5. Der Schnaps.

Der Branntwein, despektierlich Schnaps und Fusel, sonst auch Liquör benannt, erfordert nur wenig Worte, da das Mittelalter so glücklich war, ihn noch nicht unter die Volksgetränke zählen zu müssen.

Er taucht erst gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts auf (für den ersten Schnapsfabrikanten hält man den 1355 in Montpellier lebenden Arzt Villeneuve), wo man aber sofort seine Schädlichkeit erkannte und seinen Gebrauch einzuschränken suchte. Bereits 1360 wurde in Frankfurt am Main das Vermischen des Weines mit Branntwein untersagt.[142]Im ältesten Berliner Stadtbuch, nach Sellos Forschungen zwischen 1381 und 1391 begonnen, wird auch der Branntwein erwähnt, dessen Herstellung zeitweilig verboten war, weil er den »Kop« dumm mache. Der Nürnberger Rat verbietet ihn am Sonntag oder Festtag feilzuhalten, sonst aber ihn an der Schankstelle selbst zu trinken; später (1496) gestattet er, daß einer für einen Heller oder einen Pfennig auch im Branntweinschanketrinken darf, doch trat er 1496 dem »Mißbrauch und der Unordnung, der mit Nießung gebrannten Wassers Weins« verbunden war, energisch entgegen. 1522 wird in der Trautenauer Chronik des Simon Hüttel eingetragen von einem Schulmeister und Stadtschreiber: »er trank sich bei dem alten Hans Hoffman zum »nassen künig« im brantenwein zu tode.«[143]

Thomas Murner spricht allen denen, die am Sonntag Branntwein feil halten, das Seelenheil ab.[144]

Doch die, die dazu den BrannteweinNoch an dem Sonntag haben feil,Verderben all ihr Seelenheil;Wenn andre Leut' zur Kirche gehn,So bleiben sie am Bänklein stehnUnd einen neuen Schwatz beginnen.Was bei dem Handel sie gewinnen?Der Pfennig, den er ihnen bringt,Sie in die Hölle niederzwingt.Und wenn die alten schnöden WeibenSolch einen Handel nicht mehr treiben,Sind ihnen noch zwei Ding' bekannt:Sie kuppeln und zaubern in dem Land.Sie müßten alle sein verbrannt![144]

Doch die, die dazu den BrannteweinNoch an dem Sonntag haben feil,Verderben all ihr Seelenheil;Wenn andre Leut' zur Kirche gehn,So bleiben sie am Bänklein stehnUnd einen neuen Schwatz beginnen.Was bei dem Handel sie gewinnen?Der Pfennig, den er ihnen bringt,Sie in die Hölle niederzwingt.Und wenn die alten schnöden WeibenSolch einen Handel nicht mehr treiben,Sind ihnen noch zwei Ding' bekannt:Sie kuppeln und zaubern in dem Land.Sie müßten alle sein verbrannt![144]

Wie die Süß- und Kräuterweine, so entstammte bis zum sechzehnten Jahrhundert der Branntwein der lateinischen Küche. Er wurde mehr als Essenz und Arznei, denn als Genußmittel betrachtet und nur von den Apothekern und zwar aus reinem Wein, vielleicht auch aus Weintrebern gebrannt. Durch den Apothekervertrieb wurde er aber im Preisederart in die Höhe geschraubt, daß er nur stellenweise allgemeine Verbreitung fand, wenn auch Andreas Muskulus in seinem Spielteufel[145]von Branntweintrinkern spricht, ebenso wie Sebastian Münster in seiner »Cosmographie« sagt: »Dieser schandliche Brauch ist jetzt auch in das ganze Teutschland kommen, daß man jetzund die starken Wein also unmäßig trinkt, gleich wiegesotten Wasser, daraus viel Nebels entspringt.«[146]Immerhin grassierte das Schnapstrinken in vielen Gegenden derart, daß Gesetze dem neuen Laster Einhalt zu tun suchten, so in Nürnberg, Altorf, Grünberg i. S., Frankfurt a. O., Zittau und anderwärts. In Grünberg sollte, wie vordem in Nürnberg das Schnapstrinken während der Kirchenzeit eingestellt werden, ebenso in Meißen. »Aber wer tut?« fragte der Meißener Superintendent Strizenicus. »Ist ein solch Gesäufe, daß es eine Sünd und Schande ist. Wenn schon eine Obrigkeit es nicht leiden will, so ziehen sie über das Wasser, über die Brücke in ein ander Gericht; da siehet man durch die Finger und läßt allerlei Unfug unter der Predigt stiften und anrichten.« Zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts wiesen Zwickau 34, Zittau 40, Frankfurt a. Oder gar 80 Brennereien auf. In Berlin durfte noch 1574 der Schnaps nur in Apotheken feil gehalten werden, doch bestehen zwanzig Jahre später schon mehrereBrennereien, die dem Rate Abgaben entrichteten.

Zum Steuerobjekt wurde der »Spiritus vini« zum erstenmal 1543 in Altbayern erkoren.

Seine Grundstoffe waren, wie aus den Straßburger Zunft- und Polizeiordnungen hervorgeht, Früchte, »Biertrusen« also Biertreber, doch dürfte man außer aus Weintrusen, wie es der Straßburger Rat in Mandaten in den Jahren 1603, 1627, 1630, 1642, 1647 und 1666 befahl, vielleicht auch aus reinem Wein dieses Gift hergestellt haben. Wenigstens geht dies aus Savonarolas in Hagenau 1532 erschienenem Buche »de arte conficiendi aquam vitae« hervor. Wer aber aus den niederen Volksschichten zum Feuerwasser griff, begnügte sich natürlich mit geringerer Sorte, so die Bergleute Joachimsthals in Böhmen, denen der Luther-Biograph Mathesius (geb. 1508) in seiner Kirchen-, Schul- und Spitalrechnung vorwirft: morgens zum Branntwein, mittags zum Bier, abends zum Wein, wodurch das Dreigespann, der pöpelhafte Schnaps, nobler Liquör, Cognac, Absinth, das gut bürgerliche Bier und der vornehme Wein in holder Eintracht vor vierhundertzweiundfünfzig Jahren genau so vereint erscheint, wie er es noch heute bei dem trinkfesten Deutschen ist.


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