Hunger und Durst, auch Hitz und Kält,Arbeit und Armut, wie es fällt,Gewalttat, UngerechtigkeitTreiben die Landsknecht allezeit.
Hunger und Durst, auch Hitz und Kält,Arbeit und Armut, wie es fällt,Gewalttat, UngerechtigkeitTreiben die Landsknecht allezeit.
Schlemmen und dämmen, Hunger und Durst, huren und buben, raßlen und spielen, morden und gemordet werden, tribulieren und wieder getrillet werden, jagen und gejagt werden, plündern und geplündert werden, förchten und wieder geförchtet werden, Jammer anstellen und wieder jämmerlich leiden,in summanur verderben, beschädigen und verderbt, beschädigt werden, das war ihr ganzes Tun und Wesen. Und nicht Winter und Sommer, nicht Regen noch Wind, Berg noch Tal, weder Morast, Gruben, Meer, Mauer, Feuer noch Wälle, weder Vater noch Mutter, weder Gefahr ihrer Leiber, Seelen und Gewissen, ja, nicht Verlust des Lebens noch des Himmels verhinderte sie daran. Sie weberten in ihren Werken emsig fort, bis sie endlich in Schlachten, Belägerungen, Stürmen, Feldzügen und den Quartieren selbsten umkamen, verdarben und krepierten. Etliche wenige, die in ihrem Alter, wann sie nicht wacker geschunden und gestohlen hatten, Bettler und Landstürzer abgaben.
Zunächst darüber saßen alte Hühnerfänger, die sich etliche Jahre mit höchster Gefahr auf den untersten Ästen gehalten hatten, sie sahen etwas reputierlicher aus. Darüber befanden sich noch höhere, die Wammesklopfer, weil sie die untersten zu kommandieren hatten. Sie fegten den Pikenieren mit Prügeln und Höllenpotzmarter Rücken und Kopf und gaben den Musketierern Baumöl.
Darüber hatte des Baumes Stamm einen Absatz,ein glatt Stück ohne Äste mit seltsamen Seifen der Mißgunst geschmieret. Kein Kerl, er sei dann vom Adel, konnte da hinaufsteigen, dann der Stamm war glätter poliert als ein stählerner Spiegel.
Und darüber saßen die mit den Fähnlein, Junge, denen ihre Vettern hinaufgeholfen, Alte, so auf der silbernen Leiter, die man Schmiralia nennet, oder mangels anderer hinaufgestiegen waren. Je höher, desto besser saßen sie.
Wann einCommissariusdaherkam und eine Wanne voll Geld über den Baum abschüttete, solchen zu erquicken, ließen sie den Untersten soviel wie nichts zukommen. Dahero pflegten von den Untersten mehr Hungers zu sterben, als ihrer vom Feind umkamen. So war ein unaufhörliches Gekrappel und Aufklettern an diesem Baum. Die Untersten hofften der Oberen Fall, geriet es einem unter zehentausend, so stund er im verdrüßlichen Alter, daß er besser hinter den Ofen taugte, Äpfel zu braten, als im Feld vor dem Feind zu liegen. Man nahm dahero anstatt der alten Soldaten viel lieber Plackschmeißer, Kammerdiener, arme Edelleute, irgends Vettern und Schmarotzer und Hungerleider, die denen, so etwas meritiert, das Brot vorm Maul abschnitten und Fähnrich wurden.
Dieses verdroß einen Feldwaibel so sehr, daß er trefflich anfing zu schmälen. Aber Adelhold sagte:
»Graue Bärte schlagen den Feind nicht, man könnte sonst eine Herde Böcke zu solchem Geschäft dingen. Sage mir, du alter Krachwadel, ob nicht edelgeborene Offizierer von der Soldateska besser respektieret werden, dann die, so zuvor gemeine Knechte gewesen? Ist einem Baurenbuben, der seinem Vater vom Pfluge entlaufen, besser zu trauen? Ein rechtschaffener Edelmann, eh erseinem Geschlecht durch Untreue, Feldflucht oder sonst dergleichen einen Schandfleck anhinge, eh würde er ehrlich sterben. Und wann schon einer von euch ein guter Soldat ist, der Pulver riechen und in allen Begebenheiten treffliche Anschläge geben kann, so ist er darum nicht gleich tüchtig andere zu kommandieren. Wenn man den Baur über den Edelmann setzte und also strack zu Herren machte, es stünde nach dem gemeinen Sprichwort nicht fein:
Es ist kein Schwert, das schärfer schiert,Als wann der Baur zum Herren wird.
Es ist kein Schwert, das schärfer schiert,Als wann der Baur zum Herren wird.
Hingegen aber ist ein junger Hund zum jagen viel freudiger als ein alter Löw.«
Der Feldwaibel antwortete: »Welcher Narr wollte dann dienen, wann er nicht hoffen darf, um seine Treue belohnt zu werden? Der Teufel hole solchen Krieg! Dann gilt es gleich, ob sich einer wohl hält oder nicht. Ich habe von unserm alten Obristen vielmals gehöret, daß er keinen Soldaten begehre, der sich nicht festiglich einbilde, durch Wohlverhalten ein General zu werden.
Die Lampe leucht' dir fein, doch mußt du sie auch labenMit fett Olivensaft, die Flamm sonst bald verlischt.Getreuer Dienst durch Lohn gemehrt wird und erfrischt.Soldatentapferkeit will Unterhaltung haben.
Die Lampe leucht' dir fein, doch mußt du sie auch labenMit fett Olivensaft, die Flamm sonst bald verlischt.Getreuer Dienst durch Lohn gemehrt wird und erfrischt.Soldatentapferkeit will Unterhaltung haben.
Ich sehe wohl, die Türen zu Würde und Amt werden uns durch den Adel verschlossen gehalten. Man setzet den Adel, wann er aus der Schalen gekrochen, gleich an solche Örter, da wir uns nimmermehr keine Gedanken hin machen dörfen, wanngleich wir mehr getan haben, als mancherNobilist, den man jetzo für einen Obristen vorstellet. Also veraltet manch wackerer Soldatunter seiner Muskete, der billiger ein Regiment meritierte.«
Ich wollte dem alten Esel nicht mehr zuhören, der oft die armen Soldaten prügelte wie die Hunde.
Ich wandte mich wieder gegen die Bäume. Das ganze Land stund deren voll und ich sahe, wie sie sich bewegten und zusammenstießen. Da prasselten die Kerl haufenweise herunter, augenblicklich frisch und tot. Und mich bedauchte alle Bäume wären nur einer, auf dessen Gipfel saße der KriegsgottMarsund bedeckte mit des Baumes Ästen ganz Europam.
Da hob sich ein scharfer Nordwind. Unter gewaltigem Gerassel und Zertrümmerung des Baums höret ich eine Stimme:
Die Steineich, durch den Wind getrieben und verletzet,Ihr eigen Äst abbricht, sich ins Verderben setzet:Durch innerlichen Krieg und brüderlichen StreitWird alles umgekehrt und folget lauter Leid.
Die Steineich, durch den Wind getrieben und verletzet,Ihr eigen Äst abbricht, sich ins Verderben setzet:Durch innerlichen Krieg und brüderlichen StreitWird alles umgekehrt und folget lauter Leid.
Und ich ward aus dem Schlaf erweckt und sahe mich nur allein in meiner Hütte.
Dahero fing ich wieder an zu bedenken, was ich immermehr beginnen sollte. Nichts war mir übrig als noch etliche Bücher, welche hin- und hergestreut und durch einander geworfen lagen. Als ich solche mit weinenden Augen auflase, fand ich ungefähr ein Brieflein, das mein Einsiedel bei seinem Leben noch geschrieben hatte.
‚LieberSimplici, wenn du dies Brieflein findest, so gehe alsbald aus dem Wald und errette dich und den Pfarrer aus gegenwärtigen Nöten. Bedenke und tue ohn Unterlaß nach meinen letzten Reden, so wirst du bestehen mögen.Vale!’
Ich küßte das Brieflein und das Grab des Einsiedels zu viel tausend Malen und machte mich auf den Weg, Menschen zu suchen. Den dritten Tag kam ich nach Gelnhausen auf ein Feld, das lag überall voller Garben, welche die Bauren, weil sie nach der namhaften Schlacht vor Nördlingen verjagt worden, nicht hatten einführen können. Da genosse ich gleichsam eines hochzeitlichen Mahles und sättigte mich mit ausgeriebenem Weizen.
Da es tagete, begab ich mich zum nächsten nach Gelnhausen und fand das Tor offen, zum Teil verbrannt, halber noch mit Mist verschanzt. Ich konnte keines lebendigen Menschen gewahr werden. Die Gassen hin und her lagen mit Toten überstreut, deren etliche ganz, etliche aber bis aufs Hemd ausgezogen waren. Dieser jämmerliche Anblick war mir ein erschröcklichSpectacul. Kaum zween Steinwürfe weit kam ich in die Stadt, als ich mich derselben schon sattgesehen hatte. Derowegen kehrete ich wieder um, ging durch die Aue nebenhin und kam vor die herrliche Festung Hanau. Aber mich erdappten von deren erster Wacht gleich zween Musketierer, die mich in ihreCorps de Gardeführten.
Meine Kleidung und Gebärden waren genugsam verwunderlich, widerwärtig und durchaus seltsam: Meine Haare waren in dritthalb Jahren weder auf griechisch, deutsch, noch französisch abgeschnitten, gekampelt, noch gekräuselt oder gebüfft worden, sondern sie stunden in ihrer natürlichen Verwirrung noch mit mehr als jährigem Staub anstatt des Puders durchstreut. Ich sahe darunter mit meinem bleichen Angesicht herfür, wie eine Schleiereule, die auf eine Maus spannet. Und weil meine Haare von Natur kraus waren, hatte es das Ansehen, als wann ich einen Turban aufgehabt hätte. Der übrige Habit stimmte mit der Hauptzier überein. Ich trug meines Einsiedels tausendfältig geflickten Rock und darüber das hären Hemd wie ein Schulterkleid, weil ich die Ärmel an Strumpfs Statt brauchte und dieselben zu solchem End herabgetrennt hatte. Der ganze Leib war mit eisernen Ketten hinten und vorn, feinkreuzweis, wie manSt. Wilhelmumzu malen pfleget, umgürtet, so daß ich fast denen glich, so von den Türken gefangen und vor ihre Freunde zu betteln im Land umziehen. Meine Füße schlurften in Holzschuhen und waren krebsrot, als wann ich ein Paar Strümpfe auf spanisch Leibfarb angehabt oder die Haut mit Fernambuc gefärbt hätte. Ein Gaukler oder Marktschreier vermochte mich wohl als einen Samojeden oder Grünländer dargeben, so daß er manchen Narren angetroffen hätte, der einen Kreuzer an mir versehen konnte. Obzwar ich nach meinem magern und ausgehungerten Anblick keinem Frauenzimmer oder irgendeines großen Herrn Hofhaltung entlaufen sein mochte, so ward ich jedoch unter der Wacht streng examiniert. Und gleichwie sich die Soldaten an mir vergafften, also betrachtet ich hingegen ihres Offizierers tollen Aufzug, dem ich Red und Antwort geben mußte. Ich wußte nicht, ob er Sie oder Er wäre, dann er trug Haare und Bart auf französisch: zu beiden Seiten hatte er lange Zöpfe wie Pferdeschwänze und sein Bart war so elend zugerichtet und verstümpelt, daß zwischen Maul und Nase nur noch etliche wenige Haare kurz davongekommen. Nicht weniger satzten mich seine weiten Hosen des Geschlechtes halber in nicht geringe Zweifel, als welche mir vielmehr einen Weiberrock dann ein Paar Mannshosen vorstelleten. Gewißlich ist es ein Weib, gedachte ich, dann eine ehrlicher Mann wird seinen Bart wohl nimmermehr so jämmerlich verketzern lassen. Endlich hielt ich ihn für einen Mann und Weib zugleich.
Dieser weibische Mann ließ mich überall besuchen, fand aber nichts bei mir als ein Büchlein von Birkenrinden, darin ich meine täglichen Gebete geschrieben und auch meines frommen Einsiedels Zettlein, so ermir zumValetehinterlassen, liegen hatte. Solches nahm er mir. Ich fiel vor ihm nieder, fasste ihn um beide Knie und sagte:
»Mein lieber Hermaphrodit, laß mir doch mein Gebetbüchlein!«
»Du Narr,« antwortete er, »wer Teufel hat dir gesagt, daß ich Hermann heiß!«
Befahl darauf zweien Soldaten mich mitsamt dem Büchlein, dann der Geck konnte nicht lesen, zum Gubernator zu bringen. Und jedermann lief zu, als wenn ein Meerwunder zur Schau geführet würde.
Der Gubernator fragte mich, wo ich herkäme. Ich antwortete: »Ich weiß es nicht.« Er fragte weiter: »Wo willst du dann hin?« Meine Antwort war: »Ich weiß es nicht.« — »Was Teufel weißt du dann? Was ist deine Hantierung?« Ich kunnt nur sagen: »Ich weiß es nicht.« — »Wo bist du zuhaus?« Als ich nun wiederum antwortete, ich wüßte es nicht, veränderte er seine Mienen, weiß nicht, ob es aus Zorn oder Verwunderung geschahe. Dieweil aber jedermann das Böse zu argwöhnen pfleget, zumal auch der Feind nahe war, der in voriger Nacht Gelnhausen eingenommen und ein Regiment Dragoner darin zu Schanden gemacht hatte, hielt mich der Gubernator für einen Kundschafter. Die Wachtsoldaten gaben Bericht, daß anders nichts bei mir wäre gefunden worden, als gegenwärtiges Büchlein, darin er alsbald ein paar Zeilen las und fragte, wer mir das Büchlein gegeben hätte. Ich antwortete, es wäre von Anfang mein Eigen und von mir selbst gemacht und überschrieben.
»Warum eben auf birkenen Rinden?«
»Weil sich die Rinden von andern Bäumen nicht darzu schicken.«
»Du Flegel, ich frage, warum du nicht auf Papier geschrieben hast.«
»Wir haben keins mehr im Wald gehabt.«
»Wo, in welchem Wald?«
Ich antwortete wieder auf meinem alten Schrot, ich wüßte es nicht. Da wandte sich der Gubernator zu etlichen Offizierern, die ihm eben aufwarteten: »Entweder ist dieser ein Erzschelm oder gar ein Narr.« Und indem er redete, blätterte er in meinem Büchlein so stark herum, daß des Einsiedel Briefchen herausfallen mußte. Solches ließ er aufheben, ich aber entfärbte mich darüber, weil ichs vor meinen höchsten Schatz und Heiligtum hielt, daher der Gubernator noch größeren Argwohn schöpfte. Er las den Brief und sagte: »Ich kenne einmal diese Hand und weiß, daß sie von einem wohlbekannten Kriegsoffizier ist geschrieben worden, ich kann mich aber nicht entsinnen von welchem.«
So kam ihm auch der Inhalt seltsam und unverständlich vor.
»Dies ist ohn Zweifel,« erkläret er, »eine abgeredte Sprache, die sonst niemand verstehet. Wie heißt du?«
»Simplicius.«
»Ja, ja, du bist eben der rechte Kauz. Fort, daß man ihn alsobald an Hand und Fuß in Eisen schließe!«
Also wanderten die beiden Soldaten mit mir nach meiner neuen Herberge, dem Stockhaus, und überantworteten mich dem Gewaltiger, der mich mit Ketten an Händen und Füßen zierete, gleichsam als hätte ich nicht genug an mir getragen.
Dieser Willkomm war der Welt noch zu lieblich, dann es kamen Henker und Steckenknechte mit erschröcklichen Folterungsinstrumenten, die meinen elenden Zustand allererst grausam machten.
»Ach Gott,« sagte ich zu mir, »wie geschiehet dir so recht! O, du unglückseligerSimplici! Dahin bringet dich deine Undankbarkeit: Siehe Gott hatte dich kaum zu seiner Erkanntnus und in seine Dienste gebracht, so laufst du hingegen aus seinen Diensten. O blinder Ploch, du hast dieselben verlassen, deinen schändlichen Begierden genug zu tun und die Welt zu sehen! Jetzt fahre hin und empfahe den Lohn deiner gehabten eitelen Gedanken und vermessenen Torheit!«
Indessen näherten wir uns dem Diebsturm, und als die Not am größten, da war die Hilfe Gottes am nähesten: dann als ich mit den Schergen samt einer großen Menge vorm Gefängnus stund, zu warten bis es aufgemachet, wollte mein Pfarrer (dann er lag zunächst dabei auch im Arrest) sehen, was da vorhanden wäre. Er sahe mich und rief überlaut: »OSimplici, bist du es!«
Da hub ich beide Hände auf und schrie: »O Vater! O Vater!«
Er fragte mich, was ich getan hätte. Ich antwortete, ich wüßte es nicht. Als er aber den Umstand vernahm, bat er, man wollte mit mir inhalten, bis er meine Beschaffenheit dem Herrn Gubernator berichtet hätte, dann solches würde verhüten, daß er sich an uns beiden vergreife.
Es wurde erlaubt, und über eine halbe Stunde ward ich auch geholt und in die Gesindestube gesetzet, allwo sich schon zween Schneider, ein Schuster mit Schuhen, ein Kaufmann mit Hüten und Strümpfen und ein anderer mit allerhand Gewand eingestellt hatten, damit ich ehist gekleidet würde. Folgends erschien ein Feldscherer mit scharfer Lauge und wohlriechender Seife und eben als dieser seine Kunst an mir üben wollte, kam ein anderer Befehl, welcher mich greulich erschreckte: Ich sollte meinen Habit wieder anziehen. War aber nicht böß gemeint, dann es kam ein Maler mit seinen Werkzeugen daher, nämlich mit Minien und Zinober zu meinen Augenlidern, mit Lack, Endig und Lasur zu meinen Korallenlippen, mit Auripigmentum, Rausch-schütt und Bleigelb zu meinen weißen Zähnen, die ich vor Hunger bleckte, mit Kienruß, Kohlschwärz und Umbra zu meinen blonden Haaren, mit Bleiweiß zu meinen gräßlichen Augen und mit sonst vielerlei Farben zu meinem wetterfarbigen Rock, auch hatte er eine ganze Hand voll Pensel. Dieser fing an, mich zu beschauen, abzureißen, zu untermalen, seinen Kopf über die Seite zu hängen, um seine Arbeit gegen meine Gestalt genau zu betrachten, und änderte so lange, bis er endlich ein natürliches Muster entworfen hatte, wieSimpliciuseins war. Alsdann dorfte allererst der Feldscherer über mich herwischen, derselbe zwackte mir den Kopf und richtete wohl anderthalb Stund an meinen Haaren, folgends schnitt er sie ab auf die damalige Mode, dann ich hatte Haar übrig. Nachgehends satzte er mich in ein Badstüblein und säuberte meinen ausgehungertenLeib von mehr als drei- und vierjähriger Unlust. Kaum war er fertig, da brachte man mir ein weißes Hemd, Schuhe und Strümpfe samt einem Überschlag und Kragen, auch Hut und Feder. Die Hosen waren gar schön ausgemacht und überall mit Galaunen verbrämt. Die Schneider arbeiteten noch auf die Eil am Wams. Der Koch stellte sich mit einem kräftigen Süpplein ein und die Kellerin mit einem Trunk. Da saß mein HerrSimpliciuswie ein junger Graf zum bestenaccommodiert. Ich glaube schwerlich, daß ich mein Lebtag ein einzig Mal eine größere Wollust empfunden als eben damals. Mein Waldkleid samt Ketten und allem Zugehör ward in die Kunstkammer zu andern raren Sachen und Antiquitäten getan, daneben mein Bildnus.
Nach dem Nachtessen ward ich in ein Bette geleget, dergleichen ich nie gekannt. Aber mein Bauch knurrte und murrte die ganze Nacht hindurch, daß ich nicht schlafen konnte, weil er entweder nicht wußte, was gut war, oder weil er sich über die anmütigen, neuen Speisen verwunderte. Ich blieb aber liegen, bis die liebe Sonne wieder leuchtete.
Denselben Morgen gab mir der Gubernator einen Leibschützen, der mich zu meinem Pfarrer brachte. In dessenMuseosatzten wir uns und er ließ mich vernehmen:
»LieberSimplici, der Einsiedel, den du im Walde angetroffen und bis zu seinem Tode Gesellschaft geleistet hast, ist nicht allein des hießigen Gouverneurs Schwager, sondern auch im Krieg sein Beförderer und wertester Freund gewesen, wie dem Gubernator mir zu erzählen beliebet. Ihm ist von Jugend auf weder an Tapferkeit noch an Gottseligkeit niemals nichts abgegangen, welchebeiden Tugenden man zwar selten bei einander zu finden pflegt. Sein geistlicher Sinn und widerwärtige Begegnüsse hemmten endlich den Lauf seiner weltlichen Glückseligkeit, daß er Adel und ansehnliche Güter verschmähete und hintan setzte und sein Dichten und Trachten fortan nur nach einem erbärmlichen, eremitischen Leben gerichtet war. — Ich will dir aber auch nicht verhalten, wie er in den Spessart zu solchem Einsiedlerleben gekommen sei.
Die zweite Nacht hernach, als die blutige Schlacht von Höchst verloren worden, kam er einzig und allein vor meinen Pfarrhof, als ich eben mit meinem Weib und Kindern gegen den Morgen entschlafen war, weil wir wegen des Lärmens im Land, beides: der Flüchtigen und Nachjagenden, die vorige und auch selbige halbe Nacht durch und durch gewachet hatten. Er klopfte erst sittig an, folgends ungestüm genug, bis er mich und mein schlaftrunkenes Gesind erweckte. Nach wenig Wortwechseln, welches beiderseits gar bescheiden fiel, ward ihm die Tür geöffnet, und ich sahe den Kavalier vom Pferde steigen. Sein kostbarlich Kleid war ebenso sehr mit seiner Feinde Blut besprengt als mit Gold und Silber verbrämt. Er besänftigte Forcht und Schrecken, indem er seinen bloßen Degen einsteckte, und ich sprach ihn seiner schönen Person und des herrlichen Ansehens halber vor den Mansfelder selbst an. Er aber sagte, er sei denselben vor diesmal nur in der Unglückseligkeit nicht allein zu vergleichen, sondern auch vorzuziehen. Drei Dinge beklagte er: Seine verlorene, hochschwangere Gemahlin, die verlorene Schlacht und, daß er nicht vor das Evangelium sein Leben zu lassen das Glück gehabt hätte. Ich wollte ihn trösten, sahe aber bald, daß seine Großmütigkeit keines Trostes bedurfte.Er begehrte ein Soldatenbett von frischem Stroh.
Das erste am folgenden Morgen war, daß er mir sein Pferd schenkte und sein Gold samt etlichen köstlichen Ringen unter meine Frau, Kinder und Gesinde austeilete. Ich trug Bedenken, so große Verehrung anzunehmen. Er aber sagte, er wollte mich vor Gefahr des Argwohns mit seiner eigenen Handschrift versichern, ja er begehrte sogar sein Hemd, geschweige seine Kleider aus meinem Pfarrhof nicht zu tragen. Ich wehrete mit Händen und Füßen, was ich konnte, weil solches Vorhaben zumal nach dem Papsttum schmäcke (dann er eröffnete unumwunden, ein Eremit zu werden) mit Erinnerung, daß er dem Evangelio mehr mit seinem Degen würde dienen können. Aber vergeblich. Ich mußte ihn mit denjenigen Büchern und Hausrat montieren, die du bei ihm gefunden, und er ließ sich einen Rock aus der wollenen Decke machen, darunter er dieselbe Nacht auf dem Stroh geschlafen. So mußte ich auch meine Wagenketten mit ihm um eine göldene, daran er seiner Liebsten Conterfait trug vertauschen.
Nachdem nun neulich die Schlacht vor Nördlingen verloren, habe ich mich hierher in Sicherheit geflehnet, weil ich ohn das schon meine besten Sachen hier hatte. Als mir die baren Geldmittel aufgehen wollten, nahm ich drei Ringe und obgemeldte göldene Kette mit samt dem anhangenden Conterfait und trugs zum Juden, solches zu versilbern. Der hat es aber der Köstlichkeit und schönen Arbeit wegen dem Gubernator käuflich angetragen, welcher das Wappen, maßen ein Petschierring darunter war, und das Conterfait erkannt, nach mir geschickt und mich befragt hat. Ich wiese des Einsiedlers Handschrift oder Übergabsbrief auf und erzählte,wie er gelebet und gestorben. Er wollte solches nicht glauben, sondern kündete mir den Arrest an, bis er die Wahrheit am Orte ergründet und dich hierher gebracht hätte. Da ist mir nun durch dich, indem du mich erkannt, insonderheit aber durch das Brieflein, so in deinem Gebetbuch gefunden ward, ein trefflichs Zeugnis gegeben worden. Als will er dir und mir wegen seines Schwagers selig Gutes tun, du darfst dich jetzt nur resolviern, was du wilt, daß er dir tun soll.«
Ich antwortete, es gälte mir gleich.
Der Pfarrer zögerte mich auf seinem Losament bis zehn Uhr, eh er mit mir zum Gubernator ging, damit er bei demselben zu mittags Gast sein könne. Dann es war damals Hanau blockiert und eine solche klemme Zeit bei dem gemeinen Mann, bevor aber den Flüchtlingen in selbiger Festung, daß auch etliche, die sich etwas einbildeten, die angefrorenen Rubschälen auf den Gassen, so die Reichen etwa hinwarfen, aufzuheben nicht verschmäheten. Es glückte dem Pfarrer auch sowohl, daß er neben dem Gubernator selbst über der Tafel zu sitzen kam. Ich aber wartete auf mit einem Teller in der Hand, wie mich der Hofmeister anwiese, in welches ich mich zu schicken wußte wie ein Esel ins Schachspiel. Aber der Pfarrer ersatzte allein mit seiner Zunge, was die Ungeschicklichkeit meines Leibes nicht vermochte. Er erzählte meine Auferziehung in der Wildnus und wie ich dahero wohl vor entschuldigt zu halten, meine Treue, die ich dem Einsiedel erwiesen und unser hartes Leben, weiters daß der Einsiedel all seine Freude an mir gehabt, weil ich seiner Liebsten von Angesicht so ähnlich sei. Er rühmte meine Beständigkeit und unveränderlichen Willen.In summaer konnte nicht genugsam aussprechen, wie der Einsiedel mich ihm mit ernstlicherInbrünstigkeit kurz vor seinem Todrekommendieret.
Dies kützelte mich dermaßen in Ohren, daß mich bedünkte, ich hätte schon Ergötzlichkeit genug vor alles empfangen, das ich je bei dem Einsiedel ausgestanden. Der Gubernator fragte, ob sein seliger Schwager nicht gewußt hätte, daß er derzeit in Hanau kommandiere. »Freilich,« antwortete der Pfarrer, »ich habe es ihm selbst gesagt. Er hat es aber zwar mit einem fröhlichen Gesicht und kleinem Lächlen, jedannoch so kaltsinnig angehört, daß ich mich über des Mannes Beständigkeit und festen Vorsatz verwundern muß.«
Dem Gubernator, der sonst kein weichherzig Weibergemüt hatte, stunden die Augen voll Wasser, da er sagte:
»Hätte ich gewußt, daß er noch im Leben, so wollte ich ihn auch wider Willen haben holen lassen, damit ich ihm seine Guttaten hätte erwidern können. Als will ich anstatt seiner seinenSimpliciumversorgen. Ach, der redliche Kavalier hat wohl Ursache gehabt, seine schwangere Gemahlin zu beklagen, dann sie ist von einer Partei kaiserlicher Reuter im Spessart gefangen worden. Ich habe einen Trompeter zum Gegenteil geschickt, meine Schwester zu ranzionieren, habe aber nichts erfahren, als daß meine Schwester denen Reutern im Spessart verloren gegangen sei, da sie von etlichen Bauren zertrennt worden.«
Ich ward also des Gubernators Page und ein solcher Kerl, den die Leute, sonderlich die Bauren, bereits Herr Jung nannten.
Damals war bei mir nichts schätzbarliches als ein rein Gewissen. Ich kannte von den Lastern nichts anderes, als daß ich sie etwan nennen gehört oder davon gelesen hatte, und wann ich deren eines wirklich begehen sahe, wars mir eine erschröckliche und seltene Sache. Herr Gott, wie wunderte ich mich anfänglich, wann ich das Gesetz und Evangelium samt den getreuen Warnungen Christi betrachtete und hingegen derjenigen Werke ansahe, die sich vor seine Jünger und Nachfolger ausgaben! Ich fand eitel Heuchelei und unzählbare Torheiten bei allen Weltmenschen, daß ich verzweifelte, ob ich Christen vor mir hätte oder nicht. Also hatte ich wohl tausenderlei Grillen und seltsame Gedanken in meinem Gemüt und geriet in schwere Anfechtung wegen des Befehles Christi: Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet.
Nächst der Hoffart und dem Geiz samt deren ehrbaren Anhängen waren Fressen und Saufen, Huren und Buben bei den Vermüglichen eine tägliche Übung. Aus ihrer Gottlosigkeit und dem heiligen Willen Gottes machten sie nur einen Scherz. Zum Exempel hörete ich einsmals einen Ehebrecher, der seiner Tat noch gerühmet sein wollte: »Es tuts dem geduldigen Hanrei genug, daß er meinetwegen ein Paar Hörner trägt. Ich habs mehr dem Mann zu Leid als der Frau zu Lieb getan, damit ich mich an ihm rächen möchte.«
»O, kahle Rache,« antwortete ein ehrbar Gemüt, »dadurch man sein eigen Gewissen beflecket und den schändlichen Namen eines Ehebrechers überkommt!«
»Was Ehebrecher,« antwortete der mit Gelächter,»ich bin darum kein Ehebrecher, wannschon ich diese Ehe ein wenig gebogen habe. Dies seind Ehebrecher, wovon das sechst Gebot saget, daß keiner einem andern in Garten steigen und die Kirschen eher brechen solle als der Eigentumsherr.«
Und er nannte nach seinem Teufelskatechismo den gütigen Gott einen Ehebrecher, weil er Mann und Weib durch den Tod von einander trennet.
Ich sagte, wiewohl er ein Offizierer war, aus übrigem Eifer und Verdruß zu ihm: »Meinst du nicht, daß du dich mit diesen gottlosen Worten mehr versündigest, als mit dem Ehebruch selbst?«
Er aber antwortete: »Du Mauskopf, soll ich dir ein paar Ohrfeigen geben?«
Und ich vermerkte bald, daß jeder Weltmensch einen besonderen Nebengott hatte, ja, etliche hatten wohl mehr als die alten und neuen Heiden selbsten. Einige hatten den ihren in den Geldkisten, andere in der Reputation, noch andere in ihrem Kopf, so ihnen Gott ein gesund Gehirn verliehen, also daß sie einzige Künste und Wissenschaften zu fassen geschickt waren. Auch gab es viel, deren Gott ihr eigener Bauch war, welchem sie täglich zu allen Mahlzeiten opferten, und wann solcher sich unwillig erzeigte, so machten die elenden Menschen einen Gott aus demMedicound suchten ihres Leibes Aufenthalt in der Apotheke, aus welcher sie zwar öfters zum Tod befördert wurden. Manche Narren machten Göttinnen aus glatten Metzen, sie nannten sie mit andern Namen und beteten sie Tag und Nacht an mit tausend Seufzen und Liedern. Hingegen waren Weibsbilder, die hatten ihre eigene Schönheit vor ihren Gott aufgeworfen. Sie brachten ihr Opfer mit Schminke, Salben, Wassern, Pulvern undsonst Schmiersel genug. Ich sahe Leute, die wohlgelegene Häuser vor Götter hielten, und ich kannte einen Kerl, der konnte in etlichen Jahren vor dem Tabackhandel nicht recht schlafen, weil er demselben sein Herz, Sinne und Gedanken geschenkt hatte. Aber der Phantast starb und fuhr dahin wie der Tabakrauch selbst. Ein anderer Gesell, als bei einer Gesellschaft erzählet ward, wie jeder sich in dem greulichen Hunger und teueren Zeiten ernährt und durchgebracht, sagte mit deutschen Worten: Die Schnecken und Frösche seien sein Herrgott gewesen.
Ich kam einsmals mit einem vornehmen Herrn in eine Kunstkammer, darin schöne Raritäten waren. Unter den Gemälden gefiel mir nichts besser als einEcce-Homowegen seiner erbärmlichen Darstellung, mit welcher es die Anschauenden gleichsam zum Mitleiden verzuckte. Darneben hing eine papierene Karte, in China gemalt, darauf stunden der Chineser Götter in ihrer Majestät sitzend, deren teils wie die Teufel gestaltet waren. Der Herr im Haus fragte mich, welches Stück in seiner Kunstkammer mir am besten gefiele. Ich deutete auf besagtesEcce-Homo. Er aber sagte ich irre mich, der Chineser Gemält wäre rarer und dahero auch köstlicher, er wolle es nicht um zehen solcherEcce-Homomanglen. Ich antwortete: »Herr ist Euer Herz wie Euer Mund?« Er sagte: »Ich versehe michs.« Darauf ich: »So ist auch Eures Herzens Gott derjenige, dessen Conterfait Ihr mit dem Mund bekennet, das Köstlichste zu sein.« »Phantast,« rief er, »ichaestimieredie Rarität!«
So sehr wurden nun diese Abgötter nicht geehret, als hingegen die wahre Göttliche Majestät verachtet. Christus spricht: ‚Liebet eure Feinde, segnet die euchfluchen, tut wohl denen, die euch hassen, bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen, aufdaß ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Dann so ihr liebet, die euch lieben, was werdet ihr für einen Lohn haben? Tun solches nicht auch die Zöllner? Und so ihr euch nur zu eueren Brüdern freundlich zeiget, was tut ihr Sonderlichs? Tun nicht die Zöllner also auch?’
Aber ich fand nicht allein niemand, der diesem Befehl Christi nachzukommen begehrte, sondern jeder tät gerade das Widerspiel.
Es hieß: viel Schwäger, viel Knebelspieße. Und nirgends fand ich mehr Neid, Haß, Mißgunst, Hader und Zank als zwischen Brüdern und Schwestern und andern angeborenen Freunden, sonderlich wann ihnen ein Erbe zu teilen zugefallen. Wo die größte Liebe und Treue sein sollte, fand ich höchste Untreue und den gewaltigsten Haß. Herren schunden ihre getreuen Diener, und solche wurden an ihren frommen Herren zu Schelmen. Den continuierlichen Zank vermerkte ich zwischen vielen Eheleuten. Mancher Tyrann hielt sein ehrlich Weib ärger als einen Hund, und manch lose Vettel ihren frommen Mann vor einen Narren und Esel. Die Handelsleute und Handwerker rannten mit dem Judenspieß gleichsam um die Wette und sogen durch allerhand Fünde und Vorteil dem Baursmann seinen sauren Schweiß ab. Hingegen waren teils Bauren so gottlos, andere Leute, wann die nicht rechtschaffen genug mit Boßheit durchtrieben waren, oder wohl gar ihren Herren selbst, unter Schein der Einfalt zu begaunern.
Ich sahe einsmals einen Soldaten einem andern eine dichte Maulschelle geben und bildete mir ein, der Geschlagene würde den andern Backen auch darbieten.Aber ich irrte, dann der Beleidigte zog vom Leder und versatzte dem Täter eins vor den Kopf.
Ich sagte: »Ach Freund, was machst du!«
Er antwortete: »Da wäre einer ein Bernheuter! Ich will mich, schlag mich der Donner und hol mich der Teufel, selbst rächen oder das Leben nicht haben! Hei, müßte doch einer ein Schelm sein, der sich so coujonieren ließe!«
Das Lärmen zwischen den zweien Duellanten vergrößerte sich, weilen beiderseits Beiständer auch in die Haare kamen. Da bliebs bei geringen Kinderschwüren nicht. Die heiligen Sakramente mußten nicht nur siebenfach, sondern auch mit hunderttausenden soviel Tonnen, Galeeren und Stadtgräben voll heraus, also daß mir alle Haare zu Berg stunden.
Zum allerschröcklichsten kam es mir vor, wann ich etliche Großsprecher sich ihrer Boßheit, Sünden, Schande und Laster rühmen hörte. Da vernahm ich zu unterschiedlichen Zeiten:
»Potz Blut, wie haben wir gestern gesoffen! Ich habe mich in einem Tag wohl dreimal vollgesoffen und eben soviel Mal gekotzt!«
»Potz Stern, wie haben wir die Bauren, die Schelmen, tribuliert!«
»Potz Strahl, wie haben wir Beuten gemacht!«
»Potz hundert Gift, wie haben wir einen Spaß mit den Weibern und Mägden gehabt!«
»Ich habe ihn darniedergehauen, als wenn ihn der Hagel hätte darnieder geschlagen.«
»Ich habe ihn geschossen, daß er das Weiße über sich kehrte.«
»Ich habe ihn so artlich über den Tölpel geworfen, daß ihn der Teufel hätte holen mögen. — Ich habeihm den Stein gestoßen, daß er den Hals hätte brechen mögen.«
In Gottes Namen sündigten sie, was wohl zu erbarmen ist: »Wir wollen in Gottesnamen auf Partei, plündern, niedermachen, in Brand stecken.«
Wann ich so etwas hörete und sahe und, wie meine Gewohnheit war, mit der Hl. Schrift hervorwischte, so hielten mich die Leute vor einen Narren und ich ward ausgelachet, daß ich endlich auch unwillig wurde und mir vorsatzte, gar zu schweigen.
Als ich demnach vermeinete, ich hätte Ursach zu zweifeln, ob ich unter Christen wäre oder nicht, ging ich zu dem Pfarrer mit der Bitte, er wolle mir doch aus dem Traum helfen. Der Pfarrer antwortete: »Freilich sind sie Christen und wollte ich dir nicht raten, daß du sie anderst nennen solltest. Dessen verwundere dich nicht. Wann die Apostel selbst anjetzo auferstehen und in die Welt kommen sollten, sie würden jeder männiglich vor Narren gehalten sein. Was du siehest und hörest ist eine allgemeine Sache und nur Kinderspiel dagegen, was sonsten so heimlich, als offentlich und mit Gewalt wider Gott und den Menschen vorgeht. Laß dich das nicht ärgern. Du wirst wenig Christen finden, wie dein Einsiedel einer gewesen ist.«
Indem führet man etliche Gefangene über den Platz und wir beschaueten sie auch. Da vernahm ich eine neue Mode einander zu grüßen und zu bewillkommnen, dann einer unserer Guarnison kannte einen Gefangenen. Zu dem ging er, gab ihm die Hand und druckete sie vor lauter Freude und Treuherzigkeit, dabei er sagte: »Daß dich der Hagel erschlage, lebst du noch, Bruder? Potz Fickerment, wie führt uns der Teufel hier zusammen! Ich habe, schlag mich der Donner vorlängst gemeinet, du wärest gehängt worden!«
Darauf antwortete der andere: »Potz Blitz Bruder, bist dus oder bist dus nicht? Daß dich der Teufel hole, wie bist du hierher gekommen? Ich hätte mein Lebtag nicht vermeinet, daß ich dich wieder antreffen würde, sondern habe gedacht, der Teufel hätte dich vorlängst hingeführet!«
Und als sie von einander gingen, sagte einer zum andern:
»Strick zu, Strick zu, morgen kommen wir vielleicht zusammen, dann wollen wir brav mit einander saufen!«
Ich verwunderte mich und ging, dem Gubernator aufzuwarten, dann ich hatte gewisse Zeiten Erlaubnus, die Stadt zu beschauen, weil mein Herr von meiner Einfalt Wind hatte und gedachte, solche würde sich legen, wann ich herumterminierte und von andern gehobelt und gerülpt würde.
Meines Herren Gunst mehrete sich täglich, weil ich nicht allein seiner Schwester je länger, je gleicher sahe, sondern auch ihm selbsten, indem die guten Speisen und faulen Täge mich glatthärig machten. Wer etwas mit dem Gubernator zu tun hatte, erzeigte sich mir günstig, und sonderlich mochte mich derSecretariuswohl leiden, indem mir derselbe rechnen lernen mußte.
Er war erst von den Studien gekommen und stak noch voller Schulpossen, die ihm zu Zeiten ein Ansehen gaben, als wann er einen Sparren zu viel oder zu wenig gehabt hätte. Er überredete mich oft, schwarz sei weiß und weiß sei schwarz, dahero kam es, daß ich ihm in der Erste alles und aufs letzte gar nichts mehr glaubte.
Einsmals tadelte ich sein schmierig Tintenfaß, er aber antwortete solches sei sein bestes Stück in der ganzen Kanzlei, dann daraus lange er hervor, was er begehre, die schönsten Dukaten, Kleider undin summa, was er vermöchte, hätte er nach und nach herausgefischt. Ich wollte das von einem so kleinen, verächtlichen Ding nicht glauben. Hingegen sagte er, solches Vermöge derspiritus papyri(also nannte er die Tinte) und das Tintenfaß würde darum Faß genannt, weil es große Dinge fasse.
»Wie soll mans herausbringen, sintemal man kaum zween Finger hineinstecken kann?«
Er antwortete, er hätte einen Arm im Kopf, der solche Arbeit verrichten müsse und verhoffe sich bald auch eine schöne, reiche Jungfrau herauszulangen. Wann er Glück hätte, so getraue er auch ein eigen Land und Leute heraus zu bringen.
Ich mußte mich über diese künstlichen Griffe verwundern und fragte, ob noch mehr Leute solche Kunst könnten.
»Freilich, alle Kanzler, Doktoren,Secretarii, Prokuratoren oder Advokaten,Commissarii,Notarii, Kauf- und Handelsherren, so, wann sie nur fleißig fischen, zu reichen Herren daraus werden.«
Ich meinte so seien die Bauren und andere arbeitsame Leute nicht witzig, daß sie im Schweiß ihres Angesichtes ihr Brot essen und diese Kunst nicht auch lernen. Er aber sagte: »Etliche wissen der Kunst Nutzen nicht, dahero begehren sie solche auch nicht zu lernen; etliche wolltens gern, mangeln aber des Arms im Kopfe oder anderer Mittel; etliche lernen die Kunst und haben Arms genug, wissen aber die Griffe nicht, so die Kunst erfordert, wenn man dadurch will reich werden; andere wissen und können alles, was dazu gehöret, sie wohnen aber in der Fehlhalde und haben keine Gelegenheit wie ich, die Kunst zu üben.«
Als wir dergestalt vom Tintenfaß diskurierten, kam mir das Titularbuch ungefähr in die Hände, darin fand ich mehr Torheiten, als mir bisher noch nie vor Augen gekommen.
Ich rief: »Alles sind ja Adamskinder und eines Gemächts miteinander, Staub und Aschen, woher kommt ein so großer Unterschied? Allerheiligst, Unüberwindlichst, Durchleuchtigst! Sind das nicht göttliche Eigenschaften?Derist gnädig, der ander gestreng und was tut das Geboren dabei?Dieheißen Hoch-, Wohl-, Vor-Großgeachte! Was ist das vor ein närrisch Wort: Vorsichtig! Wem stehen dann die Augen hinten im Kopf? Es ist viel rühmlicher, wann einer freundlich tituliert wird.Itemwann das Wort Edel an sich selbsten hochschätzbareTugenden bedeutet, warum es bei Fürsten und Grafen zwischen hoch und geboren setzen? Und Wohlgeboren ist eine Lüge, solches möchte eines jeden Barons Mutter bezeugen, wann man sie fragte, wie es ihr bei der Entbindung ergangen sei.«
DerSecretariusund ich lacheten gar sehr. Indem entrann mir ein so grausamer Leibsdunst, daß beide ich und derSecretariusdarüber erschraken.
»Trolle dich, du Sau,« sagte er, »zu den andern Säuen im Stall, mit denen, du Rülp, besser zustimmen, als mit ehrlichen Leuten konversieren kannst!«
Und also hatte ich den guten Handel in der Schreibstube, dem gemeinen Sprüchwort nach, auf einmal verkerbt.
Ich kam unschuldig in das Unglück, dann die ungewöhnlichen Speisen und Arzneien, die mein eingeschnurrtes Gedärm zurecht bringen sollten, erregten viel garstige Wetter und Stürm in mir, maßen weder mein Einsiedel noch mein Knän mich unterrichtet, daß es übel getan sei, wann man dies Orts der Natur willfahre.
Mein Herr hatte nun einen ausgestochenen Essig zum Pagen neben mir, dem schenkte ich mein Herz. Aber er eiferte mit mir, wegen der großen Gunst, die mein Herr zu mir trug. Er besorgte, ich möchte ihm vielleicht die Schuhe gar austreten und sahe mich heimlich mit Mißgunst an. Er sann auf Mittel, wie er mir den Stein stoßen möge und mich zu Fall brächte. Ich aber vertraute ihm alle meine Heimlichkeiten, so alle auf kindischer Einfalt und Frömmigkeit bestunden.
Einsmals schwätzten wir im Bett vom Wahrsagen, und er versprach mir solches umsonst zu lernen. Hieße mich darauf den Kopf unter die Decke tun. Ich gehorchtefleißig und gab auf die Ankunft des Wahrsagegeistes genaue Achtung. Potz Glück! Desselben Einzug in meine Nase war so stark, daß ich eilends unter der Decke herfürwischte.
»Was hast du,« fragte der Lehrmeister. Ich antwortete ihm. Da meinte er: »Du kannst also die Kunst des Wahrsagens am besten.«
Ich nahms vor keinen Schimpf, dann ich hatte damals noch keine Galle und begehrte allein zu wissen, wie ihm dies so stillschweigend gelungen sei. Er antwortete: »Du darfst nur das linke Bein lupfen und darneben heimlich sagen:je pete, je pete, je peteund mithin so stark gedruckt, als du kannst.«
»Es ist gut,« sagte ich, »man meinet sodann, die Hunde haben die Luft verfälscht. Ach, hätte ich doch diese Kunst heute in der Schreibstube gewußt!«
Des andern Tags hatte mein Herr seinen Offizierern und andern guten Freunden eine fürstliche Gasterei angestellt, weil die Unsrigen das feste Haus Braunfels ohn Verlust eines einzigen Mannes genommen. Da mußte ich helfen Speisen auftragen, einschenken und mit einem Teller aufwarten.
Den ersten Tag ward mir ein großer, fetter Kalbskopf (von welchen man saget, daß sie kein Armer fressen dörfe) aufzutragen eingehändigt. Weil nun derselbig ziemlich mürb gesotten war, ließ er das eine Aug weit herauslappen, welches mir ein anmutiger und verführerischer Anblick war. Und da mich der frische Geruch von der Speckbrühe und aufgestreutem Ingwer zugleich anreizete, empfand ich einen solchen Appetit, daß mir das Maul ganz voll Wasser ward:in summadas Aug lachte meine Augen, meine Nase und meine Zunge zugleich an und bat gleichsam, ich wollte es doch meinem heißhungrigen Magen einverleiben. Ich ließ mir nicht lang den Rock zerreißen, sondern folgte den Begierden. Im Gang hub ich das Aug mit einem Löffel so meisterlich heraus und schickte es ohn Anstoß so geschwind an seinen Ort, daß es auch niemand inne ward, bis das Essen auf den Tisch kam und mich verriet. So mangelte eins von den allerbesten Gliedmaßen dem Kalbskopf. Mein Herr wollte fürwahr den Spott nicht haben, daß man ihm einen einäugigen Kalbskopf aufzustellen wagte. Der Koch mußte vor die Tafel und zuletzt kam dasfacitüber den armenSimpliciumheraus. Mein Herr fragte mit einer schröcklichen Miene, wohin ich mit dem Kalbsaug gekommen wäre. Geschwindzuckte ich mit meinem Löffel aus dem Sack, gab dem Kalbskopf den andern Fang und wiese kurz und gut, was man wissen wollte, maßen ich das ander Aug in einem Hui verschlang.
»Par dieu,« sagte mein Herr, »dieser Akt schmäckt mir besser als zehn Kälber!«
Etliche Possenreißer, Fuchsschwänzer und Tischräte lobten meine kluge Erfindung, da ich beide Kalbsaugen zusammenlogiert, als eine Vorbedeutung künftiger Tapferkeit und unerschrockener Resolution. Also ich vor diesmal meiner verdieneten Strafe entging. Mein Herr aber sagte, ich sollte ihm nicht wieder so kommen.
Bei dieser Mahlzeit trat man ganz christlich zur Tafel und sprach das Tischgebet sehr still und andächtig. Solche Andacht kontinuierte, solang als man mit den ersten Speisen zu tun hatte, als wann man in einem Kapuziner-Conventgesessen hätte. Aber kaum hatte jeder drei- oder viermal »gesegnet Gott« gesagt, ward schon alles lauter. Je länger, je höher erhub sich nach und nach eines jeden Stimme ohnbeschreiblich.
Man brachte Gerichte, deswegen »Voressen« genannt, weil sie gewürzt und vor dem Trunk zu genießen verordnet waren,itemBeiessen, weil sie bei dem Trunk nicht übel schmeckten, allerhand französischerPotagenund spanischerOllapotridenzu geschweigen, welche durch tausendfältige Zubereitung und unzählbare Zusätze dermaßen verpfeffert, verdümmelt, vermummet, mixiert und zum Trunk gerüstet waren, daß sie nach ihrer natürlichen Substanz unerkenntlich blieben. Wer weiß, ob die ZauberinCirceandere Mittel gebraucht hat, des Ulisses Gefährten in Schweine zu verwandeln? Dann die Gäste fraßen die Gerichte wie Säue, darauf soffen sie wie Kühe, stellten sich dabei wie Esel und spien wie die Gerberhunde.
Den edlen Hochheimer, Bacheracher und Klingenberger gossen sie in kübelmäßigen Gläsern hinunter und brachten einander Trünke zu, die je länger, je größer wurden, als ob sie um die Wette miteinander stritten.
Bis dahin hatte jeder mit gutem Appetit das Geschirr geleert, nachdem aber Mägen und Köpfe voll und toll wurden, mußten bei einem Courage, beim andern Treuherzigkeit, seinem Freunde eins zuzubringen, beim dritten die deutsche Redlichkeit, ritterlich Bescheid zu tun, den Trunk fördern. Maßen aber solches der Länge nach auch nicht bestehen konnte, beschwur je einer den andern bei großer Herren, lieber Freunde oder bei der Liebsten Gesundheit den Wein maßweis in sich zu schütten, worüber manchem die Augen übergingen und der Angstschweiß ausbrach, doch mußte es gesoffen sein. Ja, man machte zuletzt mit Trommeln, Pfeifen und Saitenspiel ein Lärmen und schoß mit Stücken darzu, ohn Zweifel darum, dieweil der Wein die Mägen mit Gewalt einnehmen mußte.
Mein Pfarrer war auch bei dieser Gasterei. Ich trat zu ihm und sagte: »Warum tun die Leute so seltsam? Woher kommt es doch, daß sie so hin und her dorkeln? Mich dünkt schier, sie sein nicht recht witzig, sie haben sich alle sattgegessen und getrunken, daß sie schwören bei Teufelholen, wann sie mehr saufen könnten, und dannoch hören sie nicht auf sich auszuschoppen! Müssen sie es tun?«
Der Pfarrer flüsterte mir zu: »Liebes Kind, Wein ein, Witz aus. Das ist noch nichts demgegenüber, was noch kommen soll.«
»Zerbersten dann ihre Bäuche nicht, wann sie immer so unmäßig einschieben? Können dann ihre Seelen, die Gottes Ebenbild sein, in solchen Mastschweinkörpern verharren?«
»Halts Maul,« antwortete der Pfarrer, »du dörftest sonst greulich Pumpes kriegen. Hier ist keine Zeit zu predigen, ich wollt's sonst besser als du verrichten.«
Ich sahe ferner stillschweigend zu, wie man Speise und Trank mutwillig verderbte, unangesehen des armen Lazarus, den man damit hätte laben können in Gestalt vieler vertriebener Flüchtlinge, denen der Hunger aus den Augen heraus guckte und die vor unsern Türen verschmachteten.
Als ich dergestalt mit einem Teller vor der Tafel aufwartete, und mein Gemüt von merklichen Gedanken geplagt ward, ließ mich auch mein Bauch nicht zufrieden. Er knurrte und murrte ohn Unterlaß. Ich gedachte dem ungeheuern Gerümpel abzuhelfen und mich dabei meiner neuerlernten Kunst zu bedienen. Lupfete also das Bein, druckte von allen Kräften, was ich konnte, und wollte heimlich meinen Spruch:je pete— sagen, aber das ungeheuere Gespann entwischte wider mein Verhoffen mit greulichem Bellen. Mir wars einsmals so bang, als wenn ich auf der Leiter am Galgen gestanden wäre und mir der Henker bereits den Strick hätte anlegen wollen. In solcher gählingen Angst verwirrt, wurde mein Maul in diesem urplötzlichen Lärmen rebellisch, und wo es heimlich brummeln sollte, entfuhr ihm desto grausamer mit erschröcklicher Stimme sein:je pete.
Hiedurch bekam ich Linderung, dagegen einen ungnädigen Herrn an meinem Gouverneur. Seine Gäste wurden über diesem unversehenen Knall fast wieder alle nüchtern, ich aber über die Futtertruhe gespannt und also gepeitscht, daß ich noch bis auf diese Stund daran gedenke. Solches waren die ersten Pastonaden, die ich kriegte.
Da brachte man Rauchtäfelein und Kerzen, und die Gäste suchten ihre Bisemknöpfe und Balsambüchslein, auch sogar ihren Schnupftabak hervor, aber die bestenAromatawollten schier nichts erklecken.
Wie dies nun überstanden, mußte ich wieder aufwarten wie zuvor. Mein Pfarrer war auch noch vorhandenund ward zum Trunk genötiget. Er aber wollte nicht recht daran und sagte, er möchte so viehisch nicht saufen. Hingegen erwiese ihm ein guter Zechbruder, daß er wie ein Viehe, sie aber, die andern, wie Menschen söffen.
»Dann eine Vieh säuft nur so viel, als ihm wohl schmäcket und den Durst löschet, weil es nicht weiß, was gut ist. Uns Menschen aber beliebt, daß wir uns den Trunk zu Nutz machen und den edlen Rebensaft einschleichen lassen.«
»Sehr wohl,« sagte der Pfarrer, »es gebühret mir aber das rechte Maß zu halten.«
»Wohl,« antwortete jener, »ein ehrlicher Mann hält Wort,« und ließ einen mäßigen Becher einschenken, denselben den Pfarrer zuzuzotteln. Der hingegen ging durch und ließ den Säufer mit seinem Eimer stehen.
Als der Pfarrer abgeschafft war, ging es drunter und drüber. Es ließe sich an, als wenn die Gasterei einzig Gelegenheit sein sollte, sich gegen einander mit Vollsaufen zu rächen, einander in Schande zu bringen oder sonst einen Possen zu reißen. Wann dergestalt einer expediert ward, daß er weder sitzen, gehen oder stehen mehr konnte, so hieß es: »Nun ist es wett! Du hast mirs hiebevor auch so gekocht. Jetzt ist dirs eingetränkt!« Welcher aber ausdauren und am besten saufen konnte, wußte sich dessen groß zu machen und dünkte sich kein geringer Kerl zu sein. Zuletzt dürmelten sie alle herum, als wann sie Bilsensamen genossen hätten. Einer sang, der ander weinete, einer lachte, der ander traurete, einer fluchte, der ander betete. Der schrie überlaut: Courage! — jener saß stille und friedlich. Einer wollte den Teufel mit Raufhändeln bannen, ein anderer schlief, der dritte plauderte, daß keiner ihm zuvorkommenkonnte. Da erzählte einer von seiner lieblichen Buhlerei, der ander von seinen erschröcklichen Kriegstaten. Etliche redeten von der Kirchen und geistlichen Sachen, andere von Politik und Reichshändeln. Teils liefen hin und wieder und konnten nirgends bleiben, teils lagen und vermochten nicht den kleinsten Finger zu regen. Etliche fraßen wie die Trescher, als hätten sie acht Tage Hunger gelitten, andere wußten sich dessen zu entledigen, was sie den Tag eingeschlungen hatten.In summameine Kunst, darum ich so greulich zerschlagen worden, nur ein Scherz dargegen zu rechnen war.
Endlich satzte es unten an der Tafel ernstliche Streithändel. Da warf man einander Gläser, Becher, Schüsseln und Teller an die Köpfe und schlug mit Fäusten, Stühlen, Stuhlbeinen und Degen, daß endlich der rote Saft über die Ohren lief. Aber mein Herr stillet den Handel.
Da nun wieder Friede worden, nahmen die Meistersäufer die Spielleute samt den Frauenzimmern und wanderten in ein ander Haus, dessen Saal auch einer andern Torheit gewidmet war. Mein Herr ging ihnen nach und ich folget ihm.
Ich sahe in dem Saal Männer, Weiber und ledige Personen so schnell untereinander herumhaspeln, daß es schier wimmelte. Sie hatten ein solch Getrappel und Gejöhl, daß ich vermeinte, sie wären all rasend worden, dann ich konnte nicht ersinnen, was sie doch mit diesem Wüten und Toben vorhaben möchten. Ihr Anblick kam mir grausam, förchterlich und schröcklich vor, daß ich mich entsatzte. Mein Gott, dachte ich, es hat sie gewißlich eine Unsinnigkeit befallen. Vielleicht möchten es auch höllische Geister sein, welche dem ganzen menschlichen Geschlecht durch solch Geläuf und Affenspiel spotteten. Als mein Herr in den Hausflur kam undzum Saal eingehen wollte, hörete die Wut eben auf, nur daß sie noch ein Buckens und Duckens mit den Köpfen und ein Kratzens und Schuhschleifens auf dem Boden machten, als wollten sie ihre Fußtapfen wieder austilgen. Am Schweiß, der ihnen über die Gesichter floß, und an ihrem Geschnäuf konnte ich abnehmen, daß sie sich stark zerarbeitet hatten.
Ich fragte dahero meinen Kameraden, der mir erst kürzlich wahrsagen gelernet, was solche Wut bedeute. Der berichtete mir, daß die Anwesenden vereinbart hätten, dem Saal den Boden mit Gewalt einzutreten. »Warum vermeinst du wohl, daß sie sich sonst so tapfer tummeln sollten,« sagte er zu mir. »Hast du nicht gesehen, wie sie die Fenster vor Kurzweile schon ausgeschlagen?«
»Herr Gott, so müssen wir mit zugrunde gehen und samt ihnen Hals und Bein brechen!«
»Ja,« sagte der Kamerad, »darauf ist's angesehen. Du wirst merken, wann sie sich in Todesgefahr begeben, daß jeder eine hübsche Frau und Jungfer erwischt, dann es pfleget denen Paaren, so also zusammenhaltend fallen, nicht bald wehe zu geschehen.«
Mich überfiel eine solche Todesangst, daß ich nicht wußte, wo ich bleiben sollte. Als aber die Musikanten sich noch darzu hören ließen und jeder eine bei der Hand erdappte, ward mirs nicht anderst, als wenn ich allbereits den Boden eingehen und mir und den andern die Hälse brechen sähe. Sie fingen an zu gumpen, daß der ganze Bau zitterte, weil man eben einen drollichten Gassenhauer aufmachte; ich vermeinte im Todesschröcken das Haus fiele urplötzlich ein. Derowegen erwischte ich in der allerhöchsten Not eine Dame von hohem Adel und vortrefflichen Tugenden, mit welcher mein Herreben konversierte, unversehens beim Arm wie ein Bär und hielte sie wie eine Klette. Da sie aber zuckte, spielte ich denDesperatund fing aus Verzweiflung an zu schreien. Die Musikanten wurden gähling still, die Tänzer und Tänzerinnen hörten auf und die ehrliche Dame, der ich am Arm hing, befand sich offendiert.
Darauf befahl mein Herr mich zu prügeln und hernach irgendhin einzusperren, weil ich denselben Tag schon mehr Possen gerissen hatte. Die Fourierschützen, so dies exequieren sollten, hatten Mitleiden mit mir, entübrigten mich derohalben der Stöße und sperrten mich unter eine Stiege in den Gänsstall.