Wofern es, ihr Christen, Wahrzeichen und Merkmal des Wissens ist, ‚daß den Kummer überwindet, wer den Âtman kennt‘, dann weist kein anderes Wissen so deutlich dies Wahrzeichen und Merkmal auf wie das Wissen des Buddho, — obschon es schlechterdings kein Âtman- und kein Brahmanwissen ist. Über die vierjhânânihinweg eigentlich mehr einwärts als aufwärts dringend, erbohrt der gotamidisch Wissende die Schächte des Unbewußtseins; erbohrt er die Erinnerung an die früheren Geburten; erbohrt er die Erkenntnis der Wiederkünfte und ihres ewigen Gesetzes; erbohrt er die heilige Wahrheit selbviert des Leidens, der Leidensentstehung, der Leidensverwindung und des zur Leidensverwindung führenden Weges. Dies Wissen ist ein unteilbares σύστημα, ein unteilbarer Zusammenhang, vollkommen in sich geschlossen, rund und fertig. Mit ihm ist der Wissende instand gesetzt, das heilige Ziel alles Wissens zu erreichen und unbekümmert, kummerlos zu wandeln. Mit ihm hat sich der Wissende alles angeeignet, was nach buddhistischer, aber auch nach brahmanischer Auffassung allein zu wissen not tutund was der verpflichtenden Bezeichnung ‚Wissen‘ alleinig wert erscheint. Keine Zweifel, daß auch dieses indisch-buddhistische Wissen hin und wieder enger sich berührt mit der Errungenschaft, die wir Abendländer unsererseit mit diesem Ausdruck zu benennen pflegen, und namentlich trifft diese engere Berührung zu bei der Erinnerung, die uns in vielem an die bis heut noch nicht außer Kraft gesetzte Wissenschaftlehre Platons wie an das liebe Gesicht eines alten Bekannten mahnt. Aber im ganzen und großen bleibt dieses Büßer- und Erlöserwissen doch so fern von unserem Forscher- und Gelehrtenwissen, daß wir hier auf hohe Schwierigkeiten stießen, uns von diesem gotamidischen Wissen an manchen Stellen ein zulängliches Verständnis zu verschaffen, — gesetzt den sehr günstigen Fall, es gäbe von solch fremden Dingen überhaupt ein zulängliches Verständnis oder könne wenigstens grundsätzlich ein solches geben. Denn was hat es doch, besinnen wir uns gefälligst, mit unserem eigenen Wissen und mit unserer eigenen Wissenschaft für eine Bewandtnis? Und was ist nach unserer eigenen landläufigen Auffassung Wissen und Wissenschaft? Doch offenbar in einem beides: erstens sowohl nämlich eine nach Regeln verfahrende Tätigkeit des Verstandes, der Vernunft, der Urteilskraft, die sogenannte Wahrheit zu vermitteln, — zweitens aber auch das Ergebnis dieser Tätigkeit, der geordnete Besitz oder ‚Schatz‘ aller dieser Wahrheiten. Was wir Europäer zu wissen glauben, glauben wir als die Wahrheit zu wissen, wie schon derheilige Thomas von Aquino uns bedeutet, wenn er gelegentlich den Begriff des Wissens folgendermaßen umschreibt: „Scire aliquid est perfecte cognoscere ipsum; hoc autem est perfecte apprehendere ejus veritatem“... Wissen und die Wahrheit an und für sich wissen, das deucht uns Europäern mithin ohne weiteres ein und dasselbe. Daß es eine solche Wahrheit an und für sich irgendwie gäbe und geben müsse als die maßgebliche Voraussetzung jeder Erkenntnisarbeit, die nicht schimärisch ins Blaue hinein spinnen und schwindeln, faseln und schwafeln will: dieser Satz steht seit dem weltgeschichtlichen Kampf des Pythagoreers Platon gegen den antiken Relativismus nicht nur unerschüttert fest, sondern er steht: steht als derrocher de broncealler Wissenschaft- und Erkenntnislehren, auch wenn die unsterbliche Sophistik unsterblicher Sophisten immer wieder dagegen Sturm gelaufen ist und eben heuer wieder aufs heftigste dagegen Sturm läuft. Es muß eine Wahrheit geben an und für sich (oder wie der Pythagoreer Platon gesagt hat ‚αὐτὸ καθ’ἁυτό‘), es muß einen überhimmlischen Ort, τόπος ὑπερουρανιός geben von gültigen Sachverhalten an und für sich, wenn anders ein Wissen und eine Wissenschaft im europäischen Wortsinn möglich sein sollen. Auch wer da behauptete ‚Es gibt keine Wahrheit‘ beriefe sich bei dieser seiner Behauptung auf die Wahrheit und beanspruchte für sie allgemeine Geltung, überpersönliche Verbindlichkeit, notwendige Verpflichtung. Im Zeichen dieser stehenden und standhaften Wahrheitan und für sich ist die europäische Wissenschaft tatsächlich seit den Griechen von Sieg zu Sieg geschritten, welterobernd und weltherrschend wie kaum je eine zweite Macht der Menschheit; ein unermeßlicher Schatz gesicherter und gesichteter Erkenntnis ward als ein hoffentlich nicht mehr zu verlierender Besitz deshomo sapiensangehäuft und auch wiederum verschwendet, gesammelt und auch wiederum verausgabt. Wer wollte angesichts solch überwältigenden Erfolges so kleinlich sein und an die Opfer denken, die er gekostet hat. Wie selten denken Menschen an ihre Opfer, solange ihnen der Erfolg winkt, — frühestens dann, wenn der Erfolg zur Frage wird, fällt ihnen bei, einen Überschlag zu machen und zu rechnen, und zu rechten...
Wofern es, ihr Christen, Wahrzeichen und Merkmal des Wissens ist, ‚daß den Kummer überwindet, wer den Âtman kennt‘, dann weist kein anderes Wissen so deutlich dies Wahrzeichen und Merkmal auf wie das Wissen des Buddho, — obschon es schlechterdings kein Âtman- und kein Brahmanwissen ist. Über die vierjhânânihinweg eigentlich mehr einwärts als aufwärts dringend, erbohrt der gotamidisch Wissende die Schächte des Unbewußtseins; erbohrt er die Erinnerung an die früheren Geburten; erbohrt er die Erkenntnis der Wiederkünfte und ihres ewigen Gesetzes; erbohrt er die heilige Wahrheit selbviert des Leidens, der Leidensentstehung, der Leidensverwindung und des zur Leidensverwindung führenden Weges. Dies Wissen ist ein unteilbares σύστημα, ein unteilbarer Zusammenhang, vollkommen in sich geschlossen, rund und fertig. Mit ihm ist der Wissende instand gesetzt, das heilige Ziel alles Wissens zu erreichen und unbekümmert, kummerlos zu wandeln. Mit ihm hat sich der Wissende alles angeeignet, was nach buddhistischer, aber auch nach brahmanischer Auffassung allein zu wissen not tutund was der verpflichtenden Bezeichnung ‚Wissen‘ alleinig wert erscheint. Keine Zweifel, daß auch dieses indisch-buddhistische Wissen hin und wieder enger sich berührt mit der Errungenschaft, die wir Abendländer unsererseit mit diesem Ausdruck zu benennen pflegen, und namentlich trifft diese engere Berührung zu bei der Erinnerung, die uns in vielem an die bis heut noch nicht außer Kraft gesetzte Wissenschaftlehre Platons wie an das liebe Gesicht eines alten Bekannten mahnt. Aber im ganzen und großen bleibt dieses Büßer- und Erlöserwissen doch so fern von unserem Forscher- und Gelehrtenwissen, daß wir hier auf hohe Schwierigkeiten stießen, uns von diesem gotamidischen Wissen an manchen Stellen ein zulängliches Verständnis zu verschaffen, — gesetzt den sehr günstigen Fall, es gäbe von solch fremden Dingen überhaupt ein zulängliches Verständnis oder könne wenigstens grundsätzlich ein solches geben. Denn was hat es doch, besinnen wir uns gefälligst, mit unserem eigenen Wissen und mit unserer eigenen Wissenschaft für eine Bewandtnis? Und was ist nach unserer eigenen landläufigen Auffassung Wissen und Wissenschaft? Doch offenbar in einem beides: erstens sowohl nämlich eine nach Regeln verfahrende Tätigkeit des Verstandes, der Vernunft, der Urteilskraft, die sogenannte Wahrheit zu vermitteln, — zweitens aber auch das Ergebnis dieser Tätigkeit, der geordnete Besitz oder ‚Schatz‘ aller dieser Wahrheiten. Was wir Europäer zu wissen glauben, glauben wir als die Wahrheit zu wissen, wie schon derheilige Thomas von Aquino uns bedeutet, wenn er gelegentlich den Begriff des Wissens folgendermaßen umschreibt: „Scire aliquid est perfecte cognoscere ipsum; hoc autem est perfecte apprehendere ejus veritatem“... Wissen und die Wahrheit an und für sich wissen, das deucht uns Europäern mithin ohne weiteres ein und dasselbe. Daß es eine solche Wahrheit an und für sich irgendwie gäbe und geben müsse als die maßgebliche Voraussetzung jeder Erkenntnisarbeit, die nicht schimärisch ins Blaue hinein spinnen und schwindeln, faseln und schwafeln will: dieser Satz steht seit dem weltgeschichtlichen Kampf des Pythagoreers Platon gegen den antiken Relativismus nicht nur unerschüttert fest, sondern er steht: steht als derrocher de broncealler Wissenschaft- und Erkenntnislehren, auch wenn die unsterbliche Sophistik unsterblicher Sophisten immer wieder dagegen Sturm gelaufen ist und eben heuer wieder aufs heftigste dagegen Sturm läuft. Es muß eine Wahrheit geben an und für sich (oder wie der Pythagoreer Platon gesagt hat ‚αὐτὸ καθ’ἁυτό‘), es muß einen überhimmlischen Ort, τόπος ὑπερουρανιός geben von gültigen Sachverhalten an und für sich, wenn anders ein Wissen und eine Wissenschaft im europäischen Wortsinn möglich sein sollen. Auch wer da behauptete ‚Es gibt keine Wahrheit‘ beriefe sich bei dieser seiner Behauptung auf die Wahrheit und beanspruchte für sie allgemeine Geltung, überpersönliche Verbindlichkeit, notwendige Verpflichtung. Im Zeichen dieser stehenden und standhaften Wahrheitan und für sich ist die europäische Wissenschaft tatsächlich seit den Griechen von Sieg zu Sieg geschritten, welterobernd und weltherrschend wie kaum je eine zweite Macht der Menschheit; ein unermeßlicher Schatz gesicherter und gesichteter Erkenntnis ward als ein hoffentlich nicht mehr zu verlierender Besitz deshomo sapiensangehäuft und auch wiederum verschwendet, gesammelt und auch wiederum verausgabt. Wer wollte angesichts solch überwältigenden Erfolges so kleinlich sein und an die Opfer denken, die er gekostet hat. Wie selten denken Menschen an ihre Opfer, solange ihnen der Erfolg winkt, — frühestens dann, wenn der Erfolg zur Frage wird, fällt ihnen bei, einen Überschlag zu machen und zu rechnen, und zu rechten...
Unversehens also ist der abendländischen Menschheit das Wissen um die Wahrheit an und für sich zum Ziel und Zweck des Wissens selbst geworden. Durchaus in einer erkennenden Bewegung begriffen nach dem An-und-für-sich-Sein der Wahrheit hin, gilt ihr deren Ergründung ohne weiteres als Selbstzweck. Was dem Wissen um die Wahrheit an und für sich dem menschlichen Leben und Dasein, dem Geist und der Seele etwa bedeuten könnte, wird nicht gefragt, — nicht wird gefragt, was die Wahrheit als solche im Zusammenschluß menschheitlicher Wesensäußerungen und für diesen Zusammenschluß zu leisten vermöchte. Das Ideal dieser Wahrheit an und für sich, von allen asketischen Idealen der europäischen Menschheit unzweifelhaft das asketischste, —aber freilich asketisch im Sinn Nietzsches und nicht im Sinn des Buddho! — dieses Ideal heischt unbedingte Selbsthingabe, ja Selbstaufgabe dessen, der ihm dient: und so war man über seinen Wert beruhigt, weil Selbsthingabe, Selbstaufgabe unter allen Umständen für gut befunden worden. Es mußte eine tiefe Genugtuung sein für jeden, der am babylonischen Turm der Wahrheit bauen helfen durfte, daß er daran bauen helfen durfte, und sei’s auch nur, daß er Ziegel strich oder Mörtel mengte. Die Wahrheit aber wuchs und wuchs Sandkorn um Sandkorn wie eine Düne, wie eine Wüste, nach allen Erstreckungen des Geistes hin. Denn unendlich ist die Zahl dessen, was gewußt werden kann, was gewußt werden soll; unendlich sind auch die Verfeinerungmöglichkeiten des eingeschlagenen Verfahrens und Forschens, Wägens und Erwägens, Messens und Untersuchens, Zählens und Errechnens. Wer auch nur eine einzige Wahrheit, ein Wahrheitchen, zum erstenmal ausgesprochen, eine einzige kleine Beobachtung zum erstenmal gemacht, eine einzige kleine Regelmäßigkeit zum erstenmal entdeckt hat, der half dassummum bonumder Wahrheit an und für sich mehren und das unendliche Ganze der Wissenschaft fördern. „Wenn ein Mann durch Jahre hindurch die Magnetnadel, deren eine Spitze immer nach Norden weist, tagtäglich zu festgesetzten Stunden beobachtete und sich die Veränderungen, wie die Nadel bald mehr bald weniger klar nach Norden zeigt, in einem Buch aufschriebe, so würde gewiß ein Unkundiger dieses Beginnen fürein kleines und für Spielerei ansehen: aber wie ehrfurchterregend wird dieses Kleine, wenn wir nun erfahren, daß diese Beobachtungen nun wirklich auf dem ganzen Erdboden angestellt werden und daß aus den daraus zusammengestellten Tafeln ersichtlich wird, daß manche kleine Veränderungen an der Magnetnadel oft auf allen Punkten der Erde gleichzeitig und in gleichem Maße vor sich gehen, daß also ein magnetisches Gewitter über die Erde geht, daß die ganze Erdoberfläche gleichzeitig gleichsam ein magnetisches Schaudern empfindet“... Uneigennütziger und entsagungbereiter Fleiß des europäischen Gelehrten legt also hier wirklich Körnchen neben Körnchen, Stäubchen neben Stäubchen, bis die Masse der Wißbarkeiten und Gewißheiten zum Berg, ja zum Gebirg gestockt ward, dessen Gipfel zuletzt niemand mehr zu ersteigen vermag. Und wie die europäische Wirtschaft, seit sie nach dem Ausgang des Mittelalters ‚frei‘ betrieben ward, jeweils Ware um Ware auf Vorrat anzufertigen pflegt, ohne sich um ein wirklich bestehendes Bedürfnis nach Waren irgendwie zu kümmern, um dann fast in regelmäßigen Zeitabschnitten empfindliche Stockungen im Absatz und Umsatz zu erleiden, — so erzeugt die europäische Wissenschaft auch ihre Wißbarkeiten und Gewißheiten gleichsam auf Vorrat, ohne darauf bedacht zu sein, ob die aufnehmenden und verarbeitenden Fähigkeiten des Menschen mit den hervorbringenden noch Schritt gehalten haben möchten. So hat sich die Wissenschaft bei uns daran gewöhnt, um der Wissenschaft willen zu forschen, und diesesl’art pour l’art,science pour scienceist eigentlich seit Platon und Aristoteles, will sagen seit den Anfängen des Hellenismus, in Europa auf lange Zeitstrecken hin immer wieder das große Verhängnis des Abendländers geworden. Ebenso planlos, ebenso frei, ebenso unverantwortlich wie die Wirtschaft in hochkapitalistischen Weltaltern hervorbringt, ebenso bringt in den hochintellektualistischen Weltaltern die Wissenschaft hervor, also daß beide von Krisis zu Krisis, von Katastrophe zu Katastrophe taumeln. Wo die Wissenschaft ausschließlich um der Wahrheit willen betrieben wird, da gibt es kein Ziel und kein Maß ihres sogenannten Fortschritts: da wälzt sie ihren unwiderstehlichen Schwall über alle Ufer und schwemmt alles An- und Eingewurzelte von seinem festen Platz, wo es würdig stand und fußte. In dem toten Meere der Wißbarkeiten und Gewißheiten muß der Einzelne rettunglos ertrinken, noch eh’ er an den eintönig-einsilbigen Horizonten ein Fahrzeug wahrnimmt, das ihn bergen könnte. Die unvermeidlichen Folgen dieser wissenschaftlichen Übererzeugung heißen Wissensmüdigkeit, Wissensmißachtung, Wissensüberdruß, genau wie die Folgen der wirtschaftlichen Übererzeugung Absatzstockung, Arbeiterentlassung, Zahlungeinstellung heißen. Und in vierfacher Beziehung erweist die Tatsache der europäischen Wissenschaft eine Fragwürdigkeit, welche geradezu ihre Daseinsberechtigung zweifelhaft erscheinen läßt:
Als Stoff betrachtet wird das Wissen formlos, weil es Form offenbar nur von der aufnehmenden Persönlichkeit her empfangen kann.
Als Besitz betrachtet wird das Wissen herrenlos, weil es Eigentumswert offenbar nur bei der aneignenden Persönlichkeit erwerben kann.
Als Tätigkeit betrachtet wird das Wissen zwecklos, weil es Zweckmäßigkeit offenbar nur durch die zwecksetzende Persönlichkeit gewinnen kann.
Als Leistung betrachtet wird das Wissen stellenlos, weil es Stellenwert offenbar nur in der stellgewährenden Persönlichkeit erlangen kann...
Die tödliche Gefahr dieses entfesselten Wissens, wie ein gefräßig Element auf den unbeschützten Menschen losgelassen, hat indessen gerade der ewige Platon als der geschichtliche Urheber des αὐτὸ καθ’ἁυτό der Wahrheit (oder des ‚in Wahrheit Seienden, des ὄντως ὄν‘) am dringendsten schon gespürt. Denn eben er, dem wir Europäer die erste und wuchtigste Vision einer Wahrheit an und für sich zu danken und — wer weiß? — vielleicht auch zu fluchen haben: eben er ist gleichzeitig doch auch der Schöpfer gewesen der unvergänglichen Gestalt seines Sokrates. Diesen platonischen Sokrates, der einzige, der noch heute mitten unter uns lebt und mit welchem wir leben, ihn hat sich augenscheinlich Platon selber als Gegengift verordnet gegen das unmenschliche ὄντως ὄν, gegen das unmenschliche αὐτὸ καθ’ἁυτό und beider lauernde Gefahren. Diesen Sokrates hat sich Platon in eigener Person verordnet, will heißen er hat sich den klassischen‚Weisen‘ des Abendlandes verordnet, der das bloße Wissen in sich selbst in Weisheit umzusetzen versteht. Der also das Wissen
Warum nämlich ist just Platon, der Erfinder der Wahrheit an und für sich und des Wissens um der Wahrheit willen, zum Dichter des platonischen Sokrates geworden? Weil er mit dieser noch immer atemversetzend nahen Gestalt des klassischen Weisen sich selber am erfolgreichsten zu begegnen vermochte: sich selber und dem schmerzlich gefühlten Schicksal, das er mit seinem asketischen Ideal des ‚in Wahrheit Seienden‘ über die abendländische Menschheit heraufbeschwor. Denn dieser platonische Sokrates will ja zwar die Wahrheit, wie sie an und für sich selbst ist, ohne Einschränkung und Abzug ‚wissen‘. Aber er will sie nicht wissen dieses Wahrseins wegen. Sondern er will sie wissen seiner selber wegen, seines Tuns und Handelns wegen, seiner Selbstgestaltung wegen, seiner ‚Wohlbeschiedenheit‘ (εὐδαιμονία) wegen... Das Wissen als solches gilt ihm für unerläßlich und unentbehrlich, und insofern verdient er selbst durchaus ein Platoniker genannt zu werden. Aber in keinem Augenblick seines Lebens ist ihm das Wissen ein unbedingter Selbstzweck, was es dem strengen Platoniker eigentlich sein müßte. Und in diesem Betracht ist er freilich durchaus Sokrates, durchaussui generis,durchaus Anti-Platoniker, durchaus Gegenmine des Platonismus: wenn auch alles dies von Platons Gnaden. Alles in allem mithin das Gegenstück des Gelehrten, das Gegenstück des Wissenschafters. Der Weise soll wissen und muß wissen. Aber er soll und muß nicht wissen, damit er eben wisse: vielmehr damit er wisse, was zu tun und zu lassen, was zu wünschen und was zu verwerfen, was zu suchen und was zu meiden sei. (Denn Weisheit, hat man in diesen Tagen gesagt, ist Leben in der Form des Wissens, — ist Wissen, wie ich noch lieber sagen würde, in der Form des Lebens...) Sokrates also will wissen, um Sokrates sein zu können, ein Mensch, der sein Leben zu seiner Zeit und an seinem Ort recht zu führen versteht. Derart bringt der Weise eine gewisse Versöhnung zustand zwischen den zwei einander gegenstrebenden Urgewalten oder Grundtätigkeiten alles Lebens, welche die Pythagoreer als Unbegrenztes und als Grenze zu bezeichnen wagten. Mitten im Unbegrenzten aller Wißbarkeiten und Gewißheiten setzt der Weise dem Unbegrenzten eine Grenze in ihm selber, indem er sein Menschenrecht auf die ihm allein zuträgliche, ihm allein bekömmliche Wahrheit geltend macht. Wohl zeltet der unendliche Himmel des ‚in Wahrheit Seienden‘ in seiner Unwandelbarkeit auch über der Gestalt des Weisen, wie er ob allen Wandelwesen zeltet. Aber gleichzeitig übt doch mit Nachdruck der Weise das Grundrecht aller Wandelwesen aus, sich aus dem unendlichen Himmel mit der ihm nützlichen Gewißheit zu versehen und sich unter allenWahrheiten an und für sich diejenige auszuwählen und anzueignen, die ihm am passendsten für den Aufbau seiner Persönlichkeit zu sein scheint. Denn das Gestirn des ‚in Wahrheit Seienden‘ funkelt nicht in die Nacht der Welt, um rein ‚platonisch‘ angestaunt, verehrt, angebetet zu werden, vielmehr um dem sokratisch Wandernden zu Wasser und zu Land den dunkeln Weg zu hellen. Wegweisend ist die Wahrheit für den Weisen, wegweisend erzeugt sie Weisheit im Weisen. Aber weise sein heißt zuletzt nichts anderes, als daß womöglich jedermann Besitz ergreife von seiner Wahrheit und mit unwiderruflicher Entschlossenheit Hand auf seine Wahrheit lege, die keineswegs die Wahrheit jedermanns ist und sein kann. In Übereinstimmung mit diesem Zielgedanken der Weisheit nimmt der platonische Sokrates sich die Freiheit, eine Menge von Wahrheiten nicht zu wissen, welche nicht zu wissen seine Vorgänger in Milet, Elea, Ephesos, Klazomenai, Kolophon, Abdera für unverzeihlich, wenn nicht für unanständig gehalten hätten, — so zum Beispiel das Wissen von der gesamten außermenschlichen, außersittlichen Natur mit seinen Tatsachen und Gesetzen. Nirgends mehr ist die Weisheit des Sokrates mit der längst üblich gewordenen Überschrift betitelt ‚Περὶ Φύσεως‘, sondern mit der neuen, aber einseitigen und ausschließenden ‚Περὶ Ἀνθρώπου‘. Die Gültigkeit der Wahrheit überhaupt steht dem Weisen außer allem Zweifel, weil sie die Voraussetzung darstellt für jede erkenntnismäßige Betätigung als solche. Aber neben dieser Wahrheit überhaupt und (was Wichtigkeit undDringlichkeit anlangt) über ihr steht meine Wahrheit, deine Wahrheit; steht die Weisheit, mit welcher ich lebe, mit welcher du lebst: und damit bricht der platonische Sokrates dem Platonismus die gefährlichste Spitze ab, mit welcher er Fleisch und Geist der europäischen Menschheit hätte vergiften können, wenn es keine Weisen und keine Weisheit gab, — mit welcher er Fleisch und Geist dieser Menschheit vergiftet hat, seit es weder Weise noch Weisheit mehr gibt... Dem Weisen jedoch ist nicht allein die Tugend ein Wissen, sondern umgekehrt das Wissen auch eine Tugend: will meinen eine innerliche Richtungnahme des ganzen Menschen auf jene Sachverhalte hin, die zwar ‚in Wahrheit sind‘, aber für ihn, den Einzelnen und Besonderen, nur je nach ihrer Eignung zur Führung eines rechten Wandels gelten. Und ist schon nicht der Mensch das Maß der Dinge, — er ist es aber, trotzdem just der platonische Sokrates ingrimmig und verbissen den Urheber dieses Erkenntnis aushöhnt! — so ist unmittelbar doch der Weise das Maß alles Wissens: Maß, Form, Herr, Ziel, Ort und Verlebendiger alles Wissens...
Daß dieser Typus des Weisen trotz Kyniker und Kyrenaiker, trotz Stoiker und Epikureer im Fortgang der Zeit immer sicherer vom Typus des Gelehrten und Wissenschafters verdrängt ward, mußte freilich die schleichende Krisis des platonischen Ideals das Wissen um der Wahrheit willen wieder von neuem zum Ausbruch bringen. Oder sage ich vorsichtiger und richtiger: dieser Umstand hätte die Krisis wiederzum Ausbruch bringen müssen, wenn nicht alles bald durch den Sieg des Christentums eine völlig neue und von niemandem zu erwartende Wendung genommen hätte. Vorher bietet allerdings das alexandrinische Zeitalter gewissermaßen das Schauspiel eines späten Wettkampfes zwischen dem Typus des Weisen und des Wissenschafters. Und wenn auch jener erstere herauf bis zu dem ehrwürdigen Demonax des Lukian nie völlig aus der Öffentlichkeit des antiken Lebens verschwand, wo er Pflichten der Seelsorge vielmals rühmlich bis zuletzt erfüllte, — die entscheidenden Bewegungantriebe gehen doch nicht von der Weisheit des Weisen, sondern von der Forschung des Wissenschafters aus: denn dieser und nicht jener bereicherte die Zeit um eine neue Geistesäußerung. Bis dann eben in den ersten Jahrhunderten der werdenden Kirche sowohl der Weise wie der Wissenschafter für die Dauer von rund tausend Jahren kalt gestellt werden und damit die Krisis im Platonismus behoben ist. Der geschichtliche Stifter des Christentums bekämpft den Weisen bekanntlich mit der ihm eigenen heißblütigen Leidenschaftlichkeit, trotzdem er selbst in starkem Maß vom Ideal der Stoa miterzogen und mitgebildet erscheint. Genug! Die Weisheit vor den Menschen wird als Torheit vor Gott verlästert, verlästert insonderheit darum, weil sie sich in heidnischem Dünkel vermißt, aus eigener Menschenkraft zu bewirken, was bestenfalls der Gnade Gottes vorbehalten wäre. In der Hauptsache aus diesem, aber auch aus manch anderem Grunde sonst kann die neue Religion denWeisen nicht mehr gebrauchen, und noch weniger freilich dessen geschichtlichen Gegenspieler, den Wissenschafter und Gelehrten. Die menschliche Weisheit war Torheit vor Gott, aber die menschliche Wissenschaft war gegenstandslos schlechthin; — einer sich selbst rechtfertigenden Wissenschaft aber, welche platonisierend die Wahrheit um der Wahrheit willen zu erforschen behauptete, ihr hätte man wohl mit dürren Worten die abspeisende Antwort gegeben: die Wahrheit, o Mensch, ist Gott und Gott ist die Wahrheit! Wer Gott hat, der hat die Wahrheit. Wer aber Gott nicht hat, — was soll ihm die Wissenschaft? Daß Gott die Wahrheit sei und die Wahrheit Gott, dies war der grundsätzliche Ertrag, den das junge Christentum von der gesamten Wissenschaft und Wissenschaftlehre der Griechen übernahm. Dies war gewissermaßen der Saldo, den es als zu überschreibenden Rechnungbetrag auf das neue Blatt der Weltgeschichte eintrug...
Ein höchst bedeutungreicher Saldo, ihr Christen, wenn es recht bedacht wird! Denn jetzt löste die junge Kirche dieselbe Aufgabe theologisch und ontologisch, welche der platonische Sokrates pragmatisch und ethisch zu lösen versucht hatte. Die Wahrheit an und für sich, welche seit Platons Auftritt sozusagen frei in der Luft geschwebt hatte, um erst in der Person des Weisen nachträglich einen Haft und Halt zu finden, sie fand hier Haft und Halt von vornherein in der Person Gottes. Seit Platon und Aristoteles ein logischer Begriff, wurde die Wahrheit seit Augustinus, ja seitPlotinos ein ontologischer Begriff: die bloße Eigenschaft gewisser Denkverknüpfungen dort ward zum Sein und Wesen hier. Überraschend buchstäblich nahm die neue Lehre das Wort Platons von dem ‚in Wahrheit Seienden‘ und machte mit ihm Ernst in alle erdenklichen Konsequenzen: Gott selbst ist fortab das in Wahrheit Seiende, Gott selbst ist der in Wahrheit Seiende. Die Wahrheit wissen, hieß darnach Gott wissen auf Grund der Gleichung Wahrheit = Gott, Gott = Wahrheit, — und damit war in Ansehung des Wissen und seiner wesentlichen Leistung jeder Zweifel vollständig beseitigt. Von dieser theologischen und ontologischen Umdeutung des Begriffes Wahrheit her konnte dann allerdings auch vom Standpunkt des Christentums und seiner Kirche aus Wissen und Wissenschaft um der Wahrheit an und für sich willen zugelassen werden, — hatten doch jetzt diese nach Heidentum schmeckenden Namen einen vollkommen unheidnischen Sinn unterstellt bekommen. In dieser Wissenschaft, deren einziger Gegenstand und Vorwurf Gott heißt, kann sich der Mensch nicht wie in den Ideen Platons ziel- und richtunglos verlieren, hier muß er sich im Gegenteil erst richtig finden. Wer Gott auf wahrheitgemäße Weise weiß, der ißt gleichsam von Gott, —qui mange du pape, en meurt; qui mange de Dieu, en vit!— und es ist fast doch mehr wie ein bloßes Gleichnis, wenn ich zu behaupten wage, die Scholastik des Mittelalters habe wenigstens ihre Haupt- und Grundwissenschaft Theologie in nächste Nachbarschaft der Sakramente gebracht, wasLeistung, Erfolg, Bedeutung dieser Wissenschaft für den Ausübenden anbetrifft. Das scholastische Wissen von Gott ist in der Tat etwas wie ein Sakrament, wobei Gott durch die Erkenntniskraft des Menschen geradezu eingenommen, einverleibt, einvergeistet erscheint:sacramentumim Sinn von ‚Heilsmittel‘, weil dieses Wissen von Gott das Heil in Gott vermittelt; χάρισμα im Sinn von ‚Gnadengabe‘, weil dieses Wissen von Gott ohne Beistand der Gnade Gottes nicht zu erlangen ist; μυστήριον im Sinn von Einweihung, weil dieses Wissen von Gott den Wissenden zu Gottes Sohn und Kind weiht. Im Vorgang dieses Wissens geschieht es, daß Gott bei der Gestaltung seines eigenen Gedankens im Geist des Wissenden aus allen seinen Kräften selbsttätig in Mitwirkung, oder wie Luther wahrscheinlich gesagt hätte, in ‚Konkomitanz‘ mit diesem Geiste tritt; im Vorgang dieses Wissens geschieht es, daß der gewußte Gott die Vernunft des menschlich Wissenden seiner eigenen Gottvernunft anähnlicht. Diese sakramentale (und nicht mehr alleinig ‚mentale‘) Auffassung des Wissens wird dann noch, das versteht sich für jeden ungefähren Kenner des Mittelalters ganz von selbst, aufs nachdrücklichste verstärkt durch die realistische Doktrin, wonach die erfaßten Denkinhalte, je allgemeiner sie nach Inhalt und nach Umfang werden, einen umso höheren Grad von Wirklichkeit gewinnen, bis in dem Denkinhalt von höchster Allgemeinheit zugleich der höchste Grad von Wirklichkeit erreicht ist: und das ist wiederum Gott. An den Graden begrifflicher Allgemeinheit steigtmithin der Wissende von Wirklichkeit zu Wirklichkeit aufwärts bis zur allerallgemeinsten und allerwirklichsten Wirklichkeit. Weit entfernt davon mit den Begriffen zu spielen, wie man mit Gespinsten des Gehirns spielt, bemächtigt man sich im Begriff der höchsten Wirklichkeit der Welt. Hier stoßen hart im Raum sich die Gedanken, wenn leicht beieinander alle Sachen wohnen. Begriffe sind Wirklichkeiten über die Gegebenheiten der Sinneswahrnehmung hinaus und sogar noch die ‚falschen‘ Begriffe sind unter Umständen Wirklichkeit, nur mit dem höllischen Vorzeichen der Widersacherschaft gebrandmarkt. Daher die furchtbare Gefahr der falschen Meinung, irrigen Lehre, verkehrten Ansicht, die dem mittelalterlichen Menschen so etwas ganz anderes bedeuten als dem antiken oder gar modernen Wissenschafter dieser oder jener Denkfehler. Denn wer da nicht das Wahre denkt, schließt sich der Widerwelt des Wahren an und so dem Widersacher Gottes. Wissen, das heißt hier fast die Entscheidung treffen, ob einer gewillt sei, des Lebens Kampf auf seiten der himmlischen Heerscharen oder der höllischen Mächte zu kämpfen, und dieserhalb war es von der scholastischen Auffassung aus nur folgetreu gedacht, dem Irrenden nicht mit dem Holzschlegel zwar, aber mit dem prasselnden Scheiterhaufen ‚seelsorgerisch‘ bedacht zu winken...
Die menschliche Leistung dieses Wissens kann, wie ich schon sagte, nicht gut einem Zweifel unterliegen. Hier verschwimmt die Wahrheit nicht in den rauchenden Horizonten zwischen Himmel und Erdein einer überall gleich fernen Unendlichkeit von Sachverhalten an und für sich, welche das Mißliche an sich haben, daß sie ausnahmlos denselben Anspruch auf Anerkenntnis und Geltung erheben und erheben dürfen. Solange die Wahrheit Gott ist und Gott die Wahrheit, findet sie in Gott Haft und Halt, und mit der Wahrheit findet der Mensch in Gott Haft und Halt, der sich ihre Ergründung angelegen sein läßt. Beklagenswert war nur, daß diese Gleichsetzung von Gott und Wahrheit doch nicht dauernd in Kraft bleiben konnte, sondern daß eben der ontologisch-theologische Charakter des ‚in Wahrheit Seienden‘ bestritten ward. Die Formel Wahrheit = Gott und Gott = Wahrheit hatte seit Augustinus, wir wissen es, den unangetasteten Besitz der Patristik und Scholastik gebildet, und vermutlich ist es ein starkes Gefühl der Unentbehrlichkeit dieser Formel gewesen, welches die Kirche veranlaßt hat, die ersten und ach! so tastend zaghaften Regungen des Nominalismus in der jungen Wissenschaft des mittelalterlichen Abendlandes durch Machtspruch zu unterdrücken und den vielleicht führenden Nominalisten Roscellinus von Armorika auf dem Konzil zu Soissons zum Widerruf zu nötigen: denn in der Tat ist es der aufkommende Nominalismus, der dann die Voraussetzungen dieser Formel aufhebt. Wenn die Begriffe nicht mehr wirklich sind, geschweige denn, daß ihre Wirklichkeit mit wachsender Allgemeinheit selber wächst und vollkommener wird, dann büßt auch der allgemeinste aller Gemeinbegriffe, nämlich dasuniversale‚Gott‘,seine Wirklichkeit ein und seine Wahrheit im Sinn der realistischen Auffassung wird fragwürdig. Selbst nämlich wenn Gott auch dann noch in Person in irgendeinem Wortverstand ‚wahr‘ bleiben sollte, bleibt er’s doch länger nicht mehr im Wortverstand jenesens realissimum, ens generalissimum. Just die allgemeinsten Begriffe und Vorstellungen verlieren ihre Wirklichkeit und damit auch ihre Bindung an den vollkommenen Inbegriff aller Wirklichkeiten, an die Urwirklichkeit schlechthin oder Gott. Jetzt lösen sich die Wahrheiten von der Einen Wahrheit ab und diese bleibt gleichsam entblättert zurück wie der Stumpf einer Palme, deren Schaft aus den leeren Scheiden längst abgestoßener Blätter besteht... Gibt es aber ‚wahre‘ Begriffe, die abgesondert vom Ursein der höchsten Wahrheit zu bestehen vermögen, ja die sogar nur in dieser Abgesondertheit bestehen, dann gibt es auch wieder (wie einst im Platonismus!) eine Wahrheit, die weder Gott selber noch göttliche Dinge irgendwie betrifft. Dann gibt es auch wieder eine Wissenschaft, die nicht um Gottes willen, sondern eben um der Wahrheit an sich willen betrieben wird. Dann ist das Abendland zum zweitenmal der beklemmenden Gefahr ausgesetzt, die alle Wissenschaft bloß des Wissens wegen und alle Erkenntnis bloß der Wahrheit wegen je und je verfolgt...
Es ist somit die nominalistische Scholastik, welche den Begriff Wahrheit wieder auf seine eigenen Beine zu stellen wagt, nachdem die realistische Scholastik Wahrheit und Gott, nur gleichsam in der Mitte zusammengewachsen, wie siamesische Zwillinge auf den europäischen Jahrmärkten herumgezeigt hatte. Die Anstrengungen aber, wie sie in den folgenden Jahrhunderten des siegreich vordringenden Nominalismus gemacht werden zugunsten einer endgültigen Verselbständigung der abendländischen Wissenschaft, sie werden vervielfältigt durch die entsprechenden Anstrengungen der Reformatoren. Ein Mann wie Luther lernt auf der Universität die Scholastik nur noch in der nominalistischen Ausprägung kennen, und wenn er im Ungestüm der ersten Kämpferjahre geradezu den Fortbestand europäischer Wissenschaftlichkeit als solchen schwer gefährdet und vorübergehend eine massenhafte Entvölkerung von Deutschlands hohen Schulen bewirkt, ist er bei der Weiterführung seines Werkes doch zu sehr auf die Mitarbeit gelehrter Humanisten angewiesen, um nicht zuletzt diesen neu erstandenen Typus Wissenschaft und Wissenschafter seinerseit nach besten Kräften zu fördern. Eine im Humanismus jener Tage schüchtern auflebende Freude an der Gestalt des Weisen — am anziehendsten vielleicht verkörpert in dem gothaer Humanisten Konrad Mudt, der unter dem Namen Mutianus Rufus einen schier sokratischen Einfluß auf die ihm ergebenen Jünglinge ausübt, mit denen verbunden er innig „nach Gerechtigkeit, Mäßigkeit, Geduld, Eintracht, Wahrheit und einmütiger Weisheit“ strebt! — eine solch schüchtern auflebenderinascènzaantiker Lebensführung und Wissensbewältigung findet freilich nicht den Beifall des Bruders Martinus und kann siebei ihm nicht finden, dem der Weise seiner ganzen Veranlagung nach noch mehr gegen den Strich gehen muß wie seinen religiösen Vorkämpfern Paulus und Augustinus. Mit Weisheit war keine Reformation gemacht und ein kochender Geyser ist kein Kristall, nicht einmal ein flüssiger. Aber in der außerordentlichen Bewertung einer kritisch zu betreibenden Wissenschaft fühlt sich auch Luther durchaus mit dem Humanismus einig, — war doch sein ganzer Evangelismus zutiefst nur eine besonders fruchtbare Anwendung des humanistischen Grundsatzes jener zeitgemäß verfahrenden Forschung: Zurück zu den Quellen! Zurück zu den Ursprüngen! Zurück zu den Urkunden!... Diese humanistische Wissenschaft, in ihrer Beschaffenheit ebensosehr nominalistisch und kritisch wie die scholastische Wissenschaft realistisch und dogmatisch, wird mithin seit der deutschen Reformation von dem mächtigen Atem des Protestantismus gebläht und geschwellt. Kritik heißt die Springwurzel, Kritik heißt die Sprengwurzel, welche die Schlösser soviel heimlicher Schatzkammern des Wissens krachend aufsprengt; Kritik heißt die Kunst der Vernunft, die Wahrheit an und für sich selbsttätig auszumitteln, die vormals der Scholastiker gleichsam auf Gnadenwegen als den Geist des Allerheiligsten in seinem Geist empfing. Jetzt besteht ein angeborenes Menschenrecht für jeden, der des Wissens bedürftig ist, die sich darbietenden Sachverhalte der Reihe nach zu prüfen auf ihre Richtigkeit oder Irrigkeit hin, — jetzt besteht sogar eine angeborene Menschenpflicht,sich dieser selben Prüfung nicht in Feigheit oder Trägheit zu entziehen, sondern sie vorzunehmen nach ‚bestem Wissen und Gewissen‘. Der Kritiker, das ist der Richter über Wahr und Falsch: der Richter, der da Wahr und Falsch erst zu suchen, erst zu finden hat, ehe das Urteil ergehen kann, — und just dieser Umstand ist von großer Tragweite in der Folgezeit gewesen. Denn von da an heißt ja Wissen nicht mehr einen von vornherein daseienden Besitz an ewigen Wahrheiten, ewigen Denkinhalten, ewigen Gewißheiten einfach anzutreten, wie beispielweis das Mittelalter die ewige Wahrheit ‚Gott‘ angetreten hat. Fortab heißt Wissen in unablässiger Prüfung und Überprüfung die Entscheidung über das, was gilt oder nicht gilt, durch eigenes Tun, eigenes Können herbeiführen und furchtlos die Verantwortung für die eigene Entscheidung auf sich nehmen. Ein gewaltiger Umschwung, der ein paar Jahrhunderte später seinen denkwürdigen Ausdruck in der Lehre Kants gefunden hat, wonach die Gegenstände des Wissens keineswegs schon fertig zum Gebrauch vor dem zugreifenden Verstand des Wissenden ausgebreitet liegen, wie bisher die übliche Meinung war, sondern durch die geregelte Zusammenarbeit sämtlicher Erkenntniskräfte erst erzeugt, hervorgebildet und erschaffen werden. Wenn der Platoniker nur sein geistiges Auge aufzuheben brauchte zu der Feste der ‚in Wahrheit seienden‘ Sinn-Bilder, nachdem er den Blick von dem Schein-Bild der Werdewelt abgewendet hatte: und er alsdann das Wahre an und für sich schaute; wenn der Peripatetiker nurin Übereinstimmung mit den Vorschriften des Vernunftschlusses zu folgern brauchte, nachdem ihm die ersten und grundlegenden Obersätze aller aufwärts und abwärts leitenden Schlüsse durch unmittelbare Kenntnisnahme gegenwärtig geworden waren: und er alsdann die Wahrheit an und für sich ergründete; wenn der Scholastiker nur in Berührung zu gelangen brauchte mit der Vollkommenheit des höchsten Wesens, nachdem er sich der begnadenden Mitwirkung dieses Wesens bei diesem geistigen Mahl geistiger Eucharistie versichert hatte: und er alsdann die Wahrheit als Gott und Gott als die Wahrheit empfing, — so liegt es jetzt dem Kritiker und Kritizisten ob, sich ein für allemal die notwendige Klarheit darüber zu verschaffen, daß es eine an und für sich seiende Wahrheit in der bisher gültigen Auffassung eigentlich nicht gäbe, vielmehr durch die Arbeit des Wissens und Erfahrens und Erkennens erst hervorgebracht werden müsse. Mit dieser Einsicht erst, die der kantischen Kritik verdankt wird, ist die allmähliche Umdeutung des Begriffes Wissen und Wissenschaft zu Ende gebracht, welche im humanistischen Zeitalter mit der Zersetzung des scholastischen und realistischen Dogmatismus beginnt und dann vom Protestantismus so nachdrücklich gefördert wird. Und wie etwa Benvenuto Cellini, der Erzgießer, gelegentlich alle Teller, Schüsseln, Platten eines Geschirrs von Zinn, die er im Drang der Not erraffen kann, einfach in den Sutt seiner eben werdenden Statue hineinwirft, um sie darin für den Guß einzuschmelzen, — so übergibt Kant, derKritizist, alle Gegebenheiten, Wahrheiten, Gewißheiten der Erkenntnis, deren er überhaupt habhaft zu werden vermag, gleichsam dem Sutt werdender Vernunfturteile, um derart die spröden Gebilde fertiger Wissenschaft in die Tätigkeit der Wissenserzeugung einzuschmelzen. In einem bis zu den obersten Voraussetzungen des Erkennens rücklaufenden Verfahren hat mithin der Kritiker alles zu prüfen und immer wieder zu prüfen, was mit dem Anspruch auf Verbindlichkeit und Geltung vor ihn tritt. Nichts in der Welt ist dazu berechtigt, sich unbeanstandet, unbeargwöhnt Wahrheit oder Gewißheit gar anzumaßen. Wofern jede Prüfung aber auf dem Besitz der Maßstäbe, jede Entscheidung auf dem Recht der Zuständigkeit fußt, obliegt dem Kritiker eine andauernde Selbstbesinnung auf diese seine Maßstäbe, eine andauernde Rechtfertigung dieser seiner Zuständigkeit. Die ganze unendliche Welt legt der kritisch Prüfende, kritisch Entscheidende auf die Wage: der kritisch Prüfende und Entscheidende wird sich und der Welt selber zur Wage, die nun niemals mehr zur Ruhe kommt, sondern beständig auf und nieder schaukelt, auf und nieder gaukelt. Jeder Einfall, jede Beobachtung, jede Entdeckung erzwingt eine Verschiebung der Gewichte und infolgedessen zittert und bebt, wankt und schwebt, tanzt und schwankt alles Gewußte und alles Wißbare ohne Aufhören. Nichts mehr in Raum-Zeit und Zahl steht fest, nichts mehr steht: und am wenigsten die Wahrheit. Wie vordem das Radjuwel das Kennzeichen gewesen ist für die Lehre Gotamos oder der Fisch das Kennzeichenfür die Zugehörigkeit zum Christentum, so wird jetzt das Fragezeichen zum Kennzeichen des kritischen Wissensbegriffes und des ihm zugehörigen Weltalters, — das Fragezeichen das Kennzeichen und vielleicht eher noch das Kainszeichen einer zu geistiger Fried- und Heimatlosigkeit verdammten Menschheit. Unausgesprochen oder ausgesprochen, unausgeschrieben oder ausgeschrieben erscheint das Zeichen der Frage hinter allen Urteilen und Deutungen, Annahmen und Voraussetzungen der heutigen Wissenschaft als diereservatio mentalis, die jedes erkenntnismäßige Ergebnis zu einem nur einstweiligen, nur uneigentlichen, nur annäherungweisen, nur widerruflichen unrühmlich herabsetzt. Es kann sich alles ungefähr so verhalten, wie sich’s dem kritischen Bewußtsein zu dieser Stunde zu verhalten scheint. Aber es kann sich auch alles völlig anders verhalten, und der Möglichkeiten, wie sich’s verhalten könne, ist nirgendwo kein Ende abzusehen...
Aus dieser verzweifelten Lage versucht sich der europäische Genius noch einmal zu retten, eh’ er sich stumpfsinnig und ergeben in das augenscheinlich Unvermeidliche schickt. Der kritische, ja der protestantische Begriff des Wissens ist es, der jedem Einzelnen die eiserne Pflicht auferlegt, die Aussagen des Verstandes, die Grundsätze der Vernunft, die Entscheidungen der Urteilskraft auf ihr Wahr oder Falsch, Richtig oder Irrig hin zu sichten und sich die Stellungnahme zu ihnen je nach dieser Sichtung vorzubehalten. Aber selbst in diesem Zeitalter der Kritik und desKritizismus ist dem Abendländer das Bewußtsein noch nicht völlig verloren gegangen, daß die wesentlich menschheitliche Leistung des Wissens unmöglich auf die kritische Schlichtung der Erkenntnisse in gültige und ungültige allein beschränkt sein könnte. Sogar jetzt bleibt eine Ahnung wach, daß alles Wissen, wie es auch beschaffen sei, für den geistig-seelischen Aufbau der Person und für deren Selbstverwirklichung fruchtbar zu machen sei. Gleichzeitig mit der Hochtürmung des kritischen Gedankens in der kantischen Philosophie setzt eine neue humanistische Bewegung ein von ungleich stärkerer und umfänglicherer Artung als jene des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts: und vor allem ist es ihr zu danken, wenn man sich wieder deutlicher besinnt auf das, was ich eben die menschheitliche Leistung des Wissens nannte. Das Wissen kann, nein das Wissen soll der Bildung dienen, die Bildung aber der planmäßigen Selbststeigerung, Selbstbereicherung, Selbstveredelung aller menschlichen Fähigkeiten. Wenn also in Wahrheit die kritische Auffassung des Wissens auf humanistische Ansätze im Zeitalter des Protestantismus zurückgeführt werden darf, dann schreitet sie ihrerseit auch wieder instinktiv zum Humanismus fort. Nur daß jetzt, — wir sind im achtzehnten Jahrhundert, — die immerhin schmächtigen und leibarmen Gestalten erfurter oder gothaerdoctoreszu jenen stattlich ragenden Persönlichkeiten ausgewachsen sind, welche Deutschlands Parnaß damals bevölkerten. Noch einmal geben sich auf deutscher Scholle der sokratisch Weise und der humanistischGebildete ein Stelldichein; noch einmal treffen sich beide wenigstens in dem einen Gedanken enge, daß jede menschliche Person die Anwartschaft auf ihre eigene Wahrheit habe, um mit ihr zu leben und zu sterben, — ja nicht allein auf ihre eigene Wahrheit, sondern etwa auch auf ihren eigenen Irrtum, wie Lessing so herzhaft tapfer erkannt und Goethe so natürlich schön gelebt hat. Dieser humanistische Begriff der Bildung anerkennt zwar also jegliche Pflicht zur Prüfung und Entscheidung über das Wahr-Falsch des Wissens durchaus, aber ordnet dieser grundsätzlich protestantischen Verpflichtung doch sofort die zweite als die höhere über, sich aus dieser schlechten Unendlichkeit von Wahrheiten diejenigen gleichsam auszusuchen, welche geeignet erscheinen, die eigene Persönlichkeit ihrer äußersten Steigerung zuzuführen: und gleichfalls aus der Unendlichkeit aller Irrtümer sogar auch solche Irrtümer, die demselben Zweck dienlich sein möchten. Dem Weisen von ehedem war noch genau das zu wissen nötig, was er in seiner Eigenschaft als Mensch, Mitmensch, Bürger zu tun oder zu lassen habe, um als ein ‚Wohlbeschiedener‘ zu wandeln, — darüber hinaus durfte getrost alles Wissen überhaupt auf sich beruhen bleiben. Der Gebildete indes nimmt es als sein bestes Vorrecht, alles, wie sich’s eben fügt und schickt und trifft, seinen aneignenden und anpassenden Tätigkeiten zu unterwerfen, womit er freilich den schmalen Rahmen zerbricht, in welchen der Weise sein schlichteres Bildnis von sich selber einzufassen liebte... In dem Maß,als mithin der Zielgedanke der Weisheit den Zielgedanken der Bildung an innerer Standfestigkeit und Unerschütterlichkeit übertrifft, in dem Maß übertrifft auch der Zielgedanke der Bildung den der Weisheit an innerer Umfänglichkeit und Spannungkraft. Der Weise ist immer auch zugleich ein Geiziger, aber der Gebildete verschwendet, und zwar am meisten sich selbst. Baustoff zum Aufbau seiner selbst, seines Selbst deucht ihn alles, was überhaupt noch in die Grenzen menschlichen Aufnahmevermögens fällt, nicht allein das ihm eigentümliche Wahre, sondern auch das ihm eigentümliche Irrige. Der Gebildete weiß, daß Wahrheit und Wahn aller Völker, Helden und Zeiten bilden können und gebildet haben, und je stärker sich der Gebildete von dieser unumstößlichen Gewißheit durchdrungen fühlt, desto weiter spannen sich die Grenzen dessen, was er zu seiner Selbstverwirklichung verwerten kann. Das Wissen des Weisen trachtet darnach, ein Mindestmaß zu werden; das Wissen des Gebildeten eifert nach dem Höchstmaß schlechterdings, und wenn einen, so lockt ihn der goldene Überfluß der Welt. Was da das Aug’ erblickt, das Ohr vernimmt, die Hand ertastet, der Sinn erdenkt, die Einbildungkraft erträumt, die Sehnsucht erwünscht, der Geist erdichtet, das wird ihn unter günstigen Bedingungen formen und gestalten. Denn Bildung ist Selbstvervielfältigung um alle die Erfahrungstoffe und Erlebnisinhalte der Welt, und in diesem Wortverstand deckt sie sich schon beinah’ mit der Erinnerung, die vorhin gleichermaßen gekennzeichnet wardals eine Art von Selbstvervielfältigung. So spinnt der neue Humanismus seidene Fäden über alle Länder und Erdteile, über alle Zeiten und Gesittungen, über alle Äußerungen und Hervorbringungen, über alle Geschehnisse und Geschichten. Neben das Rom der älteren Humanisten tritt überragend Griechenland, neben Griechenland der Balkan, Judäa, Arabien, Kleinasien, der Jrân, Ägypten, Indien, China... Eine Weltwanderschaft beginnt, eine zweiteconquista, nur ohne Grausamkeit und Teufelei, ohne Blutvergießen und Verrat, ohne Leibesmord und Seelenvergiftung, vielmehr alleinig mit der göttlichen Waffe des Geistes. Der materiellen Besitzergreifung dieser Erde folgt die spirituelle, und sie tilgt die blutigen Spuren jener mit der Barmherzigkeit eines Engels. Denn diese Bildung — ich nutze die Gelegenheit, es endlich einmal auszusprechen! — diese Bildung zeigt ihre ehrwürdigen Träger und Vertreter wundersam begütigt: begütigter vielleicht als die Heiligen der bisher bekannten Religionen in Europa. Fast sieht es aus, als sei der Mensch dieses bösen Kontinentes hier zum erstenmal wirklich Mensch, hier zum erstenmal wirklich gut geworden, jetzt, wo er sich zum erstenmal bildet. Nicht aus Zufall auch wird in diesem Weltalter der Bildung gleichfalls zum erstenmal die Duldung zum Ideal der Zeit erhoben, nachdem sämtliche frühere Zeiten von einer Tugend solchen Namens nicht nur nichts wußten, sondern nichts wissen wollten. Zu dieser Stunde aber konnte, ja mußte die Duldung ernstlich geboten werden, — obschon diese Duldungnatürlich eine vieldeutige Erscheinung von mancherlei verschiedenen Ursachen gewesen ist, die keineswegs alle auf dem Gebiet des Geistes liegen. Die Duldung konnte, ja mußte in dieser Stunde geboten werden, weil der Gebildete endlich begreift, wie gleichmäßig fruchtbar jede Tatsache des Wissens, jede Tatsache des Glaubens sogar vom Menschen gemacht werden kann, unbeschadet seiner protestantisch-kritischen Pflicht zur Prüfung über Wahr und Falsch. Weil aber und wofern es der Gebildete ist, welcher dies begreift, vermag er den kritischen Begriff des Wissens von innen her zu überwinden. Wahr ist zwar nur, was die Vernunft in Übereinstimmung mit ihren eigenen Grundlagen und Voraussetzungen findet: aber in einem freien Sinn ist außerdem alles wahr, was den Menschen bändigt und erzieht, veredelt und aufklärt, läutert und verschönert, barmherzig und liebreich macht wie beispielweis jede der drei bekannten großen Religionen. Und weshalb nur jede der drei großen? weshalb nur jede der sogenannten Religionen? weshalb nicht alle in der Seele empfangenen und aus der Seele geborenen Religionen, Bekenntnisse, Glaubensvorstellungen, Moralen, Weltbilder, Künste, Heil- und Heiligtümer? So aufgefaßt aber machen die geflügelten Worte des Juden Nathan zum Kalifen Salah-ed-Din einen bislang unbekannten Zustand unseres Festlands kenntlich: einen bislang unbekannten Zustand nicht nur unseres Europa, sondern gleichsam eines neuen und eben erst erstehenden Kontinentes, der vielleicht nicht ganz unpassend Europasien zu nennenwäre, wenn anders man mir dieses Wort verzeihen will, welches eines Tages, wer weiß es, ein kaum mehr zu entbehrender Begriff sein wird... Genau diese nathanische Toleranz aber ist es, die jetzt dem europäischen Gebildeten den Zugang, den lang und fest versperrten, zum mütterlichen Festland wiederum entriegelt. Denn daß in diesem Augenblick einer der kritischsten, ja einer der polemischsten Köpfe seines kritischen Jahrhunderts diese durchweg männliche Duldsamkeit verkündigt, — es gibt auch eine weibische Duldsamkeit, von der hier nicht geredet werden soll! — daß just der Kritiker zur Toleranz sich bildet und in der Toleranz seine Kritik überwindet: das ist schon ein Stück Asien mitten im Herzen Europas. Das ist die erste Regung asiatischer, ja schon fast gotamidischer Groß- und Langmut, die sich unerschüttert-unerschütterlich genug weiß, alles unter dieser irdischen Sonne Auf- und Niedergehende in seiner Art an seinem Platze gelten zu lassen. Hier spricht die Menschlichkeit Asiens, wenn just der leidenschaftlichste Anti-Dogmatikus, der hitzigste Anti-Theologus das uralte Gleichnis von den drei Ringen wieder aufgreift und es der europäischen Welt, nein der Welt überhaupt als das nie mehr preiszugebendetertium testamentumhinterläßt. Der glänzendste Vertreter mittelalterlicher Bildung, der Fürst, an welchem das glorreiche Deutschland des Mittelalters zugrunde ging, konnte auf die nämliche Frage noch, welche Saladin dem weisen Nathan stellt, die Antwort von den drei Betrügern finden. Lessing jedoch fand darauf die tiefere undschönere Antwort von den drei Wahrheiten: und so fand er auf seine Weise eine Spur von jener Lehre, „deren Anfang begütigt, deren Mitte begütigt, deren Ende begütigt“...
Das Zwischenspiel der europäischen Bildung, die endlich wieder einmal wußte, weshalb der Mensch wissen soll und wissen muß, war herrlich aber kurz. Es versprach überschwänglich viel und vieles, und das war mehr, als es halten konnte. Ein Jahrhundert, in wesentlichen Stücken deutsch trotz aller staatlichen Unbedeutung Deutschlands, ein Jahrhundert zwischen den Mannesjahren Herders, Wielands, Lessings und dem Tod der beiden Humboldts, — und vorbei! Dasselbe Volk aber, welches den Begriff der Bildung in einem ruhmreichen Geschlecht von Denkern, Künstlern, Dichtern und Gelehrten auf seinen europäischen Gipfel getrieben hatte, schändet diese Bildung und schändet sich selber mit einem niemals zu verzeihenden Zynismus. Was seit dem Sieg des schlechteren Deutschland über das bessere in Deutschland selber und folglich auch in Europa Bildung heißt, verhält sich zu der Bildung des achtzehnten Jahrhunderts wie sich ein Mann etwa von der Würde Schillers zu einem einjährig-freiwilligen Prüfling mit ‚erlangter Reife‘ verhält, oder wie sich ein Kunstwerk von dem Wert des Palazzo Pitti zu einem Schweinekoben verhält. Darüber ist längst jedes Wort zuviel; — genug, daß sich seit jenem schlimmsten Höllensturz, den vielleicht die europäische Geschichte vor dem November 1918 zu verzeichnen hat, die kritisch-protestantische Wissenschaftlichkeit des Abendlandes ohne jede selbst auferlegte Hemmung gehen läßt und austobt wie ein Mönch, der sein Gelübde brach. Jetzt hat ein jeglicher die Pflicht und auch das Recht, nach Möglichkeit alles zu wissen, alles zu begutachten, alles zu beurteilen, alles zu richten, alles zu entscheiden, alles zu erlauben, alles zu verbieten. Wahrheiten, die nicht Wahrheiten jedermanns sind und nicht ‚allgemein und notwendig‘ gelten oder nicht gelten, gibt es von jetzt an nicht mehr. Wahrheiten, die vielleicht nach dem strengen Wortgebrauch des Wissenschafters keine sind, vielmehr eher Irrtümer, die aber trotzdem ‚wahr‘ in einem anderen Wortgebrauche sind, weil sie Leben spenden und Entwicklungen fördern und Kräfte entfesseln und Bewegungantriebe übermitteln und Spannungen bewirken und Lösungen vorbereiten, — sie gibt es von jetzt an nicht mehr. Wahrheiten, die mit den einzelnen Lebensaltern wachsen und wieder mit ihnen welken und darum stets wieder ihre Zeit haben wie die Gezeiten des Himmels und der Erde, gibt es von jetzt an nicht mehr. Wahrheiten, die furchtbar auszuhalten sind wie eine verlorene Schlacht und dennoch eines Helden persönlichsten Sieg über die Welt und über sich selber darstellen, gibt es von jetzt an nicht mehr. Wahrheiten, die zwar nicht in Hörsälen nachgeschrieben, mit dem Steiß ersessen, mit dem Experiment erhärtet werden, dafür aber etwa mit dem eigenen Leben beglichen und mit dem eigenen Blut bezahlt sind, gibt es von jetzt an nicht mehr: desgleichen nicht mehr Wahrheiten, die zwar nicht in staatlichen Prüfungenöffentlich erprüft, dafür aber in vielerlei heimlichen Proben erprobt sind, nämlich in der Feuerprobe, in der Wasserprobe, in der Wollustprobe, in der Todesprobe, wie ein Adept altägyptischer Mysterien... Fortab verhält sich eine Sache so oder anders, und sobald dies ausgemacht ist, ist dieselbe Sache eigentlich im ersten wie im zweiten Fall erledigt, — denn ausgemachte Wahrheiten pflegen uns gemeinhin ebenso wenig zu bekümmern wie ausgemachte Unwahrheiten. Die Kriterien aber sind in jedermanns Besitz, wofern ja die Vernunft und ihre Verfahrungweisen wenigstens grundsätzlich in jedermanns Besitz sind. Kritik braucht daher nirgends haltzumachen, soll und darf sogar nirgends haltmachen. Jeder stempelt alles ab, fertigt alles ab, nimmt zu allem Stellung, wahrt zu allem Abstand, behält sich die letzte Entscheidung gegenüber allem vor, unterwirft seinem Recht- und Richterspruche alles. Denn Wissen, das heißt Gerichtstag halten, wie einmal ein Dichter über das Dichten sagte; aber Gerichtstag halten diesmal nicht über sich selber, wahrhaftig nicht! sondern über diese ganze sicht- und unsichtbare Welt. Bis zuletzt keiner mehr woaus woein weiß. Bis zuletzt keiner mehr eine Stätte weiß, wo er sein Haupt zur Ruhe betten kann. Bis zuletzt keiner mehr Ursach’, Grund und Zweck weiß, warum er weiß. Bis zuletzt keiner mehr in Wahrheit weiß, ob er weiß oder ob er nicht weiß...
Europa aber oder die Christenheit, ihr Christen es litt und leidet unbeschreiblich unter dieser verhängnisvollsten Konsequenz des europäischen Protestantismus,die da Kritik heißt: Kritik ohne Einschränkung oder Zügelung, Kritik ohne Pause oder Ruhepunkt, Kritik ohne Grenze oder Maß, Kritik ohne Anstand oder Zucht. Mit dieser Kritik ist der Protestantismus des Westens außer Rand und Band geraten, und außer Rand und Band geraten sind mit ihm die Protestanten und Nichtprotestanten alle, die sich ihm freiwillig oder gezwungen gefügt haben, weil sie nicht das Odium der Unwissenschaftlichkeit auf sich nehmen wollten. Indes dieser Kritizismus am Leib und mehr noch an der Seele und am Geist der westlichen Menschheit frißt und wahrscheinlich alle drei noch einmal auffrißt, zeigt sich der Protestantismus Indiens von dieser Krankheit schlechthin unergriffen. In einer unverhältnismäßig entschiedeneren Art Protestant als irgend wer unter den repräsentativen Protestanten des Abendlandes, — den einzigen Nietzsche ehrenvoll ausgenommen! — verbietet eben dieser Protestant κατ’ ἐξοχήν Gotamo seinem Orden alles, was der Westen als die weltgeschichtlich bedeutsamste Errungenschaft des protestantischen Zeitalters immer noch mit vollen Backen auszuposaunen liebt: das uneingeschränkte Recht der Persönlichkeit auf Kritik, die uneingeschränkte Pflicht der Persönlichkeit zur Kritik, die uneingeschränkte Freiheit der Persönlichkeit zur Kritik. Wir Europäer, die wir seit Platons Tagen gelernt haben, das Wissen um der Wahrheit willen zu betreiben und bestenfalls in den Hoch- und Glanzzeiten unserer drei oder vier klassischen Kulturen den zersetzenden Wirkungen desl’art pour l’artausgewichen sind, — wir Europäerwurden durch eben diesesl’art pour l’artdie frechenlibertinsdes Wissens und der Wahrheit, mit nur geringer Hoffnung, uns dieselibertinagenoch einmal selber zu verbieten, selber zu verbitten: ganz einfach aus der Erkenntnis ihrer Gefährlichkeit heraus. Der indische Mensch hingegen, von allem Anfang an das Wissen als eine Leistung von ganz anderem Sinn bewertend, bedient sich auch nirgends der Kritik, um von ihr aus das Wissen zu rechtfertigen, zu erhärten, zu bewähren. Vielmehr liegt es durchaus in der Machtvollkommenheit des Wissenden, das Wissen über jede Möglichkeit der Anzweiflung hinaus zu rechtfertigen, zu erhärten, zu bewähren. Dadurch nämlich, daß er mit Hülfe des Wissens jenen menschlichen Zustand verwirklicht, welchen das denkwürdige Gespräch der Chândogya-Upanischad zwischen Nârada und Sanatkumâra als die Überwindung des Kummers bezeichnet: „Ich aber, o Ehrwürdiger, bin bekümmert...“ — „Ich aber, o Ehrwürdiger, bin nicht mehr bekümmert!“... Wo der Wissende denen, die um ihm sind oder die sich ihm nähern, zu erkennen gibt, daß er diesen Zustand wirklich in sich verkörpert, da hat der Wissende nicht allein sich selber, sondern außerdem auch sein Wissen über jeden Einwand gewiß gemacht. An seinem persönlichen Zustand und Urstand liest man die Stufe erlangter Wissenschaft unmittelbar ab, wie man an den Zahlen eines Wärmemessers die Grade der Wärme oder Kälte unmittelbar abliest. So wird die Fragestellung nach Wahr oder Falsch nicht geradezu abgewiesen, denn dazu ist sie für die Lebensführung in jedem Sinn viel zu unentbehrlich. Wären wir nämlich außer stand, Wahr und Falsch zu unterscheiden, dann könnten wir wohl auch Wahrheit von Lüge nicht unterscheiden, und dieser Mangel an notwendigstem Wissen würde sofort in den Mangel an notwendigstem Gewissen umschlagen. Gehört doch gerade nach der Lehre des Buddho die Lüge zu den fünf gröbsten Hemmungen, die unbedingt beseitigt werden müssen, ehe die feinere Arbeit der Selbstläuterung und Selbstheiligung von statten gehen kann. Schon also um nicht lügen zu müssen, muß man Wahrheit von Wahn zu unterscheiden vermögen, und in diesem Betracht läßt freilich auch die buddhistische Heilslehre Kritik nicht nur zu, sondern fordert sie mit aller Strenge. Auf der Erkenntnis der Wahrheit im Gegensatz zur Lüge beruht auch hier jede höhere Menschlichkeit, und nur, was Wahrheit im Gegensatz zu Irrtum, Irrtum im Gegensatz zu Wahrheit betrifft, trennt sich die Auffassung Indiens, insonderheit die Auffassung Gotamos mit Bestimmtheit von der unseren. Indes Wert oder Unwert des Wissens bei uns ausschließlich davon abhängig gemacht wird, ob es Wahrheit, ob es Irrtum mitteilt, entscheiden dort Wahrheit und Irrtum von sich aus nicht über Wert oder Unwert des Wissens. Wesentlich für das Wissen ist ausschließlich das eine, daß es den Wissenden emporstufe und empormensche gemäß der Lehre, gemäß der Regel. Ein Wissen jedoch, nur dazu erworben, um Wahres von Verkehrtem, Falschem, Irrigem zu sondern, ist in den Augen Gotamos wofern nicht wertlos, so doch vollkommen belanglos: Adiaphoron! In dem berühmten Gleichnis vom vergifteten Pfeil in der Dreiundsechzigsten Rede aus der Mittleren Sammlung Majjhimanikâyo fertigt der Buddho alle diesbezügliche Neubegier mit einem unübertrefflich feinen und geistreichen Spott ab, und wer hier zwischen den Zeilen und nicht allein auf ihnen zu lesen verstünde, der würde vielleicht gewahr, daß für Gotamo unter den Inbegriff ‚wissenschaftlicher‘ Neubegier so ziemlich alle die ‚ewigen‘ Fragen unserer Europäerwelt mit ihren Disjunktionen, Alternativen, Paralogismen, Subreptionen, Antinomien fallen, — tausendunddrei und ihr seid auch dabei!...
Nur Eine Wissenschaft, nur Eine Wahrheit tat hier also wirklich not. Sie aber, und dies ist die hohe Überraschung für den Protestanten des Westens, ist keiner Kritik unterworfen. Das Wissen, ein Verfahren der Verwirklichung und Vollendung des ‚heiligen Zieles‘, erträgt in dieser Eigenschaft schlechterdings keinen Einspruch, keinen Abstrich, keine Verbesserung, keine Erweiterung: weder im großen und ganzen noch im einzelnen und kleinen. Hier steht jeder Buchstab’, jedes Wort und jeder Satz, und weh’ dem eitlen Besserwisser, der sich nach Abendländersitte hier gedreistet, kritische Glossen an den Rand zu schreiben. Der Buddho, unstreitig die edelste Verkörperung menschlicher Duldsamkeit, zeigt sich durchaus unduldsam in Ansehung der Lehre und versteht bezüglich ihrer wahrlich keinen Spaß. Wir Europäer, unduldsam bis ins Mark und aus Unduldsamkeit unsäglich böse, tückisch und rachsüchtig, wir haben die ‚Freiheit der Kritik‘ erfunden, um uns vor uns selbst zu schützen, — und haben damit kraft ungeschriebenen Gesetzes auch der dreckigsten Nase erlaubt, ja geradewegs geboten, die reinlichsten, heiligsten, göttlichsten Dinge zu beschnüffeln. Aber Gotamo, dessen Muttersprache nicht einmal ein Wort für Ketzerei enthält, geschweige denn einen Begriff, — wie fertigt er seine Mönche ab, wenn sie sich herausnehmen wollen, eine eigene Meinung hinsichtlich der Lehre zu haben! Mit welch ätzender Schärfe, mit welch schneidender Härte weist er den leisesten Versuch zurück, an der Lehre zu kritteln und zu deuteln: mit einer Härte und Schärfe, welche kein römischer Papst hat jemals übertreffen können. Das Wort sie sollen lassen stahn, dieses Prooimion überschreibt groß und wuchtig die Pforte, durch welche der Mönch Einlaß findet in diesen heiligsten Orden der Welt. Undenkbar, ganz unausdenkbar, daß jeder grünere oder reifere, jeder dümmere oder klügere Mensch ein Recht dazu besäße, die Lehre zu erörtern oder vollends über ihren Wert oder Unwert (der diesseit-jenseit von Wahr und Falsch ist!) die Entscheidung zu treffen. Undenkbar, ganz unausdenkbar, daß ein beliebiger Jemand den lebendig gewachsenen Wunderbau dieser ‚Wissenschaft‘ etwa hätte auf einem neuen Grundriß errichten, daß er hier eine Wand hätte einziehen, dort eine Mauer hätte ausbrechen lassen dürfen. Wohl hat der Buddho nicht verhindern können, daß nach seiner endgültigen Erlöschung manche ‚unechte‘ Rede unterdem Stempel ‚Das hab ich gehört‘ in Umlauf kam, — manche Rede, die er nie gesprochen oder wenigstens nie in diesen Worten gesprochen hatte. Wohl hat er ferner nicht verhindern können, daß sein Bild im Gedächtnis der Nachlebenden solang aufgehöht und übermalt ward, bis es zuletzt zu jener Völligkeit des erhabenen Reliefs gedieh, welche unerläßlich zu sein scheint, damit unberatene Völker das geistige Walten eines ‚Herrn‘ verspüren. Und am wenigsten hat er verhindern können, daß die Legende, will heißen das zu ‚Sagende‘ und zu ‚Lesende‘, ihn schließlich mit der Aureole von Majestät umspann, die stets das Wahrzeichen einer vollzogenen Göttlichsprechung des Menschen durch die Menschheit gewesen ist. Jedoch was in der Folgezeit auch geschehen sein mochte, damit aus dem urwüchsigen Buddhismus desHînayânam(das ist ‚Kleines Fahrzeug‘) der Buddhismus desMahâyânam(das ist ‚Großes Fahrzeug‘) werden konnte und mithin aus der Religion des Buddho die eine Kirche oder die mehreren Kirchen der Âdhibuddhas, Dhyânibuddhas, Dhyânibodhisattvas, — in keinem Fall verliert sich der Protestantismus Gotamos in den Kritizismus, wie das dem europäischen Protestantismus zugestoßen ist. In keinem Fall beschwört folglich der indische Protestantismus über seine Heimat die Krisis herauf eines Wissens um der Wahrheit an und für sich selbst willen, wie das der Kritizismus des Westens getan hat. Wieviel starke oder schwache Fäden daher auch gezwirnt sein mögen, die zwischen indischem und europäischem Protestantismus hin- undwiderschießen, und wie vertraulich nah’ der Buddho bald einem Eckhart, bald einem Kant, bald einem Nietzsche rücke, — was seine Lehre anlangt, gehört sie mit ihrem Anspruch auf unbedingte Geltung eher den katholisch-dogmatischen Lebensordnungen an als den protestantisch-kritischen. Oder sag’ ich vorsichtiger und richtiger: sie würde eher jenen als diesen zugehörig sein, wenn sie nicht zu guter Letzt weder mit dem Dogma noch mit der Kritik in unserem europäischen Wortverstand im geringsten etwas zu schaffen hätte. Denn faß’ ich jetzt einmal noch alles hier Gesagte zusammen und frage einmal noch: was hat es für eine Bewandtnis mit dieser Lehre, diesem Wissensui generisdiesseit wie jenseit von Dogmatik und Kritik? — so ist nur eine Antwort darauf möglich: diese Lehre, dieses Wissen ist kein Urteilen mehr und kein Schließen, kein Besondern mehr und kein Verallgemeinern, kein Rechnen mehr und kein Zählen, kein Verbinden mehr und kein Trennen, kein Ergründen mehr und kein Erklären, kein Messen mehr und kein Wägen, kein Unterscheiden mehr und kein Ineinandersichten, kein Voraussetzen mehr und kein Beweisen, kein Zergliedern mehr und kein Verknüpfen, kein Begriffbilden mehr und kein Sinndeuten. Sondern ist recht und schlecht ein Tun und Vollbringen, durch welches der Mönch nach erworbener Meisterschaft sein Verhältnis zur Welt und sein Verhalten zu ihr regelt. Verwinder des Nichtwissens, Verwinder des Wähnens, Verwinder des Leidens, strahlt der Wissende das Licht seines Wissens in alle Richtungen und Winkel des erfülltenRaums. „Liebevollen Gemüts weilend strahlt er nach einer Richtung, dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich wiedererkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit liebevollem Gemüte, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem. Erbarmenden Gemütes — freudevollen Gemütes — unbewegten Gemütes weilend strahlt er nach einer Richtung, dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich wiedererkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit erbarmendem Gemüte, mit freudevollem Gemüte, mit unbewegtem Gemüte, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem“...
Der Mönch der unbeschränkten Gemüterlösung, der Strahlende Mönch, ihr Christen, das also ist der gotamidisch Wissende. Der Strahlende Mönch, das ist der Wissende, der da sein Wissen, indem er’s übt und vollbringt, wider jeden Einwand feit und sichert. Der Strahlende Mönch, das ist der Wissende, der sein Wissen gültig in sich selber und gültig durch sich selber rechtfertigt, erhärtet und bewährt. Europa aber, ihr Christen, das berstende Haupt der Erde, — es möchte sein, ihr Christen, daß es in dunkelster Stunde seines Mönches harre, der da wissend geworden in die Verfinsterung hinein sein Licht strahlt: erbarmenden Gemütes, freudevollen Gemütes, unbewegten Gemütes...