Chapter 13

Wie wir die Gürtelsprengehaben gehalten.

Wie wir die Gürtelsprengehaben gehalten.

Wenn man in jener Gegend den Bauern nach der Anzahl der Bewohner seines Hauses fragt, so mag wohl folgende Antwort geschehen: „Bewohner? Ja, die muß ich mir selber erst zusammendenken. Da bin ich; — tut nur fleißig nachzählen — ich und mein Weib und unsere fünf Kinder und der Knecht und acht Rindvieher und die Magd.“

Und er meint es nicht anders. Schützt sie doch allzusammeneinDach, lebt doch eines für alle, wie alle für eines leben, und sie ernähren sich gegenseitig und erheitern sich das Leben, und die Kinder und die Kälber laufen lustig durcheinander herum. — Für die Rinder hat der liebe Gott die Almen und die Heustadeln erschaffen. Und wenn die Stadeln sich gefüllt haben und die Zeit der Heue vorüber ist, so wird im Hause des Hirtenbauers ein Fest begangen. Der Bauer gibt den Seinen ein Mahl. Und da wird nicht geschont, ist doch der Heustadel voll.

Und besonders Hansjörgl, der Knecht, dem in letzterer Zeit der Bauchriemen ohnehin schon zu lang geworden ist, läßt sich das Fest angelegen sein, undso eine Bäuerin wie die unsere, sagt er, gibt’s nimmermehr — und der Riemen wird kürzer und kürzer, und die Enden seines Ringes wollen nicht mehr reichen, und mit Gewalt zusammengeschnallt, springen sie wieder mit Gewalt auseinander.

Das Fest der Gürtelsprenge.

Mir ist aus jener Zeit, in der ich solche Feste noch mitmachte, ein Geschichtchen in Erinnerung.

Ich war noch im Hefelrainhof beim Vieh. Die Heue war vorüber, und unser Knecht hatte zwei Tage lang fast nichts gegessen, um sich auf den nahenden Genuß gebührend vorzubereiten. Es waren Stunden aufgeregter Erwartung, bis am dritten Tage zum späten Mittag der Bauer das weiße Tuch, mit dem roten Streifen in der Mitte, über den Tisch zog. Dann legte er die glänzend gefegten Messer und Gabeln und Löffel auf ihre Plätze. Dann begann er in gehobener Stimmung — er hatte heute auch reine Wäsche an — Weißbrot aufzuschneiden. Ich stand neben dem Tisch und sah, wie der Haufen der Brotspalten immer mehr anwuchs und anwuchs. Hansjörgl, der Knecht, beobachtete diesen Vorgang nicht ohne Mißtrauen; — wozu das viele Brot hier? Soll das etwa bestimmt sein, die Haupträumlichkeiten zu füllen, auf daß feinere Bissen nicht sollen untergebracht werden können? — Endlich kam der dampfende Milchtopf, und der Tisch ächzte, und dieMassen der Brotspalten wurden hineinversenkt, so wie sich bei Erdrevolutionen Berge versenken in die Tiefen des Meeres. Wir beteten, dann setzten wir uns alle zu Tische.

Der Knecht begann zu essen, still und langsam, mit einer ehernen Ruhe. Als die Milch und das darauffolgende Speckkraut abgetan war und die Lasten der Roggenknödeln erschienen, fühlte ich die früher so mächtigen Sympathieen für die Gegenstände nach und nach schwinden — ich war gesättigt. Ich sah nur sinnend zu, wie die bedeutsamen Reihen der Gerichte vorüberzogen, die Butterschnitten und die Rahmstrudeln und die Fleischnudeln, und das Schottenkoch und die Milchkrapfen und das Schmalzmus. Sie aßen und redeten dabei von Dingen, die sich früher bei dem Feste der Gürtelsprenge zugetragen hatten und in der Zukunft noch zutragen können. Der Knecht redete nicht, er saß und aß still und langsam, mit einer ehernen Ruhe. Es kamen noch fernere Gerichte und fernere Gespräche, und der Knecht aß still und langsam fort. Als sie bei den Butterkrapfen waren, hörte man ein leichtes Schnalzen — es war sein Gürtel auseinander gesprungen. Der Knecht ließ ihn auseinandergesprungen sein, blieb in seiner Ruhe und aß.

Endlich aber blieb die geleerte Schüssel auf dem Tische stehen, und es kam nichts mehr. Der Knecht blickte befremdet auf; — wo spannt sich’s denn?ja, geht’s denn nicht allweg so fort? — Er war schwermütig, er dachte an das Los alles Zeitlichen, er erhob sich, er ging in das Freie, er stand eine Weile still und sah hinaus in die Berge und Täler, er stieg empor zum Heuboden, er legte sich in sein Bett.

Es nahte schon der Abend.

Über den Almen zogen Nebel, wie sie sich zur Herbstzeit gern über das Gebirge niedersenken. Ich ging hinaus auf die Halde und rief so lange: „Hoi ho, hoi ho!“ bis die Kuh mit der Glockenschelle auf mich zukam und ihr die Heerde nachfolgte. Dann führte ich sie zum Hause und in den Stall.

Als dieses geschehen, und als gemolken war, gingen wir zur Abendsuppe; ich hatte wieder recht Appetit, und der Bauer sagte, so eine saure Suppe könne er zu jeder Zeit essen, und sie sei ihm lieber wie die besten Butterkrapfen. Aber der Knecht erschien nicht zur Suppe.

Endlich gingen wir alle zur Ruhe. Ich hatte mein Lager im Stalle, um die Rinder zu bewachen, daß sich keines etwa von seiner Kette losmache und die anderen beschädige. Mir war recht behaglich unter der Decke. Die Glockenkuh schellte noch eine Weile, weil sie sich an den Lenden leckte, und der Stier rasselte noch dann und wann an der Kette und gaukelte mit den Hörnern. Nach und nach ließen sie sich alle niederauf die frische Fichtenstreu und begannen das Wiederkäuen. Einige Zeit hörte ich noch das gleichmäßige Gescharre der Zähne, dann sanken mir nach und nach die Augen zu. — Noch war mir, als säße auch der Knecht auf der Fichtenstreu, und rassele mit der Kette und gaukele wie der Stier, und kaue, wie alle anderen, und kaue ohne Ende.

Plötzlich weckte mich ein Poltern außen an der Stalltür. „Halterbub’, schreck’ dich nicht und steh’ auf!“ hörte ich rufen; es war des Bauern Stimme, und das Poltern an der Tür wurde heftiger.

Ich kollerte von dem Bette auf die Streu hinaus, stieß in der Verwirrung an die Glockenkuh, daß sie mit einem ohrenzerreißenden Geschelle aufsprang, und ich taumelte der Türe zu.

„Schreck’ dich nicht, Bub’, und mach’ dir nichts draus“, rief der Hefelrainhofer wieder, „schlupf’ geschwind in deine Hose hinein, du mußt eilig hinablaufen nach Kathrein um den Herrn Pfarrer, ’s will uns der Hansjörgl sterben!“

„Der Hansjörgl will sterben!“ sagte ich zitternd und nestelte die Türkette auf, „ja warum denn und wegen was denn?“

„Der lieb’ Herrgott wird’s wissen! Da kugelt er oben in seinem Bett und schiebt die Augen über und ächzt — und — nein, meiner Tag hab’ ich so was nicht erlebt. Geh’, Bübl, geh’, wenn du den Pfarrerbei Zeiten bringst, so kriegst einen Sechser. Und das letzt’ Öl soll er dennoch wohl auch mitbringen — und begraben laß ich den Hansjörgl mit dem großen Kondukt. Ach, mein guter, rechtschaffener Knecht!“

Ich weiß nicht, wie ich’s gemacht hatte; ehe noch der Bauer aufgehört zu sprechen, war ich angezogen, und in den nächsten Augenblicken schon eilte ich den Berghang hinab. Zerrissene Wolken hingen am Himmel, matt schien der Halbmond, in den Ästen der Tannen fächelte zeitweilig der Wind. Meine Schuhe machten ein Getöse in den Steinen des Hanges, mir voran und zur Seite kollerten diese hinab, und ich kollerte schier auch selbst mit ihnen. Und ich ging durch Täler hinaus, oft hingen Bäume derart über mir zusammen, daß ich keinen Boden, keine Wurzel, keinen Stein mehr sah, daß ich im Schwarzen dahinwandelte, stolperte, in Pfützen sprang, an Bäume prallte — in Todesangst war. Neben mir hin rauschte der Waldbach. Oft hörte ich Gekrächze über mir, Schritte hinter mir, und ich meinte, der Knecht sei bereits gestorben und sein irrender Geist folge mir. Ich hatte Angst um meine arme Seele, ich betete im Herzen, ich versicherte den lieben Gott und alle Heiligen, daß ich all’ mein Lebtag keine Sünde mehr begehen wolle, wenn ich diesmal in Gnaden bewahrt bliebe. Und bis auf einige blaue Ballen an Gesichtund Händen blieb ich in Gnaden bewahrt. Nach Stunden kam ich nach Kathrein, und da ging die Morgenröte auf.

Ich eilte zum Pfarrhof und riß mit beiden Händen an dem Drahte der Türglocke so heftig, daß ich von innen einen Jammerschrei hörte. Dann wurde ein Fenster aufgerissen, und die alte Haushälterin in schneeweißem Nachtgewande rief alle Namen der Himmel um Antwort an, wer denn Sturm läute in solcher Stunde. Da öffnete ich denn mein bedrängtes Herz: „Der Hansjörgl will sterben — das letzte Öl soll er auch mitnehmen, und begraben läßt er ihn mit dem großen Kondukt!“

Ich wurde verstanden. Schwer mag’s dem greisen Mann gewesen sein, nun aus den weichen Federn fort, in die frostige Herbstluft hinaus, und nüchtern in das Gebirge. Aber er ging. Lautlos kleidete er sich an, eilte zur Kirche, läutete selbst das Versehglöcklein, holte das Heiligste und ging mit mir. Ich ging voran, trug in der einen Hand die brennende Laterne, in der andern das Metallglöcklein, mit dem ich schellte, auf daß die Menschen in den Häusern und Hütten, an denen wir vorüberzogen, auf die priesterliche Handlung aufmerksam gemacht würden.

Wir gingen denselben Weg, den ich hergegangen war. Das Wasser rauschte; ich schellte den Fischen, daß nun ihr Schöpfer vorüberziehe, und daß sie anbetend ihre Köpfe emporrecken sollten aus den Wellen. Keine einzige Forelle hat mein Glöcklein gehört.

Als es nach und nach licht geworden war, begann der Pfarrer hinter mir plötzlich zu lachen. „Ja, was hast du denn gemacht, Kleiner, du hast ja dein Höslein verkehrt an!“

Da gab’s mir einen Stich im Herzen; vor meinen Augen tanzten Sterne. — Was hat er gesagt, mein Höslein verkehrt? — Es war wohl so! — Das Hintere war vorn, das Vordere war hinten, und kein einzig Knöpflein war zu.

„Ist ja kein Unglück“, sagte der Pfarrer, „hast es halt ein wenig schnell gemacht. Setz’ die Laterne da auf den Stein, und mach’ Ordnung, ich wart’ auf dich.“

Ich ging hinauf in das Dickicht und zog aus und zog an, und eilte, daß doch der Knecht dieweilen nicht sterbe, und endlich, als alles recht saß, barg ich mein Gesicht in den Ellbogen.

Um mich aus der Verlegenheit zu befreien, begann der Greis ein Gespräch und erkundigte sich um die näheren Zustände des Knechtes. Er beschleunigte seine Schritte und sagte mir, daß es für einen Priester sehr peinlich sei, auf seinem Versehgange zum Kranken nur mehr einen Toten zu treffen und unverrichteter Sache wieder zurückkehren zu müssen. „Einmal hab’ ich das erfahren, mein lieber Kleiner. Es war vormehreren Jahren. Ich wurde hinein in die Kiengräben zu einem Holzhauer gerufen, den als Wilderer die Kugel eines Jägers getroffen hatte. Sein einzig Sehnen war nach einem Priester; stundenlang rang er mit dem Tode und in Verzweiflung rief er: Ich muß warten auf meinen Gott und Richter. — Aber der Weg bis in die Kiengräben ist weit, und ich fand den Mann erstarrt, und auf seinen Zügen und in seinem gebrochenen Auge lag noch die Todespein. — Im Chorrock, und auf den Händen das Sakrament, so mußte ich wieder umkehren; und auf demselben Gang hab’ ich keine einzige Vogelstimme gehört im Walde, und mir ist so schwer und weh gewesen, als hätten mich alle unerlösten Seelen der Erde verfolgt. Kleiner, was das heißt, ein Priester sein — es ist nicht zu sagen!“

Der Pfarrer schwieg, trocknete seine Stirn, und wir schritten weiter und weiter.

Wir stiegen den Berghang hinan gegen unser Haus. Die Nebel hatten sich aufgelöst, und die Sonne stand schon ziemlich hoch am tiefblauen Himmel. Die Almglocken klangen auf den Höhen, und zeitweilig hörte man, in hohen Lüften getragen, das helle Jauchzen eines freudigen Menschen. — Ei wohl, unser Knecht hatte auch schön gesungen und hell gejauchzt, und an diesem lieblichen Morgen soll er gar auf dem Totenbette sein!

Das Haus stand still und traurig auf der Anhöhe. Wohl glänzte die Sonne in den Fenstern, aber diese sahen uns entgegen, wie verglaste, verweinte Augen.

Ich zitterte vor Angst; ich hielt die Laterne hoch und das Glöcklein ließ ich klingen. Niemand kam uns entgegen, niemand kniete vor dem Hause, um sich den Segen des nahenden Heilandes zu erbitten. Die Türen waren offen, wir gingen in das Haus und durch die Vorlauben in die Stube. Es war niemand da, nur die Uhr an der Wand tickte und tickte.

Der Kranke ist noch auf dem Heuboden, dachte ich, und sie sind alle bei ihm. Der Pfarrer stellte das Sakrament auf den Tisch und sank erschöpft auf die Bank daneben. Ich eilte auf den Heuboden und rief laut, daß wir da seien. Der Heuboden war still und dunkel, nur das frischduftende Heu war da. Und das Bett des Knechtes war leer! — Da erfaßte mich ein Grauen, und ich lief zurück in die Stube: „Kein Mensch ist da, kein Mensch im ganzen Hause; sie haben ihn gar schon fortgetragen!“

Da erhob sich der Priester, sein Antlitz rötete sich und er sah mich an mit strengem Blicke. Ich brach in ein Weinen aus. Wir ließen die Heiligtümer auf dem Tische stehen und gingen vor das Haus, und ich rief, was ich rufen konnte, nach den Leuten.

Endlich hörte ich von dem Schachen herüber halbverhallte Schläge. Ich lief gegen den Wald und schrie, und mein Schreien wurde aus Angst und Furcht schier zum Kreischen.

„Sakra, was ist denn das für ein abscheulicher Lärm da unten? Was hat’s denn?“ hörte ich plötzlich eine Stimme von dem Wipfel einer hohen Fichte her.

Ich schau’ hinauf, hör’ ihn, seh’ ihn — es ist der Hansjörgl.

Und er hackt die Äste herab, einen um den andern, und singt und jauchzt. Da lauf’ ich wohl wieder zurück zum Hause, zum Pfarrer, auf daß ich niederfalle vor ihm auf die Kniee und ihn tausendmal um Verzeihung bitte, daß der Knecht wieder kernblitzgesund ist und von den Bäumen die Äste herabhackt zur Streu für die Rinder.

Aber wie ich zurückkomme, steht schon der Bauer vor dem Pfarrer und bringt Entschuldigungen vor. Der Knecht habe gestern ein klein wenig mehr von Speisen zu sich genommen, weil die Gürtelspreng’ gewesen sei, und d’rauf habe er in der Nacht so einen heftigen Kolikanfall bekommen, daß schon alle gemeint, es sei sein letztes End’. Deswegen habe er gleich um den Priester geschickt, aber die Krankheit habe bald darauf nachgelassen, und der Hansjörgl habe in der Früh wieder rechtschaffen viel Kässuppe gegessen. Man habe hernach wohl einen zweitenBoten geschickt, daß der Herr Pfarrer nur daheim bleiben möge, aber dieser Bote sei wahrscheinlich einen andern Weg gegangen, und so sei es geschehen, wie es geschehen war.

In der Stube aber brannte das geweihte Wachslicht und stand das geistliche Brot. Sollte nun der Pfarrer wirklich mit dem Hochwürdigsten unverrichteter Sache zurückkehren müssen, was er so gefürchtet? Oder will er auf der Alm die Messe lesen und selbst das Himmelsbrot verzehren? Oder will jemand sterbenskrank werden, auf daß er die bereitete Wegzehrung genießen dürfte?

Ich sann auf Wege, sann auf Stege. Und endlich hatte ich was ersonnen. Ich war noch nüchtern. Aus Liebe zum alten Herrn, der mich in der Seele erbarmte, bekannte ich ihm auf der Ofenbank meine Sünden, und so konnte ich nun der Kommunion teilhaftig werden.

Und als die Handlung vorüber war, legte der Pfarrer den Chorrock ab und atmete auf. Die Bäuerin, die nun auch von der Weide gekommen, gab mir meine Morgensuppe und wollte dem Herrn Pfarrer mit Butter und einer Eierspeise aufwarten; er konnte aber nichts genießen, weil er an demselben Tage noch die Messe zu lesen hatte. So mußte der gute Mann fasten, weil unser Knecht Tags zuvor so ungebührlich gegessen hatte, und so mußte ich eineBeichte ablegen, weil unser Knecht Tags zuvor gegen die Mäßigkeit gesündigt hatte, und so endete in demselben Jahre das Fest der Gürtelsprenge.

Dafür hatte ich heute Feiertag und durfte den Pfarrer wieder nach Kathrein begleiten. Als wir über den Hang hinabstiegen, hörten wir Hansjörgl, den Knecht, von den Waldwipfeln herüber jauchzen. Der Pfarrer stand still und sagte zu mir: „Was meinst, Kleiner, hört sich das nicht besser, wie Totenglocken?“


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