18. Kapitel.

Ihren Kopf hielt sie gewaltsam emporgerichtet, aber sie blickte nicht mehr nach dem führenden Großen Wagen, denn sie hatte schon ganz das Gefühl der Richtung verloren. Sie ging, um zu gehen, sie ging, weil über ihr Gesichte des Todes schwebten, hell und lieblich.

Die vier Seiten des Waldes laufen eilig zusammen, verbinden sich zu vier Wänden und bilden das Gastzimmer in Chreptiow. Bärbchen ist darin und sieht alles ganz deutlich: im Kamin brennt ein großes Feuer, auf den Bänken sitzen wie immer die Offiziere; Sagloba neckt Herrn Snitko, Motowidlo sitzt schweigend da, schaut in die Flammen, und wenn sie knistern, sagt er mit gedehnter Stimme: »Seele im Fegefeuer, was ist dir not?« Muschalski und Hromyka spielen mit Michael Würfel, Bärbchen tritt an sie heran und spricht: »Michael, ich will auf der Bank niedersitzen und mich, ein wenig an dich lehnen, mir ist so seltsam.« Michael umfaßt sie: »Was ist dir, Kätzchen, vielleicht ...« Und sie nähertsich seinem Ohr, flüstert ihm etwas zu, und er antwortet: »O, wie ist mir seltsam!« Wie licht, wie friedlich ist diesem Gastzimmer, wie lieb ist Michael, — aber Bärbchen ist so seltsam, o, so seltsam zumute, daß eine große Angst sie befällt ...

Bärbchen ist so seltsam, daß das Fieber plötzlich nachläßt, denn schon hat sie eine Schwäche ergriffen wie vor dem Tode.

Die Gesichte schwinden, das Bewußtsein und mit ihm die Erinnerung kehren zurück.

»Ich bin auf der Flucht vor Asya« — sagte Bärbchen zu sich — »ich bin im Walde in tiefer Nacht, ich kann nicht mehr nach Chreptiow gelangen und muß sterben ...«

Kälte erfaßt ihren ganzen Körper und dringt bis ins Mark. Die Füße wanken, und sie kniet im Schnee unter einem Baume nieder.

Kein Wölkchen umschleiert jetzt ihren Geist; namenloses Leid erfaßt sie, aber sie weiß genau, daß sie stirbt, und beginnt in abgerissenen Worten ihre Seele Gott zu empfehlen.

»Im Namen des Vaters und des Sohnes ...«

Plötzlich wird ihr Gebet durch seltsame, schrille, knarrende Töne unterbrochen; sie dringen weithin und vernehmlich durch die nächtliche Stille.

Bärbchen öffnet den Mund, die Frage: »Was ist das?« erstirbt auf ihren Lippen, sie legt die zitternden Finger ans Gesicht, als könne sie's nicht glauben, und ihrem Munde entringt sich plötzlich der Schrei:

»O Gott, das sind die Kräne am Brunnen von Chreptiow — das ist Chreptiow, o Gott!«

Da springt sie auf, sie, die vor einem Augenblick zumTode bereit war, rennt keuchend, bebend, tränenüberströmt, mit wogender Brust durch den Wald. Sie sinkt hin und erhebt sich wieder und wiederholt immer für sich hin:

»Dort tränkt man die Pferde ... das ist Chreptiow ... das sind unsere Brunnen. Nur bis ans Tor — o Gott ... Chreptiow, Chreptiow!«

Der Wald lichtet sich, das schneeweiße Feld tut sich auf, und der Hügel, von dem viele leuchtende Augen auf das eilende Bärbchen herunterschauen. Aber das sind nicht Wolfsaugen, ach, es sind die Fenster von Chreptiow, die so lieblich, so hell in ihrem erlösenden Lichte schimmern, das ist das Blockhaus dort auf dem Hügel, mit seiner Ostseite gegen den Wald gekehrt.

Es war noch eine gute Strecke bis dahin; Bärbchen wußte gar nicht, wie sie dieselbe zurückgelegt hatte. Die Soldaten, die am Tore nach der Seite des Dorfes standen, erkannten sie im Finstern nicht und ließen sie ein, weil sie glaubten, es sei ein Knabe, der ausgeschickt war und zum Kommandanten zurückkehre. Sie raffte die letzten Kräfte zusammen, stürzte hinein, rannte über den Maidan[M]an dem Brunnen vorüber, an welchem die eben von einem Ausritt zurückgekehrten Dragoner die Pferde tränkten — und hielt in der Tür des Hauses.

Der kleine Ritter und Sagloba saßen gerade rittlings auf der Bank vor dem Feuer, aßen ihre Suppe und sprachen von Bärbchen. Sie sei dort in Raschkow, meinten sie, und lasse es sich gut gehen. Sie waren beide mißgestimmt, denn sie sehnten sich sehr nach ihr und stritten jeden Tag um den Zeitpunkt ihrer Rückkehr.

»Behüte uns Gott vor plötzlichem Tauwetter, vor Regen und Schneeschmelzen, denn sonst kehrt sie, weiß Gott wann, zurück,« sagte Sagloba grämlich.

»Der Winter hält noch vor,« antwortete der kleine Ritter, »und in acht oder zehn Tagen werde ich schon einen Blick nach Mohylow hineintun.«

»Ich wollte, sie wäre nicht gereist. Was bin ich hier in Chreptiow ohne sie?«

»Und warum habt Ihr zur Reise geraten?«

»Schilt nicht, Michael, dein Kopf war's ...«

»Wenn sie nur gesund zurückkommt.« Hier seufzte der kleine Ritter und fügte hinzu: »Gesund und so schnell als möglich.«

Da knarrte die Tür, und ein kleines, dürftiges, zerlumptes, mit Schnee bedecktes Geschöpf begann kläglich an der Schwelle zu wimmern: »Michael, Michael!«

Der kleine Ritter sprang auf, aber im ersten Augenblick war er so erstaunt, daß er wie versteinert auf der Schwelle stehen blieb, die Arme ausbreitete, mit den Augen zwinkerte — und sich nicht rührte.

»Michael ... Asya ist ein Verräter ... Er hat mich entführen wollen ... ich bin entflohen ... Hilfe!«

Sie schwankte und fiel wie tot zu Boden; da sprang er hinzu, erfaßte sie, hob sie wie eine Feder mit seinen Armen empor und schrie:

»Allmächtiger Gott, hab' Erbarmen!«

Aber ihr armes, blau gefrorenes Köpfchen hing leblos über seinem Arm herab; er glaubte eine Tote zu halten und schrie mit entsetzlicher Stimme:

»Bärbchen ist tot ... tot — Hilfe!«

Das Gerücht von Bärbchens Ankunft verbreitete sich mit Windeseile in Chreptiow, aber niemand außer dem kleinen Ritter, Sagloba und den bedienenden Frauen sah sie amAbend nach ihrer Ankunft noch an den folgenden Tagen. Nach der Ohnmacht an der Schwelle des Zimmers hatte sie noch soviel Bewußtsein wiedergewonnen, um wenigstens in einigen Worten erzählen zu können, was vorgefallen war. Aber bald traten neue Ohnmachten ein, und eine Stunde darauf erkannte sie sogar ihren Mann nicht mehr, obgleich man durch alle möglichen Mittel versuchte, sie ins Leben zurückzurufen, obgleich man sie wärmte, ihr Wein einflößte und ihr Nahrung zuzuführen bemüht war; es konnte kein Zweifel darüber bestehen, daß für sie eine lange, schwere Krankheit beginne.

In ganz Chreptiow herrschte große Aufregung. Die Soldaten stürzten, nachdem sie erfahren hatten, daß die »Herrin« halb tot heimgekehrt sei, auf den Maidan hinaus wie eine Schar Bienen, die Offiziere versammelten sich alle im Gastzimmer, flüsterten halblaut und harrten ungeduldig auf neue Nachrichten aus dem Alkoven, in den man Bärbchen gebettet hatte. Lange Zeit war nichts zu erfahren; die Dienstfrauen liefen eilig hin und her, bald aus der Küche warmes Wasser zu holen, bald in die Apotheke nach Pflaster, Salben und Arzeneien. Aber sie ließen sich in ihrer Eile nicht aufhalten. Die Ungewißheit lag wie Blei auf aller Herzen; auf dem Maidan versammelte sich eine immer größere Menge, auch aus den Dörfern liefen sie herbei, und Fragen gingen von Mund zu Mund. Bald verbreitete sich das Gerücht von Asyas Verrat und von der Rettung der »Herrin« durch die Flucht; man wußte auch, daß sie eine ganze Woche auf der Flucht gewesen war ohne Speise, ohne Schlaf. Bei diesen Nachrichten schwoll der Zorn der Hörer; die Schar der Krieger erfaßte eine seltsame, fürchterliche Unruhe, fürchterlich darum, weil man besorgt war, durch einen lauten Ausbruch die Gesundheit der Herrin zu gefährden.

Endlich, nach langem Harren, trat Sagloba zu den Offizieren heraus; seine Augen waren gerötet, der Rest seiner Haare stand ihm zu Berge; die Offiziere stürzten ihm entgegen, und fieberhaft kreuzten einander die Fragen:

»Lebt sie? Lebt sie?«

»Sie lebt,« versetzte der Alte, »aber Gott allein weiß, ob sie in einer Stunde ...« hier erstarb ihm das Wort im Munde, seine Unterlippe begann zu beben, er griff plötzlich mit der Hand nach dem Kopfe und sank schwer auf die Bank nieder.

Dann schüttelte unterdrücktes Schluchzen seine Brust.

Bei diesem Anblick umarmte Muschalski Herrn Nienaschyniez, obgleich er ihn sonst nicht besonders liebte, und beide weinten leise. Herr Motowidlo riß die Augen auf, als wollte er etwas hinunterwürgen, ohne es zu können, Snitko knöpfte mit zitternden Händen seinen Überrock auf, und Hromyka hob die Hände gen Himmel und ging so im Zimmer auf und nieder.

Die Soldaten bemerkten durch die Fenster diese Zeichen der Verzweiflung, und da sie glaubten, die Herrin sei schon gestorben, erhoben sie lautes Klagen. Als Sagloba den Lärm vernahm, verfiel er plötzlich in Wut und stürzte auf den Maidan hinaus.

»Still, Schelme, daß euch das Donnerwetter hole!« rief er mit unterdrückter Stimme.

Sie schwiegen sogleich und begriffen, daß die Klage verfrüht war, aber sie verließen den Maidan nicht. Sagloba kehrte ein wenig beruhigt in das Gastzimmer zurück und ließ sich wieder auf die Bank nieder. In diesem Augenblick erschien eine der bedienenden Frauen auf der Schwelle des Alkovens.

Sagloba sprang auf sie zu.

»Wie steht's?«

»Sie schläft.«

»Schläft? Gott sei Dank!«

»Vielleicht gibt Gott ...«

»Was macht der Herr Kommandant?«

»Der Herr Kommandant ist am Bette.«

»Gut. Hole, wonach man dich geschickt hat.«

Sagloba wandte sich zu den Offizieren und sagte, die Worte der Frau wiederholend:

»Vielleicht hat der Allmächtige Erbarmen. Sie schläft — so habe ich noch Hoffnung ... uff!«

Alle atmeten tief auf. Dann drängten sie sich in engem Kreis um Sagloba und fragten von allen Seiten:

»Ums Himmels willen, wie ist das geschehen? Was war das? Wieso ist sie zu Fuß entflohen?«

»Anfangs ist sie nicht zu Fuß entflohen,« versetzte Sagloba leise, »sondern mit zwei Pferden, denn sie hat diesen Hund — die Pest soll ihn holen — aus dem Sattel geworfen.«

»Wir trauen unseren Ohren nicht!«

»Mit dem Schaft der Pistole hat sie ihm einen Schlag auf die Stirn versetzt, und da sie weit zurückgeblieben waren, hat es niemand bemerkt und sie verfolgt. Das eine Pferd haben ihr die Wölfe zerrissen, das andere ist unterm Eise ertrunken. O Jesus, All-Erbarmer! So ist das arme Kind allein durch die Wälder gegangen, ohne Nahrung!«

Wieder weinte Sagloba laut auf und unterbrach seine Erzählung, und auch die Offiziere wußten sich nicht zu lassen vor Bewunderung, Entsetzen und Schmerz über die von allen geliebte Frau.

»Als sie sich Chreptiow näherte,« fuhr Sagloba nach einer Weile fort, »erkannte sie den Ort nicht mehr und bereitetesich zum Tode. Erst als sie das Knarren der Brunnen hörte, merkte sie, daß sie in der Nähe war, und schlich heran mit den letzten Kräften.«

»Gott hat sie in solcher Not geschützt,« sagte Motowidlo und rieb seinen Bart, »er wird sie auch fernerhin schützen!«

»Ja, so ist's, Ihr habt das rechte getroffen,« sagten einige Stimmen.

Da tönte wieder von dem Maidan lauter Lärm herein: sofort sprang Sagloba wütend auf und stürzte vor die Tür.

Kopf an Kopf standen sie hier. Die Soldaten zogen sich, da sie Sagloba und zwei andere Offiziere erblickten, langsam im Halbkreis zurück.

»Still sollt ihr mir sein, Hundeseelen!« begann Sagloba, »sonst lasse ich ...«

Da trat aus dem Halbkreis Sydor Luschnia hervor, der Dragonerwachtmeister, ein echter Masur und ein Lieblingssoldat Michaels. Nachdem er einige Schritte vorwärts getan hatte, stellte er sich stramm hin und sagte mit fester Stimme:

»Ich bitte Ew. Liebden, nichts anderes darf geschehen, als daß wir gegen diesen Kerl, der unsere Herrin hat kränken wollen, losziehen, um unsere Rache zu nehmen. Was ich sage, das wünschen alle; wenn der Herr Kommandant nicht kann, so werden wir unter einem anderen Kommando hinziehen, um ihn zu fassen, und müßte es bis in die Krim sein.«

In der Stimme des Wachtmeisters sprach sich eine wütende, kalte Bauerndrohung aus; die anderen Dragoner aber und die Linie aus der Genossenschaftsfahne knirschten mit den Zähnen, schlugen leise an die Säbel und murrten. Dieses dumpfe Murren, dem Brummen des Bären in der nächtigen Dämmerung ähnlich, hatte etwas Erschreckendes. Der Wachtmeister stand kerzengerade und harrte auf Antwort, mit ihm die ganzen Reihen, und man konnte eine so furchtbare Wutund Rachsucht an ihnen wahrnehmen, daß ihr gegenüber selbst die gewohnte Manneszucht nicht standhielt.

Eine Weile dauerte das Schweigen, endlich ließ sich in den entfernteren Reihen eine Stimme vernehmen:

»Sein Blut ist für die Herrin die beste Arzenei!«

Saglobas Zorn legte sich, denn diese Anhänglichkeit der Soldaten an Bärbchen rührte ihn; zugleich blitzte in seinem Kopfe bei der Erwähnung der Arzenei ein anderer Plan auf, der Plan, einen Medikus für Bärbchen holen zu lassen. Im ersten Augenblicke hatte in dem öden Chreptiow niemand daran gedacht; aber in Kamieniez wohnten doch einige Ärzte, unter ihnen auch ein Grieche, ein berühmter, wohlhabender Mann, der einige Häuser besaß, und so gelehrt war, daß man ihn allgemein für einen Schwarzkünstler hielt.

Sagloba war nur im Zweifel, ob dieser, den selbst die Magnaten mit dem Titel »Herr« beehrten, bei seinem Reichtum für einen beliebigen Preis in eine solche Wüste werde kommen wollen.

Er überlegte eine Weile, dann sagte er:

»Die gerechte Rache wird an diesem Erzhund nicht vorbeigehen, ich verspreche es euch, und er wird gewiß lieber sehen, daß ihm der König Rache schwört als Sagloba. Aber ich weiß nicht, ob er noch am Leben ist, denn die Herrin hat ihm, da sie sich seinen Händen entriß, mit dem Schaft seiner Pistole gerade in den Kopf geschlagen. Jetzt aber ist nicht Zeit, daran zu denken, erst gilt es, die Herrin zu retten.«

»Und koste es unser Leben,« versetzte Luschnia, und wieder ging ein Gemurmel durch die Menge, um die Worte des Wachtmeisters zu bekräftigen.

»Höre, Luschnia,« sagte Sagloba, »in Kamieniez wohnt ein Medikus namens Rodopul; eile zu ihm, sage ihm, der Herr General von Podolien habe sich vor der Stadt den Fußverrenkt und harrt seiner Hilfe; wenn er jenseits der Mauer ist, so fasse ihn beim Kragen, setze ihn aufs Pferd oder stecke ihn in einen Sack und bringe ihn nach Chreptiow. Ich werde auf verschiedenen Stationen Pferde bereit halten lassen, damit Ihr ohne Unterbrechung reitet; sorge nur, daß er lebendig hier ankommt, denn tot könnte er uns nichts nützen.«

Ein Gemurmel der Befriedigung ging durch die Reihen; Luschnia schüttelte seinen mächtigen Schnauzbart und sagte: »Ich will ihn schon bekommen, und ich verliere ihn nicht bis Chreptiow.«

»So mach' dich auf den Weg.«

»Ich bitte Ew. Liebden ...«

»Was noch?«

»Und wenn er mir ohnmächtig wird?«

»Laß ihn, wenn er nur lebendig herkommt. Nimm sechs Leute und mach' dich auf den Weg.«

Luschnia eilte. Die anderen, froh, etwas für die »Herrin« tun zu können, stürzten in die Ställe, um die Pferde zu satteln, und in wenigen Minuten rückten sechs Mann nach Kamieniez aus; ihnen folgten andere mit losen Pferden, die sie unterwegs bereit halten wollten.

Sagloba kehrte, zufrieden mit sich, in das Gastzimmer zurück.

Nach einer Weile trat Michael aus dem Alkoven. Er war verändert, halb abwesend, gleichgültig gegen Worte der Teilnahme und des Trostes. Er teilte Sagloba mit, daß Bärbchen beständig schlafe, dann ließ er sich auf die Bank nieder und blickte scheu nach der Tür, hinter der sie lag. Die Offiziere glaubten, er horche auf, darum hielten sie alle den Atem an, und es herrschte im Zimmer eine lautlose Stille.

Nach Verlauf einiger Zeit näherte sich Sagloba auf den Zehen dem kleinen Ritter.

»Michael,« sagte er, »ich habe einen Medikus aus Kamieniez holen lassen, aber ... aber vielleicht soll man noch jemand holen?«

Wolodyjowski blickte starr vor sich hin, er suchte seine Gedanken zu sammeln. Er hatte offenbar nichts begriffen.

»Den Geistlichen,« sagte Sagloba. »Priester Kaminski könnte bis morgen hier sein.«

Da schloß der kleine Ritter die Augen, wandte das bleiche Gesicht zum Kamin und wiederholte schnell:

»Jesus, Jesus ... Jesus!«

Sagloba fragte also nicht weiter, er ging hinaus und gab seine Befehle. Als er zurückkehrte, war Michael nicht mehr im Gastzimmer; die Offiziere teilten Sagloba mit, die Kranke habe ihren Gatten gerufen, sie wußten nicht, ob im Fieber oder bei Bewußtsein.

Der Alte überzeugte sich sogleich selbst, daß es im Fieber geschehen war.

Bärbchens Wangen glühten in hellem Rot, sie hatte das Aussehen einer Gesunden; aber ihre Augen, die zwar den Glanz nicht verloren hatten, waren trübe, als seien die Augensterne mit dem Weißen verschwommen; ihre weißen Hände tasteten mit eintöniger Bewegung auf der Decke umher. Michael lag halb bewußtlos zu ihren Füßen. Von Zeit zu Zeit murmelte die Kranke leise etwas, oder sie sprach gewisse Worte lauter, wie »Chreptiow«, das sie am häufigsten wiederholte. Offenbar wähnte sie sich noch auf der Reise. Sagloba beunruhigte besonders die Handbewegung auf der Decke, denn in ihrer bewußtlosen Einförmigkeit sah er die Anzeichen des herannahenden Todes. Er war ein erfahrener Mann, viele Menschen waren vor seinen Augen gestorben; aber nie war sein Herz von solchem Schmerz zerrissen wie bei dem Anblick dieser Blume, die so früh dahinwelkte.

Er begriff, daß nur Gott allein dieses verlöschende Leben retten könne; er kniete am Boden nieder und begann eifrig zu beten.

Aber Bärbchens Atem wurde immer schwerer und verwandelte sich allmählich in ein Keuchen. Wolodyjowski sprang auf, Sagloba richtete sich empor; beide sprachen kein Wort miteinander, sie blickten sich nur an, aber in diesem Blick lag ein entsetzlicher Ausdruck. Sie glaubten, der Tod sei nahe. Das währte aber nur einen Augenblick; bald wurde der Atem der Kranken ruhiger und sogar langsamer.

Von jetzt ab schwebten sie beständig zwischen Furcht und Hoffnung. Die Nacht zog sich träge hin; auch die Offiziere gingen nicht zur Ruhe, sie saßen im Gastzimmer, blickten nach der Tür des Alkovens, sprachen leise miteinander oder schlummerten. Von Zeit zu Zeit trat ein Bursche herein und warf Holz in den Kamin. Bei jeder Bewegung der Türklinke sprangen sie von den Bänken auf, denn sie fürchteten, Michael oder Sagloba werde eintreten und die entsetzlichen Worte sprechen:

»Sie lebt nicht mehr.«

Inzwischen krähten die Hähne, und Bärbchen kämpfte noch immer mit dem Fieber. Am Morgen brach ein entsetzlicher Sturmwind mit Regenschauern los und tobte durch das Gebälk, heulte unter dem Dache, spielte mit den Flammen im Kamin und warf dichte Rauchwolken und Funken in das Gemach. Beim ersten Lichtschimmer verließ Motowidlo leise das Zimmer, um seinen Umritt zu machen; ein blasser, wolkiger Tag war endlich angebrochen und beleuchtete die müden Gesichter.

Auf dem Maidan begann die übliche Bewegung; durch das Pfeifen des Windes tönte das Getrappel der Pferde in den Ställen, das Ziehen der Brunnenkräne und die Stimmender Soldaten; bald aber ließ sich ein Glöckchen vernehmen: Priester Kaminski war angekommen.

Als er eintrat in seinem weißen Meßhemd, knieten die Offiziere nieder. Allen schien der feierliche Augenblick gekommen, dem unabwendbar der Tod folgen mußte. Die Kranke hatte das Bewußtsein nicht wiedergewonnen, und so konnte der Priester die Beichte von ihr nicht hören. Er gab ihr nur die letzte Ölung, dann suchte er den kleinen Ritter zu trösten und sprach ihm zu, sich dem göttlichen Willen zu fügen. Aber dieser hörte den Trost kaum, kein Wort vermochte seinen Schmerz zu durchdringen.

Den ganzen Tag schwebte der Tod über Bärbchen wie eine Spinne, die in dunklem Winkel sich verborgen hält, bisweilen ans Tageslicht hervorkriecht und sich an einem unsichtbaren Faden herunterläßt; oft glaubten die Anwesenden, daß die Schatten des Todes schon über Bärbchens Stirn fielen, daß diese lichte Seele die Flügel ausbreite, um von Chreptiow zu entschweben in den unendlichen Äther, in ein anderes Land; dann wieder verbarg sich der Tod wie die Spinne unter der Decke, und Hoffnung erfüllte die Herzen.

Es war aber keine dauernde, keine vollständige Hoffnung, denn daß Bärbchen diese Krankheit überleben werde, wagte niemand zu hoffen, auch Michael nicht; sein Schmerz war so groß, daß Sagloba, obgleich auch er furchtbar abgehärmt war, um ihn ernstlich besorgt ward und ihn dem Schutz der Offiziere empfahl.

»Um Gottes willen, habt ein Auge auf ihn,« sagte er, »er stößt sich ein Messer ins Herz.«

Michael wäre zwar dergleichen nicht in den Sinn gekommen, aber in dem Kampf mit seinem Schmerz und Leid fragte er sich beständig: »Wie soll ich hierbleiben, wenn sie von hinnen geht, wie kann ich dies liebe Wesen allein ziehenlassen? Was wird sie sagen, wenn sie sich umsieht und mich nicht in ihrer Nähe findet?«

Und so begehrte er aus innerster Seele gemeinsam zu sterben, denn wie er sich kein Leben auf Erden ohne sie vorstellen konnte, so begriff er auch nicht, daß sie in jenem Leben ohne ihn glücklich sein könne und nach ihm nicht Sehnsucht tragen werde.

Am Nachmittag verbarg sich die unheilvolle Spinne wieder unter der Decke, die Glut auf Bärbchens Wangen erlosch, und das Fieber nahm so weit ab, daß die Kranke ein wenig zum Bewußtsein kam.

Eine Zeitlang lag sie mit geschlossenen Augen da, dann öffnete sie dieselben, schaute dem kleinen Ritter ins Gesicht und fragte:

»Michael, bin ich in Chreptiow?«

»So ist es, mein Lieb,« antwortete Michael und verbiß seinen Schmerz.

»Und du stehst wirklich neben mir?«

»So ist es. Wie fühlst du dich?«

»O, gut.«

Sie war offenbar selbst nicht sicher, ob ihr nicht das Fieber täuschende Gesichte vor die Augen führe; aber von diesem Augenblick an gewann sie ihr Bewußtsein immer mehr zurück.

Am Abend kam der Wachtmeister Luschnia mit seinen Leuten zurück und brachte den Medikus aus Kamieniez samt Arzneien. Dieser war halb tot; aber da er erkannte, daß er nicht in Räuberhänden sei, wie er geglaubt hatte, sondern daß er auf diese seltsame Weise zu einer Kranken gerufen war, ging er nach kurzer Erholung schnell an das Werk der Rettung, um so schneller, als Sagloba ihm in der einen Handeinen Beutel voll Goldstücke, in der anderen ein geladenes Pistol zeigte:

»Dies dein Lohn für das Leben, dies für den Tod.«

Noch in derselben Nacht, genau um die Dämmerung, verbarg sich die unheimliche Spinne ein für allemal, und der Ausspruch des Arztes: »Sie wird lange krank liegen, aber gesund werden,« verbreitete sich im frohen Echo über ganz Chreptiow. Als Michael es zum ersten Male hörte, stürzte er zu Boden und weinte so, daß das Schluchzen ihm die Brust zu sprengen drohte. Sagloba wurde vor Freude halb ohnmächtig, sein Gesicht bedeckte sich mit Schweiß, und er vermochte kaum auszurufen: »Trinken!« Die Offiziere umarmten sich gegenseitig.

Auf dem Maidan versammelten sich wieder die Dragoner, die Linie und die Kosaken des Herrn Motowidlo. Man konnte sie kaum davon zurückhalten, in laute Rufe auszubrechen; sie wollten durchaus auf irgend eine Weise ihre Freude bezeigen, und sie baten um einige in den Kellern von Chreptiow verborgen gehaltene Gefangene, um sie auf das Wohl der Herrin zu henken.

Aber der kleine Ritter gab ihrem Verlangen nicht nach.

Dekoration, Ende Kap. 17

Titeldekoration, Kap. 18

Bärbchen war noch eine ganze Woche so schwer krank, daß, wenn der Arzt nicht das Gegenteil versichert hätte, der kleine Ritter und Herr Sagloba gefürchtet haben würden, ihr Lebensflämmchen müsse jeden Augenblick verlöschen. Erst nach Verlauf dieser Zeit besserte sich ihr Zustand bedeutend. Das Bewußtsein kehrte vollständig zurück, und obwohl der Arzt vorhersagte, daß sie einen ganzen Monat oder gar anderthalb werde zu Bette liegen müssen, so war es doch sicher, daß sie ihre Gesundheit und ihre früheren Kräfte ganz wiedergewinnen werde.

Herr Michael, der während ihrer Krankheit nicht von ihrer Seite gewichen war, gewann sie in diesen Zeiten der Not, wenn dies überhaupt möglich war, noch inniger lieb und sah in ihr seine ganze Welt. Wenn er so bei ihr saß, wenn er ihr in das abgemagerte, kranke, aber heitere Gesichtchen schaute, wenn er in ihre Augen blickte, die mit jedem Tage mehr ihren alten Glanz wiedergewannen, dann erfaßte ihn die Lust zu weinen, zu lachen, und vor Freude aufzujubeln: Mein einziges Bärbchen genest wieder, mein Bärbchen genest!

Er warf sich über ihre Hände oder küßte die armen, kleinen Füßchen, die so rüstig durch den Schnee bis nach Chreptiow gewandert waren, — mit einem Wort, er liebte und verehrte sie über die Maßen. Er fühlte sich auch in tieferSchuld gegen die Vorsehung, und eines Tages sagte er in Gegenwart Saglobas und der Offiziere:

»Ich bin ein einfacher Mann, aber sollte ich mir auch die Hände abarbeiten bis zu den Ellbogen — ein kleines Kirchlein aus Holz werde ich noch schaffen können, und so oft in ihm die Glocken ertönen, so oft will ich der Barmherzigkeit Gottes gedenken, so oft soll meine Seele in Dankbarkeit sich demütigen.«

»O, helfe uns Gott erst glücklich den türkischen Krieg überstehen,« antwortete ihm Sagloba.

Und der kleine Ritter antwortete: »Gott weiß am besten, was ihn erfreuen mag; ist ihm ein Kirchlein lieber, so wird er mich behüten, und wird er mein Blut fordern, so will ich es ihm freudig dahingeben.«

Mit der Gesundheit gewann Bärbchen auch ihre Heiterkeit wieder. Zwei Wochen später befahl sie eines Abends, die Tür vom Alkoven ein wenig zu öffnen, und als die Offiziere im Gastzimmer versammelt waren, wandte sie sich mit ihrem Silberstimmchen zu ihnen:

»Guten Abend den Herren! Ich sterbe doch nicht, aha!«

»Gott im Himmel sei Dank!« antworteten die Offiziere im Chor.

»Dank sei Gott, mein liebes Kind!« rief Motowidlo in kleinrussischer Mundart; er liebte Bärbchen mit ganz besonderer Zuneigung, und in Augenblicken großer Rührung bediente er sich immer der heimischen Mundart.

»Gott hat über der Unschuld gewacht«, ließ sich wieder der Chor hinter der Tür vernehmen.

»Herr Sagloba hat mich oft genug verspottet, daß ich mehr Lust zum Säbel habe als zum Rocken. Schön! Der Spinnrocken und die Nadel hätten mir viel geholfen, und so habe ich mich doch recht ritterlich benommen, nicht wahr?«

»Der Engel Michael hätte es nicht besser können.«

Die Fortsetzung des Gespräches verhinderte Sagloba, indem er die Tür des Alkovens schloß, denn er fürchtete, Bärbchen könne sich zu sehr anstrengen. Sie aber neckte ihn wie ein Kätzchen, denn sie hatte Lust, noch lange zu plaudern, besonders hätte sie gern noch mehr Lob für ihren Mut und ihre Tapferkeit eingeheimst. Jetzt, da die Gefahr vorüber war und nur noch der Erinnerung angehörte, war sie sehr stolz auf ihre Tat gegen Asya, und sie verlangte durchaus, gerühmt zu werden. Oft tippte sie dem kleinen Ritter mit dem Finger gegen die Brust und sagte mit der Miene eines verzärtelten Kindes:

»Lobe mich für meinen Mut!«

Und er gehorchte, lobte sie, koste und küßte sie auf die Augen, auf die Hände, so daß sogar Sagloba, obgleich er selbst tiefes Mitgefühl in der Seele empfand, sich wie gekränkt stellte und murrte:

»Ha, sie wird sich noch ganz auflösen wie weicher Schnee.«

Die allgemeine Freude, die in Chreptiow über Bärbchens Rettung herrschte, wurde nur getrübt durch den Gedanken an den Verlust, den Asyas Verrat der Republik zugefügt, und an das schreckliche Schicksal des alten Nowowiejski, und der beiden Frauen Boska und Evchen. Bärbchen grämte sich sehr darüber und mit ihr auch alle anderen, denn die Ereignisse in Raschkow waren nicht bloß in Chreptiow, sondern in Kamieniez und darüber hinaus schon sehr genau bekannt. Vor einigen Tagen hatte Myslischewski in Chreptiow Rast gemacht, der trotz Asyas, Krytschynskis und Adurowitschs Verrat die Hoffnung noch nicht aufgegeben hatte, daß es ihm gelingen werde, die anderen lipkischen Hauptleute auf die Seite Polens hinüberzuziehen. Myslischewski war HerrnBogusch auf dem Fuße gefolgt, und ihm folgten unmittelbar Nachrichten aus Mohylow, aus Jampol und aus Raschkow selber.

In Mohylow hatte sich Herr Gorschenski, der offenbar ein tüchtigerer Soldat als Redner war, nicht überlisten lassen. Er hatte Asyas Weisungen an die als Besatzung zurückgebliebenen Lipker übernommen, überfiel sie mit einer Handvoll masurischen Fußvolkes und hieb sie nieder oder nahm sie in Gefangenschaft. Überdies hatte er eine Warnung nach Jampol gesandt, wodurch auch diese Stadt gerettet wurde. Kurz darauf waren die Heere zurückgekehrt, und so war nur Raschkow zum Opfer gefallen. Michael hatte gerade von dort einen Brief des Herrn Bialoglowski empfangen, der über die Ereignisse am Ort und über andere Dinge Nachricht gab, welche die gesamte Republik betraf.

— Gut, daß ich hergekommen bin — so schrieb er unter anderem —, denn Nowowiejski, den ich vertreten habe, wäre jetzt nicht imstande gewesen, seine Pflichten zu erfüllen. Er gleicht schon mehr einem Gerippe als einem Menschen, und wir werden sicher einen tüchtigen Rittersmann verlieren, denn der Schmerz hat ihn über die Maßen niedergebeugt. Den Vater hat man hingeschlachtet, die Schwester leidet die schrecklichste Schmach, Asya hat sie dem Adurowitsch geschenkt, und Fräulein Boska hat er sich selbst genommen. Sie sind verloren, wenn es auch gelänge, sie aus der Gefangenschaft zu befreien. Wir wissen das von einem Lipker, der sich bei dem Übergang über den Fluß das Genick verstaucht, von den unsrigen gefangen wurde, und auf glühenden Kohlen alles gebeichtet hat. Asya, Tuhaj-Beys Sohn, Krytschynski und Adurowitsch sind fortgezogen bis nach Adrianopel. Nowowiejski will ihm durchaus folgen; er wolle Asya, sagt er, und müßte es aus der Mitte des türkischen Lagers sein, ergreifenund seine Rache an ihm kühlen. Er war immer hitzig und entschlossen, und jetzt ist er's um so mehr, als er um Fräulein Boska trauert, deren Jammer wir alle mit Tränenströmen beweinen, denn das Mädchen war lieblich und hat hier alle Herzen gewonnen. Ich halte Nowowiejski zurück, denn ich sage ihm, Asya werde selbst zu ihm kommen; der Krieg ist gewiß, und auch das ist sicher, daß die Horde im Vortrab marschieren wird. Ich habe Nachrichten aus der Moldaugegend von den Perkulaben, ja von türkischen Kaufleuten, daß bei Adrianopel die Heere bereits zusammenströmen. Zahlreiche Horden, auch türkische Reiterei, »Spahis« wie sie es nennen, und der Sultan selbst soll mit den Janitscharen heranziehen, — o, werter Freund, zahllos wie die Heuschrecken werden sie sein, der ganze Osten wird lebendig, und bei uns kaum eine Handvoll Soldaten! Alle Hoffnung ruht auf dem Felsen von Kamieniez. Wenn er nur, was Gott geben mag, tüchtig versehen ist. In Adrianopel ist schon Frühling, auch bei uns drängt er heran, es regnet unaufhörlich, und das Gras beginnt zu sprießen. Ich gehe nach Jampol, denn Raschkow ist nur ein Aschenhaufen, es gibt keinen Ort, wo man sein Haupt niederlegen kann, und kein Brot, den Hunger zu stillen. Auch denke ich, daß man bald alle Kommandos zusammenberufen wird. —

Der kleine Ritter hatte seine eigenen Nachrichten, die ebenfalls zuverlässig waren, ja noch zuverlässiger, denn sie stammten aus Chozim und lauteten dahin, daß der Krieg unabwendbar sei. Noch vor kurzem hatte er dies dem Hetman gemeldet, und doch machte Bialoglowskis Brief, der von der äußersten Grenze kam, gerade weil er seine Nachrichten bestätigte, einen tiefen Eindruck auf ihn. Nicht den Krieg fürchtete der kleine Ritter; er war nur um Bärbchen besorgt.

»Der Befehl des Hetmans, die Kommandoszusammenzuberufen« — sagte er zu Sagloba — »kann jeden Tag eintreffen und — Dienst ist Dienst. Dann heißt es vorwärts, unverzüglich vorwärts, und Bärbchen liegt noch immer, und das Wetter ist schlecht.«

»Und wenn noch zehn Befehle kämen,« antwortete Sagloba, »Bärbchen ist die Hauptsache. Wir sitzen still, bis sie ganz gesund wird. Der Krieg wird doch nicht beginnen, ehe der Winter zu Ende geht, und ehe der Eisgang vorüber ist, um so mehr, als sie schweres Geschütz gegen Kamieniez aufführen werden.«

»In Euch steckt noch immer der alte Freiwillige,« versetzte ungeduldig der kleine Ritter. »Ihr glaubt, man könne den Befehl seiner eigenen Sache nachsetzen.«

»Je nun, wenn dir der Befehl lieber ist als Bärbchen, so lade sie auf den Wagen und fahre davon. Ich weiß wohl, du könntest ihr um des Befehls willen mit einer Heugabel auf den Wagen helfen, wenn sie nicht aus eigenen Kräften hinein könnte. Hol' Euch der Teufel mit solcher Disziplin! In alten Zeiten, da machte der Mensch, was er konnte, und was man nicht konnte, das ließ man sein. Auf der Zunge führst du die Barmherzigkeit, aber wenn es heißt: Hurra, auf den Türken! so spuckst du sie aus wie einen Kern und führst das arme Ding an der Schlinge mit deinem Pferde mit.«

»Ich, keine Barmherzigkeit für Bärbchen? Sei eingedenk Gottes!« schrie der kleine Ritter.

Sagloba fauchte zornig; aber als er in Wolodyjowskis abgehärmtes Gesicht blickte, sagte er:

»Michael, du weißt: was ich sage, das sage ich aus wahrhaft väterlicher Liebe zu Bärbchen. Wenn dem nicht also wäre, würde ich hier sitzen unter dem türkischen Schwerte, anstatt mir Muße zu gönnen im sicheren Lande, was mir inmeinen Jahren niemand übel deuten könnte? Und wer hat dir Bärbchen zur Frau gegeben? Wenn's nicht so ist, so laß' mich kochendes Wasser trinken und tu' nichts dazu, daß es besser schmecke.«

»Meine Dankbarkeit für Euch ist ohne Grenzen,« antwortete der kleine Ritter.

Sie umarmten sich, und gleich herrschte zwischen beiden die schönste Eintracht.

»Ich habe es mir schon zurechtgelegt,« sagte der kleine Ritter. »Wenn es Krieg gibt, so nehmt Ihr Bärbchen und geht mit ihr zu den Skrzetuskis ins Lukower Land, bis dorthin werden die Tataren nicht kommen.«

»Ich will es tun, um deinetwillen, obgleich ich gerade an dem Türken mein Mütchen kühlen möchte. Für mich gibt es nichts Jämmerlicheres als dies Schweinevolk, das keinen Wein trinkt.«

»Ich fürchte nur eins: Bärbchen wird durchaus nach Kamieniez wollen, um in meiner Nähe zu sein. Mich überläuft es kalt, wenn ich daran denke; und doch wird sie's wollen, so wahr Gott lebt.«

»So wirst du es nicht zugeben. Ist es nicht schon schlimm genug gekommen, daß du ihr in allem nachgibst, und daß du die Expedition nach Raschkow gestattet hast, obwohl ich gleich dagegen geeifert habe?«

»Ei, das ist nicht wahr, Ihr habt gesagt, Ihr wolltet keinen Rat geben.«

»Wenn ich sage, ich will keinen Rat geben, so heißt das schlimmer als abraten.«

»Bärbchen sollte eine Lehre daraus gezogen haben, aber sie ist doch einmal so; wenn sie das Schwert über meinem Haupte weiß, wird sie nicht nachgeben.«

»So wirst du es nicht zugeben, wiederhole ich. Ums Himmels willen, was für ein Strohmann!«

»Ich bekenne ja, wenn sie die Händchen an die Augen legt und zu weinen beginnt, oder wenn sie auch nur so tut, da wird mein Herz so weich wie Butter in der Pfanne. Es ist einmal so, sie hat mich behext. Fortschicken werde ich sie gewiß, denn ihre Sicherheit ist mir lieber, als das eigene Leben; aber wenn ich daran denke, daß ich sie so werde kränken müssen — bei Gott, der Atem stockt mir vor Schmerz.«

»Michael, so denke doch an Gott und laß' dich nicht an der Nase herumführen.«

»Bah, das tu' ich nicht; und wer hat gesagt, daß ich kein Mitleid mit ihr habe? Wart Ihr's nicht?«

»He?« machte Sagloba.

»Ihr meint, Ihr habt die Schlauheit gepachtet, und nun kratzt Ihr Euch selbst hinter den Ohren.«

»Ich denke darüber nach, mit welcher Überredung man es versuchen könnte.«

»Und wenn sie plötzlich die Händchen vor die Augen hält?«

»Ja, das wird sie tun,« sagte Sagloba mit sichtlicher Angst, und beide waren sehr bekümmert, denn in Wirklichkeit hatte Bärbchen sie ganz und gar in ihrer Hand. Sie hatten sie während der Krankheit aufs äußerste verzärtelt und liebten sie so, daß die Notwendigkeit, gegen ihren Wunsch und gegen ihr Herz zu verfahren sie mit Kummer erfüllte. Daß Bärbchen keinen Widerstand leisten und demütig sich ihrem Ausspruch fügen werde, wußte der eine so gut wie der andere; aber, von Michael ganz zu schweigen, selbst Sagloba hätte es vorgezogen, ganz allein ein ganzes Regiment Janitscharen zu überfallen, als Bärbchen zu widerstehen, wenn sie zu weinen drohte.

Noch an demselben Tage kam ihnen Hilfe, und wie sie hofften, sichere Hilfe in der Person unerwarteter, überaus lieber Gäste. Gegen Abend kamen ohne jede weitere Anmeldung Ketling und seine Gemahlin an. Die Freude und das Erstaunen bei diesem Wiedersehen war unbeschreiblich, und auch jene freuten sich sehr, da sie auf ihre ersten Fragen hörten, daß Bärbchen der Genesung entgegengehe. Christine eilte bald nach dem Alkoven, und gleich darauf drangen von dorther Freudenrufe, die den Rittern verkündeten, wie sehr Bärbchen durch den Besuch beglückt war.

Ketling und Herr Michael hielten sich lange umschlungen, immer wieder ließen sie voneinander, immer wieder schlossen sie sich in die Arme.

»Beim Himmel, Ketling,« sagte der kleine Ritter, »über den Marschallstab würde ich mich weniger freuen als über dich; aber was hast du hier in dieser Gegend vor?«

»Der Herr Hetman hat mich zum Vorgesetzten der Artillerie von Kamieniez gemacht,« antwortete Ketling, »da bin ich mit meiner Frau nach Kamieniez gereist. Wir haben dort von den schweren Tagen gehört, die Euch betroffen, und so haben wir uns unverzüglich nach Chreptiow aufgemacht. Gott sei Dank, lieber Michael, daß alles ein glückliches Ende genommen hat! Wir sind mit großer Kümmernis und mit bangem Herzen hergekommen, denn wir wußten nicht, ob wir hier zur Freude oder zur Trauer...«

»Zur Freude!« warf Sagloba ein.

»Wie ist das nur gekommen?« fragte Ketling.

Der kleine Ritter und Herr Sagloba begannen nun um die Wette zu erzählen; Ketling horchte auf, hob Augen und Hände gen Himmel und bewunderte Bärbchens Mut.

Nachdem sie sich genug erzählt hatten, begann der kleine Ritter Ketling auszufragen, wie es ihm ergangen sei, unddieser gab ihm einen ausführlichen Bericht. Nach der Hochzeit hatten sie an der kurländischen Grenze gewohnt; sie fühlten sich so wohl beieinander, »wie es im Himmel nicht schöner sein könne«. Als Ketling Christine heimführte, wußte er, daß er »ein himmlisches Wesen« nehme, und diese Meinung hatte er auch jetzt noch.

Sagloba und Michael erkannten an jedem Ausdruck den alten Ketling wieder, der sich immer höfisch auszudrücken pflegte, — und wiederholt drückten sie ihn an sich. Als sie ihre alte Freundschaft zur Genüge durch Umarmungen gesättigt hatten, fragte der alte Edelmann:

»Ist diesem himmlischen Wesen nicht ein irdischer Kasus zugestoßen, der mit den Füßen strampelt und mit den Fingerchen im Munde nach Zähnen sucht?«

»Gott hat uns einen Sohn geschenkt,« antwortete Ketling, »und jetzt ...«

»Ich hab's bemerkt,« fiel Sagloba ein; »hier bei uns ist alles noch beim alten.«

Bei diesen Worten heftete er sein gesundes Auge auf den kleinen Ritter und verzog verlegen den Mund.

Da trat Christine ein und sagte in der Tür:

»Bärbchen bittet die Herren.«

Nun gingen alle in den Alkoven, und die Begrüßung begann von neuem. Ketling küßte Bärbchens Hände, Michael die Christinens, und sie schauten alle einander neugierig an, wie Leute zu tun pflegen, die sich lange nicht gesehen haben.

Ketling hatte sich fast gar nicht verändert, nur sein Haar war kurz geschoren, und das ließ ihn jünger erscheinen. Christine dagegen war, wenigstens jetzt, sehr verändert. Sie sah nicht so schlank und anmutig aus wie ehedem, und ihr Gesicht war blasser, wodurch der schwache Flaum über derOberlippe dunkler erschien. Nur die schönen Augen mit den langen Wimpern waren ihr geblieben und die frühere Sanftmut in ihrem Gesichtsausdruck. Aber die einst so wunderbaren Gesichtszüge hatten ihre Feinheit eingebüßt. Das mochte zwar nur vorübergehend sein, aber doch verglich Michael sie mit Bärbchen und sagte unwillkürlich zu sich:

Bei Gott, wie konnte ich diese lieben, damals, da ich beide nebeneinander sah! Wo hatte ich meine Augen?

Dagegen erschien Bärbchen Herrn Ketling wunderhübsch. Sie war es auch mit ihrem hellen, wirren Schopf, der bis über die Brauen fiel, mit ihrer Gesichtsfarbe, die durch ihre Krankheit von ihrer Röte verloren hatte und an die Farbe der weißen Rosen erinnerte. In diesem Augenblick war ihr Gesichtchen vor Freude ein wenig gerötet, und ihre zarten Nasenflügel bewegten sich lebhaft. Sie sah so jung aus, wie ein halb erwachsenes Mädchen, und auf den ersten Blick hätte man glauben können, sie sei um zehn Jahre jünger als Ketlings Gemahlin.

Aber ihre Schönheit wirkte derart auf den tief empfindenden Ketling, daß er nur noch inniger für seine Frau fühlte, weil er sich ihr gegenüber schuldig wußte.

Die beiden Frauen hatten sich schon alles erzählt, was sie sich in so kurzer Zeit erzählen konnten; darum ließ sich die ganze Gesellschaft jetzt an Bärbchens Bette nieder und begann von den alten Zeiten zu plaudern. Aber die Unterhaltung wollte nicht recht vorwärts gehen, denn es hatte in jenen Jahren so manche heikle Dinge gegeben: Michaels Vertraulichkeit mit Christine, seine Gleichgültigkeit gegen das jetzt so geliebte Bärbchen, mancherlei Versprechungen und mancherlei Verzweiflung. Der Aufenthalt in Ketlings Hause hatte für alle seinen Zauber gehabt und dankbare Erinnerungenin aller Herzen zurückgelassen; aber über ihn zu sprechen, ging nicht gut an.

Ketling begann auch gleich andere Saiten aufzuziehen.

»Ich habe noch nicht erzählt, daß wir unterwegs die Skrzetuskis besucht haben, die uns zwei Wochen hielten und uns eine Gastfreundschaft erwiesen, wie sie im Himmel nicht schöner sein kann.«

»Du lieber Gott, wie geht's den Skrzetuskis?« rief Sagloba. »Habt ihr auch ihn zu Hause angetroffen?«

»Ja, er war zu Hause. Er war auf Urlaub vom Hetman gekommen mit seinen drei ältesten Söhnen, die in der Linie dienen.«

»Skrzetuski habe ich seit unserer Hochzeit nicht gesehen,« sagte der kleine Ritter; »er war mit seinen Söhnen hier in den »Wilden Feldern«, aber wir trafen uns nicht.«

»Es ist ihnen allen dort furchtbar bange nach Euch,« sagte Ketling, zu Herrn Sagloba gewendet.

»Ach, und wie bang ist mir nach ihnen!« versetzte der alte Edelmann. »Aber das geht so: sitze ich hier, so ist mir nach ihnen bange, geh' ich dorthin, so wird mir bange sein nach diesem Eichkätzchen ... So ist das Leben; saust der Wind nicht um das eine Ohr, so saust er ums andere; und am schlimmsten hat's der Verwaiste, denn hätte ich jemand, der mir angehörte, so brauchte ich nicht Fremde zu lieben.«

»Euch würden auch die leiblichen Kinder nicht mehr lieben als wir,« antwortete Bärbchen.

Als Sagloba das hörte, freute er sich sehr; er ließ die trüben Gedanken fahren und ließ bald seinen jovialen Humor wieder hören.

»Ei, ich war damals bei Ketling recht dumm, daß ich Christine und Bärbchen euch angehängt und an mich gar nicht gedacht habe. Es war noch Zeit ...« Hier wandteer sich zu den Frauen. »Gesteht nur ein, ihr würdet mich beide geliebt haben, und daß eine jede von euch mich lieber genommen hätte als Michael oder Ketling.«

»Das versteht sich!« rief Bärbchen.

»Halschka Skrzetuska hätte mich auch lieber genommen; ja, jetzt ist's vorbei. Das nenn' ich ein braves Weib, kein Springinsfeld, der den Tataren die Zähne ausschlägt; ist sie wohlauf?«

»Es geht ihr wohl; sie grämt sich nur, weil ihnen die beiden mittleren Jungen, die in Lukow auf der Schule waren, zu den Soldaten entlaufen sind,« antwortete Ketling. »Er freut sich wenigstens noch, daß in den Burschen solche Lust zum Kriegshandwerk steckt, — aber die Mutter ist eben wie alle Mütter.«

»Haben sie viel Kinder?« fragte Bärbchen mit einem Seufzer.

»Es sind zwölf Knaben dort — und jetzt beginnt das schöne Geschlecht,« antwortete Ketling.

Und Sagloba versetzte: »Ha, auf diesem Hause ruht ein besonderer Segen Gottes. Alles das habe ich an meiner eigenen Brust aufgezogen, wie der Pelikan ... Den mittleren Buben dreh' ich den Hals um, denn wenn sie schon davongelaufen sind, hätten sie hierherkommen sollen zu Michael ... wartet einmal! ... Es müssen Michael und Hans sein, die ausgerissen sind! Es gibt ihrer dort eine solche Menge, daß der Vater selbst ihre Vornamen vergißt. Krähen sieht man dort eine halbe Meile im Umkreis nicht, alles haben die Bengel mit ihren Terzerolen vertilgt; bah', eine solche Frau kann man mit Licht suchen. Wenn ich ihr sagte: Halschka, die Tölpel wachsen heran, nun heißt's neuen Nachwuchs, da schrie sie mich zornig an — aber zur rechten Zeit war er da, wie auf Befehl. Denkt euch, es kam soweit, wennein Weibsbild in der Gegend keine Mutterfreuden hatte, so lieh sie sich von Halschka Kleider — und das half, so wahr ich lebe.«

Alle waren so erstaunt darüber, daß für eine Weile Stillschweigen herrschte; plötzlich sagte der kleine Ritter:

»Hörst du, Bärbchen?«

»Willst du wohl stille sein, Michael!« gab Bärbchen zurück.

Aber Michael wollte nicht stille sein, denn es gingen ihm viele gewichtige Gedanken durch den Kopf, und besonders fiel ihm ein, man könnte bei dieser Angelegenheit noch eine andere, nicht minder wichtige, erledigen; darum begann er so von ungefähr, als spräche er von der allergewöhnlichsten Sache in der Welt:

»Bei Gott, wir sollten auch die Skrzetuskis besuchen; er wird zwar nicht zu Hause sein, denn er muß zum Hetman; aber sie ist ja doch vernünftig und pflegt Gott nicht zu versuchen, sie wird also zu Hause geblieben sein ...« Hier wandte er sich zu Christine: »Der Frühling kommt, das Wetter wird schön werden; jetzt ist's für Bärbchen noch zu früh, aber etwas später. Ich würde wahrhaftig nichts dagegen haben, denn es ist Freundespflicht; Herr Sagloba könnte euch beide dorthin bringen, und zum Herbst, wenn es wieder ruhiger wird, würde auch ich euch folgen ...«

»Das ist ein vortrefflicher Gedanke!« rief Sagloba, »ich muß ohnehin reisen, denn ich war schon recht undankbar gegen sie. Ja, ich habe vergessen, daß sie auch noch auf der Welt sind, ich schäme mich fast.«

»Was sagt Ihr dazu?« fragte Michael, Christine aufmerksam in die Augen sehend.

Sie antwortete ganz unerwartet mit der ihr eigenen Ruhe:

»Ich tät' es gern, aber es kann nicht sein, denn ich bleibe in Kamieniez bei meinem Manne und lasse ihn keineswegs allein.«

»Ums Himmels willen, was höre ich!« rief Herr Michael, »Ihr wollt in der Feste bleiben, die sicherlich belagert werden wird von einem Feinde, der keine Gnade kennt? Ich würde nichts sagen, wenn wir wenigstens mit einem ehrlichen Feinde kämpften, aber hier haben wir es mit Barbaren zu tun. Wißt Ihr auch, was das heißt, eine eroberte Stadt, türkische oder tatarische Gefangenschaft? Ich traue meinen Ohren nicht!«

»Und doch kann es nicht anders sein,« antwortete Christine.

»Ketling,« rief der kleine Ritter in Verzweiflung, »so läßt du dich beherrschen? Mensch, denke doch an Gott!«

»Wir haben lange erwogen,« antwortete Ketling, »und es ist dabei geblieben.«

»Unser Sohn ist schon in Kamieniez unter dem Schutze einer Verwandten. Muß denn Kamieniez durchaus erobert werden?«

Hier hob Christine ihre sanften Augen zum Himmel.

»Gott ist stärker als der Türke und wird unsere Hoffnung nicht zu Schanden werden lassen; da ich meinem Gatten geschworen, ihn bis in den Tod nicht zu verlassen, so ist mein Platz an seiner Seite.«

Der kleine Ritter geriet in arge Verlegenheit, denn er hatte von Christine etwas ganz anderes erwartet. Bärbchen aber, die schon zu Anfang der Unterredung bemerkt hatte, worauf Michael abzielte, lächelte listig, heftete ihre scharfen Augen auf ihn und sagte:

»Michael, hörst du?«

»Bärbchen, wirst du wohl stille sein!« rief der kleineRitter in höchster Verzweiflung und warf ängstliche Blicke auf Sagloba, als erwarte er von ihm Hilfe. Aber dieser Verräter erhob sich plötzlich und sagte:

»Man muß auch an einen Imbiß denken, denn der Mensch lebt nicht vom Wort allein.«

Er verließ den Alkoven, doch Michael eilte ihm nach und trat ihm in den Weg.

»Nun, was soll jetzt geschehen?« fragte Sagloba.

»Nun, was?«

»Treffe Frau Ketling das Donnerwetter! Bei Gott, wie soll die Republik nicht untergehen, wenn die Weiber in ihr herrschen!«

»Wißt Ihr mir gar nichts zu raten?«

»Wenn du deine Frau fürchtest, was soll ich dir raten? Geh' zum Hufschmied und laß dich beschlagen!«

Ketling und seine Gattin blieben etwa drei Wochen. Nach Verlauf dieser Zeit versuchte Bärbchen das Bett zu verlassen, aber sie konnte noch nicht fest auf den Beinen stehen; die Gesundheit war schneller wiedergekehrt, als die Kräfte, und der Arzt befahl ihr liegen zu bleiben, bis sie ihre volle Kraft wiedererlangt habe. Inzwischen war es Frühling geworden; von den »Wilden Feldern«, vom Schwarzen Meer her wehte ein starker, warmer Wind, der den Wolkenschleier zerriß und hin und her schleuderte wie ein abgetragenes Kleid, und der dann die Wölkchen am Himmel zusammen und auseinander trieb, wie ein Schäferhund die Herde. Die Wolken, die vor ihm wichen, ergossen häufig reichlichen Regen über die Erde in dicken, beerengroßen Tropfen; die Überreste des Schnees und Eises tauten auf und bildeten in der ebenen Steppe Seen. Von den Abhängen floß das Wasser herab, auf dem Boden der Schluchten bildeten sich Ströme, die mit Rauschen und Gebrause zumDniestr strebten, wie die Kinder freudig an den Busen der Mutter eilen. Durch die Wolken hindurch schimmerte immer wieder die Sonne, hell verjüngt in feuchtem Schleier, als habe sie in dieser allgemeinen Flut gebadet.

Da begannen die hellgrünen Grasähren aus dem Boden ihre Köpfchen zu erheben, an den dünnen Zweigen der Bäume schwollen üppige Blüten. Die Sonne wärmte immer stärker, am Himmel zeigten sich Scharen von Vögeln, Züge von Kranichen, wilden Gänsen, Störchen, dichte Wolken von Schwalben; die Frösche quakten in mächtigem Chor in dem erwärmten Gewässer, die kleinen, grauen Vögel hörten nicht auf zu singen, und durch Wald und Feld, durch Steppen und Schluchten tönte ein lautes Jauchzen, als rufe die ganze Natur in Jubel und Begeisterung: Der Frühling! U-ha, der Frühling!

Aber für diese unglückseligen Lande brachte der Frühling Trauer, nicht Freude — Tod, nicht Leben. Wenige Tage nach Ketlings Abreise empfing der kleine Ritter folgende Nachrichten von Herrn Myslischewski:

»Auf der Aue von Kantschukar ist eine beständige Ansammlung der Heere. Der Sultan hat große Summen in die Krim geschickt, der Khan kommt dem Doroschenko mit fünfzigtausend Mann von der Horde zu Hilfe. Die Lawine wird, sobald die Wasser sich verlaufen, die schwarze Heerstraße und die Straße von Kutschmin einherrollen. Gott sei der Republik gnädig!«

Wolodyjowski schickte sofort seinen Burschen Pientka mit dieser Nachricht zum Hetman; er selbst aber beeilte sich nicht, Chreptiow zu verlassen. Erstens konnte er als Soldat die Grenzwacht ohne Befehl des Hetmans nicht zurücklassen, und dann hatte er auch zu viele Jahre im Kampfe mit den Tataren gelebt, um nicht zu wissen, daß ihre Schar sorasch nicht vorwärts rückte. Noch hatte das Wasser sich nicht verlaufen, noch war das Gras nicht hoch genug gewachsen, noch standen die Kosaken in ihrem Winterlager. Die Türken erwartete der kleine Ritter nicht vor dem Sommer, wenngleich sie sich jetzt bei Adrianopel sammelten; eine so riesige Wagenburg, so zahlreiche Scharen von Soldaten, Lagerknechten, Lastpferden, Kamelen und Büffeln konnte sich nur langsam fortbewegen. Die tatarische Reiterei durfte er früher erwarten, gegen Ende des April oder Anfang Mai. Zwar pflegten von dem Gros der Armee, das viele zehntausend Krieger zählte, das Land kleinere, lockere Scharen und mehr oder minder zahlreiche Banden zu überziehen, wie einzelne Regentropfen dem großen Regenschauer vorausgehen, aber diese fürchtete der kleine Ritter nicht. Selbst die trefflichste tatarische Reiterei konnte auf offenem Felde den Berittenen der Republik nicht die Spitze bieten, um wie viel weniger diese Haufen, die bei dem bloßen Gerücht von dem Herannahen der Heere auseinanderstoben, wie der Staub vor dem Sturmwind.

In jedem Falle war noch Zeit genug. Selbst wenn es daran gemangelt hätte, wäre Herr Michael nicht abgereist, ohne sich ein wenig mit den Tatarenscharen zu reiben, so daß sie es fühlten und daran denken sollten. Er war Soldat vom Wirbel bis zur Zehe, Soldat von Beruf, darum erweckte die Nähe des Heeres in ihm nur den Durst nach Feindesblut und gab ihm zugleich die Ruhe wieder.

Sagloba war, obwohl er sein langes Leben hindurch vielen Gefahren ausgesetzt gewesen, doch viel weniger ruhig. In unvorhergesehenen Fällen fand er Mut; er hatte ihn schließlich durch lange, wenn auch ungewollte Praxis entwickelt, und manchen Sieg im Leben erfochten. Aber immer machte die erste Nachricht von Kriegsgefahr einen großenEindruck auf ihn. Als der kleine Ritter ihm seine Ansicht darlegte, faßte er Mut, ja er forderte den ganzen Osten heraus, und erhob drohend seine Hände gegen ihn.

»Wenn die christlichen Nationen untereinander Krieg führen,« sagte er, »dann ist auch Christus im Himmel traurig, und alle Heiligen kratzen sich den Kopf; denn so pflegt es immer zu sein: wenn der Herr betrübt ist, ist auch das Gesinde betrübt. Aber wer den Türken schlägt, der tut dem Himmel einen Wohlgefallen. Ich habe es von einer geistlichen Persönlichkeit gehört, daß die Heiligen im Himmel gerade Übelheiten bekommen, wenn sie jene Hundeseelen sehen, so daß ihnen das himmlische Manna nicht bekommt, und ihre ewige Glückseligkeit einen Stoß erhält.«

»Gewiß ist es so,« versetzte der kleine Ritter, »aber die Macht der Türken ist unermeßlich, und unser Heer könnte man auf einer flachen Hand halten.«

»Die ganze Republik werden sie doch nicht erobern. Hatte Karolus Gustavus etwa eine kleine Macht? Damals hatten wir Krieg mit den Septentrionären, und mit den Kosaken, mit Rakoczy, und mit dem Kurfürsten — und wo sind sie heute? Haben wir nicht bis in ihre Schlupfwinkel Feuer und Schwert getragen?«

»Wohl wahr! Persönlich würde ich den Krieg nicht fürchten, um so weniger, als ich etwas tun muß, um Christus und der heiligen Jungfrau ihr Erbarmen mit Bärbchen zu vergelten. Gebe Gott nur die Gelegenheit! Aber um diese Lande ist es mir leid, die mit Kamieniez leicht in die Hände der Heiden fallen können, wenn auch nur auf kurze Zeit. Malt es Euch nur aus, welche Schändung der Kirche, welche Bedrückung des christlichen Volkes das zur Folge haben würde.«

»Sprich nur nicht von dem Kosakenpöbel, diesen Schurken!Gegen die eigene Mutter haben sie ihre Hände erhoben. Mag sie das treffen, was sie gewollt haben. Das wichtigste ist, daß Kamieniez sich hält. Wie denkst du, Michael, wird es sich halten?«

»Ich denke, der General von Podolien hat es nicht genügend gerüstet, und die Bürger, die sich durch ihre Lage sicher fühlen, haben auch ihre Pflicht nicht getan. Ketling hat mir erzählt, daß dort gut ausgerüstete Regimenter des Bischofs Trebizki hingekommen seien. Beim Himmel! Haben wir uns doch bei Sbarasch hinter einem elenden Wall gegen eine gleiche Übermacht gehalten, warum sollten wir uns jetzt nicht halten in diesem Adlerhorst?«

»Ja, ein Adlerhorst. Aber wer weiß, ob sich in ihm ein Adler finden wird, wie Wischniowiezki war, oder aber eine Krähe. Kennst du den General von Podolien?«

»Ein mächtiger Mann und ein trefflicher Soldat, aber ein wenig nachlässig.«

»Ich weiß, ich kenne ihn; ich habe es ihm manchmal vorgeworfen. Herr Potozki wünschte vorzeiten, ich sollte mit ihm zu seiner Erziehung ins Ausland reisen, damit er unter meiner Leitung gute Sitten lerne; aber ich antwortete: »Ich reise nicht mit ihm, er ist zu nachlässig; er hat an keinem Stiefel zwei Ösen und würde an den Höfen in den meinigen erscheinen müssen — und Saffian ist teuer.« Dann, zurzeit Maria Ludwika, trug er sich französisch. Aber die Strümpfe fielen ihm immer herunter und ließen die nackten Knöchel sehen. — Er reichte dem Wischniowiezki nicht bis an die Hüfte.«

»Die Kaufleute in Kamieniez fürchten auch die Belagerung. Sie würden es gern mit den Türken halten, wenn sie nur ihren Kram nicht zu schließen brauchen.«

»Die Schufte!« sagte Sagloba.

Bekümmernis erfaßte beide um das künftige Geschick von Kamieniez. Persönlich waren sie in schwerer Sorge um Bärbchen, die für den Fall der Übergabe der Festung das Los aller Einwohner teilen mußte.

Plötzlich schlug sich Sagloba an die Stirn.

»Ums Himmels willen,« sagte er, »was grämen wir uns, wozu nach dem lausigen Kamieniez gehen und uns dort einschließen? Ist es nicht besser, bei dem Hetman zu bleiben und auf freiem Felde den Feind zu bekämpfen? Und dann kann doch Bärbchen nicht mit zur Fahne; sie muß fort und zwar nicht nach Kamieniez, sondern weit von hier, sei es auch zu den Skrzetuskis. Michael, Gott schaut in mein Herz und sieht, wie es von Begierde gegen die Heiden glüht — aber für dich und für Bärbchen tue ich es, ich geleite sie fort von hier.«

»Ich danke Euch,« antwortete der kleine Ritter, »gewiß, wenn ich nicht in Kamieniez sein soll, wird auch Bärbchen nicht drängen. Aber was tun, wenn der Befehl vom Hetman kommt?«

»Was tun, wenn der Befehl kommt? Ei, so hole der Henker alle Befehle! Was tun? ... Warte, ich will einmal scharf nachdenken. — Weißt du, man muß dem Befehl zuvorkommen.«

»Und wie das?«

»Schreibe sofort an Herrn Sobieski, tue, als ob du ihm neues mitzuteilen habest, und zum Schluß sage, daß du angesichts des herannahenden Krieges aus Liebe zu ihm in seiner Nähe bleiben und im offenen Felde kämpfen wollest. Bei Gott, ein trefflicher Gedanke! Denn erstens ist es ja unmöglich, daß er einen solchen Streifzügler, wie du bist, hinter Mauern halte, anstatt ihn im Felde zu gebrauchen, und zweitens wird dich der Hetman für einen solchen Briefnoch mehr lieb gewinnen und an seiner Seite haben wollen. Er wird auch ergebene Soldaten nötig haben ... Höre, wenn Kamieniez nicht standhält, so fällt der Ruhm dem General von Podolien zu, und was du im Felde tust, das geschieht zum Ruhme des Hetmans. Fürchte dich nicht, der Hetman wird dich nicht an den General abtreten, eher tritt er ihm einen anderen ab, aber dich und mich nicht ... Schreibe den Brief, bringe dich ihm in Erinnerung; — ha, mein Witz ist doch etwas mehr wert, als daß ihn die Hühner auf dem Kehrichthaufen aufpicken. Michael, laß uns bei der Gelegenheit eins trinken, nicht? Schreibe den Brief!«

Michael war in der Tat sehr erfreut; er umarmte Sagloba, dachte eine Weile nach und sagte:

»Und dabei hintergehe ich weder Gott noch das Vaterland, noch den Hetman, denn gewiß, im offenen Felde werde ich viel leisten können. Ich danke Euch von ganzem Herzen; auch ich glaube, der Hetman wird mich zur Seite haben wollen, besonders nach diesem Brief. Aber wißt Ihr, was ich tun will, um auch Kamieniez nicht im Stich zu lassen? Ich statte auf meine Kosten ein Häuflein Fußvolk aus und schicke es hin; auch das will ich dem Hetman gleich schreiben.«

»Noch besser. Aber Michael, wo willst du die Leute hernehmen?«

»Ich habe in dem Keller an vierzig Räuber, die will ich nehmen. Stets wenn ich einen hängen lassen wollte, hat mich Bärbchen gequält, ihm das Leben zu schenken. Bärbchen hat mir manchmal geraten, aus den Banditen Soldaten zu machen; ich aber wollte es nicht, denn man mußte ein Exempel geben, aber nun sitzt uns der Krieg im Nacken, nun ist alles erlaubt. Es sind tüchtige Kerle, die schon Pulver gerochen haben. Ich will auch verkünden lassen, daß allen, die sich freiwillig aus den Schluchten und Klüften zum Regimentstellen, ihre Räubereien geschenkt sein sollen. Es werden sich wohl an die hundert Mann finden, und Bärbchen wird auch zufrieden sein. Ihr habt mir eine schwere Last vom Herzen genommen.«

Noch an diesem Tage schickte der kleine Ritter einen neuen Boten zum Hetman und verkündete den Banditen Gnade, wenn sie sich zum Fußvolk stellten. Sie gingen freudig darauf ein und versprachen, noch andere heranzuziehen. Bärbchen war über die Maßen erfreut. Es kamen Schneider aus Uschyz heran, aus Kamieniez und anderen Orten, um die Mannschaft einzukleiden. Die früheren Räuber wurden auf dem Maidan von Chreptiow in Reih und Glied gestellt. Michael lachte das Herz im Leibe bei dem Gedanken, daß er im offenen Felde kämpfen, daß er die Gattin nicht den Gefahren der Belagerung aussetzen und doch Kamieniez und dem Vaterland einen großen Dienst erweisen werde.

Die Arbeiten hatten schon einige Wochen gedauert, als eines Abends der Bote mit einem Brief vom Hetman Sobieski zurückkam. Er schrieb wie folgt:

»Mein geliebter und sehr werter Wolodyjowski!Daß Du mir so fleißig alles Neue mitteilst, dafür danke ich Dir, dafür muß Dir das Vaterland dankbar sein. Der Krieg ist gewiß. Ich habe auch von anderen die Nachricht, daß auf den Feldern von Kantschukar eine große Macht steht, mit der Horde etwa dreimalhunderttausend Mann. Die Horden können jeden Augenblick losrücken. Auf nichts hat es der Sultan so abgesehen wie auf Kamieniez. Die Verräter, die Lipker, werden den Türken alle Wege zeigen und sie über Kamieniez unterrichten. Ich habe die Hoffnung, daß Gott die Natter, den Tuhaj-Bey-Sohn, in Deine oder in Nowowiejskis Hände liefern wird, dessen Schmerz ich tief empfinde.Quod attinetDeinenWunsch, an meiner Seite zu sein, so weiß Gott, wie lieb es mir sein würde; aber es kann nicht sein. Der Herr General von Podolien hat mir zwar nach der Wahl zwiespältige Freundlichkeit erwiesen, aber ich will ihm den besten Soldaten schicken. Denn mir ist der Fels von Kamieniez teuer wie mein Augapfel. Es wird dort viele geben, die ein- oder zweimal im Leben den Krieg erfahren haben, aber nur so wie jemand, der einmal ein treffliches Gericht genossen hat, das er dann sein Leben lang in Erinnerung behält; aber ein Mann, der es genossen hat wie sein täglich Brot, und der mit erfahrenem Rate dienen könnte, fehlt dort; und wenn welche dort sind, so mangelt ihnen die nötige Würde. Darum schicke ich Dich dorthin, denn Ketling ist ein guter Soldat, aber weniger gekannt. Auf Dich aber wird die Bürgerschaft der Stadt ihr Auge gerichtet halten, und ich denke, wenn auch das Kommando in eines anderen Händen ist, so werden sie doch, was Du sagst, gern befolgen. Gefährlich ist dieser Dienst in Kamieniez, aber wir sind es gewohnt, im Regen naß zu werden, vor dem andere Schutz suchen. Uns ist genügender Lohn der Ruhm und die dankbare Erinnerung. Die Hauptsache ist das Vaterland, zu dessen Rettung ich Dich nicht anzuregen brauche.«

»Mein geliebter und sehr werter Wolodyjowski!

Daß Du mir so fleißig alles Neue mitteilst, dafür danke ich Dir, dafür muß Dir das Vaterland dankbar sein. Der Krieg ist gewiß. Ich habe auch von anderen die Nachricht, daß auf den Feldern von Kantschukar eine große Macht steht, mit der Horde etwa dreimalhunderttausend Mann. Die Horden können jeden Augenblick losrücken. Auf nichts hat es der Sultan so abgesehen wie auf Kamieniez. Die Verräter, die Lipker, werden den Türken alle Wege zeigen und sie über Kamieniez unterrichten. Ich habe die Hoffnung, daß Gott die Natter, den Tuhaj-Bey-Sohn, in Deine oder in Nowowiejskis Hände liefern wird, dessen Schmerz ich tief empfinde.Quod attinetDeinenWunsch, an meiner Seite zu sein, so weiß Gott, wie lieb es mir sein würde; aber es kann nicht sein. Der Herr General von Podolien hat mir zwar nach der Wahl zwiespältige Freundlichkeit erwiesen, aber ich will ihm den besten Soldaten schicken. Denn mir ist der Fels von Kamieniez teuer wie mein Augapfel. Es wird dort viele geben, die ein- oder zweimal im Leben den Krieg erfahren haben, aber nur so wie jemand, der einmal ein treffliches Gericht genossen hat, das er dann sein Leben lang in Erinnerung behält; aber ein Mann, der es genossen hat wie sein täglich Brot, und der mit erfahrenem Rate dienen könnte, fehlt dort; und wenn welche dort sind, so mangelt ihnen die nötige Würde. Darum schicke ich Dich dorthin, denn Ketling ist ein guter Soldat, aber weniger gekannt. Auf Dich aber wird die Bürgerschaft der Stadt ihr Auge gerichtet halten, und ich denke, wenn auch das Kommando in eines anderen Händen ist, so werden sie doch, was Du sagst, gern befolgen. Gefährlich ist dieser Dienst in Kamieniez, aber wir sind es gewohnt, im Regen naß zu werden, vor dem andere Schutz suchen. Uns ist genügender Lohn der Ruhm und die dankbare Erinnerung. Die Hauptsache ist das Vaterland, zu dessen Rettung ich Dich nicht anzuregen brauche.«

Dieser Brief, der vor den versammelten Offizieren verlesen wurde, machte einen tiefen Eindruck, denn sie alle hätten lieber im Felde gedient als in der Festung. Michael ließ den Kopf sinken.

»Was denkst du, Michael?« fragte Sagloba.

Wolodyjowski erhob sein Antlitz, das wieder völlig den alten Ausdruck gewonnen hatte, und sagte mit so ruhiger Stimme, als ob er keinerlei Enttäuschung erfahren habe: »Wir werden nach Kamieniez gehen ... was soll ich denken?«

Und man konnte glauben, es sei nie ein anderer Gedanke in seinem Kopfe entstanden. Nach einer Weile warf er den Kopf zurück und sagte:

»He, Genossen, wir ziehen nach Kamieniez und wollen es halten, bis wir selbst fallen.«

»Bis wir fallen,« wiederholten die Offiziere; »einmal muß der Mensch sterben.«

Sagloba schwieg eine Weile; er ließ seine Blicke über die Anwesenden schweifen, und da er sah, daß alle auf das warteten, was er wohl sagen werde, sprach er:

»Ich gehe mit euch, hol' mich der Teufel!«


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