7. Ein guter Kamerad.
In der großen düsteren, nur mit dem nötigsten Hausrat versehenen Stube befanden sich drei Männer. Einer, der ins Lesen eines Buches vertieft am Fenster saß, hob nur den Kopf, seufzte tief und las weiter. Die beiden andern, die Karten spielend am Tische saßen, begrüßten den Verzweifelten mit rohem Gelächter. Friedel aber sank auf einen Schemel nieder, schlug die Hände vors Gesicht, und seine kräftige Gestalt erbebte im Übermaß des Jammers, der sich endlich in lautem Weinen und Schluchzen Luft machte. Selbst den rohen Spielern ward’s unheimlich dabei zumute. „Komm“, flüsterte der eine, „wollen gehen und eins trinken, bis er ausgetobt hat.“
Als sie hinaus waren, legte sich eine Hand sanft auf das Haupt des Weinenden. Er blickte auf; der eifrige Leser stand vor ihm, ein schöner, stattlicher junger Mann, bedeutend älter als Friedel und mit so feinen, geistvollen Zügen, daß ihn dieser für etwas ganzVornehmes hielt, obgleich er nur die grauleinene Hausjacke der Soldaten trug.
„Ach, lieber Herr“, rief er händeringend, „laßt mich hinaus, laßt mich fort! Man hat mich schändlich betrogen; ich kann und mag nicht Soldat sein!“
„Armer Bursche“, erwiderte der andere, „ich kann dir nicht helfen! Ich bin ja auch Soldat wider Willen, schon seit einem Jahr.“
„Kommt Ihr denn bald wieder los?“
„Nicht eher, als bis mich Gott von dieser bösen Welt nimmt“, war die traurige Antwort.
„Bis man stirbt, muß man Soldat bleiben?“ schrie Friedel ganz verzweifelt. „Dann will ich jetzt sterben, jetzt gleich! Ich halt’s nicht aus, nein, nimmer, nimmer! Frei will ich sein oder tot!“
Eine Weile ließ ihn der Ältere gewähren, dann sprach er sanft: „Bruder, das ist nicht recht! Kannst du beten?“
Statt aller Antwort glitt Friedel am Schemel nieder; der Kamerad kniete neben ihm und flehte in schlichten, innigen Worten um Kraft und Geduld, dies schreckliche Los männlich und christlich zu tragen, und fest zu glauben, daß auch dies schwere Schicksal aus Gottes Hand komme.
Friedel war still geworden und streckte sich auf den Rat des Gefährten aufs harte Lager, gänzlich erschöpft von Schrecken und Jammer.
„Wie heißt Ihr?“ fragte er den andern, der sich freundlich um ihn bemühte. „Und warum seid Ihr so gut zu mir?“
„Weil ich dir an den Augen ansehe, daß du besserer Art bist als andere, und weil du beten kannst. Nenne mich Johannes und sage du; laß uns Freunde sein! Wir werden Zeit genug finden, einander die Herzen auszuschütten; jetzt mußt du ruhen. Ich will uns eine Suppe holen und dein Kommißbrot; du bist ganz erschöpft.“
Als der arme Bursche am späten Abend endlich die müden Augen schloß, bewegten sich seine Lippen noch zu einem innigen Dankgebet, daß ihm Gott in der Gestalt des neuen Freundes, der still und ernst an seinem Bette saß, einen Schutzengel zugesellt hatte.
Am nächsten Tage ward der Rekrut in die Rüstungskammer geführt und in die enge, knappanliegende Uniform gekleidet. Sie kam ihm vor wie eine Zwangsjacke, und er hätte sie am liebsten gleich wieder vom Leibe gerissen. Am verhaßtesten war’s ihm, daß sein schönes lichtbraunes Haar, auf das er ein wenig eitel gewesen, in einen garstigen Zopf gedreht wurde, der, künstlich verlängert, über den Rücken herunterbaumelte. So umgewandelt führte man ihn mit mehreren Schicksalsgenossen in eine weite Halle, wo ihnen ein Offizier etwas sehr Langes vorlas, wovon Friedel fast gar nichts verstand. Johannes sagte ihm später, es seien die Kriegsartikel gewesen; das machte ihn auch nicht viel klüger. Nun wurden ein paar große Fahnen hereingebracht, die mußten alle umfassen und einige Worte nachsprechen, die ihnen der Offizier vorsagte. Da aber dem Salzburger die schnarrende Sprechweise des ungeduldigen Herrn fast unverständlichwar, bewegte er nur den Mund, ohne ein einziges Wort zu sagen. Das war der Fahneneid, der den armen Jungen auf Lebenszeit an einen Beruf fesseln sollte, der ihm zuwider war und zu dem man ihn durch schändlichen Betrug gezwungen!
Der Adel, aus dem damals allein die Offizierstellen besetzt wurden, war mit wenigen Ausnahmen roh, übermütig, leichtfertig und stolz. Da war’s kein Wunder, daß es den armen Burschen, die auf dem Exerzierplatz ganz in die Gewalt solch hochnäsiger, grober Junker gegeben waren, herzlich schlecht erging. Das mußte auch Friedel reichlich erfahren; und es kostete dem treuen Johannes unendliche Mühe, ihn zu überzeugen, daß er sich Schimpfworte, Püffe, Fußtritte und Stockschläge gefallen lassen müsse, ohne ein Wort des Widerspruchs. Immerhin war für den gewandten, verständigen Burschen die allerschlimmste Zeit bald überstanden; und als es zu den Schießübungen kam, erntete er sogar zuweilen ein Wort des Lobes. Obgleich aber die Ausbrüche bitteren Jammers und ohnmächtigen Zornes allmählich seltener wurden, versöhnte er sich doch nie mit seinem Schicksal; nein, nicht einen Augenblick! Zahllos waren die Fluchtpläne, die er für sich und den Freund schmiedete, die aber nie zur Ausführung gelangten, da sich überall unübersteigliche Hindernisse entgegenstellten.
Vielleicht war es gut, daß die Rekruten, besonders im ersten Jahre, nur wenig Zeit hatten, über ihr Schicksal nachzudenken. Das Drillen und Üben nahm gar kein Ende, und wenn’s überstanden war, gab’s in dertrübseligen Stube zu waschen und zu putzen, damit am nächsten Tage nicht etwa ein Schmutzflecken an den weißen Gamaschen oder ein blind gewordener Knopf den Zorn des Korporals reizte. War endlich ein freies Stündchen, so suchten nicht wenige die Branntweinschenken auf, um in rohem Scherz ihr Elend zu vergessen; andere beschäftigten sich mit allerlei Handarbeiten oder Tagelöhnerdiensten, um einige Groschen zu erwerben, da der Sold so knapp war, daß er kaum zum Nötigsten reichte. Johannes, der eine schöne Handschrift schrieb, saß an den langen Winterabenden meist über Rechnungen und Briefen, die ihm ein Kaufmann zum Abschreiben übergab. Friedel aber suchte die Schnitzkunst wieder hervor, die er bei Tobi gelernt hatte; seine Löffel, Becher und Schüsseln wurden von den Kameraden gern gekauft.
Nach und nach ward er ruhiger und lernte sein Schicksal männlich und gefaßt ertragen wie der Freund. Zu solcher Zeit erzählten sie einander aus vergangenen Tagen; ach, es klang wie aus einer andern, lieblich heiteren Welt! Friedel vertraute dem Freunde sehr bald seine wunderbaren Schicksale an; ja, er verschwieg ihm sogar seine innige Liebe zu Ännchen nicht, die ihm jetzt im Unglück erst recht zum Bewußtsein kam. Aber wie erschrak er, als Johannes das Antlitz in die Hände verbarg, schmerzlich seufzte und endlich in heiße Tränen ausbrach! Nach der Ursache zu fragen, wagte er nicht. Seine Ehrfurcht vor dem ernsten Freund war ebenso groß wie seine Liebe zu ihm. Bald beruhigte sich dieser und begann:
„Von deinen Salzburgern kann ich dir etwas mitteilen. Mein lieber Vater, der ein Prediger ist, nahm großen Anteil an ihrem Schicksal; ja, ich erinnere mich selbst noch wohl, daß eine kleine Schar durch unser Dorf zog, wo wir etliche in unserm Hause beherbergten. Auch über das Schicksal derer, die nach Amerika auswanderten, erhielt mein Vater Nachricht. Sie haben im Staate Georgia eine neue Heimat gefunden.“
„Ist das weit?“ unterbrach Friedel mit glänzenden Augen. „Könnten wir nicht dorthin entfliehen? Aufs Meer würden sie uns nicht so schnell folgen.“
„Armer Junge! Du würdest eingeholt werden, lange, ehe du das Meer erreichtest. Auch in den Häfen sind Spione! Ach, es ist sehr, sehr weit! Wart’, ich will dir’s zeigen.“
Er brachte aus seinem Kasten ein breites dünnes Buch hervor mit seltsamen Bildern, wie sie Friedel noch nie gesehen; es waren Landkarten. Nur zu bald merkte Johannes, wie kindlich und mangelhaft des Freundes Vorstellungen von Gestalt und Größe der Erde, von den Entfernungen zwischen den Ländern und Meeren waren. Mit Staunen hörte Friedel auf die Wunderdinge, die er ihm davon erzählte, und es entspann sich daraus ein Unterricht, der für beide gleich genußbringend war.
Auch im Schreiben übte sich der Jüngere unter Aufsicht des gelehrten Genossen und verfaßte mit vieler Mühe, oft unterbrochen durch heißes Weinen, einen langen Brief an den Franzl am Stein, worin er dietraurige Wendung seines Geschickes berichtete. Was er ganz am Rande für Ännchen hinzufügte, brauchte der Freund nicht zu lesen, begehrte es auch nicht.
So wurden die beiden je länger je mehr ein Herz und eine Seele. Nur in einem blieben sie verschieden. Friedel gab nie, nein, keine Stunde lang, die Hoffnung auf, daß Gott ihn noch hienieden aus dem schweren Joch erlösen und in die Heimat zurückführen werde. Bat er ihn doch täglich so heiß, so inbrünstig darum! Johannes dagegen hatte alle irdischen Hoffnungen aufgegeben, sehnte sich aber desto mehr nach der Stunde, da seine befreite Seele aufschweben würde zur ewigen Freude.
Friedel ward trotz der schmalen Kost, trotz des bitteren Herzwehes immer kräftiger und abgehärteter. Johannes aber brach oft, wenn die anstrengenden Übungen vorüber waren, ganz kraftlos zusammen, war auch nicht selten krank, so daß er einige Tage das Bett hüten mußte. Dann pflegte ihn der Freund so gut er konnte und sparte sich den mühsam verdienten Groschen ab, um ihm eine Erquickung zu bereiten. An solchen Tagen mußte er ihm auch oft aus der Bibel vorlesen, und meist Stellen, die von der Seligkeit des Himmels handelten. Tiefbewegt hatte der Kranke einst zugehört, dann sprach er:
„Du guter Kamerad hast mir so freimütig alle deine Schicksale erzählt und mich so tief in dein liebreiches Herz blicken lassen. Da wird es Zeit, daß ich auch offen gegen dich bin. Ich weiß, du kannst nicht begreifen, daß ich auf Erden nichts mehr hoffe, und mich, o wie sehr! nach dem Himmel sehne. Aber denkenicht, daß mein armes, schwaches Herz so ganz allein am Heiland hängt. Wohl glaube ich aufrichtig an ihn und sehne mich nach ihm von ganzem Herzen. Aber wenn ich mir ihn vorstelle, zur Rechten Gottes sitzend in seiner Herrlichkeit, dann sieht mein geistiges Auge unter den Seligen, die seinen Thron umgeben, eine zarte verklärte, ach so unendlich geliebte Gestalt, in deren Lobgesang ich so gern noch heute einstimmen möchte.“
Friedel und Johannes.
„Ist’s etwa ein liebes frühverstorbenes Schwesterlein?“ fragte Friedel leise.
„Nein, o nein; es ist Luise, meine teure, holde Braut!“ Er verbarg das Antlitz ins Kissen und schwieg lange. Dann fuhr er ruhiger fort: „Meine Trauer um sie ist selbstsüchtig. Ihr ist wohl geschehen; denn o, wie würde sie sich grämen, wenn sie leben müßte,hoffnungslos getrennt von mir! Ach, wir liebten uns so sehr! Bald sollte Hochzeit sein. Ich sollte dem alternden Vater im Amte helfen, begleitete aber erst einen Freund auf einer Reise und fiel auf dem Heimweg in die Hände der Werber. Ach, man hatte mich gewarnt! Auch wäre ich wohl alt genug gewesen, um vorsichtig zu sein; aber träumerisches, unpraktisches Wesen hing mir von klein auf an.“
„Wie kam es, daß sie so bald sterben mußte?“ fragte Friedel mitleidig.
„Sie war von zarter Gesundheit und hatte eben ein Fieber überstanden, als sie durch unvorsichtiges Geschwätz einer Magd plötzlich und unvorbereitet mein Unglück erfuhr. Sie sank in tiefe Ohnmacht; ein Rückfall trat ein, und nach wenig Tagen brach das treue Herz. Verstehst du nun, warum ich kein irdisches Glück mehr hoffe?“
Satt aller Antwort schlang Friedel weinend die Arme um den Hals des Freundes und küßte ihn; von da an waren sie erst recht wie Brüder.
Gute und böse Zeit eilt schnell dahin, als flögen wir davon. So waren auch zwei Jahre vergangen in einer Lebensweise, die dem freien Wanderburschen erst ganz unerträglich geschienen. Er war nun fertig und geschickt in allem, das ein guter Soldat leisten muß. Man mißhandelte ihn nicht mehr; ja, seine und des Freundes Lage hatte sich sogar etwas verbessert. Ein wohlmeinender Offizier, von guter Bildung und feinen Sitten, wie es deren immer eine Anzahl gab, war an die Spitze der Truppe getreten, der die Freundeangehörten, und hatte bald erkannt, daß sie besserer Art waren als ihre Genossen. Er brauchte sie zu allerlei Arbeiten und Dienstleistungen, gewährte ihnen eine kleine Zulage zum geringen Sold und stellte sie beim Exerzieren nebeneinander. Das letztere war beiden am wertvollsten. „Wenn’s einmal in den Krieg geht“, sagte Johannes, „marschieren wir zusammen; und wenn ich falle, rufst du mir ein Abschiedswort zu!“
Nun, für jetzt war eben erst ein Krieg beendet, den man den ersten Schlesischen nennt. Siegreich kehrte der junge König in seine Hauptstadt zurück, und nun sollte ihn Friedel endlich zu sehen bekommen.
Wie eine Mauer stand das ganze Regiment auf dem Paradeplatze; die beiden Freunde in der vordersten Reihe. Langsam ritt, von einigen Offizieren umgeben, ein kleiner Mann die Front entlang. Gerade da, wo Johannes und Friedel standen, hielt er ein wenig inne, so daß sie ihn genau betrachten konnten. Freilich sah er ganz anders aus, als der Salzburger sich einen König vorgestellt; er trug weder Purpurmantel noch Goldkrone, sondern den schlichten blauen Soldatenrock. Johannes aber sagte später dem Freunde, ein großer Geist spreche aus diesen klaren, tiefen Augen, diesem charaktervollen Mund und der hohen, gedankenreichen Stirn.
Bald merkte man die Wahrheit dieser Rede; denn der König begann tatkräftig und unermüdlich für das Wohl seiner Untertanen, auch für die Hebung des Offizierstandes zu sorgen. Er erschien nicht selten selbst auf den Übungsplätzen, redete einzelne Soldaten an,nicht mit „Kerl“ oder irgendeinem Schimpfwort, sondern mit dem freundlichen „Mein Sohn“. Soweit sein Auge reichte, wurden die groben Mißhandlungen viel seltener. Daß die Zucht hart und streng und die Strafen grausam blieben, lag im Geiste der Zeit.
Aber kaum zwei Jahre lang konnte der große König in Frieden für sein Volk sorgen, dann mußte er schon wieder zu den Waffen greifen, um sich das erkämpfte Land Schlesien, das sich unter seiner Herrschaft sehr wohl befand, zu sichern. Gar zu gern hätten es ihm die Österreicher wieder weggenommen. Schon rüsteten sie gegen ihn mit ihren Bundesgenossen. Da beschloß er ihnen zuvorzukommen. Diesmal sollte auch Friedels Regiment mit in den Kampf ziehen. Gar gewaltig ward nun geübt und vorbereitet; in den seltenen Ruhestunden aber saß der Jüngling mit heißen Wangen und glänzenden Augen über dem wunderbaren Landkartenbuch, um sich die Lage der einzelnen deutschen Länder fest einzuprägen.
Als die Freunde eines Abends allein beisammen waren, fragte Friedel:
„Sag’ mir doch, Johannes: Wenn ich nun hier in Salzburg wäre, da, wo ich mit dem Finger hinzeige, wie müßte ich’s denn machen, um ans Meer zu kommen?“
„An welches denn? Ich lehrte dich viele Meere kennen.“
„Ei, ans Atlantische! Du sagtest ja, da gehe der Weg nach Amerika.“
„Was fällt dir ein? Du mußt ja in den Krieg!“
„Sag’ mir’s immerhin; zeig’ mir’s ganz genau!“
Johannes zögerte und sah dem Freunde forschend in die Augen. Feste Entschlossenheit sprach aus ihnen. Friedel war ein Mann geworden in diesen letzten Jahren. Wer weiß, ob ihm Gott nicht den kühnen Plan gelingen lassen würde!
„Nun wohl!“ sprach er. „Am sichersten wäre es, du reistest durch die Gebirgsländer bis Basel. Sieh, hier ist es! Von dort könntest du wohl als Schiffsknecht den ganzen Rhein herunterfahren bis nach Rotterdam. Dann über die Nordsee bis nach England. So sind auch deine Glaubensgenossen damals gereist.“
„Und du willst nicht mit?“
„Wer weiß, wie bald uns beide die tödliche Kugel trifft!“
Unzähligemal machte Friedels Finger die große, gefährliche Fahrt bis über den Ozean nach dem Staate Georgia. O, er war erstaunlich klug geworden in diesen schweren Jahren! Wie würde sich Ännchen darüber verwundern! Schade, daß er auf den schönen langen Brief, den er geschrieben, gar keine Antwort erhalten hatte. Ännchen allein brachte ja keinen Brief fertig. Und der Franzl? Ach, der verachtete ihn vielleicht, weil er Soldat war! Ein wenig stolz war er ja immer gewesen.
Endlich hieß es: „Hinaus ins Feld!“ Schwerbepackt mit Tornister, Waffen und allerlei Gerät ging’s in strengen Märschen durch Preußen und Sachsen nach Böhmen zu. Wer gesund und stark war, hatte gutes Leben; denn in Dorf und Stadt mußte am Rasttag oderbeim Nachtquartier aufgetragen werden, was Küche und Keller nur vermochten. Dazu kam, daß die Offiziere jetzt weit weniger grimmig waren. Das Beispiel des Königs und seiner Generäle hatte schon gut gewirkt, und durch gemeinschaftlich getragene Beschwerden verbinden sich die Herzen. Endlich überschritt das Heer die böhmische Grenze und drang weiter und weiter vor. Zu einer offenen Feldschlacht mit den Österreichern kam es nicht, nur zu kleineren Gefechten.
O wie graute es den Freunden vor dem Kampfgewühl! Wie entsetzlich war besonders für den sanften Johannes der Gedanke, daß die Kugel, die er abschoß, vielleicht ein junges Leben vernichten werde! Bald aber mußten sie sich daran gewöhnen. Setzten sie doch auch täglich ihr Leben ein.
Schnell ward die Stadt Prag erreicht und belagert. Auf dem ganzen Zuge waren die Freunde Seite an Seite marschiert; oft hatte Friedel noch ein Gepäckstück für Johannes getragen, den die Anstrengungen weit mehr ermüdeten als ihn. Lagerte man im Freien, so ruhten sie dicht beisammen, beteten oft miteinander und befahlen ihre Seelen in Gottes Hand. Prag übergab sich den Preußen nach kurzer Beschießung; dann ging es weiter nach Süden, den Fluß Moldau entlang.
Kleine Gefechte, Krankheit und auch Fahnenflucht lichteten die Reihen des Heeres. Bei Nachtmärschen, in Wäldern oder Gebirgsgegenden entwich mancher unbemerkt auf Nimmerwiedersehen. Auch Friedel hatte es schon oft in den Füßen gezuckt, sich still davon zu machen; nur die Liebe zu Johannes hielt ihn davonab. Hatte man im Anfang des Feldzugs Speise und Trank in Fülle gehabt, so fehlte es jetzt oft sehr daran. Die Böhmen waren von grimmigem Haß gegen die preußischen „Ketzer“ erfüllt, versteckten das Korn vor ihnen und trieben das Vieh in die dichten Wälder. Da gab’s oft schmale Bissen, und Johannes würde es kaum ausgehalten haben, wenn der kerngesunde Freund ihm nicht oft die Hälfte seines Anteils aufgezwungen hätte. Der König fühlte wohl, daß es hier keinen andern Ausweg gab als einen ehrenvollen Rückzug.
„O weh“, dachte Friedel, als er davon hörte, „nun geht’s wieder nordwärts!“ Ehe aber noch der Befehl dazu gegeben wurde, sah sich die Truppe, in der die Freunde standen, plötzlich einer Schar von Feinden gegenüber. Es entspann sich ein kurzer, aber heftiger Kampf. Bald zogen sich die Österreicher zurück; Friedel aber kniete bei seinem Johannes, dem eine Kugel die Brust durchbohrt hatte. Noch atmete er; ein seliges Lächeln schwebte auf den erbleichenden Lippen. Schluchzend küßte Friedel die hohe, kalte Stirn und rief ihm zu: „Leb’ wohl, Herzensfreund! Gott vergelte dir deine Liebe und Treue!“ Dann war es vorüber. Seine Sehnsucht war erfüllt; er stand anbetend vor Gottes Thron mit seiner Luise!
Nun war das einzige Band zerrissen, das den Jüngling an das Heer geknüpft. Was ging ihn der König und seine Kriege an? War er doch kein Preuße! Aber für jetzt lähmte die Trauer um Johannes seine Kraft; auch war die Gegend der Flucht nicht günstig.
Einige Tage später marschierte sein Regiment in der Abenddämmerung am Waldesrand. Die Ordnung konnte nicht streng aufrechtgehalten werden; matt und hungrig blieben viele zurück, auch Kranke und Verwundete gab es genug. Friedel befand sich bei der Nachhut. Da fielen plötzlich Schüsse aus dem Waldesdunkel; bewaffnete Bauern hatten sich darin versteckt. Mehr als ein Kriegsmann lag schwer getroffen am Boden; auch Friedel fühlte einen heftigen Stoß gegen die Brust und stürzte betäubt ins hohe Waldgras. Als er erwachte, war’s finstere Nacht. War er wohl verwundet? Schmerzen hatte er nicht, fühlte auch kein Blut; nur waren ihm die Glieder steif von dem kalten, feuchten Lager. Als alles totenstill blieb, erhob er sich und merkte, daß er ganz allein war. Im Brotbeutel fand sich zum Glück noch eine harte Rinde, die ihm den nagenden Hunger stillte, und bald dämmerte der Morgen. Im matten Lichtschimmer sah er hie und da einen Kameraden tot liegen. Ihn selbst hatte Gottes Hand wunderbar bewahrt. Vorn im Waffenrock war ein rundes Loch; und als er ihn öffnete, sah er, daß das kleine uralte Gesangbüchlein des Großvaters, das er erst am Abend in den Busen gesteckt, weil’s im Tornister keinen Raum fand, ihn vom sicheren Tode gerettet hatte. Eine Kugel hatte den dicken Ledereinband durchbohrt, war aber in den Blättern stecken geblieben. Auf den Knien dankte er Gott für sein junges Leben, das ihm doch noch so lieb und kostbar war. In demselben Augenblick erhob sich die Sonne am östlichen Himmel.
Nun galt’s keine Zeit zu verlieren. Seinen Fluchtplan hatte er schon längst im Kopfe. Er wußte, daß er, wenn es ihm gelang, das im Westen sich hinstreckende Gebirge zu übersteigen, die bayrische Grenze und die Stadt Passau leicht erreichen konnte. Johannes hatte es auch gesagt. Aber wehe ihm, wenn er sich in preußischer Uniform allein durch böhmische Dörfer wagen würde! Als er nun tiefer in den Wald drang, um seinen Durst an den reichlich wachsenden Brombeeren zu stillen, lag da vor seinen Füßen der tote Körper eines der tückischen Bauern, die gestern abend aus dem Hinterhalt geschossen hatten. Eine preußische Kugel hatte ihm die Stirn zerschmettert; die grobe Kleidung war unversehrt, auch nirgends mit Blut befleckt. Ein grausig Geschäft war’s für den guten Jungen, den starren Leichnam auszuziehen und sich selbst den groben Kittel, die Lederhosen und plumpen Schuhe anzulegen. Er tat’s mit zitternden Händen; aber es mußte ja sein! Im Hosensack fand sich ein Beutelchen mit etwas Geld; viel war’s nicht, aber doch ein Schatz für den Einsamen. Fast noch lieber war ihm ein dickes Stück Schwarzbrot, das im Kittel stak. Den Zopf schnitt er sich mit seinem Messer ab; wirr und struppig war das Haar schon von selbst. Nun verbarg er Uniform und Waffen in dichtem Gestrüpp; nur das Gesangbuch, das Tüchlein und den Ring für Ännchen und seinen hölzernen Becher nahm er mit. Blindlings, ohne Weg und Steg, drang er in den Wald hinein, immer bergauf, ohne einem Menschen zu begegnen. Mit dem kostbaren Brot ging er sparsamum; gab’s doch im Walde so manches, das den Hunger stillte, besonders jetzt in der Herbstzeit. Beeren, Nüsse und Pilze genug, auch eßbare Wurzeln, die ihn Tobi vor Jahren kennen gelehrt.
Gegen Abend stand er auf freier Bergeshöhe, nachdem er den ganzen Tag keinem Menschen begegnet. Es war ein schwach bevölkerter Landstrich; dichter Wald ringsum, nur in der Ferne hie und da ein Dörfchen oder vereinzelte Höfe. Trotz der Trauer um den Freund, trotz der ungewissen Zukunft schwoll dem Jüngling das Herz vor Freude und Hoffnung. Er breitete die Arme aus, als wolle er die ganze Welt umfassen, tat einen gewaltigen Luftsprung und rief: „Gottlob! Ich bin frei! frei! frei!“