Wir westlichen Menschen, ihr Christen, haben öfters wohl als billig dies gotamidische Leiden am Leibe für das Merkmal genommen einer übermüdeten Gesellschaft und ihrer übermüdeten Gesittung. Pochend auf die eigene und vermeintliche Jugendlichkeit haben wir oftmals zu uns selber gesprochen: Greisenhaft ist dieses gotamidische Leiden an der Leiblichkeit; welk, absterbend und untergangsüchtig ist das gotamidische Leiden am Leibe. Und noch der Prophet unseres eigenen Untergangs, — ein falscher Prophet übrigenssogar dort, wo er recht hat! — hält es für angemessen, jede Vergleichung etwa unseres westlichen Heilands mit dem Heiland des Ostens als ‚unwissenschaftlich‘ zu verbieten, weil beide Heilande in der Reihe der geschichtlichen Lebensalter an verschiedenen Stellen der Zeit stünden: der eine am Eingang, der andere am Ausgang hingegen einer geschichtlichen Periodos. Und dieses der geschichtlichen Wahrheit zum Trotz, daß just der Auftritt Gotamos für Indien gewissermaßen das Zeichen war, im nächstfolgenden Jahrtausend die große Architektur, die große Skulptur, das große Drama, das große Imperium zu schaffen in allerengster Berührung mit dem Geist des Asketen aus Magadhâ... Davon jedoch abgesehen, wage ich darüber hinaus die entschiedene Behauptung, daß eben jenes Leiden am Schicksal der Leiblichkeit das untrügliche Kennzeichen einer menschheitlichen Jugend, und nicht eines menschheitlichen Greisentums sei. Nur eine verhältnismäßig noch jugendliche Menschheit nämlich ist eindrucksfähig genug, um vor der Tatsache Alter, Krankheit, Tod so jäh erschreckt zu werden wie Gotamo von ihr erschreckt ward. Nur eine noch jugendliche Menschheit erliegt den Eindrücken des Lebens in diesem Maß und ersiegt sich ein zweites Leben über diese Eindrücke hinaus. Wer wirklich alt ist, dem hat das Alter jedwede Schrecknis längst verloren. Wer wirklich krank ist, den ängstigt hinfort keine Möglichkeit, krank zu werden. Und wer vollends schon sterbend ist, wie sollte er sich noch des Todes fürchten? Die Legende von der AusfahrtVipassîs erzählt von einem Jüngling, der ausfuhr, und es scheint, daß hiermit in mehr wie einem Sinn die Legende die Wahrheit berichtet habe, denn jedenfalls war der Buddho selbst von der Unbeeindruckbarkeit des Greisenalters so stark durchdrungen, daß er von jedem Belehrungversuch, Überredungversuch, Bekehrungversuch an Alten durchaus abriet und seinen Jüngern wiederholt einschärfte, sich bei ihrem Heilswerk an die Jugend zu halten: ganz einhellig übrigens mit dem griechischen Sprichwort, wonach einen Greis belehren wollen nichts anderes heißt als einem Toten eine Arzenei einflößen. Es ist dies eine Erwägung von großer Schlichtheit, aber eben darum jedem sich nahelegend, der ein Urteil über der Völker Jugend oder Alter zuverlässig abzugeben sich getraut...
Wir westlichen Menschen, ihr Christen, haben öfters wohl als billig dies gotamidische Leiden am Leibe für das Merkmal genommen einer übermüdeten Gesellschaft und ihrer übermüdeten Gesittung. Pochend auf die eigene und vermeintliche Jugendlichkeit haben wir oftmals zu uns selber gesprochen: Greisenhaft ist dieses gotamidische Leiden an der Leiblichkeit; welk, absterbend und untergangsüchtig ist das gotamidische Leiden am Leibe. Und noch der Prophet unseres eigenen Untergangs, — ein falscher Prophet übrigenssogar dort, wo er recht hat! — hält es für angemessen, jede Vergleichung etwa unseres westlichen Heilands mit dem Heiland des Ostens als ‚unwissenschaftlich‘ zu verbieten, weil beide Heilande in der Reihe der geschichtlichen Lebensalter an verschiedenen Stellen der Zeit stünden: der eine am Eingang, der andere am Ausgang hingegen einer geschichtlichen Periodos. Und dieses der geschichtlichen Wahrheit zum Trotz, daß just der Auftritt Gotamos für Indien gewissermaßen das Zeichen war, im nächstfolgenden Jahrtausend die große Architektur, die große Skulptur, das große Drama, das große Imperium zu schaffen in allerengster Berührung mit dem Geist des Asketen aus Magadhâ... Davon jedoch abgesehen, wage ich darüber hinaus die entschiedene Behauptung, daß eben jenes Leiden am Schicksal der Leiblichkeit das untrügliche Kennzeichen einer menschheitlichen Jugend, und nicht eines menschheitlichen Greisentums sei. Nur eine verhältnismäßig noch jugendliche Menschheit nämlich ist eindrucksfähig genug, um vor der Tatsache Alter, Krankheit, Tod so jäh erschreckt zu werden wie Gotamo von ihr erschreckt ward. Nur eine noch jugendliche Menschheit erliegt den Eindrücken des Lebens in diesem Maß und ersiegt sich ein zweites Leben über diese Eindrücke hinaus. Wer wirklich alt ist, dem hat das Alter jedwede Schrecknis längst verloren. Wer wirklich krank ist, den ängstigt hinfort keine Möglichkeit, krank zu werden. Und wer vollends schon sterbend ist, wie sollte er sich noch des Todes fürchten? Die Legende von der AusfahrtVipassîs erzählt von einem Jüngling, der ausfuhr, und es scheint, daß hiermit in mehr wie einem Sinn die Legende die Wahrheit berichtet habe, denn jedenfalls war der Buddho selbst von der Unbeeindruckbarkeit des Greisenalters so stark durchdrungen, daß er von jedem Belehrungversuch, Überredungversuch, Bekehrungversuch an Alten durchaus abriet und seinen Jüngern wiederholt einschärfte, sich bei ihrem Heilswerk an die Jugend zu halten: ganz einhellig übrigens mit dem griechischen Sprichwort, wonach einen Greis belehren wollen nichts anderes heißt als einem Toten eine Arzenei einflößen. Es ist dies eine Erwägung von großer Schlichtheit, aber eben darum jedem sich nahelegend, der ein Urteil über der Völker Jugend oder Alter zuverlässig abzugeben sich getraut...
Beim Buddho persönlich entspringt also das Leiden an der Leiblichkeit einem ungemein heftig erfühlten Bewußtsein der Ewigkeit des Selbstes: wie ungereimt dies auch anzuhören sei nach der weiter oben schon festgestellten stracks gegensinnigen Tatsache, wonach eben der Gedanke des Selbstes, der brahmanisch-vedische Gedanke, von Gotamos Protestantismus und protestantischer Kritik ausdrücklich zersetzt worden ist. Und zwar zersetzt durch das neue religiöse Erlebnis des ‚N’etam mama, das gehört Mir nicht, das bin Ich nicht, das ist nicht mein Selbst‘. Diese Formel bricht gleichsam den Stab über den brahmanisch-vedischen Âtman, wofern eine Erlebnis-Gegebenheit, die Mir gehört, die Ich bin, die mein Selbst ist, nirgends aufgewiesen werden kann. Aber gleichzeitigbricht sie den Stab über den Âtman nur darum, weil alle Erlebnis-Gegebenheiten nur vergänglich, nur wehe, nur wandelbar erscheinen. Dieses Vergängliche, dieses Wehe, dieses Wandelbare gehört Mir nicht, — aber wer ist so schwerfällig und schwerhörig, daß er in dieser Verneinung die heimliche Bejahung völlig überhört, die da lautet: das Unvergängliche, das Leidbefreite, das Unwandelbare gehört Mir; das Unvergängliche, das Leidbefreite, das Unwandelbare bin Ich; das Unvergängliche, das Leidbefreite, das Unwandelbare ist mein Selbst!... Was irgendwie Dauer hat und Beharrung zeigt und nicht Wehe ist, das gehört Mir, selbst wenn es im Umkreis der Wahrnehmbarkeiten nirgends auszumitteln ist. Sehr wahrscheinlich, ja so gut wie sicher gibt es gar nichts Vorhandenes und Wirkliches und Daseiendes im Sinn dieser Wunschforderung, folglich gibt es auch nichts Vorhandenes und Wirkliches und Daseiendes, das Mir gehörte oder das Ich wäre. Aber was beweist diese Tatsache gegen die Wunschforderung als solche? Gotamo heischt Dauer, und weil er Dauer nirgends verwirklicht findet, leidet er an der Wirklichkeit. Mit einer ungeheuern Strenge und Unbeugsamkeit zerstört er den Sinnenschein der Dauer überall, wo sie nichts anderes für sich anzuführen hat als eben bloß den — Sinnenschein. Aber die Dauer an und für sich, sie bleibt nichtsdestoweniger das unantastbare Ziel seines gesamten religiösen Verhaltens, — das umso ausschließlichere Ziel, destoweniger es durch Erfahrungen bekräftigt wird. Die Dauer ist ihm der große undgrundsätzliche Wert, der ‚Wert ersten Ranges‘, wie einhellig mit ihm Macchiavelli und Nietzsche sagt. Die Dauer ist ihm der Wert der Werte oder der Wert schlechthin, schon weil sie allem Lauf der Dinge so unbedingt zuwiderläuft, ja weil sie der Zeit und ihrem Werdestrom selbst zuwiderläuft. Die Dauer, wenn überhaupt Dauer ist, ist im tiefsten Sinn zu erkämpfen, zu erstreiten, zu ersiegen im Widerstreit mit der gesamten Welt- und Lebensordnung, und schon darum ist sie wie kein zweiter Wert weltüberwindend, wirklichkeitüberflügelnd. In einem mehr wie nur homerischen Wortverstand ist die Dauer ‚wider das Geschick‘, — sie ist nämlich wider das Urgesetz der Schöpfung selber, welches der unübertreffliche metaphysische Spürsinn Indiens in der herrlichen Sâvitrî-Episode des Mahâbhâratam mythologisch in die Tatsache des Todes selber zu verflechten wußte: ich beziehe mich auf das berühmte Zwiegespräch jener indischen Alkestis Sâvitrî mit dem Todesgott Yama, wo sie mit einer unfehlbaren Einsicht in den wahren Sachverhalt den Tod als das Urgesetz und das Urgesetz als den Tod preist. Dharma wird hier als höchstes Gut, als höchster Wert verehrt, aber Dharma ist Yama, und weil dem so ist, trachtet der Buddho am ersten nach der Dauer als der Welt- und Todesordnung Jenseit: „Wie wenn ich nun mit weitem, tiefem Gemüte verweilte und hätte die Welt überwunden, über ihr stehend im Geiste?“... Über ihr stehend im Geiste, das aber hieße über ihr stehend in der Dauer, und von dieser Wunschforderung der Menschenseele lässetauch dann Gotamo nicht ab, wenn sie von keiner Gegebenheit der Sinne oder des Sinns befriedigt, gestillt, erfüllt wird. Die Dauer ist dasPlus Ultra, welches die Menschenseele über jede Wirklichkeit hinauswirft wie einen Ball, der dem Begriff der gleichförmigen Bewegung zufolge in die Unendlichkeit rollt und rollt. Dauer ist Seltenheitwert, Dauer ist Ausnahmewert, Dauer ist Unmöglichkeitwert, das ist Gotamos Meinung, um derentwillen er darnach trachtet und trachten muß, diesen verweslichen Leib in einen unverweslichen umzugestalten. Wer aber hier allzu flink bei der Hand ist, von Völker-Jugend oder von Völker-Greisentum zu reden, der greife zunächst einmal in sein eigen Herz und dann ins Herz aller Vergangenheiten, aller Vergänglichkeiten, ob nicht gerade dies Wunschverlangen nach Dauer, nach Ewigkeit, nach Stätigkeit der ewige Apathanatismos sei, auf welchen jede Menschheit von einigem Menschheitwert in allen ihren Wert- und Werkverwirklichungen bewußt oder unbewußt hingezielt habe, jegliche Menschheit in summa von der Gestalt jenes babylonischen Gilgamesch am würdigsten versinnbildlicht, der da einst auszog, glücklicher Finder und vielleicht Erfinder seiner Unsterblichkeit zu werden... Gotamos Urerleben heißt also Leiden; sein Leiden aber heißt Alter, Krankheit, Tod: das Schicksal der Leiblichkeit schlechthin. Das Schicksal der Leiblichkeit indes, das ist das Gesetz der Gattung, und so ist Gotamos Leiden an der Leiblichkeit das Leiden der Gattung, welches er sozusagen als Stellvertreter der Gattungmit besonderer Heftigkeit und Gewalt an sich erfährt: das ward mit ziemlichem Nachdruck oben schon verkündet. Das Leiden aller, von einem Einzelnen und Einzigen mit ausnahmweiser Wucht als die Bestimmung aller erfühlt, ist mithin zwar einenteils das Leiden der Gattung selber, welches jedes Glied der Gattung kosten muß, — ist andernteils aber auch das Leiden an der Gattung, als welche den drei Kernübeln des Alterns, Siechens, Sterbens ohne Rettung verfallen ist. Gotamo leidet wie kein zweiter die Not des Menschen. Aber eben darum leidet er auch wie kein zweiter am Menschen selber, der hoffnunglos dieser Not verhaftet ist. Nur leidet er am Menschen nicht, wie Jesus oder Zarathustra am Menschen gelitten haben, — bis zum Überdruß, bis zum Ekel, bis zur Verzweiflung gelitten haben an des Menschen Trägheit, Feigheit, Grausamkeit, Käuflichkeit, Treulosigkeit, Seelenlosigkeit... Diese herkömmlichen Menschenschändlichkeiten scheinen den Buddho sogar weniger berührt zu haben als sonst die Mehrzahl der geschichtlichen Heiligen und Helden, denn etwa mit Ausnahme jener sanften Traurigkeit über das Stillschweigen Ânandos kurz vor der Erlöschung stoßen wir kaum auf Spuren, geschweige denn auf Narben jenes Leidens, welches die tödlichste Heimsuchung des höheren Menschen zu sein pflegt. Gewiß! Dieser Großgeistige wird in der Kenntnis der Menschen, wie sie sind, so wenig übertroffen als in der Kenntnis des Menschen, wie er ist. Aber nirgends schmerzt ihn das Menschliche, weil es etwa böse oder schlecht oder weil es gar teuflisch wäre; nirgends leidet er
„Daran, daß der Mensch unmenschlichIst und bleibt und nur der GottSich als Mensch kann offenbaren,Aber keinem von den Menschen...“
„Daran, daß der Mensch unmenschlichIst und bleibt und nur der GottSich als Mensch kann offenbaren,Aber keinem von den Menschen...“
„Daran, daß der Mensch unmenschlichIst und bleibt und nur der GottSich als Mensch kann offenbaren,Aber keinem von den Menschen...“
„Daran, daß der Mensch unmenschlich
Ist und bleibt und nur der Gott
Sich als Mensch kann offenbaren,
Aber keinem von den Menschen...“
Nein, der Erhabene leidet, weil diese Gattung Mensch, in die Werdewelt hineingeflochten, an der Dauerwelt keinen Anteil hat. Des Buddho Schmerz an der Gattung ist im Kosmos gegründet und in dessen Nomos, dessen Dharma. Es wäre nur die Hälfte wohl der Wahrheit, zu sagen, daß Gotamo an der Gattung allein gelitten habe: aber wofern er wirklich an der Gattung litt, da litt er an ihrem kosmischen und nicht an ihrem ethischen Zustand. Und hier bedarf die bisherige Darlegung allerdings einer Erweiterung und Vervollständigung von höchster Wichtigkeit. Denn um es mit Einem Wort zu sagen: das Leiden der Gattung und an der Gattung umspannt zwar das eigentliche Urerleben Gotamos, wie es die Legende von Vipassîs Ausfahrt ein für allemal versinnbildlicht, — aber dieses Urerleben füllt unter keinen Umständen den vollen Kreis des Leidens selber aus, wie es im Kosmos durchaus verwurzelt erscheint, um dann im Ethos freilich seine bittere Frucht zu tragen. Vergänglichkeit, Hinfälligkeit, Wesenlosigkeit sind also wohl die Leiden des Geschöpfes, durch die es seine Gebundenheit an die Schöpfung, seine Bedingtheit in der Schöpfung unzweideutig zu erkennen gibt. Wohl erleidet jeder Einzelne zu seinem Teil das Urverhängnis der ganzen Art, ja der ganzen Wandel- und Werdewelt, und ein Einzelner vollends von der Würdedes Buddho erleidet weit über seinen persönlichen Anteil hinaus kraft seiner Eigenschaft als ‚Engel‘ das Urerleben aller, als ob er selber in eigener Gestalt ‚alle‘ wäre! Aber daneben, man wolle es bemerken, sind jedem Einzelnen die ganz besonderen Leiden seiner Einzelnheit und Einmaligkeit einmalig auferlegt. Sie sind ihm auferlegt, und auch dies wolle man bemerken, nach altindischem Dafürhalten als die unabwendbare Wirkung und Folge aller Taten, die einer getan oder unterlassen hat zu Zeiten früherer Verkörperlichungen. Gotamo hätte kein rechter Inder sein müssen und noch weniger jener Herzenskündiger, der da „der anderen Wesen, der anderen Personen Herz im Herzen schaut und erkennt: das begehrliche Herz als begehrlich und das begehrlose Herz als begehrlos, das gehässige Herz als gehässig und das haßlose Herz als haßlos, das irrende Herz als irrend und das irrlose Herz als irrlos, das gesammelte Herz als gesammelt und das zerstreute Herz als zerstreut, das hochstrebende Herz als hochstrebend und das niedrig gesinnte Herz als niedrig gesinnt, das edle Herz als edel und das gemeine Herz als gemein, das beruhigte Herz als beruhigt und das ruhelose Herz als ruhelos, das erlöste Herz als erlöst und das gefesselte Herz als gefesselt“; — Gotamo, sage ich, hätte nicht jener unvergleichliche Herzenskündiger sein müssen, begabt mit dem ‚χάρισμα διακρίσεως πνευμάτων‘, wenn er an diesem Leiden von höchster persönlicher Bedeutsamkeit gleichmütig vorbeigegangen wäre. Möchte Gotamo der Erlebende immerhin an sichselber das Leiden als ein kosmisches Vorkommnis, als ein kosmisches Gesetz kosmisch erlebt und als eben solches kosmisch überwunden haben: unmöglich, ganz unmöglich konnte er sich gegen jenes anders geartete Leiden abstumpfen und verblenden, welches jeder Einzelne in einem wahrhaft abgründlichen Sinn und Hintersinn über sich selber verhängt. Über sich selber verhängt in seiner unumgänglichen Eigenschaft, in jeder zeitlichen Verkörperlichung als Täter seiner Taten, als Erbe seiner Werke das erleiden zu müssen, was er in früherer Verkörperlichung getätigt hatte. Um es mit Einem Wort auszusprechen, so hat ja auch dieser Gotamo die Lehre vom Karman angetreten, und das will heißen, die Lehre vom Leiden in seiner persönlichsten, verantwortlichsten, einmaligsten Form, dessen Maß, Beschaffenheit und Art bei jedem Einzelnen aufs genaueste vorherbestimmt erscheint durch Maß, Beschaffenheit und Art seiner vormaligen Taten. Hier hatte seinen härtesten Sieg zu erstreiten, wer des Leidens Sieger zu sein trachtete. Dieses Leiden hieß Schuld und Buße, Vergeltung und Sühne, Gericht und Strafe; dieses Leiden hieß Werk und Tat, Wirkung und Verursachung, Selbsturheberschaft und Selbstbestimmung. Wie nun ist dieses Leiden, welches aufs innigste mit dem Grundgesetz des Lebens, und diesmal zwar mit dem sittlichen Grundgesetz des Lebens zusammenhängt, wie ist es abzustellen oder zu verwinden, ohne dabei das sittliche Grundgesetz des Lebens zu gefährden? Die kosmische Ordnung der Welt konnte gewissermaßen außer Kraft gesetzt werdendurch die Umgestaltung vergänglicher Leiblichkeiten in die Dauer: gut! Wie aber kann die ethische Ordnung der Welt durchbrochen werden, ohne daß das Ethos selber aufgehoben erscheint?
Vergegenwärtigen wir uns inzwischen, ihr Christen, diese so seltsam fremde und dennoch seltsam anheimelnde Lehre vom Karman, das ist die Lehre vom ‚Werk‘, etwas mehr von der Nähe, und suchen wir völlig zu begreifen, in welchem Grade eben die Absicht Gotamos auf Leidensabstellung, Leidensauflösung, Leidensverwindung notgedrungen durch diese Lehre aufs äußerste verschwierigt werden mußte. Gemäß dem kosmischen Grundgesetz des Leidens von vorhin ist jedes Einzelwesen ohne Dauer und somit dem Leiden an der Dauerlosigkeit verfallen. Besteht jedoch ein Verfahren, welches Dauer irgendwie zu ermöglichen, ja zu verwirklichen verspricht, dann ist dieses Leiden an der Dauerlosigkeit getilgt und in kosmischem Betracht ein Zustand der Leidlosigkeit erreicht und errungen. Gemäß dem ethischen Grundgesetz des Leidens ist aber daneben und außerdem jedes Einzelwesen in jedem einzelnen Fall durchgängig das, was zu sein es sich in früherer Verlebendigung höchsteigentätig und höchsteigenwillig selbst erschuf. Ein gewisses Etwas nämlich reicht von der früheren Verlebendigung und ihren Werken, ihren Taten bis zur jetzigen Verlebendigung herüber: und dieses Etwas bestimmt das Sein der jetzigen Verlebendigung in jedem Zug, in jeder Falte. Was diesen sogenannten Leib betrifft, so steht ja unumstößlich fest, daß ernicht dauert und seine Lebenszeit nicht übersteigt. Und was die sogenannte Seele betrifft, so steht es zwar nicht unumstößlich fest, ob sie dauert oder ob sie nicht dauert, weil der Streit der Schulen ja darüber noch nicht entschieden ist und auf irdische Sicht hin schwerlich so bald entschieden werden wird; — immerhin dauert aber wenigstens nach altindischer Auffassung auch diese Seele eigentlich nicht oder fast nicht. Denn wo die Seele der alljährlich darzubringenden Totenopfer, Totenspenden der Söhne und Sohnessöhne entbehren muß, da entartet sie, da verelendet sie, da schrumpft sie gleichsam ein zu einem bloßen Wander- und Irrgespenst (piçâca), dessen wunderlicher Zwischenstand zwischen Sein und Nichtsein jede Wiederverleiblichung ausschließt, die sozusagen an der Reihe wäre, und derart die Seele um die ihr eigentümliche Auswirkungmöglichkeit, Auswirkungnotwendigkeit verhängnisvoll bringt. Was hingegen der dauerlose Leib und die grundsätzlich kaum dauernde Seele in der Zeit ihrer irdischen Gemeinschaft in gemeinsamer Urheberschaft wollen und vollbringen: das dauert, das beharrt, das stirbt nicht, das überlebt und übersteht. In der Brihadâranyaka-Upanischad, die allerdings nach der Annahme ihres deutschen Übersetzers schon den buddhistischen Einfluß widerspiegelt, legt der Frager Ârtabhâga dem alleswissenden Brâhmanen Yâjñavalkya die Frage vor: „‚Wenn nach dem Tode dieses Menschen seine Rede in das Feuer eingeht, sein Odem in den Wind, sein Ohr in die Pole, sein Leib in die Erde, sein Âtmanin den Akâra (Weltraum), seine Leibhaare in die Kräuter, seine Haupthaare in die Bäume, sein Blut und Samen in das Wasser, — wo bleibt dann der Mensch?‘ Da sprach Yâjñavalkya: ‚Faß mich, Ârtabhâga, mein Teurer, an der Hand; darüber müssen wir beide uns allein verständigen, nicht hier in der Versammlung.‘ — Da gingen die beiden hinaus und beredeten sich; und was sie sprachen, das war Werk, und was sie priesen, das war Werk. Fürwahr! Gut wird einer durch gutes Werk, böse durch böses...“ Das Werk des Menschen also, sein Werk, will heißen seine Tat und seine Handlung, sie reicht über das Dasein der einzelnen Verkörperlichungstufe unendlich hinaus, nicht anders ungefähr, wie nach der Ansicht der dynamischen Naturphilosophie des Westens die Wirkung einer Krafteinheit unendlich hinausreicht über den raumlosen Punkt, in welchem sie ihren Sitz und damit ihr eigentliches Dasein hat. Mit dem nicht unerheblichen Unterschied freilich, daß diese Wirkung in die Unendlichkeit bei der natürlichen Krafteinheit nach allen Lagen und Richtungen des Raumes sich zerstreut und in der Zerstreuung sich verliert, indes die unendliche Wirkung beim Karman auf geheimnisvolle und nicht zu enträtselnde Weise gesammelt und aufgestaut wird, bis sie sich in einer neuen Persönlichkeit gleichsam wiederverstofflicht und wiederverlebendigt hat. Diese neue Persönlichkeit ist dann, wie sich von selbst versteht, mit Leib und Seele die Erschaffenheit der Wirkungweisen, die von der vorigen Persönlichkeit als Taten oder Werke ins All hinausgestrahlt, hinausgestreut, hinausgeschleudert wurden. Wie die auseinanderlaufenden Strahlen einer Linse wohl vom Brennpunkt einer zweiten Linse wieder aufgefangen und vereinigt werden können, so werden die Werk-Ausgießungen eines beliebigen Wesens von einem zweiten Wesen wiederum aufgefangen und vereinigt, — abermals mit dem Unterschied freilich, daß es nach der Lehre vom Karman die Werk-Ausgießungen selber sind, die sich zu der neuen Verstofflichung zusammenfinden und verfestigen. Das Werk wirkt also in seiner Eigenschaft, Sämling oder Keimling oder Schwängerling zu sein, in alle Zukunft fort und fort im All: es pflanzt sich selbst als Schößling des Wirkenden in irgend eine unbekannte Äther-Erde ein. Urzeugend bildet hier das Werk das ihm im innersten entsprechende Wesen hervor; ungeschlechtlich, übergeschlechtlich setzt sich das Wesen fort im Werk. Werk aber und Wesen, Wesen und Werk schließen sich als die Glieder der ewigen Kette ‚Zeit‘ in stätigem Wechsel stätig zusammen...
Dem sei im übrigen, wie ihm sei. Auf jeden Fall macht Indien durch diese Lehre, die ihren Grundzügen nach vielleicht doch schon vorgotamidisch gewesen ist, bitteren Ernst mit dem Gedanken des ‚esse sequitur operari, Sein erfolgt aus Wirken‘, — mit einem Gedanken folglich, der zwar auch unserem alten Europa nicht fremd geblieben ist, aber mit welchem dieses nur hin und wieder etwas zu liebäugeln gewagt hat: im ganzen und großen immer wieder von dem thomistischen ‚operari sequitur esse, Wirken erfolgt ausSein‘ in den Bann gezogen. Gerade weil der Aquinat mit diesem Grundsatz ohne weiteres recht hat und den Nagel auf den Kopf trifft, gerade darum muß auch die Umkehrung im Recht sein und den Nagel auf den Kopf treffen. Wirken erfolgt aus Sein, das lehrt die platteste Erfahrung stündlich. Aber nicht minder, wenn auch sicherlich mit minderer Sinnfälligkeit, erfolgt Sein aus Wirken: aus dieser meiner Tat wächst das ihr gemäße Sein wie umgekehrt die Tat aus ihr gemäßem Sein erwachsen ist. Die heutige Tat von mir erschafft mich selber als morgige Person; meine Tat von heute, mir heute noch selber fremd, unheimlich, unzugehörig und gleichsam in einem dunkeln Ungefähr von einem namenlosen Es getätigt, — sie schafft sich zuverlässig morgen ihren Täter, in mir selber zu mir selber sprechend: das bist du... Das Werk der Tat, noch heute von mir selbst als meines Selbstes blindes Jenseit geleugnet und nur wie ein Erdblitz aus irgendeiner Falte, irgendeinem Spalt meiner Selbstheit tödlich zuckend, — dies Werk meiner Tat wirbt bald um seinen Täter unablässig, bis sich mein Selbst als Täter morgen ihm vermählt. Wenn aber ein tragischer Dichter Europas sich zu dem immerhin bemerkenswerten Ausspruch hat bestimmen lassen, daß böse Tat fortzeugend stets Böses müsse gebären, so würde ein indischer Denker dies vielleicht sinngemäß dahin abzuändern wünschen: daß böse Tat fortzeugend stets Böse müsse gebären, wie gute Tat eben so fortzeugend Gute. Denn die Tat tätigt nicht allein die Tat, sondern tätigt je und je den Täter,wie dies der nicht ganz echte, aber doch um Echtheit eifrig bemühte Gotamide Schopenhauer wenigstens dem Willen an und für sich (ob auch leider nicht der Tat an und für sich) buchstäblich zuerkannte: du bist, wer du willst,esse sequitur velle, aber du tust, wer du bist,operari sequitur esse. Für den Inder jedoch ist es nicht der Wille, nicht eine geistig-seelische Wesenheit, nicht ein geistig-sinnlicher Eigenschaftträger, der das Dasein und Sosein der Person bestimmt, sondern die Tathandlung als solche, wie sie sich schlechterdings überhalb und außerhalb jeder physisch-metaphysischen Trägerschaft oder Täterschaft auswirkt. Es ist das Werk, das sich das Wesen baut, und zwar jegliches Werk das ihm gemäße Wesen. Es ist das Werk, das gleichsam erst in seinem ihm gemäßen Wesen ausruht, ungefähr wie eines jener emsig quabbelnden Einzellentierchen des Männersamens erst im Kern des weiblichen Eies ausruht. Das Werk rastet nicht und beharrt in dauernder Bewegung, bis es das Wesen, so ihm zugehört, mit aller Sorgfalt ausgeformt und ausgebosselt hat. Das Werk währt ewig und ewig wirkt es sich Strafe, Sühne, Vergeltung im erschaffenen Wesen, je nach seinem eigenen Wert; und ewig wirkt es sich Lohn, Förderung, Verdienst im erschaffenen Wesen, je nach seinem eigenen Wert. Und fast schon könnte ein weiterdenkender Abendländer sagen: der Wert währt ewig und ewig erwirkt er sich Strafe, Sühne, Vergeltung im erschaffenen Wesen, ewig Lohn, Förderung, Verdienst im erschaffenen Wesen... Hier aber, wie sonstwo nirgends, sage ich,tötet der Buchstabe und macht der Geist lebendig. Der Buchstabe der Lehre vom Karman tötet vielleicht wie kein zweiter Buchstabe den Geist selber, — den Geist selber aber hat Gotamo ein für allemal selber ehern in das Wort gehämmert: „Eigner der Werke sind die Wesen, Erben der Werke, Kinder der Werke, Geschöpfe der Werke, Knechte der Werke“. Das ist gotamidisch gefaßt das ethische, nicht mehr kosmische Grundgesetz und Urgesetz der Welt, das ist das Ethos selber als Grundgesetz und Urgesetz der Welt. Werk wirkt Wesen, Tat tätigt Täter: das ist in drei Worten aufgefangen, aufgegangen die Lehre vom Karman, wie sie Gotamo vielleicht angetreten und anerkannt, sicherlich aber vertieft und gegründet, abgerundet und zum Glaubenssatz erhoben hat...
Werk wirkt Wesen, Tat tätigt Täter, also lautet die erste und unverlierbare Überzeugung. Aber schon schließt diese eine zweite ein, die hier nur mehr besonders erwähnt, nicht mehr besonders abgeleitet und entwickelt zu werden braucht: Werk nämlich wirkt Leiden, und Tat tätigt Leiden! Denn Wesen und Täter als Erschaffenheit von Werk und Tat, das sind eben Leidende und Erleidende von Werk und Tat; — Zug um Zug, Falte um Falte ihres Daseins, wie ich schon sagte, bedingt und bestimmt durch Karman, verhalten Täter und Wesen in bezug auf Tat und Werk sich leidend. Sie verhalten sich leidend, ihr Christen, in der allgemeineren Sprachbedeutung dieses Wortes, ohne Beziehung zunächst auf die Unlust des Gefühls, die wir in engerer Wortbedeutung Leidennennen. Leidende sind vielmehr Wesen und Täter, wofern ihr Sein der Tat verdankt wird, durch Tat ihnen angetan wird, ohne daß sie selbst an dieser Tat beteiligt sind, — Leidende mithin im Wortsinn des Getätigt-Seins und Angetan-Werdens, des Bedingt-Seins und Bestimmt-Werdens von einem Etwas, welches sie nicht selber sind. Als Eigner der Werke, ja Knechte der Werke, sind die Wesen recht eigentlich die Leidner und Erleidner der Werke. Ihre innerste Kernschaffenheit, Kernrüstigkeit ward ihnen vom Karman angetan, wie etwa nach der Auffassung Kants die Eindrücke der Sinnlichkeit uns angetan werden vom Ding an sich. In manchem Betracht selber Eindrücke, Fährten, Spuren, die das Karman in dem bildsamen Grundstoff das All hinterläßt, bleibt den Wesen und Tätern keine Wahl, als nach dem Gesetz sich auszuleben, das sie von Karmans Gnaden angetreten, und auf solche Weise unerbittlich streng die Wirkung der Werke in sich zu verkörpern. Werk und Wesen, Tat und Täter aber verhält sich darnach nicht allein wie sich ein Tun zu seinem genau entsprechenden Leiden verhält, sondern mehr noch wie sich eine Ursache zu ihrer genau abgestimmten Wirkung verhält. Das Werk ist geradezu Ursache, Bedingung, Bestimmunggrund des Wesens, wie umgekehrt das Wesen geradezu Folge, Wirkung, Erscheinung des Werkes ist. Die Welt als Ganzheit aber stellt sich dem indischen Genius nicht anders dar als die Summe aller dieser Werk-und-Wesen-, aller dieser Tun-und-Leiden-Knüpfungen, deren fest umschriebenes Wechselverhältnis dem All seine Ordnung und sein Gesetz, sein Maß und sein Sinn verbürgt. Wenn wir Europäer und Christen, ihr Christen, dem Geschehen dieser Welt die unzerreißliche Schürzung Ursache-Wirkung als weltsetzende und weltverfassende Unveränderliche aus- und eindeutend unterstellen, so unterstellt der Inder und Buddhist dem nämlichen Geschehen, — schon ist es aber nicht mehr das nämliche Geschehen! — die Schürzung Werk-Wesen, die Schürzung Tun-Leiden. Derart stellt das Karman durchaus dar, was der europäische Biologe bei dem Vergleich tierischer Organe miteinander eine ‚Analogie‘ zu nennen pflegt: das Karman ist die Analogie der Kausalität, deren erkenntnismäßige Leistung es haarscharf vertritt (und wie wir gewahren werden: übertrifft!), obschon es von ihrer erkenntnismäßigen Gestalt und Art unverkennbar abweicht. Das Karman, sag’ ich, sei die indische Analogie der europäischen Kausalität, wenn anders dieser naturwissenschaftliche Begriff auf geistige Verhältnisse übertragen und angewendet werden darf. Gleichsam in ihrer Anatomie verschiedenartig, sind Karman und Kausalität sozusagen in ihrer Physiologie gleichwertig, und wie dem Fisch die Kieme Lunge ist, so ist dem Inder das Karman Ursächlichkeit und ursächliche Schürzung. Das Karman ist die Kausalität, wie sie der Inder auffaßt: das Karman ist die erste und letzte sinnspendende, ordnungstiftende Eindeutung, welche aus wüsten Urmassenwirbeln eine Welt herausklärt. Die Knüpfung des Karman leistet dem indischen Geist das, was dem europäischen dieKnüpfung der Kausalität leistet oder vielleicht auch nicht leistet, aber leisten soll und will. Die Knüpfung des Karman vertritt dem Inder die Knüpfung der Kausalität, nicht anders wie dereinst die Schürzung des Tun-Leidens, ποεῖν-πάσχειν dem Griechen die Schürzung der Kausalität vertreten hat und insonderheit auf der Tafel der zehn Kategorien des Aristoteles auch vertritt, — was denen zur Beruhigung gesagt sei, die sich immer noch den Kopf zerbrechen, wieso ein streng wissenschaftliches Weltbild wie das der Griechen ohne den Urgedanken der Ursächlichkeit habe überhaupt bestehen können. In Wahrheit hat es eben gar nicht ohne diesen Urgedanken bestanden, auch wenn das Wort Ursächlichkeit wirklich zu fehlen scheint. Die Ursächlichkeit der Griechen heißt ποεῖν-πάσχειν, heißt Tun-Leiden, heißt Antun-Angetanwerden: und wenn je in ihrer vielschichtigen geistigen Geschichte schlagen sie hier die Brücke zum großen Osten, wo der unverbrüchliche Knoten ποεῖν-πάσχειν eben — Karman heißt. Noch haftet ja dieser Ursprung sogar unserem heutigen Gedanken der Ursächlichkeit und Verursachung unabstreiflich an. Noch immer ist ja die Ur-Sache zuguterletzt Ur-Tat und Ur-Tun, noch immer ist die Wirkung ein Angetan-Werden und Erleiden-Müssen. Noch hat sich jede europäische Erkenntnislehre auseinanderzusetzen, wenn nicht abzufinden mit der seltsamen Auffassung, daß die sogenannte Empfindung, will heißen der Stoff und Inhalt des Erlebens, auf irgendeine unerforschliche Weise die Angetanheit, die Erlittenheit sei, dieder bewußten Persönlichkeit aus unbekannten und unnennbaren Fernen aufgedrungen wird. Noch lebt in jeder abendländischen Philosophie mehr oder minder stark die Überzeugung, daß der persönliche Träger und Inhaber des Bewußtseins die Welt von außen her erleide und erdulde; noch lebt in jeder abendländischen Philosophie mehr oder minder stark die Auffassung, daß die ‚Sinnlichkeit‘ ein Vermögen des Aufnehmens, Empfangens, Über-sich-ergehen-Lassens sei. Auch jetzt noch ‚erleidet‘ der einzelne Mensch die Wirklichkeit, auch jetzt noch erliegt er der Wirklichkeit. Weltduldend, weltleidend wird selbst dieser europäisch starke und eigenwillige Mensch von der Wirklichkeit und ihrer Zeichenflut überschwemmt und überwallt, also daß sogar uns verhärteten Christenseelen, ihr Christen, der Tat-Bestand Leiden und der Tat-Bestand Leben in der Wurzel fest zusammenwachsen...
Aus unbekannten, unnennbaren Fernen, sagte ich vorhin, strömten dem einzelnen Bewußtsein die Eindrücke zu, die es als sein Erlebnisstoff, Erlebnisinhalt zu erleiden hat. Gilt dies für abendländisches Auffassen ohne Einschränkung, so hebt sich dieses Auffassen freilich just hier am schärfsten vom indischen Auffassen ab, wo es diesem sich am engsten angenähert zu haben scheint. Denn diese namenlosen Fernen, dieses ‚Außerhalb‘ des Bewußtseins, dieses kaum mehr zu verdeutlichende Bereich von Dingen an sich oder von dem Ding an sich, welches auf geheimnisvolle Art das Bewußtsein mit Zeichen, Reizen,Eindrücken, Empfindungen versieht, — dieses Bereich des unergründlichsten Ungefähr verlegt die indische Lehre eben wieder in den Tat-Ort als solchen: in das Karman. Auch der Abendländer, wir sahen es, fühlt sich in seinem Erlebnisumkreis bedingt und bestimmt, beeindruckt und erleidend. Auch ihm werden Empfindungen, Erlebnisstoffe, Bewußtseinsinhalte von verborgenen Herkunftstätten zugeteilt, für welche die wissenschaftliche Topologie keine Ansatzpunkte mit irgendwelcher Zuverlässigkeit auszukunden vermag. Ist dieses bisher durchaus auch indisch, so gestattet sich indes gerade der Inder hier die entscheidende Abweichung von der europäischen Überzeugung, indem er nämlich seinerseit den dort vermißten Ansatzpunkt für die Auswirkungen der Dinge an sich im Karman gefunden zu haben glaubt. Die Kraftquellen der Welt, welche dem Einzelwesen seine Lebensreize spenden, versickern nicht auf dem durchlässigen Grund einer ewig fragwürdigen Dingansichheit, sondern werden ins Karman wie in ihr Sammelbecken unversieglich geleitet. Die Welt, die jedem angetan wird auf seine Weise, sie wird ihm von ihm selber angetan, sie wird ihm von seinem Werk, von seiner Tat, von seinem Willen angetan. Die Welt, die einer in der Jetztzeit seines Daseins erleidet, die hat er sich selber in Gestalt seines Karman in der Zeit erwirkt. Die Zeichen, die einem jeden als Lebensreize zustoßen, die hat sich ein jeder selber zugesendet, auf diese hat sich ein jeder selber abgestimmt. Die Welt erleidend, erleidet jeder zuletzt sich, als Empfängergleichsam mit magnetischen Kräften an sich ziehend, was er als Sender magisch ins All hinausgestrahlt und gefunkt hat. Die Reiz- und Erlebnisumwelt, anscheinend jedem zufallend auf gut oder schlechtes Glück, ist in einem gedanklich nie zu erschöpfenden Sinn die Wahl-Welt, Werk-Welt, Tat-Welt eines jeden; und zwar dort am meisten, wo sie am unwiderstehlichsten beeindruckt und beeinflußt. Solchermaßen nimmt aber bereits die altindische Lehre unsere späte und kaum schon viel verbreitete Errungenschaft biologischer Einsichten geistreich genug vorweg, — ich meine die höchst fruchtbare Erkenntnis, wonach jedes Lebewesen mindestens seiner morphologischen Typik nach der Urheber und Urtäter seiner eigenen und nur ihm zugemessenen, nur ihm angemessenen Umwelt, Reizwelt, Merkwelt ist und folglich wenigstens im biologischen Betracht nur das erleben kann, was es kraft schöpferischer Selbstgestaltung und Selbstentfaltung zuguterletzt erleben will. Der morphologische Typus einer jeglichen Spezies erschafft sich darnach physiologisch und psychologisch seine spezifische Erlebniswirklichkeit, die genau genommen nur für ihn besteht und nur ihm entspricht: die Schnecke die Schneckenwirklichkeit, die Möve die Mövenwirklichkeit, die Ameise die Ameisenwirklichkeit, der Affe die Affenwirklichkeit. Wie sich die Erde eine Lufthülle umlegt, in welcher sie atmen kann, und nun die Umwelt, Reizwelt, Merkwelt ‚Luft‘ erlebt, so umgibt sich selbstschöpferisch jedes Geschöpf mit einer Wirklichkeit, in der es wirken kann und die auf seine Wirksamkeitwiederum aufs wunderbarste zugeschnitten ist... Ein Schritt weiter vom Leben der Art und Gattung zum Leben des Einzelwesens hin, ein Schritt weiter vom Bios und allem, was mit ihm zusammenhängt, zum Ethos hin und allem, was mit ihm zusammenhängt: und Europa ist reif für die gotamidische Lehre, daß auch hinsichtlich des Ethos, und keineswegs allein des Bios, ein jedes Lebendige nur das, was es zu innerst will, erleben und empfangen, empfinden und erleiden, erreizen und ergeizen kann. Was da in dieser Welt Wasser zu erleiden hat, das hat eben als Karman Wasser getan; was da Erde zu erleiden hat, das hat Erde getan; was da Feuer zu erleiden hat, das hat Feuer getan; was da Luft zu erleiden hat, das hat Luft getan; was da Tod zu erleiden hat, das hat Tod getan; was da Hölle zu erleiden hat, das hat Hölle getan; was da Geist zu erleiden hat, das hat Geist getan; was da Säligkeit zu erleiden hat, das hat Säligkeit getan. Wer dieses über den Bios hinaus aus dem Ethos zu verstehen vermag, der hat die Lehre vom Karman endgültig verstanden, soweit das Verstand-Übersteigende verstanden werden kann. Ihm ist in Übereinstimmung mit dem Herrn Gotamo das Leben wohl in seiner Wurzel Leiden: aber das Leiden, ihr Christen, in seiner Wurzel Tat! Aber das Leiden, ihr Christen, in seiner Wurzel Tat!...
Wie etwa an einem Herbstnachmittag aus falb leuchtenden Silbernebelmassen ganz plötzlich eine dunklere Linie sichtbar wird hoch in der Gegend des Raumes, wo wir den Himmel vermuten dürfen; wiesich dieser ungewisse Streifen alsbald zu erkennen gibt als die Rist- und Gipfelrandung ungeheuerer Gebirge; wie schließlich sich die Gletscherbänke und Firnfelder hintereinander gereihter Alpenketten bei zunehmender Klärung vom Himmel her bald leuchtend und bald schattend abwärts tasten und abwärts schieben, um zuletzt auf der Erde selbst gewaltig wuchtend Fuß zu fassen: also zeichnet sich hier erst in wenigen Zacken und Zinken, Schroffen und Stürzen, dann aber immer körperhafter, immer ausgerundeter, immer raumbeherrschender ein ganzes Welt-All ab, zuletzt vom vollen und goldenen Nimbus einer übermenschlichen, übergöttlichen Gerechtigkeit wundersam besonnt. Ein Welt-All zeichnet sich ab, wo alles bereinigt, alles beglichen, alles geschlichtet, alles gewogen, alles gerichtet scheint, — ein Welt-All, untadelig und vollkommen in sich selber und darum keines Gotts bedürftig, der daran bessern oder schlimmern könnte, keines Gotts, der es ergänzen oder vervollständigen müßte in dem, was ihm von Haus aus gebricht. Ein Welt-All ohne schmierigen Geschäfte und Geschäftchen, wo niemand um das Heil seiner Seele feilscht und marktet, handelt und händelt, schwindelt und betrügt. Ein Welt-All, wo kein Mensch seine Götter prellt und noch weniger ein Gott seine Menschen. Ein Welt-All, wo keiner zu seinem Gott betet und bettelt, daß er die Welt-Ordnung doch für einen Augenblick zugunsten des Herrn Müller, Schultze, Schmidt ein wenig außer Kraft setzen möchte und die Welt-Fügung außer Fug. Ein Welt-All, wo keineGötter blinzeln oder zwinkern oder ein Auge zudrücken, wenn der Herr Müller, Schultze, Schmidt vom Pfad der Tugend abweicht und sich im Dickicht nebenan zu schaffen macht. Ein Welt-All, wo kein Priester über zulässige und unzulässige Ausnahmen von der Regel zu befinden sich gedreistet: ein Welt-All, so unverbrüchlich, unverwüstlich, daß nicht einmal der Wüsten-Gott Jahve drein zu sprechen sich getrauen dürfte. Ein Welt-All, wo kein Platz ist für Zufall und Zufälligkeiten, aber kein Platz auch für Zwecke und Zweckmäßigkeiten in der landläufigen Bedeutung. Ein Welt-All, wo sich alles abspielt in durchgängiger Wechsel-Abhängigkeit, Wechsel-Bezogenheit, Wechsel-Folgerichtigkeit, wo aber andererseit auch die Ursächlichkeit noch nicht entartet ist zu jener tief gleichgültigen Sächlichkeit und Sachlichkeit, welche sie zur alleinigen Angelegenheit der Wissenschaften, nicht aber mehr zum Sinn der Religionen stempelt. Ein Welt-All, das sich den Luxus der Gottlosigkeit wirklich leisten kann, weil es nicht wie das unsrige bloße Physis oder bloßer Bios, sondern unter allen Umständen ein Ethos ist: Physis und Bios und Ethos zumal verankert in dem einen und nämlichen Urgesetz des Kosmos... Von diesem Gesetz in jedem Teil und jedem Glied ewig und ehern durchwaltet, schenkt dieses Welt-All der Seele des Menschen, was des Menschen Seele bedürftig ist, bedürftig war und bedürftig sein wird: weshalb die von der Welt getränkte und gespeiste Menschenseele Gottes und der Götter nicht bedarf. So ist der Kosmos des Buddho, das sei unsChristen, ihr Christen, immer wieder eingehämmert, zwar durchaus ein Kosmos Atheos, aber dafür in jedem Zug vollkommenes Ethos, — und das ist vielleicht nicht unbeträchtlich mehr, als man von unserm westlichen Welt-Bild und Welt-Gefüge seit dem griechischen Altertum und seit dem christlichen Mittelalter mit etlichem Recht nachrühmen darf. Aus dem Ethos herauf entstieg jenen Indern, welche die Anschauung vom Karman in sich empfangen hatten, die Anschauung ihres Kosmos: aus dem Tatbestand des Pathos aber, beeile ich mich hinzuzufügen, erwuchs ihnen das Ethos. Derart brauchte sich das Ethos nicht wie jeweils bei uns nach kurzem Antrieb leer zu laufen, sondern griff mächtig in den Kosmos ein. Wenn aber ein Grieche die beinah’ unsägliche Bedeutung dessen, was einem Griechen Ethos hieß, in drei Worte zusammenballte wie in eine geschlossene Faust, indes freilich auch noch die geballte Faust zu schwach war für die Stärke dieser Worte; wenn ein Grieche also vormals sagte: ἦθος ἀνθρώπῳ δαίμων, Sinnesartung ist dem Menschen Schicksal! — nun wohl, dann hat der Buddho auch dieses geflügelte Wort noch überflügelt durch sein gotamidisches: πάθος ἀνθρώπῳ ἦθος, πάθος κόσμῳ ἦθος! Leiden ist dem Menschen Seins- und Sinnesartung, Leiden dem Welt-All Seins- und Sinnesartung! Oder um den entscheidenden Gedanken mit noch größerer Schärfe auszuprägen: das Leiden ist dem Welt-All Sein und Sinn schlechthin! Aus des Leidens Urerleben, das gilt es jetzt mit einem Staunen ohne Ende zu begreifen, aus ihm läutert und keltert sich der Buddho den eigentlichen Sinn des Seins, den eigentlichen Sinn der Wirklichkeit. Der Tatbestand des Leidens als solcher vermittelt dem Buddho die Anschauung einer übermenschlich-übergöttlichen Welt-Gerechtigkeit, Welt-Vernünftigkeit, Welt-Vollkommenheit, Welt-Folgerichtigkeit. Wofern hier jedes Wesen leidet, was jedes Wesen tat, wofern hier jedes Wesen ist, was jedes Wesen tat, erblickt das Auge Gotamos, das ‚himmlische und geklärte‘, diese Welt in makelloser, untadeliger Sinngetreuheit und Sinndurchwirktheit, — erblickt es sie mit jener zärtlichen Ergriffenheit vor allem Lebendigen, die dem Buddho allein in dieser Reinheit und Kraft eigen gewesen ist. „Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn da zwei Häuser wären, mit Türen, und es betrachtete ein scharfsehender Mann, in der Mitte stehend, die Menschen, wie sie das Haus betreten und verlassen, kommen und gehen: ebenso nun auch, ihr Mönche, seh’ ich mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Grenzen hinausreichenden, die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, erkenne wie die Wesen je nach den Taten wiederkehren. Diese lieben Wesen sind freilich in Taten dem Guten zugetan, in Worten dem Guten zugetan, in Gedanken dem Guten zugetan, tadeln nicht Heiliges, achten Rechtes, tun Rechtes; bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, kehren sie auf gute Fährte, in himmlische Welt wieder. Undauch diese lieben Wesen sind in Taten dem Guten zugetan, in Worten dem Guten zugetan, in Gedanken dem Guten zugetan, tadeln nicht Heiliges, achten Rechtes, tun Rechtes; bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, kehren sie unter die Menschen wieder. Jene lieben Wesen sind aber in Taten dem Schlechten zugetan, in Worten dem Schlechten zugetan, in Gedanken dem Schlechten zugetan, tadeln Heiliges, achten Verkehrtes, tun Verkehrtes; bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, kehren sie in das Gespensterreich wieder. Und auch jene lieben Wesen sind in Taten dem Schlechten zugetan, in Worten dem Schlechten zugetan, in Gedanken dem Schlechten zugetan, tadeln Heiliges, achten Verkehrtes, tun Verkehrtes; bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, kehren sie in die Tierheit wieder. Und auch jene lieben Wesen sind in Taten dem Schlechten zugetan, in Worten dem Schlechten zugetan, in Gedanken dem Schlechten zugetan, tadeln Heiliges, achten Verkehrtes, tun Verkehrtes; bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, kehren sie abwärts, auf schlechte Fährte, zur Tiefe hinab, in höllische Welt wieder“...
Haben wir dieses, ihr Christen, einmal erschöpfend gewürdigt, wie für den Buddho die ganze Sinnerfülltheit und Sinnbedingtheit der Welt ausschließlich an der Lehre vom Karman hängt, will heißen an der Vorstellung von einem ewigen Wechsel- und Abhängigkeitverhältnis zwischen Werk und Wesen, Tat und Täter, Tun und Leiden, — dann vermögen wir endlich etwa auch zu würdigen, warum der Buddhogegen jede Anzweiflung dieses weltordnenden, ja weltstiftenden Zusammenhanges so ungewohnt scharf ausfallen mußte, wie dies zum Beispiel, ich erwähnte es schon, in der Hundertundneunten Rede aus der Mittleren Sammlung Majjhimanikâyo jenem vorwitzigen Mönchlein geschah, das aus der dort entwickelten Formel des ‚N’etam mama, das gehört Mir nicht‘ die Unzugehörigkeit von Tat und Täter folgern wollte. Diese Verknotung von Pathos und Ethos, übrigens in ungefähr gotamidischer Zeit doch auch in unserem Westen von den Griechen auf ihre eigene Weise erahnt, sei es orphisch, sei es tragisch, ja sogar sei es philosophisch geschehen (wie die aristotelische Tafel von den Kategorien erweist und beweist: und eben durch die aristotelische Philosophie in das wissenschaftliche Weltbild Europas eingeschmolzen), — diese Verknotung knotet und schürzt überhaupt erst die Wirklichkeit zur Welt, welche ohne sie zu einem unentwirrbaren Knäuel abgerissener Fäden aller Art wie ausgekämmtes Frauenhaar verfilzen würde. Wer das Karman anficht, ficht die Verfassung des All, das Grundgesetz des All, den Ursinn des All an, „ein eitler Mensch, aus Unwissen in Unwissenheit geraten, vom Durst im Geiste überwältigt“... Das Karman heftet die Mannigfaltigkeit der Dinge und Begebenheiten zusammen, wie der Einband die losen Blätter eines Buchs zum Buch zusammenheftet. Das Karman einigt die Unterschiedlichkeiten der Dinge und Begebnisse, wie der Sinn die verschiedenen Buchstaben eines Wortes, die verschiedenen Worte eines Satzes,die verschiedenen Sätze einer Rede einigt. Das Karman durchtönt und durchdringt die Wirklichkeit mit seiner Farbe, wie eine Kugel Waschblau das Wasser des Zubers bläut und mit ihm alle Wäschestücke, die im Zuber abgespült und ausgerungen werden. Das Karman fügt Tun und Leiden, Tat und Dasein vollkommen passend aneinander, wie ein geschickter Zimmermann Nud und Feder vollkommen passend aneinanderfügt. Das Karman verstätigt die bloße Aufeinanderfolge von Werk und Wesen, Tat und Täter in der Zeit zu einer bedingend-bedingten Auseinanderfolge in der Zeit und schweißt alle Auseinanderfolgen in einen unverbrüchlich lückenlosen Ring. Für immer erzeugt gemäß dem Karman das gleiche Werk das gleiche Wesen, für immer gebiert gemäß ihm die gleiche Tat den gleichen Täter: dauernd dreht sich dieser Ring der Werke-Wesen um des Karmans Achse wie ein wohlgeschmiertes Rad. Weil aber hier stets die gleiche Ursache gleiche Wirkung, die gleiche Urtat gleiche Wirkung, das gleiche Werk das gleiche Wesen, das gleiche Tun das gleiche Leiden nach unabänderlicher Satzung setzen werden, geschieht es ganz von selbst, daß der Künder des Karman in einer gewissen Weise der Künder der Ewigen Wiederkehr zu sein gar nicht umhin kann: als welchen ihn denn auch das Buch vom Gestaltwandel der Götter dem europäischen Leser schon vorgestellt hat. Der Buddho, der zwischen den zwei Häusern Platz genommen hat, aus welchen diese Wesen ausgehn und wohin sie eingehn: jedesmal in neuer Maske, neuer Verpuppung und neuer Gestalt, — er wirddoch immer derselben Schürzung gewahr zwischen Werk und Wesen, Tat und Täter, Tun und Leiden: wird derselben Schürzung nicht ohne Überdruß gewahr! Denn das ewige Gesetz durchwaltet zwar diese Welt wohltätig mit Sinn, durchwärmt diese Welt wohltätig mit Sinn. Aber das ewige Gesetz verzerrt auch den Sinn dieser Welt zum Un-Sinn, Wider-Sinn und läßt den Sinn zum Un-Sinn, Wider-Sinn erkalten. Mit zermalmender Gleichform setzt das Gesetz von sich aus immer nur das Gleiche; gleiches Tun, gleiches Leiden; gleiches Werk, gleiches Wesen; gleiche Handlung, gleiche Erscheinung: das ist der Ring des Gesetzes, das ist das Rad des Gesetzes. Trostspendend, heilwirkend dem, der vor der Willkür und dem Zufall des Geschehens zum Gesetz sich rettet, wird das Gesetz fürchterlich dem, der aus der Regel zur Ausnahme, aus der Abhängigkeit zur Freiheit hinstrebt. Durch des Leidens Urerleben ist Gotamo zum Weltgesetz, zur Weltordnung, zum Weltsinn gekommen. Aber wiederum kommt durch des Gesetzes, durch der Ordnung, durch des Sinnes Urerlebnis Gotamo zurück zum Leiden, von dem er eben ausging. Der Lehrer und Künder des Karman als dem Dharma beginnt am Karman, beginnt am Dharma selbst zu leiden: und diesem Leiden gleichsam am Sinn weiß freilich kein Sinn mehr Abstellung zu erwirken. An der Erfahrung des Leidens ist Gotamo herangereift für ein Welt-All, vollkommen makellos, untadelig und gerecht. Aber zugleich kehrt in diesem All das Gleiche in der Zeit wieder, und derart erweist sichdas All seinem tiefsten Deuter als eine Stätte ewiger Wiederbringung, als ein Ring ewiger Wiederkehr, als ein Rad ewiger Wiederkünfte: „Ewig ist Seele und Welt, starr, giebelständig, grundfest gegründet; und diese Wesen wandern um, wandeln um, verschwinden und erscheinen wieder: es ist immer das Selbe“... Gesetzt durch das Gesetz, verletzt also die Welt am unheilbarsten durch das Gesetz den, der die Freiheit im Gesetz und in der Welt sucht. Am Gesetz erlabt sich die Seele, wofern ihr das Ungesetz verhaßter wie die Schande ist: aber wider das Gesetz empört sich dieselbe Seele, wofern sie die Freiheit mehr liebt wie sich selber. „Und es gibt eine Freiheit, höher als diese sinnliche Wahrnehmung“, begütigt sich die Seele selber, die am Gleichschritt des Geschehens tödlich leidet... Es gibt eine Freiheit, da das Gesetz stets nur Notwendigkeiten setzt und dennoch die eigentliche Not nicht wendet: es gibt eine Freiheit, welche die Not des Gesetzes selber wendet...
Als Krischna, der Hirtenknabe — wir entsinnen uns, ihr Christen, dieser liebenswürdigen Legende — als Krischna, der Hirtenknabe, eines Tages sich erging am Ufer der heiligen Yamunâ und sich ergötzte, wie der Strom so flink und schimmernd wallte, da ward er auf der Oberfläche dieses schönen Flimmerspiegels einer Stelle ansichtig, von welcher her Rauch und Gestank schwelte. Er sah das Wasser sieden und mit plötzlich aufsprudelnden Springfluten das Laub der Bäume am Gestade versengen, die Vögel auf den Zweigen verbrühen. Sofort gedachte er, wie dies gewiß Kâliya sei, die Weltenschlange, die hier mit ihrem giftigen Gezücht Wasser, Land und Luft verpeste. Und er gedachte ferner, wie es jetzt an der Zeit sein möchte, mit dieser Weltenschlange auf dem Grund der himmelspiegelnden Yamunâ ein Wort zu reden und sie, koste es was es wolle, zum Abzug aus diesen göttlichen Gefilden zu bewegen. Das alles gedachte der Hirtenknabe Krischna bei sich und schon hatte er sein Kleid geschürzt und sich in den kochenden Strudel hineingeschwungen auf den Grund des Schlangenpfuhls, — schon hatte er die Arme ausgereckt, die kindlichen, um das wütende Ungetüm zu würgen. Aber schon wand auch die hochgesträubte Schlange ihre tausend Leiber um den Knaben, schon schlug sie ihre tausend Zähne in sein golden Fleisch. Bald war nichts mehr von ihm zu erblicken, der von dem Metall der Schuppenarme rings umpanzert war wie von einer Rüstung, welche der Waffenschmied am Körper des Gerüsteten selber glüht und biegt und hämmert. So hatte sich Krischna übermütig in den Schlangenabgrund geschwungen, um von ihm verschlungen zu werden. Bestürzt, ratlos, verzweifelt liefen die Hirten und Hirtinnen der Heimat an den Ufern zusammen und rangen die Hände in Schmerz und Ohnmacht, indes des Knaben Mutter Yasodâ wie leblos auf die Erde fiel. Bis dann zuletzt Krischnas Leibesvater Nanda, unbewegt dem Sohn ins Auge blickend, die Worte in den Pfuhl hinunterwirft: Genug, o Gott der Götter! Du hast lange genug dich menschlich gezeigt; weißt du nicht, daß du göttlichund ewig bist?... Derart angerufen, aufgerufen zum Entschluß, sich endlich auf sich selber zu besinnen, sich endlich zu sich selber zu ergotten, lächelt der Knabe sanft seines zauberischen Lächelns. Und zieht sich leicht und spielend aus der tausendarmigen Umwindung, nicht anders etwa wie eine Dame der Gesellschaft ihre Hand anmutig und leicht aus dem Arm eines Herrn herauszieht, der sie zu Tisch oder zum Tanz geführt hat. Und tritt mit einer kaum merklichen Bewegung der Schlange auf den behaubten Kopf und immer wieder auf den Kopf, bis sie unter die Wippe der göttlichen Ferse immer und immer wieder gewippt, in ihren fruchtlosen Zuckungen und Krämpfen schließlich erlahmt und am Ende steif, speiend, geifernd vor Anstrengung ohnmächtig auf dem Grund des Stromes ausgestreckt liegt und in strengem Schwur den Abzug aus dem heiligen Bezirk verspricht... Die Weltenschlange Kâliya aber der Legende, wer wüßte es nicht, ahnete es nicht, ist das Urgesetz Karman selber, in welches Krischna-Gotamo sich verstrickt findet. Wie Krischna der Hirtenknabe steht der Erhabene da auf dem Grund des Schlangenpfuhls: lebendig eingeschmiedet in den lebendigen Ring des Weltgesetzes, den glühend schwingenden und kreisenden, — lebendig aufgeflochten auf das wälzende Rad des Weltgesetzes und von ihm gerädert. Aber indes ihm das Weltgesetz in tausendgliedriger Verschlingung stätig drehend die Gelenke bricht und ihm tausend Zähne ihr Gift in nimmer heilende Wunden träufen, da vernimmt er zwar nicht dieStimme seines Leibesvaters, aber doch seine innere Melodie: Genug, o Mensch der Menschen! Du hast lange genug dich zeitbedingt, gesetzabhängig, ursachverhaftet gezeigt: weißt du nicht, daß du ewig, daß du ledig, daß du frei bist? Genug, o Geräderter auf dem Rad aller Räder: weißt du nicht, daß diese Seele nimmer gerädert werden kann? Genug, o Geschmiedeter in den Ring aller Ringe: weißt du nicht, daß die Seele selbst des Feuers ist, des schmiedenden, aber weder des Erzes noch des Erd-Schmutz-Stoffes, der da geschmiedet werden kann und darf und muß?...
Hier aber berühren wir, ihr Christen, die heikelste, die empfindlichste Stelle nicht nur des gotamidischen Erlebens, vielmehr alles Erlebens überhaupt von wirklich religiöser Beschaffenheit, religiöser Herkunft, religiöser Weihe. Die Erfahrung des Leidens hatte Gotamo dazu geführt, das All selber gleichsam zu erschaffen als die unverbrüchliche Aufeinanderfolge von Tun-Leiden, wo jedem Wesen kraft seiner Eigenschaft als Erscheinung und Gestalt in Raum-Zeit dasjenige als Reizwelt, Merkwelt, Unwelt ‚angetan‘ wird, was er selber kraft seiner Eigenschaft als Werk an und für sich, Tat an und für sich, Wille an und für sich gewählt und ausgesucht hat. Die Erfahrung des Leidens hatte auf diese Weise Gotamo zur Erfahrung einer Wirklichkeit geführt, in welcher jedes einzelne Wesen die Vergeltung seiner Werke darstellt und in welcher jede einzelne Geburt eine Wiedergeburt nach eigener Bestimmung ist. In dieser Wirklichkeit setzt jedes Lebendige seinen eigenen Rang und wählt jedes Daseiende seinen eigenen Wert als den ihm gegenwärtig allein zusagenden, angemessenen, erwünschten, — in dieser Wirklichkeit lebt jede Erscheinung zuletzt als ihre eigene Wunschverkörperung, Willensversichtbarung, Wertverwirklichung. Wer da nach seinem Ableben in höllische Welt hinabfährt, dessen Karman wollte die höllische Welt, suchte und fand die höllische Welt. Wer da nach seinem Ableben in die tierische Welt hinabfährt, dessen Karman wollte die tierische Welt, suchte und fand die tierische Welt. Wer da nach seinem Ableben in die gespenstische Welt hinabfährt, dessen Karman wollte die gespenstische Welt, suchte und fand die gespenstische Welt. Wer da nach seinem Ableben in die menschliche Welt wiederkehrt, dessen Karman wollte die menschliche Welt, suchte und fand die menschliche Welt. Wer da nach seinem Ableben in die göttliche Welt aufsteigt, dessen Karman wollte die göttliche Welt, suchte und fand die göttliche Welt. Mit einer Notwendigkeit, die ebensosehr eine kosmisch gültige ist wie eine dem Sinn entsprechende und im Sinn gegründete, bewährt sich hier jedes Dasein als die Setzung seiner engsten Tat und Absicht: das ‚Ich‘ setzt sich hier in der Strenge einer Wortbedeutung, die sich wohl selbst jenem deutschen Denker noch nicht voll erschloß, der diese Wahrheit zum Grundsatz seiner Philosophie erhob... Trotzdem hat inmitten dieser eisernen Verkettung von Notwendigkeiten die Freiheit eine Stätte! Daß zwar ein Wesen in Raum und Zeit jemals auf eine andere Weise erscheine, als es durch seine Werke selbst vorherbestimmthabe, oder daß sich ein Ich jemals nicht in Übereinstimmung mit seiner Tathandlung der Selbst-Setzung selber setze, — das freilich ist und bleibt völlig außerhalb jeder erdenklichen Freiheit gelegen; das Wie und das Was jedes einzelnen Daseins ist durchgängig festgelegt vom Wie und Was dieser vorausgehenden Werktätigkeit. Nur das Wie und das Was dieser Werktätigkeit seinerseit untersteht keinem Zwang, keiner Bestimmung, keiner Verursachung, vielmehr entscheidet das Wie und Was der Tat selbstherrlich und frei über das Wie und Was der eigenen Wesenheit: eben der Vorgang der Wahl wird nach der Lehre vom Karman als schlechthin ‚unbedingter‘ Vor-Gang aller Bedingungen und Bedingtheiten herausgeschält. Er spielt sich außerhalb der Reihe der Dinge und Dinglichkeiten ab und ist in dieser Hinsicht un-bedingt; er löst sich aus der Wechsel-Verknüpftheit aller Wirklichkeiten heraus und ist in dieser Hinsicht heraus-gelöst und ab-gelöst, das ist lateinisch: absolut. Inmitten des geschlossenen Kreislaufs des welthaften Tun-Leidens und der welthaften Werke-Wesen bleibt eine einzige Stelle offen, ungefähr wie in einem rings mit glänzender Eiskruste zugefrorenen Binnensee eine einzige Stelle offen (und zugleich dunkel) bleibt: dort nämlich, wo dem Boden der Born des Zuflusses entquillt, der den See speist. Auf ähnliche Weise bleibt im Umkreis der lebendigen Notwendigkeiten die Zufluß-Stelle, Eintritt-Stelle frei, wo die rang- und wertbestimmenden Wahlhandlungen, Tathandlungen in den Umkreis münden. Die Tat, die von neuem ihreSelbstverkörperung als Täter setzt, das Werk, das von neuem seine Selbstverleiblichung als Wesen setzt, ist frei und kann Täter, Wesen dahin, dorthin setzen, in höllische, tierische, gespenstige, menschliche, göttliche Welt, just wie der Wille ist, wie der Wunsch ist, wie die Wahl ist...
So daß sich jetzt wie von selbst die Frage ungerufen stellt und einstellt: ob nicht zuletzt doch eine Tat erdenklich wäre, die nicht mehr verkörpernd diesen oder jenen Täter an seine tatbestimmte Stelle der Werdewelt und Wandelwelt setze, sondern eine Tat, die gleichsam selbsttätig sich selber mitsamt der Person des tatfolgenden Täters aus dem geschlossenen Kreis der irdischen Kräfte und Kräfteträger auszuschalten fähig wäre? Ob es nicht zuletzt ein Werk gäbe, auf welches ein ihm zugehöriges Wesen und Dasein nicht mehr mit ursächlich bedingter Notwendigkeit folgen müsse? Ob nicht zuletzt ein Wille vorhanden sei, der neben seiner Freiheit zum Was und Wie der Wiederverwirklichung eine höhere Freiheit aufwiese, eine Freiheit auch zu dem Daß und Ob dieser Wiederverwirklichung? Ob nicht zuletzt eine Wahl, eine Entscheidung getroffen werden könne, die nicht allein frei zu nennen wäre in Ansehung der künftig einzunehmenden Stelle in diesem All und in Ansehung des darin einzunehmenden Stellen-Wertes, sondern frei überdies in Ansehung der Wiederkunft und Nicht-mehr-Wiederkunft in diese Werde- und Wandelwelt? Ob nicht zuletzt ein Karman zu betätigen sei, welches weder in den Schoß der Hölleeingehe, noch in den Schoß der Tierheit, noch in den Schoß der Gespensterheit, noch in den Schoß der Menschheit, noch in den Schoß der Göttlichkeit, — nein, ein Karman vielmehr, welches ganz einfach in gar keinen Schoß mehr eingehe irgend welcher Geburten und Wiedergeburten, ein Karman, welches in der Sprache der Lehre ‚keine Fährte‘ hinterlasse? Denn setzen wir den Fall, ihr Christen, ein Wesen habe die Stockwerke dieser Welt von unten nach oben in der gehörigen Reihe erstiegen und sei in niemals erlahmender Selbststeigerung, Selbstveredelung, Selbstvollendung von teuflischer Gestalt zu göttlicher Gestalt über Tier, Gespenst, Mensch hinweg nach oben geklommen: schwebt dieses Wesen, wofern es doch auch jetzt noch dem Weltgesetz ewiger Verkettung von Tat-Täter, Werk-Wesen, Tun-Leiden durchaus unterworfen bleibe, — schwebt es nicht in furchtbarer Gefahr, von seiner erklommenen Höhe wieder herabzugleiten, und just jenen ‚Fall‘ zu tun, den jeder Gott tat, wenn er versucht ward, eine Welt zu schaffen und dieser Versuchung alsbald auch erlag? Setzen wir also den Fall, ihr Christen, — und der Buddho hat diesen Fall wahrhaftig schon gesetzt! — auch diese Götter gehörten ohne Vorbehalt und Einschränkung dem Kreislauf der Wiederverkörperungen in der Zeit an und lebten keineswegs ungebunden, unverpflichtet hinter oder außer oder über dieser Welt: gilt dann nicht auch für sie ganz ohne Vorbehalt und Einschränkung das Grundgesetz der Welt von der Wiederverkörperung der Tat im Täter, des Werks im Wesen,des Tuns im Leiden? Wäre ein Wesen mithin sogar als Gott wiedergeboren, es bliebe auch als Gott geknüpft an die stätige Wechselwirkung, die die Lehre vom Karman als die unverbrüchliche Satzung dem Weltbau unterstellt. Auch im Himmel bliebe diesem Wesen das Leiden nicht erspart, und sei es auch nur ein Anflug jenes echten Götter-Leidens, durch Götter-Tat diese leidende Welt dem Heile nicht entgegenführen zu können, weil auch der Gott ja eisern in den Ring der Geburten eingeschmiedet ist und bleibt. Auch ein Gott in Person würde ja die Mitleid-Bitte der Himmelskönigin Aditi um ‚ewige Erlösung‘ anhören müssen, ohne ihr willfahren zu können: denn auch Gott in Person, das hat jener Krischna-Mythos ein für allemal mit hoher Frömmigkeit geoffenbart, ist nur ein Teil des Ganzen, nur ein Dasein unter Daseienden, nur eine Gestalt unter oder über anderen Gestalten. Im gotamidischen Kosmos kann jeder Unermüdliche und Bewährte im Ablauf der Weltenjahre Gott werden, — und dies ist die unendliche Tröstlichkeit, die unvergleichliche Hoffnungfröhlichkeit, die unwiderstehliche Herzensinnigkeit dieser Religion, die unter diesem Zeichen einen erheblichen Bruchteil der Menschheit für sich erobert hat. Aber zugleich bleibt im gotamidischen Kosmos auch der Gott aufs strengste an die heilige Verfassung der Welt gebunden, als welche Karman heißt oder Wiederkehr des Gleichen oder ewige Wiedergeburt oder Ring der Wiederbringungen oder Rad der Werke-Wesen oder Kreis des Tun-Leidens... Darum schweift Gotamos Blickvoll sinnender Schwermut über die fernsten Nebelbänder, Sonnenräder und Kometenschweife dieser unbegrenzten Welt und aller möglichen unbegrenzten Welten weit hinaus. Darum fällt gelegentlich in der Zwölften Rede aus der Mittleren Sammlung Majjhimanikâyo jenes für Christenohren so hocherstaunliche und vermutlich hochanstößige Wort: „Und sollt’ ich auch, Sâriputto, nur unter Reinen Göttern kreisen: ich mag in diese Welt nicht wiederkehren. Und sollt’ ich auch, Sâriputto, nur unter Reinen Göttern geboren werden: ich mag in diese Welt nicht wiederkehren. Und sollt’ ich auch, Sâriputto, nur unter Reinen Göttern leben: ich mag in diese Welt nicht wiederkehren“...
Wie eng verzahnt und genau ineinandergepaßt dies nicht alles ist! Wie stätig und zusammenhängend geschichtet, auch wo die Schichtungen einmal eine Bruchstelle zeigen und eine Verwerfung erfahren haben! Wer das Leiden als das Gesetz der Welt erkannt und gedeutet hat, wer am Weltgesetz selber leidet und an dessen ewiger Wiederkunft des Gleichen zum Gleichen, dem kann in Wahrheit nicht einmal die Geburt als Gott zu des Leidens Überwindung taugen. Dies Leiden durchaus und von innen her überwinden, hieße die Welt selbst durchaus und von innen her überwinden, in welche das Leiden bedingend und verursachend, bedingt und verursacht je und je verflochten ist. Der Gott aber stehet in der Welt, wenn auch der Welt zuoberst, und nicht außer ihr. Wer da am Leiden leidet, weil in das Fundament der Welt das Leiden gleichsam eingemauert ist wie in das Fundament mittelalterlicher Türme ein lebendiges Wesen (mit seinen Todesqualen) eingemauert ward, — dem taugt von allen Taten nur die eine: die Durchbrechung! Die Durchbrechung des Kreises der Geburten und Wiedergeburten, die Durchbrechung des Dharma und des Karman, die Durchbrechung der ganzen unendlichen Reihe Tat-Täter und Werk-Wesen. Solang ein Mensch solcher Fühlung sich der Welt verhaftet weiß, weiß er sich abhängig von der Welt und abhängig von der Welt Entstehungen und Vergehungen; weiß er sich abhängig von Alter, Krankheit, Tod; weiß er sich abhängig von aufsteigenden und absteigenden Lebensknoten ... Aber „Unabhängigkeit, sag’ ich, ihr Mönche, ist höchstes Labsal der Gefühle!“ Unabhängigkeit von dieser Welt und ihrer falschen Notwendigkeit, die nirgends Not und Nöte wendet, sondern stets nur neue Not und Nöte schafft und schafft; Unabhängigkeit von allen Drohungen der Wirklichkeiten und Möglichkeiten jetzt und künftighin; Unabhängigkeit von dem Zwang der abermaligen Entstehung, abermaligen Vergehung: sie gilt es irgendwie zu bewirken und zu befestigen. Eine Stelle gilt es ausfindig zu machen, über welche keine Flut des Werdens mehr hinwegbrandet und wo Sicherheit, Stätigkeit, Standfestigkeit winkt, eine weltlose Stelle außerhalb aller Stellen und Stätten der Welt. Und derart geschieht hier, ihr Christen, das Ungeheuere und ganz Unausdenkliche und jeden Begriff bei weitem Übersteigende, daß Gotamo diese von ihm selbst so groß und schön geordnete Welt um dieser höchsten Unabhängigkeitwillen eigenhändig wie eine tadellose Glocke von reinstem Guß und reichstem Klang mit nerviger Faust in Trümmer hämmert! Am Leiden leidend, folglich an der Welt leidend, folglich an der Welt Gesetz und Ordnung leidend, folglich am Kreislauf der werkvergeltenden Geburten leidend, folglich am Karman leidend, setzt Gotamo dies Karman mit derselben Machtvollkommenheit der Seele außer Kraft, mit welcher er es einst in Kraft gesetzt hatte. Dieselbe Seele, die einen unveräußerlichen Anspruch hat auf Gesetz und Gesetzes Wohltat, hat einen unveräußerlichen Anspruch auch auf Freiheit und der Freiheit Säligkeit. So gilt das Karman für die Welt der Wirklichkeit und Wirksamkeit unaufheblich, aber gilt nicht für diese Seele, die sich die Freiheit von der Welt und von der Wirklichkeit auf irgendeine Weise zu erkämpfen, zu ersiegen weiß. Das Karman ist der Dharma der Welt, und sicherlich müßte das Gerüst der Welt im Nu in sich zusammenstürzen, sicherlich müßte das Gefüge der Welt im Nu aus allen Fugen springen, wenn das Karman nicht alle seine Balken und Stützen und Bretter mit eisernen Klammern fest aneinanderhaftete. Die Seele aber besitzt ihren eigenen Dharma, welcher vom Dharma der Welt nicht weniger verschieden ist als die Welt von der Seele selbst verschieden ist. Der Dharma der Welt heißt Notwendigkeit, Gesetz, Verhaftung, Wechselbedingtheit, Verhältnismäßigkeit; der Dharma der Seele heißt Freiheit, Ledigkeit, Selbstherrlichkeit, Unbedingtheit, Abgelöstheit. In Leidens-Freiheit, Leidens-Ledigkeit, Leidens-Abgelöstheit bewährt die Seele sich selbst als unbedingt und selbstherrlich; in Welt-Freiheit, Welt-Ledigkeit, Welt-Abgelöstheit bewährt die Seele sich selbst als unbedingt und selbstherrlich...
Um es mit Einem Wort zu sagen: es stehet in der Macht der sogenannten Seele, wenn sie nicht länger leiden will, nicht mehr zu leiden. Es stehet in der Macht der Seele, aus der Verklammerung von Tun und Leiden, welche wir als ‚Wirklichkeit‘ nun kennenlernten, sich sanft und sacht zu lösen: nicht anders, wie sich der Gottmensch Krischna aus der Umwendung der Weltenschlange sanft und sacht gelöst hat. Aber freilich! zu Lebzeiten des Buddho gab es da etliche, welche die Befreiung von allem Leiden dadurch zu vollbringen wähnten, daß sie jedwede sündhafte Tat im Zustand früherer Geburten zu verbüßen gedenken, wenn sie selbst sich freiwillig Leiden über Leiden, Pein über Pein antun. Es gibt da etliche, — und ihrer scheinen gar nicht so wenig zu sein! — welche ganz einfach auf rechnerische Weise jedes schlimme Tun durch ein entsprechendes Leiden tilgen zu können vermeinen: bis sie zuletzt die Summe aller Taten durch die Summe aller Leiden quitt gemacht haben und Gleiches gegen Gleiches rund zur Aufhebung brachten. Solche hoffen das Karman zu durchbrechen, indem sie das Karman buchstäblich erfüllen, Leiden um Tat, Leiden um Tat, bis das durch ‚übermäßiges Verdienst‘ erworbene und angehäufte Leiden die Tat gleichsam bis zum Stumpf getilgt hat. Das ist der Weg der Leidensbefreiung,den beispielweis die ‚Freien Brüder‘ beschritten haben, welche es für heilfördernd und bekömmlich erachten, das Leiden der Kreatur durch Mehrung des Leidens in freiwillig geübter Schmerzensaskese zu überwinden und beinahe schon nach der Regel Schopenhauers verfuhren, daß nicht die Schmerzen, sondern die Genüsse zu verneinen seien: die Schmerzen vielmehr zu bejahen und abermals zu bejahen ... Gegen diese Praxis indes, die nach dem buchstäblichen Wortverstand so durchaus auf der Linie der gotamidischen Lehre vom Karman gelegen scheint, erhebt niemand schärferen Einspruch als der Buddho selber. Mit einem merklichen Beischmack von überlegenem Spott, ja von Hohn wendet sich Gotamo wider diese Freien Brüder, die da in ihrer Schmerzensaskese das Leiden der Welt vorsätzlich vervielfältigen, statt es vorsätzlich abzustellen. Sie, die von dem unanfechtbaren Grundsatz des Karman ausgehen: „Was immer auch ein Mensch empfindet, sei es Wohl oder Wehe, oder weder Wohl noch Wehe, all das ist vorhergewirkt,“ — sie, die durch gewissenhafte Leidens-Übung etwa begangene Frevel früherer Verkörperungen peinlich rechnend auszugleichen trachten, sie rechnen in Wahrheit falsch. Wohl ist der Knüpfung Tun-Leiden entsprechend alles, was das einzelne Wesen von Natur leidet, vorherbestimmt, vorhergewirkt. Aber das ist es eben, daß diese Knüpfung nur eine Tatsache, nur eine Ordnung, nur ein Zwang der Natur ist, der ‚bösen‘, dort jedoch ihre Gültigkeit verliert, wo das Joch der Naturzerbrochen wird. Diese scharfe Wendung Gotamos gegen die eigenen Voraussetzungen und Unterstellungen, diese schroffe Abweisung des Buchstabens von seiten des Geistes scheint die Reihen der eigenen Jünger, soweit diese nicht zu den völlig Eingeweihten zählen, in nicht geringem Maß überrascht, erschreckt, ja teilweis außer Fassung gebracht zu haben. Der Buddho, der als strengster Vollender der Lehre vom Karman den Satz der Freien Brüder ‚alles ist vorhergewirkt‘ mit äußerstem Nachdruck bestreitet und das darauf gestellte Heilsverfahren schier als ein lächerliches abweist und abschätzt, — dieser Buddho geht manchem Mönch des heiligen Ordens schlechterdings über den Begriff. So beispielweis jenem Mönch Arittho, dem ehemaligen Geierjäger, der nach der Zweiundzwanzigsten Rede aus der Mittleren Sammlung Majjhimanikâyo die folgende Äußerung gewagt hat, die unverzüglich dem Erhabenen als besonders ketzerisch berichtet ward: „Also fasse ich die vom Erhabenen verkündete Lehre auf, daß jene vom Erhabenen als verderblich bezeichneten Handlungen dem Täter nicht notwendig zum Verderben gereichen“... Dieser Mönch zwar wird unverzüglich vorgeladen, befragt, getadelt und zurecht gewiesen, — aber wir, die wir zu Zeugen dieses Vorgangs gemacht werden, können nicht umhin zu gestehen, daß dieser Mönch in einem gewissen und sehr tiefen Sinn die Wahrheit, nichts als die Wahrheit ausgesprochen habe! Darüber lassen die Reden gegen die Freien Brüder nicht den mindesten Zweifelobwalten; darüber läßt Gotamos Lehre von des Leidens Aufhebung, Abstellung und Ablösung selber keinen Zweifel obwalten. In der für diese Frage hochwichtigen Hundertundsechsunddreißigsten Rede aus der Mittleren Sammlung Majjhimanikâyo hat der Buddho selber ausdrücklich die vier Möglichkeiten dargelegt und entwickelt, daß die gute Tat gute Fährte, die gute Tat aber auch schlechte Fährte hinterlassen könne, wie umgekehrt die schlechte Tat zwar schlechte Fährte, aber die schlechte Tat auch gute Fährte. Das Karman ist die irdische Ordnung, welche Wirklichkeit und Welt in ursächlich-urtätigen Zusammenhang bringt und in diesem Betracht allerdings unaufheblich gilt. Aber die Seele des Menschen bleibt dem Karman nur unterworfen, wofern sie ihm unterworfen bleiben will. Ihr bleibt es anheimgestellt, auch wenn sie von allen Lastern, Bosheiten, Scheußlichkeiten wie ein pestverseuchter Leib mit Blattern, Beulen und Geschwüren bedeckt wäre, durch einen einzigen und übermenschlichen Entschluß sich jenseit ihrer eigenen Lasterhaftigkeit, Bosheit und Scheußlichkeit zu begeben und — rein zu sein. Es stehet der Menschenseele, es stehet der Schächerseele frei, das zu tun, was auch der Heiland des Westens seinen Gläubigen als Trostvermächtnistat unvergeßlich hinterlassen hat: nämlich heut noch, jetzt noch, schon ans Kreuz geschlagen und vom Tod umnächtigt, dennoch ‚im Paradies zu weilen‘. Es ist der Menschenseele letztes und unmittelbarstes Hochgeheimnis, mit einem einzigen Federzug die unendlichangelaufenen Posten von Schuld und Sühne, Tat und Leiden, Werk und Wesen glatt durchzustreichen und alles Leidens ledig, aller Ursächlichkeiten ledig, aller Gründ- und Folglichkeiten ledig, sie selbst zu sein und das heißt frei zu sein. „Ist da nun, Ânando, ein Mensch, der ein Mörder und Dieb, ein Wüstling, Lügner, Verleumder, ein Zänker und Schwätzer, voll Gier und Haß und Eitelkeit war, bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, auf gute Fährte geraten, in himmlische Welt, so hat er seine günstige Tat, die freudig empfunden wird, eben früher begangen oder später begangen, oder hat in seiner Sterbezeit eine rechte Erkenntnis vollzogen und vollbracht: darum ist er, bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, da hinauf geraten. Wenn er aber hier also übel gewandelt war, hat er sich die Folge davon schon bei Lebzeiten fühlbar gemacht, oder bei der Auferstehung, oder bei nachmaliger Wiederkehr“...
Die Freien Brüder setzen dem Leiden das Leiden entgegen, um die Tilgung des Leidens im Weg freiwillig übernommener Schmerzens- und Bußübung zu bezwecken. Aber was sie bezwecken, ist die ganz überflüssige Mehrung des schon mit Notwendigkeit vorhandenen Leidens. Gotamo hingegen, der nach höchst bedeutsamem eigenen Geständnis Schmerzensaskese, Selbstquälerei und Kasteiung bis zur Selbstvernichtung geübt hat und hier aus grausamer Selbsterfahrung schöpft, — Gotamo setzt dem Leiden eine Tat entgegen, eine unbedingte, nicht und nichts mehr bedingende Tat,welche die Freiheit vom Leiden erwirkt, weil sie Freiheit von der Welt, Freiheit vom ‚Gesetz‘ erwirkt. Was alle religiöse Erleber wußten, vom Heiland des Christentums, ja sogar vom Stifter des Christentums an bis zu Lew Nikolajewitsch Tolstoi, der dieses gotamidische Mysterium ‚der rechten Erkenntnis in der Sterbezeit‘ klassisch dargestellt hat in der Heiligen Schrift vom Tod des Iwan Iljitsch, das ist für den Buddho der Dreh- und Angelpunkt nicht allein der Lehre, sondern des Erlebnisses geworden. Für ihn nämlich, — wenn ich mich hier mit Nutzen europäisch und insbesondere schopenhauerisch ausdrücken darf, — gibt es einerseit Taten, welche ‚dem Satz vom Grunde‘ unterworfen sind und eben darum in den Gesamtkreislauf der Werdewelt wieder einmünden, dem sie entsprungen sind. Und für ihn gibt es anderseit Eine Tat, welche ‚dem Satz vom Grunde‘ nicht mehr unterworfen ist und eben deshalb aus dem Kreislauf dieser Werdewelt hinausführt. Jene Taten sind notwendig gewirkt, will heißen: sie sind nach Bestimmunggründen, Antrieben, Triebfedern gewirkt, die der Wirklichkeit selbst entstammen, und so ist es billig, daß sie in der Folge sich dem Bereich der Notwendigkeiten wieder einfügen, aus der Notwendigkeit in die Notwendigkeit führend. Diese Eine Tat hingegen ist frei gewirkt, will heißen, nach keinerlei Bestimmunggründen, Antrieben, Triebfedern, die der Wirklichkeit oder dem ihr entsprechenden Vorstellungablauf selbst entstammen, und so darf denn diese Tat der Taten, nach keiner Regel irgendwelcher Notwendigkeit getätigt, aus der Notwendigkeit in die Freiheit führen. Es ist dies aber die Tat einer unvergleichlichen Selbstverinnerlichung, Selbsteinigung, Selbstverinnigung, wo Selbst und Seele weltausschließend, weltausschließlich nur sie selber sind, — Selbst und Seele hier in der ewig fragwürdigen Sinnbildlichkeit ihres Begriffs genommen. Eine Tat ist möglich, wo Selbst und Seele mit der Tat als solcher gleichsam unmittelbar zusammenfallen; eine Tat ist möglich, wo der Tat selbst nicht mehr irgend eine ‚Sache‘ als Inhalt, Bestimmung, Beweggrund, Antrieb gegenständlich gegenübersteht und wo die Tat sich nicht zu irgend einer Sache mehr versachlicht, zu irgend einer Sache mehr enttätigt. Derart wird das Leiden der Welt und an der Welt zuletzt getilgt, verlöscht, verwunden werden, wofern die Welt selbst als die Unendlichkeit aller gegebenen und aufgegebenen Sachen durch die entsachte, durch die entursachte Tat getilgt, verlöscht, verwunden wird. Dies ist die ‚reine‘ Tat der ‚Freiung‘ und der ‚Ledigung‘, dem Satz vom Grunde nicht mehr unterworfen: folglich dem Grunde selbst nicht länger unterworfen und folglich der Folge und den Folgen nicht länger unterworfen, die sonst alle Taten als ihre ‚Tat-Sachen‘ notwendig und unabänderlich nach sich ziehen müssen...