3. Wie die Kinder aufwuchsen.

3. Wie die Kinder aufwuchsen.

Wenn Friedel erwartet hatte, in der Talmühle seltsame, märchenhafte Dinge zu erleben, so hatte er sich sehr getäuscht. Wenigstens jetzt im Winter war der Tageslauf nicht viel anders, als er in des Großvaters Hütte gewesen. O der liebe, liebe Großvater!Wieviel dachte der Knabe an ihn! Wie oft suchte er einen stillen Winkel, um sich auszuweinen! Aber Kindertrauer währt nicht allzulang; das Leben ist noch so neu und frisch, daß es schnell wieder Reiz gewinnt. So fing auch Friedel bald an um sich zu schauen und teilzunehmen an allem, was in der neuen Heimat lebte und webte. Ganz früh stand er mit Tobi auf und half das Vieh versorgen, die schönen Tauben, die unterm Dach ihre Nester und Fluglöcher hatten, die zahlreiche Hühnerschar, die jetzt auf den engen Hof beschränkt war, die schneeweiße Kuh, die zwei munteren Ziegen im Stall und endlich das geduldige Eselein, Tobis Liebling.

Friedel liest seine Bücher.

Erst wenn diese alle eifrig fraßen, sammelte sich die Familie um den warmen Herd, und die gute Milchsuppe mit großen Brotbrocken schmeckte vortrefflich. Dann gingen die Männer, wenn’s das Wetter erlaubte, hinaus zum Holzfällen, oder sie hatten etwas am Mahlwerk, das jetzt ganz stillstand, zu bessern; auch sägten, hämmerten und hobelten sie in der Scheune, um allerlei nötiges Werkzeug herzustellen. Zuweilen durfte Friedel helfen, meist aber blieb er bei Mutter und Schwesterlein, wie er Frau Marie und Ännchen bald nannte. Die zarte, bleiche Frau ließ es gern geschehen, daß er das Herdfeuer unterhielt, Wasser aus dem Bach herbeischleppte, den Backofen heizte und ihr noch allerlei Dienste tat, an die ihn der Großvater gewöhnt. Sie war sehr still und ernst; wenn sie ihm aber einmal übers lockige Haar strich und ihn einen braven Buben nannte, war’s reicher Lohn für alle Mühe. Setzte sie sich dann ans Spinnrad, so holte auch Friedel seineBücher herbei; denn er hatte dem Großvater, der vielleicht sein nahes Ende ahnte, heilig versprechen müssen, nichts zu vergessen, was er gelernt, und fleißig in der Bibel zu lesen. Dann legte auch Ännchen ihr steifes Holzpüppchen oder die kleinen Töpfe und Schüsselchen, mit denen sie gespielt, beiseite und buchstabierte mühsam mit Hilfe der Mutter in dem uralten, schmutzigen Gebetbüchlein, das auf dem Wandbrett lag. Es war so abgegriffen, daß man die Buchstaben kaum erkennen konnte, und Friedel behauptete keck, es sei ein schlechtes und dummes Buch, da gleich auf der ersten Seite das Ave-Maria stand, und man ja nur zu Gott und dem Heiland beten dürfe. Er meinte, in seinem Katechismus und Gesangbuch stünden viel bessere Sachen, die wolle er das Ännchen ganz so lehren, wie es ihn der Großvater gelehrt habe. Die Mutter ließ es gern geschehen, und alle die schönen Sprüche und Liederverse, die das kleine Mädchen mühsam buchstabieren und nach und nach auswendig lernen mußte, lernte sie mit und bewahrte sie in einem feinen und guten Herzen.

„Du bist ein glückseliger Bub“, sprach sie oft zum Friedel, „daß du alles so früh gelernt hast. Und wenn dir dein Großvater ein Königreich hinterlassen hätt’, wär’s nur Staub gegen diese Schätze.“

Mutter und Töchterlein lauschten gar andächtig, wenn der kleine Schulmeister aus der Bibel vorlas, in der er, dank des Großvaters Unterricht, schon recht gut Bescheid wußte. Ihm gefielen ja die Geschichten der Patriarchen und der streitbaren, herrlichen Könige des Alten Testaments am besten; Frau Maria aber wolltenur immer von JEsu, dem Sünderheiland, hören, und Friedel sah verwundert zu ihr auf, wenn ihr beim Zuhören die hellen Tränen übers Gesicht liefen.

Nun kam das Weihnachtsfest immer näher, das der Knabe sich gar nicht denken konnte ohne das liebliche Lied: „Vom Himmel hoch, da komm ich her.“ Wie hell hatte er’s mit dem Großvater im lieben Hüttlein gesungen! Nun lehrte er das Ännchen ganz heimlich einige Verse, so oft sie einmal kurze Zeit allein waren; ja, sie schlüpften sogar in den Stall, um sich im Singen zu üben. Wie würden sich die Eltern und Tobi darüber freuen! Indes wurde es kälter; mit der Arbeit im Freien war’s ganz vorbei, und oft war die ganze Familie von früh bis abends auf die Stube beschränkt. Das war eine schlimme Zeit für den Talmüller. In den langen Abenden und dunklen Nächten kam oft ein böser, finsterer Geist über ihn, so daß er stundenlang untätig am Herd sitzen konnte, den Kopf in die Hände gestützt, in trübe Gedanken versunken. Dann wagten die andern kaum ein Wort zu sprechen; man hörte nur das Schnurren der Spinnräder und das Klappern des kleinen Webstuhls, den Tobi in einem Winkel aufgeschlagen hatte. Wenn dann ein tiefer Seufzer nach dem andern sich der Brust des starken Mannes entrang, schlich wohl das Ännchen herbei, streichelte sein gebeugtes Haupt und sprach ihm leise zu. Manchmal half es; er zog es auf den Schoß, liebkoste es unter Tränen und war für den Rest des Abends freundlicher als je. Aber nicht selten blieb alles umsonst, und für den munteren Friedel war dietrübe, ängstliche Stimmung schwer zu ertragen. Gern hätte er gewußt, was dem armen Mann fehle; da aber Ännchen nur den Kopf schüttelte und den Finger auf den Mund legte, wenn er danach fragte, blieb’s ihm ein Geheimnis.

Ganz im stillen traf die Frau ihre kleinen Vorbereitungen auf das Christfest. Die Kinder halfen ihr im ganzen Hause Ordnung und Sauberkeit herstellen, und begrüßten mit Jubel die drei großen, dicken Kuchen, die aus dem Backofen gezogen und im oberen Kämmerlein verwahrt wurden. Tobi holte ein schlankes Tannenbäumchen aus dem Walde und überraschte die Kinder durch etliche Sterne und Ringlein von Lebkuchenteig, die er schon im Herbst vom Franzl am Stein mitgebracht, dazu auch bunte Lichtchen.

Am Tage vor dem Christfest war’s zwar kalt draußen, aber schön und klar. Desto trübere Wolken lagen auf der Stirn des Talmüllers. Als er ohne ein Wort zu sprechen die Morgensuppe gegessen hatte, nahm er die Flinte von der Wand und sprach:

„Ich geh’ jetzt und hol’ einen Festbraten.“

„Laß es doch bleiben, Christoph“, bat die Frau. „Ich schlacht’ uns das fette gelbbraune Huhn; das gibt eine prächtige Suppe.“

„Fort will ich!“ rief der Mann heftig. „Weit fort muß ich! Ich muß fühlen, daß ich frei bin!“ Damit war er schon zur Tür hinaus.

„Laßt ihn gewähren, Frau“, bat Tobi; „er hat wohl wieder böse Träume gehabt. Vielleicht läuft er sich’s aus.“

Am frühen Nachmittag kam er wieder, ein Reh auf der Schulter, aber ach! noch mit demselben unsteten, finsteren Blick. Sogleich sah er das Bäumchen, das die Kinder indessen geschmückt, in der Ecke stehen. „Schafft das Ding hinaus! Ich mag kein Licht sehen!“ rief er, streckte sich vor dem Herd auf den Fußboden und schlief fest ein; leise schob ihm die Frau ein Kissen unter den Kopf. Es ward dunkel, und er schlief noch immer, dann und wann im Traum unverständliche Worte murmelnd. Still und traurig saßen die andern in der Ecke; es war ein trübseliger Christabend! Da das Feuer am Niedergehen war, schlich Friedel leise hin, um frisches Holz nachzulegen. Da schlug der Mann die Augen auf, noch ganz vom Traum befangen, und sein Blick fiel auf den Knaben.

„Arnold“, sagte er leise, „bist du es? O, bist du nicht tot, mein Herzblatt, mein Liebling? Wie schön und groß bist du geworden!“

„Ich bin ja der Friedel“, sprach der Knabe verwundert.

Da löste sich der Bann des Traumes; wild fuhr der Mann empor, stieß das Kind von sich und rief:

„Der Fremde wärmt sich an meinem Herd; der Eigene liegt fern im kalten Grund!“ Damit schlug er die Hände vors Gesicht und schluchzte zum Herzbrechen.

Totenstill war’s in der Hütte; auch die Frau weinte. Tobi hatte Ännchen auf den Schoß genommen und flüsterte ihr leise Trost zu. Dem Friedel aber tat das Herz bitter weh. „Ach“, dachte er, „wenn mir derMann so feind ist, daß er mir das Herdfeuer nicht gönnt, wär’s wohl besser, ich feierte heut Christabend mit dem Großvater droben im Himmel!“

Aber der heiße Tränenstrom hatte des Talmüllers Herz erleichtert. Allmählich ward er ruhig, erhob sich vom Boden, setzte sich auf die Bank, und sein Blick fiel auf die traurige Gruppe im Winkel.

„Ihr armen Leut’“, sprach er mit weicher Stimme, „wie hab’ ich euch den Christabend verdorben! Ach, die Träume, die Träume! Komm her, Bub! Du bist brav; und ich bin dir gut! Setzt euch alle zu mir. Tobi soll ein Märlein erzählen, daß die trüben Gedanken weichen.“

Sonst war Tobi stets dazu bereit; heute aber schien er selbst weich und wehmütig gestimmt, und es wollte nichts Rechtes werden. Da sprach die Mutter, sanft über des Mannes Haupt streichend:

„Ich wüßt’ was Besseres heut zum Christabend. In Friedels Buch ist so schön erzählt, wie das JEsuskindlein geboren ward. Soll er’s nicht einmal vorlesen?“

„Ist mir auch recht“, erwiderte Christoph. „Ein gutes Buch mag’s wohl sein, da ’s der Firmian verboten hat. Vielleicht liest der Bub besser als die Pfaffen; bei ihrem Gemurmel bin ich allweil eingeschlafen.“

Aber jetzt schlief er nicht! Gar laut und deutlich und recht aus Herzensgrund las der Knabe die liebliche Geschichte, die er ja fast auswendig wußte; und als er die Engelsbotschaft sprach, strahlte sein Antlitz, als sei er selbst ein Himmelsbote.

„Das war schön!“ sprach der Talmüller, tief aufatmend. „Da wird’s einem friedlich und hoffnungsvoll ums Herz. Nun holt nur euer Bäumchen und zündet’s an! Es mag das Licht bedeuten, das die armen Hirten umleuchtete, als der Engel kam.“

Freudig gehorchten die Kinder; und als die zwölf Lichtchen brannten, traten sie vor den Vater und begannen ihr Lied zu singen, erst zaghaft, bald lauter und mutiger. Sechs Verse wußte Ännchen; dann sang Friedel allein mit immer heller werdender Stimme, glühenden Wangen und strahlenden Augen. Mit andächtig gefalteten Händen horchten die drei. Als er geendet hatte, blieb alles still; der Talmüller aber zog den Knaben an sich und küßte ihn. Von diesem Abend an hielt er ihn wie einen Sohn.

Nun geschah es oft, daß Friedel am Abend sein Schnitzwerk oder andere Arbeit aus der Hand legen und vorlesen mußte. Der Talmüller hatte das Lesen, das er nie gelernt, bisher für eine unnütze Pfaffenkunst gehalten; jetzt bekam er Achtung davor und staunte den kleinen Jungen an, der so sicher fragte: „Was wollt ihr heute hören? Soll ich ein Wunder lesen, das der Heiland tat, ein Gleichnis, das er erzählte, oder eine Predigt, die er dem Volke hielt?“ Und dann fand er’s bald in dem großen, dicken Buch. Es war erstaunlich!

Allerlei Gespräch knüpfte sich nicht selten an das Lesen. Einmal sagte der Talmüller:

„Jetzt merk’ ich, wie uns die Priester betrogen haben. In diesem Buch, das Gott selbst den Menschengegeben, wie der Bub sagt, laufen alle kranken, betrübten, elenden Leut’ stracks zum HErrn JEsu, bitten um Hilfe und werden allezeit freundlich erhört. Hat er sie wohl jemals erst zum Petrus oder zum Johannes geschickt, damit die Fürsprach’ täten? Ich denk’ nicht! So will ich mir ein Herz fassen und dreist zum HErrn Christus selber beten. Er kann kein schrecklicher Richter sein, wie uns gelehrt ward.“

„Ich tu’ es schon längst“, sprach die Frau leise. „Als ich einstmals am Verzweifeln war, du weißt schon wann, Christoph, da riet mir’s ein altes Weiblein, dem ich sonst wohl Almosen gegeben. Kein Heiliger hat dazumal mein zerbrochenes Herz geheilt, aber der HErr JEsus hat’s getan.“

Dennoch gefiel dem seltsamen Manne nicht alles, was der Knabe las; manches dünkte ihm zu hart und schwer. Bei den Worten des HErrn: „Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen“, fuhr er aufgeregt empor und rief: „Das kann kein Mensch; das ist zu schwer! Wer mir Böses tut und mir mein ganzes Glück zerstört, den darf ich hassen, ja, ich haß ihn bis zum Tode.“ Wie er so dastand, die Augen blitzend, den Arm erhoben, die Faust geballt, sah er furchtbar aus.

Dennoch faßte sich Friedel ein Herz und sagte schüchtern: „Mein Großvater konnte es aber doch! Er hat all’ Abend für den Firmian gebetet, und mich hat er’s auch gelehrt.“

Da sah ihn der Mann mit seltsam scheuem Blick an, hieß ihn das Buch zumachen, und alle saßen still und gedrückt bis zur Schlafenszeit. Beim Gebet aber sprach Christoph seine bösen Worte nach der fünften Bitte wieder einmal ganz laut und deutlich, so daß die Frau sich weinend abwandte.

Als der Winter sich zu Ende neigte, kamen sie zur Leidensgeschichte des HErrn JEsu. Da ruhten oft die fleißigen Hände der Zuhörer und falteten sich in ernster Andacht; Klein-Ännchen aber weinte bittere Mitleidstränen, daß man den guten Heiland so übel behandelt. Nun hing er am Kreuz, ward noch verhöhnt und gelästert in seinem bitteren Leiden. Horch, da spricht er noch einmal: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Da unterbrach der Talmüller den Knaben: „Lies heute nicht weiter; ich hab’ genug zu denken!“ Aber als sie bald darauf das Vaterunser beteten, hielt er inne und sprach feierlich: „Und auch dem Firmian; ja, lieber barmherziger Gott, auch dem Firmian!“

Als sie ausgebetet hatten, sah Friedel zum erstenmal, wie die Frau die Arme um des Mannes Hals schlang und ihn unter Freudentränen küßte. Von diesem Tage an blieben zwar die finsteren Stimmungen nicht ganz aus, kamen aber viel seltener und hielten nicht mehr so lange an.

So hatten alle in den dunklen Winterabenden viel gelernt, und der Talmüller wohl am meisten. Dennoch freute sich ein jeder, als der Schnee schmolz, der oft zugefrorene Bach wieder klare, schäumendeWellen schlug, der warme Sonnenschein bald Gras und Blümlein hervorlockte und im frisch grünenden Walde Vogelstimmen laut wurden. Nun gestaltete sich das Leben der Einsamen freier und fröhlicher. Tobi zog wieder aus, um das Korn abzuholen, das seine Kunden vom vorigen Jahre noch aufbewahrt hatten. Woher er’s holte, blieb für Friedel ein Geheimnis, und er hatte längst das neugierige Fragen verlernt. Lustig klapperte die Mühle; Webstuhl und Spinnräder ruhten, und die Mutter schaffte emsig im Krautgarten, der nicht weit vom Hause angelegt war. Die Kinder halfen nach Kräften und hatten ihre Lust an den jungen Hühnern und Tauben, an den Zicklein, die so munter umhersprangen, und den zwei schneeweißen Kaninchen, die Tobi von einem seiner Gänge mitbrachte. Ihre besten Tage waren, wenn die Mutter am Morgen sprach: „Heute könnt ihr das Vieh in den Wald treiben und hüten bis gegen Abend.“

Friedel und Ännchen auf der Waldwiese.

Da zogen sie singend aus, reichlich versorgt mit Brot und Käse und einem Becherlein, das sie so oft voll süße Milch melken durften, als sie nur wollten. Köstliche Stunden verlebten sie da im Grase liegend, zum blauen Himmel aufschauend, der so wunderbar durch die Baumkronen schimmerte, und dem Gesang der Vöglein lauschend, die hier ganz ungestört ihre Nester bauten. Gern suchten sie den Platz auf, wo der Großvater schlief. Es war eine liebliche Waldwiese, von dunklen Tannen und lichtgrünen Birken eingerahmt. Unzählige Blümlein sproßten weiß, rot, goldgelb und blau zwischen dem frischen Gras hervor, undam Rande unter den Bäumen reiften bald süße Erdbeeren in Fülle. Am Grabe des Großvaters saßen die Kinder, wanden Kränze, um es zu schmücken, und dachten nimmer an die Bitterkeit des Todes, sondern an den lichten Himmelssaal, wo der liebe Alte nun ausruhte von der Last des Lebens. Gar gern erzählte Friedel dem kleinen Mädchen von dem friedlichen Leben in der Heimat, aber auch von der Stadt, von derKirche, vom Paten Rudi, seiner schönen Stube und dem wunderbaren Bilderbuch. Ännchen hörte mit großen Augen zu, denn alles war ihr neu und fremd. Sie war nun schon acht Jahre alt, kannte aber nichts von der Welt als die Talmühle. Ganz dunkel besann sie sich darauf, einmal auf der Wanderschaft gewesen zu sein mit Tobi und den Eltern. Aber es war schon lange her und die Erinnerung sehr unklar.

Manchmal zogen die kleinen Hirten auch weiter, sogar bis zur steilen Felswand am See; doch nur selten, denn dort mußten die Tiere angebunden werden, damit sie nicht etwa, nach einem Gräslein haschend, in die Tiefe stürzten. Friedel ging gern hin; es war der einzige Ort, wo er etwas von der Außenwelt sah, wenn’s auch nicht viel war. Der See war nicht groß, und das andere Ufer viel niedriger, nicht bewaldet, sondern öde und steinig. Aber ganz in der Ferne sah man grüne Bäume, und zwischen ihnen erkannte Friedels scharfes Auge ein Häuschen, aus dessen Schornstein Rauch emporstieg. Wer mochte wohl dort so einsam wohnen? Da saß er und träumte von der Zeit, wo er hinausziehen würde in die Welt, herrliche Dinge schauen und endlich ins Preußenland kommen würde zu seinen Glaubensgenossen. Aber Ännchen durfte nichts davon merken, sonst fing es an zu weinen und sagte, er dürfe niemals fort; es habe ihn ja so lieb.

Doch hatten die Kinder nicht allzuviel Zeit zum Träumen; sie mußten immer etwas mit heimbringen, was der Wald bot: allerlei Beeren je nach der Jahreszeit, Pilze, würzige Arzneikräuter, die Tobi sie kennenlehrte, Haselnüsse und endlich ganze Säcke voll Tannenzapfen, die das Herdfeuer so lustig und helleuchtend machten. Reichbeladen kamen sie dann singend heimgezogen, denn Ännchen lernte erstaunlich schnell alle Lieder, die Friedel wußte. Seltsam war’s, daß sie nie jemandem im Walde begegneten. Auf den Wald- und Bergfahrten, die der Knabe früher mit dem Großvater gemacht, war’s ja auch sehr einsam gewesen, aber doch hatten sie zuweilen einen Holzfäller angetroffen, einen Jäger oder ein Weiblein, das Beeren suchte. Ja, es war etwas Märchenhaftes um die Talmühle; man spürte es im Sommer mehr als zur Winterszeit! Wenn die Kinder daheim blieben, um der Mutter im Garten zu helfen oder das Heu auf der Wiese zu wenden, kam es mehr als einmal vor, daß Wolf, der große Hund, der sich nie weit vom Hause entfernte, unruhig ward, die Ohren spitzte und endlich mit wütendem Gebell fortstürzte, meist nach der Schlucht zu, wo Friedel einst so angstvoll hergekommen war. Dann war der Talmüller im Nu bei der Hand, mochte er sein, wo er wollte, warf sich das Bärenfell oder ein weißes Laken um und folgte dem Hunde, seltsame, schauerliche Töne ausstoßend. War er aber auf die Jagd gegangen, was im Sommer nur selten geschah, so erschien Tobi mehlbestäubt und eilte in wunderlichen Sprüngen dem Hunde nach. Bald kamen sie ganz ruhig zurück, als sei nichts geschehen; das feine Ohr des Knaben hatte aber mehr als einmal einen Schreckensruf im dichten Gebüsch vernommen und das Knacken von Ästen und Zweigen, als ob jemandschnell und blindlings die Flucht ergriffe. Fragte er, was geschehen sei, bekam er von Tobi nur neckische Antworten. Der Talmüller aber machte ein finsteres Gesicht und hieß ihn schweigen.

***

Vier Winter und drei Sommer waren vergangen. Friedel war kräftig emporgewachsen und ein schöner, stattlicher Knabe geworden. Das Leben in der Talmühle war dasselbe geblieben; aber die Kinder hatten sich allmählich verändert. Noch hingen sie aneinander mit herzlicher Liebe; ja, Friedel hätte jederzeit sein Leben für das zarte, holdselig aufblühende Mädchen gewagt. Aber das stete Beisammensein wollte nicht mehr recht passen.

Ännchen hing mehr und mehr an der Mutter, lernte von ihr die einfache Mahlzeit kochen, einen immer feineren Faden spinnen und aus dem derben Wollzeug, das Tobi webte, ihr eigen Röcklein nähen. Lesen konnte sie nun ebensogut wie Friedel; sie wechselten miteinander ab beim Vorlesen am Abendfeuer. Im letzten Winter hatte der Knabe den Männern wacker geholfen beim Holzfällen und allerlei Arbeit in Stall und Scheune. Als aber der Frühling wieder ins Land zog, ward er still und matt, sah bleich aus und lag gern einsam unter einem Baum, zum Himmel aufschauend.

Einst hatte ihn der Talmüller schon zweimal gerufen, ohne daß er hörte; da trat er zu ihm und fand ihn bitterlich weinend.

„Was fehlt dir, Bub?“ fragte er erschrocken.

Erst wollte er lange nicht antworten, endlich aber brach er schluchzend in die Worte aus: „Hinaus muß ich; hinaus aus dem engen Tal! Unter Menschen, ins Leben will ich; ich muß sonst sterben!“

„Was ist denn so plötzlich über dich gekommen?“ fragte der Mann.

„Nicht plötzlich! In mancher Winternacht hab’ ich geweint, wenn Tobi fest schlief. Ich hab’ euch alle lieb, und solang ich ein Kind war, ging alles gut. Aber ich kann nicht mehr mit dem Ännchen hinausziehen, das wenige Vieh zu hüten! Ich muß was Besseres zu tun haben, als Blumen und Beeren suchen! Ich möcht’ ein Mann werden und was Rechtes taugen in der Welt!“

„Weißt du nicht, daß du noch immer zu jung bist, allein in die Welt zu ziehen?“

„Ich weiß es wohl; aber ich weiß auch, daß Tobi hinausgeht unter Menschen. O, laßt mich mit ihm! Mir wird so bang in dem engen Tal, als solle mein Herz zerspringen!“

Der Talmüller schwieg lange; dann begann er: „Es mußte so kommen; ein frischer Bub wie du sehnt sich hinaus. Später wirst du dich vielleicht oft zurücksehnen in diese tiefe Einsamkeit. Ganz fort darf ich dich noch nicht lassen; du weißt nicht, wie hart das Leben ist. Aber du sollst etwas lernen; ich will dich in die Mühle nehmen, daß du in etlichen Jahren als Mühlknappe ausziehen kannst. Auch Menschen sollst du sehen, aber nur, wenn du schweigen gelernt hast. Sag’, willst du zu niemand sprechen von dem, was duhier erlebt? Willst du besonders den Pfad, der aus dieser Einsamkeit führt, keinem verraten?“

Nach kurzem Besinnen erwiderte Friedel: „Als ich noch ganz klein war und kaum übern Tisch gucken konnte, lehrte mich der Großvater schon viele Sprüchlein. Und eben diese vergaß ich nie! Eins davon heißt: ‚Ein Verleumder verrät, was er heimlich weiß; wer aber getreuen Herzens ist, verbirgt dasselbige.‘“

„Ich vertraue dir!“ sprach der Talmüller. „Wenn der Tobi wieder auszieht, ziehst du mit.“

O wie klopfte Friedels Herz vor Freude, endlich einmal wieder hinaus zu kommen aus diesem stillen, märchenhaften Tale!


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