Ich bekam leichtlich einen Paß, weil ich nach Rom und Loretto pilgerweis wollte, um Gott vor meine Erledigung zu danken.
Von dannen kam ich über den Gotthart durchs Schweizerland wieder auf den Schwarzwald zu meinem Knän, welcher meinen Hof treu bewahret. Ich brachte nichts besonders heim als einen Bart, der mir in der Fremde gewachsen war.
Indessen war der deutsche Friede geschlossen worden, also daß ich bei meinem Knän in sicherer Ruh leben konnte. Ich ließ ihn sorgen und hausen und satzte mich hinter die Bücher, welches dann beides: meine Arbeit und Ergetzung war.
Ich lase einsmals, was das Orakel den römischen Abgesandten, als sie es fragten, was sie tun müßten, damit ihre Untertanen friedlich regiert würden, zur Antwort gabe: »Nosce te ipsum«, das ist: Es soll sich jeder selbst erkennen. Solches machte, daß ich mich hintersann und Rechnung über mein geführtes Leben begehrete. Da sagte ich alsdann zu mir selbst:
Dein Leben ist kein Leben gewesen sondern ein Tod, deine Tage ein schwerer Schatten, deine Jahre ein schwerer Traum, deine Wollüste schwere Sünden, deine Jugend eine Phantasei, deine Wohlfahrt ein Alchimistenschatz, der zum Schornstein hinausfähret und dich verläßt, eh du dich dessen versiehst. Du hast im Krieg viel Glück und Unglück eingenommen, bist bald hoch, bald nieder, bald groß, bald klein, bald reich, bald arm, bald fröhlich, bald betrübt, beliebt und verhaßt, geehrt und veracht gewesen — aber nun du, meine arme Seele, was hast du von dieser ganzen Reise zuwege gebracht?
Arm bin ich an Gut, mein Herz ist beschwert mit Sorgen, zu allem Guten bin ich faul, träg und verderbt. Mein Gewissen ist ängstlich und beladen, ich bin mit Sünden überhäuft und abscheulich besudelt. Der Leib ist müde, der Verstand verwirrt, die Unschuld ist hin, meine beste Jugend verschlissen, die edle Zeit verloren. Nichts ist, das mich erfreuet, ich bin mir selber feind.
Mit solchen Gedanken quälte ich mich täglich und eben damals kamen mir etliche Schriften des Antonio de Guevara unter die Hände, davon ich etwas zum Beschluß hierher setze, weil sie kräftig waren, mir die Welt vollends zu verleiten.
Diese lauten also:
AdieuWelt, dann auf dich ist nicht zu trauen. In deinem Haus ist das Vergangene schon verschwunden, das Gegenwärtige verschwindet uns unter den Händen, das Zukünftige hat nie angefangen, also daß du ein Toter bist unter den Toten und in hundert Jahren läßt du uns nicht eine Stunde leben.
AdieuWelt, dann du nimmst uns gefangen und läßt uns nicht wieder ledig, du bindest uns und lösest uns nicht wieder auf, du tötest ohne Urteil, begräbst ohne Sterben. Bei dir ist keine Freude ohne Kummer, kein Fried ohn Uneinigkeit, keine Ruhe ohne Forcht, keine Fülle ohne Mängel, keine Ehre ohne Makel, kein Gut ohne bös Gewissen, keine Freundschaft ohne Falschheit.
AdieuWelt, dann in deinem Palast dienet man ohn Entgelt, man liebkoset, um zu töten, man erhöhet, um zu stürzen, man hilft, um zu fällen, man ehrt, um zu schänden, man straft ohn Verzeihen.
Behüt dich Gott, Welt, dann in deinem Haus werden die großen Herren und Favoriten gestürzet, die Unwürdigen herfürgezogen, Verräter mit Gnaden angesehen, Getreue in Winkel gestellet, Unschuldige verurteilet, den Weisen und Qualifizierten gibt man Urlaub, den Ungeschickten große Besoldung, den Hinterlistigen wird geglaubet, und Aufrichtige und Redliche haben keinen Kredit. Ein jeder tut, was er will, und keiner, was er soll.
AdieuWelt, dann in dir wird niemand mit seinem rechten Namen genennet, den Vermessenen nennt man kühn, den Verzagten fürsichtig, den Ungestümen emsig, den Nachlässigen friedsam, ein Verschwender wird herrlich genannt, ein Karger eingezogen. Einen hinterlistigen Schwätzer und Plauderer nennet man beredt, den Stilleneinen Narren oder Phantasten, einen Ehebrecher und Jungfrauenschänder nennt man einen Buhler, einen Unflat nennt man Hofmann, einen Rachgierigen eifrig, einen Sanftmütigen einen Phantasten.
AdieuWelt, dann du verführest jedermann: den Ehrgeizigen verheißest du Ehre, dem Unruhigen Veränderung, dem Hochtragenden Fürstengnade, dem Nachlässigen Ämter, Fressern und Unkeuschen Freude und Wollust, Feinden Rache, Dieben Heimlichkeit.
AdieuWelt, dann in deinem Palast findet weder Wahrheit noch Treue Herberge! Wer mit dir redet, wird verschamt, wer dir trauet, betrogen, wer dir folget, verführt. Du betreugst, stürzest, schändest, besudelst, drohest, vergissest jedermann; dannenhero weinet, seufzet, jammert, klaget und verderbt jedermann und jedermann nimmt ein Ende. Bei dir siehet und lernet man nichts, als einander hassen bis zum Würgen, reden bis zum Lügen, lieben bis zum Verzweifeln, handeln bis zum Stehlen, bitten bis zum Betrügen, sündigen bis zum Sterben.
Behüt dich Gott, Welt, dann dieweil man dir nachgehet verzehret man die Zeit in Vergessenheit, die Jugend mit Rennen, Laufen, Spielen, die Mannheit mit Pflanzen und Bauen, Sorgen und Klagen, Kaufen und Verkaufen, Zanken, Hadern, Kriegen, Lügen und Betrügen, das Alter in Jammer und Elend,in summanichts als Mühe und Arbeit bis in den Tod.
AdieuWelt, dann niemand ist mit dir content oder zufrieden. Ist er arm, so will er haben, ist er reich, so will er gelten, ist er veracht, so will er hoch steigen, ist er beleidigt, so will er sich rächen, ist er in Gnaden, so will er viel gebieten, ist er lasterhaftig, so will er nur bei gutem Mut sein.
AdieuWelt, dann bei dir ist nichts beständig. Die hohen Türme werden vom Blitz erschlagen, die Mühlen vom Wasser hinweggeführet, das Holz wird von Würmern, das Korn von Mäusen, die Frucht von Raupen, die Kleider von Schaben gefressen. Das Viehe verdirbt vor Alter, der Mensch vor Krankheit.
O Welt, behüt dich Gott, dann in deinem Haus führet man weder ein heilig Leben noch einen gleichmäßigen Tod, der eine stirbt in der Wiege, der ander in der Jugend auf dem Bette, der dritt am Strick, der viert am Schwert, der fünft am Rad, der sechst auf dem Scheiterhaufen, der siebend im Weinglas, der acht in Freßhafen, der neunt verworgt am Gift, der zehnt durch Zauberei, der elft stirbt in der Schlacht, der zwölft ertränkt seine arme Seel im Tintenfaß.
Behüt dich Gott, Welt, dann mich verdreußt deineConversation! Das Leben, das du uns gibst, ist eine elende Pilgerfahrt, ein unbeständiges, ungewisses, hartes, rauhes, hinflüchtiges und unreines Leben voll Armseligkeit und Irrtum. Du lässest dich der Bitterkeit des Todes, mit deren du umgeben und durchsalzen bist, nicht genügen, sondern betreugst noch darzu die meisten mit deinem Schmeicheln. Du gibst aus dem goldenen Kelch Lüge und Falschheit zu trinken und machest blind, taub, toll, voll und sinnlos. Du machst aus uns einen finsteren Abgrund, ein elendes Erdreich, ein Kind des Zorns, ein stinkend Aas, ein unreines Geschirr in der Mistgrube voller Gestank und Greuel. Darum, o Welt, behüt dich Gott!
Adieu, o Welt, o schnöde, arge Welt! Anstatt deiner Freuden und Wollüste werden die bösen Geister an die unbußfertigen, verdammten Seelen Hand anlegen und sie in einem Augenblick in den Abgrund der Hölle reißen.Alsdann ist alle Hoffnung der Gnade und Milderung aus! Und je mehr einer sich bei dir, o arge, schnöde Welt, hat herrlich gemachet, je mehr schenket man ihm Qual und Leiden ein, dann so erforderts die göttliche Gerechtigkeit! Alsdann wird die arme Seele ächzen: Verflucht seist du, Welt, weil ich durch dein Anstiften Gottes und meiner selbst vergessen! Verflucht sei die Stunde, in deren Schoß mich Gott erschuf! Verflucht der Tag, darin ich geboren bin! O ihr Berge, Hügel und Felsen, fallet auf mich und verberget mich vor dem grimmigen Zorn des Lamms, vor dem Angesicht dessen, der auf dem Stuhl sitzet! Ach Wehe und aber Wehe in Ewigkeit!
O Welt, du unreine Welt, derhalben beschwöre ich dich, ich bitte, ich versuche, ich ermahne dich und protestiere wider dich, du wollest keinen Teil mehr an mir haben!
Ich habe das Ende gesetzt der Sorge. Lebet wohl, Hoffnung und Glück!
Diese Worte erwog ich mit Fleiß und stetigem Nachdenken. Endlich verließ ich die Welt und wurde wieder Einsiedel. Ich hätte gern bei meinem Sauerbrunn im Muckenloch gewohnet, aber die Bauren in der Nachbarschaft wollten es nicht leiden. Sie besorgten, ich würde den Brunn verraten.
Ich begab mich deshalb in eine andere Wildnus und fing mein spessarter Leben wieder an.
Gott verleihe uns allen seine Gnade, das wir allesamt das von ihm erlangen, woran uns am meisten gelegen: nämlich ein seliges
Ende!
Dieses Buch wurde als zweiter Band der Jahresreihe 1919/1920 für den Volksverband der Bücherfreunde hergestellt. Herausgegeben von E. G. Kolbenheyer. Gedruckt wurde der Band von der Druckerei Poeschel & Trepte, Leipzig, in der altschwabacher Drucktype. Der Entwurf zum Einband, der vom Kunstmaler Willy Belling stammt, wurde in der Spamer'schen Buchdruckerei, Leipzig, in Offsetdruck hergestellt.Ausschließlich für die Mitglieder des Volksverbands der Bücherfreunde.
Dieses Buch wurde als zweiter Band der Jahresreihe 1919/1920 für den Volksverband der Bücherfreunde hergestellt. Herausgegeben von E. G. Kolbenheyer. Gedruckt wurde der Band von der Druckerei Poeschel & Trepte, Leipzig, in der altschwabacher Drucktype. Der Entwurf zum Einband, der vom Kunstmaler Willy Belling stammt, wurde in der Spamer'schen Buchdruckerei, Leipzig, in Offsetdruck hergestellt.
Ausschließlich für die Mitglieder des Volksverbands der Bücherfreunde.
Anmerkungen zur TranskriptionInkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen gebräuchlich waren, wie:abgefäumt -- abgefeumtaccomodiert -- accommodiertaccordieren -- akkordierenAffection -- AffektionBauersmann -- BaursmannBelägerung -- Belagerungblies -- bließBöck -- Böckebößen -- bösenCavalcada -- Cavalcadedabei -- darbeidagegen -- dargegendarauf -- draufdiscurierte -- diskurierte -- diskutierteDoctor -- Doktordorfte -- dörfteEhestand -- Ehstandeigene -- eigneErlaubnis -- ErlaubnusEskadron -- EsquadronenFaßnacht -- FastnachtFeldwaibel -- FeldweibelFußstapfen -- FußtapfenGansstall -- GänsstallGebärden -- GeberdenGedächtnis -- GedächtnusGefängnis -- Gefängnusgräulich -- greulichHellebarden -- Hellebartenhie- -- hier-hiesigen -- hießigenirgendswo -- irgendwoist's -- istsKapitain -- KapitänLucifer -- LuziferMauer -- MaurObrist-Leutenant -- Obrist-Leutnantöffentliche -- offentlicheParadeis -- Paradiesperfecter -- perfekterPhantasei -- PhantasiePräceptor -- Praeceptorprakticiert -- praktiziertRauberei -- RäubereiRuben -- RübenSattel-Zeug -- Sattelzeugschrieen -- schrienSchultz -- SchulzSchwäher -- Schweher -- Schwehrseind -- sindstack -- stakStiegelhüpfer -- StieglhupferTaback -- Tabak -- Tobakungeheuere -- ungeheureunmöglich -- unmüglichunseren -- unsernunverholen -- unverhohlenverträulich -- vertraulich -- vertreulichVorteil -- VortelWammesklopfer -- Wamsklopferzehen -- zehnzuforderst -- zuvorderstzwanzig -- zwenzigInterpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen:S. 4 »Erdboten« in »Erdboden« geändert.S. 11 »Geis« in »Geiß« geändert.S. 14 »vohin« in »wohin« geändert.S. 18 »bedunkte« in »bedünkte« geändert.S. 24 »Parrherrn« in »Pfarrherrn« geändert.S. 29 »Officierer« in »Offizierer« geändert.S. 31 »müßen« in »müssen« geändert.S. 39 »Corps de Guarde« in »Corps de Garde« geändert.S. 45 »abgegeangen« in »abgegangen« geändert.S. 46 »Mannsfelder« in »Mansfelder« geändert.S. 47 »wollinen« in »wollenen« geändert.S. 59 »Einsiedl« in »Einsiedel« geändert.S. 59 »solichs« in »solches« geändert.S. 63 »sattgessen« in »sattgegessen« geändert.S. 67 »Bulerei« in »Buhlerei« geändert.S. 76 »mollte« in »wollte« geändert.S. 77 »Unsachen« in »Ursachen« geändert.S. 79 »erschüge« in »erschlüge« geändert.S. 97 »Immagination« in »Imagination« geändert.S. 98 »Nabochodonosor« in »Nabuchodonosor« geändert.S. 103 »Orfeigen« in »Ohrfeigen« geändert.S. 108 »forchterlich« in »förchterlich« geändert.S. 111 »hamburger und zerbster Bier« in »Hamburger und Zerbster Bier« geändert.S. 114 »aus Befehl« in »auf Befehl« geändert.S. 123 »war beliebt« in »was beliebt« geändert.S. 131 »Kurasche« in »Courage« geändert.S. 137 »allerfeulste« in »allerfäulste« geändert.S. 137 »salvaguadiert« in »salvaguardiert« geändert.S. 140 »Goesfeld« in »Coesfeld« geändert.S. 142 »Reckinghusen« in »Recklinghausen« geändert.S. 146 »Geisbock« in »Geißbock« geändert.S. 147 »Wohlerwürden« in »Wohlehrwürden« geändert.S. 155 »was du wilt« in »was du willst« geändert.S. 171 »Reckinghausen« in »Recklinghausen« geändert.S. 173 »dahingenen« in »dahingegen« geändert.S. 175 »wider« in »wieder« geändert.S. 181 »gnug« in »genug« geändert.S. 197 »Narre« in »Narren« geändert.S. 204 »selbt« in »selbst« geändert.S. 204 »gemanglet« in »gemangelt« geändert.S. 211 »Krobaten« in »Kroaten« geändert.S. 215 »Schaz« in »Schatz« geändert.S. 218 »Copei« in »Copie« geändert.S. 218 »Halb« in »halb« geändert.S. 228 »instruieret« in »instruierte« geändert.S. 237 »Latern« in »Laterne« geändert.S. 243 »verstrochene« in »versprochene« geändert.S. 247 »machtst« in »machst« geändert.S. 253 »krigte« in »kriegte« geändert.S. 254 »Welicher« in »Welcher« geändert.S. 258 »muße« in »mußte« geändert.S. 285 »gesannte« in »gespannte« geändert.S. 286 »wachet« in »machet« geändert.S. 292 »Tot« in »Tod« geändert.S. 298 »Spectakul« in »Spektakul« geändert.S. 299 »wiederteuferisch« in »wiedertäuferisch« geändert.S. 302 »Begegnussen« in »Begegnüssen« geändert.S. 305 »verdrebt« in »verderbt« geändert.S. 313 »stürtzete« in »stürzete« geändert.S. 316 »bezahte« in »bezahlte« geändert.S. 328 »Weißel« in »Weisel« geändert.S. 331 »Samogeten« in »Samojeden« geändert.S. 336 »kommen« in »komme« geändert.S. 341 »jetz« in »jetzt« geändert.S. 345 »uns« in »und« geändert.S. 351 »ihn« in »ihm« geändert.S. 352 »Stelitzen« in »Strelitzen« geändert.S. 354 »Wisseuschaften« in »Wissenschaften« geändert.