Chapter 13

Viele, viele Jahre sind vergangen. – Die Jugend vieler Millionen Menschen ist verweht. – Es ist alles anders geworden.

Röse ist nun eine alte Frau. – Was das Leben ihr gab, hat es ihr längst wieder genommen. Sie hat alle Freuden genossen und alle Freuden mit Leiden gezahlt – nach Menschenart. Sie ist unendlich geduldig geworden. Sie kennt alles und weiß alles. Sie hat alles sich wiederholen sehen, immer von neuem. – Sie ist gut, still und heiter und lebt in sich selbst. Hier, nur in sich selbst, findet sie dieschöne, alte Welt, die ihr so lieb ist, so heimisch – sonst nirgends!

Fremde Gesichter sind um sie, und man spricht von fremden Dingen, die sie nichts angehen.

Ein Sehnen wie nach einer verlorenen Heimat ergreift sie oft – aber da ist nichts zu machen. Alles ist unerbittlich, was geschieht.

Geduldig werden – geduldig werden – geduldig werden! darauf läuft's hinaus.

Jetzt ist sie schwer krank. Von lieben Menschen wird sie gepflegt. Ihre Enkelin sitzt bei ihr am Bette.

Draußen Frühlingsdämmerung und wieder einmal weicher Sturm, der breit durch die Straßen fährt.

Die alte Frau träumt und spinnt an ihren Gedanken.

Da – was ist das?

Der Sturm trägt wie auf Flügeln einen rhythmisch munteren Pfiff zu ihrem Fenster herauf; ganz wie damals in der Wünschengasse, als sie beim Fasanenessen saßen.

»Das ist er, wie vor sechzig Jahren!« sagt sie leise bewegt zu ihrer Enkelin – »das ist Budang!« Und wie ein milder Glanz geht es über das Gesicht der Greisin. – »Das ist er!« nickte sie träumerisch.

»Siehst du, so pfiff er immer, der Budang, wenner uns abholen wollte; so pfiff er, wenn er wissen wollte, ob der Vater nicht mehr daheim sei, und ob er mit den beiden andern heraufkommen dürfe!«

Da tut sich die Tür auf. Ein schöner, kleiner, alter Mann tritt ein, in tadellosem Anzuge, blütenweiß und rabenschwarz; so tadellos, daß es sofort wie etwas Besonderes auffällt. Er hat einen gescheiten Kopf mit lebendigen, geistvollen Augen – und seine silberweißen, dichten Locken liegen ihm wie eine helle Wolke über der Stirn. – Er hat eine Art geistvoller Grazie in Blick und Bewegung.

»Wie geht's der Röse?« fragt er.

Röse streckt ihm die feine Hand entgegen.

»Goullon,« sagt sie bewegt mit hellen Tränen im Auge, »du kannst ja noch deinen Pfiff!«

»Gelt,« antwortet der Geheimrat, den sie sonst den »Budang« nannten, »das freut dich?«

Dann saßen die beiden Alten zusammen und plauderten und machten miteinander einen weiten – weiten Ausflug in die gute, alte Zeit.

Und das war die beste Medizin.

Es war das vierte Mal heute, daß er herauf zu seiner alten Freundin in Sorgen und Bangen kam; – aber zuletzt, da hatte er's gefunden, was ihr wohl tat.

»Gott segne dich,« sagte Röse, »du lieber Mensch – du treuer Mensch!«

Ja, treu waren sie ihr Lebtag einander gewesen – treu in großer, wahrer, seltener, starker Freundschaft.

Signet


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