Dekoration, Ende Kap. 23
Titeldekoration, Kap. 24
Als diese glückliche Nacht, die voll von Anzeichen des Sieges war, endete, brach ein Tag an, der in der Geschichte dieses Krieges entscheidend werden sollte. Im Schlosse erwartete man eine große Kraftanstrengung der Türken. Bei Sonnenaufgang vernahm man auch wieder die Minenarbeit links vom Schlosse so laut und kräftig wie nie bisher. Die Türken bohrten offenbar in großer Eile eine neue Mine, die mächtigste von allen. Große Heeresabteilungen bewachten die Arbeit. Auf allen Verschanzungen wurde es lebendig; aus der Menge der bunten Sandschaks, die von Dluschek her wie ein Blumenfeld sichtbar wurden, sah man den Vezier selbst heranreiten, um den Sturm zu leiten. Auf die Verschanzungen hatten die Türken neue Kanonen aufgepflanzt; außerdem hielten ihre unzähligen Scharen das neue Schloß besetzt, indem sie sich in den Laufgräben und hinter den Trümmern verbargen, um zum Handgemenge bereit zu sein.
Wie schon erzählt, begann das Schloß das Geschützfeuer mit so gutem Erfolge, daß eine augenblickliche Verwirrung auf den Schanzen entstand; aber die Bim-Baschis führten die Janitscharen eiligst zurück, gleichzeitig ertönten die türkischen Kanonen. Kugeln, Granaten, Kartätschen flogen, auf die Häupter der Verteidiger stürzte Schutt, Ziegel, Mörtel. Der Rauch mischte sich mit dem Staub, die Glut des Feuers mit der Glut der Sonne. Der Brust fehlte der Atem, den Augender freie Ausblick; der Donner der Kanonen, das Krachen der Granaten, das Aufschlagen der Kugeln gegen die Mauersteine, das Lärmen der Türken, das Geschrei der Verteidiger floß in ein entsetzliches Geheul zusammen, welches das Echo der Felsen wiederholte. Das Schloß, die Stadt, alle Tore, alle Basteien wurden mit Geschossen überschüttet. Aber das Schloß verteidigte sich verzweifelt, beantwortete Donner mit Donner, erbebte in seinen Grundfesten, leuchtete auf, rauchte, dröhnte, spie Feuer, Tod und Verderben, als habe ein göttlicher Zorn es erfaßt, als rase es durch die Flammen, als wolle es den türkischen Donner übertönen und in die Erde versinken oder siegen.
Im Schlosse, mitten unter dem Regen der Kugeln, unter Feuer, Staub und Rauch flog der kleine Ritter von Kanone zu Kanone, von Mauer zu Mauer, von Ecke zu Ecke, selbst einer der verzehrenden Flammen ähnlich; er schien sich verdoppelt, verdreifacht zu haben, er war überall, er munterte auf, rief allen zu; wenn ein Kanonier fiel, vertrat er ihn; hatte er hier Mut zugesprochen, eiligst war er wieder an anderer Stelle. Sein Eifer teilte sich den Kämpfenden mit; sie waren überzeugt, es sei dies der letzte Sturm, dem Friede und Ruhm folgen werde. Der Glaube an den Sieg erfüllte die Herzen ganz, sie wurden hart und trotzig, und eine Kampfesraserei hatte die Gemüter ergriffen. Rufe und Herausforderungen flogen herüber und hinüber; vieler hatte sich eine solche Wut bemächtigt, daß sie über die Mauer hinaus stürzten, um die Janitscharen in der Nähe zu fassen.
Diese waren zweimal unter dem Schutze der Rauchwolken in festgefügter Masse an die Bresche herangekommen und zweimal in Unordnung zurückgewichen, den Boden mit Leichen bedeckend. Um die Mittagszeit schickte man ihnen vom allgemeinen Aufgebot und den Dschamaken Hilfe; aber die wenigergeschulten Haufen heulten nur, obwohl man sie mit Speeren anstachelte, mit entsetzlichem Gebrüll auf und wollten nicht gegen das Schloß vorgehen. Der Kaimakam kam heran — vergebens, jeden Augenblick drohte eine allgemeine, an Wahnsinn grenzende Auflösung. Endlich zog man die Leute zurück; nur die Kanonen arbeiteten ohne Unterlaß wie früher und sendeten Donner auf Donner, Blitz auf Blitz aus.
So verstrichen lange Stunden; die Sonne sank schon vom Zenith und schaute dem Kampfe strahlenlos, rötlich und rauchig zu, als sei sie mit einem Schleier umgeben. Um drei Uhr nachmittags erreichte der Kanonendonner eine solche Stärke, daß man innerhalb der Mauer nicht hören konnte, wenn man sich laut in die Ohren schrie; die Luft im Schlosse wurde glühend wie im Ofen, das Wasser, das man über die erhitzten Kanonen goß, dampfte brodelnd auf, vermischte sich mit dem Rauch und hüllte die Welt in Schatten. Die Kanonen aber donnerten unaufhörlich fort. Gleich nach drei Uhr wurden die beiden größten türkischen Feldschlangen zertrümmert. Der Mörser, der neben ihnen stand, barst wenige Minuten später; die Kanoniere fielen wie die Fliegen. Mit jedem Augenblick ward es offenbarer, daß das unüberwindliche Schloß den Platz behaupten werde, daß es den Donner der türkischen Geschütze übertönen, daß es das letzte Wort sprechen werde, — das Wort des Sieges.
Das Feuer der Türken wurde allmählich schwächer.
»Es geht zu Ende!« rief Michael mit voller Kraft Ketling ins Ohr; »so denke auch ich,« antwortete Ketling, »morgen oder später?«
»Vielleicht später; — heut' ist der Sieg unser.«
»Und durch uns.«
»An die neue Mine müssen wir denken.«
»Immer kräftiger die Kanonen!« rief Michael und sprang mitten unter die Kanoniere.
»Feuer, Burschen!« schrie er, »bis die letzte türkische Kanone zu spielen aufhört. Gott und der heiligen Jungfrau zu Ehren, der Republik zur Ehre!«
Die Soldaten, welche sahen, daß auch dieser Sturm dem Ende entgegengehe, schrieen unter lautem, freudigem Zurufen und donnerten mit wachsendem Eifer gegen die türkischen Schanzen.
»Wir spielen euch einen Abendtrauermarsch auf, Hundesöhne! Wir spielen euch den Trauermarsch!« schrieen zahlreiche Stimmen.
Plötzlich geschah etwas Seltsames. Alle türkischen Kanonen verstummten auf einmal, wie auf ein gegebenes Zeichen. Auch das Knattern der Janitscharenbüchsen im neuen Schloß verstummte. Das alte Schloß erdröhnte noch eine Zeitlang unter dem Kanonendonner, aber endlich begannen die Offiziere sich umzuschauen und fragten sich gleichzeitig:
»Was ist das? Was ist geschehen?«
Ketling war ein wenig beunruhigt und stellte ebenfalls das Schießen ein. Da sagte einer der Offiziere laut:
»Sie sind mit der Mine unter uns und können sie bald entzünden!«
Wolodyjowski durchbohrte den Sprecher mit einem drohenden Blicke.
»Die Mine ist nicht fertig; im übrigen sprengt sie nur den linken Flügel des Schlosses in die Luft, und auf den Trümmern werden wir uns verteidigen, so lange Atem in unserer Brust ist — versteht Ihr?«
Nun ward es still, kein Schuß unterbrach das Schweigen, weder aus der Stadt noch von den Schanzen. Nach dem Getöse, welches die Mauern und Grund und Boden erschütterthatte, lag in dieser Stille etwas Feierliches, zugleich aber auch etwas Unheilverkündendes. Aller Augen schauten angestrengt von den Schanzen herab, aber durch die Rauchwolken war nichts zu sehen.
Plötzlich tönten von der linken Seite her die regelmäßigen Schläge der Spitzhacken.
»Habe ich's nicht gesagt, daß sie die Mine erst graben?« bemerkte Herr Michael.
Hier wandte er sich an Luschnia.
»Wachtmeister, nimm zwanzig Mann und wirf einen Blick in das neue Schloß.«
Luschnia führte eilig den Befehl aus; in einem Augenblick verschwand er mit seinen Leuten durch die Bresche.
Wieder entstand ein Schweigen, nur unterbrochen von dem Röcheln oder Schluchzen Sterbender und von dem Widerhall der Spitzhacken.
Man wartete ziemlich lange; endlich kam der Wachtmeister zurück.
»Herr Kommandant,« sagte er, »im neuen Schloß ist keine lebende Seele.«
Michael blickte Ketling erstaunt an.
»Sollten sie von der Belagerung abgelassen haben? Durch den Rauch kann man nichts sehen.«
Plötzlich wurde der Rauch von einem Windstoß zerteilt, und der dichte Wolkenschleier über der Stadt zerriß; in diesem Augenblick schrie eine gellende Stimme von der Bastei herab:
»Auf den Toren stecken weiße Fahnen, wir ergeben uns!«
Als die Soldaten und Offiziere das hörten, wandten sie sich zur Stadt zurück. Ein sprachloses Erstaunen lag in ihrenZügen, die Worte erstarben ihnen auf den Lippen, und sie schauten durch die Rauchsäulen nach der Stadt.
In der Tat, auf dem reußischen und dem lechischen Tore wehten Fahnen; eine weitere sah man noch auf der Bastei Bathory.
Da wurde das Gesicht des kleinen Ritters so weiß wie jene Fahne, die in der Luft flatterte.
»Ketling, siehst du?« flüsterte er und wandte sich um zu dem Freunde. Auch Ketlings Gesicht war bleich geworden.
»Ich seh's,« sagte er.
Sie sahen einander in die Augen und sagten sich mit Blicken, was zwei solche Krieger ohne Furcht und Tadel sich sagen konnten, die nie in ihrem Leben ihr Wort gebrochen und die vor dem Altar geschworen hatten, eher zu sterben, als das Schloß zu übergeben. Jetzt, nach solcher Gegenwehr, nach solchem Kampfe, der an die Tage von Sbarasch erinnerte, nach der glücklichen Abwehr des Sturmes und nach dem Sieg, hieß man sie den Eid brechen, das Schloß übergeben und am Leben bleiben!
Wie noch kurz vorher todbringende Kugeln über das Schloß geflogen waren, so jagten jetzt tödliche Gedanken durch ihre Köpfe; ein unermeßlicher Schmerz preßte ihre Herzen zusammen, der Schmerz um zwei liebende Wesen, der Schmerz um das Leben, um das Glück, und so sahen sie einander an wie Irre, wie Tote, nur bisweilen richteten sie ihre verzweiflungsvollen Blicke nach der Stadt, als wollten sie sich überzeugen, ob ihre Augen sie nicht täuschten, ob wirklich ihre letzte Stunde gekommen sei.
Inzwischen ertönte Pferdegetrappel von der Stadt her, und bald darauf stürzte Horaim, der getreue Knappe des Generals von Podolien, herein.
»Ein Befehl an den Herrn Kommandanten!« rief er,indem er vom Pferde sprang. Michael nahm den Befehl, las ihn schweigend und sprach, während ihn Grabesstille umgab, zu den Offizieren:
»Meine Herren, die Kommissare haben mit einem Boot den Fluß überschritten und sich nach Dluschek begeben, um den Vertrag zu unterzeichnen; in wenigen Minuten werden sie diesen Weg hier zurückkommen ... Vor Abend sollen wir das Heer aus dem Schlosse führen und unverzüglich die weiße Fahne hissen ...«
Niemand sprach ein Wort, nur beschleunigtes Atmen ward vernehmbar.
Endlich meldete sich Kwasibrozki:
»Wir müssen die Fahne aufhissen, ich will die Leute sogleich sammeln.«
Bald ertönten hier und da die Kommandos. Die Soldaten stellten sich in Reih' und Glied, Gewehr auf Schulter, und der Klang der Trommeln und ihr regelmäßiger Schritt hallte in dem schweigsamen Schlosse wider.
Ketling trat ganz nah' an Michael heran.
»Ist es Zeit?« fragte er.
»Warten wir auf die Kommissare, hören wir die Bedingungen ... übrigens will ich selbst dort hinuntersteigen.«
»Nein, ich will hinunter; ich kenne die Keller besser, ich weiß, wo alles ist.«
Das Gespräch ward durch die Rufe unterbrochen: »Die Kommissare kommen zurück! Die Kommissare kommen!«
Nach einiger Zeit erschienen die drei unglückseligen Boten auf dem Schlosse; es war der podolische Richter Gruschezki, der Truchseß Rschewuski und der Fahnenträger von Tschernihowski Myslischewski. Sie schritten düster, mit gesenktem Haupte daher. Auf ihren Rücken glänzten die goldgewirkten Kaftane, die sie vom Vezier zum Geschenk erhalten hatten.
Michael erwartete sie, auf die noch warme, rauchende Kanone gestützt, die auf Dluschek gerichtet war. Die drei Begrüßten ihn schweigend; aber er fragte:
»Welches sind die Bedingungen?«
»Die Stadt soll nicht ausgeraubt, den Bewohnern Leben und Gut gesichert werden; ein jeder, der nicht hier bleiben will, soll das Recht haben, fortzugehen, wohin ihm beliebt.«
»Und Kamieniez?«
»... Gehört dem Sultan ... für ewige Zeiten.«
Darauf gingen die Kommissare, nicht in der Richtung der Brücke, denn dort hatten Volkshaufen ihnen den Weg versperrt, sondern seitwärts, durch das südliche Tor. Sie gingen hinab und bestiegen ein Boot, das sie zu dem lechischen Tor bringen sollte. In der Niederung, die zwischen den Felsen den Fluß entlang sich erstreckte, erschienen bereits Janitscharen, von der Stadt her strömten immer größere Volkswogen heran und besetzten den Platz gegenüber der alten Brücke. Viele wollten auf das Schloß eilen, aber die herauskommenden Regimenter hielten sie auf Befehl des kleinen Ritters zurück.
Michael hatte das Heer abgefertigt und rief nun Muschalski zu sich.
»Alter Freund, erweise mir einen Dienst; geh' sofort zu meiner Gattin und sage ihr in meinem Namen ...« Hier stockte seine Stimme einen Augenblick, »und sage ihr in meinem Namen — Es tut nichts,« fügte er schnell hinzu.
Der Bogenschütze ging, ihm folgte langsam das Heer. Herr Michael saß zu Roß und beobachtete den Ausmarsch. Das Schloß entleerte sich nur stockend, weil Schutt und Trümmer den Weg behinderten.
Ketling trat an den kleinen Ritter heran.
»Ich gehe hinab,« sagte er und biß die Zähne aufeinander.
»Geh', aber warte, bis das Heer aus dem Schlosse ist. Geh'!« Sie schlossen sich in die Arme und hielten sich lange Zeit umschlungen. Die Augen leuchteten beiden in außerordentlichem Glanze ... endlich sprang Ketling hinunter.
Michael nahm den Helm vom Haupte; noch einen Augenblick schaute er auf diese Ruinen, auf dieses Feld seines Ruhmes, auf die Trümmer, die Leichen, auf die Mauersplitter, auf den Wall und die Kanonen, dann richtete er die Augen gen Himmel und begann zu beten ... Seine letzten Worte waren:
»Gib ihr, Gott, die Kraft, geduldig zu tragen, gib ihr Frieden! ...«
Ach! ... Ketling hatte sich beeilt; er hatte kaum den Abzug der Regimenter abgewartet, denn in diesem Augenblick schwankten die Bastionen, ein furchtbarer Donner erschütterte die Luft, Zinnen, Türme, Mauern, Pferde, Kanonen, Lebende und Tote, Erdmassen — alles ward von einer Flamme erfaßt, untereinander geworfen und wie eine furchtbare Ladung in die Luft gesprengt.
Gedankenstrich 2
So fiel Michael Wolodyjowski, der Hektor von Kamieniez, der erste Krieger der Republik.
Gedankenstrich 2
In der Stiftskirche zu Stanislawow stand ein hoher Katafalk. Hunderte Kerzen beleuchteten ihn, und in einem bleiernen Sarg, der von einem hölzernen umgeben war, lag Michael Wolodyjowski. Die Deckel waren schon geschlossen, und die Bestattungsfeierlichkeit begann. Es war ein Herzenswunsch der Witwe, daß sein Leib in Chreptiow ruhte, aber da ganz Podolien in den Händen des Feindes war, sollte er vorläufigin Stanislawow bestattet werden, denn hierher waren unter türkischer Begleitung die Kriegsgefangenen von Kamieniez geschickt und in die Hände der Hetmansheere ausgeliefert worden.
Alle Glocken des Stifts ertönten, die Kirche war von Adel und Kriegern angefüllt, alle wollten auf den Sarg des Hektors von Kamieniez und des besten Ritters der Republik noch einen letzten Blick werfen. Man flüsterte einander zu, der Hetman selbst werde zum Begräbnis kommen, da man ihn aber bisher nicht sah, und da jeden Augenblick die Tataren hereinbrechen konnten, hatte man beschlossen, die Feierlichkeit nicht hinzuhalten.
Alte Krieger, die Freunde oder Untergebenen des Verstorbenen, bildeten einen Kreis um den Katafalk; unter ihnen sah man Muschalski, den Bogenschützen, Motowidlo, Snitko, Hromyka, Nienaschyniez, Nowowiejski und viele andere alte Offiziere aus der Grenzwarte. Es war ein merkwürdiger Zufall, daß fast keiner von denen fehlte, die einst an den Abenden in Chreptiow um den Herd herumsaßen: alle hatten ihre Häupter heil aus diesem Kriege heimgebracht, nur er, der ihr Führer und Vorbild gewesen war, der gute und gerechte Ritter, der Schrecken der Feinde, die Freude der Seinigen, nur jener Kämpfer über alle Kämpfer, der Held mit dem Taubenherzen, er lag hier auf hohem Katafalk, lichtumflossen, in unermeßlichem Ruhme, aber im Schweigen des Todes. Die im Kriege verhärteten Herzen zerflossen in Schmerz bei diesem Anblick, gelber Schimmer der Kerzen beleuchtete die furchtbar verhärmten Gesichter der Krieger und spiegelte sich in blitzenden Funken in den Tränen, die ihren Augen entströmten. Mitten im Kreise dieser Krieger lag auf dem Fußboden Bärbchen, neben ihr, alt, schwächlich, gebrochen, zitternd — Sagloba. Sie war zu Fuß von Kamieniez hergekommen,dem Wagen folgend, der den teuren Toten trug, und nun war der Augenblick gekommen, da man den Sarg der Erde übergeben sollte. Den ganzen Weg war sie wie abwesend, als gehöre sie nicht zu dieser Welt, einhergegangen und hatte jetzt bei diesem Katafalk bewußtlos die Worte hergesagt: »Es tut nichts — es tut nichts,« denn so hatte er, der Geliebte, befohlen, dies waren die letzten Worte, die er ihr melden ließ. Aber diese Worte, die sie beständig wiederholte, waren nur Töne ohne Inhalt, ohne Wahrheit, ohne Bedeutung, ohne Hoffnung. »Es tut nichts,« sagte sie, aber es tat weh. Was sie empfand, war Schmerz, Finsternis, Verzweiflung, Starrheit, unsagbares Elend, ein Leben, das getötet und gebrochen war, ein unklares Bewußtsein, daß es für sie kein Erbarmen, keine Hoffnung mehr gäbe, nichts als Leere, ewige Leere, die nur Gott ausfüllen konnte, wenn er ihr den Tod sandte.
Die Glocken tönten, am Hochaltar war die Messe beendet. Die Stimme des Priesters schallte laut, als rufe er aus dem Abgrund: »Requiescat in pace!« Ein Fieberschauer schüttelte Bärbchen, und in ihrem wirren Kopfe lebte nur ein Gedanke: Jetzt ... jetzt tragen sie ihn fort! — Aber das Ende der Feierlichkeit war noch nicht gekommen. Die Ritterschaft hatte zahlreiche Reden vorbereitet, die gehalten werden sollten, wenn der Sarg ins Grab gesenkt würde. Jetzt bestieg Priester Kaminski die Kanzel, derselbe, der in Chreptiow bei ihnen gewesen war, und der während Bärbchens Krankheit sie auf den Tod vorbereitet hatte.
Die anwesende Menge räusperte sich und hustete, wie dies gewöhnlich vor der Predigt geschieht; dann verstummte sie, und aller Augen richteten sich auf die Kanzel.
Da ertönte von der Kanzel Trommelwirbel.
Die Zuhörer waren erstaunt. Der Priester Kaminski schlug die Trommel wie zum Sturme. Plötzlich brach er ab,und es entstand Totenstille. Wieder ein Wirbel ... ein dritter; plötzlich warf Kaminski die Schlegel auf den Boden der Kirche, erhob beide Hände zum Himmel und rief:
»Herr Oberst Wolodyjowski!«
Ein krampfhafter Schrei Bärbchens antwortete ihm, es ward entsetzlich drückend in der Kirche; Sagloba richtete sich auf und trug, von Muschalski unterstützt, das ohnmächtige Weib aus der Kirche.
Der Priester aber rief von neuem:
»Um des Himmels willen, Herr Wolodyjowski, der Sturm bricht los ... in den Krieg! ... der Feind ist im Lande, — und du greifst nicht zu den Waffen, du fassest nicht das Schwert, du steigst nicht zu Roß ... was ist dir geschehen, Krieger? Hast du der alten Tugend vergessen, daß du uns allein in Harm und Angst zurücklässest?«
Die Brust der Ritter bebte, und ein allgemeines Weinen erfüllte die Kirche und wurde immer wieder vernehmbar, als der Priester die Tugenden, die Vaterlandsliebe und den hohen Mut des Verstorbenen pries, und auch den Priester selbst rissen die eigenen Worte fort. Sein Gesicht war bleich, seine Stirn von Schweiß bedeckt, seine Stimme bebte. Ihn riß der Schmerz um den kleinen Ritter hin, der Schmerz um Kamieniez, der Schmerz um die Republik, die in die Hände der Bekenner des Halbmondes ausgeliefert war, und er schloß seine Rede mit dem Gebet:
»O Herr, die Kirchen werden sie in Moscheen verwandeln und den Koran absingen, wo bisher das Evangelium gepredigt wurde. Du hast uns in Leid versenkt, Herr, du hast dein Antlitz von uns gewandt und hast uns in die Hand des niedrigen Türken gegeben. Unerforschlich, Herr, sind deine Wege! Aber wer wird ihm jetzt Widerstand leisten, welches Heer wird ihn bekämpfen an den Grenzen? Du, dem nichtsin der Welt verborgen ist, du weißt am besten, daß unsere Reiterei unübertroffen ist. Und solcher Verteidiger begibst du dich, in deren Schutz und Schirm die ganze Christenheit deinen Namen rühmen konnte! Allgütiger Vater, verlaß uns nicht, erweise uns dein Erbarmen, schicke uns den Verteidiger herab, schicke den Überwinder Mahomeds herab! O, lasse ihn hierherkommen, laß ihn unter uns treten, daß er die gesunkenen Herzen erhebe! Sende ihn herab, o Herr!«
In diesem Augenblick entstand eine Bewegung an der Pforte, und in die Kirche trat der Hetman Sobieski. Aller Augen richteten sich auf ihn, und ein Schauer schüttelte die Menschen; er schritt mit klirrenden Sporen auf den Katafalk zu, majestätisch und gewaltig, mit den Zügen eines Cäsar. Eine Schar gepanzerter Ritter folgte ihm.
»Salvator!« rief ihm der Priester mit prophetischer Begeisterung zu.
Sobieski kniete an dem Katafalk nieder und betete für Wolodyjowskis Seele.
Dekoration, Ende Kap. 24
Titeldekoration, Epilog
Ein Jahr und darüber war verflossen nach dem Falle von Kamieniez; die Zwietracht der Parteien verstummte allmählich, und die Republik raffte sich endlich zur Verteidigung ihrer östlichen Grenzen als Angreiferin auf. Der große Hetman Sobieski ging mit einundreißigtausend Mann, Berittenen und Fußvolk, in die Lande des Sultans nach Chozim, um die bei weitem zahlreicheren Heerscharen Hussein-Paschas anzugreifen, welche bei dieser Festung standen.
Schon der Name Sobieski war dem Feinde furchtbar; er hatte in diesem Jahre, welches dem Falle von Kamieniez folgte, mit einigen tausend Soldaten solche Taten vollbracht, die ungezählten Scharen des Pascha dermaßen gelichtet, so viele Tatarenhaufen aufgerieben, so vielen Gefangenen die Freiheit zurückgegeben, daß der alte Hussein, obgleich die Zahl seiner Heere größer war, obgleich er an der Spitze einer trefflich geübten Linie stand, obwohl er durch Kaplan-Pascha unterstützt wurde, nicht wagte, dem Hetman im offenen Felde die Stirn zu bieten, und beschloß, sich in einem verschanzten Lager zu verteidigen.
Der Hetman umringte das Lager mit seinen Heeren, und es war allgemein bekannt, daß er die Absicht habe, es im ersten Ansturm zu nehmen. Zwar meinten viele, es sei in der Geschichte der Kriegstaten ein unerhörtes Unternehmen, sichmit dieser kleineren Macht gegen die große zu wagen, die überdies durch Wälle und Gräben geschützt war. Hussein hatte hundertzwanzig Kanonen, im ganzen polnischen Lager waren nur fünfzig. Das türkische Fußvolk übertraf die Macht des Hetmans dreifach. Von Janitscharen allein, die im Handgemenge so furchtbar waren, standen in den türkischen Verschanzungen über achtzehntausend; aber der Hetman glaubte an seinen Stern, an den Zauber seines Namens — und endlich auch an die Heere, die er führte.
Seine Regimenter waren geprüft und gehärtet im Feuer; es waren Leute, die von Jugend auf im Kriegslärm gelebt, die unzählige Kriegszüge, Unternehmungen, Belagerungen, Schlachten mitgemacht hatten. Viele von ihnen erinnerten sich noch der furchtbaren Zeiten Chmielniezkis, an Sbarasch und Berestetschs, viele hatten alle schwedischen, reußischen, moskowitischen, den Bürgerkrieg, den dänischen und ungarischen Krieg überdauert. Da gab es Herren und Troßvolk, Veteranen, Soldaten aus den Grenzwarten, für welche der Krieg der gewöhnliche Zustand, die gewohnte Lebensweise geworden war. Unter dem Wojewoden von Reußen standen fünfzehn Fahnen Husaren, eine Reiterei, die selbst Ausländer für unvergleichlich hielten, und an deren Spitze der Hetman schon nach dem Falle von Kamieniez den zerstreuten Tatarenhaufen soviel zu schaffen gemacht hatte. Es kämpften endlich auch Bauern zu Fuß mit, welche sich ohne Schuß mit den Kolben auf die Tataren warfen.
Der Krieg hatte diese Leute in die Zucht genommen, denn er hatte in der Republik ganze Geschlechter auferzogen; sie waren aber bis heute zerstreut oder standen in Diensten feindlicher Parteien. Jetzt, da sie die innere Eintracht in einem Lager und unter einem Kommando zusammenhielt, hoffte der Hetman, mit ihnen die Übermacht Husseins und dennicht minder übermächtigen Kaplan zu erdrücken. Geführt wurden die Leute von erprobten Führern, deren Namen gleichfalls in die Annalen der letzten Kriege eingetragen waren, in der wechselvollen Reihe von Niederlagen und Siegen.
Der Hetman selbst glich einer Sonne, stand an der Spitze aller und regierte Tausende mit seinem Willen. Und wie hießen die anderen Führer, die in diesem Lager von Chozim unsterblichen Ruhm erringen sollten?
Es waren zwei litauische Hetmane, der Hetman Paz und der Feldhetman Michael Kasimir Radziwill. Diese hatten sich wenige Tage vor der Schlacht mit den Kronheeren verbunden und standen jetzt unter Sobieskis Befehl auf den Anhöhen, welche Chozim mit Swaniez verbinden. Zwölftausend Krieger, darunter zweitausend auserwähltes Fußvolk gehorchten ihrem Befehl. Vom Dniestr gen Süden standen die verbündeten walachischen Regimenter, die am Tage vor der Schlacht das türkische Lager verlassen hatten, um sich mit den Christen zu vereinigen; neben den Walachen stand mit der Artillerie Kontski, unvergleichlich in der Eroberung befestigter Plätze, im Aufschütten von Wällen und in der Richtung von Kanonen. In fremden Ländern hatte er sich in dieser Kunst geübt, aber bald übertraf er in ihr seine Lehrer. An Kontski schlossen sich die reußische und die masurische Infanterie Koryzkis an, dann kam der Feldhetman Dimitr Wischniowiezki, des kranken Königs Vetter. Er hatte die leichte Reiterei unter sich; neben diesen hatte sich mit den eigenen Fahnen zu Fuß und zu Pferde Andreas Potozki aufgestellt, einst des Hetmans Gegner, heute ein Verehrer seiner Größe. An ihn und Koryzki schlossen sich unter Führung Jablonowskis, des reußischen Wojewoden, fünfzehn Husarenfahnen in leuchtenden Panzern und Helmen, die drohende Schatten über die Gesichter warfen. Ein Wald von Speerenstarrte über ihnen, sie aber standen ruhig, in sicherem Vertrauen auf ihre unerschütterliche Kraft, in der festen Überzeugung, daß die Entscheidung des Sieges bei ihnen liege.
Weniger hervorragende Krieger — nicht an Mut, wohl aber an Bedeutung — waren der Burgvogt Luschezki von Podlachien, dem die Türken in Bodsanow einen Bruder enthauptet hatten, wofür er ihnen ewige Rache geschworen, der Kronfeldsekretär Stephan Tscharniezki, des großen Stephan Bruderssohn; er war es, der während der Belagerung von Kamieniez bei Golembin an der Spitze eines Adelshaufens, der auf der Seite des Königs stand, beinahe einen Bürgerkrieg erregt hätte; jetzt strebte er, durch Mut auf einem besseren Kampfplatze zu glänzen. Ebenso waren Gabriel Silnizki, dem das Leben im Kriege dahingegangen war und das Alter schon das Haupt gebleicht hatte, und viele andere Wojewoden und Burgvögte aus den früheren Kriegen, weniger bekannt, weniger berühmt, aber um so mehr nach Ruhm begierig.
Unter der Ritterschaft leuchtete, wenn auch nicht mit der Würde eines Senators angetan, über alle anderen Skrzetuski, der berühmte Kämpfer von Sbarasch, ein Soldat, den man der Ritterschaft zum Muster vorhielt, ein Mitkämpfer in allen Kriegen, welche die Republik seit dreißig Jahren geführt hatte. Ehrwürdiges Grau bedeckte ihm das Haupt, aber dafür umgaben ihn sechs Söhne, an Kraft sechs Ebern ähnlich; die älteren von ihnen kannten den Krieg schon, die beiden jüngeren sollten jetzt die Feuertaufe erhalten, und darum glühten sie von solcher Schlachtbegier, daß der Vater mit besonnenen Worten ihre Ungeduld zügeln mußte.
Mit großer Hochachtung sahen die Genossen auf den Vater und die Söhne; noch größere Bewunderung aber erweckte Jarozki, der auf beiden Augen blind war, wie einstKönig Johann von Böhmen, und nichtsdestoweniger mutig in den Krieg zog.
Er hatte weder Kinder noch Anverwandte; die Knechte führten ihn am Arme, und er hegte nur die Hoffnung, in der Schlacht das Leben zu lassen, dem Vaterland zu dienen und Ruhm zu erwerben. Da war auch Rschetschyzki, dem Vater und Bruder in diesem Jahre gefallen waren, Motowidlo, der, kaum der tatarischen Sklaverei entflohen, sogleich wieder ins Feld zog, Seite an Seite mit Herrn Myslischewski. Der erstere wollte sich für die Sklaverei rächen, der zweite für die Schmach, die er in Kamieniez erfahren hatte, wo ihn die Janitscharen gegen Vertrag und Adelswürde mit Stöcken geschlagen hatten. Es waren auch ältere Ritter aus den Grenzwarten am Dniestr da, der verwilderte Ruschtschyz und der unvergleichliche Bogenschütze Muschalski; dieser war heil aus Kamieniez hervorgegangen, da ihn der kleine Ritter mit der Meldung zu seiner Gattin geschickt hatte; endlich Snitko, Nienaschyniez, Hromyka, und der Unglücklichste von allen, der junge Nowowiejski.
Ihm hatten selbst Freunde und Verwandte den Tod gewünscht, denn es gab für ihn keinen Trost mehr; nachdem er genesen war, hatte er ein ganzes Jahr hindurch mit Glück die Tatarenhaufen bekriegt, besonders wütend die Lipker verfolgend. Nachdem Krytschynski Motowidlo aufgerieben hatte, folgte er ihm durch ganz Podolien, ließ ihn nicht zu Atem kommen und saß ihm furchtbar schwer im Nacken. Bei diesen Unternehmungen ergriff er Adurowitsch und ließ ihm das Fell abziehen; den Gefangenen ließ er weder Speise noch Trank zukommen; — aber er empfand dennoch keinen Trost in seinem Leid. Einen Monat vor der Schlacht trat er in die Reiterei des Wojewoden von Reußen ein.
Mit solcher Ritterschaft stand Sobieski vor Chozim.Für die Schmach, die der Republik angetan war, in erster Reihe aber auch für ihre eigene Schmach wollten diese Krieger Rache nehmen; denn in den beständigen Kämpfen mit den Heiden hatte wohl ein jeder in diesem blutgetränkten Lande ein geliebtes Haupt verloren, trug wohl ein jeder eine Erinnerung an ein furchtbares Unglück in seinem Busen. Der Großhetman eilte zur Entscheidung, denn er sah, daß die Mordlust in den Herzen seiner Soldaten der Begierde einer Löwin glich, welcher leichtfertige Jäger die Jungen raubten.
Am 9. November 1673 begannen die Einzelkämpfe. Scharen von Türken kamen am frühen Morgen aus den Verschanzungen hervor; Scharen polnischer Ritterschaft eilten ihnen kampfbegierig entgegen. Auf beiden Seiten gab es Tote; der größere Verlust aber war auf der türkischen Seite. Von hervorragenden Türken oder Polen fielen nur wenige. Herrn Maj durchbohrte gleich zu Beginn des Treffens ein hühnenhafter Spahi mit dem krummen Schwert; aber der jüngste Skrzetuski schlug ihm mit einem Streich fast den Kopf vom Rumpfe und erwarb dafür das Lob des besonnenen Vaters und großen Ruhm.
So traf man sich zu Haufen oder einzeln, und denen, welche dem Kampfe zusahen, wuchs der Mut und die Kampfbegier. Inzwischen stellten sich die Abteilungen des Heeres rings um das türkische Lager auf, wo ihnen der Hetman die Plätze anwies. Er selbst stand hinter dem Fußvolk Koryzkis auf dem alten Wege nach Jassy und umfaßte mit den Augen das ganze ungeheure Lager Husseins. Auf seinem Antlitz lag die ungetrübte Ruhe, die den Meister kennzeichnet, der seiner Kunst sicher ist, ehe er an das Werk schreitet. Von Zeit zu Zeit schickte er Ordonnanzen mit Befehlen aus und sah nachdenklich dem Kampfe der einzelnen zu. Gegen Abend kam der Wojewode von Reußen zu ihm.
»Die Wälle sind so ausgedehnt,« sagte er, »daß es unmöglich ist, sie gleichzeitig von allen Seiten zu stürmen.«
»Morgen werden wir auf den Wällen sein, und übermorgen werden wir diese Mannschaften niederhauen,« sagte ruhig Sobieski.
Inzwischen brach die Nacht herein. Die Kämpfer zogen sich zurück, der Hetman befahl allen Abteilungen, in der Dunkelheit sich den Wällen zu nähern. Hussein wollte dies nach Kräften verhindern, indem er aus Kanonen großen Kalibers schoß; aber vergeblich. Am Morgen gingen die polnischen Abteilungen wieder ein wenig vorwärts; die Fußsoldaten begannen kleine Schanzen aufzuschütten, einige Regimenter drangen bis auf einen guten Pfeilschuß heran. Da gaben die Janitscharen ein tüchtiges Feuer, auf Befehl des Hetmans erwiderte man jedoch dieses Feuer fast gar nicht, das Fußvolk rüstete vielmehr zu einem Angriff auf Kolben. Die Soldaten erwarteten nur den Befehl, um loszustürmen. Über ihre langgezogene Linie flogen pfeifend und surrend die Kartätschen. Kontskis Artillerie, die in der Dämmerung den Kampf begonnen hatte, war bisher nicht eine Minute verstummt; nach der Schlacht erst zeigte sich, welche furchtbaren Verwüstungen ihre Geschosse angerichtet hatten, die gerade dort niedergefallen waren, wo die Zelte der Spahis und Janitscharen am dichtesten standen.
So war der Mittag herangekommen; aber da der Tag kurz war, ein Novembertag, so tat Eile not. Plötzlich erklangen alle Trommeln, Kesselpauken und Krummhörner, aus tausend Kehlen erscholl es in einem Rufe, und das Fußvolk, unterstützt von der leichten nachfolgenden Reiterei, stürmte in dichter Masse zum Angriff.
Von fünf Seiten gleichzeitig erfolgte der Angriff auf die Türken. Johann von Dänemark, Christophorus de Bohan,alles erfahrene Krieger, führten die ausländischen Regimenter. Der erstere, von leichter Erregbarkeit, stürmte so wütend vorwärts, daß er vor den anderen an die Wälle gelangte, und das Regiment nahezu ins Verderben geführt hätte, da er die Salve von vielen tausend Büchsen ertragen mußte. Er selbst fiel; die Soldaten begannen zu wanken, aber gerade in diesem Augenblick kam ihnen de Bohan zu Hilfe und verhinderte die Auflösung. Er hatte mit ruhigem Schritte, wie bei der Musterung und als folge er dem Takte der Kapelle, die ganze Fläche bis zu den türkischen Wällen durchmessen, antwortete auf die Salve, und als der Graben mit Faschinen gefüllt war, durchschritt er ihn zuerst unter einem Hagel von Kugeln, grüßte die Janitscharen mit dem Hute und traf zuerst ihren Fahnenträger. Die Soldaten, angeeifert durch das Beispiel eines solchen Führers, eilten vorwärts, und ein furchtbares Ringen begann, in welchem Zucht und Übung mit dem wilden Mut der Janitscharen um die Palme stritt. Die Dragoner führten von der Wiese her Taraban Tetwin und Dönhoff, das zweite Regiment Aswer Greben und Hajdepohl, alles treffliche Krieger, die außer Hajdepohl noch unter Tscharniezki in Dänemark unermeßlichen Ruhm errungen hatten. Die Mannschaften waren stämmig, kräftig, aus den Leuten in den königlichen Besitzungen gewählt, ausgezeichnet geübt im Kampfe zu Fuß und zu Pferd. Die Tore verteidigten gegen sie die Dschamaken, das sind die irregulären Janitscharen; sie gerieten, obgleich ihre Haufen ungeheuer groß waren, alsbald in Unordnung, sie wichen zurück, und als es zum Handgemenge kam, verteidigten sie sich nur insoweit, als sie keinen Platz zum Rückzuge hatten. Dieses Tor wurde zuerst erobert, und von hier konnte die Reiterei in das Innere des Lagers eindringen.
An der Spitze des polnischen Landfußvolkes stürmtenan drei anderen Stellen gegen die Wälle Kobylezki, Schebrowski, Piotrkowtschik und Galezki. Der fürchterlichste Kampf wütete am Haupttore, das auf den Weg nach Jassy hinausführte, wo die Masuren mit der Garde Hussein-Paschas zusammengestoßen waren. Um dieses Tor war es ihm hauptsächlich zu tun, denn hier konnte die polnische Reiterei ins Lager gelangen. Darum beschloß er, es hartnäckig zu verteidigen, und trieb immer neue Janitscharen-Abteilungen dorthin. Die polnische Infanterie hatte das Tor schnell erobert und strengte nun alle Kräfte an, um es zu behaupten; die Kanonen und ein Hagel von Büchsenkugeln trieb sie zusammen, und aus den Rauchwolken traten immer neue anstürmende Kriegerscharen hervor. Da warf sich Kobylezki, ohne ihr Herannahen abzuwarten, wie ein wütender Bär ihnen entgegen, und zwei Menschenmauern trafen aufeinander, drängten, wogten in Blutströmen und auf Leichenhügeln hin und her. Man kämpfte mit jeglicher Waffe, mit Säbeln, Messern, Kolben, Musketen, Spaten, Stangen, Achsen, man warf sich mit Steinen, manchmal entstand ein solches Gedränge, daß sich die Menschen um die Hüften faßten und mit Faust und Zähnen kämpften. Hussein versuchte zweimal mit Hilfe eines gewaltigen Reiterangriffs das Fußvolk zu durchbrechen, aber die Infanterie trat ihm jedesmal mit so außergewöhnlicher Entschiedenheit entgegen, daß er sich in Unordnung zurückziehen mußte. Endlich erbarmte sich Sobieski ihrer und schickte ihnen den gesamten Lagertroß zu Hilfe.
An der Spitze stand Motowidlo; der Haufe, der gewöhnlich nicht in der Schlacht verwendet wurde und schlecht bewaffnet war, stürmte jedoch mit solcher Kampfeslust vorwärts, daß er selbst die Bewunderung des Hetmans herausforderte; vielleicht, daß sie die Beutegier anfeuerte, oder daßdie Begeisterung, die an diesem Tage das ganze Heer belebte, auch sie ergriff, genug, sie stürmten so mächtig gegen die Janitscharen, daß sie diese gleich auf die Entfernung eines Bogenschusses vom Tore zurücktrieben. Hussein warf neue Regimenter in das Kampfgewühl, und der Kampf, der sich im Augenblick erneuerte, dauerte ganze Stunden. Aber in dieser Zeit hatte Koryzka an der Spitze der ausgewählten Regimenter das Tor tüchtig besetzt, und aus der Ferne kamen die Husaren wie ein riesiger Vogel, der sich schwerfällig zum Fluge erhebt, heran, und näherten sich allmählich dem Tore. Gleichzeitig kam eine Ordonnanz zum Hetman von der Westseite des Lagers her.
»Der Wojewode von Belz ist in den Verschanzungen!« rief der Bote aus keuchender Brust.
Da kam ein zweiter: »Die litauischen Hetmane sind in den Verschanzungen!«
Dann kamen andere, immer mit derselben Nachricht. Schon bedeckte Dämmerung die Erde, aber von dem Antlitz des Hetmans leuchtete es hell auf. Er wandte sich an Herrn Bidsinski, der in diesem Augenblick an seiner Seite war, und sagte: »Jetzt kommt die Reiterei an die Reihe, aber das geschieht erst morgen.«
Niemand jedoch im polnischen und im türkischen Lager wußte oder vermutete, daß der Hetman den allgemeinen Sturm aller Kräfte auf den anderen Morgen zu verlegen gedenke, vielmehr sprengten die Ordonnanzoffiziere zu den Hauptleuten mit der Weisung, jeden Augenblick bereit zu sein. Das Fußvolk stand in geordneten Reihen da, den Reitern brannten Säbel und Speere in den Händen, alle erwarteten den Befehl mit Ungeduld, denn die Leute waren ausgehungert und erfroren; aber die Stunden vergingen, und der Befehlkam nicht. Eine dunkle, schwarze Nacht brach herein; schon am Tage war das Wetter schlecht gewesen, und um Mitternacht zog ein Sturm heran mit eisigem Regen und Schnee. Seine Schläge machten das Mark in den Beinen gefrieren, die Pferde konnten kaum feststehen, die Menschen erstarrten vor Kälte. Der größte Frost, wenn er trocken ist, kann nicht so peinigen, wie dieser Sturm mit Schnee und Regen, der den menschlichen Körper wie eine Geißel trifft. In der beständigen Erwartung des Losungswortes konnte man an Essen und Trinken oder an das Anzünden der Wachtfeuer nicht denken. Mit jeder Stunde wurde es entsetzlicher. Es war eine denkwürdige Nacht, eine Nacht der Qual und des Zähneklapperns. Die Rufe der Hauptleute: Halt! — Halt! ließen sich jeden Augenblick hören, und die zuchtgewohnten Scharen standen in vollster Bereitschaft ohne Bewegung geduldig da.
Gegenüber, in Regen, Sturm und nächtlichem Dunkel, standen in gleicher Bereitschaft die Regimenter der Türken. Niemand von ihnen unterhielt ein Feuer, niemand aß, niemand trank; der Angriff der gesamten polnischen Streitkraft wurde jeden Augenblick erwartet, und so konnten die Spahis den Säbel nicht aus der Hand legen, und die Janitscharen standen wie eine Mauer mit ihren Büchsen da, jeden Augenblick zum Schusse bereit. Der ausdauernde polnische Soldat, an die Härte des Winters gewöhnt, konnte eine solche Nacht überstehen, aber diese Mannschaften, aufgezogen in dem milden Klima Rumeliens oder unter den Palmen Kleinasiens litten mehr, als ihre Kräfte vertragen konnten. Hussein wurde es endlich klar, weshalb Sobieski den Sturm nicht beginne. Dieser eisige Regen war der beste Bundesgenosse der Lechen. Es war für jedermann offenkundig: wenn die Spahis und Janitscharen zwölf Stunden so dastehen sollten, würden sie morgen wie die Garben hinsinken, ohne den Versucheiner Gegenwehr, bis zu dem Zeitpunkt wenigstens, da sie die Glut der Schlacht erwärmt haben würde.
Den Polen wie den Türken ward dies klar. Um die vierte Stunde der Nacht kamen zwei Paschas zu Hussein: Janisch-Pascha und Kiaja, Führer der Janitscharen, ein alter, erfahrener, ausgezeichneter Krieger. Beider Antlitz war voll Trauer und Sorge.
»Herr,« sprach Kiaja zuerst, »wenn meine Schäfchen bis morgen so dastehen, dann bedarf es keiner Kugeln und Schwerter mehr für sie.«
»Herr,« sagte Janisch-Pascha, »die Spahis erfrieren mir und werden sich morgen nicht schlagen können.«
Hussein fuhr sich in den Bart; er sah die Niederlage und den eigenen Untergang voraus. Aber was sollte er tun? Wenn er auch nur auf eine Minute gestattet hätte, die Schlachtordnung zu lockern und Feuer anzuzünden, damit die Leute sich mit warmer Speise erquickten, so würde der Angriff unverzüglich erfolgen. Auch so ertönten schon von Zeit zu Zeit von den Wällen her die Trompeten, als wolle die Reiterei vorrücken.
Kiaja und Janisch-Pascha sahen nur einen Ausweg: den Sturm nicht abzuwarten, sondern selbst sofort mit der ganzen Macht den Feind anzugreifen. Es bedeute wenig, daß er kampfbereit dastehe, denn da er selbst anzugreifen beabsichtige, erwarte er keinen Angriff. Es gelinge vielleicht, ihn aus den Verschanzungen herauszudrängen, und im äußersten Falle sei bei einer nächtlichen Schlacht eine Niederlage wahrscheinlich, am anderen Tage aber gewiß. Hussein aber wagte nicht, dem Rate der alten Krieger zu folgen.
»Wie,« sagte er, »ihr habt den Maidan mit Gräben durchzogen, weil ihr darin die einzige Rettung vor dieser höllischen Reiterei gesehen habt, sollen wir jetzt selbst dieGräben überschreiten, um uns ins offenbare Verderben zu stürzen. Euer Rat war es, eure Warnung, jetzt sprecht ihr anders.«
Er gab nur den Befehl, Kanonenfeuer gegen den Wall zu richten, worauf Kontski in demselben Augenblick mit großem Erfolge antwortete. Der Regen wurde immer eisiger und peitschte immer furchtbarer, der Wind tobte, heulte, drang bis auf die Haut und verwandelte das Blut in den Adern zu Eis. So ging diese lange Novembernacht hin, die Kräfte der Verteidiger des Islam wurden gebrochen, und Verzweiflung, gepaart mit dem Vorgefühl der Niederlage, ergriff ihre Herzen.
Im Augenblicke der Dämmerung begab sich Janisch-Pascha noch einmal zu Hussein mit dem Rate, sich in Schlachtordnung bis zur Dniestrbrücke zurückzuziehen und dort vorsichtig ein Geplänkel zu eröffnen. »Denn wenn das Heer — sagte er — der Wucht der Reiterei nicht standhält, so werden sie sich jenseits der Brücke flüchten, und der Fluß wird ihnen Schutz geben!« Kiaja, der Führer der Janitscharen, war indessen anderer Ansicht, er meinte, für des Janisch Rat wäre es schon zu spät. Er fürchtete auch, daß, wenn der Befehl des Rückzuges verkündet würde, sogleich das ganze Heer ein Schrecken ergreifen müsse. »Die Spahis werden mit Hilfe der Dschamaken den ersten Anprall der Reiterei der Ungläubigen aushalten, und wenn sie alle zugrunde gehen sollten. Inzwischen werden ihnen die Janitscharen zu Hilfe kommen, und Gott ihnen vielleicht den Sieg senden.«
So riet Kiaja, und Hussein folgte seinem Rat. Die berittenen Haufen der türkischen Linie ritten vor, die Janitscharen und die Dschamaken stellten sich hinter ihnen, rings um die Zelte Husseins auf. Ihre großen Scharen boten einen prächtigen und drohenden Anblick dar. Der weißbärtigeKiaja, »der Löwe Gottes«, der bis zum heutigen Tage seine Krieger nur zu Siegen geführt hatte, flog auf seinem Rosse die Reihen entlang, sprach ihnen Mut zu und richtete ihre Herzen auf, indem er der alten Kämpfe und Siege erwähnte. Ihnen war auch die Schlacht lieber, als das tatenlose Stehen im Unwetter, im Regen, im Abwarten und in diesem Mark und Bein durchdringenden Sturm, und obwohl ihre erstarrten Hände kaum die Büchsen und Lanzen halten konnten, freuten sie sich doch darauf, sich in der Schlacht zu erwärmen. Mit minder großem Mute erwarteten die Spahis den Angriff, erstens, weil sie die erste Wucht aushalten sollten, und zweitens, weil unter ihnen viele Bewohner Kleinasiens und Ägyptens dienten, die gegen Kälte sehr empfindlich sind und in der stürmischen Nacht halb tot gefroren waren. Auch die Pferde hatten sehr gelitten, und obgleich sie im stattlichen Schmucke dastanden, hielten sie doch die Nüstern gegen den Boden und hauchten förmliche Dampfsäulen aus. Die Mannschaft mit den blaugefrorenen Gesichtern und dem erloschenen Blick glaubte kaum noch an Sieg. Sie dachten nur daran, daß der Tod besser sei als eine Qual, wie die in der letzten Nacht, und das beste die Flucht zu den alten Nestern unter den Strahlen der südlich glühenden Sonne.
Im polnischen Heere waren einige Leute, die mangelhaft bekleidet waren, gegen Morgen auf den Wällen erfroren. Im allgemeinen aber ertrug das Fußvolk und die Reiterei die Kälte bei weitem besser als die Türken, denn sie hielt die Hoffnung auf Sieg aufrecht, und der nahezu blinde Glaube, daß, wenn der Hetman beschlossen habe, im Sturmwetter auszuhalten, diese Qual unzweifelhaft zu ihrem Glück und den Türken zum Unheil und zum Verderben gereichen müsse. Trotzdem begrüßten auch sie die ersten Morgenstrahlen mit Freude.
Um diese Zeit erschien Sobieski auf den Wällen; kein Morgenrot stand am Himmel, aber Morgenrot lag auf seinem Antlitz, denn als er merkte, daß der Feind ihm eine Schlacht im Lager liefern wolle, war er überzeugt, daß dieser Tag Mohammed eine furchtbare Niederlage bringen werde. Er ritt von Regiment zu Regiment und wiederholte: »Für die geschändeten Kirchen, für die Lästerung der heiligen Jungfrau in Kamieniez, für die Schmach, die der Christenheit und der Republik angetan ward, für Kamieniez!« Und die Soldaten schauten drohend drein, als wollten sie sagen: Wir halten es kaum noch aus auf unseren Plätzen; befiehl, großer Hetman, und du sollst sehen. — Der Schimmer und das fahle Licht des Morgens wurden immer heller, aus dem Nebel traten immer deutlicher die Reihen der Pferdeköpfe hervor, die Gestalten der Menschen, die Lanzen, die Fahnen, endlich die Regimenter des Fußvolks. Diese begannen auch zuerst den Anmarsch und strömten im Nebel dem Feind entgegen, wie zwei Flüsse zu beiden Seiten der Reiterei. Dann rückte die leichte Reiterei los, sie ließ nur in der Mitte einen breiten Streifen frei, durch welchen im geeigneten Augenblick die Husaren heransprengen sollten.
Jeder Regimentsführer von der Infanterie, jeder Rottenführer hatte schon seine Instruktion und wußte, was er zu tun habe. Kontskis Artillerie ließ sich immer kräftiger vernehmen und rief von der türkischen Seite ebenso kräftige Antworten hervor. Da ertönte ein Musketenschuß, ein ungeheurer Schrei scholl über das ganze Lager — der Angriff war eröffnet.
Eine neblige Luft hüllte den Horizont ein, aber das Echo der Schlacht drang bis dorthin, wo die Husaren standen. Man hörte Waffengeklirr und Schlachtgeschrei. Der Hetman, der bisher bei den Husaren geblieben war und mit demWojewoden von Reußen sprach, verstummte plötzlich und horchte auf; dann sagte er zu dem Wojewoden:
»Das Fußvolk kämpft mit den Dschamaken, die in den kleinen Schanzen zerstreut sind.«
Nach einer Weile wurde der Widerhall der Schüsse allmählich schwächer, als plötzlich unerwartet eine ungeheure Salve erdröhnte, gleich darauf eine zweite. Offenbar hatten die leichten Fahnen die Kette der Spahis durchbrochen und standen den Janitscharen gegenüber. Der Hetman gab seinem Pferde die Sporen und sprengte wie der Blitz an der Spitze seiner Leibwache in die Schlacht; der Wojewode von Reußen blieb allein mit fünfzehn Fahnen Husaren zurück, die in Schlachtordnung dastanden und nur auf das Zeichen warteten, welches ihnen befahl, heranzusprengen und das Los der Schlacht zu entscheiden.
Inzwischen brodelte und heulte es inmitten des Lagers immer fürchterlicher; die Schlacht schien sich bald nach rechts, bald nach links zu wenden, bald dorthin, wo die litauischen Krieger standen, bald nach der Seite des Wojewoden von Belz, ganz wie im Sturmwetter die Blitze am Himmel sich hierhin und dorthin wenden. Das Kanonenfeuer der Türken wurde immer unregelmäßiger, Kontskis Artillerie aber schoß mit verdoppelten Kräften. Nach Verlauf einer Stunde glaubte der Wojewode von Reußen zu erkennen, daß der Schwerpunkt der Schlacht wieder nach der Mitte zurückgekehrt sei, gerade seinen Husaren gegenüber.
In diesem Augenblick kam der Großhetman an der Spitze seiner Leute herangeeilt, Feuer sprühte aus seinen Augen, er hielt vor dem Wojewoden von Reußen und rief:
»Vorwärts, mit Gottes Hilfe!«
»Vorwärts!« schrie der Wojewode von Reußen.
Die Rottenführer wiederholten das Kommando; mitfurchtbarem Getöse senkte sich wie mit einem Schlage ein Wald von Speeren zu den Köpfen der Pferde nieder; fünfzehn Fahnen dieser Reiterei, welche gewohnt waren, alles auf ihrem Wege niederzuwerfen, rückten wie eine einzige riesige Masse vorwärts.
Seit der Zeit, da in der dreitägigen Schlacht bei Warschau die litauische Reiterei unter Führung Polubienskis wie ein Keil die ganze schwedische Armee auseinandergetrieben hatte, war kein Reiterangriff mit solcher Wucht geführt worden. Im Trabe rückten die Fahnen von der Stelle; auf zweihundert Schritt aber kommandierten die Rottenführer: »Sturm!« und die Reiter brachen in ein mächtiges Geschrei aus: »Schlagt nieder, schlagt nieder!«, wiegten sich in ihren Satteldecken, und die Pferde flogen im Sturmlauf dahin. Diese lebendige Mauer feurig heranstürmender Rosse, eiserner Krieger und gesenkter Lanzen hatte etwas vom entfesselten Element an sich; sie wogte wie eine Sturmflut mit Krachen und Toben. Die Erde bebte unter ihrer Last, und es war klar, daß sie, wenn auch nicht einer von ihnen die Lanze einlegte oder den Säbel aus der Scheide zog, durch die bloße Wucht alles vor sich her niederwerfen, erdrücken und zertreten müsse, wie eine Windhose den Wald knickt und hinstreckt. So gelangten sie bis zu dem blutgetränkten, leichenbesäten Felde, auf welchem die Schlacht tobte. Die leichten Fahnen rangen auf beiden Flügeln mit der türkischen Reiterei, die sie schon tüchtig zurückgeworfen hatten, aber in der Mitte standen noch, einer unerschütterlichen Mauer gleich, die tiefen Reihen der Janitscharen. Zu wiederholten Malen hatten sich einzelne leichte Fahnen an ihnen gebrochen wie eine Woge, die von der hohen See herkommt, am felsigen Ufer. Sie zu erschüttern, sie niederzuwerfen, war jetzt die Aufgabe der Husaren.
Tausende von Janitscharenbüchsen knallten auf einmal »als habe sieeinMensch gelöst«; noch einen Augenblick: die Janitscharen stellten sich immer fester auf die Füße; einige zwinkern mit den Augen bei dem Anblick der furchtbaren Lawine, anderen fliegen die Hände, welche die Lanzen halten, aller Herzen pochen wie Hämmer; sie beißen die Zähne zusammen und heben schweratmend die Brust. Schon sind sie da, schon hört man den scharfen Atem der Pferde — und es stürmt das Verderben, der Untergang, der Tod heran.
Allah! — Jesus Maria! Diese Rufe, so entsetzlich, als kämen sie nicht aus der Brust von Menschen, tönen wirr durcheinander. Die lebende Mauer wankt und neigt sich, das trockene Krachen brechender Lanzen übertönt auf einen Augenblick alles andere, dann folgt Knirschen von Eisen, ein Ton, wie von tausend Hämmern, die mit voller Kraft den Ambos treffen, Schläge, wie wenn tausend Dreschflegel an eine Wölbung schlagen, Rufe einzelner und Rufe von Scharen, Stöhnen, abgerissene Schüsse aus Büchsen und Pistolen; ein Heulen des Entsetzens. Angreifer und Angegriffene, wirr untereinander gemengt, ballen sich zu grauenerregenden Knäueln. Eine Metzelei folgt, aus dem Menschengewirre strömt warmes, dampfendes Blut und erfüllt die Luft mit rohem Geruche.
Die erste, zweite, dritte und die zehnte Reihe der Janitscharen liegt hingestreckt am Boden, von Hufen zertreten, von Lanzen durchstochen, vom Schwerte niedergehauen. Aber der weißbärtige Kiaja, der »Löwe Gottes«, wirft alle folgenden in das Gewirr der Schlacht. Was tut's, daß sie hinsinken, wie das Getreide vor dem Sturm — sie kämpfen. Die Wut erfaßt sie, sie atmen Tod, sie lechzen nach dem Tode. Die Mauer der Pferde drängt sie, neigt sie hin und her und stürzt sie; sie stechen den Pferden mit dem Messer nach dem Bauch.Tausend Schwerter fahren ohne Unterbrechung hernieder — und sie hauen, stechen den Reitern nach den Füßen, nach den Knieen, schlängeln sich heran und beißen wie ein giftiges Gewürm — sie fallen und rächen sich.
Kiaja, der »Löwe Gottes«, wirft immer neue Scharen in den Rachen des Todes, mit lautem Rufe ermutigt er zum Kampf und stürzt selber, den krummen Säbel in hoch erhobener Faust schwingend, ins Gewirr. Da stürmt ein hünenhafter Husar, alles vor sich her, einer Flamme gleich, vernichtend, gegen den weißbärtigen Greis an, hebt sich in den Steigbügeln, um desto wirksamer auszuholen und läßt mit einem furchtbaren Streiche die Schneide auf das ehrwürdige Haupt niedersausen. Weder der Säbel noch die Damascener-Rüstung vermochten den Streich aufzuhalten — Kiaja fällt, mittendurch gespalten, wie von einem Donnerkeil getroffen, zu Boden.
Nowowiejski — denn er war es — hatte schon vorher furchtbares Verderben verbreitet; niemand konnte seiner Kraft und seiner finsteren Wut widerstehen. Jetzt aber hatte er der Schlacht den größten Dienst geleistet, indem er den Greis fällte, der ganz allein den wütenden Kampf bisher aufrecht erhalten hatte. Die Janitscharen schrieen entsetzt auf, da sie den Feldherrn fallen sahen, und richteten, zehn zugleich, ihre Büchsen auf die Brust des jungen Ritters. Er aber wandte sich gegen sie, der düsteren Nacht ähnlich, Schüsse knallten; Nowowiejski riß sein Pferd zurück und neigte sich über die Satteldecke. Zwei Genossen fingen ihn in ihren Armen auf; ein Lächeln, ein ungewohnter Gast in seinen Zügen, erhellte sein düsteres Gesicht; die Augen drehten sich in ihren Höhlen, und der bleiche Mund flüsterte einige Worte, die man im Getümmel der Schlacht nicht hören konnte. Inzwischenwaren die letzten Reihen der Janitscharen ins Wanken gekommen.
Der tapfere Janisch-Pascha wollte die Schlacht noch fortsetzen, aber schon hatte eine Raserei des Schreckens die Mannschaften erfaßt, schon waren alle Anstrengungen vergeblich. Die Reihen waren in Unordnung geraten und konnten, von allen Seiten gedrängt, gehauen, getreten, nicht mehr in Schlachtordnung gebracht werden. Endlich barsten sie, wie eine allzu straff gespannte Kette — und die Leute flogen wie sprühende Feuerbrände nach allen Seiten, heulten, schrieen, warfen die Waffen fort und schützten die Häupter mit den Händen. Da sie keinen freien Raum zu loser Flucht fanden, ballten sie sich immer wieder zu Haufen zusammen, und die Reiter saßen ihnen im Nacken und badeten sich im Blute. Den tapferen Janisch-Pascha hieb Muschalski, der wehrhafte Bogenschütze, mit dem Säbel in den Nacken, daß ihm das Mark aus dem gespaltenen Grat hervorquoll, und die seidenen Gewänder und silbernen Schuppen der Rüstung befleckte.
Die Janitscharen, die von der polnischen Infanterie geschlagenen Dschamaken und ein Teil der gleich zu Beginn der Schlacht zerstreuten Reiterei, kurz, die ganze türkische Masse floh jetzt in die gegenüberliegende Seite des Lagers, wo über einen tiefen Abhang ein viele hundert Fuß hoher Fels starrte. Dorthin trieb die Angst die Rasenden. Viele stürzten sich in den Abgrund, »nicht um dem Tode zu entgehen, sondern um nicht in die Hände der Polen zu fallen.« Dieser verzweifelten Menge vertrat Bidsinski den Weg; doch die Menschenlawine riß ihn mit sich in die Tiefe des Abgrundes, der sich in kurzer Zeit fast bis an den Rand mit Toten, Verwundeten und Erdrückten füllte.
Aus dem Abgrund erhob sich ein entsetzliches Stöhnen. Hingestreckte Körper zitterten in Krämpfen, stießen sich gegenseitigmit den Füßen und fuhren sich im furchtbaren Todeskampf mit den Nägeln ins Gesicht. Dann wurde dies Stöhnen immer langsamer, immer schwächer, bis beim Morgengrauen alles verstummt war.
Furchtbar waren die Folgen des Husarenangriffes. Achttausend Janitscharen lagen, von Schwertern niedergehauen, an dem Graben, der die Zelte Hussein-Paschas umgab, außer denen, welche auf der Flucht oder auf dem Boden des Abgrundes den Tod gefunden hatten. Die polnische Reiterei war in ihren Zelten, Sobieski triumphierte, die Trompeten und Krummhörner verkündeten mit heiseren Lauten den Sieg, als plötzlich, ganz unerwartet, die Schlacht von neuem begann.
Der Großhetman der Türken, Hussein-Pascha, war an der Spitze seiner berittenen Garde und dem Rest der gesamten Reiterei nach der Niederwerfung der Janitscharen durch das Tor von Jassy ins Weite geflohen; als ihm aber dort Dimitr Wischniowiezkis — des Feldhauptmanns — Fahnen entgegentraten und ohne Mitleid niederzuhauen begannen, war er zurückgekehrt ins Lagers, um einen anderen Ausweg zu suchen, ganz wie ein Wild, das, im Forst umringt, einen Spalt sucht, durch den es entkommen kann. Er war aber mit solcher Wucht herangekommen, daß er im Augenblick eine leichte Fahne durchbrach, das Fußvolk, das zum Teil schon mit der Plünderung des Lagers beschäftigt war, in Verwirrung brachte — und »auf einen halben Pistolenschuß« bis zum Hetman selbst gelangte.
»Wir waren schon,« schrieb Sobieski später im Lager selbst, »der Niederlage nahe; wenn es gut endete, ist dies der außerordentlichen Entschiedenheit der Husaren zuzuschreiben.« In der Tat war der Anprall der Türken furchtbar gewesen, denn er wurde unter dem Eindruck der höchstenVerzweiflung unternommen, und kam gänzlich unerwartet. Aber die Husaren, die vom Schlachtfeuer noch nicht abgekühlt waren, rückten ihnen im schnellsten Laufe entgegen; erst kam Prusinowskis Fahne heran und gebot den Angreifern Halt, dann folgte Skrzetuski mit den Seinigen, ferner ein ganzes Heer von Reitern, Fußvolk, Lagertroß, wie und wo sie gerade standen — alles stürzte sich in größter Wut auf den Feind, und es entstand ein ungeordneter, aber an Wucht dem Angriff der Husaren nicht nachstehender Kampf.
Mit Bewunderung gedachten nach Beendigung der Schlacht die Ritter des Mutes der Türken, die, als Wischniowiezki und die litauischen Hetmane herankamen, von allen Seiten umringt, sich so rasend wehrten, daß man kaum ein Häuflein von Gefangenen machen konnte; denn der Hetman hatte die Erlaubnis gegeben, sie lebendig zu fangen. Als die schweren Fahnen sich endlich nach halbstündiger Schlacht aufgelöst hatten, kämpften noch einzelne Haufen, ja einzelne Reiter, Allah anrufend, bis zum letzten Atemzuge. Viele glänzende Taten geschahen hier, deren Gedächtnis unter den Nachkommen nicht ausstirbt. Hier hieb der Feldhetman von Litauen mit eigener Hand den mächtigen Pascha nieder. Dieser hatte vorher Rudomin, Kimbar und Rdultowski ergriffen; aber der Hetman ritt ihn von hinten an und hieb ihm mit einem Streiche den Kopf ab. Hier hieb Sobieski einen Spahi, der einen Pistolenschuß auf ihn abfeuerte, vor den Augen des ganzen Heeres nieder, hier stürzte sich Bidsinski, der durch ein Wunder sich aus dem Abgrund gerettet hatte, zerschlagen und verwundet wie er war, sofort in das Getümmel der Schlacht und kämpfte, bis ihn die Erschöpfung niederwarf. Er war lange darauf krank, aber als er nach einigen Monaten seine Gesundheit wiedergewonnen hatte, zog er nochmals in den Krieg und erntete großen Ruhm.