1915

1915Februar.15.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 2. Februar 1915.Laut Artikel 5 des mit dem Generalinspektor Hoff Bey geschlossenen Vertrages hat die Türkische Regierung das Recht, den Vertrag vor seinem Ablauf zu kündigen. Eine entsprechende Klausel enthält der Vertrag mit dem Sekretär Blehr.Die in Kristiania akkredierte türkische Gesandtschaft ist angewiesen worden, die Verträge mit den genannten Herren in aller Form zu kündigen.Entsprechend ist gegenüber dem holländischen Reformer Westenenk verfahren worden[35].Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß diese Maßnahme der türkischen Regierung in der armenischen Bevölkerung starke Erregung hervorrufen wird; denn sie wird als ein Zeichen dafür ausgelegt werden müssen, daß die Pforte nicht gewillt ist, den Weg der armenischen Reformen fortzusetzen. Zwar wird dies auf der Pforte nicht offen zugegeben, sondern in vagen Wendungen auf die Möglichkeit hingewiesen, die beiden Reformer nach Beendigung des Krieges wieder anzustellen; doch ist dies nicht mehr als eine façon de parler, die nicht ernst genommen werden darf.Als ich zu Talaat Bey Bedenken äußerte, ob ein derartiger Entschluß günstig sei, erwiderte er: „C’est le seul moment propice!“ Ich bin bei den Türken durchweg der Auffassung begegnet, daß im Falle des Unterliegens der Türkei die armenische Bevölkerung sich unbedingt auf die Seite des Siegers schlagen würde, und daß alle Zugeständnisse in der Reformfrage daran nichts zu ändern vermögen. Die Pforte sei es daher überdrüssig, dem armenischen Elemente eine Vorzugsbehandlung vor den übrigen Volksteilen der Türkei zuteil werden zu lassen.Die erwähnte Maßregel kennzeichnet sich somit als ein neues Glied in jener Kette von Regierungsakten, durch welche die Türkei neuerdings ihr unbeschränktes Selbstbestimmungsrecht auf allen Gebieten ihres Staatslebens selbstbewußt zum Ausdruck bringt.Wangenheim.Seiner Exzellenz dem Reichskanzler,Herrn von Bethmann Hollweg.16.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 22. Februar 1915.Unter dem Eindruck, den mein Besuch beim griechischen Patriarchen am 2. d. Mts. auch in weiteren Kreisen hier gemacht hat, hatte der armenische Patriarch den Wunsch geäußert, seinerseits eine Zusammenkunft mit mir zu haben.Bei dem Besuche, den er mir infolgedessen am 20. d. Mts. abstattete, sprach er zunächst seinen Dank für unsere wohlwollende Politik in der armenischen Reformenfrage aus; auch bat er mich, speziell die armenische Bevölkerung in den vom Kriege heimgesuchten Grenzprovinzen dem Schutze der dort befindlichen deutschen Militärs und Konsuln zu empfehlen. Im übrigen bezeichnete er die Lage der Armenier in jenen Gegenden als „verhältnismäßig befriedigend“.Ich konnte dem Patriarchen nur wiederholen, daß wir uns nach wie vor um die Verbesserung der Lage der türkischen Armenier bemühten, und daß die längere Friedensperiode, die nach Beendigung des Krieges zu erwarten stünde, uns Gelegenheit bieten würde, unsren moralischen und politischen Einfluß weiter in diesem Sinne geltend zu machen; daß der Krieg allen Teilen der Bevölkerung große Opfer auferlege, und gelegentliche Härten nicht zu vermeiden seien, namentlich im eigentlichen Kriegsgebiete, daß aber die deutschen Beamten, soweit angängig, sich der Armenier annehmen würden und ich mir selber vorbehielte, den einen oder den anderen Punkt auf der Hohen Pforte zur Sprache zu bringen.Wangenheim.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.

1915

Februar.

15.

KaiserlichDeutsche Botschaft.

Pera, den 2. Februar 1915.

Laut Artikel 5 des mit dem Generalinspektor Hoff Bey geschlossenen Vertrages hat die Türkische Regierung das Recht, den Vertrag vor seinem Ablauf zu kündigen. Eine entsprechende Klausel enthält der Vertrag mit dem Sekretär Blehr.

Die in Kristiania akkredierte türkische Gesandtschaft ist angewiesen worden, die Verträge mit den genannten Herren in aller Form zu kündigen.

Entsprechend ist gegenüber dem holländischen Reformer Westenenk verfahren worden[35].

Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß diese Maßnahme der türkischen Regierung in der armenischen Bevölkerung starke Erregung hervorrufen wird; denn sie wird als ein Zeichen dafür ausgelegt werden müssen, daß die Pforte nicht gewillt ist, den Weg der armenischen Reformen fortzusetzen. Zwar wird dies auf der Pforte nicht offen zugegeben, sondern in vagen Wendungen auf die Möglichkeit hingewiesen, die beiden Reformer nach Beendigung des Krieges wieder anzustellen; doch ist dies nicht mehr als eine façon de parler, die nicht ernst genommen werden darf.

Als ich zu Talaat Bey Bedenken äußerte, ob ein derartiger Entschluß günstig sei, erwiderte er: „C’est le seul moment propice!“ Ich bin bei den Türken durchweg der Auffassung begegnet, daß im Falle des Unterliegens der Türkei die armenische Bevölkerung sich unbedingt auf die Seite des Siegers schlagen würde, und daß alle Zugeständnisse in der Reformfrage daran nichts zu ändern vermögen. Die Pforte sei es daher überdrüssig, dem armenischen Elemente eine Vorzugsbehandlung vor den übrigen Volksteilen der Türkei zuteil werden zu lassen.

Die erwähnte Maßregel kennzeichnet sich somit als ein neues Glied in jener Kette von Regierungsakten, durch welche die Türkei neuerdings ihr unbeschränktes Selbstbestimmungsrecht auf allen Gebieten ihres Staatslebens selbstbewußt zum Ausdruck bringt.

Wangenheim.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler,Herrn von Bethmann Hollweg.

16.

KaiserlichDeutsche Botschaft.

Pera, den 22. Februar 1915.

Unter dem Eindruck, den mein Besuch beim griechischen Patriarchen am 2. d. Mts. auch in weiteren Kreisen hier gemacht hat, hatte der armenische Patriarch den Wunsch geäußert, seinerseits eine Zusammenkunft mit mir zu haben.

Bei dem Besuche, den er mir infolgedessen am 20. d. Mts. abstattete, sprach er zunächst seinen Dank für unsere wohlwollende Politik in der armenischen Reformenfrage aus; auch bat er mich, speziell die armenische Bevölkerung in den vom Kriege heimgesuchten Grenzprovinzen dem Schutze der dort befindlichen deutschen Militärs und Konsuln zu empfehlen. Im übrigen bezeichnete er die Lage der Armenier in jenen Gegenden als „verhältnismäßig befriedigend“.

Ich konnte dem Patriarchen nur wiederholen, daß wir uns nach wie vor um die Verbesserung der Lage der türkischen Armenier bemühten, und daß die längere Friedensperiode, die nach Beendigung des Krieges zu erwarten stünde, uns Gelegenheit bieten würde, unsren moralischen und politischen Einfluß weiter in diesem Sinne geltend zu machen; daß der Krieg allen Teilen der Bevölkerung große Opfer auferlege, und gelegentliche Härten nicht zu vermeiden seien, namentlich im eigentlichen Kriegsgebiete, daß aber die deutschen Beamten, soweit angängig, sich der Armenier annehmen würden und ich mir selber vorbehielte, den einen oder den anderen Punkt auf der Hohen Pforte zur Sprache zu bringen.

Wangenheim.

Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.


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