Ein einziger von den Menschen, die sich in dem Zimmer befanden, begriff außer Romulus Futurus, was hier vorging: John Crofton.
Auch er hatte auf den ersten Blick erkannt, daß zwischen der Fürstin Angelika, die hier im tiefen Schlafe lag, und jener nebelhaften Erscheinung, die die lichtempfindliche Platte in der Galerie festgehalten hatte, eine solche Aehnlichkeit herrschte, daß man beide für ein und dieselbe Person halten mußte.
Er verstand allerdings nicht, wie dieses Rätsel sich lösen sollte, bis Romulus Futurus, der vergeblich versucht hatte, den Körper der Fürstin zum Leben zu erwecken, plötzlich aufsprang.
„Sie ist kalt, eiskalt!“ schrie er wie ein Rasender Und Doktor Diabel, der es nicht glauben wollte, stürzte herbei, betastete ihre Hände, ihre Arme, ihr Gesicht, sprang dann zum Fenster zurück und begann, ohne auf die anderen zu achten, eine Beschwörung, die höchst merkwürdig war.
Er beschrieb über dem Kopfe der Leblosen magische Zeichen. Man sah, wie er seinen ganzen Willen konzentrierte. Er schrumpfte zusammen vor ungeheurer Aufregung, seine Augen wurden starr wie schwarze Perlen; mit gepreßter Stimme sagte er:
„Ich befehle dir, Angelika, zu erwachen! Du sollst erwachen! Du mußt erwachen!“
Das wiederholte er in einem fort wie ein Verrückter, während seine Augen irr an der Leblosen hingen. Plötzlich stieß er einen Schrei aus, fiel, von der übermenschlichen Anstrengung erschöpft, zu Boden und schrie:
„Es ist zu spät, zu spät! Die Seele kehrt nicht mehr in den Körper zurück!“
Jetzt schien Romulus Futurus zu fassen, was hier vorgefallen war. Halb vornübergebeugt, wie ein Riese, die Arme vorgestreckt, die Fäuste geballt näherte er sich Doktor Diabel, packte ihn mit beiden Händen an der Brust, schleuderte ihn hin und her und schrie:
„Du hast sie hypnotisiert, Elender, gestehe! — —
Du hast vor vier Monaten diese Unglückliche in einen magnetischen Schlaf versetzt und hast sie nicht mehr daraus erweckt! Schurke, Hund, Scheusal, gestehe! Gestehe, oder ich zerquetsche dich unter meinen Fäusten!“
Dieses Toben eines Mannes, der bis zur Stunde nie seine überlegene Ruhe verloren hatte, gewährte einen schrecklichen Anblick. Unter diesen Fäusten, kraftlos gemacht durch die Hitze und Flammen, die den Horizont erfüllten, sank Doktor Diabel in die Knie. Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn, und schlotternd, im Zerrbild von Angst und Feigheit, gestand er:
„Ja, ja, es ist wahr! Ich habe sie in magnetischen Schlaf versetzt, ich habe ihr befohlen, zu schlafen, immer zu schlafen und nichts mehr zu wissen, und nun — nun ist es zu spät — ich habe den rechten Augenblick versäumt — sie ist tot, tot!“
Romulus Futurus schüttelte den Schwächling, daß sein Kopf hin und her gegen die Wand schlug.
„Warum?“ schrie er mit furchtbarer Stimme, während der Wahnsinn aus seinen eigenen Augen brach, „warum?“
„Weil ich sie liebte, und weil sie gestand, daß ihr Herz einem anderen gehörte, an den sie immerfort dächte, daß sie nur einen lieben könne, nur einen . . .“
„Wen? Wen? Sprich!“
„Sie sprach von Romulus Futurus,“ ächzte Doktor Diabel.
Romulus Futurus reckte und dehnte sich wie ein Gigant. Er war furchtbar anzusehen, und John Crofton erkannte mit Angst und Schrecken, daß sein Freund irrsinnig geworden war.
„Mich hat sie geliebt! Mich! Verstehst du, John? Crofton? Begreifst du alles? Dieser Schurke hat die Fürstin in einen magnetischen Schlaf versetzt, und ihre Seele wandelte frei umher und flüchtete zu dem, den sie liebte, während der Körper hier in den Fesseln des Magnetismus lag. Ihre Seele habe ich gesehen, und sohabe ich mich in sie verliebt! Ich kann nicht mehr leben ohne sie!“
Er wandte sich um. Mit seinem breiten Körper versperrte er den Ausgang. Dann riß er den Leichnam der Fürstin Angelika aus den Kissen, hob sie in die Luft, daß das weiße, seidene Nachtkleid an ihrem Körper auf den Teppich niederfloß, und rief:
„Du sollst erwachen, du sollst erwachen! Ich liebe dich ja! Ich liebe dich bis zum Wahnsinn!“
Aber die Fürstin Angelika erwachte nicht mehr. Zu lange hatte die Seele gezögert, wieder in den Körper zurückzukehren. Jetzt, da die Fürstin entschlafen war, da der Körper seine Beziehungen zur Seele verloren hatte und verfiel, jetzt gehorchte jene der magnetischen Gewalt des Doktor Diabel nicht mehr, und der Tod des Leibes war damit unwiderruflich besiegelt.
Romulus Futurus hieß den leblosen Körper in die Kissen zurückgleiten, stellte sich breit hin und heftete sein von Wahnsinn erfülltes Auge auf Frau Fabia, die, von Furcht geknebelt, mit halb geöffneten Lippen all diesen Vorgängen gelauscht hatte.
„Was gebe ich mich der Verzweiflung hin?“ murmelte er, während die Gluthitze des roten Kometen das Zimmer durchsengte, während das Todesgeschrei der Menschen von den Straßen herauftönte und Beten, Flüche und Verwünschungen durch die Luft hallten.
„Was zögere ich noch? Du — du,“ er wandte sich an Frau Fabia, — „du bist es und bist es nicht! In deinem Körper lebt die Seele Angelikas, und darum kann sie nicht zurückkehren in den Leib, den ich anbete!“ — — —
Er richtete sich höher auf, erfaßte mit seinen starkenFäusten Frau Fabia, die leise, verzweifelte Angstrufe hören ließ, schleifte sie zu sich hin und schrie:
„Gib die Seele zurück, die nicht dir gehört! Angelika soll leben! Ich will es! Hörst du?“
Und als ihm nichts antwortete als das stumme Entsetzen der Menschen, die sich in dem Zimmer befanden, ließ er Frau Fabia plötzlich los, stürzte sich von neuem auf Doktor Diabel, zerrte ihn zu ihr hin und schrie:
„Töte sie, töte sie, daß ihre Seele in den Körper Angelikas zurückkehren kann!“
Doktor Diabel sank unter der furchtbaren Faust, die ihn zu Boden drückte, in die Knie. Er hätte nicht die Kraft gefunden, einen Arm zu erheben, geschweige denn, den entsetzlichen Befehl des Romulus Futurus auszuführen.
Der aber, von wahnwitziger Wut gepackt, weil Dr. Diabel nicht sofort seinem Befehl folgte, riß ihn in die Höhe, hielt ihn einige Augenblicke in der Luft und schleuderte ihn mit so entsetzlicher Kraft gegen die Wand, daß der Kopf des Arztes zerschellte.
John Crofton wurde von namenlosem Grauen ergriffen. Er versuchte vergeblich, die Tür frei zu machen. Romulus Futurus hatte seine Absicht erkannt und füllte den Ausgang wieder mit seinem gigantischen Körper aus.
„Habe ich nicht recht, John?“ rief er mit schauerlichem Lachen. „Habe ich nicht recht? Endlich, endlich bin ich am Ziele.“
Und er beugte sich blitzschnell nieder, ergriff die Unglückliche, die vor Entsetzen und Todesgrauen die Besinnung verloren hatte, und preßte mit seinen Fingern ihren Hals zusammen.
Das war zu viel für John Crofton, in dem längst aller Haß gegen Frau Fabia gestorben, in dem die alte Liebe mit neuer Kraft emporgeloht war. Das konnte er nicht mit ansehen. Er wurde von rasender Wut gegen Romulus Futurus gepackt; brüllend warf er sich auf den Freund, entriß ihm die Ohnmächtige und schlug ihm mit der geballten Faust ins Gesicht.
Aber stärkere Männer als John Crofton hätten diesen Rasenden nicht mehr bändigen können. Er griff nun den Freund an, warf ihn zurück, packte ihn von neuem, und zwischen den beiden Männern entspann sich ein Ringen auf Leben und Tod, ein qualvoller, entsetzlicher Kampf, der das ganze Zimmer erfüllte, der nahezu zehn Minuten währte, bis Romulus Futurus den Gegner endlich niedergezwungen hatte, bis es ihm glückte, das Messer aus der Tasche zu ziehen.
Er stieß es wohl ein dutzendmal dem Erschöpften in die Brust, bis dieser die Glieder streckte und regungslos lag in einer Lache von Blut.
Einem Tiere gleich, warf sich darauf Romulus Futurus von neuem auf Frau Fabia und tötete sie mit eigener Hand.
So stand er stieren Blicks zwischen den beiden Leichnamen und befahl mit lallender Stimme, daß die Seele Angelikas wieder in den Körper zurückkehre.
Aber diesmal glückte das Experiment nicht.
Dieses ätherische Wesen, von dem man bis zu den Tagen des Romulus Futurus nur einen unbestimmten Begriff gehabt hatte, konnte nicht in einen toten Körper übergehen, nachdem er schon einmal in eine fremde Materie gebannt worden war.
Die Fürstin Angelika blieb tot, und Romulus Futurus stand mit gebeugten Schultern zwischen vier Leichnamen.Inzwischen brütete draußen auf den Straßen der Tod. Purpurne Blitze zuckten nieder, die Donner rollten über den einstürzenden Häusern, die Luft war erfüllt von dem Todesgeschrei Tausender von Menschen, bis die Nacht vorüberging und der Tag anbrach. Da ließ die Hitze nach, und von Stunde zu Stunde wurde es kühler in den Straßen. Hinter fahlen Nebeln verschwand der Komet mehr und mehr, und die, welche nach jener entsetzlichen Nacht noch am Leben geblieben waren, erkannten, daß der Zusammenstoß zwischen dem Gestirn und der Erde nicht erfolgt war.
Der furchtbare Stern war vorübergeglitten, vielleicht nur durch einige Millionen von Kilometern noch von der Erde getrennt, und nun setzte er seine Bahn fort, weiter in den unendlichen Weltenraum.
Die Erde war gerettet. Mit der Stunde, da die Gefahr vorüber war, da die Hitze nachließ und die zurückgebliebenen Menschen sich mehr auf sich selbst besannen, mit diesem Augenblick wurden sie wieder ruhig, selbstbewußt, und erinnerten sich ihrer Zivilisation und Kultur.
Der rote Komet war erloschen für immer. Die Menschen machten sich daran, die Folgen dieser entsetzlichen Katastrophe zu beseitigen.
Soldaten und Feuerwehrleute eilten durch die Straßen, sammelten die Leichen, packten sie in Särge und Tücher und beerdigten sie. Man drang in die Häuser, rettete die, welche noch zu retten waren, und säuberte die Gebäude von Leichen.
Das Leben begann wieder seinen gewohnten Gang zu nehmen, der Pulsschlag der Arbeit hämmerte wieder in dem Körper Berlins. Da drangen Soldaten und Offiziere auch in das Palais der Fürstin Angelikaein und fanden die Opfer der entsetzlichen Katastrophe, die sich dort abgespielt hatte.
Sie fanden einen Wahnsinnigen zwischen vier Leichen. Als sie in das Zimmer traten, da wies er mit der Hand zur Decke empor: „Seht ihr die kleine rote Flamme, die gerade über meinem Haupte steht und flackert? Seht ihr sie?“
Niemand sah sie. Romulus Futurus aber erblickte sie, dieses kleine, purpurrote Flämmchen, das gerade über ihm stand, und er wußte, daß das die Seele der Fürstin Angelika war. — Die andern aber sahen es nicht. Sie führten den Wahnsinnigen gefesselt durch die Straßen und brachten ihn in eine kleine, einsame Zelle. Dort brütete der ehemalige berühmte Astronom mehrere Tage schweigend vor sich hin. Von Zeit zu Zeit sprang er auf und versuchte, das kleine, rote Flämmchen, das niemand sah außer ihm, einzufangen . . .
Wenn ihm dies nicht gelang, dann warf er sich auf den Boden hin und schluchzte und tobte, bis die Wärter kamen und ihn in Fesseln legten.
„Er sieht eben immer noch die Purpurfarbe des roten Kometen,“ meinte der Oberarzt der Irrenanstalt. „Was ist da zu machen? Er wird nie mehr gesund werden.“
So war es auch. Romulus Futurus kam nicht mehr zu sich; vier Wochen später trug man ihn zu Grabe, als letztes Opfer des roten Kometen, dessen Erscheinen er als Erster verkündet hatte. —
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