund aus kurieren wollte, dessen er dann wohl zufrieden war, daß er seinen besten Fleiß aufwandte.
Also pflegte ich Herzbrudern wie meinem andern Ich. Der Kommandant, dem ich alles anzeigete, gönnte mir zu bleiben, bis mein Kamerad mir würde folgen können und versprach uns beide alsdann mit gemeinsamen Paß zu versehen.
Demnach ich nun wieder zu Herzbrudern kam, bat ich ihn, er wollte mir unbeschwert erzählen, wie er in einen so armseligen Stand geraten wäre, dann ich bildete mir ein, er möchte vielleicht eines Versehens halber von seiner vorigen Dignität verstoßen, unredlich gemachet und in gegenwärtiges Elend versetzt worden sei.
Er aber sagte: »Du weißt, Bruder, daß ich des Grafen von GötzFactotumund geheimster Freund gewesen, daß aber der verwichene Feldzug unter seiner Generalität eine unglückliche Endschaft erreichet, indem wir die Schlacht bei Wittenweyer verloren. Weil nun deswegen hin und wieder von aller Welt sehr ungleich geredet ward, zumalen wohlgemeldter Graf sich zu verantworten nach Wien ist citieret, so lebe ich beides: vor Scham und Forcht freiwillig in dieser Niedere und wünsche mir oft entweder in diesem Elend zu sterben oder doch wenigst mich so lang verborgen zu halten, bis der Graf seine Unschuld an Tag gebracht. — Vor Breisach armierte ich mich selbst, da ich sahe, daß es unserseits so schläfrig herging, den andern zum Exempel. Ich kam unter den ersten Angängern an den Feind auf die Brücke, da es dann scharf herging. So empfing ich zugleich einen Schuß in meinen rechten Arm und den andern Schenkel, daß ich weder ausreißen, noch meinen Degen gebrauchen konnte. Und als die Enge des Ortes und der große Ernst nicht zuließ, viel von Quartiernehmen und -geben zu parlamentieren, kriegte ich einen Hieb in Kopf, davon ich zu Boden fiel. Und weil ich fein gekleidet war, wurde ich in der Furi von etlichen ausgezogen und vor tot in Rhein geworfen. In solchen Nöten schrie ich zu Gott, indem ich unterschiedliche Gelübde tät, spürete auch seine Hilfe. Der Rhein warf mich ans Land, allwo ich meine Wunden mit Moosverstopfte und beinahe erfror. Jedoch ich kroch davon und stieß unter etliche Merode-Brüder und Soldatenweiber, die sich meiner erbarmeten. Ich mußte aber sehen, daß sich die Unsrigen zu einem spöttlichen Abzug rüsteten, resolvierte derhalben bei mir selbsten, mich niemand zu offenbaren, und nahm meinen Elendsweg, von dem du mich hast aufgehoben.«
Ich tröstete Herzbrudern so gut ich konnte und vertraute ihm, daß ich noch mehr Geld hätte als jene Dublonen. Und ich erzählte ihm Oliviers Untergang und was Gestalt ich seinen Tod habe rächen müssen. Welches sein Gemüt dermaßen erquickte, also daß es ihm auch an seinen Leib zustatten kam, maßen es sich an allen Wunden täglich mit ihm besserte.
Nachdem Herzbruder wieder allerdings erstärkt, vertrauete er mir, daß er in den höchsten Nöten eine Wallfahrt nach Einsiedeln zu tun gelobt. Weil er dann jetzt ohn das so nahe am Schweizerland wäre, so wollte er solche verrichten und sollte er auch dahin betteln. Ich bot ihm Geld und meine Gesellschaft an, ja, ich wollte gleich zween Klepper kaufen. Nicht zwar der Ursache, daß mich die Andacht darzu getrieben, sondern um die Eidgenoßschaft zu besehen, als das einzige Land, darin der liebe Friede noch grünete. So freute mich auch nicht wenig, daß ich Gelegenheit hatte, Herzbrudern auf solcher Reise zu dienen, maßen ich ihn fast höher als mich selbst liebte. Er aber schlug beides: meine Hilfe und meine Gesellschaft ab mit Vorwand, seine Wallfahrt müsse zu Fuß und darzu auf Erbsen geschehen, meine Gesellschaft würde ihn nicht allein an der Andacht verhindern, sondern mir selbst große Ungelegenheit aufladen. Das redete er aber, mich von sich zu schieben, weil er sich ein Gewissen machte auf einer so heiligen Reise von dem Gelde zu zehren, das mit Morden und Rauben erobert worden. Er sagte unverholen, daß ich bereits mehr an ihm getan, weder ich schuldig gewesen, noch er zu erwidern getraue. Hierüber gerieten wir in ein freundlich Gezänke, das war so lieblich, als ich dergleichen niemals habe hören hadern. Bis ich endlich merkte, daß er beides: an Oliviers Geld und meinem gottlosen Leben einen Ekel hatte. Derhalben behalf ich mich mit Lügen und überredete ihn, daß mich meinBekehrungsvorsatz nach Einsiedeln triebe, sollte er mich nun von einem so guten Werk abhalten und ich darüber sterben, so würde ers schwer verantworten können. Hierdurch persuadierte ich ihn, daß er es zuließ, sonderlich weil ich eine große Reue bezeugte, als ich ihn dann auch überredete, daß ich sowohl als er auf Erbsen nach Einsiedeln gehen wollte.
Er willigte endlich drein, wiewohl mit Widerstreben, daß ich einen Paß bekam nach meinem Regiment (und nicht nach Einsiedeln) zu gehen. Mit demselben wanderten wir bei Beschließung des Tores samt einem getreuen Wegweiser aus der Stadt, als wollten wir nach Rottweil, wandten uns aber kurz durch Nebenwege und kamen noch dieselbige Nacht über die schweizerische Grenze und folgenden Morgen in ein Dorf, allda wir uns mit schwarzen langen Röcken, Pilgerstäben und Rosenkränzen montierten und den Boten wieder zurückschickten.
Das Land kam mir so fremd vor gegen andern deutschen Ländern, als wann ich in Brasilia oder in China gewesen wäre. Da sahe ich die Leute im Frieden handeln und wandeln. Die Ställe stunden voll Viehe. Die Baurenhöfe liefen voll Hühner, Gäns und Enten. Die Straßen wurden sicher von den Reisenden gebrauchet. Die Wirtshäuser saßen voll Leute, die sich lustig machten. Da war ganz keine Forcht vor dem Feind, keine Sorge vor der Plünderung und keine Angst, sein Gut, Leib noch Leben zu verlieren. Ein jeder lebte sicher unter seinem Weinstock und Feigenbaum, und zwar, gegen andere deutsche Länder zu rechnen, in lauter Wollust und Freude, also daß ich dieses Land vor ein irdisch Paradies hielt, wiewohln es von Art rauh genug zu sein schiene.
Das machte, daß ich auf dem ganzen Weg nur hin und her gaffte, wann hingegen Herzbruder an seinem Rosenkranz betete. Deswegen ich manchen Filz bekam, dann er wollte, daß ich wie er bete, welches ich aber nicht gewöhnen konnte.
Zu Zürich kam er mir recht hinter die Briefe und dahero sagte er mir die Wahrheit auch am tröckensten heraus. Dann als wir zu Schaffhausen, allwo mir die Füße von den Erbsen sehr wehe täten, die vorige Nacht geherberget und ich mich den künftigen Tag wieder auf Erbsen zu gehen förchtete, ließ ich sie kochen und tät sie wieder in die Schuhe.
»Bruder, du hast große Gnade vor Gott,« meinte Herzbruder zu Zürich, »daß du unangesehen der Erbsen, dannoch so wohl fortkommen kannst.«
»Ja,« sagte ich, »liebster Herzbruder, ich habe sie gekocht, sonst hätte ich soweit nicht darauf gehen können.«
»Ach, daß Gott erbarme, was hast du getan! Du hättest sie lieber gar aus den Schuhen gelassen, wann du nur dein Gespötte damit treiben willst. Gott wird dich und mich zugleich strafen. Ich besorge, es stehe deine Seligkeit in höchster Gefahr. Ich liebe keinen Menschen mehr als dich, leugne aber auch nit, daß ich mir ein Gewissen machen muß, solche Liebe zu kontinuieren.«
Ich verstummte vor Schröcken, daß ich mich schier nicht wieder erholen konnte. Zuletzt bekannte ich frei, daß ich die Erbsen nicht aus Andacht, sondern allein ihm zu Gefallen in die Schuhe getan, damit er mich mitgenommen hätte.
»Ach Bruder, ich sehe, daß du weit vom Weg der Seligkeit bist. Gott verleihe dir Besserung, dann ohne die kann unsere Freundschaft nicht bestehen.«
Von dieser Zeit folgte ich ihm traurig nach, als einer, den man zu Galgen führet. Mein Gewissen fing an mich zu drucken, alle meine Bubenstücke stelleten sich mir vor Augen, da beklagte ich erst die verlorene Unschuld. Und was meinen Jammer vermehrete war, daß Herzbruder nicht viel mehr mit mir redete und mich nur mit Seufzen anschauete, als hätte er meine Verdammnis an mir bejammert.
Solchergestalt langten wir zu Einsiedeln an und kamen eben in die Kirche, als ein Priester einen Besessenen exorcisieret. Das war mir neu und seltsam, derowegen ließ ich Herzbrudern knien und beten, so lange er wollte, und ging hin, diesem Spektakul aus Fürwitz zuzusehen.
Aber ich hatte mich kaum ein wenig genähert, da schrie mich der böse Geist aus dem armen Menschen an: »Oho, du Kerl, schlägt dich der Hagel auch her? Ich habe vermeint, dich zu meiner Heimkunft bei dem Olivier in unserer höllischen Wohnung anzutreffen! Du ehebrecherischer, mörderischer Jäger, darfst du dir wohl einbilden, uns zu entrinnen? O ihr Pfaffen, nehmt ihn nur nicht an, er ist ein Gleißner und ärger Lügner als ich, er foppt euch nur und spottet beides: Gott und Religion!«
DerExorcistbefahl dem Geist zu schweigen, weil man ihm als einem Erzlügner ohn das nicht glaube.
»Ja, ja, fraget des ausgesprungenen Mönches Reisegesellen, der wird euch wohl erzählen, daß dieserAtheistdie Erbsen gekocht, auf welchen er hierher zu gehen versprochen!«
Ich wußte nit, ob ich auf dem Kopfe oder Füßen stund, da ich dieses alles hörete und mich jedermann ansahe. Der Priester strafte den Geist, konnte ihn aber denselben Tag nicht austreiben.
Indessen kam Herzbruder auch herzu, als ich eben vor Angst mehr einem Toten als Lebendigen gleich sahe und zwischen Furcht und Hoffnung nicht wußte, was ich tun sollte. Er tröstete mich und versicherte diePatres, daß ich mein Tag kein Mönch gewesen, aber wohl ein Soldat, der vielleicht mehr Böses als Gutes getan haben möchte. Ich aber war in meinem Gemüt dermaßen verwirrt, als ob ich allbereits die höllische Pein selbst empfände, als daß die Geistlichen genug an mir zu beruhigen hatten. Sie vermahneten mich zur Beichte und Kommunion, aber der Geist schrie abermals aus dem Besessenen:
»Ja, ja, er wird fein beichten! Er weiß nicht einmal, was beichten ist! Seine Eltern sein mehr wiedertäuferisch als calvinisch gewesen!«
DerExorcistbefahl dem Geist abermals zu schweigen und sagte:
»So wird dichs desto mehr verdrießen, wenn dir das verloren Schäflein wieder aus dem Rachen gezogen und der Herde Christi einverleibet wird.«
Darauf fing der Geist so grausam an zu brüllen, daß es schröcklich zu hören war. Aus welchem greulichen Gesang ich meinen größten Trost schöpfte, dann ich dachte, wann ich keine Gnade vor Gott mehr erlangen könnte, so würde sich der Teufel nicht so übel anstellen.
Ich empfand eine solche Reue und Begierde zur Buße und mein Leben zu bessern, daß ich alsobald einen Beichtvater begehrte, worüber sich Herzbruder höchlich erfreuete, weil er wahrgenommen und wohl gewußt, daß ich bisher noch keiner Religion beigetan gewesen. Demnach bekannte ich mich offentlich zur katholischen Kirche, ging zur Beichte und kommuniziertenach empfangenerAbsolution. Worauf mir dann so leicht und wohl ums Herz ward, daß ichs nicht aussprechen kann. Der Geist in dem Besessenen ließ mich fürderhin zufrieden.
Wir verblieben vierzehn ganzer Tage an diesem gnadenreichen Ort, wo ich die Wunder, so allda geschehen, betrachtete, welches alles mich zu ziemlicher Andacht und Gottseligkeit reizete, doch währte solches auch nur so lang, als es mochte. Dann wie meine Bekehrung aus Angst und Forcht entsprungen, also ward ich auch nach und nach wieder lau und träg, weil ich allmählich des Schreckens vergaß.
Wir begaben uns nach Baden, alldorten vollends auszuwintern.
Ich dingete daselbst eine lustige Stube und Kammer vor uns, deren sonst zur Sommerszeit die Badegäste zu gebrauchen pflegen, welches gemeiniglich reiche Schweizer sein, die mehr hinziehen sich zu erlustieren und zu prangen, als einiger Gebrechen halber zu baden.
Als Herzbruder sahe, daß ich so herrlich angriff, ermahnete er mich zur Gesparsamkeit. Viel Geld sei bald vertan, es stäube hinaus wie der Rauch und verspreche, nimmermehr wieder zu kommen. Auf solche treuherzige Erinnerung konnte ich Herzbrudern nicht länger verbergen, wie reich mein Säckel wäre. Es sei zudem billig, daß Herzbruder aus Oliviers Säckel vergnügt würde, um die Schmach, die er hiebevor von ihm vor Magdeburg empfangen, sintemal die Erwerbung dieses Goldes ohn das alles Segens unwürdig wäre, so daß ich keinen Meierhof daraus zu kaufen gedächte. Ich zog meine beiden Scapulier ab, trennte die Dukaten und Pistoletten heraus und sagte zu Herzbruder, er möge nun mit dem Gelde nach Belieben verfahren, maßen ich mich in aller Sicherheit zu sein wüßte.
Er sagte: »Bruder, du tust nichts, so lange ich dich kenne, als deine gegen mich habende Liebe bezeugen. Womit meinst du, daß ichs wieder um dich werde beschulden können? Es ist nicht nur um das Geld zu tun, sondern um deine Liebe und Treue, vornehmlich aber um dein zu mir habendes hohes Vertrauen, so nicht zu schätzen ist. Bruder, mit einem Wort, dein tugendhaft Gemüt machet mich zu deinem Sklaven, und was du gegen mich tust, ist mehr zu verwundern als zu wiedergelten möglich. Versichert, Bruder, dieses Beweistumdeiner wahren Freundschaft verbindet mich mehr gegen dich als ein reicher Herr, der mir viel tausend verehrte. Allein bitte ich, mein Bruder, bleibe selber Verwahrer und Austeiler über dein Geld. Mir ist genug, daß du mein Freund bist.«
Ich antwortete: »Was wunderliche Reden sein das, hochgeehrter Herzbruder? Er gibt mündlich zu vernehmen, daß Er mir verbunden sei und will doch nicht davor sein, daß ich dieses Geld nicht unnütz verschwende?«
Also redeten wir beiderseits gegeneinander läppisch genug, weil ja einer des andern Liebe trunken war. Und ward Herzbruder zu gleich mein Hofmeister, Säckelmeister, Diener und Herr. Und in solcher müßiger Zeit erzählete er mir seines Lebens Lauf und ich ihm den meinen. Da er nun hörete, daß ich ein junges Weib zu L. hatte, verwiese er mir, daß ich mich nicht ehender zu derselbigen, als mit ihm in das Schweizerland begeben, dann solches wäre anständiger und auch meine Schuldigkeit gewesen. Demnach ich mich entschuldiget, daß ich ihn als meinen allerliebsten Freund in seinem Elend zu verlassen nicht übers Herz bringen können, beredete er mich, daß ich meinem Weibe schrieb und ihr meine Gelegenheit zu wissen machte mit Versprechen, mich mit ehistem wieder zu ihr zu begeben. Tät meines langen Ausbleibens widriger Begegnüssen halber Entschuldigung.
Dieweil dann Herzbruder aus den gemeinen Zeitungen erfuhr, daß es um den Grafen von Götz wohl stünde und er gar wiederum das Kommando über eine Armee kriegen würde, berichtete er demselben seinen Zustand nach Wien und schrieb auch nach der kur-bayrischen Armee wegen seiner Bagage.
Herzbruder erhielt von hochgemeldten Grafen eine Wiederantwort und treffliche Promessen von Wien, ich aber bekam von L. keinen einzigen Buchstaben, unangesehen ich unterschiedliche Posttägein duplohinschriebe. Das machte mich unwillig und verursachete, daß ich denselbigen Frühling meinen Weg nicht nach Westfalen antrat, sondern von Herzbrudern erhielt, daß er mich mit ihm nach Wien nahm, mich seines verhofften Glückes genießen zu lassen. Also montierten wir uns aus meinem Geld wie zwei Kavaliers beides: mit Kleidungen, Pferden, Dienern und Gewehren. Gingen durch Konstanz auf Ulm, allda wir uns auf die Donau satzten und von dort aus in acht Tagen zu Wien glücklich anlangten. Auf demselben Weg beobachtete ich sonst nichts, als daß die Weibsbilder, so an dem Strand wohnen, den Vorüberfahrenden, so ihnen zuschreien, nicht mündlich sondern schlicht mit dem Beweistum selbst antworten, davon ein Kerl manch feines Einsehen haben kann.
Es geht wohl seltsam in der veränderlichen Welt her! Wer alles wüßte, der würde bald reich. Ich sage: Wer sich allweg in die Zeit schicken könnte der würde auch bald groß und mächtig. Wer aber weiß, sich groß und mächtig zu machen, dem folget der Reichtum auf dem Fuß. Das Glück, so Macht und Reichtum zu haben pfleget, blickte mich trefflich holdselig an.
Der Graf von der Wahl, unter dessen Kommando ich mich hiebevor in Westfalen bekannt gemacht, war eben auch zu Wien. Herzbruder ward zu einem Bankett geladen, da sich verschiedene kaiserliche Kriegsräte neben dem Grafen von Götz und andern mehr befanden. Als man von allerhand seltsamen Köpfen und berühmten Parteigängern redete, erzählte der Graf von der Wahl auch etliche Stücklein des Jägers von Soest, daß mansich teils über einen so jungen Kerl verwunderte, teils bedauerte, daß der listige hessische Obristde S. A.ihm einen Weh-Bengel angehängt, damit er entweder den Degen beiseite legen oder schwedische Waffen tragen sollte. Herzbruder, der eben dort stund, bate um Verzeihung und Erlaubnis zu reden und sagte, daß er den Jäger von Soest besser kenne als sonst einen Menschen, er sei nicht allein ein guter Soldat, sondern auch ein ziemlicher Reuter, perfekter Fechter, trefflicher Büchsenmeister und Feuerwerker, über dies alles einer, der einem Ingenieur im Fortifikationswesen nichts nachgeben würde. Er hätte nicht nur sein Weib, weil er mit ihr schimpflich hintergangen worden, sondern auch alles was er gehabt zu L. hinterlassen und wiederum kaiserliche Dienste gesucht, maßen er mit ihm selbsten nach Wien gekommen des Willens, sich abermals wider der römischen kaiserlichen Majestät Feinde gebrauchen zu lassen, doch soferne er solche Kondition haben könnte, die ihm anständig seien.
Damals war diese ansehnliche Kompanei mit dem lieben Trunk schon dergestalt begeistert, daß sie ihre Kuriosität, den Jäger zu sehen befriedigt wissen wollte, maßen Herzbruder geschickt ward, mich in einer Kutsche zu holen. Er instruierte mich unterwegs, derhalben antwortete ich, als ich hinkam, auf alles sehr kurz und redete nichts, es müßte dann einen klugen Nachdruck haben. Ich erschien dergestalt, daß ich jedem angenehm war. Mithin kriegte ich auch einen Rausch und glaube wohl, daß ich dann habe scheinen lassen, wie wenig ich bei Hof gewesen. Endlich versprach mir ein Obrister zu Fuß eine Kompagnie unter seinem Regiment.
Also ward ich derselbigen vor einen Hauptmann vorgestellt. Obzwar meine Kompagnie samt mir ganzkomplett war, hatte sie nicht mehr als sieben Schillerhälse, zudem waren meine Unter-Offizierer mehrenteils alte Krachwadel, darüber ich mich hinter Ohren kratzte. Dahero ward ich mit ihnen bei der nächsten scharfen Occasion desto leichter gemarscht. Dabei verlor der Graf von Götz das Leben, Herzbruder und ich bekamen einen Schuß. Wir begaben uns auf Wien, um uns kurieren zu lassen, wo sich bei Herzbruder ein anderer gefährlicher Zustand zeigte, dann er ward lahm an allen vieren, wie einCholericus, den die Galle verderbt, und war doch am wenigsten selbiger Komplexion noch dem Zorn beigetan. Nichts desto weniger ward ihm eine Sauerbrunnkur, der Gießbacher an dem Schwarzwald, vorgeschlagen.
Also veränderte sich das Glück unversehens. Herzbruder machte sein Testament und satzte mich zum einzigen Erben, und ich schlug mein Glück in den Wind und quittierte meine Kompagnie, damit ich ihn begleiten und ihm in Sauerbrunn aufwarten könnte.
Ein erfahrener Medicus, den ich von Straßburg eingeholet, befand, daß dem Herzbruder mit Gift vergeben worden, das Gift sei aber nicht stark genug gewesen, ihn gleich hinzurichten. Es müsse durch Gegenmittel und Schweißbäder ausgetrieben werden, und würde sich solche Kur auf ungefähr eine Woche oder acht belaufen. Mein Herzbruder resolvierte sich, in Sauerbrunn die Kur zu vollenden, weil er nicht allein eine gesunde Luft, sondern auch allerhand anmutige Gesellschaft unter den Badegästen hatte.
Solche Zeit mochte ich nicht vergeblich hinbringen, weil ich Begierde hatte, dermalen eins mein Weib auch wiederum zu sehen. Herzbruder hatte meiner nicht vonnöten und lobte solches Fürnehmen. Gab mir auch etliche kostbare Kleinodien, die ich ihr seinetwegen verehren und sie um Verzeihung bitten sollte, daß er eine Ursache gewesen sei, daß ich sie nicht ehender besuchet.
Also ritt ich auf Straßburg, allwo mein Geld auf Wechsel lag, machte mich nicht allein mit Geld gefaßt, sondern erkundigte auch, wie ich meine Reise anstellen möchte, um zwischen so vielen Guarnisonen der beiderseits kriegenden Teile am sichersten fort zu kommen. Erhielt derowegen einen Paß vor einen Straßburger Botenläufer und machte etliche Schreiben an mein Weib, ihre Schwester und deren Eltern, als ob ich einen Boten nach L. schicken wollte. Ich verkleidete mich aber selbsten in ein weiß und rote Livrei und fuhr also botenweis bis nach Köln, welche Stadt damals zwischen den kriegenden Parteien neutral war.
Ich ging zuforderst hin, meinenJovemzu besuchen, den ich hiebevor bei Soest gefangen hatte, um zu erkundigen, welche Bewandnus es mit meinen hinterlegten Sachen hätte. MeinJupiterwar aber damals wieder ganz hirnschellig und unwillig über das menschliche Geschlecht.
»OMercuri,« sagte er zu mir, »was bringst du neues von Münster? Vermeinen die Menschen wohl ohn meinem Willen Frieden zu machen? Nimmermehr! Sie hatten ihn. Warum haben sie ihn nicht behalten? Gingen nicht alle Laster im Schwang, als sie mich bewegten den Krieg zu senden? Womit haben sie seithero verdient, daß ich ihnen den Frieden wiedergeben sollte? Haben sie sich dann selbiger Zeit her bekehrt? Seind sie nicht ärger worden und selbst mit in Krieg geloffen wie zu einer Kirmeß? Oder haben sie sich vielleicht wegen der Teuerung bekehret, die ich ihnen zugesandt, darin so viel tausend Seelen Hungers gestorben? Oder hat sie vielleicht das grausame Sterben erschröcket (das so viel Millionen hingerafft) daß sie sich gebessert? Nein, nein,Mercuri, die übrig Verbliebenen, die den elenden Jammer mit ihren Augen angesehen, haben sich nicht allein nicht gebessert, sondern seind viel ärger worden als sie zuvor jemals gewesen. Haben sie sich nun wegen so vieler scharfen Heimsuchungen nicht bekehret, sondern unter dem schweren Kreuz und Trübsal gottlos zu leben nicht aufgehöret, was werden sie dann erst tun, wann ich ihnen den wohl-lustbarlichen, göldenen Frieden wieder zusendete? Aber ich will ihrem Mutwillen wohl bei Zeiten steuern und sie im Elend hocken lassen.«
Weil ich nun wußte, wie man diesen Gott lausen mußte, wann man ihn recht stimmen wollte, sagte ich:»Ach, großer Gott, es seufzet aber alle Welt nach dem Frieden und verspricht eine große Besserung.«
»Ja,« antworteteJupiter, »sie seufzen wohl, aber nicht meinet- sondern um ihrentwillen. Nicht daß jeder unter seinem Weinstock und Feigenbaum Gott loben, sondern daß sie deren edle Früchte mit guter Ruhe und in aller Wollust genießen möchten. — Ich fragte neulich einen Schneider, ob ich den Frieden geben sollte. Er antwortete es sei ihm gleich, er müsse sowohl zu Kriegs- als Friedenszeiten mit der stählernen Stange fechten. Eine solche Antwort kriegte ich auch von einem Rotgießer, der sagte, wann er im Frieden keine Glocken zu gießen hätte, so wäre im Kriege genug an Stücken und Feuermörsern zu tun. Also antwortete mir auch ein Schmied: er habe keine Pflüge und Baurenwägen zu beschlagen, so kämen ihm im Krieg genug Reuterpferde und Heerwägen unter die Hände, also daß er des Friedens wohl entbehren könne. Siehe nun, lieberMercuri, warum soll ich ihnen dann den Frieden verleihen? Alle so ihn wünschen, begehren seiner um ihres Bauchs und der Wollust willen, hingegen sind andere die den Krieg wollen, weil er ihnen einträget. Und gleichwie die Mäuerer und Zimmerleute den Frieden wünschen, damit sie in Auferbauung der eingeäscherten Häuser Geld verdienen, also verlangen andere die Fortsetzung des Krieges, im selbigen zu stehlen.«
Weil nun meinJupitermit solchen Sachen umging, konnte ich mir leicht einbilden, daß er mir in seinem verwirrten Stand von dem Meinigen wenig Nachricht würde geben können. Nahm also den Kopf zwischen die Ohren und ging durch Abwege nach L.
Daselbst erfuhr ich, vor einen fremden Boten gehalten, daß mein Schweher samt der Schwieger bereitsvor einem halben Jahr diese Welt gesegnet, und dann, daß meine Liebste, nachdem sie mit einem Sohn niedergekommen, den ihre Schwester bei sich hätte, gleichfalls stracks nach ihrem Kindbette, diese Zeitlichkeit verlassen.
Darauf lieferte ich meinem Schwager die Schreiben, die ich selbst an meine Liebste und ihre Schwester gerichtet hatte, aus. Derselbe wollte mich nun beherbergen, damit er erfahren könnte, wes StandesSimpliciussei und wie er sich verhielte. Zu dem Ende diskutierte meine Schwägerin lang mit mir von mir selbsten, und ich redete auch von mir, was ich nur Löbliches wußte, dann die Pocken hatten mich dergestalt verderbt und verändert, daß mich kein Mensch erkannte.
Als ich ihr nun nach der Länge erzählte, daß HerrSimpliciusviel schöner Pferde und Diener hätte und in einer schwarzen sammeten Mütze aufzöge, die überall mit Gold verbrämt wäre, sagte sie:
»Ich habe mir jederzeit eingebildet, daß er keines so schlichten Herkommens sei, als er sich davor ausgeben. Der hießige Kommandant hat meine Eltern selig mit großen Verheißungen persuadiert, daß sie ihm meine Schwester selig, die wohl eine fromme Jungfrau gewesen, ganz vorteilhaftiger Weise aufgesattelt. Er hat einen Vorrat in Köln gehabt und ihn hierher holen wollen, ist aber darüber ganz schelmischer Weise nach Frankreich prakticiert worden. — Meine Schwester hat ihn kaum vier Wochen gehabt. Weil dann nunmehr mein Vater und Mutter tot, ich und mein Mann aber keine Kinder miteinander erhoffen, haben wir meiner Schwester Kind zum Erben angenommen und mit Hülfe des hießigen Kommandanten seines Vaters Habe zu Köln erhoben, welche sich auf dreitausend Gulden belaufen möchte. Wann also dieser junge Knab einmal zu seinenJahren kommt, wird er nicht Ursach haben sich unter die Armen zu rechnen. Ich und mein Mann lieben das Kind auch so sehr, daß wirs nicht mehr seinem Vater ließen, wannschon er selbst käme. Ich weiß, wann mein Schwager wüßte, was er vor einen schönen Sohn hier hätte, daß ihn nichts halten könnte hierher zu kommen.«
Indem lief mein Kind in seinen ersten Hosen um uns und ich erfreuete mich vom Herzen. Ich suchte die Kleinodien herfür, so ich hätte meiner Liebsten bringen sollen, und gab sie meinem Schwager vor das Kind, was er mit Freuden empfing.
Mithin drang ich auf meine Abfertigung, und als ich dieselbe bekam, begehrete ich im Namen desSimpliciiden kleinenSimpliciumzu küssen, damit ich solches seinem Vater als Wahrzeichen erzählen könnte. Als dies nun auf Vergünstigung meiner Schwägerin geschah, fing beiden, mir und dem Kinde, die Nase an zu bluten, darüber mir das Herz hätte brechen mögen, doch ich verbarg meineAffecten. Damit man nicht Zeit haben möchte, der Ursache dieser Sympathie nachzudenken, machte ich mich stracks aus dem Staube.
Nach meiner Rückkunft in Sauerbrunn ward ich gewahr, daß es sich mit Herzbrudern eher gebösert als gebessert hatte, wiewohl ihn die Doktores und Apotheker strenger als eine fette Gans gerupft. Er kam mir auch ganz kindisch vor und konnte nur kümmerlich gehen. Sein Trost war, daß ich bei ihm sein sollte, wann er die Augen würde zutun.
Hingegen machte ich mich lustig und suchte meine Freude; doch solcher Gestalt, daß an seiner Pflege nichts manglete. Und weil ich mich ein Witwer zu sein wußte, reizten mich die guten Täge und meine Jugend wiederum zur Buhlerei, dann ich den zu Einsiedeln eingenommenen Schröcken allerdings wieder vergessen hatte. Ich machte mit den Lustigsten Kundschaft, die dahin kamen, und fing an courtoise Reden und Komplimenten zu lernen, deren ich meine Tage sonst niemals viel geachtet hatte. Man hielt mich vor einen vom Adel, weil mich meine Leute Herr Hauptmann nannten. Dannhero machten die reichen Stutzer mit mir Brüderschaft und war alle Kurzweile, Spielen, Saufen, Fressen meine allergrößte Arbeit und Sorge.
Unterdessen ward es mit Herzbrudern je länger je ärger, also daß er endlich die Schuld der Natur bezahlen mußte. Ich ließ ihn ganz herrlich begraben und seine Diener mit Trauerkleidern und einem Stück Geld ihres Wegs laufen.
Sein Abschied tät mir schmerzlich weh, vornehmlich weil ihm mit Gift vergeben worden. Obzwar ich solches nicht ändern konnte, so änderte es doch mich, dann ich flohe alle Gesellschaft und suchte nur die Einsamkeit,meinen betrübten Gedanken Audienz zu geben. Ich verbarg mich etwan irgends in einem Busch und betrachtete nicht allein, was ich vor einen Freund verloren, sondern ich machte auch allerhand Anschläge von Anstellung meines künftigen Lebens. Bald wollte ich wieder in Krieg und unversehens gedachte ich, es hättens die geringsten Bauren in dieser Gegend besser, maßen noch alle Baurenhöfe gleich als zu Friedenszeiten in trefflichem Bau und alle Ställe voll Vieh waren.
Als ich mich nun mit Anhörung des lieblichsten Vogelgesangs ergötzte und mir einbildete, daß die Nachtigall durch ihre Lieblichkeit andere Vögel banne, still zu schweigen und ihr zuzuhören, da näherte sich jenseits dem Bache eine Schönheit an Gestalt, die mich mehr bewegte, weil sie nur den Habit einer Bauerdirne antrug, als eine stattlicheDemoisellesonst mir nicht hätte tun mögen. Sie hub einen Korb vom Kopf, darin sie einen Ballen frische Butter trug, solchen im Sauerbrunn zu verkaufen. Denselben erfrischte sie im Wasser. Unterdessen satzte sie sich nieder ins Gras, warf ihr Kopftuch und den Baurenhut von sich und wischte den Schweiß vom Angesicht, also daß ich sie genug betrachten und meine vorwitzigen Augen an ihr weiden konnte. Da dünkte mich, ich hätte die Tage meines Lebens kein schöner Mensch gesehen. Die Proportion des Leibes schien vollkommen und ohn Tadel, Arme und Hände schneeweiß, das Angesicht frisch und lieblich, die schwarzen Augen aber voller Feuer und liebreizender Blicke.
Als sie nun ihre Butter wieder einpackte, schrie ich hinüber:
»Ach Jungfer, Ihr habt zwar mit Euren schönen Händen Euere Butter im Wasser abgekühlt, hingegen aber mein Herz durch Euere klaren Augen ins Feuer gesetzt.«
Sobald sie mich sahe und hörete, lief sie davon, als ob man sie gejagt hätte. Sie hinterließ mich mit all denjenigen Torheiten beladen, damit die verliebten Phantasten gepeinigt zu werden pflegen.
Meine Begierden, von dieser Sonne mehr beschienen zu werden, ließen mich nicht in meiner Einsamkeit, sondern machten, daß ich den Gesang der Nachtigallen nicht höher achtete als ein Geheul der Wölfe. Derhalben tollete ich auch dem Sauerbrunn zu und schickte meinen Jungen voran, die Butterverkäuferin anzupacken und mit ihr zu marken, bis ich hernach käme. Er tät das Seinige und ich nach meiner Ankunft auch das Meinige, aber ich fand ein steinern Herz und solche Kaltsinnigkeit, dergleichen ich hinter einem Baurenmensch nimmermehr zu finden getrauet hätte, welches mich aber viel verliebter machte.
Damals hätte ich entweder einen strengen Feind oder einen guten Freund haben sollen. Einen Feind, damit ich meine Gedanken gegen denselben hätte richten und der närrischen Liebe hätte vergessen müssen, oder einen Freund, der mir ein anderes geraten und mich von meiner Torheit hätte abmahnen mögen. Ach leider, ich hatte nichts als mein Geld, das mich verblendete, meine blinden Begierden, die mich verführeten, weil ich ihnen den Zaum schießen ließ, und meine grobe Unbesonnenheit, die mich verderbete und in alles Unglück stürzete. Mit einem Wort, ich war mit dem Narrenseil rechtschaffen verstrickt und derhalben ganz blind und ohn Verstand. Und weil ich meine viehischen Begierden nicht anders zu sättigen getrauete, entschloß ich mich, das Mensch zu heiraten. Was, gedachte ich, du bist deines Herkommens doch nur ein Baurensohn und wirst deiner Tage kein Schloß besitzen; du hast Geld genug, auch den bestenBaurenhof in dieser Gegend zu bezahlen. Du wirst dies ehrliche Baurngretlein heiraten und dir einen geruhigen Herrenhandel inmitten der Bauren schaffen. — Ich erhielt, wiewohl nicht ohne Mühe, das Jawort.
Zur Hochzeit ließ ich trefflich rüsten, dann der Himmel hing mir voller Geigen. Das Baurengut, darauf meine Braut geboren worden, lösete ich nicht allein ganz an mich, sondern fing noch darzu einen schönen, neuen Bau an, gleich als ob ich daselbst mehr hof- als haushalten hätte wollen. Eh die Hochzeit vollzogen, hatte ich daselbst über dreißig Stück Viehe stehen, weil man soviel auf dem Gut erhalten konnte. Ich bestellte alles aufs Beste und sogar mit köstlichem Hausrat, wie es mir nur meine Torheit eingab.