In Soest suchte ich Ruhm und Gunst in Handlungen, die sonst strafwürdig gewesen wären. Ich war ehrgeizig geworden, und meine Torheit ließ mich Leib- und Lebensgefahr vor gering anschlagen. Wann andere schliefen, hielten mich meine wunderlichen Grillen wach, und ich sann auf neue Fündgen und Listen. So erfand ich eine Gattung Schuhe, die man den Absatz zuvorderst anziehen konnte, deren ließe ich dreißig unterschiedliche Paar machen. Wann ich solche unter meine Burschen austeilete, war es unmöglich, uns aufzuspüren, dann wir trugen bald diese, bald unsere rechten Schuhe an den Füßen, und es sahe am Ziele aus, als wann zwo Parteien allda zusammengekommen wären und mit einander verschwunden seien. Ohndas verwirrete ich unsere Spur, so daß mich niemand hätte auskünden können. Ich lag oft allernächst bei denen vom Gegenteil, die mich in der Ferne suchten, und noch öfter etliche Meilwegs von dem Busch, den sie umstellten und durchstreiften. Also ließ ich auch an Scheid- und Kreuzwegen unversehens absteigen und den Pferden die Eisen das hinterst zu vörderst aufschlagen. Ganz zu geschweigen der gemeinen Vorteil, die man brauchet, wann man schwach auf Partei ist und doch vor stark aus der Spur judiziert werden will.
Wann ich nicht auf Partei dorfte, so ging ich sonst aus zu stehlen, und dann war kein Stall vor mir sicher. Rindviehe und Pferden wußte ich Stiefel und Schuhe anzulegen, bis ich sie auf eine gänge Straße brachte.Die großen fetten Schweinspersonen, die Faulheit halber nicht reisen mögen, wußte ich meisterlich fort zu bringen, wann sie schon grunzten und nicht daran wollten. Ich machte ihnen mit Mehl und Wasser einen wohlgesalzenen Brei, ließ solchen einen Badeschwamm in sich saufen, an welchen ich einen starken Bindfaden gebunden hatte. Ließ nachgehends diejenigen, um welche ich buhlete, den Schwamm voll Mus fressen und behielt die Schnur in der Hand, worauf sie ohne Wortwechsel geduldig mitgingen und mir die Zeche mit Schinken und Würsten bezahleten.
Was ich brachte, teilete ich sowohl den Offizierern als meinen Kameraden getreulich mit. Im übrigen dünkte ich mich viel zu gut darzu zu sein, daß ich die Armen bestehlen, Hühner fangen oder andere geringe Sachen hätte mausen sollen.
Dahero fing ich an nach und nach mit Fressen und Saufen ein epikuräisch Leben zu führen, weil ich meines Einsiedels Lehren vergessen und niemand hatte, der meine Jugend regierte. Meine Offizierer schmarotzten bei mir und reizten mich viel mehr zu allen Lastern, wo sie mich hätten strafen und abmahnen sollen. So ward ich endlich gottlos und verrucht, daß mir kein Schelmstück zu groß schien, und zuletzt auch heimlich beneidet, beides: von Kameraden und Offizieren, da ich mir einen größeren Namen und Ansehen machte, als sie selbst hatten.
Während ich im Begriffe stund, mir einige Teufelslarven und darzugehörige Kleidungen mit Roß- und Ochsenfüßen machen zu lassen, vermittels deren ich Freund und Feind in Schröcken setzen könnte, bekam ich Zeitung, daß ein Kerl sich in Werle aufhielte, welcher ein trefflicher Parteigänger sei, sich grün kleiden lasseund hin und her auf dem Land, sonderlich bei unsern Kontribuenten, unter meinem Namen mit Weiberschänden und Plünderungen allerhand Exorbitantien verübe, maßen dahero gräuliche Klagen auf mich einkamen. Solches gedachte ich ihm nicht zu schenken, weit weniger zu leiden, daß er sich länger meines Namens bediene. Ich ließ ihn mit Wissen des Kommandanten in Soest auf Degen und Pistolen ins freie Feld zu Gast laden, nachdem er aber das Herz nicht hatte zu erscheinen, ließ ich mich vernehmen, daß ich mich an ihm revangieren wollte, so ich ihn auf Partei ertappte, werde er von mir als Feind traktiert werden. Darauf verbrannte ich in Soest vor meinem Quartier offentlich meine ganze grüne Kleidung, unangesehen, daß sie über hundert Dukaten wert war, und fluchte in solcher Wut noch darüber hin, daß der nächste, der mich mehr »Jäger« nenne, entweder mich ermorden oder von meinen Händen sterben müsse, und sollte es auch meinen Hals kosten. Ich wollte auch keine Partei mehr führen, ich hätte mich zuvor an meinem Widerpart zu Werle gerochen.
Dies erscholl gar bald in der Nachbarschaft, davon wurden die Parteien vom Gegenteil so kühn und sicher, daß sie schier täglich vor unsern Schlagbäumen lagen. Was mir aber gar zu unleidlich viel war, daß der Jäger von Werle noch immer fortfuhr sich vor mich auszugeben.
Indessen jedermann meinete, ich läge auf der Bernhaut, kündigte ich meines Gegenteils von Werle Tun und Lassen aus und machte meinen Anschlag darauf. Meine beiden Knechte, sonderlich Spring-ins-Feld, hatte ich nach und nach abgerichtet wie die Wachtelhunde. Davon schickte ich den einen nach Werle zu meinemGegenteil. Der wandte vor, daß ich nunmehr anfinge zu leben, wie ein anderer Kujon und verschworen hätte nimmer auf Partei zu gehen, so hätte er nicht mehr bei mir bleiben mögen. Er wisse alle Wege und Stege im Lande und könne manchen Anschlag geben, gute Beute zu machen. Der einfältige Narr von Werle glaubte meinem Knecht und nahm ihn an. So bekam ich Wind, daß sie in einer bestimmten Nacht auf eine Schäferei zuhielten, etliche fette Hämmel zu holen. Ich bestach den Schäfer, daß er seine Hunde anbinden und die Ankömmlinge unverhindert in die Scheuer minieren lassen sollte, so wollte ich ihnen das Hammelfleisch schon gesegnen. Indessen paßte ich und Spring-ins-Feld mit einem andern Knecht auf, die ich hiebevor beide mit meinen Teufelslarven und Kleidern wohl ausstaffieret.
Da nun der Jäger von Werle und sein Knecht ein Loch durch die Wand gegraben hatten, wollte der Jäger haben, daß der Knecht zum erstenmal hineinschliefe. Der aber sagte: »Ich sehe wohl, daß Ihr nicht mausen könnt, man muß zuvor visieren, ob Bläsi zu Hause sei oder nicht.«
Er zog hierauf seinen Degen und hing den Hut an die Spitze, stieß etliche Male durchs Loch. Als solches geschehen, kroch der Jäger als erster hinein, aber Spring-ins-Feld erwischte ihn gleich bei der Degenhand. Da hörete ich, daß sein anderer Gesell durchgehen wollte, und weil ich nicht wußte, welches der Jäger sei, eilete ich nach und ertappte ihn.
»Was Volks?« — »Kaiserisch.« — »Was Regiments, ich bin auch kaiserisch, ein Schelm, der seinen Herrn verleugnet!« — »Wir seind von den Dragonern von Soest,« sagte er, »Bruder, ich hoffe, Ihr werdet uns passieren lassen.« — »Wer seid Ihr dann aus Soest.« —»Mein Kamerad, den Ihr im Stall ertappet, ist der Jäger.« — »Schelmen seid ihr! Warum plündert ihr dann euer eigen Quartier, der Jäger von Soest ist so kein Narr, daß er sich in einem Schafstall fangen läßt!« — »Ach, von Wörle wollt ich sagen,« antwortete er mir.
Indem ich so disputierte, kam mein Knecht und Spring-ins-Feld mit meinem Gegenteil auch daher.
»Siehe da, du ehrlicher Vogel, kommen wir hier zusammen? Wann ich kaiserliche Waffen nicht respektierte, so wollte ich dir gleich eine Kugel durch den Kopf jagen. Ich bin der Jäger von Soest und du bist ein Schelm, bis du einen von gegenwärtigen Degen zu dir nimmst und den andern auf Soldatenmanier mit mir missest.«
Indem legte Spring-ins-Feld uns zwei gleiche Degen vor die Füße. Der arme Jäger erschrak so gewaltig, daß er seine Hosen verderbte, davon schier niemand bei ihm bleiben konnte. Er und sein Kamerad zitterten wie nasse Hunde, sie fielen auf die Knie und baten um Gnade. Aber Spring-ins-Feld kollerte wie aus einem hohlen Hafen heraus: »Du mußt einmal raufen, oder ich will dir den Hals brechen!« — »Ach, hochgeehrter Herr Teufel, ich bin nicht des Raufens halber herkommen! Der Herr Teufel überhebe mich dessen, so will ich hingegen tun, was du willst.«
Mein Knecht zwang ihm den Degen in die Hand, er zitterte aber so, daß er ihn nicht halten konnte. Der Schäfer kam herbei und stellte sich, als ob er von den beiden Teufeln nichts sähe, er fragte mich, was ich mit diesen beiden Kerlen lang in seiner Schäferei zu zanken hätte, ich sollte es an einem andern Ort ausmachen, dann unsere Händel gingen ihm nichts an. Er gäbemonatlich seine Konterbission und wolle in Frieden leben. Zu den beiden sagte er, warum sie sich von mir einzigem Kerl geheien ließen und mich nicht niederschlügen.
»Du Flegel,« rief ich, »sie haben dir deine Schafe stehlen wollen!«
Da sagte der Bauer: »So wollte ich, daß sie meinen Schafen müßten den Hintern lecken.« Damit ging er weg.
Ich drang auf das Fechten, mein armer Jäger aber konnte vor Forcht schier nicht mehr auf den Füßen stehen, also daß er mich daurete. Er und sein Kamerad brachten so bewegliche Worte vor, daß ich ihm endlich alles verziehe und vergab.
Aber Spring-ins-Feld war damit nicht zufrieden, er zwang den Jäger an dreien Schafen zu tun, was der Baur gewünscht hatte, und zerkratzte ihn mit seinen Teufelskrallen noch darzu so abscheulich im Gesicht, daß er aussahe, als ob er mit den Katzen gefressen hätte, mit welcher schlichten Rache ich mich zufrieden gab.
Der Jäger von Werle verschwand bald aus der Gegend, weil er sich zu sehr schämte, dann sein Kamerad sprengte aller Orten aus und beteuret es mit heftigen Flüchen, daß ich wahrhaftig zween leibhaftiger Teufel hätte, die mir auf den Dienst warteten. Darum ward ich noch mehr geförchtet, hingegen aber desto weniger geliebet.
Solches wurde ich bald gewahr, daher stellete ich mein vorig gottlos Leben allerdings ab. Ich ging zwar auf Partei, zeigete mich aber gegen Freund und Feind so leutselig und diskret, daß alle, die mir unter die Hände kamen, ein anderes glaubten, als sie von mir gehöret hatten. Ich sammlete mir viel schöne Dukaten und Kleinodien, welche ich hin und wieder auf dem Lande in hohle Bäume verbarg, dann ich hatte mehr Feinde in der Stadt Soest und im Regiment, die mir und meinem Gelde nachstellten, als außerhalb und bei den feindlichen Guarnisonen.
Ich saß einsmals mit fünfundzwanzig Feuerröhren nicht weit von Dorsten und paßte einer Bedeckung mit etlichen Fuhrleuten auf, die nach Dorsten kommen sollte. Ich hielt selbst Schildwacht, weil wir dem Feinde nahe waren. Da sah ich einen Mann daherkommen, fein ehrbar gekleidet, der redete mit sich selbst und focht dabei seltsam mit den Händen.
»Ich will einmal die Welt strafen, es sei dann, mir wolle es das großeNumennicht zugeben!«
Woraus ich mutmaßete, er möcht etwan ein mächtiger Fürst sein, der so verkleideter Weise herumginge, seiner Untertanen Leben und Sitten zu erkunden. Ich dachte, ist dieser Mann vom Feind, so setzt es ein gutes Lösegeld, wo nicht, so willst du ihn aufs höflichste traktieren. Sprang derohalben hervor und präsentierte mein Gewehr mit aufgezogenem Hahnen.
»Der Herr wird belieben, vor mir hin in den Busch zu gehen.«
Er antwortete sehr ernsthaftig: »SolcherTractationist meinesgleichen nicht gewohnt.«
Ich tummlete ihn höflich fort. »Der Herr wird sich vor diesmal in die Zeit schicken.«
Als die Schildwachen wieder besetzt waren, fragte ich ihn, wer er sei. Er antwortete großmütig, es würde mir wenig daran gelegen sein, wannschon ich es wüßte: Er sei auch ein großer Gott!
Ich gedachte, er mochte mich vielleicht kennen und etwan ein Edelmann von Soest sein und so sagen, um mich zu hetzen, weil man die Soester mit dem großen Gott und dem göldenen Fürtuch zu vexieren pfleget, ward aber bald in, daß ich anstatt eines Fürsten einen Phantasten gefangen hätte, der sich überstudieret und in der Poeterei gewaltig verstiegen, dann er gab sich vor den Gott Jupiter aus. Ich wünschte zwar, daß ich den Fang nicht getan, mußte den Narren aber wohl behalten. Mir ward ohn das die Zeit lang, so gedachte ich diesen Kerl zu stimmen.
»Nun dann, mein lieber Jove, wie kommt es doch, daß deine hohe Gottheit ihren himmlischen Thron verlässet und zu uns auf Erden steiget? Vergib mir, o Jupiter, meine Frage, die du vor fürwitzig halten möchtest, dann wir seind den himmlischen Göttern auch verwandt und eitelSylvani, von denFaunisundNymphisgeboren, denen diese Heimlichkeit billig unverborgen bleiben sollte.«
»Ich schwöre beimStyx,« antwortete er, »daß du nichts erfahren solltest, wann du meinem MundschenkenGanymednicht so ähnlich sähest! Zu mir ist ein groß Geschrei über der Welt Laster durch die Wolken gedrungen, darüber ward in aller Götter Rat beschlossen, den Erdboden wieder mit Wasser auszutilgen. Weil ichaber dem Menschengeschlecht mit sonderbarer Gunst gewogen bin, vagiere ich jetzt herum, der Menschen Tun und Lassen selbst zu erkündigen. Obwohl ich alles ärger finde, als es vor mich gekommen, so will ich doch nicht alle Menschen zugleich und ohn Unterscheid ausrotten, sondern allein die Schuldigen.«
Ich verbiß das Lachen, so gut ich konnte.
»Ach Jupiter, deine Mühe und Arbeit wird besorglich allerdings umsonst sein. Schickest du zur Straf einen Krieg, so laufen alle verwegenen Buben mit, welche die friedliebenden, frommen Menschen nur quälen werden; schickest du eine Teuerung, so ists eine erwünschte Sache vor die Wucherer, weil alsdann denselben ihr Korn viel gilt; schickest du aber eine Sterben, so haben die Geizhälse und alle übrigen Menschen ein gewonnenes Spiel, indem sie hernach viel erben. Wirst derhalben die ganze Welt mit Butzen und Stiel ausrotten müssen.«
»Du redest von der Sache wie ein natürlicher Mensch,« antwortete Jupiter, »als ob du nicht wüßtest, daß es einem Gott möglich ist, die Bösen zu strafen, die Guten zu erhalten! Ich will einen deutschen Helden erwecken, der soll alles mit der Schärfe seines Schwertes vollenden.«
Ich meinte: »So muß ja ein solcher Held auch Soldaten haben, und wo man Soldaten braucht, da ist auch Krieg, und wo Krieg ist, da muß der Unschuldige sowohl als der Schuldige herhalten.«
»Ich will einen solchen Helden schicken, der keiner Soldaten bedarf und doch die ganze Welt reformieren soll. In seiner Geburtsstunde will ich ihm verleihen einen wohlgestalten und stärkeren Leib, alsHerkuleseinen hatte, mit Fürsichtigkeit, Weisheit und Verstandüberflüssig gezieret.Mercuriussoll ihn mit unvergleichlich sinnreicher Vernunft begaben,Vulcansoll ihm ein Schwert schmieden, mit welchem er die ganze Welt bezwingen und alle Gottlosen niedermachen wird, ohne fernere Hilfe eines einzigen Menschen. Eine jede große Stadt soll vor seiner Gegenwart erzittern, und eine jede Festung, die sonst unüberwindlich ist, wird er in der ersten Viertelstunde in seinem Gehorsam haben. Zuletzt wird er den größten Potentaten der Welt befehlen und die Regierung über Meer und Erden so löblich anstellen, daß beides: Götter und Menschen ein Wohlgefallen darob haben sollen.«
Ich sagte: »Wie kann die Niedermachung aller Gottlosen ohn Blutvergießen und das Kommando über die ganze weite Welt ohn sonderbare große Gewalt und starken Arm geschehen? O Jupiter, ich bekenne dir unverhohlen, daß ich diese Dinge weniger als ein sterblicher Mensch begreifen kann.«
»Weil du nicht weißt, was meines Helden Schwert vor eine seltene Kraft an sich haben wird. Wann er solche entblößet und nur einen Streich in die Luft tut, so kann er einer ganzen Armada, wenngleich sie hinter einem Berg stünde, auf einmal die Köpfe herunterhauen, sodaß die armen Teufel ohne Kopf daliegen müssen, eh sie einmal wissen wie ihnen geschehen. Er wird von einer Stadt zur andern ziehen und das halsstarrig und ungehorsam Volk, Mörder, Wucherer, Diebe, Schelme, Ehebrecher, Hurer und Buben ausrotten. Er wird jeder Stadt ihren Teil Landes, um sie her gelegen, im Frieden zu regieren übergeben. Von jeder Stadt durch ganz Deutschland wird er zween von den klügsten und gelehrtesten Männern zu sich nehmen, aus denselben ein Parlament machen, die Städte mit einander aufewig vereinigen, die Leibeigenschaften samt allen Zöllen, Accisen, Zinsen, Gülten und Umgelten durch ganz Deutschland aufheben und solche Anstalten machen, daß man von keinem Frohnen, Wachen, Contribuieren, Geldgeben, Kriegen, noch einziger Beschwerung beim Volk mehr wissen wird. Alsdann werde ich mit dem ganzen Götterchor oftmals herunter zu den Deutschen steigen und die Musen von neuem darauf pflanzen. Ich will dann nur deutsch reden und mit einem Wort mich so gut deutsch erzeigen, daß ich ihnen auch endlich, wie vordem den Römern, die Beherrschung über die ganze Welt werde zukommen lasse.«
Ich sagte: »Höchster Jupiter, was werden aber Fürsten und Herren dazu sagen?«
Er antwortete: »Hierum wird sich mein Held wenig bekümmern. Er wird die Großen in drei Teile unterscheiden und diejenigen, so unexemplarisch und verrucht leben, gleich den Gemeinen strafen, denen andern aber wird er die Macht geben, im Land zu bleiben oder nicht. Wer bleibet und sein Vaterland liebet, der wird leben müssen wie andere gemeine Leute, die dritten aber, die ja Herren bleiben und immerzu herrschen wollen, wird er durch Ungarn und Italien in die Moldau, Wallachei, in Macedoniam, Thraciam, Griechenland, ja, über den Hellespontum in Asiam hineinführen, ihnen dieselbigen Länder gewinnen, alle Kriegsgurgeln in ganz Deutschland mitgeben und sie alldort zu lauter Königen machen. Alsdann wird er Konstantinopel in einem Tag einnehmen und allen Türken, die sich nicht bekehren, die Köpfe vor den Hintern legen. Daselbst wird er das römische Kaisertum wieder aufrichten und sich wieder nach Deutschland begeben und mit seinem Parlament eine Stadt mitten in Deutschland bauen, welche vielgrößer sein wird und goldreicher als Jerusalem zu Salomonis Zeiten, deren Wälle sich dem tirolischen Gebirg und ihre Wassergräben der Breite des Meeres zwischen Hispania und Afrika vergleichen sollen. Er wird einen Tempel darin bauen und eine Kunstkammer aufrichten, darin sich alle Raritäten der ganzen Welt versammeln.«
Ich fragte den Narren, was dann die christlichen Könige bei der Sache tun würden, und er antwortete:
»Die in England, Schweden und Dänemark werden, weil sie deutschen Geblütes und Herkommens, die in Hispania, Frankreich und Portugal, weil die alten Deutschen selbige Länder hiebevor regieret haben, ihre Kronen, Königreiche und inkorporierten Länder von der deutschen Nation aus freien Stücken zu Lehen empfangen. Alsdann wird, wie zu Augusti Zeiten, ein ewiger beständiger Friede zwischen allen Völkern in der ganzen Welt sein.«
Spring-ins-Feld hätte den Handel beinahe verderbet, weil er sagte: »Und alsdann wirds in Deutschland hergehen wie im Schlauraffenland, da es lauter Muskateller regnet und die Kreuzerpastetlein über Nacht wie die Pfifferlinge wachsen! Da werd ich mit beiden Backen fressen müssen wie ein Drescher, und Malvasier saufen, daß mir die Augen übergehen!«
Da sagte Jupiter zu mir: »Ich habe vermeint, ich sei bei lauter Waldgöttern, so sehe ich aber, daß ich den neidigen, dürren TadlerMomusundZoilusangetroffen habe. Ja, man soll edle Perlen nicht vor die Säue werfen!«
Ich verbiß mein Lachen, so gut ich konnte, und sagte zu ihm: »Allergütigster Jove, du wirst ja eines groben Waldgottes Unbescheidenheit halber deinem andern Ganymede nicht verhalten, wie es weiter in Deutschland hergehen wird.«
»O nein, aber befiehl diesem säuischenCommentatorifürderhin seine Zunge im Zaum zu halten. — Höre, lieber Ganymed, es wird alsdann in Deutschland das Goldmachen so gewiß und so gemein werden als das Hafnerhandwerk, daß schier ein jeder Roßbub den Stein der Weisen wird umschleppen.«
»Wie aber wird Deutschland bei so unterschiedlichen Religionen einen langwierigen Frieden haben können? Werden die Pfaffen nicht die Ihrigen hetzen und des Glaubens wegen wiederum einen Krieg anspinnen?«
»Nein,« sagte Jupiter, »mein Held wird weislich zuvorkommen und alle Glauben vereinigen.«
»O Wunder! Das wäre ein groß Werk! Wie müßte das geschehen?«
»Das will ich dir herzlich gern offenbaren: Nachdem mein Held den Universal-Frieden der ganzen Welt verschafft, wird er geistliche und weltliche Vorsteher der unterschiedlichen Völker und Kirchen mit einem sehr beweglichen Sermon anreden und sie durch hochvernünftige Gründe und unwiderlegliche Argumenta dahin bringen, daß sie sich selbst eine allgemeine Vereinigung wünschen. Alsdann wird er die allergeistreichsten, gelehrtesten und frömmsten von allen Orten und Enden her aus allen Religionen zusammenbringen und ihnen auferlegen, daß sie sobald immer möglich die Streitigkeiten ernstlich beilegen und nachgehends mit rechter Einhelligkeit die wahre, heilige, christliche Religion gemäß der heiligen Schrift, der uralten Tradition und der probierten heiligen Väter Meinung schriftlich verfassen sollen. Wenn er aber merken sollte, daß sich einer oder der andere von Teufel einnehmen läßt, so wird er die ganze Versammlung wie in einemConclavemit Hunger quälen, und wann sie nicht daran wollen, ein so hohes Werk zu befördern, so wird er ihnen allen vom Hängen predigen, daß sie eilands zur Sache schreiten und mit ihren halsstarrigen, falschen Meinungen, die Welt nicht mehr wie vor Alters foppen.
Nach erlangter Einigkeit wird er ein großes Jubelfest anstellen und der ganzen Welt diese geläuterte Religion publizieren. Welcher alsdann darwider glaubet, den wird er mit Schwefel und Pech martyrisieren oder einen solchen Ketzer mit Buxbaum bestecken und dem Teufel zum neuen Jahr schenken.
Jetzt weißt du, lieber Ganymed, alles was du zu wissen begehrt hast.«
Ich dachte bei mir selbst, der Kerl dörfte vielleicht kein Narr sein, wie er sich stellet, sondern mirs kochen, wie ichs zu Hanau gemachet, um desto besser von uns zu kommen. Derowegen gedachte ich ihn zornig zu machen, weil man einen Narren am besten im Zorn erkennt, und wollte ihm vorhalten, wie alle Götter in der weiten Welt vor so verrucht, leichtfertig und stinkend als Diebe, Kuppler, Ehebrecher, Hanreien, Wüteriche, Mörder und unverschämte Hurenjäger verschrieen seien, daß man sie sonst nirgendshin als in des Augias Stall logieren wolle — da wurde mein Jupiter von einer seltsamen Unruhe ergriffen: Er zog in Gegenwart meiner und der ganzen Partei ohn einzige Scham seine Hosen herunter und stöberte die Flöhe daraus, welche ihn, wie man an seiner sprenklichten Haut wohl sahe, schröcklich tribulieret hatten.
»Schert euch fort, ihr kleinen Schinder,« sagte er, »ich schwöre euch beimStyx, das ihr in Ewigkeit nicht erhalten sollt, was ihr so sorgfältig sollicitiert!«
Ich fragte ihn, was er meine. Er antwortete, daß das Geschlecht der Flöhe, als sie vernommen, er sei auf Erden, ihre Gesandten zu ihm geschickt hätten, ihn zu komplimentieren. Sie hätten ihm darneben vorgebracht, daß sie aus ihremTerritorio, da man ihnen die Hundshäute zu bewohnen zugesichert, durch die Weiber vertrieben worden seien, gestalt manche ihr Schoßhündchen mit Bürsten, Kämmen, Seifen, Laugen und anderen mörderischen Dingen durchstreift hätten, so daß sie ihr Vaterland quittieren und andere Wohnungen hätten aufsuchen müssen. So sie aber den Weibern in die Pelze gerieten, würden solche verirrte, arme Tropfen übel tractieret, gefangen und nicht allein ermordet, sondern auch zuvor zwischen den Fingern elendiglich gemartert und zerrieben, daß es einen Stein erbarmen möchte.
»Ja,« sagte Jupiter ferner, »sie brachten mir die Sache so beweglich vor, daß ich Mitleiden mit ihnen haben mußte und also ihnen Hilfe zusagte, jedoch mit dem Vorbehalt, daß ich die Weiber zuvor auch hören möchte. Sie aber wandten vor, wann den Weibern erlaubet würde, Widerpart zu halten, so wüßten sie wohl, daß sie mit ihren giftigen Hundszungen entweder meine Frömmigkeit und Güte betäuben und die Flöhe überschreien oder aber durch ihre lieblichen Worte und Schönheit mich betören und zu einem falschen Urteil verleiten würden, mit fernerer Bitte, ich wolle sie ihrer untertänigsten Treue genießen lassen, welche sie auch allezeit erzeiget, indem sie doch jeweils am nächsten dabei gewesen und am besten gewußt hätten, was zwischen mir und der Io, Callisto, Europa, Semele und andern mehr vorgangen, hätten aber niemals nichts aus der Schule geschwätzt, noch meiner Ehefrau ein einzigs Wort gesaget, maßen sie sich einer solchen Verschwiegenheit beflissen, wie dann kein Mensch bis dato von ihnen etwas dergleichen erfahren hätte. Wann ich aber je zulassen wollte, daß die Weiber sie in ihrem Bann jagen, fangen und nach Weidmannsrecht metzeln dörften, so wäre ihre Bitte, zu gebieten, daß sie hinfort mit einem heroischen Tod hingerichtet und entweder mit einer Axt wie Ochsen niedergeschlagen oder wie ein Wildpret gefället würden, aber nicht mehr so schimpflich zwischen den Fingern zerquetscht und geradbrecht werden sollten, was allen ehrlichen Mannsbildern eine Schande wäre. Sonach erlaubte ich ihnen, bei mir einzukehren, damit ich ein Urteil darnach fassen könne, ob sie die Weiber allzuhützig tribulierten. Da fing das Lumpengesind an mich zu geheien, daß ich sie habe, wie ihr sehet, wieder abschaffen müssen.«
Wir dorften nicht rechtschaffen lachen, weil wir stillhalten mußten und weils der Phantast nicht gern hatte, wovon Spring-ins-Feld hätte zerbersten mögen. Da zeigte unsere Hochwacht an, daß er in der Ferne etwas kommen sähe. Ich stieg hinauf und gewahrte die Fuhrleute, denen wir aufpaßten. Sie hatten dreißig Reuter zurConvoibei sich, dahero ich mir die Rechnung leicht machen konnte, daß sie nicht durch den Wald, sondern übers freie Feld kommen würden, wiewohl es daselbst einen bösen Weg hatte.
Von unsrer Lägerstatt ging feldwärts eine Wasserrunze in einer Klämme hinunter. Deren Ausgang besatzte ich mit zwenzig Mann, nahm auch selbst meinen Stand bei ihnen, ließ aber Spring-ins-Feld zurück. Ich befahl meinen Burschen, wann derConvoihinkomme, daß jeder seinen Mann gewiß nehmen sollte, und sagte auch jedem, wer Feuer geben und wer seinen Schuß im Rohr zum Vorrat zu behalten habe. Etliche verwunderten sich, ob ich wohl vermeine, daß die Reuter an einen Ort kommen werden, wo sie nichts zu tun hätten und dahin wohl hundert Jahr kein Baur gekommen sei. Aber ich brauchte keine Teufelskunst, sondern nur Spring-ins-Feld, dann als derConvoi, welcher ziemlich Ordnung hielt,rectegegen uns über vorbeipassieren wollte, fing Spring-ins-Feld so schröcklich an zu brüllen wie ein Ochs und zu wiehern wie ein Pferd, daß der ganze Wald widerhallte. DerConvoihörets, gedachte Beute zu machen und etwas zu erschnappen, sie ritten sämtlich so geschwind und unordentlich in unsern Halt, als wann ein jeder der erste hätte sein wollen, die beste Schlappe zu holen. Gleich im ersten Willkommen wurden dreizehn Sättel geleeret und sonst noch etliche aus ihnen gequetscht. Hierauf schrie Spring-ins-Feld: »Jägerhierher!« — davon die Kerl noch mehr erschröckt und irre wurden. Ich bekam sie alle siebzehn und spannte vierundzwenzig Pferde aus. Doch hatten sich die Fuhrleute zu Pferd aus dem Staub gemacht. Wir packten auf, dorften uns aber nicht viel Zeit nehmen, die Wägen recht zu durchsuchen.
Mein Jupiter lief aus dem Wald und schrie uns nach, bis ich ihn hinten aufsetzen ließ, dann er nicht besser reuten konnte als eine Nuß.
Also brachte ich meine Beute und Gefangenen den andern Morgen glücklich nach Soest und bekam mehr Ehre und Ruhm von dieser Partei, als zuvor nimmer. Jeder sagete: »Dies gibt wieder einen Johann de Werdt!« welches mich trefflich kützelte.
Meines Jupiter konnte ich nicht los werden, dann der Kommandant begehrete ihn nicht, weil nichts an ihm zu rupfen war, sondern sagte, er wollte ihn mir schenken. Also bekam ich einen eigenen Narren und dorfte mir keinen kaufen. Kurz zuvor tribuliereten mich die Läuse, und jetzt hatte ich den Gott der Flöhe in meiner Gewalt. Es war noch kein Jahr vergangen, da mir die Buben nachliefen, und jetzt vernarreten sich die Mägdlein aus Liebe gegen mich. Vor einem halben Jahr dienete ich einem schlechten Dragoner, jetzt nannten mich zween Knechte ihren Herrn. O wunderliche Welt, darinnen nichts Beständigeres ist als die Unbeständigkeit!
Damals zog der Graf von der Wahl als Obrister-Gubernator des westfälischen Kreises aus allen Guarnisonen einige Völker zusammen, eine Cavalcade durchs Stift Münster zu tun, vornehmlich aber zwo Kompagnien hessischer Reuter im Stift Paderborn auszuheben, die den Unsrigen daselbsten viel Dampfs antäten. Ich ward unter unsern Dragonern mitkommandiert. Und als sie einzige Truppen zum Ham gesammlet, gingen wir schnell vor und berannten gemeldter Reuter Quartier, ein schlecht verwahrtes Städtlein, ehe die Unsrigen kamen. Sie unterstunden durchzugehen, wir aber jagten sie wieder zurück in ihr Nest. Es ward ihnen angeboten, ohne Pferd und Gewehr, jedoch mit dem was der Gürtel beschließe zu passieren, sie aber wollten sich nicht darzu verstehen, sondern sich mit ihren Karabinern wie Musketierer wehren. Also kam es, daß ich noch dieselbe Nacht probieren mußte, was ich vor Glück imStürmen hätte. Wir leerten die Gassen bald, weil niedergemacht ward, was sich im Gewehr befand, und weil sich die Bürger nicht hatten wehren wollen. Also ging es mit uns in die Häuser. Spring-ins-Feld sagte: »Wir müssen ein Haus vornehmen, vor welchem ein großer Haufen Mist liegt, dann darin sitzen reiche Kauzen.«
Darauf griffen wir ein solches an, Spring-ins-Feld visitierte den Stall, ich aber das Haus mit Abrede, daß jeder mit dem andern parten sollte. Also zündete jeder seinen Wachsstock an. Ich rief nach dem Hausvater, kriegte aber keine Antwort, geriet indessen in eine Kammer und fand dort nichts, als ein leer Bett und eine beschlossene Truhe. Die hämmerte ich auf in der Hoffnung, etwas Kostbares zu finden. Aber da ich den Deckel auftät, richtete sich ein kohlschwarzes Ding gegen mich auf, welches ich vor den Lucifer selbst ansahe.
Ich kann schwören, daß ich mein Lebtag nie so erschrocken bin, als eben damals, da ich diesen schwarzen Teufel so unversehens erblickte. »Daß dich der Donner schlag,« rief ich gleichwohl in solchem Schröcken und zuckte mein Äxtlein, hatte doch das Herz nicht, ihms in den Kopf zu hauen.
»Min leve Heer, ick bidde ju doer Gott, schinkt mi min Levend!«
Da hörete ich erst, daß es kein Teufel war, befahl ihm aus der Truhe zu steigen und er stand vor mir in seiner Schwärze, nackend wie ihn Gott geschaffen hatte, ein Mohr. Ich schnitt ein Stück von meinem Wachsstock, gabs ihm zu leuchten und er führete mich in ein Stüblein, da ich den Hausvater fand, der samt seinem Gesind dies lustige Spektakul ansahe und mit Zittern um Gnade bat. Er händigte mir eines RittmeistersBagage, darunter ein ziemlich wohlgespickt, verschlossen Felleisen war, ein, mit Bericht, daß der Rittmeister und seine Leute bis auf gegenwärtigen Mohren sich zu wehren auf ihre Posten gegangen wären. Inzwischen hatte Spring-ins-Feld sechs schöne gesattelte Pferde im Stall erwischt.
Als hernach die Tore geöffnet, die Posten besetzt und unser General-Feldzeugmeister Herr Graf von der Wahl eingelassen ward, nahm er sein Logiment in ebendemselben Hause, darum mußten wir bei finsterer Nacht ein ander Quartier suchen. Wir fanden eines und brachten den Rest der Nacht mit Fressen und Saufen zu. Ich bekam vor mein Teil den Mohren, die zwei besten Pferde, darunter ein spanisches war, auf welchen ein Soldat sich gegen sein Gegenteil dorfte sehen lassen, mit den ich nachgehends nicht wenig prangte. Aus dem Felleisen aber kriegte ich unterschiedliche köstliche Ringe und in einer göldenen Kapsel mit Rubinen besetzt des Prinzen von Uranien Conterfait, kam also mit Pferden und allem über zwei hundert Dukaten. Vor den Mohren, der mich am aller saursten ankommen war, ward mir von General-Feldzeugmeister, als welchem ich ihn präsentierte, nicht mehr als zwei Dutzend Taler verehret.
Als wir demnach Recklinghausen zu kamen, nahm ich Erlaubnis, mit Spring-ins-Feld meinem Pfaffen zuzusprechen, mit dem ich mich lustig macht, da ich ihm erzählete, daß mir der Mohr den Schröcken, den er und seine Köchin neulich empfunden, wieder eingetränkt hätte. Ich verehrete ihm auch eine schöne schlagende Halsuhr zum freundlichenValete.
Meine Hoffart vermehrete sich mit meinem Glück, daraus endlich nichts andres als mein Fall erfolgen konnte.
Ungefähr eine halbe Stunde von Rehnen kampierten wir und erhielten Erlaubnus, in demselben Städtlein etwas an unserm Gewehr flicken zu lassen. Unser Meinung war, sich einmal rechtschaffen miteinander lustig zu machen. Also kehreten wir im besten Wirtshaus ein und ließen Spielleute kommen, die uns Wein und Bier hinuntergeigen mußten. Da ging esin floribusher und blieb nichts unterwegen, was nur dem Geld wehe tun möchte. Ich stellete mich nicht anders als wie ein junger Prinz, der Land und Leute vermag und alle Jahre ein groß Geld zu verzehren hat. Dahero ward uns besser als einer Gesellschaft Reuter aufgewartet, die gleichfalls dort zehrete. Das verdroß sie und fingen an mit uns zu kipplen.
»Woher kommts, daß diese Stieglhupfer ihre Heller so weisen?« Dann sie hielten uns vor Musketierer, maßen kein Tier in der Welt ist, das einem Musketierer ähnlicher siehet, als ein Dragoner, und wann ein Dragoner vom Pferd fällt, so stehet ein Musketierer wieder auf.
Ein anderer Reuter meinete: »Jener Jüngling ist gewiß ein Strohjunker, dem seine Mutter etliche Milchpfennige geschicket, die er jetzo spendiert, damit ihm künftig irgendswo seine Kameraden aus dem Dreck oder etwan durch den Graben tragen sollen.«
Solches ward mir durch die Kellerin hinterbracht. Weil ichs aber nicht selbst gehört, konnte ich anders nichts darzu tun, als daß ich ein groß Bierglas mit Wein einschenken und solches auf Gesundheit aller rechtschaffenen Musketierer herumgehen, auch jedesmal solchen Alarm darzu machen ließ, daß keiner sein eigen Wort hören konnte. Das verdroß sie noch mehr, derowegen sagten sie offentlich:
»Was Teufels haben doch die Stiegelhüpfer vor ein Leben!«
Spring-ins-Feld antwortete: »Was gehts die Stiefelschmierer an?« — Das ging ihm hin, dann er sahe so gräßlich drein und machte so grausame und bedrohliche Mienen, daß sich keiner an ihm reiben dorfte.
Doch stieß es ihnen wieder auf, und zwar einem ansehnlichen Kerl, der sagte: »Wann sich die Maurenhofierer auf ihrem Mist (er vermeinte, wir lägen in Guarnison stille) nicht so breit machen dörften, wo wollten sie sich sonst sehen lassen? Man weiß ja wohl, daß jeder in offener Feldschlacht unser Raub sein muß.«
Ich antwortete: »Wir nehmen Städt und Festungen ein und verwahren sie, dahingegen ihr Reuter auch vor dem geringsten Rattennest keinen Hund aus dem Ofen locken könnet. Warum sollten wir uns dann in den Städten nicht dörfen lustig machen?«
Der Reuter gab dawider: »Wer Meister im Felde ist, dem folgen die Festungen. Daß wir aber die Feldschlachten gewinnen müssen, folget aus dem, daß ich so drei Kinder, wie du eins bist, mitsamt ihren Musketen nicht allein nicht förchte, sondern ein Paar davon auf dem Hut stecken und den dritten erst fragen wollte, wo seiner noch mehr wären. Und säße ich bei dir, so wollte ich dem Junker zur Bestätigung ein paar Tachteln geben.«
Ich antwortete: »Ich vermein ein Paar so guter Pistolen zu haben als du, wiewohl ich kein Reuter, sondern nur ein Zwitter zwischen ihnen und den Musketierern bin. Schau, so hab ich Kind ein Herz, mit meiner Musketen allein einen solchen Prahler zu Pferd, wie du einer bist, gegen all sein Gewehr im freien Feld zu Fuß zu begegnen.«
»Ach, du Kujon,« rief der andere, »ich halte dich vor einen Schelmen, wann du nicht wie ein redlicher von Adel alsbald deinen Worten eine Kraft gibst.«
Hierauf warf ich ihm einen Handschuh zu.
Wir zahleten den Wirt und der Reuter machte Karabiner und Pistolen, ich aber meine Muskete fertig, und da er mit seinen Kameraden vor uns an den bestimmten Ort ritt, sagte er zu Spring-ins-Feld, er solle mir allgemach das Grab bestellen. Ich lachte hingegen, weil ich mich vorlängst besonnen hatte, wie ich einem wohlmontierten Reuter begegnen müßte, wann ich einmal zu Fuß mit meiner Musketen allein im weiten Felde stünde.
Da wir nun an den Ort kamen, wo der Betteltanz angehen sollte, hatte ich meine Musketen bereits mit zweien Kugeln geladen, frisch Zündkraut aufgerührt und den Deckel auf der Zündpfanne mit Unschlitt verschmiert, wie vorsichtige Musketierer zu tun pflegen, wann sie Zündloch und Pulver auf der Pfanne vor Regenwetter verwahren wollen.
Eh wir nun aufeinander gingen, bedingten beiderseits die Kameraden, daß wir uns im freien Felde angreifen und zu solchem End der eine von Ost, der andre von West in ein umzäuntes Feld eintreten sollten, dann möge jeder sein Bestes gegen den andern tun. Keiner von den Parteien sollte sich unterstehen, seinem Kameraden zu helfen, noch dessen Tod oder Beschädigung zu rächen.
So gaben ich und mein Gegner einander die Hände und verziehen je einer dem andern seinen Tod, unter welcher allerunsinnigsten Torheit, die je ein vernünftiger Mensch begehen kann, ein jeder hoffte seiner Gattung Soldaten dasPraezu erhalten, gleichsam als ob deseinen oder andern Teil Ehre und Reputation an dem Ausgang unseres trefflichen Beginnens gelegen gewesen wäre.
Ich trat mit doppelt brennender Lunte in angeregtes Feld, stellte mich, als ob ich das alte Zündkraut im Gang abschütte, ich täts aber nicht, sondern rührete nur Zündpulver auf den Deckel meiner Pfannen, bließ ab und paßte mit zween Fingern auf der Pfanne auf, wie bräuchlich ist. Eh ich noch meinem Gegenteil, der mich wohl im Gesicht hielt, das Weiße in Augen sehen konnte, schlug ich auf ihn an und brannte mein falsch Zündkraut auf dem Deckel vergeblich hinweg. Mein Gegner vermeinte, die Muskete hätte mir versagt, und das Zündloch wäre mir verstopft, sprengte dahero mit einer Pistole in der Hand gar zu gierigrecteauf mich dar. Aber eh er sichs versah, hatte ich die Pfanne offen und wieder angeschlagen, hieß ihn auch dergestalt willkommen, daß Knall und Fall eins war.
Ich retirierte mich hierauf zu meinen Kameraden, die mich gleichsam küssend empfingen. Die seinigen entledigten ihn aus den Steigbügeln und täten gegen ihn und uns wie redliche Kerle, maßen sie mir auch meinen Handschuh mit großem Lob wiederschickten.
Aber da ich meine Ehre am größten zu sein schätzte, kamen fünfundzwenzig Musketierer aus Rehnen, welche mich und meine Kameraden gefangen nahmen. Ich zwar ward alsbald in Ketten und Banden geschlossen und der Generalität überschickt, weil alle Duell bei Leib- und Lebensstrafe verboten waren.
Demnach unser General-Feldzeugmeister strenge Kriegsdisziplin zu halten pflegte, besorgte ich, meinen Kopf zu verlieren. Meine Hoffnung stund auf dem großen Ruf und Namen meiner Tapferkeit, so ich in blühender Jugend durch Wohlverhalten erworben, doch war ich ungewiß, weil dergleichen tägliche Händel erforderten einExemplumzu statuieren.
Die Unsrigen hatten damals ein festes Rattennest berannt, waren aber abgeschlagen, da der Feind wußte, daß wir kein grob Geschütz führten. Derowegen ruckte unser Graf von der Wahl mit dem ganzenCorpovor besagten Ort, begehrete durch einen Trompeter abermal die Übergabe, drohete zu stürmen. Es erfolgte aber nichts als ein Schreiben:
»Hochwohlgeborener Graf etc. wissen dero hohen Vernunft nach, wie übelanständig, ja unverantwortlich es einem Soldaten fallen würde, wenn er einen so festen Ort dem Gegenteil ohn sonderbare Not einhändigte. Weswegen Eure Hochgräfliche Exzellenz mir dann hoffentlich nicht verdenken werden, wann ich mich befleißige zu verharren, bis die Waffen Eurer Exzellenz dem Orte zugesprochen. Kann aber meine Wenigkeit dero außerhalb Herrendiensten in ichtwas zu gehorsamen die Gelegenheit haben, so werde ich sein Eurer Exzellenz allerdienstwilligster Diener
N. N.«
Den Ort liegen zu lassen war nicht ratsam, zu stürmen ohn eine Presse hätte viel Blut gekostet und wäre doch noch mißlich gestanden, ob mans übermeistert hätte. Die Stücke und alles Zugehör von Münster und Ham herzuholen, da wäre viel Mühe, Zeit und Unkostendarauf geloffen. Indem man bei Groß und Klein ratschlagte, fiel mir ein, ich sollte mir diese Occasion zu Nutz machen, um mich zu erledigen. Ich ließ meinen Obrist-Leutenant wissen, daß ich Anschläge hätte, durch welche der Ort ohne Mühe und Unkosten zu bekommen wäre, wann ich nur Pardon erlangen und wieder auf freien Fuß gestellt werden könnte. Da lachten etliche: wer hangt, der langt! Andere, die mich kannten, auch der Obrist-Leutenant selbst glaubten mir, weswegen er sich in eigener Person an den General-Feldzeugmeister wandte. Der hatte hiebevor auch vom Jäger gehöret, ließ mich holen und solange meiner Bande entledigen. Als er mich fragte, was mein Anbringen wäre, antwortete ich:
»Gnädiger Herr etc., obzwar mein Verbrechen und Eurer Exzellenz rechtmäßig Gebot und Verbot mir beide das Leben absprechen, so heißet mich doch meine alleruntertänigste Treue, die ich dero römischen kaiserlichen Majestät meinem allergnädigsten Herrn bis in den Tod zu leisten schuldig bin, dem Feind einen Abbruch zu tun und erstallerhöchst gedachter römischer kaiserlicher Majestät Nutzen und Kriegswaffen zu befördern ...«
Der Graf fiel mir in meine allerschönste Rede: »Hast du mir nicht neulich den Mohren gebracht?«
»Ja, gnädiger Herr.«
»Wohl, dein Fleiß und Treue möchten vielleicht meritieren, dir das Leben zu schenken. Was hast du aber vor einen Anschlag?«
»Weil der Ort vor grobem Geschütz nicht bestehen kann, so hält meine Wenigkeit davor, der Feind werde bald accordieren, wann er nur eigentlich glaubte, daß wir Stücke bei uns haben.«
»Das hätte mir wohl ein Narr gesagt,« fiel der Graf ein. »Wer wird sie aber überreden, solches zu gläuben?«
»Ihre eigenen Augen. Ich habe ihre hohe Wacht mit meinem Perspektiv gesehen. Die kann man betrügen, wann man nur etliche Holzblöcke, den Brunnenrohren gleich, auf Wägen ladet, dieselben mit großem Gespann in das Feld führet und hiebevor ein Stückfundament aufwerfen lässet.«
»Mein liebes Bürschchen, es seind keine Kinder darin. Die werden die Stück auch hören wollen, und wann der Posse dann nicht angeht, so werden wir von aller Welt verspottet.«
»Gnädiger Herr, ich will schon Stücke in ihre Ohren lassen klingen, wann ich nur ein paar Doppelhacken und ein ziemlich groß Faß haben kann. Sollte man aber wider Verhoffen nur Spott daraus erlangen, so werde ich, der Erfinder, denselben mit meinem Leben aufheben.«
Obzwar nun der Graf nicht dran wollte, so persuadierte ihn jedoch mein Obrist-Leutenant dahin, daß er sagte, ich sei in dergleichen Sachen glückselig. Der Graf willigte endlich ein und meinte im Scherz zu ihm, die Ehre so er damit erwürbe, sollte ihm allein zustehen.
Also wurden drei Blöcke zuwegen gebracht und vor jeden vierundzwenzig Pferde gespannt, die führeten wir gegen Abend dem Feind ins Gesicht, dreien Doppelhacken gab ich zweifache Ladung, die ließ ich durch ein Stückfaß losgehen, gleich ob es drei Losungsschüsse hätten sein sollen. Das donnerte dermaßen, daß jedermann Stein und Bein geschworen hätte, es wären Quartierschlangen oder halbe Kartaunen. Unser General-Feldzeugmeistermußte der Gugelfuhre lachen und ließ dem Feind abermals einen Accord anbieten mit Anhang, wann sie sich nicht noch diesen Abend bequemen würden, daß es ihnen morgen nicht mehr so gut werden sollte.
Darauf wurden alsbald beiderseits Geißeln geschickt, der Accord geschlossen und uns noch dieselbige Nacht ein Tor der Stadt eingegeben. — Das kam mir trefflich gut, dann der Graf schenkte mir nicht allein das Leben und ließ mich noch selbige Nacht auf freien Fuß stellen, sondern er befahl dem Obrist-Leutenant in meiner Gegenwart, daß er mir das erste Fähnlein, so ledig würde, geben sollte. Das kam dem Obrist-Leutenant ungelegen, dann er hatte der Vettern und Schwäger so viel.
Ich fing an mich etwas reputierlicher zu halten als zuvor, weil ich so stattliche Hoffnungen hatte, und gesellete mich allgemach zu den Offizierern und jungen Edelleuten, die eben auf dasjenige spanneten, was ich in Bälde zu kriegen mir einbildete. Sie waren deswegen meine ärgsten Feinde und stelleten sich doch als meine besten Freunde gegen mich. So war mir der Obrist-Leutenant nicht gar grün, weil er mich vor seinen Verwandten hätte befördern sollen. Mein Hauptmann war mir abhold, dann ich mich an Pferden, Kleidern und Gewehr viel prächtiger hielt als er. Also hassete mich auch mein Leutenant wegen eines einzigen Wortes halber, das ich neulich unbedachtsam hatte laufen lassen. Wir waren miteinander in der letzten Cavalcada kommandiert, eine gleichsam verlorene Wacht zu halten. Als nun die Schildwacht an mir war, kroch der Leutenant auch auf dem Bauch zu mir und sagete: »Schildwacht, merkst du was?« Ich antwortete: »Ja, HerrLeutenant.« — »Was da! Was da!« sagte er. — »Ich merke, daß sich der Herr förchtet.« Von dieser Zeit an hatte ich keine Gunst mehr bei ihm, und wo es am ungeheuersten war, ward ich zum ersten hinkommandiert. Nicht weniger feindeten mich die Feldwaibel an, weil ich ihnen allen vorgezogen ward. Was aber gemeine Knechte waren, die fingen auch an in ihrer Liebe und Freundschaft zu wanken, weil es das Ansehen hatte, als ob ich sie verachte, indem ich mich nicht sonderlich mehr zu ihnen, sondern zu den großen Hansen gesellete. Ich lebte eben dahin wie ein Blinder in aller Sicherheit und ward je länger, je hoffärtiger.
Ich scheuete mich nicht einen Koller von sechzig Reichstalern, rote scharlachene Hosen und weiße atlassene Ärmel, überall mit Gold und Silber verbrämt, zu tragen, welche Tracht damals den höchsten Offizierern anstund. Ich war ein schröcklich junger Narr, daß ich den Hasen so laufen ließ, dann hätte ich mich anders gehalten und das Geld, das ich so unnützlich an den Leib hing, an gehörige Ort und Ende verschmieret, so hätte ich nicht allein das Fähnlein bald bekommen, sondern mir auch nicht so viel zu Feinden gemacht.
Nichts vexierte mich mehr, als daß ich mich nicht als Edelmann wußte, damit ich meinen Knecht und Jungen auch in meine Livrei hätte kleiden können. Und ich gedachte, alle Dinge hätten ihren Anfang — wann du ein Wappen hast, so hast du schon ein eigne Livrei, und wann du Fähnrich wirst, so mußt du ja ein Petschier haben, wannschon du kein Junker bist. Ich ließ mir also durch einenComitem Palatinumein Wappen geben. Das waren drei rote Larven in einem weißen Feld und auf dem Helm das Brustbild eines jungen Narren in kälbernem Habit mit ein Paar Eselsohren,vorn mit Schellen gezieret. Und dünket mich wahrlich schon jetzt keine Sau zu sein. So mich jemand damit hätte foppen wollen, so wären ihm ohn Zweifel Degen und ein Paar Pistolen präsentieret worden.
Wiewohl ich damals noch nichts nach dem Weibervolk fragte, so ging ich doch gleichwohl mit denen von Adel, wann sie irgends Jungfern besuchten, mich sehen zu lassen und mit meinen schönen Haaren, Kleidern und Federbüschen zu prangen. Ich muß gestehen, daß ich andern vorgezogen wurde, aber auch, daß verwöhnte Schleppsäcke mich einem wohlgeschnitzten hölzernen Bild verglichen, an welchem außer der Schönheit sonst weder Kraft noch Saft wäre. Ich sagte, so man mich der holzböckischen Art und Ungeschicklichkeit halber anstach, daß mirs genug sei, wann ich noch zur Zeit meine Freude an einem blanken Degen und einer guten Muskete hätte. Die Frauenzimmer billigten auch solche Reden, da keiner war, der das Herz hatte, mich heraus zu fordern oder Ursach zu ein Paar Ohrfeigen oder sonst ziemlich empfindlichen Worten zu geben, zu denen ich mich bereit zeigte.
Wann ich so durch die Gassen daherprangete und mein Pferd unter mir tanzte, da sagte das alberne Volk wohl: »Sehet, das ist der Jäger! Min God, wat vor en prave Kerl is nu dat!« Ich spitzte die Ohren gewaltig und ließ mirs gar sanft tun. Aber ich Narr hörete meine Mißgönner nicht, die mir ohn Zweifel wünschten, daß ich Hals und Bein bräche. Verständige Leute hielten mich gewißlich vor einen jungen Lappen, dessen Hoffart notwendig nicht lang dauern würde.
Meine Gewohnheit war, herum zu terminieren und alle Wege und Stege, alle Gräben, Moräste, Büsche und Wasser zu bereiten, um vor eine künftige Occasion des Orts Gelegenheit so offensive als defensive zu Nutz machen zu können. Einst ritt ich unweit der Stadt bei einem alten Gemäuer vorüber, darauf vor Zeiten ein Haus gestanden. Ich drang mit meinem Pferd in den Hof ein, zu sehen, ob man sich auch auf den Notfall zu Pferd darin salvieren könne. Als ich nun bei dem Keller, dessen Gemäuer noch rund umher aufrecht stund, vorüberreiten wollte, war mein Pferd, das sonst im geringsten nichts scheute, weder mit Liebe noch Leid dahin zu bringen. Ich stieg ab und führete es an der Hand die verfallene Kellersteigen hinunter, wovor es doch scheuete, damit ich mich ein andermal darnach richten könnte. Mit guten Worten und Streichen brachte ich es endlich so weit, indem ward ich gewahr, daß es vor Angst schwitzte und die Augen stets nach der Ecke des Kellers richtete, dahin es am allerwenigsten wollte, ob ich auch gleich nichts gewahrete. Ich stundmit Verwunderung, und wie mein Pferd je länger, desto ärger zitterte, da kam mich ein solches Grausen an, als ob man mich bei den Haaren aufzöge und einen Kübel voll kalt Wasser über mich abgösse. Mein Pferd stellete sich immer seltsamer, doch konnte ich nichts sehen, also daß ich mir nichts anders einbilden konnte, als ich müßte vielleicht mitsamt dem Pferd verzaubert sein. Derowegen wollte ich wieder zurück, aber mein Pferd folgte mir nicht. Dahero ward ich noch ängstlicher und so verwirrt, daß ich schier nicht wußte, was ich tät. Zuletzt nahm ich meine Pistole auf den Arm und band mein Pferd an eine Holderstockwurzel, der Meinung, aus dem Keller zu gehen und Leute zu suchen, die meinem Pferde heraushülfen. Indem fällt mir ein, ob nicht in dem Gemäuer vielleicht ein Schatz läge, dahero es so ungeheuer sein möchte. Ich sehe mich um, sonderlich nach der Ecke, dahin mein Pferd nicht wollte, und ward eines Stückes im Gemäuer gewahr, so groß als ein gemeiner Kammerladen, welches in Farbe und Arbeit dem andern Gemäuer nicht allerdings glich. Ich wollte hinzugehen, da sträubten sich alle meine Haare gen Berg und das bestärket mich in der Meinung, daß ein Schatz verborgen sein müsse.
Hundertmal lieber hätte ich Kugel gewechselt, als mich in solcher Angst befunden. Ich ward gequält und wußte doch nicht recht von wem, dann ich sahe oder hörte nichts. Ich wollte durchbrennen, vermochte aber die Stiegen nicht hinauf zu kommen, weil mich eine starke Luft aufhielt. Da lief mir die Katze wohl den Buckel hinauf! Zuletzt fiel mir ein, ich sollte meine Pistole lösen, damit mir die Bauren im Feld zuliefen. Ich war so erzörnt oder viel mehr desperat, da ich sonst kein Mittel noch Hoffnung sahe, aus diesen ungeheuern Wunderortzu kommen, daß ich mich gegen den Ort kehrete, wo ich die Ursache meiner seltsamen Begegnus vermeinete, und traf obgemeldtes Gemäuerstück mit zweien Kugeln so hart, daß es ein Loch gab, zwo Fäuste groß.
Als der Schuß geschehen, wieherte mein Pferd und spitzte die Ohren, was mich herzlich erquickte. Ich faßte einen frischen Mut und ging ohn Forcht zu dem Loch, da brach die Maur vollends ein. Ich fand einen reichen Schatz an Silber, Gold und Edelsteinen. Es waren aber sechs Dutzend altfränkische silberne Tischbecher, ein großer göldner Pokal, etliche Duplet, eine altfränkische göldene Kette, unterschiedliche Diamanten, Rubine, Saphire und Smaragde, alles in Ringe und Kleinodien gefasset,itemein ganz Lädlein voll großer Perlen, aber alle verdorben und abgestanden, dann ein verschimmelter lederener Sack mit achtzig von den ältesten Joachimsthalern aus feinem Silber, sodann 893 Goldstücke mit dem französischen Wappen und einem Adler. Dieses Geld, die Ringe und Kleinodien steckte ich in meine Hosensäcke, Stiefeln, Hosen und Pistolenhalftern und, weil ich keinen Sack bei mir hatte, schnitt ich meine Schabracke vom Sattel und füllete sie zwischen Zeug und Futter mit Silber- und Goldbechern, hing die gölden Kette um den Hals, saß fröhlich zu Pferd und wandte mich meinem Quartier zu. Wie ich aber aus dem Hof kam, rissen zween Bauren vor mir eilends aus, ich ereilete sie leichtlich, weil ich sechs Füße und ein eben Feld hatte und rief sie an. Da erzählten sie mir, daß sie vermeinet hätten, ich wäre das Gespenst, das in gegenwärtigem, ödem Edelhof wohne und Leute, die zu nahe kämen, elendiglich zu traktieren pflege. Aus Furcht vor dem Ungeheuer käme oft in vielen Jahren kein Mensch an diesen Ort. Die gemeine Sage ginge im Land, es wäre ein eiserner Trogvoller Geldes darin, den ein schwarzer Hund hüte zusamt einer verfluchten Jungfer. Sollte aber ein fremder Edelmann, der weder seinen Vater noch seine Mutter kenne, ins Land kommen, so werde er die Jungfer erlösen, den eisernen Trog mit einem feurigen Schlüssel aufschließen und das verborgene Geld davonbringen. Derlei alberne Fabeln erzählten sie mir noch viel. Ich fragte, was sie dann beide da gewollt hätten. Sie sagten, sie hätten einen Schuß samt einem lauten Schrei gehöret, da seien sie zugeloffen. Sie wollten viel Dings von mir wissen, und ich hätte ihnen sattsam Bären aufbinden können, aber ich konnte schweigen und ritt meines Wegs in mein Quartier. —
Diejenigen, die wissen, was Geld ist, und dahero solches vor ihren Gott halten, haben dessen nicht geringe Ursach, dann ist jemand in der Welt, der des Geldes Kräfte und beinahe göttliche Tugenden erfahren hat, so bin es ich: Ich weiß wie einem zu Mut ist, der einen ziemlichen Vorrat hat, und wie der gesinnet sei, der keinen einzigen Heller vermag. Kräftiger als alles Edelgestein ist Geld, dann es vertreibet die Melancholei wie der Diamant, es machet Lust und Beliebung zu denStudiiswie der Smaragd, darum werden gemeiniglich mehr reicher als armer Leute Kinder Studenten; es nimmt hinweg Forchtsamkeit, machet den Menschen fröhlich und glückselig wie der Rubin; oft ist es dem Schlafe hinderlich, wie die Granate; hingegen hat es auch eine große Kraft, die Ruhe und den Schlaf zu befördern, wie der Hyazinth; es stärket das Herz und machet den Menschen freudig, sittsam, frisch und mild wie der Saphir und Amethyst; es vertreibet böse Träume, machet fröhlich, schärfet den Verstand und so man mit jemand zanket, machet es, daß man sieget wie der Sardonyx,vornehmlich wann man den Richter brav damit schmieret; es löschet die geile Begierden, weil man schöne Weiber um Geld kriegen kann. In Kürze, es ist nicht auszusprechen, was das liebe Geld vermag, wann man es nur richtig brauchen und anzulegen weiß.
Das meinige war seltsamer Natur, es machte mich hoffärtiger, es hinderte mir den Schlaf, es machte mich zu einem bekümmerten Rechenmeister, es machte mich geizig.
Einmal kam mirs in Sinn, ich sollte den Krieg quittieren, mich irgends hinsetzen und mit einem schmutzigen Maul zum Fenster aussehen, dann gereuete mich aber wieder mein freies Soldatenleben und die Hoffnung, ein großer Hans zu werden. Oder verwünschete ich wiederum mein unvollkommen Alter und ich sagte zu mir selber, dann so nähmest du eine schöne, junge, reiche Frau und kauftest du irgendeinen adeligen Sitz und führtest ein geruhiges Leben. Allein ich war noch viel zu jung.
Damals hatte ich meinen Jupiter noch bei mir, der redete zu Zeiten sehr subtil und war etliche Wochen gar klug, hatte mich auch über alle Maßen lieb. Er warnete mich: »Liebster Sohn, schenkt euer Schindgeld, Gold und Silber hinweg!«
»Warum, mein lieber Jove?«
»Darum, damit Ihr Euch Freunde dadurch machet und Eurer unnützen Sorgen los werdet. Lasset die Schabhälse geizig sein. Haltet Euch, wie es einem jungen, wackeren Kerl zustehet!«
Ich dachte der Sache nach. Zuletzt verehrete ich dem Kommandanten ein paar silberner und vergöldter Duplet, meinem Hauptmann ein paar silberner Salzfässer, aber es wurde ihnen das Maul nach dem Übrigen nurwässeriger, weil es rare Antiquitäten waren. Meinem getreuen Spring-ins-Feld schenkte ich zwölf Reichstaler. Auch er riet mir, ich solle meinen Reichtum von mir tun, dann die Offizierer sähen nicht gern, daß der gemeine Mann mehr Geld hätte als sie. Auch wären etlich um Geldes halber heimlich ermordet worden. Es ginge um im ganzen Läger, und jeder mache den gefundenen Schatz größer, als er an sich selbst sei, er müsse oft hören, was unter den Burschen vor ein Gemürmel gehe. Er ließe Krieg Krieg sein, und setzte sich irgendwo in Sicherheit.
Ich sagte zu ihm: »Höre, Bruder, wie kann ich die Hoffnung auf mein Fähnlein so leicht in den Wind schlagen!«
»Hol mich dieser und jener, wann du ein Fähnlein bekommst. So die andern sehen, daß ein Fähnlein ledig, möchten sie tausendmal eh dir den Hals brechen helfen. Lerne mich nur keine Karpfen kennen, mein Vater war ein Fischer!«
Ich erwog diese und meines Jupiters Reden und bedachte, daß ich keinen einzigen angeborenen Freund hätte, der sich meiner in Nöten annehmen, oder meinen Tod rächen würde. — Indem sich nun eben eine Gelegenheit präsentierte, daß ich mit hundert Dragonern, etlichen Kaufleuten und Güterwägen von Münster nach Köln convoieren mußte, packte ich meinen Schatz zusammen und übergab ihn einen von den vornehmsten Kaufleuten zu Köln gegen spezifizierte Handschrift aufzuheben. Meinen Jupiter brachte ich auch dahin, weil er in Köln ansehnliche Verwandte hatte, gegen die er meine Guttaten rühmete, daß sie mir viel Ehre erwiesen.
Auf dem Zurückweg machte ich mir allerhand Gedanken, wie ich mich ins Künftige halten wollte, damit ich doch jedermanns Gunst erlangen möchte, dann Spring-ins-Feld hatte mir einen Floh ins Ohr gesetzt und mich zu glauben persuadieret, als ob mich jedermann neide. Ich verwunderte mich, daß alle Welt so falsch sei, mir lauter gute Wort gebe und mich doch nicht liebe. Derowegen gedachte ich mich anzustellen wie die andern und zu reden, was jedem gefiele, auch jedem mit Ehrerbietung zu begegnen, obschon es mir nicht ums Herz wäre. Vornehmlich aber merkte ich klar, daß meine eigene Hoffart mich mit den meisten Feinden beladen hatte, deswegen wollte ich mich fürder demütig stellen, obschon ichs nicht sei, mit den gemeinen Kerlen wieder unten und oben liegen, vor den Höheren aber den Hut in Händen tragen, mich der Kleiderpracht enthalten, bis ich etwan meinen Stand änderte. Ich hatte mir von meinem Kaufmann in Köln hundert Taler geben lassen, dieselben gedachte ich unterwegs demConvoihalb zu verspendieren. Solcher Gestalt war ich entschlossen, mich zu ändern und auf diesem Weg schon den Anfang zu machen. Ich machte aber die Zeche ohn dem Wirt.
Da wir durch das bergische Land passieren wollten, lauerten uns an einem sehr vortelhaften Ort 80 Feuerröhrer und 50 Reuter auf, eben als ich selbfünft mit einem Korporal geschickt ward voran zu reuten. Der Feind hielt sich still, als wir in seinen Halt kamen, ließ uns auch passieren, damit derConvoinicht gewarnet würde, bis er auch in die Enge käme. Da wir den Hinterhaltmerkten und umkehrten, gingen sie beiderseits los und fragten, ob wir Quartier wollten. Ich hatte mein bestes Roß unter mir, schwang mich herum auf eine kleine Ebene, zu sehen, ob da Ehre einzulegen sei, indessen hörete ich stracks an der Salve, welche die Unsrigen empfingen, was die Glocke geschlagen, trachtete derowegen nach der Flucht, aber ein Kornet hatte uns den Paß abgeschnitten. Indem ich mich durchhauen wollte, bot er mir, weil er mich vor einen Offizier ansahe, nochmals Quartier an, und ich besann mich, das Leben davon zu bringen.
Also präsentierte ich ihm den Degen. Er fragte mich, was ich vor einer sei, er sehe mich vor einen Edelmann und Offizier an. Da ich ihm antwortete, ich werde der Jäger von Soest genannt, sagte er: »Da hat Er gut Glück, daß Er uns nicht vor vier Wochen in die Hände geraten, dann zur selben Zeit hätte ich Ihm kein Quartier halten können, dieweil man Ihn bei uns vor einen offentlichen Zauberer gehalten hat.«
Dieser Kornet war ein tapferer, junger Kavalier, es freuete ihn trefflich, daß er die Ehre hatte, den berühmten Jäger gefangen zu haben, deswegen hielt er mir das versprochene Quartier sehr ehrlich und auf holländisch, deren Brauch ist, den gefangenen Feinden von dem, was der Gürtel beschleußt, nichts zu nehmen. Da es an ein Parten ging, sagete ich ihm heimlich, er sollte sehen, daß ihm mein Pferd, Sattel und Zeug zuteil würde, dann im Sattel dreißig Dukaten seien und das Pferd ohndas seinesgleichen schwerlich hätte. Davon ward mir der Kornet so hold, als ob ich sein leiblicher Bruder wäre, er saß auch gleich auf mein Pferd und ließ mich auf dem seinigen reuten.
Schweden und Hessen gingen noch am selbigen Abendin ihre unterschiedlichen Guarnisonen mit ihrer Beute und den Gefangenen. Mich und den Korporal samt noch dreien Dragonern behielt der Kornet und führet uns in eine Festung, die nicht gar zwei Meilen von unserer Guarnison lag. Und weil ich hiebevor demselben Ort viel Dampfs angetan, war mein Name daselbst wohl bekannt, ich selber aber mehr geförcht als geliebt. Der Kornet schickte einen Reuter voran, dem Kommandanten zu verkünden, wie es abgeloffen und wen er gefangen brächte. Davon gab es ein Geläuf in der Stadt, das nit auszusagen, weil jeder den Jäger gern sehen wollte, und war nicht anders anzusehen, als ob ein großer Potentat seinen Einzug gehalten hätte.
Wir wurden zum Gewaltiger geführt, doch ward es dem Kornet erlaubt, uns zu gastieren, weil ich hiebevor meinen Gefangenen, darunter sich des Kornets Bruder befunden, auch solcher Gestalt diskret begegnet war. Da nun der Abend kam, fanden sich unterschiedlich Offizierer, sowohl Soldaten von Fortun, als geborenen Kavaliers ein, und ich ward, die Wahrheit zu bekennen, von ihnen überaus höflich traktiert. Ich machte mich so lustig, als ob ich nichts verloren gehabt, und ließ mich so vertreulich und offenherzig vernehmen, als ob ich nicht in Feindeshand, sondern bei meinen besten Freunden wäre. Dabei beflisse ich mich der Bescheidenheit, dann ich konnte mir leicht einbilden, daß dem Kommandanten mein Verhalten notifiziert würde.
Den andern Tag wurden wir Gefangenen von dem Regimentsschulzen examiniert. Sobald ich in den Saal trat, verwunderte er sich über meine Jugend und sagte: »Mein Kind, was hat dir der Schwede getan, daß du wider ihn kriegest?«
Das verdroß mich, antwortete derhalben: »Dieschwedischen Krieger haben mir meine Schnellküglein und mein Steckenpferd genommen, die wollte ich gern wieder haben.«
Da ich ihn so bezahlete, schämten sich seine beisitzenden Offizierer, maßen einer auf Latein sagte, er solle von ernstlichen Sachen mit mir reden, er hätte kein Kind vor sich, und ich merkte dabei, daß er Eusebius hieße. Darauf fragte er mich nach meinem Namen, und als ich ihn genannt, sagte er: »Es ist kein Teufel in der Hölle, derSimplicissimusheißet.«
Ich antwortete, so sei auch vermutlich keiner in der Höllen, der Eusebius hieße, was aber von den Offizierern nicht am besten aufgenommen ward, dann sie erinnerten mich, daß ich ihr Gefangener sei und nicht scherzenshalber wäre hergeholet worden.
Ich ward dieses Verweises wegen darum nicht rot, bat auch nicht um Verzeihung, sondern gab zurück, weil sie mich vor einen Soldaten gefangen hielten und nicht vor ein Kind wieder laufen lassen würden, so hätte ich mich nicht versehen, als ein Kind gefoppt zu werden. Wie man mich gefraget, so hätte ich geantwortet.
Darauf ward ich um mein Vaterland, Herkommen, Geburt examiniert, vornehmlich aber ob ich auf schwedischer Seite gedienet hätte,itemwie es in Soest beschaffen. Ich antwortete auf alles behend, wegen Soest und selbiger Guarnison aber soviel, als ich zu verantworten getrauet.
Indessen erfuhr man zu Soest, wie es mit demConvoiabgeloffen, derhalben kam gleich am andern Tag ein Trommelschläger, uns abzuholen. Dem wurden der Korporal und die andern drei ausgefolgt und ein Schreiben mitgegeben, das mir der Kommandant zu lesen überschickte.
»Monsieur etc. Auf Ihr Schreiben schicke ich gegen empfangene Ranzion den Korporal samt den übrigen drei Gefangenen. Was aberSimplicium, den Jäger, anbelanget, kann selbiger, weil er hiebevor auf dieser Seite gedienet, nicht hinübergelassen werden. — Kann ich aber dem Herren im übrigen außerhalb Herrenpflichten in etwas bedienet sein, so hat derselbe in mir einen willigen Diener, als der ich soweit bin und verbleibe dem Herren dienstwilliger
N. de S. A.«
Dieses Schreiben gefiel mir nicht halb und ich mußte mich doch für die Mitteilung bedanken. Ich begehrete mit dem Kommandanten zu reden, bekam aber zur Antwort, daß er schon selbst nach mir schicken würde.
Das geschahe und mir widerfuhr das erste Mal die Ehre, an seiner Tafel zu sitzen. Solang man aß, ließ er mir mit dem Trunk zusprechen, gedachte aber weder klein noch groß von demjenigen, was er mit mir vorhatte. Demnach man abgegessen und nur ein ziemlicher Dummel aufgehängt war, sagte er: »Lieber Jäger, Ihr habet aus meinem Schreiben verstanden, unter was vor einPrätextich Euch hier behalte. Ich habe nichts vor, das widerRaisonoder Kriegsbrauch wäre. Ihr habet selbst gestanden, daß Ihr hiebevor auf unserer Seite bei der Hauptarmee gedienet, werdet Euch derhalben resolvieren müssen, unter meinem Regiment Dienst zu nehmen. So will ich Euch mit der Zeit dergestalt accommodieren, dergleichen Ihr bei der kaiserlichen Armee nimmer hättet hoffen dörfen. Widrigen Falls ich Euch wieder demjenigen Obrist-Leutenant überschicke, welchen Euch die kaiserlichen Dragoner abgefangen haben.«
Ich antwortete: »Hochgeehrter Herr Obrister (danndamals war noch nicht Brauch, daß man Soldaten von Fortun »Ihr Gnaden« titulierte) ich hoffe, weil ich weder der Krone Schweden noch deren Konföderierten, viel weniger dem Obrist-Leutenant niemalen mit Eid verpflichtet, sondern nur ein Pferdejung gewesen, daß dannenhero ich nicht verbunden sei, schwedische Dienste anzunehmen und dadurch den Eid zu brechen, den ich dem römischen Kaiser geschworen, derowegen ich hochgeboren Herrn Obristen allergehorsamst bitte, er beliebe mich dieser Zumutung zu überheben.«
»Was, verachtet Ihr dann schwedische Dienste? Eh' ich Euch wieder nach Soest lasse, dem Gegenteil zu dienen, eh' will ich Euch einen andern Proceß weisen oder im Gefängnus verderben lassen.«
Ich erschrak zwar über diese Worte, gab mich aber doch nicht, sondern antwortete: Gott wolle mich vor solcher Verachtung sowohl als vor dem Meineid behüten. Im übrigen stünde ich in untertäniger Hoffnung, der Herr Obrist würde mich seiner weitgerühmtenDiscretionnach, wie einen Soldaten traktieren.
»Ja,« sagte er, »ich wüßte wohl, wie ich Euch traktieren könnte. Aber bedenkt Euch besser.«
Darauf ward ich wieder ins Stockhaus geführet und jedermann kann unschwer erachten, daß ich dieselbige Nacht nicht viel geschlafen.
Den Morgen aber kamen etliche Offizierer mit dem Kornet unter Schein, mir die Zeit zu kürzen, in Wahrheit aber mir weis zu machen, als ob der Obrist gesinnet wäre, mir als einem Zauberer den Proceß machen zu lassen, sofern ich mich nicht anders bequemen würde. Wollten mich also erschröcken und sehen, was hinter mir stecke, weil ich mich aber meines guten Gewissens getröstete, nahm ich alles gar kaltsinnig an und redetenicht viel. Ich merkte wohl, daß es dem Obristen um nichts andres zu tun war, als daß er mich ungern in Soest sahe. Er konnte sich leicht einbilden, daß ich den Ort wohl nicht verlassen würde, weil ich meine Beförderung dort erhoffte, zwei schöne Pferde und sonst köstliche Sachen allda hatte.
Den folgenden Tag ließ er mich wieder zu sich kommen, und fragte, ob ich mich auf ein und anders resolviert hätte.