Rudolf Greinz:Das Hennendiandl
Rudolf GreinzistTirolerund ist ein Erzähler von der guten alten Art. Als Tiroler kennt er seine Landsleute, kennt diese Holzbauern, Knechte und Mägde, die uns seine Geschichten schildern: die Biederen und die Verschlagenen, die Dickköpfigen und die Leichtherzigen, die Gutmütigen und die Geizhälse, wie sie nur noch der Herr Pfarrer vom Beichtstuhl her kennt. Die Romane und Novellen nicht minder als die »Bauernbibel«, das »Krippenspiel« nicht minder als die dem Leben nachgedichteten drolligen »Marterln« beweisen diese innige Vertrautheit mit der Vorstellungswelt des Tiroler Bauern und eine wahrhaft dichterische Kraft der Einfühlung. Eine besondere Neigung hat Greinz, auch darin seinem steirischen Nachbar Rosegger verwandt, für dieSchnurre, die seinem Vergnügen an bäurischen Till-Eulenspiegeleien und seinem Humor volkstümlich entgegenkommt: sein herzhaftes Lachen lacht aller Torheiten und liebt dabei doch die törichten Menschlein, die sie begehen. Greinz lebt in München; geboren ist er in Pradl, am 16. August 1866.
L. Adelt.
Das Hennendiandl.
Die dummen Geschichten, die einem selber passiert sind, erzählt man regelmäßig am unliebsten. Zur heilsamen Buße für unterschiedliche Sünden muß ich mein Abenteuer mit dem Hennendiandl aber doch einmal auskramen.
Es ist schon ziemlich lange her. Ich war damals in der höchsten Blütezeit der holdesten Jugendeselei. Es war in den Ferien nach meiner Gymnasialmatura. Ich genoß meine frisch erworbene Freiheit mit vollen Zügen in Gestalt einer Sommerfrische im Brandenberger Tal.
Von Rattenberg im Unterinntal aus wanderte ich an einem Julitage mit dem Schnerfer11am Rücken über das uralte romantische Frauenklösterlein Mariatal in die Bergeinsamkeit von Brandenberg. Durch rauschenden Buchenwald entlang der Brandenberger Ache, deren spiegelklares Wasser einen ganz eigenartigen Perlmutterglanz hat. Völlig wie zauberische Farben von Märchenbronnen. Eineweite Strecke über einen schier ebenen Saumpfad und schließlich steil empor nach der im Hintergrund des Tals gelegenen Gemeinde Aschau.
Ein richtiger Schinderweg, der einem bei Sonnenglut den letzten Schweißtropfen aus den Poren treibt. Aber droben auf den grünen Bergmatten, über die sich weit verstreut die Bauernhöfe von Aschau breiten, ist's dann um so herrlicher. Man sieht nicht allzu fern in der Runde. Die Welt ist eng begrenzt da droben. Um so leichter vergißt man auf die Welt draußen.
Aschau hat ein einziges kleines Wirtshäusl. Ein richtiges Bauernwirtshäusl, in dem es wohl einen guten Tropfen Wein, aber in der Kost verdammt wenig Abwechslung gibt. Speckknödel, Schmarrn, Geselchtes mit Kraut, Topfenbaunzen12oder Erdäpfelnudel, das macht so ziemlich die ganze Speiskarte aus. Höchstens einmal ein frisches Schweinernes, wenn gerade ein Bauer schlachtet.
An Werktagen war es recht einsam in dem Wirtshäusl. Kaum daß sich hie und da ein Gast dahin verirrte. An Sonn- und Feiertagen ging es aber sehr lebhaft zu. Da kamen die Bauern und Knechte und huldigten dem Vergnügen des Kegelscheibens. Es war eine prächtige Kegelbahn beimWirt, auf der oft hitzige Schlachten ausgefochten wurden.
Schon am ersten Sonntag meiner Sommerfrische in Aschau hatte ich den Kranzelscheiber Lex kennen gelernt, der alsbald mein besonderer Freund und Vertrauter wurde. Mit seinem gewöhnlichen Namen hieß er Alexius Hupfauf und war Knecht beim Kirchebner, einem größern Bauern in Aschau. Der Lex war der beste Kegler in der ganzen Gegend. Daher auch sein Name Kranzelscheiber Lex.
Er weihte mich in die höheren Geheimnisse des Kegelscheibens ein. Wie man eine sogenannte »Prälatenwurst« scheibt, d. h. auf einen einzigen Wurf die drei mittleren Kegel mitsamt dem König zu Fall bringt. Dann die schwierigere Technik der Kranzeln. Da gilt es, auf drei Würfe sämtliche Kegel mit Ausnahme des Königs in der Mitte zu fällen. Und endlich das Ideal jedes Keglers: das Naturkranzel. Das ist das oben erwähnte Kranzel auf einen einzigen Wurf. Die Naturkranzeln sind übrigens so selten, daß sie mit Jahr und Datum an den Balken der Kegelbahn angekreidet werden.
In der freien Zeit, die mir das Kegelscheiben und das Herumstrapanzen13in der Gegend ließ,hatte ich mich schauderhaft verliebt. Der Gegenstand meiner Verehrung war ein junges, etwa neunzehnjähriges Diandl mit dunkelbraunen Zöpfen, braunen lustigen Augen und einem herzigen G'sichtel. Das Vronele beim Gschwentnerbauern.
Der Gschwentner war der reichste Bauer in Aschau. Sein Gehöft konnte wahrhaft stattlich genannt werden. Ein breit und massig hingebautes Bauernhaus mit großem Stall, Heustadel und Tennen und mit einem ausgedehnten grünen Anger.
Die Gschwentnerbäuerin hatte eine geradezu leidenschaftliche Vorliebe für Geflügelzucht. Das größte Kontingent stellten natürlich die Hennen. Es waren aber auch ziemlich viele Enten und Gänse auf dem Hofe vorhanden. Sogar ein welscher Truthahn stolzierte in dem Anger umher.
Für die Hennen hatte der Bauer einen eigenen Stall errichtet. Ein kleiner Teil des Tennen war zum Hennenstall umgebaut worden, zu dem vom Erdboden aus ein schmales Stiegerl hinaufführte.
Für die Hennen und das übrige Geflügel hatte sich die Bäuerin eine eigene Dirn angestellt, die in Aschau allgemein nur das Hennendiandl hieß. Und dieses Hennendiandl war eben das Vronele, an die ich mein Herz verloren hatte.
Natürlich hatte meine Angebetete davon keine Ahnung. Über ein paar schüchterne Versuche, mitihr ein Gespräch anzuknüpfen, war ich nicht hinausgekommen. Und diese Gespräche drehten sich immer nur um die Hennen. Bei diesem Thema blieb ich unrettbar kleben und suchte vergebens den nötigen Übergang zu einer Eröffnung meiner Gefühle.
In dieser verzwickten Lage kam mir der Kranzelscheiber Lex zu Hilfe, den ich in mein Geheimnis einweihte. Er hatte mir mit entschieden großer Aufmerksamkeit schweigend zugehört, lachte unter meiner Erzählung mehrmals verschmitzt und tat schließlich die schmeichelhafte Äußerung: »Weißt was, du bist a dalketer14Teufl. Ös Stadtlinger habt's halt alle an Leibschaden im Hirn! Dö G'schicht' mit 'm Hennendiandl hast ja ganz verdraht ang'fangt: da muaßt zum Vronele fensterln geh'n, wenn d' wissen willst, wia d' dran bist!«
Als ich ihm erklärte, daß ich so was doch nicht recht wagen würde, fuhr mich der Lex an: »Laß dich nit auslachen, du Trauminit! Wenn du dein Herz in der Hosen hast statt am richtigen Fleck, nacher wirst nia was ausrichten bei an saubern Diandl! Übrigens, weil's du bist, will i 's erste Mal mit dir geh'n und dir 's Loaterl halten.«
Ich war überglücklich, daß sich der Lex so echt freundschaftlich meiner annahm, und befand mich drei Tage lang in großer Aufregung und in spannenderErwartung der Dinge, die da kommen sollten. Denn so lang dauerte es noch, bis der Fensterlgang angetreten wurde.
Es müsse eine stockfinstre Nacht sein, hatte der Lex gesagt. Da jetzt Neumond eintrete, hätte ich gerade die günstigste Zeit erwischt. Inzwischen hatte mir der Lex auch gesteckt, daß mich, soweit er sich auskenne, das Vronele gar nicht so ungern sehe.
Stockfinstre Nacht war's, als ich mit dem Lex den Weg zum Gschwentnerhof hinauftappte. Schwere Wolken zogen am Himmel. Eine schwüle Sommernacht. Ich stolperte neben dem Lex dahin, der eine kleine Leiter trug.
Endlich kamen wir an den Angerzaun des Gschwentner. Ein Gatterl knarrte. Es ging über weichen Rasen dahin. Das Gehöft war nur in ganz verschwommenen Umrissen gegen den dunklen Nachthimmel zu erkennen. Kein Lüfterl regte sich. Ein paarmal wäre ich bei einem Haar mit dem Schädel gegen einen der Bäume im Anger gerannt.
Jetzt schienen wir zur Stelle zu sein. Wenigstens machte der Lex Halt und lehnte die Leiter gegen die Mauer. Mein Herz klopfte hörbar.
»Da is 's Kammerfensterl vom Vronele!« flüsterte der Lex. »Jatz pass' auf, damit 's nächste Mal 's Fensterln selber kannst!«
Der Lex tat mit der Zunge ein paar Schnaggler, daß es klang wie gedämpftes Peitschenknallen. Dann begann er halblaut mit unterdrückter Stimme zu singen:
Diandl, mach's Riegerl auf,mach' mir dei' Riegerl auf,Diandl, mach auf!Lass' mich nit lang so pass'nda herunt' auf der freien Gass'n,Diandl, mach auf!Diandl, Diandl, kennst mich nit,oder is dös dei' Fensterl nit? –Diandl, mach auf! …
Diandl, mach's Riegerl auf,mach' mir dei' Riegerl auf,Diandl, mach auf!Lass' mich nit lang so pass'nda herunt' auf der freien Gass'n,Diandl, mach auf!Diandl, Diandl, kennst mich nit,oder is dös dei' Fensterl nit? –Diandl, mach auf! …
Und so ging es noch ein paar Strophen weiter. Nichts rührte sich.
»I will amal z'erst aufisteig'n und a bissel anklopfen!« sagte der Kranzelscheiber Lex leise und stieg im nächsten Augenblick flink wie ein ›Oacherl‹15die Leitersprossen empor. Ich hörte, wie er mehrmals klopfte.
Wiederum lautlose Stille. Dann hörte ich den Lex sagen: »Mir scheint, 's Vronele rührt sich schon!«
Bald darauf vernahm ich, wie sich etwas in den Angeln drehte. Gleichzeitig kletterte der Lex die Leiter wieder herunter.
»Sie hat 's Fensterl aufg'macht!« flüsterte er. »Schleun'16dich, steig' ein!«
Er schob mich gewaltsam zur Leiter und schob noch hinter mir nach, daß ich, ob ich nun wollte oder nicht, nach oben klettern mußte.
»Steig' ein!« hörte ich den Lex, der hinter mir auf der Leiter stand.
Ich tastete um mich und griff eine Art Fensterbalken. Eine warme dunstige Luft schlug mir entgegen.
»Steig' ein!« hörte ich noch den Lex sagen. Dann schob er mich durch die Öffnung im Gebälk durch. Ich purzelte nach vorn ins Dunkle. Noch ein kräftiger Schub des Lex, und ich war drinnen. Hinter mir hörte ich es zuschlagen und einen Riegel vorschieben.
Das war das Werk weniger Sekunden. Ich tastete um mich und griff mit den Händen in lauter Stroh. Dann richtete ich mich auf und stieß mir den Kopf derart an den Überboden des Raumes, in den ich geraten war, daß mir die hellen Funken vor den Augen tanzten und ich unwillkürlich in die Knie sank.
Gleich darauf ging rings um mich herum ein Heidenspektakel los. Ein Springen und Flattern und aufgeregtes Gackern, daß ich vorläufig ganzbetäubt war. Ich kam jedoch rasch genug zu der Erkenntnis, daß ich mich nirgend anderswo befand, als im Hennenstall. Das in seiner Nachtruhe gestörte und durch meinen plötzlichen Einbruch ganz entsetzte Hennenvolk tobte wie wahnsinnig um mich herum.
Ich schlug mit beiden Armen aus und trommelte mit den Fäusten gegen die feste Balkenwand. »Lex!« rief ich, »Lex! I bin im Hennenstall. Wir haben 's Fensterl verfehlt! Mach' auf, Lex!«
Keine Antwort erfolgte. Ich glaubte jedoch ein unterdrücktes Lachen von draußen zu hören.
»Aufmachen, Lex! Hast g'hört!« trommelte ich weiter. Keine Erhörung. So polterte ich wohl noch eine Viertelstunde.
Während dieser Zeit kam es mir zur Erkenntnis, daß der verflixte Lex mir einen Possen gespielt hatte. Je mehr ich wütete, desto rasender wurden die Hennen.
Daß man im Haus von dem Spektakel im Hennenstall nichts hörte, dafür fand ich erst später die Erklärung. Der Tennen lag weit nach rückwärts und war von dem Haus durch den Stall und durch den mächtigen Heustadel getrennt. Zudem gingen die Fenster der Schlafkammern alle nach vorn heraus. Bei dem gesunden Schlaf, den ein Bauer hat, hätte ich also wohl noch die halbe Nacht toben können.
Ich beruhigte mich aber schließlich und kauerte mich in stumpfer Verzweiflung in eine Ecke des Hennenstalles, durch dessen Türl mich der Lex statt durch Vroneles Fensterl hatte schlüpfen lassen. Ich kam mir unsäglich dumm vor. Ich glaube sogar, ich habe vor Zorn geweint.
Mit mir beruhigten sich auch die Hennen. Sie schienen sich mit meiner Anwesenheit abgefunden zu haben. Nur hie und da flatterte eine herum. Dann aber hockten sie offenbar wieder auf.
Es kommt mir vor, als ob ich einige Zeit geschlafen hätte. Neuerliches Geflatter brachte mich wieder zu mir selber.
Durch die Ritzen im Holzbau des Hennenstalles brachen die Strahlen der Morgensonne. Ich hörte, wie sich Schritte näherten. Ein Riegel wurde zurückgeschoben. Das Türl tat sich auf. Der helle Morgen schien herein.
Draußen stand das Vronele und lockte die Hennen … »Bull … Bull … Bull … Bulliii …« das Geflügel enteilte dem Stall.
Zuletzt guckte das lachende Gesicht des Hennendiandls in den Stall herein. »Oha, da hockt noch a Gockl drin!« rief sie.
Ich sprang in meiner Ecke empor, stieß mir den Schädel noch einmal damisch an, kroch durch das Türl an dem Vronele vorüber ins Freie, setzte wie gehetztmit ein paar Sprüngen über das Hennenstiegerl hinunter und von da fort über den Anger, hinaus beim Gatterl und weit weg vom Gschwentnerhof.
Das Hennendiandl aber hörte ich hinter mir drein lachen, daß es völlig erstickte.
So geschämt, wie damals vor dem Hennendiandl, habe ich mich in meinem ganzen Leben nie. Noch am gleichen Tage packte ich meinen »Schnerfer« und wanderte talauswärts, um das Zelt meiner Sommerfrische in einer andern Gegend aufzuschlagen. Den Kranzelscheiber Lex aber könnte ich heute noch bei lebendigem Leib braten.
Gesehen habe ich den Lex nicht mehr. Von der Wirtin in Aschau erfuhr ich jedoch vor meinem Abschied durch vorsichtiges Herumfragen, daß der Lex schon seit mehr als einem Jahr der Schatz des Vronele war. Aller Voraussicht nach ist er in jener Nacht, während ich im Hennenstall dunstete, selber beim Hennendiandl fensterln gegangen und hat sich recht ausgiebig über mich lustig gemacht.
Vielleicht hat der Kranzelscheiber Lex im Laufe der Begebenheiten das Hennendiandl geheiratet. Vielleicht auch nicht. In jedem Fall soll ihn der Teufel holen!
Signet