Aus unbekannten Mündern bläst's mich an,– Die große Kühle kommt …
Aus unbekannten Mündern bläst's mich an,– Die große Kühle kommt …
Er wurde einsam. Immer einsamer. Und alle seine Lieder sang er schließlich nur noch sich selber zu, »damit er seine letzte Einsamkeit ertrüge«.
Hoch wuchs ich über Mensch und Tier;Und sprech ich – niemand spricht zu mir.
Hoch wuchs ich über Mensch und Tier;Und sprech ich – niemand spricht zu mir.
War die Natur Nietzsches eine Kreuzung aus Dionysos und Ahasver, die trotz aller Schmerzen die Ewigkeit, zu der sie verdammt war, lieben mußte, eine wilde, tobende Natur, die lieber brüllte als seufzte oder zwitscherte, – so istStefan George(geboren 1868 in Büdesheim) der strenge Priester der Gelassenheit und Gebundenheit, der Verkünder asketischer Lüste, maß- und zuchtvoll. Auch der verkündet wie Nietzsche eine Kunst, die jenseits von Gut und Böse wirkt, er steht denmoralischen Forderungen eines Teiles der jungen Generation ferner als fern.
»Du sprichst mir nicht von Sünde oder Sitte.« In einem seiner ersten Gedichte versteigt er sich bis zurApotheoseder Ausschweifung: im Heliogabal. Aber immer reiner klärt sich seine Welt: bis das Jahr der Seele herrlich sichtbar wird, der Teppich des Lebens sich vor ihm breitet, der Engel ihm den Weg weist und der Stern des Bundes magisch erblinkt. Stefan George begann als Fackelträger des reinen Wortes in einer Zeit, die das Wort verunreinigte und beschmutzte, er schritt fort und schreitet weiter als ein Flammenträger des reinen Sinnes in einer Zeit, die verschwelt und rauchig loht, die zu Baal und Beelzebub betet, die kein Sonnengold, nur ein Geldgold kennt, die alles »zweckmäßig« einrichtet und als Ziel die Zweckmäßigkeit postuliert oder die Ziellosigkeit an sich. Die geistige und moralische Begriffe verwechselt und ein politisches Parteiprogramm von Spinozas Ethik nicht zu unterscheiden vermag. Sie hat auch bei George gebändigte Leidenschaft mit Temperamentlosigkeit, die Gebärde des echten Priesters mit den Tingeltangelallüren ihrer geistigen Charlatane, die gekonnte Kunst mit gemachter Mache verwechselt. Sei's. Die Weltgeschichte ist auch das Weltgedicht: einige der schönsten Strophen dieses Gedichtes hat Stefan George gesungen.
Aus dem Kreise Georges sind als Dichter von RangHugo von Hofmannsthal(geb. 1874 in Wien) undRainer Maria Rilke(geb. in Prag 1875) hervorgegangen. Hofmannsthal ist der Dichter bezaubernder kleiner Versdramen. Er führt ein Skelett, das mit blühenden Rosen behängt ist, im Wappen. Rilke ist ein Mönch, der statt der grauen Kutte eine purpurrote trägt, die Seligkeit des Himmels liebt, aber die Freuden der Welt nicht verachtet.
Die »ersten Hergereisten«, die der kommenden deutschen Dichtergeneration die neuen Lieder lehrten, waren Nietzsche und George.Alfred Mombert(geboren 1872 in Karlsruhe)undTheodor Däubler(geboren 1876 in Triest) gehören zu den ersten, die sie lernten. Mombert schrieb metaphysische Dramen und Gedichte, Däubler das diesseitige Epos »Nordlicht«, eine Kosmogenie voll von Schwelgerei und Orgie des Wortes und des Reimes.Richard Dehmel(ausdemSpreewald, 1863–1920) hält sein Gesicht den romantischen Gestirnen zugewandt. Die goldene Kette der deutschen Lyrik ist ohne ihn nicht denkbar, er ist ein kostbares Glied in ihr, deren Anfang Walter von der Vogelweide, deren vorläufiges Ende Franz Werfel hält. Er hat die Tradition der deutschen Lyrik über eine Zeit der Verfahrenheit und Traditionslosigkeit hinübergerettet. Als alles tot und trübe schien. Er hat der deutschen Lyrik das Liebeslied neu geschenkt: Das dunkle Du, das dunkle Ich, die durch die Nacht sich suchen – und sich finden.
Christian Morgenstern(aus München, 1871–1915) schuf in seinen »Palmström«gedichten eine grotesk-philosophische Lyrik eigenster Prägung, die besonders dem menschlichen und vermenschlichten Tier zu Leib und Seele rückt. Da erscheint ein Steinochs, der sich von menschlicher Gehirne Heu nährt. Auf schwärmt am Horizont ergrauter Kasernenhöfe der sagenhafte E. P. V. (auch Exerzierplatzvogel genannt). Wir sind hoch und heiter beglückt, daß es ihn und Palmströms und v. Korfs fundamentale Melancholie – immerhin – noch gibt. Schade, daß ich beim neuerlichen Quellenstudium für diese kleine Literaturgeschichte v. Korfs glänzende Erfindung nicht benutzen konnte, welcher, weil er schnell und viel lesen mußte, eine Brille erfand,
deren Energienihm den Text zusammenziehn.Beispielsweise dies Gedichtläse, so bebrillt, man – nicht!Dreiunddreißig seinesgleichengäben erst – ein – – Fragezeichen!
deren Energienihm den Text zusammenziehn.Beispielsweise dies Gedichtläse, so bebrillt, man – nicht!Dreiunddreißig seinesgleichengäben erst – ein – – Fragezeichen!
Die Dadaisten, Apologetiker des abstrakten Humbugs, sindWilhelm Buschs, des genialen Malerdichters (1832 bis 1908) und Morgenstern's Nachfahren.
Die deutsche Frauendichtung beginnt, nachdem sie seit Mechtild v. Magdeburg jahrhundertelang den Dornröschenschlaf geschlafen, wieder aufzuleben mit der WestfälinAnnette v. Droste-Hülshoff(1797–1848), die freilich für den ersten Blick gar nichts Frauliches an sich hat. Ihre Formen sind streng, herb, ihr Gang ist straff, ihre Miene leicht verdüstert: wie ein halb heller Tag auf der westfälischen Heide, wenn Erde und Himmel die Plätze vertauscht haben, und die roten Heidekrautblüten wie Sterne, die Wolken wie braune Ackerschollen sind. Auf ihr müdes Haupt gaukelte selten ein süßes Lachen.
Liebe Stimme säuselt und träuftWie die Lindenblüt' auf ein Grab …
Liebe Stimme säuselt und träuftWie die Lindenblüt' auf ein Grab …
Herb wie ihr lyrischer Stil ist ihr Prosastil in der Novelle »Die Judenbuche«.Marie v. Ebner-Eschenbach(aus Mähren, 1830–1916) besitzt ein Talent von großer Weite der Empfindung, das formal eng begrenzt ist.Ricarda Huch(geboren 1864 in Braunschweig) suchte ihre Themen im Risorgimento und im Dreißigjährigen Krieg.Enrica von Handel-Mazetti(geboren 1871 in Wien) schrieb historische Romane mit katholisierendem Einschlag. Die deutsche Frauenlyrik der jüngsten Zeit gipfelt inElse Lasker-Schüler(geboren 1876 in Elberfeld). Wer fühlte sich nicht als ewiger Jude und sänke vor Jehova ins Knie, wenn sie ihre hebräischen Lieder singt? Wenn sie ihre Verse in einen alten Tibetteppich verwebt?Emmy Henningsgab in kleinen Versen (»Die letzte Freude«) und in kleiner Prosa (»Das Gefängnis«) eine Autobiographie des weiblichen Vaganten.Eleonore Kalkowskaließ im Krieg den Rauch des Frauenopfers steigen. Sie schreitet vom Gedicht zum Drama.
ManhatFrank Wedekind(1864–1918) einen Bruder und Genossen der Lenz, Büchner, Grabbe genannt. Er hatte nicht die selbstverständliche Grazie dieser drei (die Grabbe auch im Grausigen bewies). Er war kein Kind der Natur. Die Natur war ihm in jeglicher Gestalt verhaßt und widerwärtig. Vor einer schönen Landschaft erfaßte ihn ein Brechreiz. Und er wurde erst wieder beruhigt, wenn er die Berge, etwa als ein liebendes Paar in Umarmung, drastisch definieren konnte. Er war ganz gewiß ein Erotomane, dessen moralische Komplexe sich bis zum exzessiven Pathos steigern konnten. Er war ein genialer Spießer – mit umgekehrtem Vorzeichen. Ein erotischer Frömmler. Ein frömmelnder Erotiker. Flagellant, Sadist, Masochist aus religiöser Überzeugung. Ihm war das Weib die große Hure von Babylon und als solche immer anbetungswürdig. Er führte ein Tagebuch aller Zärtlichkeiten, der sanften und der schrecklichen. Er führte dieses Tagebuch gewissenhaft wie ein Oberlehrer. Als Oberlehrer (mit dem schlechten Gewissen des ehemaligen Schülers …) fühlt er sich auch seinen Geschöpfen gegenüber: einer Lulu, einer Franziska, die zu seiner Liebe, zu seinem Leben emporgepeitscht wurden – um sich dann an ihrem Lehrmeister aufs grausigste zu rächen. In der Verbohrtheit im Problematischen ist er Hebbel, in der Technik den Stürmern und Drängern verwandt: diese dramatische Technik der Einzelbilder, Einzelszenen, wie sie »Frühlingserwachen« einführt, hat im deutschen Drama neuerdings Furore gemacht. Sein Kinderdrama »Frühlingserwachen« wird bleiben, bleiben wird der »Marquis von Keith«, der letzte Akt von »Schloß Wetterstein« und vor allem: »Lulu«. In ihr und in der kleinen Wendla hat er die natürliche Dämonie des Weibes groß gestaltet. Es ist vielleicht kein Zufall, daß in den vorzüglichsten Dramen der Epoche Frauen im Mittelpunkt der tragischen und komischen Handlung stehen: die Lulu im »Erdgeist«, Hannele in »Hanneles Himmelfahrt«, die Wulffen im »Biberpelz«, Madame Legros (im gleichnamigenDrama von Heinrich Mann) –, dies beweist, daß wir in einer romantischen Periode leben: Lulu ist die Inkarnation der geschlechtlichen, Hannele die der kindlichen, Madame Legros die der mütterlichen Liebe der Frau. Lulu will irdische Lust, Hannele himmlische Liebe, Madame Legros dies- und jenseitige Gerechtigkeit. –Wilhelm Schmidtbonn(geboren 1876) behandelte im »Grafen von Gleichen« das Problem des Mannes zwischen zwei Frauen. Der erste Akt gehört zu den besten ersten Akten der deutschen Literatur. Sein »Wunderbaum«, ein Prosabuch, birgt viele Wunder.Carl Sternheimzeichnet in seinen Dramen karikaturistische Bilder aus dem bürgerlichen Heldenleben: Streber, Schieber, sentimentale Kokotten, amusische Dichter, intellektuelle Schweinehunde, Auch- und Bauchsozialisten. In seinen Dramen wie in seinen Novellen holt er das Letzte virtuos, aber ohne Herz, aus der Technik des Wortes. Seine Geschichten laufen ab wie Maschinen. Er ist ein Ingenieur der Sprache.Herbert Eulenberg(geboren 1876 in Mühlheim) bemalt seine dramatischen Helden und Heldinnen blaßrosa und blaßblau. Sie gleiten schattenhaft durch eine romantische Kulissenwelt.Eduard Stucken(geboren 1865 in Moskau) beschwört noch einmal Montsalvatsch und die Gralsritter in klingenden, mit Innenreimen geschmückten Versen. Seine Romantrilogie »Die weißen Götter« erheischt Respekt.Georg Kaiser(geboren 1878 in Magdeburg) pflanzt sich ganz breitspurig und heutig vor uns hin. Teufel, ist das ein Leben, das sich da vor uns und um uns und in uns abspielt. Aktiengesellschaften werden gegründet aus Menschenliebe, aus Bonhomie, mit Ewigkeitsansprüchen. Beim »Brand des Opernhauses« entzünden sich alle Leidenschaften. »Von morgens bis mitternachts« rollt ein ganzes Leben ab via Bankinstitut, Freudenhaus, Park, Café, Heilsarmee, um in »Hölle, Weg, Erde« sich als leere Leere, parodierte Form, Konjunkturkommunistik zu entschleiern. Da ist mirR. John Gorslebens(aus Metz, geb. 1883)bedenken- und gewissenloser geistiger Abenteurer »Der Rastaquär« schon lieber. Denn der ist ehrlich.Hanns Johstsekstatische Szenerien haben sich zu einem adligen Drama »Der König« und zu einem problematischen Gegenwartsroman »Kreuzweg« edel ausgereift. Georg Kaiser, Sternheim, Eulenberg geben in ihren Dramen allerlei indirekte Antworten auf direkte Fragen. Das sind alles Passionen, die sich da abspielen.Walter Hasenclever(geboren 1890) im »Sohn« undRené Schickele(aus dem Elsaß, geboren 1883) in »Hans im Schnakenloch« gehen zur Aktion, zur These, zur Forderung über. Nicht: so seid ihr! Sondern: so sollt ihr sein! So soll der Sohn gegen den Vater, der Mensch zwischen den Rassen sich entscheiden! Hasenclevers »Antigone«,Unruhs»Ein Geschlecht« sind ebenfalls programmatische Äußerungen gegen den Krieg, während Hasenclever in seinem Drama »Menschen« zur Romantik umkehrt – den Weg, den noch alle Aktivisten werden schreiten müssen (Schickele beschritt ihn im »Glockenturm«) –, sich aber nach der anderen Seite purzelbaumartig überschlägt und beim übelsten Text zum Filmdrama landet. Höher steht sein okkultes Spiel »Jenseits«.
Paul Kornfelds»Verführung« gehört zu den typischen, monologischen Dramen des jungen Menschen aus der expressionistischen Epoche. (Einige andere: Hanns Johst »Der junge Mensch«, Walter Hasenclever »Der Sohn«, Klabund »Die Nachtwandler«.) Es ist das Erfreulichste von ihnen. Das Problem »Vater und Sohn« gestaltet eindrucksvoll in seinem gleichnamigen Fridericus-Drama auchJoachim v. d. Goltz.
Den schönsten deutschen Roman um 1900 schriebFriedrich Huchmit seinem »Pitt und Fox«. Biedermeierliche Zartheit und groteske Gotik blühen darin. Pitt ist der gute, der entmaterialisierte, Fox der schlechte materialistische Deutsche, wie ihn Heinrich Mann später in seinem Untertan Diederich Heßling so bitterböse abkonterfeit hat.OuckamaKnoopmalte im »Sebald Soeker« die Untergangsstimmung des Abendlandes, längst ehe sie gefällige Mode wurde.Hermann Lönsjagte den wilden »Wehrwolf« über die Heide. Des SchwabenEmil Strauß(geb. 1866) Kindertragödie »Freund Hein« ist mir unvergeßlich. Der HalkyonierO. E. Hartleben(1864–1905) etablierte sich mit glänzend geschriebenen ironischen Impressionen. Eine Abart des Impressionismus ist der Psychologismus, wie ihnThomas Mann(aus Lübeck, geb. 1875) in seinen ausgezeichneten Romanen und Novellen »Die Buddenbrooks«, »Tod in Venedig« übt. Er analysiert mit medizinischer Gewissenhaftigkeit die Einzelseele. Dem Studium der Massenseele gilt neuerdings seines BrudersHeinrich Mann(aus Lübeck, geboren 1871) Bemühung. Er ist der Dichter der Demokratie geworden in seinen Romanen: »Die kleine Stadt«, »Die Armen«, »Der Untertan«. – »Die kleine Stadt«, ein italienischer Kleinstadtroman, der schildert, wie eine fahrende Theatertruppe eine kleine Stadt revolutioniert, ist ein Markstein in der Geschichte des deutschen Romans. Seine früheren Italienromane, besonders die prachtvolle Trilogie »Die Göttinnen«, zeigen ihn noch ganz als Apologetiker des Übermenschen, des Einzelmenschen, des Anarchisten, als hymnischen Diener der Schönheit, der Kraft und der sinnlichsten Gewalt. Wer, der je der Herzogin von Assy begegnete, könnte sie vergessen? Denn sie war ihm Kind, Mutter und Geliebte.
Gustav Meyrink(geboren 1868 in Wien) schüttet ein Wunderhorn ergötzlicher und boshafter Trivialitäten, ältestes und neuestes Gerümpel, über den deutschen Spießer aus, der mit einem leeren Hirn aufdrapiert wie ein Pfingstochse in seinen Geschichten umherwandelt und »Muh« und »Bäh« sagt. Von Meyrinks großen Romanen, die allerlei kabbalistische und mystische Weltanschauung propagieren, ist der »Golem« nennenswert.Peter Altenberg(1859–1918, aus Wien) gewinnt seine amüsante Weltanschauung vom Café Fensterguckerl aus.Hermann Bahr(geboren 1863 in Linz) hatvom Naturalismus bis zum Expressionismus und Katholizismus so ziemlich alle Klassen der Literaturgeschichte absolviert und ist überall mit der Note 2–3 versetzt worden.Artur Schnitzler(geboren 1862), Dramatiker und Romanzier, schrieb zwei vollendete Novellen »Leutnant Gustl« und »Casanovas Heimkehr«. Des Kurländer GrafenE. Keyserling(1858–1918) Erzählungen beglücken schmerzlich wie im Frühherbst die bunten fallenden Blätter. ÜberHermann Hesses(geboren 1877 in Calw) Prosadichtungen der ersten Periode könnte als Motto der Vers eines Volksliedes stehen, mit dem er selbst eines seiner Bücher betitelt: »Schön ist die Jugend«. Seine rührendste Figur: der arme und doch so reiche Landstreicher Knulp. Mit vierzig Jahren überwand und übertraf er sich selbst in den farbigen und feurigen Zeugnissen einer zweiten Jugend: »Demian«, Weg und Wesen deutscher Seele entschleiernd, und der herrlichen Novelle »Klein und Wagner«.Wilhelm Schäfer(geboren 1868 in Ottrau) schuf sich in seinen »Anekdoten« eine eigene Novellenform in Anlehnung an mittelalterliche deutsche und italienische Meister. Sie gehören zu den besten Leistungen der deutschen Prosa der Gegenwart, die inJakob Wassermanns(geboren 1873 in Fürth) Romanen »Das Gänsemännchen« und »Kaspar Hauser« einen ihrer Meister fand. Eine reiche Fülle lebendigster Gestalten, eine ganze große und kleine Welt wird aus der Tiefe ans Licht gehoben. Die Prosa der jüngsten Generation, mitKasimir Edschmid(geboren 1890) undAlfred Döblinbeginnend, vermag diesen Leistungen Gleichwertiges an die Seite zu setzen. Edschmids Novellen sind wie in einem Treibhaus gezüchtete Blumen: bizarr, geistreich, gekünstelt, voll wilder, aromatischer, zuweilen peinlicher Düfte. Sein Roman: ein tiefer Abstieg. Alfred Döblin beschwört den Schatten Wallensteins und in den »Drei Sprüngen des Wang-lun« einen edlen Rebellen der Schwäche in der Landschaft eines erträumten China. Der schlesische RusseArnoldUlitztürmt den »Ararat«.Klabund(geboren 1891 in Crossen a. O.) versuchte im »Moreau« den Roman eines Soldaten, im »Mohammed« den Roman eines Propheten, im »Bracke« den gotischen Roman eines Eulenspiegel zu gestalten. Der »Dreiklang« enthält das Wesentlichste seiner Lyrik.Leonhard Franks(geboren 1882 in Würzburg) »Ursache« ist in Dichtung umgesetzte Freudsche Psychologie.Andreas Latzkos(geb. 1876 in Budapest) Bücher (»Menschen im Krieg«) und Leonhard Franks »Der Mensch ist gut« haben ihr Bestes geleistet in der Revolutionierung der Seelen, an welcher aber kritische Geister wieKarl Kraus(geboren 1874 in Gitschin) undFranz Pfemfert(geboren 1877 in Lötzen) seit Jahren schon viel tieferen Anteil hatten mit »Fackel« und »Aktion«. Jene sind zeitgeschichtlich von großer Bedeutung. Ihr dichterischer Wert ist weit geringer. Der Mensch ist nicht gut, sondern er will gut werden. Das Moment der Entwicklung ist das Entscheidende. Schon Herzeloide erzog ihren Sohn Parsival in der Waldeseinsamkeit, damit er vor dem Welt- und Kriegsgetümmel bewahrt sei. Aber alle Abgeschlossenheit half nichts. Ein jeder trägt ja den Feind in der eigenen Brust. Gegen ihn heißt's kämpfen. Man muß sich selbst aufs Haupt schlagen. Gott und du: das sollen nur Synonyme sein.Epitheta ornantiades einen. Du mußt den Heimweg finden: heim zu dir. Auf diesem Heimweg durch die Dunkelheit stehen die Dichter an den Meilensteinen wie Fackelträger. Von Fackel zu Fackel tastest du dich vorwärts: zum Morgenrot, bis Gottes Herz einst über den Bergen aufgeht. Menschen- und Gottesauge werden ineinander trinken und wird nur ein Licht und eine Liebe sein.
Die Vorläufer des lyrischen Expressionismus sindOtto zur Linde(geb. 1873 in Essen) und die Charontiker, die sich um ihn sammelten. Er schon stellte die These von derekstatischen Unmittelbarkeit auf, blieb aber praktisch im Assoziativen stecken.Walter Calé(aus Berlin, 1881–1904) starb allzufrüh.Max Dauthendey(aus Würzburg, 1867–1918) sang inbrünstige Lust- und Liebeslieder. Sein heißes Blut trieb ihn in die Tropen, aus denen er exotische Novellen heimbrachte. DesWilhelm von Scholz(aus Berlin, geb. 1874) Verse spiegeln sich wie Nymphen gern in dunklen Teichen, vom Walde überwuchert.Alfred Kerr(geb. 1867 in Breslau), als Kritiker ein Dichter, als Dichter ein Kritiker, hat einer ganzen lyrischen Generation das Gehen, die ersten Schritte beigebracht. Der dämonische NaturburscheGeorg Heym(aus Hirschberg, 1887–1912) machte dann mit der neuen Dichtung ernst. Er krempelte sich dazu die Hemdsärmel auf: wie ein Riese schritt er über die Dächer und zwischen den Straßen Berlins, und allesdies: Mensch, Trambahn, Mond, Spelunkenspuk war ihm wie Riesenspielzeug, die Stadt wurde ihm zur Landschaft, Berg wurde Haus. Er ertrank beim Eislauf, vierundzwanzigjährig, im Müggelsee. Das Grabgeleite gaben ihm Scharen »fortgeschrittener Lyriker«. Als Georg Heym in den Fluten versunken war, stieg aus den im Frühling getauten Wogen wie ein junger Meergott, prustend, dampfend in der Sonne, schreiend vor Lust am Licht:Franz Werfel(geboren in Prag 1890). Er verkündigte das Evangelium des schönen strahlenden Menschen, der jedem Wesen, auch dem ärmsten, brüderlich zugewandt. Gewaltig schwingt sein religiöses Pathos. Er will einer der Propheten des neuen Bundes sein: des Bundes aller wahrhaft Menschlichen. Er kniet nieder, unsagbar demütig und bußwillig, mit Unkraut noch und Schlamm fühlt er sein Herz erfüllt. Erst nachdem er sich selbst gerichtet, wächst er zum Richter der Menschheit. Er sank hin, er kniete hin, er weinte. Er lauschte, er horchte, er hörte, er diente. Nun schuf er, nun trägt er, nun hält er wie Christophorus die Erdkugel. Erst sah er die Welt – und siehe, sie war schön –, da wurde er der Weltfreund.Dann sah er sich, und siehe, er war häßlich. Aber er war. Da nahm er sein Sein und trug es zu den anderen. Drei Reiche durchwanderte er. Er wird in das vierte gelangen, das sie alle drei umfaßt: das Reich der glückseligen Gerechtigkeit, der Reinheit und Einheit. Er wird über sich selbst »Gerichtstag« halten. Dann wird sein kriegerisches Wesen sich beruhigend lösen. Er wird zerrinnen und eine Welle sein, gekräuselt, entführt und gespült ins Meer der Vollkommenheit und der Vollendung.
Erst wenn ein Mensch zergingIn jedem Tier und Ding,Zu lieben er anfing.
Erst wenn ein Mensch zergingIn jedem Tier und Ding,Zu lieben er anfing.
Im Gefolge Werfels, des Propheten der Bruderliebe, wandeln unzählige junge Lyriker, weniger von der bronzenen Glocke seiner lyrischen Form angetönt (er ist reinste Musik, Oboe, Flöte: sie sind meist nur Schellenträger und Trommler), als von seinem Pathos bezwungen. In der Form wenden sich viele mehr der Imitation des großen Amerikaners Walt Whitman zu, seinen breiten rollenden Rhythmen, die brausen wie die Wogen des Atlantischen Ozeans. Walt Whitman sang von seinem Buch: Camerado, dies ist kein Buch – wer dies anrührt, rührt einen Menschen an! Dieses Motto sähen die jungen Dichter gern über alle ihre Bücher: ihre Dramen, Verse, romantischen Romane gesetzt. Sie wollen vor allemMenschensein. Und Menschensein. Wir sind! Wir sind! jubeln sie emphatisch mit Werfel. Die Ekstase ist ein Kennzeichen ihres Wollens. Von ihr sind die Formen so zerrissen, zerhackt, im Winde flatternd. Oft opfern sie das Dichterische auf Kosten des Moralischen. Ihre Empfindung ist vielfach keine individuelle mehr: ihr Erlebnis ist schon zum Kollektiverlebnis geworden. Sie dichten nicht mehr – sondern der Stil dichtet für sie. – Einen elegischen Nebensproß Werfels trieb Österreich inGeorg Traklaus Salzburg(1887–1914), dem Dichter der sanften Schwermut, des süßen Verzichtes, des violetten Unterganges, dem Hölderlin unserer Zeit. Alle Gedichte Trakls sind herbstliche Landschaften. Immer tönen leise im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes. InGottfried Benns(aus Mohrin, geb. 1885) Gedichten ist dies Ereignis geworden: Hirn wurde Herz, Geist wurde Fleisch. Benn steht für sich selbst und auf sich selbst: kein Werfel-, kein Whitmanjünger: ein Benn. Auch in seinen Novellen.Johannes R. Becher(geb. 1890) ruft in seinen Gedichten »An Europa« zur »Verbrüderung«. Es finden sich wundervolle einzelne Verse in seinen Büchern, die der sozialistischen Revolution dienen wollen, aber kaum ein vollendetes Gedicht. Der Wille zur These überschreit den Willen zur Form. Eine krampfhaft geschaffene neue Syntax ist noch keine neue Kunstform.Albert Ehrenstein(geb. in Wien 1886) schleudert seine Flüche gegen die »rote Zeit«. Europa wird zum Barbarossa. Ein griechisch gerichteter Geist zersprengt sich selbst und seine Form in Haßgesängen. Sein Reifstes bleibt die österreichische Novelle Tubutsch: voll ironischer Melancholie. Die ArbeiterdichterBarthel(geb. 1884) undBrögermachen Ansätze zu einer neuen Volkslyrik, derJakob Kneipin seinen Legenden am nächsten kommt. Es darf nicht verkannt werden: auch hier ist ein Weg. Das deutsche Lied, die deutsche Legende, das deutsche Märchen werden wieder einmal auferstehen. Der Expressionismus wird verwesen. Eine neue Romantik, eine neue Klassik dämmern empor. Ganz in der Tradition der klassischen deutschen Lyrik wandeln der OstpreußeAlbrecht Schaeffer(geb. 1885) – auf dessen Romanwerk Helianth auch hingewiesen sei – und der SchwabeBruno Frank(geb. 1887 in Stuttgart), der das Erbe Mörikes in guter junger Hand hält.Friedrich Schnacksteht mit flammendem Edelsteinsäbel als lyrischer Wächter am Eingang zum kommenden Reich.
Derjunge Mensch zwischen 1911 und 1918 war Krieger und Revolutionär, Expressionist und Bolschewist. Er ging in den Krieg als Revolutionär und in die Revolution als Krieger. Er fiel von einem Extrem ins andere: aus der Ekstase in die Verzweiflung, und umgekehrt. Er liebte allzu vage die Menschheit, ohne noch recht vom Menschen zu wissen. Er ist weitsichtig: aber in der Nähe vermag er nichts zu sehen. Er willalles– und erreichtnichts. Er ist immer geneigt, zu typisieren, zu schematisieren – ganz wie die verachteten Wissenschaftler. Es ist eine dunkle, heilige Ahnung des Kommenden in ihm. Aber in der Gegenwart stolpert er unbeholfen daher. Er sagt zehnmal nein, ehe er einmal ja sagt. Er schlägt derherrschendenKlasse, wie der Zeichner George Groß, in die Fratze, aber wenn er zur Herrschaft gelangt, weiß er auch keine anderen Mittel als die der anderen: Terror und Maschinengewehre, die Diktatur. Bitterlich, der den Bräutigam von Marie ermordet und Ruths Bruder in den Tod treibt, (in Kornfelds Verführung) ist er nicht ein Terrorist? Versucht er nicht, mit Gewalt die Welt zu ändern? Ich glaube nicht an die dauernde Überzeugungskraft brutaler Gewalt, von welcher Seite immer sie sich äußern mag. Wer hat die Welt dauernd verändert? Ein Karl der Große? Ein Napoleon? Ein Bismarck? Der chinesische Denker Laotse sagt einmal: »Das Zarteste überwindet das Härteste.« Wir wollen, symbolisch gesprochen, keine Boxer werden wie die Angelsachsen und jedem gleich die Faust ins Gesicht pflanzen. Unsere Schwäche wird eines Tages unsere Stärke sein. Wir müssen Dschiu-Dschitsu lernen: nicht den starren Angriff, sondern die elastische Verteidigung.
Revolutionen, geistige und materielle, schießen über das Ziel hinaus –, um nur etwas zu erreichen. Der Expressionismus wird einer neuen Romantik und Klassik den Weg bereiten wie der Kommunismus einem neuen Gemeinschaftsgefühl.
DieSehnsucht nach Erlösung blüht in den kommenden Generationen wild auf. Wir wollen erlöst werden – von derLüge. Denn alle Erlösung ist nur ein plötzliches Erblicken der Wahrheit. Die Lüge hat ihr Gorgohaupt in den letzten Jahren vor dem Kriege und im Kriege selbst widerlich erhoben. Aber wenige vermochten sie zu erkennen. Denn sie war geschminkt wie eine Hure und mit schönen Kleidern angetan und mit Steinen behängt. Das Bild der Welt war, wie es die mittelalterlichen Darstellungen zeigen: eine Frau, von vorn reizend und wohlgestalt anzusehen – aber hinten im offenen Rücken voll Schlangengezücht und Dreck und Eiter. Mammonismus, Militarismus, Materialismus: unter diesen drei Flammenzeichen focht der deutsche Gott, der Alliierte von Roßbach – und unterlag.
Wir sind nicht auf der Welt, um unglücklich zu sein. Dieser gram- und grauenvolle Krieg, in dem wir lebten und starben, könnte vorübergehend einen Märtyrerstandpunkt schaffen: als sei es über alle Maßen edel und tapfer und weise und natürlich und dieses Lebens letztes Ziel, zu leiden. Gerechtigkeit! Tu von den Augen die Binde und sieh die Erde: blühen nicht Blumen, rote und blaue und goldene, zu deinen Füßen? Glüht nicht das ewige Licht, die Sonne, um deine Stirn wie ein Heiligenschein? Taumeln nicht Pfauenauge und Zitronenfalter schräg durch den schreitenden Abend? Pferde springen elegant durch die Straßen. Wilde Katzen liegen zahm auf den bestrahlten Mauern unserer Gefängnisse. Und an florentinischer Brücke tritt, die Augen schön gesenkt, Beatrice dem liebenden Dichter entgegen. Sein Herzschlag stockt. Er, der erfahren viel und viel erduldet, weiß: Glück ist das Ziel der Menschheit. Macht die Menschen glücklich, und ihr werdet sie besser machen. Öffnet ihnen die Augen über den Himmel, die Tiere, die Frauen. Und weist ihnen alles dies: gestaltet und erhoben, beseligt und erlöst: in der Kunst, in der Dichtung. Noch regiert, obschon Friede geschlossen ist, Mars die Stunde,die Minute, die Sekunde. Noch herrscht der Krieg als Prinzip. Besiegt ihn, ihr Dichter, kraft eures Wortes, das wirklicher ist als manche schnell getane Tat. Besiegt ihn durch eure Waffenlosigkeit, durch die Inbrunst eurer Herzen!
Ihr Weiser und Verweser unseres Schönen,Laßt euch vom Waffenrausch nicht übertönen.O sorgt, daß unser Blut nicht rot erstarrtUnd seid uns Dom und ewige Gegenwart!Du Günther, brauner Packan, bissig bellend,Du Hölderlin, die sanften Pfeile schnellend,Du Mörike, verträumte Pfarrhauslinde,Du Eichendorff, voll grüner Birkenwinde,Du Heine, deutscher Jude, geistig handelnd,Du Conrad Ferdinand, auf Rhythmen wandelnd,Du Platen, im unsterblichsten Sonette,Du Nietzsche, deutscher Pole, Glockenkette,Und du, o ewige Früh- und Abendröte:Du Turm, du Sturm, du erster Mensch, du:Goethe!
Ihr Weiser und Verweser unseres Schönen,Laßt euch vom Waffenrausch nicht übertönen.O sorgt, daß unser Blut nicht rot erstarrtUnd seid uns Dom und ewige Gegenwart!Du Günther, brauner Packan, bissig bellend,Du Hölderlin, die sanften Pfeile schnellend,Du Mörike, verträumte Pfarrhauslinde,Du Eichendorff, voll grüner Birkenwinde,Du Heine, deutscher Jude, geistig handelnd,Du Conrad Ferdinand, auf Rhythmen wandelnd,Du Platen, im unsterblichsten Sonette,Du Nietzsche, deutscher Pole, Glockenkette,Und du, o ewige Früh- und Abendröte:Du Turm, du Sturm, du erster Mensch, du:Goethe!
(Klabund.)