5.Das armenische Hilfswerk in Urfa und Umgebung.
Unser Hilfswerk in Urfa und Umgegend begann als die allgemeine Deportation und Vernichtung des armenischen Volkes in der Türkei begonnen hatte. Dies war im Mai 1915. Damals kamen die ersten Deportierten aus Nordanatolien hier durch, bereits schon in der unsagbar traurigsten Verfassung und keine Männer unter ihnen, nur Frauen und Kinder. Die Männer und Väter waren schon auf die Seite gebracht worden. Wer immer von Urfas christlicher Bevölkerung damals jemand von diesen Bedauernswerten verstecken konnte, der tat es. Urfa besaß damals drei Missionen, zwei evangelische, eine amerikanische und eine deutsche, und eine katholische. Letztere allerdings war schon seit Kriegsausbruch, weil französisch, unterbunden. Alle taten ihr Möglichstes zur Linderung der Not. Schon im April 1915 hatten sie Boten an ihre Konsuln in Aleppo gesandt, um sie von dem drohenden Unheil zu unterrichten. Im Juni suchte Schreiber dieses, er war eben von einem schweren Typhus aufgestanden, das deutsche, österreichische und amerikanische Konsulat in Aleppo auf, um sie inständig zu bitten, doch ihr Möglichstes zur Unterbindung des grausamen, auf die völlige Vernichtung des armenischen Volkes hinzielenden Treibens zu tun. Allein alle diese Schritte nützten nichts. Der Armenier war vogelfrei geworden. Er mußte umgebracht werden. Ich war nicht in der Lage, über die schrecklichen Frauen- und Kindertransporte in europäischen Zeitschriften Berichte zu lesen, aber ich nehme an, daß diese gewiß schon oft geschildert worden sind. Mir ist es, als ob sie unbeschreiblich waren. Schon im August wurde die persönliche christliche Hilfe für die Unglücklichen hier illusorisch wegen der Maßregeln der Regierung. Wohl hatten alle Missionare hier ihre Häuser voll der Schutz Suchenden, aber an ein und demselben Tage wurden alleaus diesen Häusern, es waren deren etliche Hundert, polizeilich abgeholt. Wer unter ihnen Mann war, wurde, wenn er aus dem amerikanischen Institute war, erhängt; wenn er aus dem deutschen Spitale, aus dem deutschen Privathause war, oder aus dem dänischen und schweizerischen Hause, wurde er alsbald als Soldat weggeschickt. Die Frauen aber und Kinder mußten in die Wüste wandern, von wo es keine Rückkehr mehr gab. Auch den Muhammedanern wurde verboten, Armeniern Unterschlupf zu geben. Glücklicherweise aber finden alle amtlichen Verbote in der Türkei ihre Übertreter. Und diesen Übertretern ist es zu verdanken, wenn heute noch Tausende und Abertausende von armenischen Kindern wieder zum Vorschein kommen, nachdem sie 4 Jahre in muslimischen Häusern in Stadt und Land gewesen waren. Auch das deutsche Missionshospital durfte, selbst in der Zeit, da es am schlimmsten zuging, viele Frauen und Kinder hindurchretten. Freilich, Männer hindurchretten konnte es nicht, da selbst die in demselben sich befindenden Verwundeten abgeholt und umgebracht worden waren. Nur der dänischen Missionarin, Fräulein Karen Jeppe, gelang es, allen Hausdurchsuchungen zum Trotze, sieben Männer durchzubringen. Die amerikanische Mission hatte im Oktober ihre Arbeit einstellen müssen, weil der noch vorhandene Missionar seiner Sache zum Opfer gefallen war. Mir drohte ein Pascha, mich wie einen Armenier zu behandeln, wenn ich ferner den Armeniern beistehen würde. Durch meine Tätigkeit in unserem Hospital konnte ich aber für die Sterbenden und Schwerkranken, welche wir aus den nie endenwollenden Zügen der hier Durchdeportierten nahmen, sehr viel tun und tun lassen. Wir beherbergten von Juli 1915 bis Juni 1916 nicht weniger als 500 dieser Unglücklichsten. Das Hospital galt allgemein als ein Hort der Armenier. Dies war wohl der Hauptgrund, weshalb ein jungtürkischer Sanitätsrat das Hospital im Juni 1916 schloß. Nun mir die Tätigkeit im Hospital verboten war, konnte ich an die Gründung eines eigentlichen Hilfswerkes denken. Denn jetzt hatte ich auch Zeit dazu. Die Deportation nahte ihrem Ende. Daher wagten sich denn immer mehr von den Arabern in den Dörfern versteckt gehaltene Frauen mit ihren Kindern nach der benachbarten Stadt zurück. Diesen mußte geholfen werden. An eine Wiedereröffnung der zwei Waisenhäuser, welche bis Oktober 1915 hier existierten, durfte nicht gedacht werden. Das hätte die Regierung niemals erlaubt. Aber ich konnte mehr oder weniger heimlich dieArmen unterstützen. Wohl mußte ich mir deshalb des öfteren polizeiliche Untersuchungen gefallen lassen. Ich galt auch als Spion, deshalb kam auch niemals ein noch so unverdächtiges, von mir abgesandtes Telegramm an sein Ziel.
Dem Eingang der eingegangenen Hilfsgelder entsprechend, die anfangs ziemlich spärlich flossen, konnte ich Waisen unterstützen. Erwachsene mußten sehen, wie sie sich durchbrachten, an Arbeit fehlte es damals nicht, weil die Muhammedaner Dienerinnen benötigten. Ich trug die Namen der Waisen, welche ich unterstützen konnte, in fortlaufender Nummer in ein Buch ein. Auf der Karte, welche das unterstützte Kind erhielt, waren die Unterstützungen eingetragen, damit ich doch eine gewisse Kontrolle hatte. Ein Arbeitsmangel für die vielen Witwen trat erst zu Anfang 1917 ein, als große Transporte von Armeniern aus dem Deportiertenlager, aus Rakka hierher gebracht worden waren, und als eine Teuerung begann, weshalb viele Araber ihre armenischen Schützlinge nach der Stadt schickten.
Ich ließ nun feine Handarbeiten verfertigen, in denen so viele Armenierinnen große Künstler sind. So ließ ich über 13000 Taschentücher mit feinen Spitzen anfertigen. Allein deren Herstellung erforderte gar bald so große Summen, daß alsdann für die vielen Waisen keine Hilfe mehr möglich gewesen wäre. Eine Umsatzmöglichkeit war ausgeschlossen, weil solche Tücher für Europa und Amerika bestimmt sind, und wegen des Krieges an einen Transport nicht zu denken war. Aus gleichem Grunde ging auch eine im Frühjahr angefangene Seidenzucht wieder ein. Es war da ein junger verbannter Armenier aus Brussa, der ein Diplom hatte als Seidenzüchter, der arbeits- und brotlos war. Dem verhalf ich zur Arbeit, indem ich ihn Seide züchten ließ, und da wir bestimmt auf ein baldiges Kriegsende rechneten, so ließ ich ihn auch für das andere Frühjahr Brut bereiten. Allein der Krieg ging nicht zu Ende. Jemand, der die Kokons hätte verarbeiten können, fand sich nicht, auch kein Seidenweber. Nicht einmal ein Käufer für die Kokons ließ sich auftreiben. Und als die junge Brut im Frühjahr 1918 ausschlüpfte, war niemand da, der hier und anderswo danach verlangte. Auch der Mann aus Brussa hatte Urfa wieder verlassen. So blieb mir nichts anderes übrig, als die wimmelnde Brut wegzuwerfen.
War die Zahl der unterstützten Waisenkinder im Juni 1916 bloß 87, so stieg sie bis zum Juni 1917 auf über 2000. Im Sommer1917 aber kam wieder ein Abtransport. Man benötigte zum Straßenbau Frauen und Kinder, weshalb viele nach Biredjik und Surudj gebracht worden waren. Andere wieder flohen und suchten ihre alte Heimat wieder aufzufinden. Manche von diesen erhielten etwas Zehrgeld von uns.
Eine schwierige Arbeit war die Versorgung der Armenier in anderen Städten, welche zum Sandjak Urfa gehörten. Rakka war ein Emigrantenzentrum. Diese Stadt war bis Frühjahr 1917 von Aleppo aus vom amerikanischen Konsul versorgt worden. Nach Wegzug dieses Konsuls wurde mir vom deutschen Konsul in Aleppo diese Arbeit übergeben. Zweimal konnte ich Mittel hinsenden und zweimal ging ich selbst mit bedeutenden Mitteln hin. Das zweite Mal aber wurde ich einige Tage festgehalten. Der Gendarmeriekommandant hatte von mir Bestechung erwartet. Nach Biredjik und Adiaman gelang es mir, kleine Summen zu senden und sie dort durch deutsche Offiziere zu verteilen. Den an der Straße von Surudj Frohndienst leistenden halbnackten Kindern und Frauen konnten wir einmal zwei Lasten Kleider bringen. Aus Dörfern der Umgebung kamen zuweilen Armenier, welche im Namen der daselbst befindenden Notleidenden Hilfe erbaten. Geringe Mittel konnten wir geben.
Im Dezember 1916 begab ich mich nach Aleppo, um dem amerikanischen und deutschen Konsul auch die Not der kurdischen Emigranten ans Herz zu legen, die zu Tausenden an den Wegen und in den Dörfern Hungers starben. Ich hoffte durch eine Unterstützung auch dieser Emigranten eine Erleichterung für das armenische Hilfswerk von seiten der türkischen Regierung, die dies bislang so sehr beargwöhnte. Schon im Februar 1917 reifte die Frucht dieses Schrittes. Durch Konsul Jackson erhielt ich 700 Pfund, und vom deutschen Konsul 300 Pfund für diesen Zweck. Im März habe ich denn auch in Hunderten von Dörfern an Tausende von Muselmanen, die dem Hunger verfallen waren, Weizen und Gerste austeilen dürfen. Von diesem Zeitpunkte an konnte ich wenigstens in Urfa freier für die Armenier arbeiten.
Im Laufe dieser Notzeit haben wir auch armenische Familienreste leihweise, aber kräftig unterstützt. Diese hatten vor der Deportation bedeutende Summen bei Banken oder bei Missionen hinterlegt, welche sie aber jetzt unmöglich beziehen konnten.
Anfang 1917 richtete meine Frau heimlich, sorgfältig vor den Augen der Regierung versteckt, ein kleines Waisenhaus ein, nachdem sie schon früher in christlichen syrischen Familien eine Anzahl Ganzwaisen untergebracht hatte. Ende 1917 hatte sie schon zwei kleine Häuser mit Waisen gefüllt, denen sie sogar den Segen der Schule zuteil werden lassen konnte. Über hundert Kinder besuchten auch eine vom Hilfsgelde eingerichtete Schule im syrischen Stadtquartier. Doch dauerte diese Freude nicht lange. Durch jungtürkischen Ukas wurden alle nicht vom Staate geöffneten Schulen im ganzen Reiche geschlossen. Etwas Gescheiteres gab es offenbar für die Landesväter nicht zu tun während dieses fürchterlichen Krieges.
Neue Aufgaben brachte unserem Werke der Waffenstillstand. Da begannen Urfa-Armenier, sei es aus der Wüste, sei es vom Soldatenstande hierher zurückzukehren. Diese fanden hier ihre Häuser zerstört vor. Man mußte ihnen zu einem Bette verhelfen oder ihnen zu einem neuen Geschäftsanfange die Hand reichen.
Gott Bei Dank war nun der Bann gebrochen, den das jungtürkische Regime über das armenische Volk verhängt hatte, und das zur Vernichtung von wohl mehr als Dreiviertel des Volkes geführt hatte. Nun wehte ein anderer Wind. Durch Ausrufen ließ die Regierung in den Straßen der Stadt verkünden, daß jetzt kein Armenier mehr bedrückt werden dürfe, und daß alle armenischen Kinder, Jungfrauen und Frauen, selbst wenn diese verheiratet worden seien, jetzt entlassen werden müssen. Dieser Befehl aber war eine bittere Nuß für viele Muhammedaner. Besonders, die Frauen entlassen! Hatten doch viele sich Armenierinnen genommen und dann gefunden, daß so eine Armenierin doch eine ungleich bessere Hausfrau ist, als eine geborene Türkin. Immerhin, mit der Entlassung der besten unter ihnen hatten sie keine Eile. Erst entließ man einmal die Alten, Gebrechlichen und Kranken. Daneben diejenigen Kinder, welche man noch nicht recht zur Arbeit gebrauchen konnte. Aber eine große Menge wurde doch schon entlassen. Wohin sollten sich diese wenden? Eine armenische Gemeinde existierte seit 1916 in Urfa nicht mehr[172]. Zu Jakob Effendi, war die Losung der Befreiten! Damit war ich und meine Frau gemeint. Es war sehr gut, daß ich in jenen Tagen die Gebäude des amerikanischen Instituts von der Regierung zurückerhalten hatte. Wenn sie auch ihres Mobiliars beraubt waren, so waren doch wenigstens die Gebäude noch bewohnbar. Somit war Platz für mehrere Hunderte von Waisen geschaffen. Diese kamen denn auch in großer Zahl, sei es, daß sie von den Muhammedanern entlassen worden waren, oder selbst von diesen fortliefen. Allein sie kamen ohne Betten, oft ohne Kleider, viele von ihnen krank. Auch viele Frauen kamen an. Im Vertrauen auf Gott nahmen wir fast alles auf, was da kam. Die Gebäude füllten sich rasch. Leider aber stellten die Banken, durch welche wir unsere Hilfsgelder erhielten, ihre Auszahlungen ein. Der Geldmangel zwang mich, Ende November nach Aleppo auf die Suche nach Mitteln zu gehen. Allein auch dort war vorerst nicht viel zu holen. Um nicht mit leeren Händen nach Urfa zurückkehren zu müssen, griff ich zu etwas sonst nicht erlaubtem, ich schrieb einen Scheck auf die Bank in der Schweiz, durch die ich bisher Gelder von dort geschickt bekam. Mit dem Gelde des Schecks, es waren 10000 Franks, konnte ich viele Kleider, Bettwerk, Essen für die wachsende Kinderschar anschaffen. Aber schon im Januar dieses Jahres war wieder völlige Ebbe in der Kasse, trotzdem stieg die Zahl der aufgenommenen Waisen bis zu Ende des Monats auf 200. Diesmal half ich mir dadurch, daß ich Herrn Dr. Lepsius in Potsdam mit 26000 Mk. belastete, welche ich hier auch in der Hoffnung aufnahm, daß bei ihm gewiß wieder Hilfsgelder eingegangen sein werden, welche aber jetzt nicht hergesendet werden konnten. Anfang Februar erhielt ich auch von Mr. Fowle, American Board, wieder Hilfsgelder. Auch zeitigte meine im November nach Aleppo gemachte Reise eine neue Frucht, indem mein damals an das britische Hauptquartier gerichtetes Gesuch Erhörung fand und uns nun für das Hilfswerk eine bedeutende Summe zugestellt wurde.
Nun ist aber das amerikanische Institut voll besetzt. Eine Schule ist im Gange, Weberei, Schusterei und Spinnerei sind in Betrieb, aber der Waisen werden es täglich mehr. Zusammen mit einigen wenigen noch vorhandenen armenischen Männern wollen wir noch eins, zwei weitere Waisenhäuser einrichten. Diejenigen, welche von auswärts sind, und irgendwo westwärts Verwandte zu haben glauben, senden wir an die nächste Bahnstation, von wo sie durch englische Hilfe in die alte Heimat geschickt werden.
Mit Beginn des Waffenstillstandes erhielt ich auch das von der Deutschen Orient-Mission (auch mit Schweizer Geld) unterhaltene Hospital zurück von der militärischen Behörde, welche es zwei Jahre lang für ihre Soldaten besetzt hatte. Somit war auch gleich ein hochnötiges Krankenheim für die vielen kranken Waisenkinder bereit.Augenblicklich ist die Skabies in sehr hartnäckiger Form die Hauptkrankheit.
Mit den Hilfsgeldern konnten wir wieder einmal nach drei Monaten die täglich in vermehrter Zahl unser Haus umlagernden Witwen und Waisen unterstützen, welche in der Stadt zerstreut wohnen oder neu aus Dörfern eingekehrt waren, aber in unserem Waisenhause nicht Aufnahme fanden. So wurden an einigen Tagen über 1000 Personen, meist Kinder, unterstützt. Ferner konnten wir all den Vielen, welche in ihre alte Heimat reisen wollten, wieder wie den früher Verreisten, einen Zehrpfennig auf den Weg mitgeben.
In der ersten Zeit unseres Hilfswerks machten diese Arbeit meine Frau und ich allein. Seit Frühjahr 1917 mußte ich ab und zu Pater Ephraim Djurassian, den Prediger in der syrisch-protestantischen Kirche, einer der wenig übrig gebliebenen Armenier, zu Hilfe rufen. Er übernahm auch das Lehramt. Seit November 1918 aber habe ich ihn und seine Frau als Waiseneltern im amerikanischen Institut eingesetzt. Seit Februar 1919 ziehen wir uns zur wachsenden Arbeit die nötigen Helfer heran. Wir, das heißt meine Frau, welche fast übermenschlich ihr organisatorisches Talent in den Dienst des Hilfswerks stellte, und ich harren auf neue amerikanische oder europäische Hilfe, denn es ist uns zuweilen, als ob die Kraft uns versagen wollte. Doch, wie der Tag so die Kraft, so war es bis heute gewesen und wird es weiter so bleiben, bis die Ablösung da sein wird.
Urfa, den 20. Februar 1919.
Jakob Künzler.