Waldfrevel

Waldfrevel

von

Gottfried Keller.

Seht den Schuft am Waldessaummit gewandten Sprüngen fliegend,einen jungen Eschenbaumauf den breiten Schultern wiegend!Hat die Axt, die er gestohlen,vornen in den Stamm geschwungen,weit noch hinter seinen Sohlenkommt der Wipfel nachgesprungen.Wie er heimlich lacht und singt,daß das Herz im Leibe springt!Und die Dirne kommt dahermit geschnittnen Weidenruten;von der Last, die drückend schwer,stehn die Wangen ihr in Gluten.Und der Bursche wirft die schwereBürde beider in den Graben,beide springen nach, als wäredort ein Nest voll Glück zu haben.Wo ein kleiner Freudenquelltief im Erlengrunde fließetund die Silberadern helldurch das samtne Moos ergießet,wirft der schlanke Dieb sich niedermit der Dirn’ im braunen Arm,löst ihr hastig Tuch und Mieder,und er flüstert liebewarm,daß sein brennend Herz erklingt,wie die Nuß im Feuer singt:„Schätzchen, o du kommst mir just,daß ich meine Schätze grabe,wieder einmal meine Lustam verborgnen Reichtum habe!Zeig’ mir der Korallen Scheinan dem frischen roten Munde,gib mir schnell mein Elfenbein,all das fein gedrehte, runde!“Wie der Has’ im Kohle springtihm das Herz und singt und klingt!„Laß mich wägen all mein Gold,deines Haares schwere Güsse!Laß mich zählen meinen Sold,zähle mir ein hundert Küsseblank und bar auf meine Lippen,weil uns kein Verräter lauschet!Laß mich von dem Weine nippen,der mich armen Schelm berauschet!„Nun verhüll’ die Herrlichkeitmit den Lumpen, mit den Fetzen,daß kein Auge ungeweihtspähen kann nach meinen Schätzen!Dieses Tuch um deine Haaredreimal, viermal sorglich winde,daß die goldne Schimmerwareja kein Strahl der Sonne finde!“Gleich ist drauf die Dirn’ davondurch den dunkeln Wald gesprungen,wieder hat der Bursche schonseinen Eschenbaum geschwungen;wie die Beine rasch ihn tragenmit dem langen schwanken Raube!Einen grünen Siegeswagen,schleift die Kron’ er nach im Staube.Wie die Grill’ im Grase springtihm das Herz und singt und klingt!

Seht den Schuft am Waldessaummit gewandten Sprüngen fliegend,einen jungen Eschenbaumauf den breiten Schultern wiegend!Hat die Axt, die er gestohlen,vornen in den Stamm geschwungen,weit noch hinter seinen Sohlenkommt der Wipfel nachgesprungen.Wie er heimlich lacht und singt,daß das Herz im Leibe springt!Und die Dirne kommt dahermit geschnittnen Weidenruten;von der Last, die drückend schwer,stehn die Wangen ihr in Gluten.Und der Bursche wirft die schwereBürde beider in den Graben,beide springen nach, als wäredort ein Nest voll Glück zu haben.Wo ein kleiner Freudenquelltief im Erlengrunde fließetund die Silberadern helldurch das samtne Moos ergießet,wirft der schlanke Dieb sich niedermit der Dirn’ im braunen Arm,löst ihr hastig Tuch und Mieder,und er flüstert liebewarm,daß sein brennend Herz erklingt,wie die Nuß im Feuer singt:„Schätzchen, o du kommst mir just,daß ich meine Schätze grabe,wieder einmal meine Lustam verborgnen Reichtum habe!Zeig’ mir der Korallen Scheinan dem frischen roten Munde,gib mir schnell mein Elfenbein,all das fein gedrehte, runde!“Wie der Has’ im Kohle springtihm das Herz und singt und klingt!„Laß mich wägen all mein Gold,deines Haares schwere Güsse!Laß mich zählen meinen Sold,zähle mir ein hundert Küsseblank und bar auf meine Lippen,weil uns kein Verräter lauschet!Laß mich von dem Weine nippen,der mich armen Schelm berauschet!„Nun verhüll’ die Herrlichkeitmit den Lumpen, mit den Fetzen,daß kein Auge ungeweihtspähen kann nach meinen Schätzen!Dieses Tuch um deine Haaredreimal, viermal sorglich winde,daß die goldne Schimmerwareja kein Strahl der Sonne finde!“Gleich ist drauf die Dirn’ davondurch den dunkeln Wald gesprungen,wieder hat der Bursche schonseinen Eschenbaum geschwungen;wie die Beine rasch ihn tragenmit dem langen schwanken Raube!Einen grünen Siegeswagen,schleift die Kron’ er nach im Staube.Wie die Grill’ im Grase springtihm das Herz und singt und klingt!

Seht den Schuft am Waldessaummit gewandten Sprüngen fliegend,einen jungen Eschenbaumauf den breiten Schultern wiegend!Hat die Axt, die er gestohlen,vornen in den Stamm geschwungen,weit noch hinter seinen Sohlenkommt der Wipfel nachgesprungen.Wie er heimlich lacht und singt,daß das Herz im Leibe springt!

Seht den Schuft am Waldessaum

mit gewandten Sprüngen fliegend,

einen jungen Eschenbaum

auf den breiten Schultern wiegend!

Hat die Axt, die er gestohlen,

vornen in den Stamm geschwungen,

weit noch hinter seinen Sohlen

kommt der Wipfel nachgesprungen.

Wie er heimlich lacht und singt,

daß das Herz im Leibe springt!

Und die Dirne kommt dahermit geschnittnen Weidenruten;von der Last, die drückend schwer,stehn die Wangen ihr in Gluten.Und der Bursche wirft die schwereBürde beider in den Graben,beide springen nach, als wäredort ein Nest voll Glück zu haben.

Und die Dirne kommt daher

mit geschnittnen Weidenruten;

von der Last, die drückend schwer,

stehn die Wangen ihr in Gluten.

Und der Bursche wirft die schwere

Bürde beider in den Graben,

beide springen nach, als wäre

dort ein Nest voll Glück zu haben.

Wo ein kleiner Freudenquelltief im Erlengrunde fließetund die Silberadern helldurch das samtne Moos ergießet,wirft der schlanke Dieb sich niedermit der Dirn’ im braunen Arm,löst ihr hastig Tuch und Mieder,und er flüstert liebewarm,daß sein brennend Herz erklingt,wie die Nuß im Feuer singt:

Wo ein kleiner Freudenquell

tief im Erlengrunde fließet

und die Silberadern hell

durch das samtne Moos ergießet,

wirft der schlanke Dieb sich nieder

mit der Dirn’ im braunen Arm,

löst ihr hastig Tuch und Mieder,

und er flüstert liebewarm,

daß sein brennend Herz erklingt,

wie die Nuß im Feuer singt:

„Schätzchen, o du kommst mir just,daß ich meine Schätze grabe,wieder einmal meine Lustam verborgnen Reichtum habe!Zeig’ mir der Korallen Scheinan dem frischen roten Munde,gib mir schnell mein Elfenbein,all das fein gedrehte, runde!“Wie der Has’ im Kohle springtihm das Herz und singt und klingt!

„Schätzchen, o du kommst mir just,

daß ich meine Schätze grabe,

wieder einmal meine Lust

am verborgnen Reichtum habe!

Zeig’ mir der Korallen Schein

an dem frischen roten Munde,

gib mir schnell mein Elfenbein,

all das fein gedrehte, runde!“

Wie der Has’ im Kohle springt

ihm das Herz und singt und klingt!

„Laß mich wägen all mein Gold,deines Haares schwere Güsse!Laß mich zählen meinen Sold,zähle mir ein hundert Küsseblank und bar auf meine Lippen,weil uns kein Verräter lauschet!Laß mich von dem Weine nippen,der mich armen Schelm berauschet!

„Laß mich wägen all mein Gold,

deines Haares schwere Güsse!

Laß mich zählen meinen Sold,

zähle mir ein hundert Küsse

blank und bar auf meine Lippen,

weil uns kein Verräter lauschet!

Laß mich von dem Weine nippen,

der mich armen Schelm berauschet!

„Nun verhüll’ die Herrlichkeitmit den Lumpen, mit den Fetzen,daß kein Auge ungeweihtspähen kann nach meinen Schätzen!Dieses Tuch um deine Haaredreimal, viermal sorglich winde,daß die goldne Schimmerwareja kein Strahl der Sonne finde!“

„Nun verhüll’ die Herrlichkeit

mit den Lumpen, mit den Fetzen,

daß kein Auge ungeweiht

spähen kann nach meinen Schätzen!

Dieses Tuch um deine Haare

dreimal, viermal sorglich winde,

daß die goldne Schimmerware

ja kein Strahl der Sonne finde!“

Gleich ist drauf die Dirn’ davondurch den dunkeln Wald gesprungen,wieder hat der Bursche schonseinen Eschenbaum geschwungen;wie die Beine rasch ihn tragenmit dem langen schwanken Raube!Einen grünen Siegeswagen,schleift die Kron’ er nach im Staube.Wie die Grill’ im Grase springtihm das Herz und singt und klingt!

Gleich ist drauf die Dirn’ davon

durch den dunkeln Wald gesprungen,

wieder hat der Bursche schon

seinen Eschenbaum geschwungen;

wie die Beine rasch ihn tragen

mit dem langen schwanken Raube!

Einen grünen Siegeswagen,

schleift die Kron’ er nach im Staube.

Wie die Grill’ im Grase springt

ihm das Herz und singt und klingt!


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