Scherz

Scherz

von

Eduard Mörike.

Einen Morgengruß ihr früh zu bringenund mein Morgenbrot bei ihr zu holen,geh’ ich sachte an des Mädchens Türe,öffne rasch, da steht mein schlankes Bäumchenvor dem Spiegel schon und wäscht sich emsig.O wie lieblich träuft die weiße Stirne,träuft die Rosenwange Silbernässe,hangen aufgelöst die süßen Haare!Locker spielen Tücher und Gewänder.Aber wie sie zagt und scheucht und abwehrt!Gleich, sogleich soll ich den Rückzug nehmen!„Närrchen,“ rief ich, „sei mir so kein Närrchen!Das ist Brautrecht, ist Verlobtensitte.Laß mich nur! ich will ja blind und lahm sein,will den Kopf und alle beide Augenin die Fülle deiner Locken stecken,will die Hände mit den Flechten binden.“ —„Nein, du gehst!“ — „Im Winkel laß mich stehen,dir bescheidentlich den Rücken kehren!“ —„Ei, so mag’s, damit ich Ruhe habe!“Und ich stand gehorsam in der Ecke,lächerlich, wie ein gestrafter Junge,der die Lektion nicht wohl bestanden,muckste nicht und kühlte mir die Lippenan der weißen Wand mit leisem Kusseeine volle lange Stunde,ja, so wahr ich lebe. Doch wer etwaeinen kleinen Zweifel möchte haben(was ich ihm just nicht verargen dürfte),nun, der frage nur das Mädchen selber:die wird ihn — noch zierlicher belügen.

Einen Morgengruß ihr früh zu bringenund mein Morgenbrot bei ihr zu holen,geh’ ich sachte an des Mädchens Türe,öffne rasch, da steht mein schlankes Bäumchenvor dem Spiegel schon und wäscht sich emsig.O wie lieblich träuft die weiße Stirne,träuft die Rosenwange Silbernässe,hangen aufgelöst die süßen Haare!Locker spielen Tücher und Gewänder.Aber wie sie zagt und scheucht und abwehrt!Gleich, sogleich soll ich den Rückzug nehmen!„Närrchen,“ rief ich, „sei mir so kein Närrchen!Das ist Brautrecht, ist Verlobtensitte.Laß mich nur! ich will ja blind und lahm sein,will den Kopf und alle beide Augenin die Fülle deiner Locken stecken,will die Hände mit den Flechten binden.“ —„Nein, du gehst!“ — „Im Winkel laß mich stehen,dir bescheidentlich den Rücken kehren!“ —„Ei, so mag’s, damit ich Ruhe habe!“Und ich stand gehorsam in der Ecke,lächerlich, wie ein gestrafter Junge,der die Lektion nicht wohl bestanden,muckste nicht und kühlte mir die Lippenan der weißen Wand mit leisem Kusseeine volle lange Stunde,ja, so wahr ich lebe. Doch wer etwaeinen kleinen Zweifel möchte haben(was ich ihm just nicht verargen dürfte),nun, der frage nur das Mädchen selber:die wird ihn — noch zierlicher belügen.

Einen Morgengruß ihr früh zu bringenund mein Morgenbrot bei ihr zu holen,geh’ ich sachte an des Mädchens Türe,öffne rasch, da steht mein schlankes Bäumchenvor dem Spiegel schon und wäscht sich emsig.O wie lieblich träuft die weiße Stirne,träuft die Rosenwange Silbernässe,hangen aufgelöst die süßen Haare!Locker spielen Tücher und Gewänder.

Einen Morgengruß ihr früh zu bringen

und mein Morgenbrot bei ihr zu holen,

geh’ ich sachte an des Mädchens Türe,

öffne rasch, da steht mein schlankes Bäumchen

vor dem Spiegel schon und wäscht sich emsig.

O wie lieblich träuft die weiße Stirne,

träuft die Rosenwange Silbernässe,

hangen aufgelöst die süßen Haare!

Locker spielen Tücher und Gewänder.

Aber wie sie zagt und scheucht und abwehrt!Gleich, sogleich soll ich den Rückzug nehmen!„Närrchen,“ rief ich, „sei mir so kein Närrchen!Das ist Brautrecht, ist Verlobtensitte.Laß mich nur! ich will ja blind und lahm sein,will den Kopf und alle beide Augenin die Fülle deiner Locken stecken,will die Hände mit den Flechten binden.“ —„Nein, du gehst!“ — „Im Winkel laß mich stehen,dir bescheidentlich den Rücken kehren!“ —„Ei, so mag’s, damit ich Ruhe habe!“

Aber wie sie zagt und scheucht und abwehrt!

Gleich, sogleich soll ich den Rückzug nehmen!

„Närrchen,“ rief ich, „sei mir so kein Närrchen!

Das ist Brautrecht, ist Verlobtensitte.

Laß mich nur! ich will ja blind und lahm sein,

will den Kopf und alle beide Augen

in die Fülle deiner Locken stecken,

will die Hände mit den Flechten binden.“ —

„Nein, du gehst!“ — „Im Winkel laß mich stehen,

dir bescheidentlich den Rücken kehren!“ —

„Ei, so mag’s, damit ich Ruhe habe!“

Und ich stand gehorsam in der Ecke,lächerlich, wie ein gestrafter Junge,der die Lektion nicht wohl bestanden,muckste nicht und kühlte mir die Lippenan der weißen Wand mit leisem Kusseeine volle lange Stunde,ja, so wahr ich lebe. Doch wer etwaeinen kleinen Zweifel möchte haben(was ich ihm just nicht verargen dürfte),nun, der frage nur das Mädchen selber:die wird ihn — noch zierlicher belügen.

Und ich stand gehorsam in der Ecke,

lächerlich, wie ein gestrafter Junge,

der die Lektion nicht wohl bestanden,

muckste nicht und kühlte mir die Lippen

an der weißen Wand mit leisem Kusse

eine volle lange Stunde,

ja, so wahr ich lebe. Doch wer etwa

einen kleinen Zweifel möchte haben

(was ich ihm just nicht verargen dürfte),

nun, der frage nur das Mädchen selber:

die wird ihn — noch zierlicher belügen.


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