Erinnerung.

Einmal vor manchem JahreWar ich ein Baum am Bergesrand,Und meine BirkenhaareKämmte der Mond mit weißer Hand.Hoch überm Abgrund hing ichWindebewegt auf schroffem Stein.Tanzende Wolken fing ichMir als vergänglich Spielzeug ein.Fühlte nichts im GemüteWeder von Wonne noch von Leid,Rauschte, verwelkte, blühte,In meinem Schatten schlief die Zeit.

Einmal vor manchem JahreWar ich ein Baum am Bergesrand,Und meine BirkenhaareKämmte der Mond mit weißer Hand.

Hoch überm Abgrund hing ichWindebewegt auf schroffem Stein.Tanzende Wolken fing ichMir als vergänglich Spielzeug ein.

Fühlte nichts im GemüteWeder von Wonne noch von Leid,Rauschte, verwelkte, blühte,In meinem Schatten schlief die Zeit.

Ich weiß, daß ich sterben mußAn deinem Lieben.Du hast mich ins Elend getriebenMit deinem Kuß.Ich irre verbannt, alleinUnd ohne Frieden,Seit ich von der Welt mich geschieden,Um dein zu sein.Nie werd' ich mein Vaterland,Das süße, schauen;Nie wirst du den Herd für uns bauenMit froher Hand.Oft streckst du die Arme aus,Wenn ich dir fehle.So fern bin ich; nur meine SeeleIrrt um dein Haus.

Ich weiß, daß ich sterben mußAn deinem Lieben.Du hast mich ins Elend getriebenMit deinem Kuß.

Ich irre verbannt, alleinUnd ohne Frieden,Seit ich von der Welt mich geschieden,Um dein zu sein.

Nie werd' ich mein Vaterland,Das süße, schauen;Nie wirst du den Herd für uns bauenMit froher Hand.

Oft streckst du die Arme aus,Wenn ich dir fehle.So fern bin ich; nur meine SeeleIrrt um dein Haus.

Herbst ist es, siehst du die Blätter fallen?Nicht wie die Welkenden frommWollen wir beide zu Tode wallen –Küsse mich, komm!Wolkenjagd oben in fernen Räumen!Köstlich und wonnevollIst es, die Perlen vom Wein zu schäumen,Übermutstoll.Aber noch herrlicher ist's, zu schlürfenAlles in einem Zug!Größeste Fülle, doch dem BedürfenNimmer genug!Laß uns das weinleere Glas zerschmettern,Komm von dem Gipfel ins Grab,Gleich unverletzlichen ewigen GötternLächelnd hinab!

Herbst ist es, siehst du die Blätter fallen?Nicht wie die Welkenden frommWollen wir beide zu Tode wallen –Küsse mich, komm!

Wolkenjagd oben in fernen Räumen!Köstlich und wonnevollIst es, die Perlen vom Wein zu schäumen,Übermutstoll.

Aber noch herrlicher ist's, zu schlürfenAlles in einem Zug!Größeste Fülle, doch dem BedürfenNimmer genug!

Laß uns das weinleere Glas zerschmettern,Komm von dem Gipfel ins Grab,Gleich unverletzlichen ewigen GötternLächelnd hinab!

In des Hades Grüfte trat ein neuer Gast.„Sei, Genosse, uns willkommen!Sprich, was du vernommenAuf der Erde schönen Fluren hast.Sprich uns von der vielgeliebten Sonne GlanzUnd von rosenroten Wangen;Sag, ob fröhlich schwangenKleine Mücken den geschwinden Tanz.Sahst du Liebchen Hand in Hand beim Abendmond?Über unsern LeichensteinenSahst du uns beweinenJene Schar, die froh im Lichte wohnt?Ihnen strömt der Tränen holder Tau,Der befreit und löst die Schmerzen,Wie das Eis im MärzenFrühlingswinde wonnevoll und lau.“– „Lenz war droben, da von dannen ich gemußt.Mit hinab in eure GrüfteNahm ich Veilchendüfte:Diesen vollen Strauß an meiner Brust.“ –Seht, da ruhn die Danaiden; von der QualMuß auch Tantalus sich wenden;Jäh aus müß'gen HändenStürzt der Stein des Sisyphus zu Tal.

In des Hades Grüfte trat ein neuer Gast.„Sei, Genosse, uns willkommen!Sprich, was du vernommenAuf der Erde schönen Fluren hast.

Sprich uns von der vielgeliebten Sonne GlanzUnd von rosenroten Wangen;Sag, ob fröhlich schwangenKleine Mücken den geschwinden Tanz.

Sahst du Liebchen Hand in Hand beim Abendmond?Über unsern LeichensteinenSahst du uns beweinenJene Schar, die froh im Lichte wohnt?

Ihnen strömt der Tränen holder Tau,Der befreit und löst die Schmerzen,Wie das Eis im MärzenFrühlingswinde wonnevoll und lau.“

– „Lenz war droben, da von dannen ich gemußt.Mit hinab in eure GrüfteNahm ich Veilchendüfte:Diesen vollen Strauß an meiner Brust.“ –

Seht, da ruhn die Danaiden; von der QualMuß auch Tantalus sich wenden;Jäh aus müß'gen HändenStürzt der Stein des Sisyphus zu Tal.

Nicht der Nachtigall und nicht der Lerche LiedKann mich freuen, wenn es klingt das Tal entlang;Hört' ich jemals wieder einen süßen Klang,Seit das Schicksal mich von meinem Freunde schied?Wenn er sprach zu mir und meinen Namen rief,O, wie wurde mir dabei die Seele weit;Wenn ich tot einst bin und lieg' im Grabe tief,Hör' ich's wohl um Mitternacht zur Sommerszeit.

Nicht der Nachtigall und nicht der Lerche LiedKann mich freuen, wenn es klingt das Tal entlang;Hört' ich jemals wieder einen süßen Klang,Seit das Schicksal mich von meinem Freunde schied?Wenn er sprach zu mir und meinen Namen rief,O, wie wurde mir dabei die Seele weit;Wenn ich tot einst bin und lieg' im Grabe tief,Hör' ich's wohl um Mitternacht zur Sommerszeit.

Ich hatte so viel dir zu berichten,Neuigkeiten, allerhand Geschichten;Aber nun bist du auf einmal so nahMit diesem Kinn und diesen Wangen,Alle Gedanken sind mir vergangen –Ach Gott und dein Hals, der weiche, runde,Nur eine Spanne von meinem Munde,Den ich so lange, die Lippen zerbeißend, von weitem sah!

Ich hatte so viel dir zu berichten,Neuigkeiten, allerhand Geschichten;Aber nun bist du auf einmal so nahMit diesem Kinn und diesen Wangen,Alle Gedanken sind mir vergangen –Ach Gott und dein Hals, der weiche, runde,Nur eine Spanne von meinem Munde,Den ich so lange, die Lippen zerbeißend, von weitem sah!

Einen guten Grund hat's, daß mein LiebchenÜber alles schön und herrlich ist geraten:Denn mit Lenztau ward getauft das Bübchen,Mond und Sonne waren seine Paten.Sonne setzt' ins Aug' ihm goldne Kerzen:Wenn er aufschaut, glühen alle Herzen.Und der Mond küßt' ihm den Mund von ferne:Wenn er lächelt, klingen alle Sterne.

Einen guten Grund hat's, daß mein LiebchenÜber alles schön und herrlich ist geraten:Denn mit Lenztau ward getauft das Bübchen,Mond und Sonne waren seine Paten.Sonne setzt' ins Aug' ihm goldne Kerzen:Wenn er aufschaut, glühen alle Herzen.Und der Mond küßt' ihm den Mund von ferne:Wenn er lächelt, klingen alle Sterne.

Geboren am 21. Dezember 1853 zu Stuttgart als Tochter des Dichters Hermann Kurz; lebt, unvermählt, seit dem Jahre 1877 zumeist in Florenz. – Gedichte 1889. Neue Gedichte 1905.

Du sprichst von Sünde gleich und ew'gen Flammen,Will ich ein Stündchen nur mit dir verkosen,Weil noch kein Priesterwort uns gab zusammen.Doch neulich sprach der Pfaff beim Messelesen, –Er sprach Latein, drum blieb der Sinn dir dunkel,Ich aber bin einst Ministrant gewesen.Er sagte: Fromme Christen, laßt euch raten!Ihr müßt für jeden ungeküßten KußEinhundert Jährlein in der Hölle braten.

Du sprichst von Sünde gleich und ew'gen Flammen,Will ich ein Stündchen nur mit dir verkosen,Weil noch kein Priesterwort uns gab zusammen.

Doch neulich sprach der Pfaff beim Messelesen, –Er sprach Latein, drum blieb der Sinn dir dunkel,Ich aber bin einst Ministrant gewesen.

Er sagte: Fromme Christen, laßt euch raten!Ihr müßt für jeden ungeküßten KußEinhundert Jährlein in der Hölle braten.

Jetzt kommt die Nacht, die erste Nacht im Grab.O, wo ist aller Glanz, der dich umgab?In kalter Erde ist dein Bett gemacht.Wie wirst du schlummern diese erste Nacht?Vom letzten Regen ist dein Kissen feucht,Nachtvögel schrein, vom Wind emporgescheucht,Kein Lämpchen brennt dir mehr, nur kalt und fahlSpielt auf der Schlummerstatt der Mondenstrahl.Die Stunden schleichen – schläfst du bis zum Tag?Horchst du wie ich auf jeden Glockenschlag?Wie kann ich ruhn und schlummern kurze Frist,Wenn du, mein Lieb, so schlecht gebettet bist?

Jetzt kommt die Nacht, die erste Nacht im Grab.O, wo ist aller Glanz, der dich umgab?In kalter Erde ist dein Bett gemacht.Wie wirst du schlummern diese erste Nacht?

Vom letzten Regen ist dein Kissen feucht,Nachtvögel schrein, vom Wind emporgescheucht,Kein Lämpchen brennt dir mehr, nur kalt und fahlSpielt auf der Schlummerstatt der Mondenstrahl.

Die Stunden schleichen – schläfst du bis zum Tag?Horchst du wie ich auf jeden Glockenschlag?Wie kann ich ruhn und schlummern kurze Frist,Wenn du, mein Lieb, so schlecht gebettet bist?

Nächtlich war's am stillen Weiher,Wo ich ihm zur Seite stand,Als im Wind mein langer SchleierSich um seinen Nacken wand.Ach, was ließ ich's nur geschehen!Daß er fest den Knoten schlang,Mich an seiner Hand zu gehen,Ein gefangnes Füllen, zwang!Denn seitdem auf allen WegenFühlt' ich unzerreißlich stetsÜber mich und ihn sich legenMagisch jenes Schleiers Netz.Seit mich gar sein Arm umwindet,Schwand der Freiheit letzter Rest.Fessel, die uns beide bindet,Liebe Fessel, halte fest!

Nächtlich war's am stillen Weiher,Wo ich ihm zur Seite stand,Als im Wind mein langer SchleierSich um seinen Nacken wand.

Ach, was ließ ich's nur geschehen!Daß er fest den Knoten schlang,Mich an seiner Hand zu gehen,Ein gefangnes Füllen, zwang!

Denn seitdem auf allen WegenFühlt' ich unzerreißlich stetsÜber mich und ihn sich legenMagisch jenes Schleiers Netz.

Seit mich gar sein Arm umwindet,Schwand der Freiheit letzter Rest.Fessel, die uns beide bindet,Liebe Fessel, halte fest!

Über ein Glück, das du flüchtig besessen,Tröstet Erinnern, tröstet Vergessen,Tröstet die alles heilende Zeit.Aber die Träume, die nie errungnen,Nie vergeßnen und nie bezwungnen,Nimmer verläßt dich ihr sehnendes Leid.

Über ein Glück, das du flüchtig besessen,Tröstet Erinnern, tröstet Vergessen,Tröstet die alles heilende Zeit.Aber die Träume, die nie errungnen,Nie vergeßnen und nie bezwungnen,Nimmer verläßt dich ihr sehnendes Leid.

Gedichte aus den gesammelten Büchern im Verlag Paul Cassirer in Berlin.

Der Abend weht Sehnen aus Blütensüße,Und auf den Bergen brennt wie Silberdiamant der Reif,Und Engelköpfchen gucken überm Himmelsstreif,Und wir beide sind im Paradiese.Und uns gehört das ganze bunte Leben,Das blaue, große Bilderbuch mit Sternen,Mit Wolkentieren, die sich jagen in den FernenUnd hei! die Kreiselwinde, die uns drehn und heben!Der liebe Gott träumt seinen KindertraumVom Paradies – von seinen zwei Gespielen,Und große Blumen sehn uns an von Dornenstielen …Die düstere Erde hing noch grün am Baum.

Der Abend weht Sehnen aus Blütensüße,Und auf den Bergen brennt wie Silberdiamant der Reif,Und Engelköpfchen gucken überm Himmelsstreif,Und wir beide sind im Paradiese.

Und uns gehört das ganze bunte Leben,Das blaue, große Bilderbuch mit Sternen,Mit Wolkentieren, die sich jagen in den FernenUnd hei! die Kreiselwinde, die uns drehn und heben!

Der liebe Gott träumt seinen KindertraumVom Paradies – von seinen zwei Gespielen,Und große Blumen sehn uns an von Dornenstielen …

Die düstere Erde hing noch grün am Baum.

Er hat seinen heiligen Schwestern versprochen,Mich nicht zu verführen,Zwischen Mairosen hätte er fastSein Wort gebrochen,Aber er machte drei KreuzeUnd ich glaubte heiß zu erfrieren.Nun lieg' ich im düstern Nadelwald,Und der Herbst saust kalte NordostliederÜber meine Lenzglieder.Aber wenn es wieder warm wird,Wünsch' ich den heiligen Schwestern beid' HochzeitUnd wir – spielen dann unter den Mairosen …

Er hat seinen heiligen Schwestern versprochen,Mich nicht zu verführen,Zwischen Mairosen hätte er fast

Sein Wort gebrochen,Aber er machte drei KreuzeUnd ich glaubte heiß zu erfrieren.

Nun lieg' ich im düstern Nadelwald,Und der Herbst saust kalte NordostliederÜber meine Lenzglieder.

Aber wenn es wieder warm wird,Wünsch' ich den heiligen Schwestern beid' HochzeitUnd wir – spielen dann unter den Mairosen …

Die Sterne fliehen schreckensbleichVom Himmel meiner Einsamkeit,Und das schwarze Auge der MitternachtStarrt näher und näher.Ich finde mich nicht wiederIn dieser Todverlassenheit!Mir ist, ich lieg' von mir weltenweitZwischen grauer Nacht der Urangst …Ich wollte, ein Schmerzen rege sichUnd stürze mich grausam niederUnd riß mich jäh an mich!Und es lege eine SchöpferlustMich wieder in meine HeimatUnter der Mutterbrust.Meine Mutterheimat ist seeleleer,Es blühen dort keine RosenIm warmen Odem mehr. –… Möcht' einen Herzallerliebsten haben!Und mich in seinem Fleisch vergraben.

Die Sterne fliehen schreckensbleichVom Himmel meiner Einsamkeit,Und das schwarze Auge der MitternachtStarrt näher und näher.

Ich finde mich nicht wiederIn dieser Todverlassenheit!Mir ist, ich lieg' von mir weltenweitZwischen grauer Nacht der Urangst …

Ich wollte, ein Schmerzen rege sichUnd stürze mich grausam niederUnd riß mich jäh an mich!Und es lege eine SchöpferlustMich wieder in meine HeimatUnter der Mutterbrust.

Meine Mutterheimat ist seeleleer,Es blühen dort keine RosenIm warmen Odem mehr. –… Möcht' einen Herzallerliebsten haben!Und mich in seinem Fleisch vergraben.

Else Lasker-Schüler

Es rauscht durch unseren SchlafEin feines Wehen wie Seide,Wie pochendes ErblühenÜber uns beide.Und ich werde heimwärtsVon deinem Atem getragen,Durch verzauberte Märchen,Durch verschüttete Sagen.Und mein Dornenlächeln spieltMit deinen urtiefen Zügen,Und es kommen die ErdenSich an uns zu schmiegen.Es rauscht durch unseren SchlafEin feines Wehen wie Seide –Der weltalte TraumSegnet uns beide.

Es rauscht durch unseren SchlafEin feines Wehen wie Seide,Wie pochendes ErblühenÜber uns beide.

Und ich werde heimwärtsVon deinem Atem getragen,Durch verzauberte Märchen,Durch verschüttete Sagen.

Und mein Dornenlächeln spieltMit deinen urtiefen Zügen,Und es kommen die ErdenSich an uns zu schmiegen.

Es rauscht durch unseren SchlafEin feines Wehen wie Seide –Der weltalte TraumSegnet uns beide.

Drei Stürme liebt' ich ihn eher wie er mich,Jäh schrien seine Lippen,Wie der geöffnete Erdmund!Und Gärten berauschten am Mairegen sich.Und wir griffen unsere Hände,Die verlöteten wie Ringe sich.Und er sprang mit mir auf die LüfteGotthin, bis der Atem verstrich.Dann kam ein leuchtender SommertagWie eine glückselige Mutter.Und die Mädchen blickten schwärmerisch,Nur meine Seele lag müd' und zag.

Drei Stürme liebt' ich ihn eher wie er mich,Jäh schrien seine Lippen,Wie der geöffnete Erdmund!Und Gärten berauschten am Mairegen sich.

Und wir griffen unsere Hände,Die verlöteten wie Ringe sich.Und er sprang mit mir auf die LüfteGotthin, bis der Atem verstrich.

Dann kam ein leuchtender SommertagWie eine glückselige Mutter.Und die Mädchen blickten schwärmerisch,Nur meine Seele lag müd' und zag.

Du hast deinen Kopf tief über mich gesenkt,Deinen Kopf mit den goldenen Lenzhaaren,Und deine Lippen sind von rosiger SonnenweichheitWie die Blüten der Bäume Edens waren.Und die keimende Liebe ist meine Seele,O, meine Seele ist das vertriebene Sehnen,Und du zitterst von AhnungenUnd weißt nicht, warum deine Träume stöhnen.Und ich liege schwer auf deinem Leben,Wie eine tausendstämmige Erinnerung.Und du bist so blindjung, so adamjung …Du hast deinen Kopf tief über mich gesenkt.

Du hast deinen Kopf tief über mich gesenkt,Deinen Kopf mit den goldenen Lenzhaaren,Und deine Lippen sind von rosiger SonnenweichheitWie die Blüten der Bäume Edens waren.

Und die keimende Liebe ist meine Seele,O, meine Seele ist das vertriebene Sehnen,Und du zitterst von AhnungenUnd weißt nicht, warum deine Träume stöhnen.

Und ich liege schwer auf deinem Leben,Wie eine tausendstämmige Erinnerung.Und du bist so blindjung, so adamjung …Du hast deinen Kopf tief über mich gesenkt.

Der Fels wird morsch,Dem ich entspringeUnd meine Gotteslieder singe …Jäh stürz' ich vom WegUnd riesele ganz in mirFernab, allein über KlagegesteinDem Meer zu.Hab' mich so abgeströmtVon meines BlutesMostvergorenheit.Und immer, immer noch der WiderhallIn mir,Wenn schauerlich gen OstDas morsche Felsgebein,Mein Volk,Zu Gott schreit.

Der Fels wird morsch,Dem ich entspringeUnd meine Gotteslieder singe …Jäh stürz' ich vom WegUnd riesele ganz in mirFernab, allein über KlagegesteinDem Meer zu.

Hab' mich so abgeströmtVon meines BlutesMostvergorenheit.Und immer, immer noch der WiderhallIn mir,Wenn schauerlich gen OstDas morsche Felsgebein,Mein Volk,Zu Gott schreit.

Wie ein heimlicher BrunnenMurmelt mein Blut,Immer von dir, immer von mir.Unter dem taumelnden MondTanzen meine nackten, suchenden Träume,Nachtwandelnde, fiebernde Kinder,Leise über düstere Hecken.O, deine Lippen sind sonnig …Diese Rauschedüfte deiner Lippen …Und aus blauen Dolden, silberumringtLächelst du … du, du.Immer das schlängelnde GerieselAuf meiner HautÜber die Schultern hinweg –Ich lausche …Wie ein heimlicher BrunnenMurmelt mein Blut …

Wie ein heimlicher BrunnenMurmelt mein Blut,Immer von dir, immer von mir.Unter dem taumelnden MondTanzen meine nackten, suchenden Träume,Nachtwandelnde, fiebernde Kinder,Leise über düstere Hecken.O, deine Lippen sind sonnig …Diese Rauschedüfte deiner Lippen …Und aus blauen Dolden, silberumringtLächelst du … du, du.Immer das schlängelnde GerieselAuf meiner HautÜber die Schultern hinweg –Ich lausche …Wie ein heimlicher BrunnenMurmelt mein Blut …

Zwölf Morgenhellen weitVerschallt der Geist der Mitternacht,Und meine Lippen haben ausgedachtIn stolzer Linie mit der Ewigkeit.Torabwärts schreitet das Verflossene,Indessen meine Seele sich im Glanz der Lösung bricht,Ihr tausendheißes, weißes LichtScheint mir voran ins Ungegossene.Und ich wachse über all Erinnern weit.So fern Musik … und zwischen Kampf und FriedenSteigen meine Blicke hoch wie Pyramiden,Und sind die Ziele hinter aller Zeit.

Zwölf Morgenhellen weitVerschallt der Geist der Mitternacht,Und meine Lippen haben ausgedachtIn stolzer Linie mit der Ewigkeit.

Torabwärts schreitet das Verflossene,Indessen meine Seele sich im Glanz der Lösung bricht,Ihr tausendheißes, weißes LichtScheint mir voran ins Ungegossene.

Und ich wachse über all Erinnern weit.So fern Musik … und zwischen Kampf und FriedenSteigen meine Blicke hoch wie Pyramiden,Und sind die Ziele hinter aller Zeit.

Mein Traum ist eine junge, wilde WeideUnd schmachtet in der Dürre.Wie die Kleider um den Tag brennen …Alle Lande bäumen sich.Soll ich dich locken mit dem Liede der LercheOder soll ich dich rufen wie der FeldvogelTuuh! Tuuh!Wie die SilberährenUm meine Füße sieden …O, meine schmerzliche LustWeint wie ein Kind.

Mein Traum ist eine junge, wilde WeideUnd schmachtet in der Dürre.Wie die Kleider um den Tag brennen …Alle Lande bäumen sich.Soll ich dich locken mit dem Liede der LercheOder soll ich dich rufen wie der FeldvogelTuuh! Tuuh!Wie die SilberährenUm meine Füße sieden …O, meine schmerzliche LustWeint wie ein Kind.

Du hast deine warme SeeleUm mein verwittertes Herz geschlungen,Und all seine dunkeln TöneSind wie ferne Donner verklungen.Aber es kann nicht mehr jauchzenMit seiner wilden Wunde,Und wunschlos in deinem ArmeLiegt mein Mund auf deinem Munde.Und ich höre dich leise weinen,Und es ist – die Nacht bewegt sich kaum –Als fiele ein MaienregenAuf meinen greisen Traum.

Du hast deine warme SeeleUm mein verwittertes Herz geschlungen,Und all seine dunkeln TöneSind wie ferne Donner verklungen.

Aber es kann nicht mehr jauchzenMit seiner wilden Wunde,Und wunschlos in deinem ArmeLiegt mein Mund auf deinem Munde.

Und ich höre dich leise weinen,Und es ist – die Nacht bewegt sich kaum –Als fiele ein MaienregenAuf meinen greisen Traum.

Es ist ein Weinen in der Welt,Als ob der liebe Gott gestorben wär',Und der bleierne Schatten, der niederfällt,Lastet grabesschwer.Komm, wir wollen uns näher verbergen …Das Leben liegt in Aller HerzenWie in Särgen.Du! wir wollen uns tief küssen …Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,An der wir sterben müssen.

Es ist ein Weinen in der Welt,Als ob der liebe Gott gestorben wär',Und der bleierne Schatten, der niederfällt,Lastet grabesschwer.

Komm, wir wollen uns näher verbergen …Das Leben liegt in Aller HerzenWie in Särgen.

Du! wir wollen uns tief küssen …Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,An der wir sterben müssen.

Auf deinen Wangen liegenGoldene Tauben.Aber dein Herz ist ein Wirbelwind,Dein Blut rauscht, wie mein Blut –SüßAn Himbeersträuchern vorbei.O, ich denke an dich – –Die Nacht frage nur.Niemand kann so schönMit deinen Händen spielen,Schlösser bauen, wie ichAus Goldfinger;Burgen mit hohen Türmen!Strandräuber sind wir dann.Wenn du da bist,Bin ich immer reich.Du nimmst mich so zu dir,Ich sehe dein Herz sternen.Schillernde EidechsenSind dein Geweide.Du bist ganz aus Gold –Alle Lippen halten den Atem an.

Auf deinen Wangen liegenGoldene Tauben.

Aber dein Herz ist ein Wirbelwind,Dein Blut rauscht, wie mein Blut –

SüßAn Himbeersträuchern vorbei.

O, ich denke an dich – –Die Nacht frage nur.

Niemand kann so schönMit deinen Händen spielen,

Schlösser bauen, wie ichAus Goldfinger;

Burgen mit hohen Türmen!Strandräuber sind wir dann.

Wenn du da bist,Bin ich immer reich.

Du nimmst mich so zu dir,Ich sehe dein Herz sternen.

Schillernde EidechsenSind dein Geweide.

Du bist ganz aus Gold –Alle Lippen halten den Atem an.

Geboren am 3. Juni 1844 zu Kiel, besuchte die Gelehrte Schule seiner Vaterstadt, trat 1863 beim westfälischen Füsilierregiment Nr. 37 in Mainz ein, nahm an den Kriegen 1866 und 1870–71 teil, wurde mehrmals verwundet, nahm seinen Abschied, ging auf kurze Zeit nach Amerika, kehrte zurück, wurde Deichhauptmann und Hardesvogt auf Pellworm, wo er die „Adjutantenritte“ schrieb, und lebte zuletzt, nachdem er längere Zeit in Altona gewohnt hatte, als Hauptmann a. D. in Alt-Rahlstedt bei Hamburg. Er starb dort am 22. Juli 1909. – Seine früher unter andern Titeln erschienenen Gedichtbücher heißen jetzt: Kampf und Spiele. Kämpfe und Ziele. Nebel und Sonne. Bunte Beute. Ausgewählte Gedichte. Poggfred. Gute Nacht.

Eh mir aus der Scheide schoßBlitz und blank der Degen,Ließ noch einmal Mann und RoßKurzer Rast ich pflegen.Und die Hand als Augenschild,Meine Lider sanken,Rasch vorbei, ein wechselnd Bild,Flogen die Gedanken.Kinderland, du Zauberland,Haus und Hof und Hecken.Hinter blauer WälderwandSpielt die Welt Verstecken.Weiter nun in bunten ReihnZog mein wüstes Leben.Wenig Taten, vieler Schein,Windige Spinneweben.Würfel, Weiber, Wein, Gesang,Jugendrasche Quelle,Und im wilden WogendrangSchwamm ich mit der Welle …Doch Dragoner glänzen hellDort an jenem Hügel.An die Pferde! Fertig! SchnellKlebt der Sporn am Bügel.Zügel fest, Fanfarenruf,Donnernd schwappt der Rasen.Bald sind wir mit flüchtigem HufAn den Feind geblasen.Anprall, Fluch und Stoß und Hieb,Kann den Arm nicht sparen,Wo mir Helm und Handschuh blieb,Hab' ich nicht erfahren.Sattelleere, Sturz und Staub,Klingenkreuz und Scharten.Trunken schwenkt die Faust den RaubFlatternd der Standarten.Täuschend gleicht des Feindes FluchtTollgehetzten Hammeln.Freudig ruft in Wald und SchluchtMein Signal zum Sammeln.Schweiß und Blut an Stirn und Schwert,Laß es tropfen, tropfen.Dankbar muß ich meinem PferdHals und Mähne klopfen.Nächtens dann beim Feuerschein,Nach des Kampfes Mühe,Fielen mir Gedanken einAus des Tages Frühe.Schwamm ich viele Jahre langSteuerlos im Leben,Hat mir heut der scharfe GangWink und Ziel gegeben.

Eh mir aus der Scheide schoßBlitz und blank der Degen,Ließ noch einmal Mann und RoßKurzer Rast ich pflegen.

Und die Hand als Augenschild,Meine Lider sanken,Rasch vorbei, ein wechselnd Bild,Flogen die Gedanken.

Kinderland, du Zauberland,Haus und Hof und Hecken.Hinter blauer WälderwandSpielt die Welt Verstecken.

Weiter nun in bunten ReihnZog mein wüstes Leben.Wenig Taten, vieler Schein,Windige Spinneweben.

Würfel, Weiber, Wein, Gesang,Jugendrasche Quelle,Und im wilden WogendrangSchwamm ich mit der Welle …

Doch Dragoner glänzen hellDort an jenem Hügel.An die Pferde! Fertig! SchnellKlebt der Sporn am Bügel.

Zügel fest, Fanfarenruf,Donnernd schwappt der Rasen.Bald sind wir mit flüchtigem HufAn den Feind geblasen.

Anprall, Fluch und Stoß und Hieb,Kann den Arm nicht sparen,Wo mir Helm und Handschuh blieb,Hab' ich nicht erfahren.

Sattelleere, Sturz und Staub,Klingenkreuz und Scharten.Trunken schwenkt die Faust den RaubFlatternd der Standarten.

Täuschend gleicht des Feindes FluchtTollgehetzten Hammeln.Freudig ruft in Wald und SchluchtMein Signal zum Sammeln.

Schweiß und Blut an Stirn und Schwert,Laß es tropfen, tropfen.Dankbar muß ich meinem PferdHals und Mähne klopfen.

Nächtens dann beim Feuerschein,Nach des Kampfes Mühe,Fielen mir Gedanken einAus des Tages Frühe.

Schwamm ich viele Jahre langSteuerlos im Leben,Hat mir heut der scharfe GangWink und Ziel gegeben.

Im Weizenfeld, in Korn und Mohn,Liegt ein Soldat, unaufgefunden,Zwei Tage schon, zwei Nächte schon,Mit schweren Wunden, unverbunden.Durstüberquält und fieberwild,Im Todeskampf den Kopf erhoben.Ein letzter Traum, ein letztes Bild,Sein brechend Auge schlägt nach oben.Die Sense sirrt im Ährenfeld,Er sieht sein Dorf im Arbeitsfrieden,Ade, ade, du Heimatwelt –Und beugt das Haupt, und ist verschieden.

Im Weizenfeld, in Korn und Mohn,Liegt ein Soldat, unaufgefunden,Zwei Tage schon, zwei Nächte schon,Mit schweren Wunden, unverbunden.

Durstüberquält und fieberwild,Im Todeskampf den Kopf erhoben.Ein letzter Traum, ein letztes Bild,Sein brechend Auge schlägt nach oben.

Die Sense sirrt im Ährenfeld,Er sieht sein Dorf im Arbeitsfrieden,Ade, ade, du Heimatwelt –Und beugt das Haupt, und ist verschieden.

Der lange Junitag war heiß gewesen,Ich saß im Garten einer Fischerhütte,Wo schlicht auf Beeten, zierlich eingerahmtVon Muscheln, Buchs und glatten Kieselsteinen,Der Goldlack blüht, und Tulpen, Mohn und RosenIn bäurisch buntem Durcheinander prunken.Es war die Nacht schon im Begriff, dem TageDie Riegel vorzuschieben; stiller wardIm Umkreis alles; Schwalben jagten sichIn hoher Luft; und aus der Nähe schlugAns Ohr das Rollen auf der Kegelbahn.Im Gutenacht der Sonne blinkertenDie Scheiben kleiner Häuser auf der Insel,Die jenseit lag, wie blanke Messingplatten.Den Strom hinab glitt feierlich und stumm,Gleich einer Königin, voll hoher Würde,Ein Riesenschiff, auf dessen VorderdeckDie Menschen Kopf an Kopf versammelt stehn.Sie alle winken ihre letzten GrüßeDen letzten Streifen ihrer Heimat zu.In manchen Bart mag nun die Mannesträne,So selten sonst, unaufgehalten tropfen.In manches Herz, das längst im Sturz und StoßDer Lebenswellen hart und starr geworden,Klingt einmal noch ein altes Kinderlied.Doch vorwärts, vorwärts ins gelobte Land!Die Pflicht befiehlt zu leben und zu kämpfen,Befiehlt dem einen, für sein Weib zu sorgen,Und für sich selbst dem andern. Jeder soHat seiner Ketten schwere Last zu tragen,Die, allzu schwer, ihn in die Tiefe zieht.Geboren werden, leiden dann und sterben,Es zeigt das Leben doch nur scharfe Scherben.Vielleicht? Vielleicht auch jetzt gelingt es nicht,Auf fremdem Erdenraum, mit letzter Kraft,Ein oft geträumtes, großes Glück zu finden.Das Glück heißt Gold, und Gold heißt ruhig leben:Vom sichern Sitze des AmphitheatersIn die Arena lächelnd niederschaun,Wo, dichtgeschart, der Mob zerrissen wirdVom Tigertier der Armut und der Schulden …Das Schiff ist längst getaucht ins tiefe Dunkel.Bleischwere Stille gräbt sich in den Strom,Indessen aus der Kegelbahn im DorfBeim Schein der Lampe noch die Gäste zechen.In gleichen Zwischenräumen bellt ein Hund,Und eine Wiege knarrt im Nachbarhause.

Der lange Junitag war heiß gewesen,Ich saß im Garten einer Fischerhütte,Wo schlicht auf Beeten, zierlich eingerahmtVon Muscheln, Buchs und glatten Kieselsteinen,Der Goldlack blüht, und Tulpen, Mohn und RosenIn bäurisch buntem Durcheinander prunken.Es war die Nacht schon im Begriff, dem TageDie Riegel vorzuschieben; stiller wardIm Umkreis alles; Schwalben jagten sichIn hoher Luft; und aus der Nähe schlugAns Ohr das Rollen auf der Kegelbahn.Im Gutenacht der Sonne blinkertenDie Scheiben kleiner Häuser auf der Insel,Die jenseit lag, wie blanke Messingplatten.Den Strom hinab glitt feierlich und stumm,Gleich einer Königin, voll hoher Würde,Ein Riesenschiff, auf dessen VorderdeckDie Menschen Kopf an Kopf versammelt stehn.Sie alle winken ihre letzten GrüßeDen letzten Streifen ihrer Heimat zu.In manchen Bart mag nun die Mannesträne,So selten sonst, unaufgehalten tropfen.In manches Herz, das längst im Sturz und StoßDer Lebenswellen hart und starr geworden,Klingt einmal noch ein altes Kinderlied.Doch vorwärts, vorwärts ins gelobte Land!Die Pflicht befiehlt zu leben und zu kämpfen,Befiehlt dem einen, für sein Weib zu sorgen,Und für sich selbst dem andern. Jeder soHat seiner Ketten schwere Last zu tragen,Die, allzu schwer, ihn in die Tiefe zieht.Geboren werden, leiden dann und sterben,Es zeigt das Leben doch nur scharfe Scherben.Vielleicht? Vielleicht auch jetzt gelingt es nicht,Auf fremdem Erdenraum, mit letzter Kraft,Ein oft geträumtes, großes Glück zu finden.Das Glück heißt Gold, und Gold heißt ruhig leben:Vom sichern Sitze des AmphitheatersIn die Arena lächelnd niederschaun,Wo, dichtgeschart, der Mob zerrissen wirdVom Tigertier der Armut und der Schulden …

Das Schiff ist längst getaucht ins tiefe Dunkel.Bleischwere Stille gräbt sich in den Strom,Indessen aus der Kegelbahn im DorfBeim Schein der Lampe noch die Gäste zechen.In gleichen Zwischenräumen bellt ein Hund,Und eine Wiege knarrt im Nachbarhause.

Herbsttag, und doch wie weiches Frühlingswetter,Ich schlenderte langseits der Friedhofshecke,Ein Sarg schien unter Gramgeläut zu sinken,Dann bog ich auf dem Wege um die Ecke.Da kamst du, keine Täuschung, mir entgegen,Wir hatten gestern Abschied schon genommen,Du gingst zur Bahn, begleitet von Geschwistern,Was mußte noch einmal die Marter kommen.Ich grüßte dich, und sah dein freundlich Danken;Die mit dir schritten, haben's nicht beachtet.Und ich blieb stehn, du wandtest dich verstohlen,Von Leid war meine Seele dicht umnachtet.Im Schmerz grub ich die Linke in den DornbuschUnd ließ die Stacheln tief ins Fleisch mir dringen,Ein letzter Gruß von dir, von mir – vorüber,Die Hand im Strauch will fest die Qual bezwingen.Es tat nicht weh, ich hab' in Wachs gegriffen,Kein Tropfen sprang, es hat nicht warm geflutet,Die roten Ströme sind zurückgeflossen,Es hat mein Herz, mein Herz nur hat geblutet.

Herbsttag, und doch wie weiches Frühlingswetter,Ich schlenderte langseits der Friedhofshecke,Ein Sarg schien unter Gramgeläut zu sinken,Dann bog ich auf dem Wege um die Ecke.

Da kamst du, keine Täuschung, mir entgegen,Wir hatten gestern Abschied schon genommen,Du gingst zur Bahn, begleitet von Geschwistern,Was mußte noch einmal die Marter kommen.

Ich grüßte dich, und sah dein freundlich Danken;Die mit dir schritten, haben's nicht beachtet.Und ich blieb stehn, du wandtest dich verstohlen,Von Leid war meine Seele dicht umnachtet.

Im Schmerz grub ich die Linke in den DornbuschUnd ließ die Stacheln tief ins Fleisch mir dringen,Ein letzter Gruß von dir, von mir – vorüber,Die Hand im Strauch will fest die Qual bezwingen.

Es tat nicht weh, ich hab' in Wachs gegriffen,Kein Tropfen sprang, es hat nicht warm geflutet,Die roten Ströme sind zurückgeflossen,Es hat mein Herz, mein Herz nur hat geblutet.

Auf die Terrasse war ich hinbefohlen,Der jugendfrischen, schönen, geistvollen,Holdseligen Prinzessin vorzulesen.Ich wählte Tasso.Durch den SommerabendUmschwirrt' uns schon das erste Nachtinsekt.Die Sonne war gesunken. Rot GewölkStand hellgetönt, mit Blau vermischt, im Westen.Der Garten vor uns, tief gelegen, hülltSich ein in dunkle Schatten mehr und mehr.Und eine Nachtigall beginnt.Der DienerSetzt auf den Tisch die Lampen, deren LichtNicht durch den schwächsten Zug ins Flackern kommt.Von unten, aus dem Dorfe, klingt Musik.Und deutlich aus der Finsternis heraus,Leuchtstriche, blitzen eines Tanzsaals Fenster.Die Paare huschen schnell vorbei in ihnen.Zuweilen, wenn die Tür geöffnet steht,Erschallt Gestampf, der Brummbaß, Kreischen, Jauchzen.Unbändig scheint die Freude dort zu herrschen.Ich trage unterdessen weiter vor,Wie flüchtige Bilder, unbewußt, den TrubelIm Tal an mir vorüberziehen lassend,Und jene Verse hab' ich grad getroffen:„Beschränkt der Rand des Bechers einen Wein,Der schäumend wallt und brausend überquillt?“Als ich die Lider hob und die Prinzeß,Die säumig ihre Linke dem GeländerHinüber ruhen läßt, erblicke, wie sie,Nicht meiner Lesung achtend, niederschaut,Das braune Auge träumerisch, sehnsüchtigHinuntersendet auf den fröhlichen Ländler.„Wie wär' es, fänden wohl Durchlaucht Vergnügen,Dem frohen Reigen dort sich anzuschließen?“Und sie, ein Seufzer: „Ach, ich tät's so gern!“Wenn ich's nur bringen könnte, wiedergeben,Wie jenes Wort von ihr gesprochen ward,Das „so“, das „gern“, wenn ich's nur treffen könnte,Wie sie das sagte: „Ach, ich tät's so gern!“

Auf die Terrasse war ich hinbefohlen,Der jugendfrischen, schönen, geistvollen,Holdseligen Prinzessin vorzulesen.Ich wählte Tasso.Durch den SommerabendUmschwirrt' uns schon das erste Nachtinsekt.Die Sonne war gesunken. Rot GewölkStand hellgetönt, mit Blau vermischt, im Westen.Der Garten vor uns, tief gelegen, hülltSich ein in dunkle Schatten mehr und mehr.Und eine Nachtigall beginnt.Der DienerSetzt auf den Tisch die Lampen, deren LichtNicht durch den schwächsten Zug ins Flackern kommt.Von unten, aus dem Dorfe, klingt Musik.Und deutlich aus der Finsternis heraus,Leuchtstriche, blitzen eines Tanzsaals Fenster.Die Paare huschen schnell vorbei in ihnen.

Zuweilen, wenn die Tür geöffnet steht,Erschallt Gestampf, der Brummbaß, Kreischen, Jauchzen.Unbändig scheint die Freude dort zu herrschen.Ich trage unterdessen weiter vor,Wie flüchtige Bilder, unbewußt, den TrubelIm Tal an mir vorüberziehen lassend,Und jene Verse hab' ich grad getroffen:„Beschränkt der Rand des Bechers einen Wein,Der schäumend wallt und brausend überquillt?“Als ich die Lider hob und die Prinzeß,Die säumig ihre Linke dem GeländerHinüber ruhen läßt, erblicke, wie sie,Nicht meiner Lesung achtend, niederschaut,Das braune Auge träumerisch, sehnsüchtigHinuntersendet auf den fröhlichen Ländler.

„Wie wär' es, fänden wohl Durchlaucht Vergnügen,Dem frohen Reigen dort sich anzuschließen?“Und sie, ein Seufzer: „Ach, ich tät's so gern!“

Wenn ich's nur bringen könnte, wiedergeben,Wie jenes Wort von ihr gesprochen ward,Das „so“, das „gern“, wenn ich's nur treffen könnte,Wie sie das sagte: „Ach, ich tät's so gern!“

Auf Blut und Leichen, Schutt und Qualm,Auf roßzerstampften SommerhalmDie Sonne schien.Es sank die Nacht. Die Schlacht ist aus,Und mancher kehrte nicht nach HausEinst von Kolin.Ein Junker auch, ein Knabe noch,Der heut das erste Pulver roch,Er mußt' dahin.Wie hoch er auch die Fahne schwang,Der Tod in seinen Arm ihn zwang.Er mußt' dahin.Ihm nahe lag ein frommes Buch,Das stets der Junker bei sich trug,Am Degenknauf.Ein Grenadier von Bevern fandDen kleinen erdbeschmutzten BandUnd hob ihn auf.Und brachte heim mit schnellem FußDem Vater diesen letzten Gruß,Der klang nicht froh.Dann schrieb hinein die Zitterhand:„Kolin. Mein Sohn verscharrt im Sand.Wer weiß wo.“Und der gesungen dieses Lied,Und der es liest, im Leben ziehtNoch frisch und froh.Doch einst bin ich, und bist auch du,Verscharrt im Sand, zur ewigen Ruh',Wer weiß wo.

Auf Blut und Leichen, Schutt und Qualm,Auf roßzerstampften SommerhalmDie Sonne schien.Es sank die Nacht. Die Schlacht ist aus,Und mancher kehrte nicht nach HausEinst von Kolin.

Ein Junker auch, ein Knabe noch,Der heut das erste Pulver roch,Er mußt' dahin.Wie hoch er auch die Fahne schwang,Der Tod in seinen Arm ihn zwang.Er mußt' dahin.

Ihm nahe lag ein frommes Buch,Das stets der Junker bei sich trug,Am Degenknauf.Ein Grenadier von Bevern fandDen kleinen erdbeschmutzten BandUnd hob ihn auf.

Und brachte heim mit schnellem FußDem Vater diesen letzten Gruß,Der klang nicht froh.Dann schrieb hinein die Zitterhand:„Kolin. Mein Sohn verscharrt im Sand.Wer weiß wo.“

Und der gesungen dieses Lied,Und der es liest, im Leben ziehtNoch frisch und froh.Doch einst bin ich, und bist auch du,Verscharrt im Sand, zur ewigen Ruh',Wer weiß wo.

Es treibt vorüber mir im Meer der StadtBald der, bald jener, einer nach dem andern.Ein Blick ins Auge, und vorüber schon.Der Orgeldreher dreht sein Lied.Es tropft vorüber mir ins Meer des NichtsBald der, bald jener, einer nach dem andern.Ein Blick auf seinen Sarg, vorüber schon.Der Orgeldreher dreht sein Lied.Es schwimmt ein Leichenzug im Meer der Stadt.Querweg die Menschen, einer nach dem andern.Ein Blick auf meinen Sarg, vorüber schon.Der Orgeldreher dreht sein Lied.

Es treibt vorüber mir im Meer der StadtBald der, bald jener, einer nach dem andern.Ein Blick ins Auge, und vorüber schon.Der Orgeldreher dreht sein Lied.

Es tropft vorüber mir ins Meer des NichtsBald der, bald jener, einer nach dem andern.Ein Blick auf seinen Sarg, vorüber schon.Der Orgeldreher dreht sein Lied.

Es schwimmt ein Leichenzug im Meer der Stadt.Querweg die Menschen, einer nach dem andern.Ein Blick auf meinen Sarg, vorüber schon.Der Orgeldreher dreht sein Lied.

Die frühste Sonne legt sich übers Feld,Und steigt empor; und schweigend dampft der Morgen.Aus dem im letzten Traum verstrickten StädtchenBin ich dem Tore schon weitab entrückt.Wen seh' ich dort im nassen Graben liegen?Ein Bauer, der zu viel getrunken hatte,Ist hier die Nacht gefallen, unter Disteln.Das linke Knie hat er herangezogen;Mit offnen Lippen schnarcht der wüste Kerl.Vorüber – schon verliert sich das Geräusch.Was ist denn das dort rechts am Meilenstein?Ein kleiner, weißer BologneserhundMit blutgeröteten Behangesspitzen,Von tauerweichter Erde arg beschmutzt.Wie kommt der hierher, frag' ich mich vergebens.Ist's Tante Minnas süßer Liebling nicht?Wenn die das wüßte, was Bijou ergötzt:Er wühlt mit seinem Schnäuzchen emsiglichIm Eingeweide eines toten Fuchses.Als ich ihm in die Näh' gekommen, drückt erEin Vorderpfötchen auf den Balg des AasesUnd duckt den Kopf und äugt mich mürrisch an;Sein ganzer Körper bleibt unregbar stehn,Nur seine Augen folgen meinem Schritt.Vorüber – lautlos alles noch und ruhig.Auf einer Pflugschar gleißt im grellsten WeißDas Taggestirn, als brennte dort sich's fest.Da schallt der erste Ton, vom Lager klingt er,Das meinem Blick zwei Meilen abseits leuchtet.Unendlich schwach hör' ich die Trommeln wirbeln,Die Hörner: Habt – ihr noch – nicht lang – genug –Geschla – – – fen.Die Straße, die mein Fuß lebendig geht,Zieht sich in schnurgerader Linie hin,Auf zehn Minuten hab' ich Übersicht.Just, wo für mich der Weg den Anfang nimmt,Erscheint ein Punkt, der größer wird und größer.Hurra! Sie ist's! Hurra, hurra! Sie ist's!Rasch zieh' und hastig ich mein TaschentuchUnd winke, und ein Fähnchen zeigt sich auchIn ihrer Hand; und muntrer greif' ich aus.An meinen Stock knüpf' ich das Banner an,Und an den Sonnenschirm das ihre sie.Und nun ein Hin und Her, ein Schwenken, Kreisen,Als wollten Tauben wir vom Dache scheuchen.Indessen trommelt's immer fort: Wacht auf;Und tutet: Habt – ihr noch – nicht lang – genug –Geschla – – – fen.Mein Antlitz glüht in freudigster Erwartung,Die Kehle ist mir fast wie zugeschnürt,Wie schlägt mein Herz, wie atmet meine Brust.Nun sind wir sprechweit nah, und dann, und dann,Wie sonderbar, verkürzt sich unsre Eile.Sind wir beschämt? Auf ihren Wangen flogEin Purpur hin wie schneller Wolkenschatten.Nun lächelt sie. Das Köpfchen biegt sich etwasNach rechts und rückwärts; ja, und dann, und dann –Indessen brechen Horn und Trommel ab –Stumm wie der mönchverlaßne KlostergangLiegt rings um uns des Morgens heilige Stille.

Die frühste Sonne legt sich übers Feld,Und steigt empor; und schweigend dampft der Morgen.Aus dem im letzten Traum verstrickten StädtchenBin ich dem Tore schon weitab entrückt.Wen seh' ich dort im nassen Graben liegen?Ein Bauer, der zu viel getrunken hatte,Ist hier die Nacht gefallen, unter Disteln.Das linke Knie hat er herangezogen;Mit offnen Lippen schnarcht der wüste Kerl.Vorüber – schon verliert sich das Geräusch.Was ist denn das dort rechts am Meilenstein?Ein kleiner, weißer BologneserhundMit blutgeröteten Behangesspitzen,Von tauerweichter Erde arg beschmutzt.Wie kommt der hierher, frag' ich mich vergebens.Ist's Tante Minnas süßer Liebling nicht?Wenn die das wüßte, was Bijou ergötzt:Er wühlt mit seinem Schnäuzchen emsiglichIm Eingeweide eines toten Fuchses.Als ich ihm in die Näh' gekommen, drückt erEin Vorderpfötchen auf den Balg des AasesUnd duckt den Kopf und äugt mich mürrisch an;Sein ganzer Körper bleibt unregbar stehn,Nur seine Augen folgen meinem Schritt.Vorüber – lautlos alles noch und ruhig.Auf einer Pflugschar gleißt im grellsten WeißDas Taggestirn, als brennte dort sich's fest.Da schallt der erste Ton, vom Lager klingt er,Das meinem Blick zwei Meilen abseits leuchtet.Unendlich schwach hör' ich die Trommeln wirbeln,Die Hörner: Habt – ihr noch – nicht lang – genug –Geschla – – – fen.

Die Straße, die mein Fuß lebendig geht,Zieht sich in schnurgerader Linie hin,Auf zehn Minuten hab' ich Übersicht.Just, wo für mich der Weg den Anfang nimmt,Erscheint ein Punkt, der größer wird und größer.Hurra! Sie ist's! Hurra, hurra! Sie ist's!Rasch zieh' und hastig ich mein TaschentuchUnd winke, und ein Fähnchen zeigt sich auchIn ihrer Hand; und muntrer greif' ich aus.An meinen Stock knüpf' ich das Banner an,Und an den Sonnenschirm das ihre sie.Und nun ein Hin und Her, ein Schwenken, Kreisen,Als wollten Tauben wir vom Dache scheuchen.Indessen trommelt's immer fort: Wacht auf;Und tutet: Habt – ihr noch – nicht lang – genug –Geschla – – – fen.

Mein Antlitz glüht in freudigster Erwartung,Die Kehle ist mir fast wie zugeschnürt,Wie schlägt mein Herz, wie atmet meine Brust.

Nun sind wir sprechweit nah, und dann, und dann,Wie sonderbar, verkürzt sich unsre Eile.Sind wir beschämt? Auf ihren Wangen flogEin Purpur hin wie schneller Wolkenschatten.Nun lächelt sie. Das Köpfchen biegt sich etwasNach rechts und rückwärts; ja, und dann, und dann –

Indessen brechen Horn und Trommel ab –Stumm wie der mönchverlaßne KlostergangLiegt rings um uns des Morgens heilige Stille.

Steht eine Mühle am Himmelsrand,Scharfgezeichnet gegen mäusegraue Wetterwand,Und mahlt immerzu, immerzu.Hinter der Mühle am Himmelsrand,Ohne Himmelsrand, mahlt eine Mühle, allbekannt,Mahlt immerzu, immerzu.

Steht eine Mühle am Himmelsrand,Scharfgezeichnet gegen mäusegraue Wetterwand,Und mahlt immerzu, immerzu.

Hinter der Mühle am Himmelsrand,Ohne Himmelsrand, mahlt eine Mühle, allbekannt,Mahlt immerzu, immerzu.


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