Die Sonne des nächsten Morgens beschien im Lager der Emigranten eine eigentümliche Szene. Ismael Busch hatte seine Gefangenen auf den freien Platz in der Mitte der Wagenburg führen lassen und schritt nun vor denselben finster und nachdenklich auf und ab. Es war etwas Außergewöhnliches, etwas Unheimliches im Werke, das merkten auch die Kinder, die scheu und erwartungsvoll zwischen den Rädern der Wagen kauerten; selbst die sonst so unermüdlich tätige Esther hatte ihre Wirtschaftsarbeiten liegen lassen, um bei dem, was vorgehen sollte, nicht zu fehlen.
Von den Pawnees war Hartherz allein zugegen; er stand auf seine Lanze gelehnt, und unweit von ihm graste sein Pferd, dessen erhitzter Zustand Zeugnis ablegte von dem langen und anstrengenden Ritt, den sein Herr unternommen, um bei dem sich hier entwickelnden Ereignisse gegenwärtig sein zu können.
Ismael war endlich mit sich einig geworden. Er blieb stehen und sah die Gefangenen — den Trapper, den Hauptmann Middleton, den Bienenjäger und Obed Bat — der Reihe nach an. Dann räusperte er sich und begann mit dröhnender Stimme:
„Was ich jetzt verrichten muß, ist in den Ansiedlungen Sache der Richter, die verordnet sind, zu entscheiden zwischen Mann und Mann. Von den Gebräuchen der Gerichtshöfe kenne ich wenig, aber ich weiß einen Spruch, der da heißt: Auge um Auge, Zahn um Zahn, Blut um Blut, Tod um Tod. Das ist ein guter Spruch, nach ihm werde ich heute richten und jedem zuerteilen, was ihm gebührt.“
Wieder schweifte sein Auge über die vor ihm Stehenden; als es dem Blick des Hauptmanns begegnete, nahm dieser das Wort:
„Wenn der Übeltäter bestraft, und der, welcher nichts verbrach, freigelassen werden soll, dann dürftet Ihr nicht Richter sein, sondern müßtet an meiner Statt hier stehen.“
„Ihr wollt damit sagen, daß ich Euch Unrecht tat, weil ich jene Lady aus ihres Vaters Hause in diese Wildnis entführen half,“ versetzte der Squatter. „Ich will die Tat nicht leugnen und das Unrecht durch eine Lüge nicht noch größer machen. Ich habe über die Sache nachgedacht und beschlossen, die Lady sicher und unangefochten ihrem Vater wiederzugeben. Auch Ihr, Hauptmann, seid frei, obgleich Ihr gewaltsam in mein Lager gedrungen seid; das sei Euch verziehen, weil Ihr Euer Weib zu befreien suchtet und dazu jeder Mann verpflichtet ist. Nimm dem Offizier die Fesseln ab, Sohn Abner. Wenn Ihr so lange bei uns bleiben wollt, Hauptmann, bis wir wieder in die Nähe der Ansiedlungen kommen, so soll mir das lieb und recht sein und Euch auch ein Wagen gegeben werden; wenn nicht, so geht nicht hin und sagt, man sei Euch hier nicht freundlich entgegengekommen.“
Middleton dankte dem Squatter mit warmen Worten und umarmte seine Gattin, die sich mit Tränen an seine Brust geworfen hatte. Ismael aber wendete sich jetzt dem Naturforscher zu.
„Jetzt soll die Rechnung zwischen uns beglichen werden, Doktor,“ sagte er. „Ich habe mit Euch einen ehrlichen Vertrag abgeschlossen; wie habt Ihr den gehalten?“
Dem kleinen Manne, der sich die Kriegsmalerei abgewaschen und den Filzhut auf den geschorenen Kopf gesetzt hatte, wurde bei dieser Frage nicht ganz wohl zumute. Er stammelte etwas von Verjährung und abgelaufener Kontraktsfrist, kam aber nicht weit, da Frau Esther ihm ins Wort fiel.
„Ismael,“ rief sie ihrem Manne zu, „laß den Giftmischer laufen und sei froh, daß du ihn los bist. Der unheimliche Kerl kann uns etwas antun, ohne daß wir uns dagegen wehren können. Laß ihn laufen, Mann, laß ihn laufen!“
Ismael nickte und trat vor den Bienenjäger hin.
„Mit Euch, junger Mann, ist die Abrechnung nicht so leicht,“ redete er diesen an. „Ihr habt Euch ehemals oft genug heimlich auf meine Farm und später auch in mein Lager geschlichen, um uns ein Mädchen abwendig zu machen, die eine Verwandte meiner Frau ist und die einmal meine Schwiegertochter werden sollte.“
„Ich will Euch was sagen, Freund Ismael Busch,“ entgegnetePaul ganz munter, „verschiedene Leute haben über das Heiraten auch verschiedene Ansichten. Ellen zum Beispiel denkt über ihren zukünftigen Mann sicher ganz anders als Ihr —“
„Ellen,“ unterbrach ihn der Squatter, zu seiner Nichte gewendet, „ein ganzes Jahr lang hast du mit uns im Lager gewohnt wie eine meiner Töchter; ich hatte gehofft, daß du für immer bei uns bleiben würdest.“
„Laß ihr ihren Willen, Vater,“ raunte Esther ihm zu. „Er, der sie vielleicht zum Bleiben bewogen hätte, schläft im kühlen Grunde.“
„Ellen mag selber entscheiden,“ versetzte der Squatter.
Das junge Mädchen trocknete die Augen. „Ihr habt mich aufgenommen, als sonst niemand von der vaterlosen Waise etwas wissen wollte, und dafür erflehe ich für Euch des Himmels reichsten Segen,“ sagte sie innig. „Ich kann Eure Güte niemals vergelten. Das wilde Leben der Grenzer wird mir nie zusagen; dennoch hätte ich freiwillig bei Euch ausgehalten, wenn Ihr diese arme Lady ihren Angehörigen nicht geraubt hättet. Seit der Zeit —“
„Das war eine schlechte Tat, die nun gesühnt werden soll und die ich bereue,“ erwiderte der Emigrant. „Nun sage mir aber, willst du hierbleiben oder nicht?“
„Ich habe der Lady Inez versprochen, sie zu begleiten; nach allem, was sie erleiden mußte, hat sie wohl das Recht, zu verlangen, daß ich ihr mein Wort halte,“ antwortete Ellen mit niedergeschlagenen Augen.
„Nehmt dem jungen Mann die Fesseln ab,“ befahl Ismael. Dann rief er alle seine Söhne heran. „Da, Ellen,“ sagte er, auf die jungen Riesen deutend, „wähle; mehr habe ich dir nicht anzubieten.“
Ellens Blick glitt scheu über die Gesichter ihrer Vettern, auf dem Antlitz des ganz verdutzt dreinschauenden Paul aber blieb er haften. Im nächsten Moment lag sie an des Bienenjägers Brust.
„Na, meinetwegen,“ brummte der Squatter, seine Söhne zur Seite winkend. „Nimm ihn in Gottes Namen und meinen Segen dazu. Ihr aber, junger Mann, sorgt dafür, daß ich keine Klage von ihr über Euch höre ... Ich hoffe nun, alles zur Zufriedenheit eines jeden erledigt zu haben. Nur noch eine Frage habe ich an den Hauptmann. Wollt Ihr mit mir nach den Ansiedlungen ziehen oder nicht?“
„Ich höre, daß meine Soldaten bei den Pawneedörfern nach mirsuchen,“ antwortete der Offizier. „Ich beabsichtige daher, diesen Häuptling dorthin zu begleiten.“
„Gut; macht Euch auf den Weg, und je eher je besser. Da unten im Grunde sind Pferde in Menge; wählt Euren Bedarf aus.“
„Ich kann mich nicht eher von hier entfernen, bis jener alte Mann, der fast ein halbes Jahrhundert hindurch der Freund meines Hauses war, ebenfalls in Freiheit gesetzt ist,“ antwortete Middleton. „Was hat er verbrochen, daß Ihr ihn so in Banden haltet?“
„Mit dem Alten habe ich mich in einer Angelegenheit abzufinden, in die sich ein Offizier der Staaten am besten nicht einmischt,“ entgegnete der Squatter finster und abweisend. „Macht, daß Ihr fortkommt, solange der Weg Euch noch offen ist.“
„Der Mann gibt Euch ehrlichen Rat,“ nahm jetzt der Trapper das Wort. „Die Sioux sind zahlreich und blutgierig, und niemand kann wissen, wie bald sie wieder ausschwärmen, um Rache zu nehmen. Darum rate auch ich Euch, geht so bald als möglich, ehe die Gefahren der Prärie Euch in Not bringen.“
„Ich handelte nicht nur undankbar, sondern auch gegen Pflicht und Gesetz, wenn ich den Trapper in Euren Händen ließe, selbst wenn er selber damit einverstanden wäre,“ sagte Middleton zu Ismael. „Nennt mir sein Verbrechen.“
„Genügt Euch nicht, wenn ich sage, daß er reichlich verdient hat, was ihm zugedacht ist?“
„Ich kann ihm nichts Böses zutrauen.“
„Nun, so seht her!“ rief der Squatter, dem Hauptmann die Kugel hinhaltend, die man am Leibe des toten Asa gefunden hatte. „Mit diesem Stückchen Blei hat er meinen ältesten Sohn hinterrücks niedergestreckt und ermordet!“
„Das glaube ich nimmermehr!“ versetzte der Hauptmann in heftigem Unwillen. „Es sei denn, daß er in der Notwehr handelte. Er wußte um den Tod Eures Sohnes, wie ich bezeugen muß; daß er an dem jungen Manne aber ein Verbrechen begangen, das kann ich nur glauben, wenn er selber sich dazu bekennt.“
„Ich habe lange gelebt,“ begann der Trapper, als keiner der anderen mehr redete, „und viel Böses mußte ich mit ansehen. Aber ich denke, es ist keine Prahlerei, wenn ich sage, daß, obgleich meine Hand oft gezwungen war, gegen Bosheit und Unterdrückung zu kämpfen, sie doch nie einen Streich geführt hat, dessen ich michdereinst vor dem ewigen Richter, der doch weit mächtiger ist als dieser hier, zu schämen hätte.“
„Wenn mein Vater einem seines Stammes das Leben genommen hat,“ nahm der junge Pawnee das Wort, dessen schneller Blick bald erkannt hatte, um was es sich handelte, „dann möge er sich wie ein Krieger dem Freunde des Gefallenen ausliefern. Er ist zu gerecht, um gebunden zur Sühne geführt zu werden.“
„Mein Sohn denkt ehrenvoll von mir, ich danke ihm,“ antwortete der alte Jäger in der Sprache des Indianers. „Hätte ich die schändliche Tat begangen, deren man mich beschuldigt, so wäre ich Mannes genug gewesen, selber mein Haupt der Strafe darzubieten, wie auch alle guten und ehrenhaften roten Krieger tun.“ Dann fuhr er gegen die übrigen Anwesenden in englischer Sprache fort: „Ich habe nur wenig zu berichten. Wir lagen im Hinterhalt und belauerten Euch, Freund Squatter, weil wir in Erfahrung gebracht hatten, daß Ihr dieses jungen Offiziers Ehefrau als Gefangene mit Euch führtet. Ich, als der im Kundschaften Geübteste, lag am weitesten draußen in der Prärie und beobachtete alle Bewegungen Eurer Schar bei der Jagd. Und keiner von euch allen hatte eine Ahnung davon. Haha, Squatter, als ich noch jung war, da habe ich den schlafenden Feinden in die Zelte geguckt, ja, und —“
„Schweift nicht ab, alter Freund,“ unterbrach der Hauptmann ihn ungeduldig.
„Gut, gut. Ich lag im hohen Grase; da begegneten sich zwei der Jäger abseits von den übrigen. Sie zeigten einander wenig Freundlichkeit, ich meinte aber, sie würden in Frieden auseinandergehen; da schoß der ältere den jungen ganz unerwartet meuchlings in den Rücken. Eine grausam schändliche, verräterische Tat! Und der arme Junge, was für ein ganzer Mann war das! Obgleich das Pulver seinen Rock versengte, so hielt er doch dem Stoß stand, und es dauerte wohl eine Minute, ehe er niedersank, aber nur auf die Knie. Und mit welcher gewaltigen Anstrengung er sich in das Dickicht schleppte, wie ein verwundeter Bär — es war ein Anblick zum Erbarmen!“
„Aber warum, im Namen der himmlischen Gerechtigkeit, habt Ihr uns kein Wort davon gesagt?“ rief Middleton in höchstem Erstaunen.
„Meint Ihr, Hauptmann, ein Mann, der über sechzig Jahre inder Wildnis lebte, habe den Wert der Verschwiegenheit nicht kennengelernt? Welcher rote Krieger läuft und erzählt, was er gesehen, ehe die rechte Zeit gekommen ist? Ich führte den Doktor an die Stätte, ob er vielleicht noch helfen könne, und auch der Bienenjäger wußte, daß der Leichnam in jenem Dickicht lag.“
„Und wer war der Mörder?“ forschte Middleton gebieterisch.
„Der steht dort. Eine Schmach und Schande für unsere Farbe ist es, daß er ein Fleisch und Blut ist mit der Familie des Toten.“
„Er lügt!“ schrie Abiram, denn auf ihn hatte der Trapper gewiesen. „Er lügt! Ermordet habe ich ihn nicht! Ich wehrte mich nur meines Lebens!“
„Es ist genug,“ sagte Ismael mit tiefer, ganz veränderter Stimme. „Laßt den alten Mann frei, ihr Knaben; bringt den Bruder eurer Mutter an seine Stelle.“
„Rührt mich nicht an!“ kreischte Abiram. „Gottes Fluch soll jeden treffen, der mir nahekommt!“
Abner, jetzt der älteste der Söhne, ließ sich dadurch nicht abhalten; als er jedoch die starken Hände nach dem Verbrecher ausstreckte, da wandte sich dieser zur Flucht, fiel aber nach wenigen Schritten wie tot zur Erde. Ismael befahl durch eine Gebärde, ihn in eins der Zelte zu schaffen.
„Jetzt bleibt nur noch übrig,“ sagte er darauf zu denen, die nicht zu seinem Lager gehörten, „daß jeder seine Straße zieht. Ich wünsche allen das Beste; dir Ellen, sage ich: Gott segne dich!“
Schweigend und ergriffen ging der Hauptmann an seine Vorbereitungen, die bald getan waren. Schweigend verabschiedete man sich von dem Squatter und dessen Angehörigen, die dem von dem Pawneehäuptling geführten Zuge, der sich still über die Prärie entfernte, noch lange nachschauten.
Etwa zwei Stunden später befand sich auch die Karawane der Emigranten wieder auf der Fahrt, diesmal aber in der Richtung von Westen nach Osten.
Der kleine Planwagen, der vor kurzem noch Inez beherbergt hatte, wurde jetzt von Abiram eingenommen, der aus seiner todesähnlichen Ohnmacht wieder erwacht war und nun mit Zähneklappen seinem Geschick entgegensah.
Langsam und träge bewegte sich die Karawane über die dürre Prärie. Finster und schweigend schritt Ismael als Führer voran,finster und schweigend schritten auch seine Söhne neben den Wagen und dem Vieh dahin. Gramvoll und in sich versunken saß Mutter Esther in dem Wagen bei ihren Töchtern. Die Erwartung des Bevorstehenden lag wie eine dumpfe, schwere Wolke über allen.
illu_sw115...
Der lange Tag verstrich, und der Zeitpunkt kam, wo für Mensch und Tier Rast und Erholung nötig wurden. Ismael wählte als Ruheort eine mit saftigem Grase bestandene Niederung, von einer Quelle bewässert, die am Fuße eines etwa vierzig Fuß hohen Felskegels aus dem Boden sprang. Ein einsamer Weidenbaum von gewaltiger Größe stand unweit des Felsens, dessen Gipfel seine Zweige einst beschattet hatten; jetzt spendete der alte Baum keinenSchatten mehr; nur noch wenige knorrige, phantastisch gestaltete Äste reckten sich hier und da empor, dürr und tot; und morsch, abgestorben und von der Witterung gebleicht war auch der Stamm, ein ödes Denkmal der Vergänglichkeit.
Die Zugtiere wurden ausgespannt, und Esther bereitete das Mahl, von welchem auch Abiram seinen Teil erhielt. Der Elende, dem bisher niemand mit Wort oder Blick zu nahe getreten war, begann wieder Hoffnung zu hegen; er rechnete darauf, daß man, um nicht noch mehr Schande über die Familie zu bringen, die ganze Sache im Sande verlaufen lassen würde.
Nach dem Mahle hatte Ismael abseits vom Lager mit seinem Weibe eine lange und ernste Unterredung. Die Frau trocknete dabei häufig die verweinten Augen, und beide schauten ab und zu in eine kleine, vergilbte Bibel, die aufgeschlagen auf ihrem Schoße lag.
„Und dennoch, Ismael,“ schluchzte die arme Frau, nachdem sie lange Rede und Gegenrede mit ihrem Manne gewechselt hatte, „und dennoch — er hat mein Blut und das Blut unserer Kinder in seinen Adern! Kannst du nicht Gnade walten lassen?“
„Weib,“ entgegnete der Squatter finster, „als wir noch meinten, daß der alte Trapper unsern Sohn erschlagen habe, da war von Gnade keine Rede.“
Esther ließ den Kopf auf die Brust sinken. Sie wußte nun, daß das Geschick ihres Bruders besiegelt war. Noch einmal begegneten sich beider Augen, dann standen sie auf und gingen zum Lager zurück, wo die Söhne sie in anscheinend träger Gleichgültigkeit erwarteten.
„Abner,“ sagte der Vater, „hole den Bruder deiner Mutter aus dem Wagen und laß ihn hier auf der Erde stehen.“
Scheu und zitternd, aber nicht ohne eine gewisse freche Zuversichtlichkeit kroch Abiram vom Wagen herab.
„Bruder,“ wendete er sich sogleich mit aufdringlicher Geschwätzigkeit an den Squatter, „das Vieh ist müde, wir haben einen tüchtigen Marsch hinter uns und werden nicht leicht wieder einen so guten Lagerplatz finden; wollen wir nicht gleich für die Nacht hier kampieren?“
„Es ist gut, daß der Ort dir gefällt,“ entgegnete der andere dumpf. „Du wirst ihn nicht wieder verlassen. Tretet heran, meine Söhne, und höret! Abiram White,“ fuhr er langsam und feierlich fort, indem er dabei seine Kappe lüftete, „du hast meinen Erstgeborenenerschlagen; nach den Gesetzen Gottes und der Menschen spreche ich dein Urteil: du mußt sterben!“
Ein fürchterlicher Schreck durchzuckte den Mörder.
„Sterben?“ kreischte er. „Soll man nicht einmal unter seinen nächsten Verwandten seines Lebens sicher sein?“
„So dachte auch mein Sohn Asa,“ versetzte der Squatter, indem er zugleich durch eine Gebärde den Wagen, der seiner Frau und den Mädchen zum Aufenthalt diente, weiterfahren hieß. Darauf untersuchte er bedächtig das Pulver auf der Pfanne seiner Büchse. „Mit dem Schießgewehr hast du meinen Sohn ermordet, es ziemt sich daher, daß du mit derselben Waffe gerichtet wirst.“
Wild, halb blödsinnig vor Entsetzen, starrte Abiram um sich. Keine Miene auf den Gesichtern der jungen Männer verriet deren innere Empfindungen; auf den Zügen seines Schwagers gewahrte er nur kalte, furchtbare Entschlossenheit.
„Bruder,“ stieß er heiser hervor, „habe ich recht gehört?“
„Meine Worte waren verständlich, Abiram White. Du hast einen Mord begangen und dafür mußt du sterben.“
„Wo ist Esther?“ schrie jetzt der Elende. „Schwester! Schwester! Wo bist du? O Schwester, komm mir zu Hilfe!“
„Ich höre eine Stimme aus dem Grabe!“ entgegnete Esther tonlos, während der Wagen an der Gruppe der Männer vorbeifuhr. „Es ist meines Sohnes Stimme, die Gerechtigkeit fordert. Gott sei deiner Seele gnädig!“
Verzweifelnd sank Abiram auf die Knie; wahnwitzig vor Angst winselte er um Aufschub, erst um eine Woche, dann um einen Tag, endlich nur um eine Stunde. Der Vorsatz des Squatters wurde endlich wankend.
„Abner,“ gebot er, „steige auf den Felsen und schau dich um, ob Menschen in der Nähe sind.“
Während der junge Mann diesen Befehl ausführte, kam eins der Mädchen herbeigelaufen und brachte einen Teil des heiligen Buches, das Esther so sorgsam aufbewahrt hatte. Der Squatter schickte das Kind zurück und legte die Blätter in die Hände des Verurteilten.
„Das sendet deine Schwester,“ sagte er, „damit du in deinen letzten Augenblicken dich deines Herrgottes erinnern mögest.“
„Segen über sie!“ rief Abiram schluchzend. „Sie war mir immereine gute, treue Schwester! Aber zum Lesen brauche ich Zeit, Bruder, Zeit!“
„Zeit soll dir werden. Du wirst dein eigener Henker sein.“
Abner berichtete, daß die Prärie menschenleer sei, und nunmehr schritt man zur Ausführung des neuen Planes des Squatters.
Unter einem der Äste des Baumes ragte hoch über der Erde eine Steinstufe aus der Felsenwand. Auf diese Stufe stellte man den Delinquenten, dem man die Arme an den Ellenbogen hinter dem Rücken gefesselt hatte. Vom Aste herab legte sich eine Schlinge um seinen Hals, und zwar so, daß er, wenn er hing, die Stufe mit den Füßen nicht mehr erreichen konnte. Das Fragment der Bibel hatte man ihm in die Hände gegeben.
„Abiram White,“ sagte Ismael, als seine Söhne nach Beendigung aller dieser Vorbereitungen wieder von dem Felsen herabgestiegen waren, „noch eine letzte Frage richte ich an dich. Noch kannst du wählen zwischen einer Kugel aus dieser Büchse, die dich schnell allen Elends enthebt, und jenem Strick, der dich früher oder später zum Tode bringt.“
„Laß mich noch leben, Ismael! O, du weißt nicht, wie süß das Leben ist, wenn der letzte Augenblick so nahe bevorsteht!“
„Es sei,“ versetzte der Squatter, zugleich den Söhnen winkend, den Wagen zu folgen. „Und nun, unglücklicher Mann, möge dir zum Trost bei deinem Ende gereichen, daß ich dir das Leid, das du mir angetan, von Herzen vergebe. Gott sei dir ein gnädiger Richter.“
Damit wendete er sich um und schritt in seiner gewöhnlichen, schwerfälligen Art davon. Nach längerem Marsche hatte er die Karawane eingeholt, die, da die Sonne inzwischen untergegangen war, sich zur Nachtrast anschickte, was der Führer stillschweigend billigte.
Mit dem aufsteigenden Monde machte sich auch der Wind auf. Klagende, geisterhafte Laute ertönten leise hier und dort in der Stille der Nacht und erfüllten das Herz des einsam auf der Wacht stehenden Squatters mit fröstelnden Schauern, die nach den Vorgängen des verflossenen Tages wohl erklärlich waren.
Einem inneren Drange folgend, verließ er das Lager, wo alles schlief, und wanderte zu einer fernen Bodenerhebung, von welcher der Blick bis zu der Richtstätte schweifen konnte.
Hier stand er eine lange Weile, dem Winde lauschend, der im hohen Grase rauschte, bis das Getön seinem Ohr erschien wie das Flüstern abgeschiedener Seelen.
Plötzlich gellte aus der Ferne ein schrecklicher Schrei über die Prärie. Er fuhr auf den Schwingen des Windes daher wie der Ruf eines grausen Nachtgespenstes. Ismaels Haar sträubte sich; unwillkürlich krampfte sich seine Hand um den Lauf der Büchse. Ein neuer Windstoß brachte einen zweiten Schrei. Wider seinen Willen mußte er mit einem lauten Ruf antworten; dann, obgleich von kaltem Grausen gepackt, warf er die Büchse über die Schulter und ging, gewaltig ausschreitend, dem Felsen zu.
Noch einen dritten Schrei hörte er, so gräßlich, daß keine Einbildungskraft einen ähnlichen schaffen könnte. Erschüttert blieb der Squatter stehen und verschloß die Ohren mit den Händen. Als er diese wieder sinken ließ, sagte eine leise, heisere Stimme unmittelbar hinter ihm:
„Ismael, Mann, hörtest du etwas?“
„Still!“ entgegnete er, den Arm um seine Frau legend.
Aber sie vernahmen nichts mehr als das dröhnende Sausen des stärker werdenden Windes.
„Komm,“ drängte Esther, „man hört nichts mehr.“
„Was brachte dich hierher?“ fragte jetzt Ismael, dessen Blut wieder ruhig geworden war.
„Er hat unseren Erstgeborenen erschlagen,“ antwortete die Frau, „aber ich kann nicht zugeben, daß der Sohn meiner Mutter unter freiem Himmel liegenbleibt wie der Kadaver eines Hundes. Schau her, Picke und Spaten habe ich mitgebracht. Wo ist er?“
Der Mond trat hinter den treibenden Wolken hervor, so daß Esthers Auge dem ausgestreckten Finger ihres Mannes folgen konnte. Derselbe deutete auf eine menschliche Gestalt, die unter einem der Aste des Weidenbaumes im Winde hin und her schwang. Die Frau verhüllte ihr Gesicht, er aber trat herzu und betrachtete eine Zeitlang sein Werk. Dann hob er die Büchse und zielte sorgfältig; der Schuß krachte, die Kugel durchschnitt den Strick, und der Leichnam schlug dumpf auf den Erdboden, wo die Bibelblätter zerstreut umherflatterten.
Sie gruben sein Grab und legten ihn hinein. Ismael stand barhäuptig, während seine Gattin kniend ein letztes Gebet sprach. Dann kehrten sie zum Lager zurück.
Am folgenden Morgen setzte die Karawane die Rückfahrt nach den Ansiedlungen fort.
Die Schützlinge des Pawneehäuptlings fanden in der Niederlassung seines Stammes die gastlichste Aufnahme. Die Artilleristen hatten ihren Hauptmann bereits erwartet, und wenn ihre Zahl auch nicht groß war, so verlieh doch die Anwesenheit und Dienstergebenheit so wohldisziplinierter und gut bewaffneter Männer dem Offizier und seinen Gefährten ein Gefühl größter Sicherheit; auch wurde die unangefochtene Rückkehr derselben nach den Ansiedlungen dadurch gewährleistet.
Und dorthin machten Middleton und Inez, Paul und Ellen und auch der Naturforscher sich bald auf den Weg, und zwar in einem großen Boote, das die Artilleristen von einem den Fluß heraufkommenden Händler zu diesem Zweck erstanden hatten. Von Hartherz und den Seinen verabschiedeten sie sich voll Dank und mit gegenseitiger, aufrichtiger Herzlichkeit.
Ganz zuletzt stieg der Trapper mit seinem treuen Hektor in das Boot. Er trug, wie immer, einen kleinen Packen auf dem Rücken. Nachdem man unter allerlei Gesprächen über die Eigenarten der verschiedenen Indianerstämme eine längere Strecke zurückgelegt hatte, wendete der Alte sich an den das Boot steuernden Soldaten mit der Aufforderung, auf das Ufer abzuhalten.
„Aber warum, alter Freund?“ fragte Middleton erstaunt.
„Ihr sollt nicht lange aufgehalten werden,“ versetzte der Trapper, und selbst mit Hand anlegend, lenkte er das Fahrzeug an eine zum Aussteigen geeignete Stelle. Als er daselbst festlag, öffnete er seinen Packen und begann darin herumzukramen.
„Ehe wir scheiden, Hauptmann,“ sagte er, „möchte ich Euch noch bitten, mir einen Dienst zu erweisen, der Euch nur wenig Mühe machen soll —“
„Scheiden?“ unterbrach ihn Middleton bestürzt. „Wollt Ihr uns denn verlassen?“
„Was?“ rief auch der Bienenjäger, als wäre er aus den Wolken gefallen. „Ihr werdet doch nicht zu Fuß nach den Ansiedlungen wandern?“
„Nein, mein Junge,“ lächelte der Alte, „nach den Ansiedlungen zieht mein Herz mich nicht; ich denke in Gottes Wildnis meine Tage zu beschließen.“
„Freund, Ihr habt mich tief erschreckt!“ nahm Middleton wieder das Wort. „Nimmermehr hätte ich gedacht, daß ich mich in diesem Leben wieder von Euch trennen sollte! Ich war schon so glücklich in dem Gedanken, Euch in meinem Heim ein Ruheplätzchen bereiten und wie ein treuer Sohn Eure letzten Lebensjahre zu recht angenehmen und friedlichen gestalten zu können. O, bleibt bei uns, ich bitte Euch so sehr ich kann!“
„Ich weiß, Knabe, ich weiß, Ihr meint es gut, Ihr seid wie Euer Großvater. Aber es kann nicht sein. Seht —“
„Alter Trapper,“ unterbrach ihn der ungestüme Paul, dem seine sonst so kräftige Stimme jetzt beinahe den Dienst versagte, „ich mache Euch einen Vorschlag. Ich biete Euch die Hälfte meines Wigwams, dazu den allerbesten Honig und das beste Büffelfleisch, ausschließlich vom Höcker, versteht sich, und von Frau Ellen Hover großartig zubereitet, wenn Ihr zu uns ziehen wollt. Ihr sollt geliebt und geehrt werden wie ein Vater. Schlagt ein, mehr kann ich nicht sagen!“
„Dank Euch, Knabe, dank Euch,“ antwortete der alte Mann, tief über seinen Packen geneigt; „aber es kann nicht sein, es kann nicht sein.“
Auch Doktor Battius versuchte seine Überredungskunst, allein ebenfalls vergeblich.
„Genug,“ sagte endlich der Hauptmann, „laßt ihm seinen Willen. Soviel ich von diesem außerordentlichen Manne gehört und nun auch gesehen habe, läßt er sich von einem einmal gefaßten Entschlusse nicht abbringen. Teilt uns nun mit, lieber Freund, was wir für Euch tun können.“
„Das soll Euch nicht viel Mühe verursachen, Hauptmann,“ versetzte der Trapper, der endlich mit seinem Kramen fertiggeworden war. „Hier habe ich vier Biberfelle, und da noch eins vom Waschbären; viel wert sind sie ja nicht, aber ein paar Fallen gibt's schondafür. Die Sioux haben mir nämlich meine besten Fallen gestohlen, und die muß ich ersetzt haben, wenn ich im kommenden Winter nicht in Not geraten soll. Tauscht mir also gegen dies Pelzwerk zwei gute Fallen ein und schickt sie mit einem der Händler nach dem Dorfe der Pawnees. Vergeßt aber nicht, mein Zeichen auf den Packen zu malen — den BuchstabenN, ein Hundeohr und ein Büchsenschloß; dann wird mir keine Rothaut mein Recht daran streitig machen. Freilich kann ich Euch als Entgelt dafür nichts geben als meinen Dank, es sei denn, daß Ihr das Waschbärenfell —“
„Euer Wunsch soll erfüllt werden,“ sagte der Hauptmann schnell. „Wollte Gott nur, daß ich noch mehr für Euch tun könnte.“
Der Trapper schwieg eine kleine Weile, dann blickte er auf den jungen Jagdhund des Offiziers und begann:
„Diesmal rede ich nicht für mich selber, sondern für einen anderen. Da ist mein Hektor; wie sein Herr, so hat auch er schon lange die Grenze überschritten, die Gott sonst dem Leben von seinesgleichen gesetzt hat. Solch eine Kreatur hat ihre Empfindungen und Gefühle ebensogut wie ein Christenmensch. Nun ist ihm in dieser letzten Zeit Euer Tier da ein lieber Kamerad und Freund geworden, und ich muß sagen, daß es mir nahegeht, daß er sich nun von ihm trennen soll. Ich frage Euch daher, ob Ihr mir den Hund überlassen, oder, wenn er Euch zu wertvoll ist, ob Ihr ihn mir bis zum Frühjahr leihen wollt, denn länger wird mein Hektor nicht mehr am Leben sein.“
„Nehmt ihn!“ rief Middleton. „Nehmt alles, was Euch sonst noch gefällt!“
Der alte Mann stieg ans Land und pfiff den Hunden, die ihm beide bereitwilligst folgten. Dann nahm man Abschied. Nur wenig wurde dabei gesprochen. Der Trapper reichte jedem mit mildem, feierlichem Ernst die Hand. Middleton vermochte vor Ergriffenheit kein Wort zu äußern, ebenso Paul, der statt dessen zu pfeifen versuchte, was ihm jedoch jämmerlich mißlang. Auch Doktor Battius war tief gerührt; die Frauen schluchzten. Als die letzte Hand gedrückt war, schob der alte Mann selber das Boot ins tiefere Wasser zurück, wo es sogleich von der Strömung erfaßt wurde. Alle saßen schweigend, auch kein Ruder wurde ausgelegt, bis das Fahrzeug einen Hügel umschifft hatte, der seinen Insassen den Trapperaus den Augen brachte. Zuletzt sahen sie ihn, wie er regungslos auf seine lange Büchse gelehnt stand; Hektor lag zu seinen Füßen, und der jüngere Hund sprang lustig auf dem Sande umher.
illu_sw123...
Ein Jahr war vergangen, und der Herbstwind strich über die Prärie.
Die Sonne neigte sich bereits zum Untergang, als eine kleine Schar von Reitern von der Hochebene, die sie bisher, vom Missouriflusse kommend, durchkreuzt hatten, in den noch immer mit üppigem Grase bestandenen weiten Grund hinunterritt, in dem das Dorf der Pawnee-Loups sich ausbreitete.
Der Führer der Schar war Middleton; unter den Begleiterndesselben machte Paul Hover sich durch sein munteres Wesen am meisten bemerkbar. Der letztere hatte die Bienenjägerei aufgegeben und betrieb daheim die Landwirtschaft; sein Weib Ellen hatte dies verlangt und auch durchgesetzt. Middleton hatte zum Zweck der Landesaufnahme gewisse Gebietsteile zu bereisen und die Gelegenheit benutzt, den alten Freunden einen Besuch abzustatten.
Auf dem Grunde zerstreut grasten, von indianischen Knaben gehütet, die Rosse der Pawnees; unter ihnen befand sich auch der Asinus des Doktor Battius, den der letztere damals seinen Gastfreunden als Geschenk belassen hatte. Der ehrliche Graue war dick und fett geworden und wurde von Paul mit fröhlichem Lachen begrüßt.
Middleton hatte, ehe er das Dorfgebiet betrat, einen Boten vorausgesandt, der sein Kommen den Häuptlingen melden sollte. Vergeblich aber wartete er auf eine Antwort, auf ein Zeichen des Willkommens, wie es dem indianischen Brauche entsprochen hätte. Er vermochte sich diese Unterlassung nicht zu erklären. Unweit des Dorfes kam man an einer der ausgestellten Schildwachen vorbei; der junge Krieger schaute sich nach ihnen um, wendete dann aber, ohne sich zu rühren, sogleich seinen Blick wieder dem Dorfe zu.
„Da muß etwas Außergewöhnliches vorgehen,“ sagte Middleton kopfschüttelnd. „Seht nach den Waffen, Leute, damit wir auf alle Fälle bereit sind.“
„Sachte, Hauptmann,“ entgegnete Paul. „Wenn's auf der Prärie noch einen ehrlichen Kerl gibt, so ist das unser Freund Hartherz, darauf will ich leben und sterben! Seht, da kommen auch schon die Abgesandten — allerdings sehen sie eher kopfhängerisch und mattherzig, als ‘hartherzig’ aus.“
Paul hatte recht. An der Spitze eines Trupps von etwa zwölf Reitern kam Hartherz selber ihnen entgegen. Aber des Hauptmanns Erstaunen wuchs noch mehr. Keiner der Indianer trug Waffen, keiner wies auch nur den geringsten Schmuck an seinem Körper auf. Langsam und feierlich zogen sie heran, und die gegenseitige Begrüßung war ernst und gleichsam bedrückt. Da Hartherz nur die allernötigsten Worte geredet hatte, so verhielt sich auch Middleton zurückhaltend und schweigsam, und so rückte man lautlos und in gepreßter Stimmung in das Dorf ein.
Hier sah des Hauptmanns unruhig umherschweifendes Augeauf dem freien Platze inmitten der Wigwams die ganze Bewohnerschaft versammelt. Dieselbe bildete, nach Rang, Alter und Geschlecht geordnet, einen weiten Kreis. Auf einen Wink des Häuptlings öffnete sich derselbe; die Gäste ritten hinein und stiegen von den Pferden, die sogleich fortgeführt wurden.
Jetzt nahm Hartherz den Hauptmann und Paul bei den Händen und geleitete sie noch feierlicher als zuvor zu einer kleinen Gruppe, die des Kreises Mittelpunkt bildete. Hier zeigte sich des Rätsels Lösung.
Auf einem rohgezimmerten, aber augenscheinlich mit liebevollster Sorgfalt hergestellten, bequemen Sessel saß der Trapper, der greise Nathaniel Bumppo. Die Herzutretenden erkannten auf den ersten Blick, daß er im Begriff war, die letzte lange Reise anzutreten. Sein Blick war gläsern, seine Züge ein wenig hagerer als sonst, weiter aber zeigte sein Äußeres keine Veränderung.
Man hatte ihn so gesetzt, daß der Schein der sinkenden Sonne voll auf ihn fiel. Er war barhäuptig; die dünnen, weißen Locken wehten leise im sanften Abendwinde. Auf seinen Knien lag die lange Büchse, die übrigen Jagdgeräte befanden sich im Bereich seiner Hand. Zu seinen Füßen sah man die Gestalt eines ruhenden Hundes, Middleton aber erkannte bald, daß dies nur noch das von liebenden Händen ausgestopfte Fell des treuen Hektors war. Sein eigener Hund spielte in der Nähe mit dem Kinde des gefallenen Mahtoree, denn Tachechana hatte unter den Weibern der Pawnees eine Zuflucht gefunden. In des Sterbenden Nähe standen einige greise Indianer, um Zeugen zu sein, wie ein gerechter und furchtloser Krieger den Weg nach den glücklichen Gefilden des Jenseits antrat.
Hartherz neigte sich zu dem Sterbenden.
„Hört mein Vater die Worte seines Sohnes?“
„Rede,“ antwortete der Trapper leise und hohl, aber deutlich, während atemloses Schweigen in der Runde herrschte. „Ich verlasse das Dorf der Loups und werde bald aus dem Bereich deiner Stimme sein.“
„Möge der weise Häuptling sich wegen seiner Reise keine Sorge machen,“ fuhr der Pawnee fort. „Hundert Loups sollen ihm den Pfad von Dornen säubern. Mein Vater wird jetzt meinen jungen Männern erzählen, wieviel Mingos er tötete, und welche kühnen und gerechten Taten er getan, damit sie ihm nachahmen können.“
„Eine prahlende Zunge findet im Himmel der weißen Männer kein Gehör,“ antwortete der alte Mann. „Was ich tat, hat Gott gesehen; Seine Augen sind immer offen. Nein, mein Sohn, ein Bleichgesicht kann sein eigenes Lob nicht singen.“
Bescheiden, wenn auch ein wenig enttäuscht, trat der junge Häuptling zurück, um dem Hauptmann Raum zu geben. Dieser nahm eine Hand des Sterbenden in seine beiden und gab sich mit mühsam beherrschter Stimme zu erkennen. Ein Schimmer der Freude flog über des Greises Züge.
„Ich habe nichts vergessen,“ sagte er leise. „Ich erinnere mich Eurer und Eurer ganzen Gesellschaft, ja, und auch Eures Großvaters erinnere ich mich. Ich freue mich, daß Ihr wiedergekommen seid, weil ich englisch mit Euch reden kann; denn auf die Händler ist kein Verlaß. Wollt Ihr einem sterbenden Manne einen Gefallen erweisen?“
„Von Herzen gern, mein lieber, guter Freund!“
„Es ist weit, sehr weit,“ fuhr der Greis fort, sich oft unterbrechend und nach Atem ringend, „aber wenn einem Liebe und Freundschaft erwiesen wurde, soll man das nimmer vergessen. Da ist eine Niederlassung in den Otsegobergen —“
„Ich kenne den Ort,“ sagte der Hauptmann. Dem Sterbenden wurde das Sprechen immer schwerer.
„Nehmt diese Büchse, auch diese Tasche und das Pulverhorn, und sendet alles dem, dessen Namen auf dem Kolben zu lesen steht. Ein Händler schnitt denselben mit seinem Messer ein.“
„Es soll geschehen, wie Ihr wünscht. Kann ich noch mehr für Euch tun?“
„Viel mehr habe ich nicht zu hinterlassen. Meine Fallen bleiben meinem indianischen Sohne; er hat mir ehrlich und liebevoll die Treue gehalten. Wo ist er?“
Middleton winkte, und der Häuptling trat ehrfurchtsvoll vor seinen Vater.
„Pawnee,“ redete der Greis in der Sprache der Loups weiter, „unter meinem Volke ist es Sitte, daß der Vater, ehe er aus dieser Welt scheidet, dem Sohne seinen Segen erteilt. Ich will auch dich segnen: Möge der Gott der Weißen mit gütigem Auge deine Taten schauen, mögest du nie etwas begehen, darob er sein Antlitz verdüsterte. Ich meine und hoffe, daß wir uns dereinst wiedersehen werden; wir werden miteinander vor dem Angesicht deines Wakondastehen, der dann kein anderer sein wird als mein Gott ...“ Dann wanderten seine Gedanken zu seinem Hunde. Er beugte sich nach vorn und fühlte nach den Ohren des Tieres. „Ja, Hundchen,“ sagte er, „wir müssen uns trennen. Du bist redlich, kühn und treu gewesen ... Sei gut zu ihm, Pawnee, um der Liebe willen, die du mir erwiesen.“
„Die Worte meines Vaters sind in meinen Ohren,“ antwortete Hartherz ernst.
„Hörst du, Hundchen, was der Häuptling versprochen hat?“ fuhr der Greis fort, bemüht, die Aufmerksamkeit der ausgestopften Nachbildung zu erregen. Er berührte die Lippen derselben mit den Fingern — da erkannte er die Wahrheit, wenngleich die Täuschung in ihrer ganzen Ausdehnung ihm verborgen blieb. Er lehnte sich zurück und senkte das Haupt auf die Brust.
„Der Hund ist tot!“ murmelte er nach einer langen Pause. „Hauptmann, wollt Ihr das Tier, das mir so lange und so treu gedient hat, mir zu Füßen in mein Grab betten?“
„Es soll geschehen,“ antwortete Middleton.
Wieder versank der Sterbende gleichsam in sich selber. Während alles regungslos umherstand, beseitigten zwei junge Krieger vorsichtig den ausgestopften Hund.
Middleton und Hartherz setzten sich zur Rechten und zur Linken des Greises und beobachteten aufmerksam und traurig die Todesanzeichen auf dessen Antlitz. So saßen sie zwei lange Stunden. Ab und zu redete er noch einige Worte, als wolle er denen, die er liebte, noch Rat erteilen, sie wissen lassen, daß er ihrer gedachte. Dann lauschte der ganze Stamm mit gespanntester Aufmerksamkeit, um von den letzten Gedanken dieses Weisen noch zu lernen.
Dann kam das Ende. Middleton fühlte seine Hand von der des Sterbenden plötzlich mit unglaublicher Kraft erfaßt; der Greis erhob sich und stand, von Hartherz und dem Hauptmann unterstützt, aufrecht auf seinen Füßen. Hoch erhob er das Haupt, hellauf funkelte sein Auge im Abendsonnenstrahl, und wie er einst in seinen jungen Jahren auf den Ruf der militärischen Führer geantwortet hatte, so entrang sich auch jetzt laut und weit vernehmbar seiner Brust ein letztes, bereitwilliges „Hier!“
Seine Seele war entflohen. Sanft ließen sie den Leib wieder in den Sitz zurücksinken. Der älteste der anwesenden Häuptlinge — der greise Le Balafré war's, der Sioux, den der großmütige Hartherznach jenem Gemetzel am Flusse bei sich aufgenommen hatte — er nahm jetzt das Wort.
„Ein tapferer, ein gerechter und ein weiser Krieger ist nach den glücklichen Jagdgründen seines Volkes gegangen!“ so verkündete er der lauschenden Menge. „Als die Stimme Wakondas ihn rief, da war er bereit mit der Antwort. Geht, meine Kinder, gedenket des gerechten Häuptlings der Bleichgesichter und räumt die Dornen von euren Pfaden!“
Im Schatten einiger mächtigen Eichen gruben sie sein Grab.
Bis auf den heutigen Tag wird dasselbe von den Pawnee-Loups sorgsam gehütet, und oft zeigen sie den Reisenden die Stätte, wo ein guter weißer Mann seinen letzten Schlaf schläft. Der Hauptmann Middleton hatte einen Stein zu Häupten des Grabes aufrichten lassen. Darauf las man Nathaniel Bumppos Namen, sein Alter, einen Spruch aus der Bibel und die Mahnung:
„Möge nie eine frevelnde Hand seine Gebeine stören!“