Geschieden, ihr Christen, in die Getreuen und die Ungetreuen der allgemeinen und allein sälig machenden Kirche, dünkt uns Christen Protestantismus die Frömmigkeit derer, die abseit von der Kirche als Abseitige das Heil ihrer Seele gesucht haben und noch heute suchen, gefunden haben und noch heute finden. Unübersehbar aber an Zahl und Mannigfaltigkeit ist die Art der Protestanten, welche der Mutter-Kirche die Zugehörigkeit künden mußten, um sich selber zugehörig bleiben zu können; unübersehbar an Zahl und Mannigfaltigkeit sind die Arten des Protestantismus, weil fast ein jeder Protestant allein seine eigene und bevorzugte Art von Protestantismus als die echte und wahre gelten lässet. Ob freilich die Frömmigkeit des Einzelnen von Fall zu Fall innerhalb der sichtbaren und allgemeinen Kirche noch auszuharren vermochte oder sich außerhalb ihrer den selbst erwählten Stock- und Steinpfad bahnen mußte, — dieses hing häufig genug von mancherlei Zufälligem ab und durchaus nicht von einem Hang zum Protestantismus als solchem. Es konnte wohl geschehen und ist geschehen, daß sich im Geist und Gemüt des Christen eine Bewegung regte, die als Gegenbewegung beabsichtigt war zu einem augenblicklichen Zustand der Kirche und von der Kirche selbst im Braus der ersten Überraschung und Zornwallung als ketzerisch verfemt, als protestantisch verworfen ward: und dennoch nach einiger Frist von der Kirche großmütig zurückgenommen und ihrem Gesellschaftkörper einverleibt. Möglicherweis waren alle ernsten und eingreifenden Reformen der Kirche seit Cluny in Kern und Ursprung protestantisch, und nicht selten haben die unwägbarsten Kräfte der Zeiten und Persönlichkeiten darüber entschieden, ob dieser Protestantismus dazu kam, rückwirkend die gesamte Verfassung der Kirche zu beeinflussen, ja umzugestalten, oder ob er veranlaßt wurde, jenseit der Kirche eine unkirchliche Gemeinschaft zu gründen, eine unkirchliche Bruderschaft zu verkörpern, eine unkirchliche Kirche zu stiften. Wie hing es doch an einem schwachen Haar, daß dem heiligen Franziskus die Orden, so auf die Entsagung des Besitzes gegründet waren, gestattet oder verboten wurden. In unserm blonden Norden vollends versah der Meister Eckhart von Hochheim noch das weithin reichende und weithin wohl sogar gefürchtete Amt eines Provinzialen der Dominikaner, als seine Jünger und Jüngerinnen schon grausam verfolgt und hingerichtet wurden. Trotzdem sind in der Folge die Bettelorden zum Pfeiler und Eckstein der Kirche geworden, insonderheit in den eben herrlich aufblühenden Städten und städtischen Genossenschaften, und ihrer halbwegs ketzerischen Herkunft unerachtet haben sie der Kirche das tauglichste Mittel dargeboten, sich einer neuen Zeit und Gesellschaft anzupassen. Was allerdings unsere Mystik betrifft, ward sie als schleichende Gefahr der Kirche mit äußerstem Mißtrauen stets betrachtet und in gewissen Abständen immer wieder mit ketzergerichtlichen Maßnahmen geängstigt und betroffen. Gegen die Albigenser wurde der Kreuzzug nicht nur gepredigt, unddie Kriege mit den Husiten stürzten das mittlere Festland aus einer lebensgefährlichen Krisis in die nächste. Schwankend und schwebend blieb darnach der Inbegriff des Protestantismus. Wer heute sich selber verdächtig schien, in seinem Herzen der Ketzerei zu frönen, der fand sich etwa morgen schon völlig wieder in einer erneuerten und wiedergeborenen Kirche. Wer aber heute noch seine strengste Rechtgläubigkeit mit jedem Eid beschworen hätte, dem konnte es zustoßen, daß er morgen den großen Bann als Urteil (und als Unheil!) furchtbar über sich verhängt fand, fortab geschieden in einem Atem vom Frieden Gottes wie der Menschen.
Geschieden, ihr Christen, in die Getreuen und die Ungetreuen der allgemeinen und allein sälig machenden Kirche, dünkt uns Christen Protestantismus die Frömmigkeit derer, die abseit von der Kirche als Abseitige das Heil ihrer Seele gesucht haben und noch heute suchen, gefunden haben und noch heute finden. Unübersehbar aber an Zahl und Mannigfaltigkeit ist die Art der Protestanten, welche der Mutter-Kirche die Zugehörigkeit künden mußten, um sich selber zugehörig bleiben zu können; unübersehbar an Zahl und Mannigfaltigkeit sind die Arten des Protestantismus, weil fast ein jeder Protestant allein seine eigene und bevorzugte Art von Protestantismus als die echte und wahre gelten lässet. Ob freilich die Frömmigkeit des Einzelnen von Fall zu Fall innerhalb der sichtbaren und allgemeinen Kirche noch auszuharren vermochte oder sich außerhalb ihrer den selbst erwählten Stock- und Steinpfad bahnen mußte, — dieses hing häufig genug von mancherlei Zufälligem ab und durchaus nicht von einem Hang zum Protestantismus als solchem. Es konnte wohl geschehen und ist geschehen, daß sich im Geist und Gemüt des Christen eine Bewegung regte, die als Gegenbewegung beabsichtigt war zu einem augenblicklichen Zustand der Kirche und von der Kirche selbst im Braus der ersten Überraschung und Zornwallung als ketzerisch verfemt, als protestantisch verworfen ward: und dennoch nach einiger Frist von der Kirche großmütig zurückgenommen und ihrem Gesellschaftkörper einverleibt. Möglicherweis waren alle ernsten und eingreifenden Reformen der Kirche seit Cluny in Kern und Ursprung protestantisch, und nicht selten haben die unwägbarsten Kräfte der Zeiten und Persönlichkeiten darüber entschieden, ob dieser Protestantismus dazu kam, rückwirkend die gesamte Verfassung der Kirche zu beeinflussen, ja umzugestalten, oder ob er veranlaßt wurde, jenseit der Kirche eine unkirchliche Gemeinschaft zu gründen, eine unkirchliche Bruderschaft zu verkörpern, eine unkirchliche Kirche zu stiften. Wie hing es doch an einem schwachen Haar, daß dem heiligen Franziskus die Orden, so auf die Entsagung des Besitzes gegründet waren, gestattet oder verboten wurden. In unserm blonden Norden vollends versah der Meister Eckhart von Hochheim noch das weithin reichende und weithin wohl sogar gefürchtete Amt eines Provinzialen der Dominikaner, als seine Jünger und Jüngerinnen schon grausam verfolgt und hingerichtet wurden. Trotzdem sind in der Folge die Bettelorden zum Pfeiler und Eckstein der Kirche geworden, insonderheit in den eben herrlich aufblühenden Städten und städtischen Genossenschaften, und ihrer halbwegs ketzerischen Herkunft unerachtet haben sie der Kirche das tauglichste Mittel dargeboten, sich einer neuen Zeit und Gesellschaft anzupassen. Was allerdings unsere Mystik betrifft, ward sie als schleichende Gefahr der Kirche mit äußerstem Mißtrauen stets betrachtet und in gewissen Abständen immer wieder mit ketzergerichtlichen Maßnahmen geängstigt und betroffen. Gegen die Albigenser wurde der Kreuzzug nicht nur gepredigt, unddie Kriege mit den Husiten stürzten das mittlere Festland aus einer lebensgefährlichen Krisis in die nächste. Schwankend und schwebend blieb darnach der Inbegriff des Protestantismus. Wer heute sich selber verdächtig schien, in seinem Herzen der Ketzerei zu frönen, der fand sich etwa morgen schon völlig wieder in einer erneuerten und wiedergeborenen Kirche. Wer aber heute noch seine strengste Rechtgläubigkeit mit jedem Eid beschworen hätte, dem konnte es zustoßen, daß er morgen den großen Bann als Urteil (und als Unheil!) furchtbar über sich verhängt fand, fortab geschieden in einem Atem vom Frieden Gottes wie der Menschen.
Die deutsche Reformation zusammen mit den anderen Reformationen des sechzehnten Jahrhunderts war es nachher, die endgültig den Typus, den ‚Schlag‘ des Protestanten wie einen Stempel prägte oder wie einen Holzstock schnitt. Sie schuf den neuen Christen, der weder in der allgemeinen und allein sälig machenden Kirche seinen Platz länger einnehmen konnte, noch dessen sich dieselbige Kirche durch eine Maßregel gewaltsamer Unterdrückung, gewaltsamer Bekehrung, gewaltsamer Vernichtung zu entledigen imstande war. Seither ist der christliche Protestantismus eine religiöse und gesellschaftliche Wirklichkeit, beliebt oder mißfällig, geduldet oder verworfen: eine Wirklichkeit wie die Kirche selbst und durch keine Acht oder Ausstoßung aus den Tafeln der Wirklichkeit zu tilgen. Erst bei einem Einzigen und Einzelnen, dann bei Wenigen, dann bei Vielen, versagte derunendliche Aufwand von Dogmen, Sakramenten, Liturgien, Messen, und ihre Frömmigkeit spottete der Wohltaten der Seelsorge und Seelpflege; — auf Grund dieses nämlichen Umstandes aber fanden sie sich zusammen zu einer neuen Gemeinschaft, zu einer neuen Kirche abseit der bisherigen, und sie genossen neuer, will sagen urältest wiedererneuter Heils- und Gnadenmittel auf neue Weise: wenn sie nicht, wie beispielweis die Quäker, diese Mittel insgesamt als Magie verwarfen und das gemeinschaftstiftende Ereignis in einer Art geselliger und gleichzeitiger Erleuchtung fanden. Einmal soweit, konnte sich diese vollzogene Abkehr von der allgemeinen und allein sälig machenden Kirche ohne Ende wieder vollziehen und hat sich dann, wer wüßte es nicht, in der Tat ohne Ende bis auf den heutigen Tag wieder und wieder vollzogen. Und wie man, ihr Christen, in französischer Sprache das Sprichwort gesprochen hat, daß man stets der Rückschreiter und Rückschritter irgend jemands,toujours le réactionaire de quelqu’unsei, so dürfte man dies Treffwort ins Deutsche übertragen: daß man stets der Einsprecher, Widersprecher und Verwahrer, kurz der Protestant irgend jemands sei. Denn wie es unveräußerliches Recht jeder religiös verpflichteten Gemeinschaft ist, sich als die allgemeine und allein sälig machende, ja als die allein rechtgläubige Kirche aufzurichten, bleibt es gleichermaßen Recht aller auf abweichende Art Frommer, sich als Protestanten davon freiwillig auszuschließen, nachdem sie durch ihre eigene Erfahrung, unwiderleglich für jedwede andereund fremde Erfahrung, inne geworden waren, daß sie inmitten jener Genossenschaft dauernd des Heils entbehren würden und derart durch die Tathandlung des Protestes den Protestantismus zu besiegeln sich gedrungen fühlten.
So also verhält sich dieses. Protestantismus im Wortverstand unserer christlichen Abendländerschaft erweist sich herkömmlich zwar als der geschichtliche Gegenbegriff der Kirche, die sich vom καθόλου her benannt hat, — sinngemäß aber weiterhin auch als der geschichtliche Gegenbegriff jeder Vereinigung, Gemeinschaft, Verbrüderung solcher Frommen, die abseit der Kirche selbst eine Kirche zu bilden übereingekommen sind. Protestantismus ist darnach innerhalb des Christentums jeweils Protestantismus irgend wessen in bezug auf irgend wen, und wer sich von der rein verhältnismäßigen Bedeutung dieser Tatsache Protestantismus überzeugt hätte, dürfte sich weder Irriges noch Falsches angeeignet haben. Eingeengt und beschränkt wäre seine Auffassung von Protestantismus aber trotzdem, eingeengt und beschränkt durch den stieren Hinblick auf das Christentum allein und ausschließlich, ihr Christen: auf das Christentum, welches weder die ersten der großen Religionen dieses Festlandes in sich begriffen hat noch die letzten in sich begreifen wird. Vom Christentum gilt wohl der Sachverhalt, daß es als Kirche geschichtlich in Erscheinung trat, und so bleibt der christliche Protestantismus recht und schlecht gekennzeichnet, ja ausgezeichnet durch seine religiöse Kampfstellung gegendie Kirche sowohl wie gegen die Kirchen. Aber das Christentum, ihr Christen, ist nicht ewig! Oder wenn schon ewig, dann nur ewig in der Zeit, mit einem Anfang in der Zeit und einem Ende in der Zeit und zeitlos allein in einem Sinne, den keine Zeit jemals umfaßt. Was jedoch ewig ist nur in der Zeit, das bleibt eine Versuchung für die Zeit, Ewiges mit Zeitlichem je und je zu verwechseln und Merkmale des einen für die Wahrzeichen des andern irrig zu nehmen und zu geben. Hiergegen haben wir uns, wir Nicht-mehr-Christen oder vielleicht auch Noch-nicht-Christen, scharf zu entsinnen, daß es europäische Religionen von hohem Rang ohne kirchliche Kristallisationen gab, heute noch gibt und künftighin erst recht geben wird: finden wir nicht auch in ihnen etwas wie Protestantismus? Und wenn Ja, — worin bezeugt es sich als Protestantismus, wofern es als Protestantismus mangels einer vorhandenen Kirche auch nicht eine Kampfstellung zur Kirche einnehmen und in dieser Kampfstellung nicht mehr sein Kennzeichen und Merkmal finden kann? Da nennen wir die Religionen etwa des griechischen Altertums, griechischen Jugendtums, zahlreich und blühend wie die hellenischen Stadtstaaten einst und dennoch nie Staats-Religionen in einem späteren oder gar gegenwärtigen Wortverstande: unterschiedlich und gegensatzreich wie die griechischen Landschaften und dennoch großherzig einander gelten lassend und duldend. Diese vormaligen Religionen, haben sie sich nun dem Widersatz versagt von katholischer und protestantischer Frömmigkeit, nur weil sie Zeit ihres wundervoll fließenden und flüssigen Lebens niemals zur Kirche und nicht einmal zu Kirchen vereist oder versteinert sind? Oder stoßen wir nicht just auch dort auf die Gestalten unleugbar prophetischen Wuchses und unleugbar protestantischer Gebärde, die ohne Vorbehalt, wer fühlte es nicht, wüßte es nicht, der Zahl der bahnbrechenden Protestanten aus europäischen Vergangenheiten zugezählt werden müssen? Zugestanden euch Christen, der protestantische Geist habe seine kantigste Ausschnitzung dort erfahren, wo er den furchtbaren Kampf des Ketzers wider eine hochmögende, herrische, unbeugsame Kirche zu führen hatte, von Stunde zu Stunde der Bannflüche, Folterkammern, Scheiterhaufen, Ölkessel, Schand- und Marterpfähle gewärtig, — wo alsoecclesia militansinnig im unverfälschten Sinn des Nazoräers Jesus zu handeln glaubte, wahrhaftig glaubte, ihr Gleichgültigen, Lauwarmen und Glaubenslosen! wenn sie zahlreiche Ketzervölker (wie einst jene arianischen Goten der Nachfahren des erlauchten Theoderich) von der langmütigen Erde tilgte und darüber hinaus das ergriffene Gedenken im Gedächtnis aller Folgezeiten löschte... Dies also schlankweg zugestanden, braucht doch Protestantismus noch lange nicht dort zu fehlen, wo die Kirche fehlt und kraft selbstgesetzter Autorität über statthafte oder unstatthafte Auslegungen der Glaubenslehre befindet. Schließlich geschieht ja der Protest gegen die Kirche nicht ihres Kirch-Seins halber, nicht ihres Kirch-Seins an und für sich: vielmehr weil dieseKirchlichkeit eine Religion vertritt, die dem Geist anderer Religion widerläufig ist. Verwerfung der Kirche aus den Antrieben einer Frömmigkeit heraus, die innerhalb der Kirche nicht gestillt wird, ist das Wahrzeichen des christlichen Protestantismus gewesen, — nicht aber ist sie Wahrzeichen des Protestantismus schlechthin. Dieser Protestantismus schlechthin hört aber mit nichten auf, Protestantismus zu sein, wenn er eine Religion oder vielleicht eher noch eine Religiosität verwirft, die aus inneren oder aus äußeren, aus sachlichen oder aus zufälligen Gründen zur Kirche nicht ausgeformt ist. In dieser Bezugnahme nun, wir sehen das und greifen es mit Händen, gärt im Griechenland des sechsten und fast mehr noch des fünften Jahrhunderts ein Wirbel von leidenschaftlichster Gewalt, dessen Protestantismus gar nicht in Frage gestellt werden kann. Es gärt hier ein Wirbel, durchaus vergleichbar dem anderen, der zwei oder drei Jahrhunderte früher Israel jene Gottesmänner, Gottesknechte (nêbiim) gebar, in welchen sich seine Frömmigkeit am edelsten verkörpert zeigt. Für uns besteht die hohe Schwierigkeit nur darin, zu erkennen, wogegen diese hellenischen Protestanten eigentlich ihren Protest erhoben, gegen wen oder gegen was, da es in Griechenland weder eine allgemeine und allein sälig machende Kirche religiös zu überwinden gab, noch Priesterschaften oder Gemeinden der Baalim Syriens und Phöniziens. Herakleitos und die Eleaten, die Orphiker und die Tragöden sind Protestanten gewesen. Sie alle haben auf ihre Weise wider einFromm-Sein Verwahrung ausdrücklich und heftig eingelegt, welches aus guten Gründen nicht länger mehr ihr Fromm-Sein bleiben konnte. Nur daß diese guten Gründe heutzutag nicht leicht zu ergründen sind, nachdem sich seither so viel Wassers über diesen Gründen sammelte und über ihnen stand und sie zu braunen Sümpfen dickte...
Von außen gesehen, das versteht sich ja von selber, war es die Religion Homers, die der Frömmigkeit jener Zeitläufte widerstrebte, und eben dieser Tatbestand hat Propheten so weltverschiedener Artung wie Herakleitos, Xenophanes, Aischylos wenigstens in der Geste der Abwehr durchaus geeinigt. In der Geste der Abwehr sage ich, sicherlich! Aber darum nicht auch schon in den bestimmenden Beweggründen, die ganz ohne Frage bei den verschiedenen dieser ragenden Protestanten bei weitem verschieden waren. Wenn der marsrotglutende Leuchtturm über die Meere Asiens und Europens, Heraklit, die Götter Homers in seiner dunkeln Flamme verbrannt hat wie ein Leuchtturm halt nächtlich flatterndes Gefalter, nächtlich schwirrendes Gevögel zu verbrennen pflegt, so geschah dies aus anderen Notwendigkeiten und aus anderen Nöten, als wenn der Kolophonier Xenophanes, kein Leuchtturm, aber ein Erleuchter, Fackelvoranträger und Aufklärer, Homers menschhafte Vielgestalten zur Kugel-Einheit unpersönlich zusammenballte und ‚mit dem All‘ verwachsen ließ. Und wiederum: wenn die ältesten der Tragöden von Eleusis nach ihrer Art Homerzerstampfer und -zertrümmererwaren wie nur je einer der Weisheitkünder zu Ephesos, Milet, Elea, so mögen sie vielleicht den Philosophen dabei noch mindere Beachtung geschenkt haben als die Philosophen ihnen. Orphisch gestimmt durch und durch, und das will fast schon sagen buddhistisch gestimmt und im Leiden des Gottes, im Leiden des Menschen selbst schon etwas wie ‚des Leidens Überwindung und Verlöschung‘ erfühlend und den Weg ertastend zu ‚des Leidens Aufhebung‘, brauchen diese ältesten Tragöden darum noch lange keine Orphiker gewesen zu sein. Hier bleibt vermutlich das Wichtigste für immer Geheimnis und mag für immer Geheimnis, wohl versiegeltes, bleiben — (und vielleicht nicht ohne tiefere Bedeutung für Verständige und Verstehende hieß dereinst in den kalifischen Reichen das Haupt aller staatlichen Geschäfte von Amts wegen ‚Verwahrer des Siegels‘)... So hat das eigentliche und persönlichste Warum seines Protestantismus jeder dieser Protestanten verschwiegen mit in sein Grab genommen samt allem übrigen, was nur an ihm persönlich, was nur sterblich an ihm war. Aber darüber hinaus getraue ich mir doch zwei unsterbliche Motive zu erraten, die für sie von ausschlaggebenden Gewichten gewesen sind. Sie alle, die Philosophen und die Mysten, die Tragöden und Propheten, litt es unter dem honighellen Himmel Homers nicht länger aus einem Grund unter den zweien: entweder weil ihnen diese Götter allzu menschlich waren und darum schon nicht mehr Gott genug, um menschlich-welthafte Geschickekundig und weise, gütig und göttlich zu lenken, — oder umgekehrt, weil diese Götter ihnen in anderem Betracht nicht menschlich genug erschienen, um menschlich zu leisten und vollbringen, was der Mensch von sich selber fordert und von sich selber heischt, wenn er seine eigene Vergöttlichung mit Ernst betreibt und mit Ausdauer fördert. Entweder allzu menschlich oder nicht menschlich genug, ihr Christen, deuchte jenen gewaltigen Heiden der Gott, und eins von beiden machte die Tragöden und die Philosophen, die Propheten und die Mysten von damals zu den Protestanten von damals. Und dieser Protestantismus, er wiegt und wuchtet, gewogen in der freien Hand, goldschwer genug, um auf der Wage unserer morgigen Weisheit noch einmal nachgewogen zu werden. Nachgewogen von den Morgigen unter uns, die sich Schwer-Nehmen zur Pflicht der Stunde gemacht haben, nachdem wir zu leicht, zu leicht befunden, vom ersten Windstoß weithin entrafft und verschlagen wurden, — wer weiß, in welche brennenden Durst- und Glutwüsten Sahara, Schamo, Estakado hinein oder gar in den Feuersee Kilauea, wo unsere Seelen etwa dann gefegt werden...
Der Gott also schon allzu menschlich, allzu unheilig, allzu wenig Gott: dies ist die große Verwahrung solcher, deren Frömmigkeit Anstoß nimmt an der erstmals durch Homer vollendeten Vermenschung, Verpersönlichung, Vergestaltung der Götter, und aus diesem nicht widerleglichen Fühlen heraus alles (undsich selber zuerst!) daran setzt, in der Folge jegliche Anthropomorphik und Anthropopathik Gottes wenigstens im Gedanken abzustreifen und als die alte Haut Gottes an der Straße faulen zu lassen. Dies ist die Verwahrung solcher, denen unter den Händen die Religion als Religion Philosophie geworden ist und der Gott, entmenschlicht, entpersönlicht und entstaltet, mit dem Wesen der Welt in eins fließt, — mit dem Wesen der Welt, mit dem Geist der Welt, mit der Unendlichkeit der Welt, mit der Seele der Welt, mit dem Atem der Welt, mit dem Ursein der Welt, mit dem Kern der Welt. Wenn vormals die Göttin der Liebe und Schönheit homerisch gestaltet und plastisch gegliedert dem Samen-Schaum des Weltmeers enttauchte, so taucht jetzt der homerisch gestaltete, plastisch gegliederte Götter- und Menschenvater Zeus als pherekydeischer ‚Zas‘ in die flutenden Wirbel der Schöpfung namenlos zurück. Menschhaft geformt und geworden aus dem mystisch geahnten Element, entformt sich und entwird der menschlich gebildete Gott von neuem zum nunmehr freilich gnostisch erfaßten Element, zum Pan und Henkaipan: eine überall verbreitete und gleichsam ewige Spielart des Protestantismus, auf die wir bei allen höheren, will sagen bei allen philosophierenden Völkern stoßen, wo eines Tages die alternde Theologie durch die erneuernde Kosmognosie von mehr oder weniger wissenschaftlicher Haltung verdrängt wird und wo in feierlicher Wandlung der Theos zum Kosmos sich verjüngt. Der Gott ist Welt und strahlt welthaft in des ÄthersStrahlen, so spricht und kündet der Protestantismus dieser philosophischen Protestanten, den menschheitlichen Gott als unzulänglich vor Geist und Erkenntnis verdächtigend und bald sogar nicht einmal dem Nichtwissen mehr verzeihend. Wohingegen derselbe und nämliche Gott, der diesen Weisheitfreunden und Wissenseiferern allzu menschenähnlich und menschengebrechlich, allzu menschenwinzig und menschenwitzig ein Ärgernis ward, den anderen noch lang nicht genug menschartig erscheint, wofern er als Gott zwar genug und übergenug von menschlicher Schwachheit befallen, von menschlicher Torheit ergriffen, von menschlicher Lasterhaftigkeit besudelt, von menschlicher Leidenschaft getummelt ward: dennoch aber der Menschheit in jenem anspruchvollsten Sinn ermangelt, als er die Heilung von diesen Übeln und die Wiederherstellung von diesen Mißschaffenheiten von sich aus nicht zu bewirken versteht. Möglich, daß der Gott diese Heilung und Wiederherstellung vormals bewirkt hat, — denn wozu hätte er selber sonst getaugt in einer Wirklichkeit, wo auch die Götter noch zu etwas taugen müssen, um sich vor den Menschen auszuweisen. Seither jedoch ist Unsägliches, Welterschütterndes, Verhängniswaltendes geschehen. Der Gott hat sich der Sünde hingegeben oder ist sonstwie von seiner Götterhöhe hinabgeglitten, unmerklich erst, dann schneller und jäher stürzend. Oder was möglicherweis dasselbe ist, der Mensch hat seinerzeit den Gott im Ablauf seiner eigenen Reifwerdung eingeholt und überstiegen, endlich in sich selbst die Fähigkeit zur Selbstvergöttlichung gewahrend; — wie denn die einen Wesenheiten hienieden aufwärts steigen, wenn die andern Wesenheiten fallen, die einen aber fallen, wenn die andern aufwärts steigen: ein jegliches nach eigenem Antrieb und Gesetz, wie Feuer aufwärts wirbelt und Wasser abwärts rinnt, ein jegliches nach seinem Ort, den es sich suchet... Kurz und gut also, der Gott Homers war wohl sehr menschlich, aber konnte das Urgeheimnis aller Menschheit nicht erraten, daß nämlich der Mensch selber göttlich zu werden trachte nach Wille und Bestimmung, Wunsch und Wahl. Der Lüfter dieses Urgeheimnisses geworden und damit aus dem Diener der Vollstrecker Gottes geworden, blieb dem Menschen nichts übrig, als den Gott von vorhin zur Abdankung zu zwingen und seine Entthronung zu verfügen, — und wahrlich! es geschah dies schweren Herzens und mit zitternden Knien! Das griechische Sinnbild aber dieses Protestantismus (es ward euch Christen seither geschildert und dargelegt, erläutert und gewiesen im Buch vom Gestaltwandel der Götter), das griechische Sinnbild richtete der Tragöde Aischylos auf in seinen Eumeniden, woselbst die Pflicht der Sühne und Wiederheiligung nach geschehenem Blutfrevel, ehemals eine der göttlichsten Pflichten von allen, dem Sühngott Apollon abgenommen und in festlicher Einsetzung dem Richtergewissen attischer Bürger auf dem Hügel des Ares anvertraut wurde. Hier entkleidet der protestantische Tragöde den Gott auf offener Szenegleichsam seines Kaiserpurpurmantels und legt ihn schwer um menschliche Schultern; hier salbt und krönt der Mensch den Menschen in unsterblicher Zeremonie zum Statthalter und Stellvertreter, zum Sachwalter und Treuhänder Gottes. Was Phoibos Apollon dereinst hinsichtlich der Erinnyen vollzogen, das vollzieht der tragische Prophet hinsichtlich Apollons. Als jüngerer, als jüngster Gott tritt er die Erbfolge, Nachfolge, Tatfolge des älteren Gottes an und schließt dadurch die vielen Götterstürze aufgewühltester Jahrhunderte mit einem letzten Göttersturze ab. Der Protestantismus der Philosophen hat den Fortgang wachsender Vermenschung des Gottes unterbrochen und zum Fortgang wachsender Entmenschung mit mehr und mehr Entschiedenheit gewendet. Der Protestantismus der Tragöden führt die homerische Vermenschung Gottes in freilich stark unhomerischem, ja widerhomerischem Geiste völlig zu Ende, nun den Gott erst recht vermenschlichend: der Gott fortab nicht mehr der nur ein wenig mächtigere, ein wenig dauerhaftere, ein wenig heiligere Mensch, vielmehr umgekehrt der Mensch ein zwar schicksalunterworfener und schuldbetroffener, aber auch schuldsühnender und schicksalüberwindender tragischer Halbgott, dionysischer Gott...
Ein doppelter und doppelsinniger Protestantismus ist es, den der Kampf wider Homer auf der hellenischen Erde zeitigt. Ein Protestantismus erstens, der die gleichsam ‚geistige‘ Leistung des Gottes, den Geist, den Sinn, das Sein der Welt in sich zu sammeln unddarzustellen, auf die Welt selber übergehen läßt und darnach diesen Welt-Gott vorzugweis als den allgemeinen Erkenntnis- und Erklärunggrund der einzelnen Welt-Erscheinungen aufgefaßt wissen will, — in des Wortes Buchstäblichkeit wirklich ‚wissen‘ will. Ein Protestantismus zweitens, der die gleichsam ‚tathafte‘ Leistung des Gottes, nämlich dem Menschen Heil und Heiligung, Tröstung und Rettung, Wiederherstellung und Erlösung zu erwecken, allmählich auf den Menschen selber überträgt, im Gott künftig höchstens noch den Vorläufer, Wegbahner, Vortäter ehrend, der aber im Gang der Zeiten vom Menschen in allen Stücken zunehmender Seelenreifung eingeholt, ja überholt wird. In geschichtlichem Betracht ist jener erste Protestantismus mit immer bestimmterer Eindeutigkeit die Sache reiner Erkenntnis, reiner Wissenschaft, reiner Wahrheitforschung geworden, welche dann nach und nach die Religion in Philosophie, in Scholastik, in Kritik umgesetzt hat, den Mythos aber in Metaphysik, in Kosmologie, ja in Physik und alles, was dem heutigen Europäer mit Physik zusammenhängt. Und dies wiederum mußte notgedrungen dazu führen, daß diese Sorte Protestantismus in den Wandlungen der eigentlichen Religionen die vormals ausschlaggebende Bedeutsamkeit in dem Maße einbüßte, als er selber sich in Philosophie und Metaphysik, in Scholastik und Kosmologie, in Kritik und Physik verlor; — wie denn vor allem er es war, der jene verhängnisvolle Spaltung von Religion und Wissenschaft hauptsächlich mitverursachte, welche die ehemals unteilbaren und ganzenSeelenkräfte des Abendländers in so viel zusammenhanglose Teile elend zerstückt und zerstückelt hat... Der Protestantismus zweiter Prägung hingegen ist der gewaltige Antrieb geblieben in all den religiösen Gegenbewegungen, die sich als Religionen der Selbstführung, Selbstheiligung, Selbstvergottung den ‚katholischen‘ Religionen der Fremdführung, Fremdheiligung, Fremdvergottung mehr oder weniger siegreich widersetzen; — in ewigem Widerstreit und Widerspiel zu ihnen scheint er die Kraft zu sein, welche die große Wirklichkeit europäischerreligioüberhaupt erst eigentlich in Schwung und Umschwung bringt. Derselbe Protestantismus ist es denn auch, der in den reformatorischen Versuchen unseres christlichen Mittelalters die Kirche an allen Ecken und Enden des Festlandes mit unter den nämlichen Forderungen bekämpft, die man in ihrer geheimsten Bedeutung erst verstanden hat, wenn man diese Absicht auf Selbstführung, Selbstheiligung, Selbstvergottung verstanden hat. Der Priester soll hier künftig nicht mehr des Kelchs allein genießen, sondern auch der Laie soll des Kelchs genießen, — das will besagen, daß jeder Christ ausnahmlos des magisch-sakramentalen Mittels der Vergottung ohne Abzug, ohne Minderung teilhaftig werden will. Der Priester soll hinfort nicht mehr die Ohrenbeichte entgegennehmen dürfen, sondern der Laie soll seine läßlichen und tödlichen Sünden seinem Herr-Gott selber beichten, — das will besagen, daß sich jeder Christ ausnahmlos die Kraft der Lossprechung und Entsündigung, der Sühne und derBuße selber vorbehalten weiß. Der Priester soll fürder nicht die Entscheidung treffen dürfen, was da in Glaubensangelegenheiten statthaft und verwehrt, was sinngemäß oder verkehrt sei, — das will besagen, daß die Vernunft jedes Christen ausnahmlos erleuchtet genug, daß sein Gewissen geschärft genug sei, um das für ihn gültige Urteil über die Lehre selbst zu fällen. Und wenn der Priester, wenn die Kirche ihre grenzenlose Macht über den mittelalterlichen Menschen ausschließlich dadurch erlangt und erhalten hatten, daß sie sich die alleinige Sachwalterschaft über die Gnadenmittel anmaßten und mit der Verweigerung dieser jeden einzelnen Christen außerhalb der christlichen Gemeinschaft stellten als einen nicht nur gesellschaftlich, sondern auch religiös Friedlosen und Geächteten, so trifft der folgerichtige Protestantismus diese Macht zu Tode, wenn er zuletzt die Gnadenmittel selbst verwirft. Nicht durch Brot und Wein vergöttlicht sich nach seiner Auffassung der Mensch, vielmehr er ist vergöttlicht vor Urbeginn der Zeiten durch die Auswahl Gottes, oder er ist’s nicht. Ausgewählt aber ist zuletzt jeder, der ausgewählt sein will: ausgewählt ist jeder, der sein Leben als ein Auserwählter selbst zu führen, selbst zu gestalten, selbst zu verantworten fähig ist. Der von Gott Erwählte erweist sich dieser Art ganz wesentlich als der von sich selbst Erwählte. Unerschütterlich bemüht, in allen Dingen des Wandels dem Urbild des Begnadeten gerecht zu werden, bestätigt er sich als der Begnadete. Augenscheinlich also in Kern undWesen der Persönlichkeit bis zu einem schauerlichen Grade von Gott abhängig, von Gott erlesen oder von Gott verworfen und jedenfalls nur Gottes totes Werkzeug, verlegt in Wahrheit doch eben der kalvinistische, der independentistische, der puritanische Protestant die letzte Entscheidung über sich selbst durchaus in sich selbst: er selber hat es ja in der Hand, sich als Erlesener oder Verworfener zu bezeugen durch die Art, wie er sein Leben führt und meistert. Wer da der Herr seines Lebens ist, wie ein steingemeißelt Standbild auf sich selber fußend und für sich selber wesend, niemandem untertänig als der Pflicht schlechthin, als Auserwählter, als Begnadeter, als Erlesener sich zu bewähren, der ist wahrhaftig auserwählt, der ist begnadet, der ist erlesen...
Aus diesem Sachverhalt heraus wage ich Protestantismus ganz allgemein die grundsätzliche Überzeugung zu nennen, wonach die religiöse Tat der Welt- und Seelenrettung dem Menschen selbst, dem diesseitigen in Zeit und Raum, obliege. Und dementsprechend heiße ich Katholizismus jede Zuversicht und jeden Glauben, wonach die religiöse Tat von Gott und Göttern, weltherrschenden und heilfördernden, vollbracht wird: dann aber von ihnen her dem Menschen magisch, liturgisch, sakramental auf Gnadenwegen übermittelt wird, genau wie dem Kommunikanten die Tat des Gott-Opfers in der Gestalt der Hostie als Speise zubereitet dargereicht und gespendet wird... Katholizismus also finden wir allerwärts, wo das ewige Mysterium der Heilstat in Himmelnund Überhimmeln weltrettendes Ereignis wird; Protestantismus finden wir imgleichen allerwärts, wo dasselbe Mysterium diesseit der Himmel inwendig in uns gefeiert wird, diesseit der Himmel und inwendig in mir, diesseit der Himmel und inwendig in dir, o Christ! Um einerlei Ding handelt sich’s darum beim Protestantismus unserer europäischen Wirklichkeit bei allen Völkern und zu allen Zeiten. Einerlei Ding ist zuletzt gemeint und einerlei Ding ist es bei Heiden und bei Christen, wenn der Prophet Aischylos die Sühne für Blutfrevel weder durch fletschende Erinnyen bewirkt werden läßt noch durch Apollon Phoibos, und solchermaßen die üblichen Sakramente der Wiederherstellung als unnütz kraft eigener Entscheidung kurzerhand verwirft; — und wenn Bruder Martinus in wütender Herzensqual die vollkommene Unwirksamkeit aller Gnadenmittel der Kirche an seiner sündigen Seele erfährt. Einerlei Sache ist gemeint bei Heiden und Christen, ob Aischylos einen attischen Areiopagos sinnbildlich einsetzt als Gewissens-Gericht, oder ob Luther das evangelische Urwort von der Sinnesänderung innig begrüßt als das Loswort von seinen Ängsten und Wirbeln. Es ist dies einerlei Ding, einerlei Sache, einerlei Sinn gewesen, für welches freilich der dröhnende Glockenmund des attischen Tragöden zuletzt so wenig das zutreffende Wort zu erstammeln wußte wie die erzschmelzende Flammenzunge des erfurter Doktors...
Nach dieser Ausweitung und Vertiefung des Sachverhaltes ‚Protestantisch‘ ziemt uns ein Blick zurückauf die Ursprünge des Christentums, ihr Christen. Was nämlich diese Ursprünge anbetrifft, so kann uns der vielleicht doch nicht erwartete Umstand nicht länger entgehen, daß sie selbst unleugbar protestantischer Beschaffenheit sind. Ein neuer Gott ist es, im Kampf mit sämtlichen alten Göttern, der hier die Tat der Welt- und Seelenrettung auf sich nimmt. Ein neuer Gott, im Kampf mit sämtlichen alten Göttern, sag’ ich, nimmt die Tat auf sich: aber doch nur dadurch, daß er in menschlicher Person erscheint und das Menschliche mit seinen Bitternissen menschlich teilt. Der Held des Christentums — und das ist keineswegs sein Stifter! — ist Gott und wird Mensch, weil er einzig in seiner Eigenschaft Mensch zu vollenden vermag, was Jahve-Hypsistos der Unmenschliche unter keinen Umständen zu vollenden fähig ist. Möget daher ihr Christen Ursprung und Herkunft des Christentums ansetzen, wie es euch zweckmäßig oder wie es euch richtig zu sein dünkt, — diese Grund-Tatsache liegt allem zugrunde, was immer auch später auf sie errichtet und getürmt sei. Der Gott mußte Mensch werden, um den Menschen fortan noch Gott zu sein; der Gott mußte des Menschen Kreuz auf seine Schulter bürden, damit der Mensch den Heiland bei sich glauben könnte:Deum de deo, lumen de lumine, deum verum de deo vero, genitum non factum, consubstantialem Patri: per quem omnia facta sunt. Qui propter nos homines et propter nostram salutem descendit de coelo. Et incarnatus est de Spiritu sancto ex Maria virgine: Ethomo factus est...Dies war von allen Götterstürzen der Jahrtausende der weithin schmetterndste und abgründlichste. Nicht daß Jesus der Mensch in den Olympos eingedrungen ist, wo Zeus der hochbetagte und längst nicht mehr hochdonnernde Vater Kronion wachträumend schon eine lange Weile auf seinem Hochsitz eingedämmert war (wie Greise vor Tisch oder nachher ein wenig einzunicken pflegen), und wo Psyche fürbittend und vermittelnd die Hand des Eindringlings voll Demut greift, indes die anderen Olympier wie ein aufgestöbertes Volk Ameisen wild durcheinanderwirren, — dieses wahrhaftig nicht! Vielmehr daß dieser ‚vom heiligen Geist aus der Jungfrau Maria fleischgewordene‘ Gott und Nicht-mehr-Gott, menschlich aus der Sphäre seiner Gottheit herausgetreten, nun auch den alten Jahve-Hypsistos, bisherigen Schöpfer- und Herrschergott schlechthin, aus dem Bewußtseinsraum eines gleichsam neu belichteten Menschheitgewissens unwiderstehlich verdrängte. Das war die große Tatsache der neuen Religion, die bahnbrach; und Gnostiker, paulinische Urchristen, Marcioniten, Arianer haben dies auf ihre verschiedene Weise alle mit Bestimmtheit begriffen, ehe die Kirche die klare Wahrheit dogmatisch beschattete und von allen ketzerischen Abweichungen die am grausamsten unterdrückte, welche in Jesus dem Gott-Menschen wesentlich den Menschen und nur diesen sah. Damit aber war schließlich das Merkwürdige geschehen, daß in eben dieser Kirche weder der Katholizismus noch der Protestantismus religiös zum völlig reinenAustrag gelangen konnte. Auch die Kirche, die sich die allgemeine nannte und ‚in diesem Zeichen‘ siegte, mußte in ihr Credo das christliche Urerlebnis aufnehmen:Et homo facius est. Auch die Kirche konnte den heimlichen Protestantismus, der in diesemCredowie in verbotener Schwangerschaft keimte, höchstens in seinem Wachstum hemmen, aber nicht töten, — sie hätte denn mit dem Kind die Mutter selbst getötet. Gott ist Mensch geworden, um den Menschen göttlich zu erlösen; das Wort ist Fleisch geworden, um das Fleisch zu kreuzigen und im Wort zu geistigen: dies bleibt in allem Katholizismus der Kirche ein protestantischer Rest- und Rückstand von unzerstörbarer Keimkraft und Gärkraft in allen Jahrtausenden. Und wiederum mußte sich dieser selbe Protestantismus umgekehrt in seinem eigenen Dogma mit dem ‚katholischen‘ Artikel vom Schöpfer Himmels und der Erden und vom Vater des Erlösers und Herrn durch alle Zeiten hindurchschleppen, stets unter dem Zwang, diesen Katholizismus grundsätzlich nicht leugnen zu dürfen oder nicht leugnen zu können, vielmehr als ‚Christ überhaupt‘ ausdrücklich anerkennen, ja billigen zu müssen:Credo in patrem omnipotentem, factorem coeli et terrae, visibilium omnium et invisibilium ...In der Lehre vom dreieinigen Gott hat mithin die Kirche die glückliche Formel gefunden, welche Katholizismus und Protestantismus als die gegenwirkenden Potenzen jeglicher Religion, nicht nur der christlichen allein, in einem stätigen Gleichgewicht zu erhalten ermöglichte. Im Besitz dieser dogmatischenLehre ist seither die katholische Kirche in Wahrheit nicht minder protestantisch wie katholisch, sind seither die protestantischen Kirchen und Sekten in Wahrheit nicht minder katholisch wie protestantisch. Mit ungeheuerer Kunst hat das christliche Glaubensbekenntnis bis zur Stunde die zwei unversöhnlichen Ur- und Widerkräfte des religiösen Lebens zu binden verstanden, also daß keine noch so eigensinnig protestantische Verwahrung den katholisch-judäischen Weltengott Jahve-Hypsistos dem christlichen Bewußtsein hat entfremden, hat entwenden können, — wie auf der anderen Seite keine noch so katholische Wiederherstellung des echten und wahren Glaubens den protestantisch-judäischen Gottmenschen Jesus preiszugeben oder zu opfern gewagt hat.
Wie nun, ihr Christen?
Bei uns westlichen Menschen ist es die Kirche gewesen, welche die Religion des fleischgewordenen Wortes als Mythos, als Dogma, als Liturgie zur Herrschaft gebracht hat, durch eben diese Tat einer gleichsam vorbeugenden Klugheit, die etwa doch schon als vorbeugende Weisheit verehrt, als vorbeugende Weisheit gepriesen zu werden verdiente. Die Kirche ist damit jeder einseitigen Entscheidung über eine ausschließliche Katholizität oder eine ausschließliche Protestantik frühzeitig zuvorgekommen, möchte dies nun zum Segen oder zum Unsegen westlicher Menschheit ausgeschlagen sein. Dieses in seiner unendlichen Fruchtbarkeit bedenkend und erwägend, wollen wir indes nicht übersehen, daß die von der Kirchegewissermaßen synkretistisch vollbrachte Lösung des drohenden Zwiespaltes — wenn diese Lösung nicht doch schon eine synthetische gewesen ist? — keineswegs christlicher Abstammung oder Erfindung gewesen ist, nicht einmal hellenischer oder hellenistischer, ja nicht einmal europäischer. Was der Kirche des Abendlandes und in tiefstem Einverständnis mit ihr den abendländischen Kirchen und sogar Sekten möglich ward, das ist schon viele Jahrhunderte vor dem entstehenden Christentum und seinen Urgemeinden daheim und in der Zerstreuung in Indien eine herrliche Wirklichkeit gewesen. Der indische Mythos vom Gottmenschen Krischna hat das nie mehr übertroffene, nie mehr erreichte Sinnbild vollendeter Durchdringung und Verschmelzung katholischer mit protestantischer Frömmigkeit aller Welt zum ewigen Muster dargestellt. Und wo wir vorhin der zusammensichtenden Leistung der Kirche Bewunderung zollten, ist jetzt die Besinnung auf jene Begebenheit am Platze, die im günstigsten Fall von der Kirche wiederholt, ob ich auch keineswegs sage: nachgeahmt wurde. Was dabei den indisch-brahmanischen Mythos vom christlichen einmal für alle mal auszeichnend unterscheidet, ist der Umstand, daß er keineswegs der metaphysisch unzulänglichen und philosophisch unhaltbaren Deutung einer Gott-Vaterschaft bedarf, um dem Verstand das Wunder des Mensch-Seins Gottes verstandesmäßig anzunähern. Keineswegs wird es hier für geboten oder auch nur für passend erachtet, daß der Eine Gott in die zwei Gegen-Tätigkeiten, Gegen-Wesenheiten derPaternitasundFiliatiozerspalten werde, um dem Begriff den Vorgang von Gottes Erdenwallen ein wenig begreiflich zu machen. Zum Behufe eindringlicheren Verstehens glaubte sich der Abendländer auf das plumpe und rohe Gleichnis beziehen zu müssen von der doppelten Geburt Jesu Christi in der Ewigkeit und in der Zeit, bewirkt durch eine geschlechtlich-übergeschlechtliche Zeugung im Schoß des göttlichen Vaters und durch eine geschlechtlich-übergeschlechtliche Empfängnis im Schoß der menschlichen Mutter:Et ex patre natum ante omnia saecula; Et incarnatus est de Spiritu sancto ex Maria Virgine...Wo der Europäer sich in dem Labyrinth dieser halbwegs supernaturalistischen, halbwegs superspirituellen Ungeheuerlichkeiten hoffnunglos verirrt, da genügt dem so viel denkgeübteren Geist des Inders der schlichte Hinweis, daß dieser so und so gestaltige Krischna die diesmalige Erscheinung sei des ewigen Wesens, die diesmalige Verkörperlichung des körperlosen Eins-und-Alles, die diesmalige Versinnlichung und Versichtbarung des unsinnlich-unsichtbaren Urselbstes. Auch hier ruht die katholische und die protestantische Religiosität in einem feierlichen Gleichgewicht, aber dies Gleichgewicht ward hergestellt auf einer ungleich höher gelegenen, freieren, reineren Ebene der religiösen Erfahrung wie dort...