November.189.(Hauptquartier.)Telegramm.Abgang aus Pleß, den 3. November 1915.Ankunft in Berlin, den 4. November 1915.Der Kaiserliche Gesandte an Auswärtiges Amt.General von Falkenhayn hat folgendes Telegramm an Enver Pascha gerichtet:„Die Entwickelung der Kriegslage läßt es möglich erscheinen, daß Leistung auf den nach Syrien und Mesopotamien führenden Bahnen bis aufs äußerste gesteigert werden muß. Erbitte Ihre Unterstützung, daß den Bahngesellschaften die Erhaltung ihres geschulten Personals erleichtert wird, die durch Deportierung der armenischen Angestellten während des Krieges schwer gefährdet werden würde.“Treutler.190.(KaiserlichesKonsulat Mossul.)Telegramm.Abgang aus Mossul, den 4. November 1915.Ankunft in Pera, den 5. November 1915.An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.Gestern ist Halil Bey mit seinem Stab hier angekommen. Er selbst muß infolge Erkrankung einige Tage das Bett hüten. Ein Oberst seines Stabes erklärte mir soeben, man müsse auch in Mossul die Armenier niedermachen, was zu tun er die Absicht habe; er werde sich auch durch mich davon nicht abhalten lassen; die Deutschen verleugneten ihre Freundschaft für die Türken, da sie diese an der Exekution gegen die Armenier verhindern wollten.Es sind dringend sofortige ganz energische Befehle an Halil Bey geboten, auf jeden Fall weitere Massakres zu verhindern.Morgen oder übermorgen werden die Truppen Halils, die im Norden massakriert haben, hier erwartet.Holstein.191.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)Telegramm.Pera, den 5. November 1915.An Deutsches Konsulat, Mossul.Antwort auf Telegramm vom 4. November.Kriegsminister ist sofort vom Minister des Auswärtigen ersucht worden, die dortige Militärbehörde telegraphisch anzuweisen, sie solle nichts gegen die Armenier unternehmen.Neurath.192.Auswärtiges Amt.Berlin, den 6. November 1915.Der abschriftlich anliegende Bericht des der Roten-Kreuz-Expedition angehörenden deutschen Arztes Dr. Neukirch aus Erzindjan über die Armenierfrage wird zur gefälligen Kenntnisnahme ergebenst übersandt.(Stempel.)Auswärtiges Amt.An den Kaiserlichen GeschäftsträgerHerrn Freiherrn von Neurath, Konstantinopel.Anlage.Rote Kreuz-Expedition.Erzindjan, den 5. August 1915.Die armenische Frage ist für Erzindjan zunächst erledigt. Außer wenigen von der Regierung zurückbehaltenen Handwerkern ist kein einheimischer Armenier mehr hier. Schaue ich auf meine bisherigen Mitteilungen zurück, so glaube ich genau genug das Gehörte von dem selbst Gesehenen unterschieden zu haben. Will man sich allerdings nur auf Gesehenes beschränken, so bleibt wenig übrig, da bei den eventuellen Massakres Fremde auf alle Fälle ferngehalten werden. Wie solche Dinge hier vorgehen, wissen die Kenner der Armenierunruhen genügend. Andererseits ist schwer festzustellen, was an den Erzählungen, die man täglich hört, wahr ist. Immerhin schien es, mangels anderer Quellen nötig, die Dinge so zu notieren, wie ich es getan habe. Nach dem, was in letzter Zeit hier zu sehen war, sind Schritte, die die Ausweisung der Armenier humaner gestalten sollten, und über die wir naturgemäß nichts Näheres wissen, von Erfolg gewesen.Während früher elende Horden von armen Weibern und Kindern ohne Habe vorbeigetrieben wurden, nur von wenigen Bewaffneten geleitet, hatten später die Leute, die vorbeikamen, auch Lasttiere und Vieh mit sich. Zuletztkamen die Einwohner von Erzerum in riesigen wohlausgerüsteten Ochsenwagenkarawanen vorbei. Die Leute (offenbar auch die Männer vollzählig) sahen sehr gut aus, reisten in kleinen Märschen und waren durch äußerst zahlreiche Gendarmen unter Führung von Offizieren geschützt.Den größten der Züge begleitete ein hoher Beamter, der Mutessarrif von Bajasid, persönlich. Die Leute bezogen in der Ebene von Erzindjan ein Zeltlager und zogen nach etwa einer Woche weiter. Das Verdienst für diese sachgemäße Beförderung der Erzerumer Armenier hat offenbar der dortige Wali, Tahsin Bey. Es ist zu bedauern, daß die hiesige Lokalbehörde anders verfahren ist. — Auch die Vorgänge in Trapezunt sollen nach guter Quelle bedauerlich gewesen sein. Die Leute aus der dortigen Gegend kamen zu Fuß und mit wenig oder keiner Habe hier durch.Die Beziehungen der Expedition zu Behörden und Bevölkerung sind gut. Dagegen werden die Armenier uns mit der Verantwortung für das Geschehene belasten wollen.Zusammenfassung.Es hat eine vollkommene Entfernung aller Armenier aus diesem Lande stattgefunden, offenbar als Antwort auf die Verrätereien in Wan. In den ersten Wochen sind fraglos schwerste Mißgriffe vorgekommen, späterhin ist die Sache für orientalische Verhältnisse ziemlich geordnet verlaufen. Massakres haben hier offenbar seit Mitte Juni nicht mehr stattgefunden.Die wirtschaftlichen Folgen sind unübersehbar.Dr. Neukirch.193.KaiserlichDeutsches Konsulat.Aleppo, den 8. November 1915.Die Verschickung der Armenier ist um die Mitte Oktober zu einem gewissen Höhepunkt gelangt, so daß ihre Ausdehnung zu überblicken und der Moment geeignet war, einen zusammenfassenden Überblick zu geben.Ich fahre hier in der Schilderung einiger Ereignisse fort und darf eine allgemeine Bemerkung vorausschicken. Ranke sagt in seiner Weltgeschichte bei Besprechung der Politik Karls des Großen gegen die Sachsen:„Man dürfte nicht leugnen, daß die Strenge der Gesetze einen Widerstand gegen dieselben hervorrufen mußte. In Verwickelungen dieser Art tritt das immer ein. Die Maßregeln, die man ergreift, um den Ausbruch der Opposition zu verhüten, sind geeignet, denselben zu erwecken.“Dieser Satz dürfte zutreffen auf die Politik der türkischen Regierung, die seit den Massakres des Jahres 1895 von Schwankungen abgesehen, im großen und ganzen gegenüber den Armeniern verfolgt worden ist. Er dürfteinsbesondere auch auf die letzten Ereignisse zutreffen. Die Regierung hat Vorbeugungsmaßregeln von einer in der Geschichte selten vorkommenden Härte gegen die Armenier ergriffen und hat dadurch Widerstand an zwei verschiedenen Stellen hervorgerufen, in Suedije und in Urfa[97]. Die Kämpfe in Suedije (von 6 Dörfern aus der Nähe Antiochiens) haben damit geendet, daß die Aufständischen sich in einer versteckten Bucht, gedeckt durch das Feuer eines feindlichen Kriegsschiffes mit Frauen und Kindern in einer Seelenzahl, die von armenischer Seite auf 5000 angegeben wird[98], an Bord eingeschifft haben. Rechnet man bei dieser ländlichen Bevölkerung den sehr hohen Prozentsatz von 10 Prozent als waffenfähig, so käme man auf 500 Mann. Trotz dieser Tatsache und trotz der schließlich bewerkstelligten Verbindung mit einem feindlichen Kreuzer, liegt kein Beweis dafür vor, daß der Bezirk von vornherein an Aufstand gedacht hat. Er ist vielmehr durch die drohende Verschickung zum Widerstand getrieben worden.Auch für den Armenieraufstand in Urfa ist es nicht erforderlich, Einwirkung von außen anzunehmen. Von Wan und Diarbekr zugewanderte mögen geschürt und sich an die Spitze gestellt haben, es genügte aber, daß die Urfaleute die Vorbeugungsmaßregeln der Regierung, die Verschickung und den damit verbundenen Untergang ihres Volkes und jedes Einzelnen vor Augen hatten, um den Entschluß des Widerstandes hervorzurufen. Der Ausbruch des Kampfes ist dann durch die Schuld der Armenier selbst herbeigeführt worden. Im einzelnen haben sich die Ereignisse etwa folgendermaßen abgespielt.Nach der am 19. August erfolgten Niederschießung einer Patrouille und dem sich daran anschließenden Massaker ist nichts weiter erfolgt, nicht einmal eine Untersuchung gegen die Mörder der Patrouille. Ende September ereignete sich wieder eine Schießerei im Armenierviertel, von welcher nichts weiter bekannt geworden ist, auch nicht, gegen wen sie gerichtet war. Als am nächsten Tage die Regierung eine Gendarmeriepatrouille aussandte, um den Vorfall zu untersuchen, wurde diese zum Teil niedergeschossen. Die Armenier verbarrikadierten darauf ihren Stadtteil. Er wurde zunächst von den in Urfa vorhandenen etwa 60 oder 80 Gendarmen umstellt. In den ersten Oktobertagen traf ein Bataillon ein, am 4. Oktober Fakhri Pascha, am 5. Oktober ein zweites Bataillon mit 2 Feldgeschützen. Eine Aufforderung zur Übergabe lehnten die Armenier, unter denen die Zahl der Verteidiger auf etwa 2000 geschätzt wird, ab. Am 6. Oktober begann der Kampf, der sich vornehmlich auf drei Verteidigungsstellungen richtete. Die enge und winklige Bauart der Stadt Urfa, deren Häuser aus Stein sind und vielfach über altenHöhlenwohnungen stehen, von den Armeniern auch mit Geschick zur Verteidigung eingerichtet waren, erschwerte die Eroberung. Die Armenier waren mit Gewehren bewaffnet und mit Handgranaten versehen, zu deren Herstellung wohl beim Bau der Bagdadbahn gestohlenes Dynamit gedient haben wird. Dagegen waren sie nicht, wie fälschlich behauptet worden ist, im Besitz russischer oder anderer Maschinengewehre. Am 12. Oktober wurde noch ein 3. Bataillon mit zwei 12 cm Haubitzen hinzugezogen. Am 14. Oktober wurde die Kirche gestürmt, am 15. die amerikanische Mission, welche gegen den Willen des amerikanischen Missionars Leslie von den Armeniern besetzt und als ein starkes Gebäude zu einem Hauptstützpunkt eingerichtet war. Leslie war von den Armeniern als Geisel zurückbehalten worden, in der Hoffnung, daß auf ein Gebäude, in dem er sich befände, nicht geschossen werden würde. Die türkische Aufforderung, ihn gehen zu lassen, lehnten sie ab. Er wurde erst von den erobernden Truppen befreit. Mit der Erstürmung der Kirche und der Mission war der Widerstand gebrochen. Die türkischen Verluste betrugen 50 Tote und 120 bis 130 Verwundete. Die Absuchung der Höhlen und Brunnen kostete dann noch einer Anzahl Soldaten durch vereinzelte Schüsse versteckter Verteidiger das Leben. Kriegsgerichtliche Untersuchung ist eröffnet. Eine Kommission wird über weitere Maßregeln gegen die Armenier Urfas beschließen.Die Verschickungen gehen im übrigen in der durchgreifendsten Weise und mit dem schrecklichsten Ergebnis weiter. Hunger und Seuche treiben dem Tode reiche Beute zu. Die Sterblichkeit unter den Vertriebenen ist in der Stadt Aleppo außerordentlich groß. Dabei fehlten bis zum Eintreffen Djemal Paschas, von dem weiter unten zu berichten sein wird, die notwendigsten sanitären Anordnungen. Etwa Mitte Oktober wurde ein neuer Begräbnisplatz außerhalb der Stadt bestimmt. Ehe aber alles so weit war, daß dort mit der Beerdigung begonnen werden konnte, wurden die Leichen bereits haufenweis abgeladen und lagen einige Tage unter freiem Himmel. Unter diesen Umständen kann man sich nicht wundern, daß der Flecktyphus auf die Stadtbewohner übergegriffen hat und eine allgemeine heftige Epidemie ausgebrochen ist. Die Zahl der täglichen Todesfälle wird auf 150 bis 200 angegeben.Zufällig habe ich kürzlich selbst von einer Straße, die die Vertriebenen ziehen, einen Eindruck erhalten. Zwischen dem Afrin und Aleppo, also auf einer Länge von etwa 60 km sah ich am 21. Oktober unmittelbar an der Straße 4 Leichen liegen, zwei davon bereits von Tieren halb gefressen. Als ich nach dem Anblick der ersten dieser Leichen an den ersten Chan kam und den Besitzer aufforderte, Leute gegen Bezahlung zur Beerdigung auszuschicken, lächelte er, tat aber, was ich wünschte. Als ich ihn fragte, warum er gelächelt, sagte er: „Wenn Du wünschest, lasse ich diese Leiche beerdigen. Warum legst Du aber gerade auf diese eine so viel Wert? Wenn Du wüßtest, wievielhier in jeder Bodenfalte liegen, so würdest Du darauf verzichten, gerade die eine begraben zu lassen, die vom Wege aus sichtbar ist.“ Wenn dies an der vielbegangenen Alexandretter Chaussee sich ereignet, ohne daß die vorübergehenden Soldaten und Gendarmen Meldung erstatten, so liegt der Schluß nahe, daß es auf den weniger begangenen Straßen des Innern nicht besser aussehen wird. Die zahlreichen, die Luft verpestenden Tierkadaver habe ich noch nicht erwähnt. Das Konzentrationslager bei Katma bot einen unbeschreiblichen Anblick mangelnder hygienischer Fürsorge. Die Wandernden waren in allen Stadien der Ernährung und Rüstigkeit, von Barfußlaufenden dem Hungertode nahen, sich mühsam Hinschleppenden oder verzweifelt und stumpf am Wege Sitzenden, bis zu solchen, die noch unversehrtes Schuhwerk besaßen oder mit einigem Hausrat auf Karren fuhren. Dabei erklären sich die Unterschiede aus der Länge der bis dahin zurückgelegten Strecken.Die Zustände sind derart geworden, daß die Etappenstraße von Bozanti nach Aleppo verseucht ist, und daß es erst dem Oberst Freiherrn von Kreß gelungen ist, durch den Hinweis auf die militärische Wichtigkeit hygienischer Maßregeln für die Etappen, den Oberkommandierenden der 4. Armee, Djemal Pascha, zu einem Besuch Aleppos zu veranlassen. Ehe er kam, hatte Djemal Pascha auf telegraphische Anfrage über den Gesundheitszustand vom Chef der Etappeninspektion, Weli Pascha, die Antwort erhalten, es gäbe einige Fälle von Dysenterie, aber keine ansteckende Krankheit. Erst als bei Djemal Pascha die Meldung aus Rajak eintraf, daß in einem Zuge aus Aleppo drei Leichen gefunden seien, hat er sich zur Reise entschlossen.Hier hat er jetzt energische Maßregeln angeordnet. Die Anzeigepflicht ist eingeführt. Hospitäler werden eingerichtet. Transportwagen für die Überführung der Kranken sollen bereitgestellt werden. Die Stadt ist in Bezirke geteilt, für welche je ein Arzt die Aufsicht übernimmt, mit dem Recht, Häuser zu besuchen. Der Reinigungsdienst für die Stadt wird neu organisiert.Die Befehle sind gegeben und es handelt sich jetzt um die Ausführung. Ein deutscher Hygieniker, Militärarzt, ist erbeten worden.Bei der Wichtigkeit der hiesigen Gegenden, aus denen Armeen je nach dem Irak oder nach Ägypten zu entsenden sind, muß der Bekämpfung der Seuche auch weiterhin die ernsteste Aufmerksamkeit gewidmet werden. Die Persönlichkeit des Freiherrn von Kreß bürgt dafür, daß das Mögliche geschehen wird.Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft in Konstantinopel zugehen.Rößler.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn Dr. von Bethmann Hollweg.194.(KaiserlichDeutsche Botschaft.)8. November 1915.Akten-Notiz.Auf Grund von Nachrichten, daß die türkische Regierung neuerdings beabsichtige, auch die Armenier in Konstantinopel zu vertreiben, bin ich heute bei Halil Bey vorstellig geworden und habe ihn erneut auf die Gefahr eines solchen Vorgehens und die schweren Schädigungen wirtschaftlicher Art hingewiesen. Halil Bey erklärte, der Ministerrat habe bereits beschlossen, von allen weiteren Armenierverschickungen, insbesondere auch von Verschickung der Armenier Konstantinopels abzusehen.von Neurath.195.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 9. November 1915.Herr v. Scheubner-Richter berichtet aus Mossul unter dem 5. d. M. folgendes:„Auf dem Wege von Erzerum über Khinis, Musch, Bitlis, Soert nach Mossul habe ich alle früher von Armeniern bewohnten Dörfer bzw. Häuser vollständig leer und zerstört angetroffen. Lebende männliche Armenier habe ich nicht gesehen. Es sollen etliche sich in die Berge geflüchtet haben. Ca. 500 armenische Frauen und Kinder befinden sich in beklagenswertem Zustande in der armenischen Kirche in Bitlis; auch sollen armenische Frauen in türkischen Häusern gefangen gehalten werden. Auf dem ganzen Wege habe ich und die mich begleitenden deutschen Herrn noch Leichen von armenischen Männern, Frauen und Kindern liegen sehen, vielfach mit Zeichen von Bajonettstichen, trotzdem die Wege vor uns auf Veranlassung der Regierung durch Gendarmerie von Leichen gesäubert worden waren. Nach Aussage von Kurden sind alle Armenier der dortigen Gegend umgebracht worden. Eine von den Armeniern vorbereitete Revolution bzw. Erhebung hat es nach meinen Informationen nur in Wan gegeben[99], an anderen Orten war es Selbstverteidigung. Die Türken u. a. auch türkische Offiziere, haben überall verbreitet und vielfach auch selbst geglaubt, daß die deutsche Regierung die Vernichtung der Armenier veranlaßt habe.“Über die Ausrottung der Armenier von Musch und die Zerstörung des Armenierviertels in Musch sowie der armenischen Dörfer in der Umgegend hat die kürzlich hier eingetroffene Schwester Alma Johansson (Schwedin) von dem dortigen Waisenhause des deutschen Hilfsbundes für christliches Liebeswerk im Orient eingehende Angaben gemacht. Danach dürfte von der armenischen Bevölkerung außer wenigen Flüchtlingen und einigen geraubtenFrauen fast nichts übrig geblieben sein; die armenischen Häuser wurden in Brand gesteckt und dann dem Erdboden gleich gemacht. Diese Ereignisse, die in der ersten Hälfte Juli sich zutrugen, waren, wie aus den Schilderungen der Genannten zu schließen ist, anscheinend mit durch das Herannahen der russischen Truppen, die nach der Besetzung von Achlat, Bulanik, Gop und Liz bis ein, zwei Tagemärsche von Musch streiften, veranlaßt.Fräulein Johansson, die im August Musch verließ und, nachdem sie sich in Kharput (Mesereh, Mamuret ul Aziz) einige Monate aufgehalten, über Siwas hierher gekommen ist, bemerkte zum Schluß ihrer Schilderungen, daß die offiziellen Kreise sowohl in Musch wie in Mesereh und auch in Siwas übereinstimmend behaupteten, die Deutschen hätten die türkische Regierung zu den Armenierverfolgungen gedrängt.Neurath.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.196.Kaiserlich Deutsche Botschaft.6. November 1915.Aufzeichnung.Angaben der Schwester Alma Johansson (Schwedin) von den Anstalten des „Deutschen Hilfsbundes für christliches Liebeswerk im Orient“ in Musch über die Armenierverfolgungen in Musch.[100](NB. In Musch besteht ein deutsches Waisenhaus für Knaben und ein zweites für Mädchen, und eine Poliklinik, die sogenannte ärztliche Station.)Die Stadt Musch zählt 50000 Einwohner, von denen die eine Hälfte Armenier die andere Muhammedaner (Kurden, Türken); im Bezirk Musch etwa 300 Dörfer, meist armenisch.Während des Winters wurde die männliche armenische Bevölkerung bei den Proviant- und Munitionskolonnen für den östlichen Kriegsschauplatz verwendet; von diesen Leuten kehrten nur die wenigsten zurück, von 2–300 im Durchschnitt kaum 50.Im Frühling wurden die armenischen Dörfer zerstört, nachdem sie schon vorher durch Einquartierung und Requisitionen schwer heimgesucht waren.Im Mai-Juni wurde Bitlis von Armeniern ausgeräumt.Um Mitte Juni wurde der Alma Johansson und der Bodil Björn vom Mutesarrif eröffnet, daß die deutsche und türkische Regierung beschlossen hätten, alle Europäer nach Kharput zu senden.Die Russen hatten nämlich auf ihrem Vormarsch von Wan aus Ahlat, Bulanik, Gop und Liz besetzt und ihre Patrouillen streiften in einer Entfernung von 1–2 Tagesmärschen von Musch.Die beiden Schwestern weigerten sich aber, Musch zu verlassen.Die Stadt war von Truppen umzingelt und Artillerie ringsum aufgefahren.Am 11. Juli, Sonntag Nacht, wurde das Massaker der armenischen Bevölkerung mit Gewehrschüssen eingeleitet, die Türken behaupteten, daß einige Armenier den Versuch gemacht hätten, sich nach Sassun durchzuschlagen.Einigen wohlhabenden Armeniern wurde auf dem Konak eröffnet, daß sie in drei Tagen mit der gesamten Bevölkerung die Stadt zu verlassen hätten, aber all ihre Habe, die nunmehr der Regierung gehöre, zurücklassen müßten.Ohne den Ablauf dieser Frist abzuwarten, begannen die Türken schon nach zwei Stunden in die armenischen Häuser einzudringen und zu plündern.Montag, den 12., hielt das Geschütz- und Gewehrfeuer den ganzen Tag an; die türkische Bevölkerung nahm daran teil.Am Abend drangen Soldaten in das Mädchenwaisenhaus ein, um nach versteckten Armeniern zu suchen.In der Nacht und am folgenden Tage wurde noch viel geschossen. Beim Versuch, das Hoftor zu schließen, wurde eine Frau und ein Waisenmädchen neben der Schwester Johansson durch Kugeln getötet.Mittwoch früh begab sich die Genannte zum Mutessarrif Servet Bey, um Schutz und Schonung für die Anstalt und ihre Insassen zu erlangen.Der Mutessarrif, ein intimer Freund von Enver Pascha, gebärdete sich wie ein Rasender und lehnte die Bitte schroff ab trotz des Zuredens aus seiner Umgebung; es wurde den beiden Schwestern nur gestattet, drei Mädchen und einen Diener zu behalten.Die männliche armenische Bevölkerung ist gleich vor der Stadt umgebracht worden; die Frauen, Mädchen und Kinder hat man noch eine Tagereise weiter geschleppt und dann beseitigt. Nur drei armenische Lehrerinnen vom Waisenhause sind später freigelassen worden.Nach Räumung der Stadt wurde das armenische Viertel in Brand gesteckt und dem Erdboden gleich gemacht; ebenso die armenischen Dörfer.Bei diesen Vorfällen hat sich der Militärarzt, ein Albanese, durch Roheit ausgezeichnet und auch die beiden Schwestern bedroht.Am 10. August reisten diese nach Mesereh Kharput ab, wo sie am 20. August eintrafen. Zusammen mit dem erkrankten Mutessarrif, der 2 Tage später starb.Über die Ausrottung der Armenier in Kharput hat die Schwester Alma ebenfalls eingehende Angaben gemacht. Die Verfolgungen begannen dort schon im Mai, die Massenausrottung der Männer fand in den ersten Julitagen statt.Von Einzelheiten erwähne ich:Die offiziellen Kreise in Musch, Mesereh-Kharput und Siwas behaupten einstimmig, daß die Deutschen die türkische Regierung zur Vertreibung und Ausrottung der Armenier gedrängt hätten.Mordtmann.197.Der Reichskanzler.Berlin, den 10. November 1915.In der abschriftlich anliegenden Eingabe haben namhafte Vertreter protestantischer Kreise Deutschlands die Armenierfrage bei mir zur Sprache gebracht. Mit dem gleichen Gegenstande beschäftigt sich die in Abschrift beigefügte Entschließung der Missionskonferenz des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Beide Kundgebungen zeigen die steigende Sorge und Erregung, mit der auch in Deutschland das Vorgehen der Türken gegen die Armenier verfolgt wird.Euer Hochwohlgeboren bitte ich, unter Berücksichtigung der in den Anlagen dargelegten Gesichtspunkte und Wünsche weiter bei jeder sich bietenden Gelegenheit und mit allem Nachdruck Ihren Einfluß bei der Pforte zugunsten der Armenier geltend zu machen und insbesondere Ihr Augenmerk darauf zu richten, daß die Maßregeln der Pforte nicht etwa noch auf andere Teile der christlichen Bevölkerung in der Türkei ausgedehnt werden.Über die Entwickelung der Angelegenheit wollen Euer Hochwohlgeboren mich fortlaufend unterrichten.von Bethmann Hollweg.Seiner Hochwohlgeborendem Kaiserlichen Geschäftsträger HerrnFreiherrn von Neurath, Konstantinopel.Anlage 1.Berlin, den 15. Oktober 1915.Euer Exzellenz!Die Unterzeichneten fühlen sich in ihrem Gewissen gedrängt, der Unruhe Ausdruck zu geben, in die sie und wachsende Kreise deutscher Christen durch das jammervolle Geschick des armenischen Volkes in der Türkei versetzt sind, dem nach glaubhaften Nachrichten die Ausrottung droht, wenn den unmenschlichen Maßregeln, denen es unterworfen ist, nicht schleunigst Einhalt geboten wird.Diese Nachrichten zeichnen uns folgendes Bild:Nachdem bereits seit Ausbruch des russisch-türkischen Krieges Hunderte von armenischen Dörfern durch Kurden und irreguläre Milizen in den östlichen Wilajets geplündert und Tausende von wehrlosen Armeniern ermordet worden, ist seit Ende Mai die Deportation der gesamten armenischen Bevölkerung aus allen anatolischen Wilajets und Cilizien in die arabischen Steppen südlich der Bagdadbahn angeordnet worden. Diese Maßregel ist mit unmenschlicher Härte in den vergangenen Monaten durchgeführt worden.Während die wehrhaften Männer des armenischen Volkes zur Armee eingezogen und unbewaffnet auf den Etappenstraßen des Innern als Lastträger und Chausseearbeiter verwendet wurden, hat man die des männlichen Schutzes beraubten Frauen, Kinder, Kranke und Greise aus ihren Wohnsitzen ausgetrieben, ihrer Habe beraubt und ohne Ausrüstung und Proviant, barfüßig, hungernd, verschmachtend und fortgesetzten Mißhandlungen und Schändungen ausgesetzt, in Haufen von Hunderten und Tausenden gleich Viehherden durch rohe Saptiehs mehr als hundert Meilen weit in die Verbannung treiben lassen. Die Maßregel wurde dadurch eingeleitet, daß in der Hauptstadt und in den Zentren des Innern die Führer des Volkes, Intellektuelle, Notable und kirchliche Würdenträger, über Nacht ins Gefängnis geworfen und ohne Verhör und Gerichtsverfahren erschossen oder deportiert wurden. Zum Arbeitsdienst einberufene Militärpflichtige sind auf den Straßen überfallen und erschossen worden. Von den deportierten Frauen, Kindern und Greisen sollen weniger als die Hälfte an ihren Bestimmungsorten angekommen sein. Mädchen und junge Frauen wurden in türkische Harems und kurdische Dörfer verschleppt, wo ihnen keine andere Wahl bleibt, als den Islam anzunehmen. Ebenso sind zahllose Kinder ihren christlichen Eltern abgenommen worden und werden nun als Muslims auferzogen. Von der Deportation verschont wurden nur viele Hunderte von christlichen Familien, die sich entschlossen, den Islam anzunehmen. Die Maßregel der Verschickung hatte in Wahrheit den Charakter eines Massakres von allergrößtem Maßstabe. Durch Schlächtereien an bestimmten Stellen des Weges, durch Verhungern und Verschmachten sind die Deportierten, wie es scheint, auf die Hälfte ihrer Zahl vermindert worden.Es ist naturgemäß vor der Hand nicht möglich, genaue Angaben über die Zahl der Deportierten und Massakrierten zu machen. Nach der Statistik des armenischen Patriarchates waren die von der Deportation betroffenen Wilajets von 1200000 Armeniern bewohnt. Will man auch annehmen, daß ein Teil der Bevölkerung in die Berge flüchten konnte und entlegene Bezirke verschont blieben, so bleibt doch etwa 1 Million armenischer Christen, die von den Deportationen und Schlächtereien betroffen wurden, und zwar ohne Unterschied der Konfession, Gregorianer, römische Katholiken und Protestanten. Ob die Hälfte oder wieviel immer davon umgebracht wurde, ob die Zahl der zum Islam konvertierten Familien nach Tausenden oder Zehntausenden rechnet, kann zurzeit niemand angeben. Darüber aber kann kein Zweifel sein, daß der Schlag, der das arbeitsamste und strebsamste christliche Volk des Orients betroffen hat, in wirtschaftlicher, kultureller und politischer Beziehung die verhängnisvollsten Folgen für die Zukunft der Türkei haben und schon bei den Friedensverhandlungen die Interessen und die Ehre der mit der Türkei verbündeten Mächte aufs empfindlichste berühren wird.Der Handel und das Handwerk im Innern, die fast ausschließlich in den Händen der Armenier lagen, sind vernichtet worden. Die in Vorbereitung befindliche Deportation der armenischen Handels- und Handwerkerbevölkerung von Konstantinopel (ca. 180000), Smyrna (28000), Adana und einigen anderen, an der Peripherie der armenischen Gebiete liegenden Städte, die bisher verschont waren, würde die wirtschaftliche Entwicklung der Türkei verhängnisvoll treffen, an der Deutschland in höchstem Maße interessiert ist. Nach dem Urteil von Kennern des Landes ist nicht darauf zu rechnen, daß selbst in Jahrzehnten das türkische und jüdische Element in der Lage wären, für den Ausfall des armenischen einzutreten. Mögen zu diesen Fragen Autoritäten des wirtschaftlichen Lebens sich äußern.Was aber die Unterzeichneten in erster Linie beunruhigt und sie veranlaßt, sich vertrauensvoll an Euer Exzellenz zu wenden, ist nicht die Sorge um die Zukunft deutscher Wirtschafts- und Kulturarbeit, die durch die Ausschreitungen des türkischen Nationalismus und islamischen Fanatismus ernstlich in Frage gestellt wird, was unser Gewissen beunruhigt, ist die Verantwortung, die dem deutschen Volke als einem christlichen aus dem Bundesverhältnis mit der Türkei für die zur Sprache gebrachten Vorgänge erwächst.Nicht nur die Ententepresse, auch die öffentliche Meinung in den neutralen Ländern sieht Deutschland als mitverantwortlich für die inneren Vorgänge in der Türkei an. Gewiß wird hierbei der Einfluß der deutschen Diplomaten auf die Pforte überschätzt. Aber bestehen bleibt der Eindruck, daß Deutschland nach Ausschaltung der Ententemächte die einzige Macht am Bosporus war, die für die Verhinderung von Christenschlächtereien in Frage kam. Die Maßregeln, welche das armenische Volk mit dem Untergang bedrohen, werden von der Hohen Pforte mit revolutionären Umtrieben in der armenischen Bevölkerung und strategischen Maßnahmen in den Grenzbezirken begründet. Mögen irgendwo Armenier von diesem Vorwurf zu Recht getroffen werden — nach den uns vorliegenden Informationen liegen für ein vaterlandsfeindliches Verhalten der maßgebenden armenischen politischen und kirchlichen Organisationen keine Beweisgründe vor —, er rechtfertigt nicht die getroffenen unerhörten Maßregeln. Wir enthalten uns des Urteils über die Ziele, die die türkische Regierung mit ihnen letztlich verfolgt. In der Ausführung aber haben sie jedenfalls dem islamischen Fanatismus und dem Christenhaß den schlimmsten Anreiz gegeben, der auch für die übrigen, nicht muslimischen Volkselemente der Türkei gefahrdrohend bleibt. Es kursieren Worte wie dies: „Das Land soll rein muslimisch sein und nichts anderes“. Dem entspricht, daß auch Missionsinstitute ausgeräumt worden sind. Es gewinnt den Anschein, als solle jede Art von christlichem Liebeswerk und jeder ausländische Kultureinfluß im Innern ausgetilgt werden.Diese Vorgänge sind für die übrige Christenheit schlechthin unerträglich und müssen auch der Türkei in ihrem berechtigten Streben, ihre innerenVerhältnisse gegen Eingriffe von außen sicherzustellen, kaum überwindliche Schwierigkeiten bereiten. Die Erregung im neutralen und feindlichen Auslande hierüber ist im Wachsen und muß zu leidenschaftlichem Ausdruck kommen, sobald die Tatsachen in vollem Umfange bekannt werden. Wird sich nicht diese Entrüstung mit ganzer Schärfe gegen Deutschland wenden, dem allein die Welt zutraut, daß es durch sein Verhältnis zur Türkei diese furchtbaren Dinge verhüten und etwa notwendige Maßnahmen auf das strategisch Gebotene einschränken konnte? Wie man Deutschland für den Eintritt der Türkei in den Krieg und für die Erklärung des „heiligen Krieges“ verantwortlich gemacht hat, so wird man ihm die ganze Schuld an der Vernichtung eines christlichen Volkes beimessen. Die Wirkung wird, wie wir fürchten, noch tiefer gehen, als bei der Agitation wegen der angeblichen belgischen Greuel.Während aber bisher alle Anschuldigungen des Auslandes an dem einmütigen guten Gewissen unseres Volkes wirkungslos abprallten, werden diese Nachrichten, deren Bekanntwerden niemand verhindern kann, auf die deutschen Christen die unheilvollste Wirkung haben. Schon bei der Erklärung des heiligen Krieges regten sich in manchen Kreisen Gewissensbedenken; wir vermochten sie durch den Hinweis zu beschwichtigen, daß dieser heilige Krieg nicht gegen die Christen als solche, sondern in Gemeinschaft mit christlichen Völkern gegen die Feinde der Türkei geführt werde. Niemand vermag aber die lähmende Wirkung auf die Freudigkeit der deutschen Christen zu verhindern, wenn sie es mit ansehen müssen, wie von ihren Bundesgenossen ein ganzes Christenvolk vernichtet wird. In dem guten Gewissen, mit dem wir alle Gott um den Sieg für unsere Waffen anrufen, wurzelt die Widerstandskraft unseres Volkes. Diese Einmütigkeit und Freudigkeit droht erschüttert zu werden, wenn bekannt wird, daß von unseren andersgläubigen Bundesgenossen Hunderttausende unserer Glaubensgenossen grundlos und sinnlos zu Tode gehetzt werden, ohne daß unsererseits das Mögliche zu ihrer Rettung geschah.Es ist uns bekannt, daß seitens der deutschen Regierung wiederholt Schritte getan sind, um, auch im eigenen Interesse der Türkei, der Vernichtung der Armenier zu steuern.Die Tatsachen zeigen leider, daß diese Schritte das Verhängnis nicht haben aufhalten können. Die türkische Regierung hat, soweit wir unterrichtet sind, bisher nicht das Erforderliche getan, um die Deportierten vor dem Hungertode zu bewahren, ja sogar Versuche, den notleidenden Frauen und Kindern Hilfe zu bringen, abgelehnt. Es ist zu befürchten, daß auch die noch überlebenden Deportierten, in der Hauptsache Frauen und Kinder, dem Untergange geweiht werden.Das können wir, das kann unser christliches Volk nicht schweigend mit ansehen. Die türkische Regierung, die selbst planvoll das islamische Gemeingefühl aller Länder für ihre nationalen Ziele wachruft und verwertet, darf ihren christlichen Bundesgenossen nicht zumuten, daß sie ihr christliches Gemeingefühl zum Stillschweigen verurteilen. Sie muß es erkennen, in welchem Grade sie für die Zukunft ihren eigenen Weg erschwert, wenn sie unter ihrer Verantwortung eine ungeheure Tat geschehen läßt, die die gesamte Christenheit als einen Schlag in ihr Angesicht empfinden muß. Es muß verhütet werden, daß die Ehre des deutschen Namens auch nur mit dem Schein der Mitschuld an den gekennzeichneten Schandtaten befleckt wird. Der Gedanke ist unerträglich, daß, während wir Deutsche gefangenen Muhammedanern Moscheen bauen, Hunderte von christlichen Kirchen zerstört oder in Moscheen verwandelt werden. Es bedrückt unser Gewissen, daß, während die deutsche Presse den Edelmut und die Toleranz unserer muhammedanischen Bundesgenossen preist, von Muhammedanern unschuldiges Christenblut in Strömen vergossen wird und Zehntausende von Christen zwangsweise zum Islam konvertiert werden.Wir verkennen nicht die Pflichten, die uns deutschen Christen aus dem Bundesverhältnis unseres Reiches mit der Türkei erwachsen. Wir teilen aufrichtig den Wunsch, daß ihr aus ihrem heldenmütigen Kampf an unserer Seite die verdienten Früchte zufallen, und wir wünschen durchaus nicht, ihr in irgend einer Weise unnötige Schwierigkeiten zu machen. Aber wir können auch die Pflichten gegen unsere Glaubensgenossen nicht verleugnen. Wir handelten sonst gegen Ehre und Gewissen, und es fiele ein Schatten auf den Sieg unseres Volkes.Wir bitten daher Euer Exzellenz, der Hohen Pforte die Unerträglichkeit der geschaffenen Lage und die äußerste Dringlichkeit von Abhilfemaßregeln mit allem Nachdruck vorzustellen, und dabei vornehmlich drei Ziele ins Auge zu fassen, die auf keine Weise dem Wohle der Türkei oder der Erreichung unserer Kriegsziele widerstreiten, dagegen aufs engste mit den Forderungen der Menschlichkeit und mit dem wirtschaftlichen Interesse verknüpft sind:1. daß der Deportation der bisher verschonten armenischen Bevölkerung von Konstantinopel, Smyrna, Aleppo und anderen, noch nicht betroffenen Städten und Distrikten ein Riegel vorgeschoben wird,2. daß nicht nur angebliche und scheinbare, sondern wirkliche und wirksame Maßregeln getroffen werden, um die Hunderttausende von deportierten Frauen und Kindern in den mesopotamischen Steppen am Leben zu erhalten und weitere Grausamkeiten an den noch übrigen Armeniern zu verhindern,3. daß Christen anderer Länder es ermöglicht werde, vielleicht unter der Mitwirkung deutscher und neutraler Vertrauensleute, den notleidenden Deportierten Hilfsdienste zu erweisen und Unterstützungen zukommen zu lassen.Beim Friedensschluß bitten wir darauf Bedacht zu nehmen, daß den jetzt zwangsweise islamisierten Christen die Rückkehr zum Christentum ermöglichtund für eine künftige friedliche und loyale Weiterentwicklung der christlichen Minderheiten in der Türkei und für die ungehinderte Fortführung der christlichen Liebes- und Kulturarbeit im Orient die nötige Bürgschaft gegeben werde.Wir bitten Euer Exzellenz in Ehrerbietung, uns möglichst bald in die Lage zu versetzen, daß wir der Beunruhigung unter den deutschen Christen entgegentreten und die Anklagen des Auslandes wirksam entkräften können.Euer Exzellenz ganz gehorsamsteDr. Karl Axenfeld, Direktor der Berliner Missionsgesellschaft, Berlin.Professor D. Baumgarten, Kiel.Professor Dr. Johannes Burchard, Professor der Rechtswissenschaften an der Königlichen Akademie zu Posen.Superintendent D. A. Cordes, Leipzig.D. Adolf Deißmann, ord. Professor der Theologie an der Universität Berlin, Vorstandsmitglied der deutschen Orientmission.Oberhofprediger D. Dibelius, Dresden, Vizepräsident des Evangelisch-lutherischen Landeskonsistoriums.Konsistorialrat Pfarrer D. Erich Foerster, Frankfurt a. M.Th. Haarbeck, Pfarrer, 1. Vorsitzender des deutschen Verbandes für Gemeinschaftspflege und Evangelisation, Barmen.Direktor D. G. Haccius, Hermannsberg i. Hannover.A. Haccius, Geh. Justizrat, Hannover.Haendler, Propst und Generalsuperintendent, Berlin.Professor D. v. Harnack, Wirkl. Geh. Rat., Berlin-Grunewald.Professor D. G. Haußleiter, Halle a. d. S.Held, Missionsinspektor der Sudan-Pioniermission, Wiesbaden.P. O. Hennig, Missionsdirektor der Brüdergemeinde, Herrnhut.Professor Dr. W. Herrmann, Marburg.D. Hesekiel, Generalsuperintendent, Wernigerode.Dr. Hornemann, Landgerichtsrat, Berlin.Generalsuperintendent D. Kaftan, Kiel.Pastor D. Dr. Kind, Präsident des Allg. Ev. Prot. Missionsvereins, Berlin.D. W. L. Kölbing in Herrnhut, Vorsitzender der Verwaltung des Aussätzigenasyls der Evangelischen Brüdergemeinde in Jerusalem.Dr. Johannes Lepsius, Potsdam.Geh. Konsistorialrat Professor Dr. Loofs, Halle.Professor D. Mahling, Berlin-Charlottenburg.D. Philipps, Berlin-Charlottenburg.Stadtpfarrer Pfisterer, Weinsberg, Württemberg.Professor D. Julius Richter, Berlin-Steglitz.Pastor Röbbelen, Hermannsberg i. H., Vorsitzender des Vereins für lutherische Mission in Persien.Roedenbeck, Superintendent der Diözese Potsdam I, Direktor der deutschen Orientmission, Klein-Glienicke bei Potsdam.Lic. Dr. Paul Rohrbach, Berlin.Pastor Johs. Spiecker, Direktor der Rheinischen Missionsgesellschaft, Barmen.Missionsinspektor Lic. Schlunk, Hamburg.Schlicht, Superintendent, früher Pfarrer der deutschen evangelischen Gemeinde in Jerusalem, Rudow b. Berlin.A. W. Schreiber, Missionsdirektor, Berlin-Steglitz.D. Dr. Hans von Schubert, Geh. Kirchenrat, ord. Professor der Theologie, zurzeit Dekan der theologischen Fakultät zu Heidelberg.Professor D. Dr. R. Seeberg, Berlin.Direktor D. F. A. Spiecker in Berlin-Grunewald.Pfarrer Ewald Stier, Alten bei Dessau, für die „Deutsche Armenische Gesellschaft“ und den Verein „Notwendiges Liebeswerk“.F. Schuchardt, Deutscher Hilfsbund für christliches Liebeswerk im Orient, E. V., Frankfurt a. M.Martin Urban, Missionsinspektor, Vorsitzender der Mission für Süd-Ost-Europa, E. V., Hausdorf, Kr. Neurode.Professor Dr. Weckesser, Karlsruhe.Geh. Kirchenrat H. H. Wendt, Professor der Theologie in Jena.A. Winkler, Pfarrer, Berlin, Mitglied des Kuratoriums der Deutschen Orientmission.Adolf Zeller, Pastor, Zehlendorf, früher Marasch, Wilajet Aleppo.Gerhard von Zezschwitz, Pfarrer und Senior in Burgbernheim, Bayern.Professor D. Dr. Dalman aus Jerusalem.Gustav Gerock, Stadtpfarrer in Stuttgart.Johannes Lohmann, Pastor am Diakonissenhaus Friedenshort in Miechowitz.Lic. R. Mumm, Mitglied des Reichstags, Berlin NW. 87.An den Kanzler des Deutschen ReichesHerrn Dr. von Bethmann Hollweg, Exzellenz, Berlin W.Anlage 2.Berlin, den 29. Oktober 1915.Der Missionsausschuß des Zentralkomitees für die Generalversammlungen der Katholiken Deutschlands, versammelt zu Berlin am 29. Oktober 1915, hält es für seine unabweisbare Pflicht, seine Stimme zu erheben, damit den überaus harten Maßregeln, welche zurzeit von Seiten der türkischen Regierung gegen die Armenier zur Anwendung gebracht werden, sofort ein Ende gemacht werde. Was immer auch den Armeniern zur Last fällt, so verlangt doch das Gebot der Menschlichkeit, welchem auch die türkische Regierungihr Ohr nicht versagen darf, daß der drohenden Ausrottung des ganzen armenischen Volkes gesteuert werde.Die Versammlung hat das Vertrauen zu der Leitung des Deutschen Reiches, daß sie auch bisher schon zur Linderung des Loses der Armenier alles getan hat, was in ihren Kräften stand. Sie bittet aber angesichts der fortdauernden Schrecknisse in Armenien, daß sie unausgesetzt auf diplomatischem Wege, durch Einwirkung auf die Regierung der uns verbündeten Türkei, alles zur Linderung des Loses der Armenier aufbiete, was ohne Gefährdung des militärischen Bündnisverhältnisses geschehen kann.Die türkische Regierung wird begreifen müssen, daß die christliche Bevölkerung Deutschlands trotz ihrer politischen Bundesfreudigkeit zur Türkei in Aufregung geraten muß, wenn ihre Glaubensgenossen in der Türkei so schwer bedrückt werden. Dies um so mehr, als alle deutschen Katholiken, wie es sich aus den Besprechungen des Missionsausschusses als springender Punkt ergab, auf dem Standpunkt stehen, von allen christlichen Völkern der Türkei volle Loyalität gegenüber dem türkischen Staate zu verlangen, sie auch ihrerseits bereit sind, in dieser Richtung auf die orientalischen Christen einzuwirken und bei ihnen das Verständnis für staatsbürgerliche Gesinnung zu wecken.Übrigens erfordert es das richtig verstandene Interesse der Türkei selbst, daß diese sich nicht so wertvoller Mitarbeiter beraubt, wie die Armenier bisher es auf dem Gebiete der Staatsverwaltung und des wirtschaftlichen Fortschrittes für sie gewesen sind.Vor allem aber bitten wir den Herrn Reichskanzler, darauf ein wachsames Auge zu halten, daß unter keinen Umständen auch in anderen Teilen des türkischen Reiches ähnliche Ereignisse gegenüber der christlichen Bevölkerung Platz greifen.Die im unterzeichneten Missionsausschuß vertretenen deutschen Katholiken hegen volles Vertrauen zur Leitung des Deutschen Reiches und zur befreundeten Regierung der Türkei, daß durch Beseitigung der erwähnten Mißstände unser Bündnis mit der Türkei auch weiterhin beim christlichen Volke Deutschlands freudige Stimmung und Teilnahme finden kann.Im Namen aller im Missionsausschuß vertretenen Organisationen der deutschen Katholiken zeichnen:Prälat Dr. Werthmann, Vorsitzender.Justizrat Dr. jur. Carl Bachem.Erzberger, M. d. R.Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzlervon Bethmann Hollweg.198.(Der Reichskanzler.)Berlin, den 12. November 1915.Euer Hochwohlgeboren darf ich den Empfang der mir unterm 15. v. M. übermittelten Eingabe mit ergebenstem Danke bestätigen.Die Kaiserliche Regierung wird, wie bisher, so auch in Zukunft es stets als eine ihrer vornehmsten Pflichten ansehen, ihren Einfluß dahin geltend zu machen, daß christliche Völker nicht ihres Glaubens wegen verfolgt werden. Die deutschen Christen können darauf vertrauen, daß ich von diesem Grundsatz geleitet, alles, was in meiner Macht steht, tun werde, um den mir von Ihnen vorgetragenen Sorgen und Wünschen Rechnung zu tragen.Die Kaiserliche Botschaft in Konstantinopel habe ich von dem Inhalt Ihrer Eingabe unterrichtet.von Bethmann Hollweg.An den Direktor der Deutschen Evangelischen Missionshilfe,Herrn A. W. Schreiber, Hochwohlgeboren.199.Der Reichskanzler.Berlin, den 12. November 1915.Euer Hochwohlgeboren darf ich den Empfang der mir unterm 30. v. M. übermittelten Entschließung der Missionskonferenz des Zentralkomitees der Katholiken Deutschlands mit ergebenstem Danke bestätigen.Die Kaiserliche Regierung wird, wie bisher, so auch in Zukunft es stets als eine ihrer vornehmsten Pflichten ansehen, ihren Einfluß dahin geltend zu machen, daß christliche Völker nicht ihres Glaubens wegen verfolgt werden. Die deutschen Christen können darauf vertrauen, daß ich von diesem Grundsatz geleitet, alles, was in meiner Macht steht, tun werde, um den mir von Ihnen vorgetragenen Sorgen und Wünschen Rechnung zu tragen.Die Kaiserliche Botschaft in Konstantinopel habe ich von der Entschließung der Missionskonferenz unterrichtet.von Bethmann Hollweg.Herrn M. Erzberger, M. d. R., Hochwohlgeboren, hier.200.Auswärtiges Amt.Berlin, den 12. November 1915.Euere Exzellenz bitte ich, den Bericht eines deutschen Lehrers[101]zum Anlaß nehmen zu wollen, um bei der Pforte erneut gegen die grausameBehandlung der Armenier Verwahrung einzulegen und sie auf die verhängnisvollen Folgen aufmerksam zu machen, die dem türkischen Reiche aus der Fortsetzung einer derartigen Ausrottungspolitik erwachsen müssen.Jagow.Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen BotschafterHerrn Grafen Wolff-Metternich, Konstantinopel.201.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 12. November 1915.Aus zuverlässiger Quelle erfahre ich, daß die türkische Regierung trotz aller gegenteiligen Versicherungen beschlossen hat, auch die in Konstantinopel ansässigen Armenier in die Verbannung zu schicken. Die Maßregel soll nicht sofort und nicht gegen alle armenischen Bewohner der Hauptstadt auf einmal ergriffen werden, jedenfalls aber noch vor Beendigung des Krieges zur Ausführung gelangen. Ich habe deshalb Halil Bey am 8. d. M. wiederholt dringend auf die unabsehbaren Folgen aufmerksam gemacht, die ein solches Vorgehen in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht nach sich ziehen werde. Euerer Exzellenz Erwägung möchte ich anheimstellen, auch Hakki Pascha vor Ausführung des unheilvollen Planes eindringlich zu warnen.Neurath.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.202.KaiserlichDeutsches Konsulat.Aleppo, den 16. November 1915.Die türkische Botschaft in Berlin hat über den Aufruhr in Urfa die in der Anlage beigefügte Erklärung veröffentlicht, die in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung vom 28. Oktober, Nr. 299 (2. Ausgabe), zum Abdruck gekommen ist und mir zu den folgenden Bemerkungen Anlaß gibt. Sie besagt u. a.:„Der Zweck, den die Banden mit dem Aufruhr verfolgten, war einerseits der, Schaden anzurichten, fremde Niederlassungen zu zerstören und Untertanen der mit der Türkei im Kriege befindlichen Staaten zu töten, um die Folge dieser Morde auf die Türkei abzuwälzen. Andererseits wollten sie einen Teil der Kaiserlichen Truppen an die befestigten Schlupfwinkel fesseln und sie vom Kriegsschauplatz abziehen.“Demgegenüber wird daran festzuhalten sein, daß der Zweck des Aufruhrs nicht ohne seine Vorgeschichte verstanden werden kann. Urfa hat unter denArmeniermetzeleien vor 20 Jahren schwer gelitten. Damals wurden u. a. 1000 Menschen in der Kirche, in die sie unter dem Vorwande, ein Asyl zu finden, hineingelockt waren, vorsätzlich verbrannt. Die Armenier haben seitdem in steter Furcht vor einer Wiederholung der Metzeleien gelebt und sich mit Waffen versehen, um nicht wehrlos zu sein.Als im Frühsommer d. J. die Armenierverschickungen angeordnet wurden, sagte mir der hiesige Wali Djelal Bey, der sich weigerte, sie auszuführen und deswegen versetzt wurde, „es ist das natürlichste Recht des Menschen, zu leben. Der Wurm, den man tritt, krümmt sich. Die Armenier werden sich wehren.“Welcher Art die Vorbeugungsmaßregeln sind, die von der türkischen Regierung in der gegenwärtigen Weltkrisis gegen die Armenier ergriffen wurden, hatten die Bewohner von Urfa bereits erfahren. Gegen Mitte Juni sind 50 der angesehensten von ihnen verhaftet und einer von ihnen mit 100 Stockschlägen fast zu Tode geprügelt worden. Kurz darauf wurden sie nach Diarbekr in Marsch gesetzt, woselbst angeblich ihre Aburteilung erfolgen sollte, sind aber unterwegs — also ohne Urteil — umgebracht worden. Darunter befand sich der langjährige Apotheker des deutschen Hospitals, der nach dem Zeugnis der deutschen Missionare, wie übrigens viele unter den 50 Abgeführten, loyaler ottomanischer Untertan gewesen ist. Auch das Schicksal der aus dem Norden und Osten angekommenen Verschickten hatten die Urfaleute vor Augen. Sie wußten, daß die Männer ermordet, Frauen und Mädchen geschändet, günstigstenfalls in muslimische Harems aufgenommen, und daß der Rest, nämlich Kinder und ältere Frauen dem Hungertode preisgegeben waren. Daher ihr Entschluß, lieber mit der Waffe in der Hand zu sterben, und ihr Leben so teuer wie möglich zu verkaufen, als sich und ihre Familie wehrlos vernichten oder entehren zu lassen. Es ist richtig, daß die allgemeine Verschickung der Armenier Urfas noch nicht beschlossen war, als der Aufruhr losbrach. Die einzigen Städte der Türkei, welche bis dahin dieses Geschick noch nicht erlitten hatten, waren, soweit hier bekannt, Konstantinopel, Smyrna, Aleppo und Urfa. Welche Gewähr aber bestand, daß Urfa nicht auch an die Reihe kommen würde? 18 Familien waren im Mai bereits verbannt, von der Vernichtung der 50 im Juni habe ich soeben gesprochen.[102]Es lag nahe, daß, wie überall, auch die Masse verschickt werden würde, nachdem die Führer beseitigt waren. Haussuchungen nach Waffen erfolgten. Dabei wurde eine Patrouille niedergeschossen. Eine zweite, nicht aufgeklärte Schießerei hat dann die Krisis ausgelöst.Die Armenier haben sich nicht, wie die Erklärung verallgemeinernd behauptet, „der fremden Niederlassungen“ bemächtigt, woraus ein mit den Verhältnissen vertrauter Deutscher schließen müßte, daß auch die deutschen Missionshäuser in den Kampf hineingezogen worden sind, sondern sie habennur die für ihre Verteidigung günstig gelegene amerikanische Mission benutzt[103].Auch haben die Armenier den amerikanischen Missionar Leslie und sieben französische Untertanen in ihrem Stadtviertel als Geiseln zurückbehalten, aber nicht, um sie zu töten. Hätten sie dies gewollt, so hätten sie reichlich dazu Gelegenheit gehabt, da sie tagelang diese Fremden in ihrer Gewalt hatten. Verständlicher wäre es gewesen, wenn die Erklärung gesagt hätte, „um sie durch türkische Kugeln töten zu lassen“. Denn die Zurückbehaltung war allerdings ein verzweifelter Versuch, das Schicksal der Fremden an das der Armenier zu ketten, um auf diese Weise irgendwie ihre Lage zu verbessern.Was schließlich die Behauptung betrifft, daß die Armenier sich der Stadtteile der Muslimen bemächtigt und begonnen hätten, die Einwohner niederzumetzeln, so ist sie erfunden. Sie erinnert mich an folgenden Vorfall: Als ich Anfang April in Marasch war, und die wenigen Armenier, die sich überhaupt aus den Häusern wagten, unter dem Druck des verhängten Belagerungszustandes und der Furcht vor dem Kommenden sich nur ängstlich an den Häusern entlang drückten, versuchten muslimische Intriganten ein Telegramm nach Konstantinopel zu schicken, des Inhalts, die Armenier hätten die Moscheen in Marasch besetzt und in Kirchen verwandelt!Die in der türkischen Erklärung gegebenen Daten sind diejenigen des orientalischen Kalenders. Die Schießerei war also nach westlichem Kalender am 29. September und der Aufstand war am 16. Oktober unterdrückt. Die türkischen Verluste an Toten betrugen nicht 20, sondern 50, außerdem 120 bis 150 an Verwundeten.Ich beabsichtige mit meiner Darstellung nicht, der einen oder der anderen Partei zu Liebe oder zu Leide zu schreiben, halte es aber für meine Pflicht über Dinge, die sich in meinem Amtsbezirk ereignet haben, Euerer Exzellenz vorzulegen, was ich für die Wahrheit halte.Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft in Konstantinopel zugehen.Rößler.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn Dr. von Bethmann Hollweg.Anlage.(NorddeutscheAllgemeine Zeitung.)Berlin, den 27. Oktober 1915.Die Kaiserlich Türkische Botschaft teilt mit: In der Nacht vom 16. September haben armenische Banden einen Aufruhr veranstaltet. Sie hatten sich in starken Gebäuden auf den beherrschenden Punkten der Stadt Urfa verschanzt und eröffneten das Feuer gegen unsere Gendarmeriepatrouillen, von denen zwei Mann getötet und acht verwundet wurden. Unsere Gendarmerie wurde überall mit Feuer empfangen. Nachdem die Armenier sich der fremden Niederlassungen bemächtigt und deren Besitzer mit Gewalt zurückgehalten hatten, stellten sie dort Schießscharten her. Da diese Tatsachen bewiesen, daß die aufrührerischen Banden entschlossen waren, bewaffneten Widerstand zu leisten und die Unzulänglichkeit der in geringer Zahl vorhandenen Gendarmerie auzunützen, und da sie sich schließlich der Stadtteile der Muselmanen bemächtigt hatten und die Einwohner niederzumetzeln begannen, wurden einige für die Front bestimmte Truppen nach Urfa abgeschickt. Die Schlupfwinkel der Banden wurden zerstört, und der Aufruhr war am 3. Oktober unterdrückt. Die Zahl der bei diesem Vorfall getöteten Soldaten und Gendarmen beträgt 20, die der Verwundeten 50.Der Zweck, den die Banden mit ihrem Aufruhr verfolgten, war einerseits der, Schaden anzurichten, fremde Niederlassungen zu zerstören und Untertanen der mit der Türkei im Kriege befindlichen Staaten zu töten, um die Folgen dieser Morde dann auf die Türken abzuwälzen, andererseits wollten sie einen Teil der Kaiserlichen Truppen an ihre befestigten Schlupfwinkel fesseln und sie so vom Kriegsschauplatz abziehen.Dank den kräftigen und schnellen Maßnahmen der Kaiserlichen Behörden hatte der Aufruhr nicht den erwünschten Erfolg. Er wurde unterdrückt, ohne daß einem Untertanen der mit der Türkei im Kriege befindlichen Länder oder einem Neutralen Schaden zugefügt worden ist.203.KaiserlichDeutsches Konsulat.Aleppo, den 16. November 1915.Euerer Exzellenz überreiche ich gehorsamst in der Anlage den Bericht eines Deutschen, den ich kürzlich aus dienstlichem, mit der Armenierfrage in keinerlei Zusammenhang stehenden Anlaß nach Der-es-Zor zu entsenden hatte, über das Geschick der auf dem Wege dorthin wandernden oder am Ziel angelangten Armenier. Es sind Beobachtungen, die sich unterwegs aufgedrängt haben.Oberstabsarzt Dr. Schacht, der auf dem Wege von hier nach Bagdad den Flußweg gewählt hat, schrieb mir am 3. November aus Der-es-Zor: „Ich habe unterwegs viel Böses gesehen. Es ist schon wahr, was man erzählt hat.“Die zu Lande nach Bagdad führende Etappenstraße von Aleppo nach Der-es-Zor ist durch Flecktyphus verseucht. Und das Gleiche muß wohl auch vom Wasserweg gelten.Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.Rößler.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn Dr. von Bethmann Hollweg.Anlage.Wanderung der Armenier nach Der-es-Zor.Auf der Reise nach Der-es-Zor gelangt man notwendigerweise in Fährten der ausgewiesenen Armenier. Schon Der Hafir zeigt die erste Spur: Früher einen Krämerladen, besitzt es jetzt deren drei, die einzig darauf ausgehen, die Zwangslage der Armenier durch hohe Preise auszubeuten (Ziegenfleisch 1 Okka 5–6 Piaster, Brot 4–5, Eier 10 Para usw.). Diesem Unfug begegnet man bis Der-es-Zor. Da Tausende von Armeniern durch die Chans längs der Bagdadstraße wandern, sind die spärlich eingerichteten Läden, die an Ware eigentlich fast gar nichts besitzen, sämtlich leer und der Verkäufer findet für hohe Preise hungrige Käufer. An den Lagerplätzen ist nur schlammreiches, durch Leichen, Mist und Fetzen verunreinigtes Euphratwasser zu haben. Für Zufuhr von Lebensmitteln ist bei den Transporten — obwohl Möglichkeit vorhanden wäre — nicht gesorgt. Wasserstellen mit abgestandenem, abgesetztem Wasser könnten ja ohne weiteres für den permanenten Durchzug errichtet werden. Die Verschickten müssen somit außer ihren Lasten, Kindern, Kranken und Leiden auch Lebensmittel und selbst Wasser für lange Märsche mit sich schleppen. An manchen Stellen fehlt jedes Brennmaterial. Weit und breit in der Runde suchen die spät abends eintreffenden Ankömmlinge mit ihren erschöpften Kräften, die nur mühsam auszureißenden Süßholzwurzeln als Feuerungsmaterial zusammen. All die Rastplätze sind Monate hindurch durch Massen von menschlichen Exkrementen, Abfällen, Fetzen und Mist in den abscheulichsten Zustand versetzt, der sich nicht ändern wird, als bis der letzte Trupp dahin sein dürfte. Die begangenen Wege längs des Flusses und der Bagdadstraße weisen nacheinander die Merkmale der Wanderung auf: Zurückgelassene Wagen, von denen das Vieh einging; zerbrochene Wagen, Kleiderreste and Fetzen, die eben am Leibe nicht mehr zu haften vermögen. Tierleichen und Menschenleichen in allen Stadien der Zersetzung. Nur gut, die Natur mit ihren Aasfressern besorgt in sehr kurzer Zeit die Beseitigung dieser Kadaver. In Meskene fanden wir einen kleinen Trupp Zurückgebliebener, dabei ein sitzender Toter in Verwesung, eine sterbende Frau und 2 Kranke. Militär und Lasttiere füllten den Chan und dessen schmutzige Umgebung, und jedermann hatte andere Sorgen als diesen Unglücksflecken zu reinigen.Abu Hrere am Euphrat, vor kurzem noch mit einem Chandschi und einem Händler versehen, derzeit ein riesiger menschlicher Düngerhaufen, 5 Tierleichen, Mist, Fetzen, Millionen Fliegen, eine richtige Stätte des Todes, dann stundenweit nur Wüste. An dieser Unglücksstätte saß verlassen ein abgehungertes Mütterlein. Die hellen blauen Augen, das blendend weiße Haar, die Gesichtszüge, verrieten ein besseres Einst. Alles zog weiter dahin. Sie jammerte irre nach den Kindern, vielleicht ein Sonnenuntergang, dann ist sie ihrer Befreiung sicher. Wir ließen sie in den Chan schaffen — eine menschenleere Miststätte mit 2 Soldaten, sonst nichts. Hinter Abu Hrere, wo der Weg durch die wasserleere Wüste zieht, fanden wir außer zahlreichen Tierleichen und Fetzen von Kleidern 3 Knabenleichen, 1 Männer- und 1 Frauenleiche am Straßenrande.Hamam besitzt zwei große Chans, verwüstet, 3 große Lager von Armeniern: a) Schiffer mit 7 Holzbooten, b) Fahrer mit ihrem Wagenpark, c) Fußgänger in erbärmlichem Zustande mit den Resten ihres Habs und Gutes. Vor Morgengrauen brachen sie wieder auf. 8 bis 900 Personen aus Antiochien, Zeitun, der Gegend von Marasch, Killis, Susli. Der Weg zweigte nach 3 Stunden hinter Hamam von unserer Straße ab und näherte sich wahrscheinlich dem Flußufer, während die Straße über die Wüstenklippen hinweg führte.Sabcha, die erste Ansiedlerstation. Früher einige hundert Einwohner zählt derzeit 7000 Köpfe (Aussage des Nahié Mudir’s). Zwischen den felsigen Abstürzen der Wüste und dem Flußlaufe liegt der Ort, am Flußufer der alte Teil mit einigen Hausgärten, dem Bergrücken zu vergrößert sich nun die Niederlassung, in schnurgeraden, rechtwinklig angelegten Gassen; Tausende von Händen schaffen in regstem Eifer; lange Zeilen von Bruchsteinen lagern dort, über 100 neue Häuser stehen. In kurzer Zeit sollen noch 250 Häuser fertig sein. Im Juli und August kamen die ersten Ansiedler von Zeitun an. Viele wohnen noch in gemieteten Häusern (3–4 Medjidijeh Miete) die meisten noch in Zeltlagern und in Höfen. Die Behörde gibt den Baugrund und gestattet Steine zu brechen. Brot und Mehl wird in kaum genügendem Maße verabreicht, worüber Klagen wahrgenommen werden. Von den Ansiedlern ist eine Schmiede, ein Fleischverkauf, 1 Klempner und 2–3 Krämerläden eingerichtet. Durch Krankheit gehen viele Armenier zugrunde. Die Zeltlagerer, zum Selbstschutz getrieben, stoßen die Kranken — meist Frauen — aus dem Lager und übergeben sie der Natur. Ohne Nahrung, ohne Arzt, ohne Pflege, liegen sie wimmernd, Brot bittend, bis ein gütiges Geschick sie sterben läßt (ca. 40 schrecklich entstellte Personen). Gegenüber der Überfahrtsstelle zählte ich 12 angeschwemmte Leichen, deren entsetzlicher Gestank keine einzige Seele zu einem Begräbnis aufzurütteln vermag. Nach Aussage des Gemeindevorstehers kommen noch viele Tausende von „Ansiedlern“, d. h. wie der Herr wörtlich sagte: „Wir lassen sie kommen!“ „Um das Land zu kultivieren.“ Fluß auf- und abwärts ist allerdings für dieÜberlebenden ein fruchtbares Terrain. Ärztliche Hilfe ist dort unbedingt nötig.Hauptsiedelungsplatz ist Der-es-Zor. Schon die Einfahrt zeigte sofort die Hauptbeschäftigung der Ansiedler: Totenbegraben, stumpfes Hinbrüten, mühevolles krankes halbtotes Dahinschreiten. Der-es-Zor selbst ist eine nicht unschöne Stadt, mit schönen breiten Straßen. Früher 14000 Einwohner, derzeit 25–30000. Für die riesige angestaute Menschenmenge ist keine organisatorische Regelung vorhanden. Keine genügende Menge von Nahrungsmitteln (stundenlang sind die Bäcker ohne Brot), eine Dampfmühle klappert unzureichend Tag und Nacht, Mangel an Brot und Gemüse wurde festgestellt. 3 Spitäler sind voll gepfropft mit über tausend Kranken. 1 Gemeindearzt, 1 Regierungsarzt, Apotheke fast leer. Der Gemeindearzt verließ eben die Stadt auf einige Tage für eine Dienstreise, die Sterblichkeit beträgt täglich 150–200 Köpfe (Worte des Gemeindearztes). Nur so ist es möglich, daß immer noch Tausende von Ansiedlern zugeschafft werden können. Oberhalb und unterhalb der Stadt großes Zeltlager. Am linken Flußufer neben der Schiffsbrücke lagert in ortsüblichen Laubhütten eine Unmasse von Sterbenden. Sie sind die Vergessenen, deren einziger Befreier der Tod ist.Kein sprachlicher Gedankenaustausch vermag auch nur annähernd die Wirklichkeit dieses menschlichen Elends zu schildern, so unbeschreiblich sind dort die Vorkommnisse. Und immer wieder ergänzt sich der Unglückshaufen. Nach Aussage von anderen Fußgängern liegen dann weiter weg Hunderte von weggeschleppten unbeerdigten Leichen! Der diensttuende Gendarm antwortet mir: „Was soll man machen? Sie sterben alle von selbst.“Die Behörden reinigen täglich sorgfältig alle Winkel und Straßen, bauen neue Wohnviertel wie in Sabcha, verteilen Geld unter die Leute, sowie Brote und Mehl und doch ist mit Ausnahmen der Tod dem Leben vorzuziehen. Wie in Sabcha, so ist auch in Der-es-Zor jede andere menschliche Niederlassung viele Stunden weit entfernt... Wüstenrand.Von den Arabern werden die Armenier mit Steinen beworfen, geschlagen, verspottet und ausgelacht, wie wir selbst Beispiele sahen.Beispiel: In Maden am Euphrat trieben am Ufer drei Leichen, die Araber warfen Steine danach, spuckten darauf und lachten dazu. (Eine Leiche mit abgeschlagenem Kopfe.)Während unseres Aufenthaltes verbot die Polizei mehreren Armeniern, sich an uns zu wenden und mit uns zu sprechen (dazu ist die Regierung da, nicht die Deutschen!).Was für die Überlebenden an Arbeit vorhanden ist: Ackerbau und Gartenbau längs des Flusses, wo allerdings fruchtbarer Boden vorhanden ist, Handwerk und wenig Handel.Aleppo, den 11. November 1915.Unterschrift.204.KaiserlichDeutsche Botschaft.Pera, den 20. November 1915.Über die Vorgänge in Urfa liegt seitens des Kaiserlichen Konsuls in Aleppo bisher nur ein kurzes Telegramm vom 9. Oktober vor. Danach hat die armenische Bevölkerung, als sie Ende September von ihrer bevorstehenden Verschickung erfuhr, beschlossen, sich zur Wehr zu setzen und sich in ihren Häusern verschanzt. Fahri Pascha, der Militärkommandant von Aleppo, begab sich an Ort und Stelle, aber erst nach hartnäckigen Straßenkämpfen, bei denen die Türken auch Artillerie verwendeten, konnte der Aufruhr niedergeschlagen werden.Leider ist es trotz der dringenden Verwendung der Kaiserlichen Botschaft und des Konsuls Rößler nicht gelungen, das Verbleiben der armenischen Angestellten und Pfleglinge der deutschen Anstalten in Urfa zu erlangen. Der Minister des Auswärtigen, Halil Bey, hatte zunächst die Berücksichtigung unserer diesbezüglichen Wünsche zugesagt, aber Fahri Pascha erklärte, nur militärischen Rücksichten gehorchen zu können, und wollte höchstens solche Armenier in deutschen Diensten ausnehmen, die nicht mit Familien von Aufständischen verwandt sind und keine soziale Stellung einnehmen.Neurath.Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.205.Auswärtiges Amt.Berlin, den 29. November 1915.Der Bericht des Herrn von Scheubner-Richter[104]vom 5. d. M. und andere hier vorliegende Nachrichten erwecken leider den Eindruck, daß die türkische Regierung allen unseren Vorstellungen und Warnungen zum Trotz an ihrer verhängnisvollen Politik gegenüber den Armeniern festhält. Abgesehen von Erwägungen allgemein humanitärer und politischer Natur, können wir es als aufrichtige Freunde der Türkei in deren eigenstem Interesse nur auf das tiefste beklagen, daß sie sich durch ihr Vorgehen in unbegreiflicher Kurzsichtigkeit eines für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes wichtigen Bevölkerungselementes beraubt. Im feindlichen und neutralen Ausland hört man nicht auf, uns für das Treiben der türkischen Behörden verantwortlich zu machen. Wie der Bericht des Herrn von Scheubner von neuem bestätigt, ist sogar in weiten Kreisen der türkischen Bevölkerung die Vorstellung verbreitet, daß Deutschland die Türkei zu den Armenierverfolgungen angestiftet habe. Wir glauben von der Loyalität der Pforte gegen ihren deutschen Bundesgenossen erwarten zu dürfen, daß sie derartigen Gerüchten mit Nachdruck entgegentritt.
November.
189.
(Hauptquartier.)
Telegramm.
Abgang aus Pleß, den 3. November 1915.Ankunft in Berlin, den 4. November 1915.
Der Kaiserliche Gesandte an Auswärtiges Amt.
General von Falkenhayn hat folgendes Telegramm an Enver Pascha gerichtet:
„Die Entwickelung der Kriegslage läßt es möglich erscheinen, daß Leistung auf den nach Syrien und Mesopotamien führenden Bahnen bis aufs äußerste gesteigert werden muß. Erbitte Ihre Unterstützung, daß den Bahngesellschaften die Erhaltung ihres geschulten Personals erleichtert wird, die durch Deportierung der armenischen Angestellten während des Krieges schwer gefährdet werden würde.“
Treutler.
190.
(KaiserlichesKonsulat Mossul.)
Telegramm.
Abgang aus Mossul, den 4. November 1915.Ankunft in Pera, den 5. November 1915.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Gestern ist Halil Bey mit seinem Stab hier angekommen. Er selbst muß infolge Erkrankung einige Tage das Bett hüten. Ein Oberst seines Stabes erklärte mir soeben, man müsse auch in Mossul die Armenier niedermachen, was zu tun er die Absicht habe; er werde sich auch durch mich davon nicht abhalten lassen; die Deutschen verleugneten ihre Freundschaft für die Türken, da sie diese an der Exekution gegen die Armenier verhindern wollten.
Es sind dringend sofortige ganz energische Befehle an Halil Bey geboten, auf jeden Fall weitere Massakres zu verhindern.
Morgen oder übermorgen werden die Truppen Halils, die im Norden massakriert haben, hier erwartet.
Holstein.
191.
(KaiserlichDeutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 5. November 1915.
An Deutsches Konsulat, Mossul.
Antwort auf Telegramm vom 4. November.
Kriegsminister ist sofort vom Minister des Auswärtigen ersucht worden, die dortige Militärbehörde telegraphisch anzuweisen, sie solle nichts gegen die Armenier unternehmen.
Neurath.
192.
Auswärtiges Amt.
Berlin, den 6. November 1915.
Der abschriftlich anliegende Bericht des der Roten-Kreuz-Expedition angehörenden deutschen Arztes Dr. Neukirch aus Erzindjan über die Armenierfrage wird zur gefälligen Kenntnisnahme ergebenst übersandt.
(Stempel.)Auswärtiges Amt.
An den Kaiserlichen GeschäftsträgerHerrn Freiherrn von Neurath, Konstantinopel.
Anlage.
Rote Kreuz-Expedition.
Erzindjan, den 5. August 1915.
Die armenische Frage ist für Erzindjan zunächst erledigt. Außer wenigen von der Regierung zurückbehaltenen Handwerkern ist kein einheimischer Armenier mehr hier. Schaue ich auf meine bisherigen Mitteilungen zurück, so glaube ich genau genug das Gehörte von dem selbst Gesehenen unterschieden zu haben. Will man sich allerdings nur auf Gesehenes beschränken, so bleibt wenig übrig, da bei den eventuellen Massakres Fremde auf alle Fälle ferngehalten werden. Wie solche Dinge hier vorgehen, wissen die Kenner der Armenierunruhen genügend. Andererseits ist schwer festzustellen, was an den Erzählungen, die man täglich hört, wahr ist. Immerhin schien es, mangels anderer Quellen nötig, die Dinge so zu notieren, wie ich es getan habe. Nach dem, was in letzter Zeit hier zu sehen war, sind Schritte, die die Ausweisung der Armenier humaner gestalten sollten, und über die wir naturgemäß nichts Näheres wissen, von Erfolg gewesen.
Während früher elende Horden von armen Weibern und Kindern ohne Habe vorbeigetrieben wurden, nur von wenigen Bewaffneten geleitet, hatten später die Leute, die vorbeikamen, auch Lasttiere und Vieh mit sich. Zuletztkamen die Einwohner von Erzerum in riesigen wohlausgerüsteten Ochsenwagenkarawanen vorbei. Die Leute (offenbar auch die Männer vollzählig) sahen sehr gut aus, reisten in kleinen Märschen und waren durch äußerst zahlreiche Gendarmen unter Führung von Offizieren geschützt.
Den größten der Züge begleitete ein hoher Beamter, der Mutessarrif von Bajasid, persönlich. Die Leute bezogen in der Ebene von Erzindjan ein Zeltlager und zogen nach etwa einer Woche weiter. Das Verdienst für diese sachgemäße Beförderung der Erzerumer Armenier hat offenbar der dortige Wali, Tahsin Bey. Es ist zu bedauern, daß die hiesige Lokalbehörde anders verfahren ist. — Auch die Vorgänge in Trapezunt sollen nach guter Quelle bedauerlich gewesen sein. Die Leute aus der dortigen Gegend kamen zu Fuß und mit wenig oder keiner Habe hier durch.
Die Beziehungen der Expedition zu Behörden und Bevölkerung sind gut. Dagegen werden die Armenier uns mit der Verantwortung für das Geschehene belasten wollen.
Zusammenfassung.
Es hat eine vollkommene Entfernung aller Armenier aus diesem Lande stattgefunden, offenbar als Antwort auf die Verrätereien in Wan. In den ersten Wochen sind fraglos schwerste Mißgriffe vorgekommen, späterhin ist die Sache für orientalische Verhältnisse ziemlich geordnet verlaufen. Massakres haben hier offenbar seit Mitte Juni nicht mehr stattgefunden.
Die wirtschaftlichen Folgen sind unübersehbar.
Dr. Neukirch.
193.
KaiserlichDeutsches Konsulat.
Aleppo, den 8. November 1915.
Die Verschickung der Armenier ist um die Mitte Oktober zu einem gewissen Höhepunkt gelangt, so daß ihre Ausdehnung zu überblicken und der Moment geeignet war, einen zusammenfassenden Überblick zu geben.
Ich fahre hier in der Schilderung einiger Ereignisse fort und darf eine allgemeine Bemerkung vorausschicken. Ranke sagt in seiner Weltgeschichte bei Besprechung der Politik Karls des Großen gegen die Sachsen:
„Man dürfte nicht leugnen, daß die Strenge der Gesetze einen Widerstand gegen dieselben hervorrufen mußte. In Verwickelungen dieser Art tritt das immer ein. Die Maßregeln, die man ergreift, um den Ausbruch der Opposition zu verhüten, sind geeignet, denselben zu erwecken.“
Dieser Satz dürfte zutreffen auf die Politik der türkischen Regierung, die seit den Massakres des Jahres 1895 von Schwankungen abgesehen, im großen und ganzen gegenüber den Armeniern verfolgt worden ist. Er dürfteinsbesondere auch auf die letzten Ereignisse zutreffen. Die Regierung hat Vorbeugungsmaßregeln von einer in der Geschichte selten vorkommenden Härte gegen die Armenier ergriffen und hat dadurch Widerstand an zwei verschiedenen Stellen hervorgerufen, in Suedije und in Urfa[97]. Die Kämpfe in Suedije (von 6 Dörfern aus der Nähe Antiochiens) haben damit geendet, daß die Aufständischen sich in einer versteckten Bucht, gedeckt durch das Feuer eines feindlichen Kriegsschiffes mit Frauen und Kindern in einer Seelenzahl, die von armenischer Seite auf 5000 angegeben wird[98], an Bord eingeschifft haben. Rechnet man bei dieser ländlichen Bevölkerung den sehr hohen Prozentsatz von 10 Prozent als waffenfähig, so käme man auf 500 Mann. Trotz dieser Tatsache und trotz der schließlich bewerkstelligten Verbindung mit einem feindlichen Kreuzer, liegt kein Beweis dafür vor, daß der Bezirk von vornherein an Aufstand gedacht hat. Er ist vielmehr durch die drohende Verschickung zum Widerstand getrieben worden.
Auch für den Armenieraufstand in Urfa ist es nicht erforderlich, Einwirkung von außen anzunehmen. Von Wan und Diarbekr zugewanderte mögen geschürt und sich an die Spitze gestellt haben, es genügte aber, daß die Urfaleute die Vorbeugungsmaßregeln der Regierung, die Verschickung und den damit verbundenen Untergang ihres Volkes und jedes Einzelnen vor Augen hatten, um den Entschluß des Widerstandes hervorzurufen. Der Ausbruch des Kampfes ist dann durch die Schuld der Armenier selbst herbeigeführt worden. Im einzelnen haben sich die Ereignisse etwa folgendermaßen abgespielt.
Nach der am 19. August erfolgten Niederschießung einer Patrouille und dem sich daran anschließenden Massaker ist nichts weiter erfolgt, nicht einmal eine Untersuchung gegen die Mörder der Patrouille. Ende September ereignete sich wieder eine Schießerei im Armenierviertel, von welcher nichts weiter bekannt geworden ist, auch nicht, gegen wen sie gerichtet war. Als am nächsten Tage die Regierung eine Gendarmeriepatrouille aussandte, um den Vorfall zu untersuchen, wurde diese zum Teil niedergeschossen. Die Armenier verbarrikadierten darauf ihren Stadtteil. Er wurde zunächst von den in Urfa vorhandenen etwa 60 oder 80 Gendarmen umstellt. In den ersten Oktobertagen traf ein Bataillon ein, am 4. Oktober Fakhri Pascha, am 5. Oktober ein zweites Bataillon mit 2 Feldgeschützen. Eine Aufforderung zur Übergabe lehnten die Armenier, unter denen die Zahl der Verteidiger auf etwa 2000 geschätzt wird, ab. Am 6. Oktober begann der Kampf, der sich vornehmlich auf drei Verteidigungsstellungen richtete. Die enge und winklige Bauart der Stadt Urfa, deren Häuser aus Stein sind und vielfach über altenHöhlenwohnungen stehen, von den Armeniern auch mit Geschick zur Verteidigung eingerichtet waren, erschwerte die Eroberung. Die Armenier waren mit Gewehren bewaffnet und mit Handgranaten versehen, zu deren Herstellung wohl beim Bau der Bagdadbahn gestohlenes Dynamit gedient haben wird. Dagegen waren sie nicht, wie fälschlich behauptet worden ist, im Besitz russischer oder anderer Maschinengewehre. Am 12. Oktober wurde noch ein 3. Bataillon mit zwei 12 cm Haubitzen hinzugezogen. Am 14. Oktober wurde die Kirche gestürmt, am 15. die amerikanische Mission, welche gegen den Willen des amerikanischen Missionars Leslie von den Armeniern besetzt und als ein starkes Gebäude zu einem Hauptstützpunkt eingerichtet war. Leslie war von den Armeniern als Geisel zurückbehalten worden, in der Hoffnung, daß auf ein Gebäude, in dem er sich befände, nicht geschossen werden würde. Die türkische Aufforderung, ihn gehen zu lassen, lehnten sie ab. Er wurde erst von den erobernden Truppen befreit. Mit der Erstürmung der Kirche und der Mission war der Widerstand gebrochen. Die türkischen Verluste betrugen 50 Tote und 120 bis 130 Verwundete. Die Absuchung der Höhlen und Brunnen kostete dann noch einer Anzahl Soldaten durch vereinzelte Schüsse versteckter Verteidiger das Leben. Kriegsgerichtliche Untersuchung ist eröffnet. Eine Kommission wird über weitere Maßregeln gegen die Armenier Urfas beschließen.
Die Verschickungen gehen im übrigen in der durchgreifendsten Weise und mit dem schrecklichsten Ergebnis weiter. Hunger und Seuche treiben dem Tode reiche Beute zu. Die Sterblichkeit unter den Vertriebenen ist in der Stadt Aleppo außerordentlich groß. Dabei fehlten bis zum Eintreffen Djemal Paschas, von dem weiter unten zu berichten sein wird, die notwendigsten sanitären Anordnungen. Etwa Mitte Oktober wurde ein neuer Begräbnisplatz außerhalb der Stadt bestimmt. Ehe aber alles so weit war, daß dort mit der Beerdigung begonnen werden konnte, wurden die Leichen bereits haufenweis abgeladen und lagen einige Tage unter freiem Himmel. Unter diesen Umständen kann man sich nicht wundern, daß der Flecktyphus auf die Stadtbewohner übergegriffen hat und eine allgemeine heftige Epidemie ausgebrochen ist. Die Zahl der täglichen Todesfälle wird auf 150 bis 200 angegeben.
Zufällig habe ich kürzlich selbst von einer Straße, die die Vertriebenen ziehen, einen Eindruck erhalten. Zwischen dem Afrin und Aleppo, also auf einer Länge von etwa 60 km sah ich am 21. Oktober unmittelbar an der Straße 4 Leichen liegen, zwei davon bereits von Tieren halb gefressen. Als ich nach dem Anblick der ersten dieser Leichen an den ersten Chan kam und den Besitzer aufforderte, Leute gegen Bezahlung zur Beerdigung auszuschicken, lächelte er, tat aber, was ich wünschte. Als ich ihn fragte, warum er gelächelt, sagte er: „Wenn Du wünschest, lasse ich diese Leiche beerdigen. Warum legst Du aber gerade auf diese eine so viel Wert? Wenn Du wüßtest, wievielhier in jeder Bodenfalte liegen, so würdest Du darauf verzichten, gerade die eine begraben zu lassen, die vom Wege aus sichtbar ist.“ Wenn dies an der vielbegangenen Alexandretter Chaussee sich ereignet, ohne daß die vorübergehenden Soldaten und Gendarmen Meldung erstatten, so liegt der Schluß nahe, daß es auf den weniger begangenen Straßen des Innern nicht besser aussehen wird. Die zahlreichen, die Luft verpestenden Tierkadaver habe ich noch nicht erwähnt. Das Konzentrationslager bei Katma bot einen unbeschreiblichen Anblick mangelnder hygienischer Fürsorge. Die Wandernden waren in allen Stadien der Ernährung und Rüstigkeit, von Barfußlaufenden dem Hungertode nahen, sich mühsam Hinschleppenden oder verzweifelt und stumpf am Wege Sitzenden, bis zu solchen, die noch unversehrtes Schuhwerk besaßen oder mit einigem Hausrat auf Karren fuhren. Dabei erklären sich die Unterschiede aus der Länge der bis dahin zurückgelegten Strecken.
Die Zustände sind derart geworden, daß die Etappenstraße von Bozanti nach Aleppo verseucht ist, und daß es erst dem Oberst Freiherrn von Kreß gelungen ist, durch den Hinweis auf die militärische Wichtigkeit hygienischer Maßregeln für die Etappen, den Oberkommandierenden der 4. Armee, Djemal Pascha, zu einem Besuch Aleppos zu veranlassen. Ehe er kam, hatte Djemal Pascha auf telegraphische Anfrage über den Gesundheitszustand vom Chef der Etappeninspektion, Weli Pascha, die Antwort erhalten, es gäbe einige Fälle von Dysenterie, aber keine ansteckende Krankheit. Erst als bei Djemal Pascha die Meldung aus Rajak eintraf, daß in einem Zuge aus Aleppo drei Leichen gefunden seien, hat er sich zur Reise entschlossen.
Hier hat er jetzt energische Maßregeln angeordnet. Die Anzeigepflicht ist eingeführt. Hospitäler werden eingerichtet. Transportwagen für die Überführung der Kranken sollen bereitgestellt werden. Die Stadt ist in Bezirke geteilt, für welche je ein Arzt die Aufsicht übernimmt, mit dem Recht, Häuser zu besuchen. Der Reinigungsdienst für die Stadt wird neu organisiert.
Die Befehle sind gegeben und es handelt sich jetzt um die Ausführung. Ein deutscher Hygieniker, Militärarzt, ist erbeten worden.
Bei der Wichtigkeit der hiesigen Gegenden, aus denen Armeen je nach dem Irak oder nach Ägypten zu entsenden sind, muß der Bekämpfung der Seuche auch weiterhin die ernsteste Aufmerksamkeit gewidmet werden. Die Persönlichkeit des Freiherrn von Kreß bürgt dafür, daß das Mögliche geschehen wird.
Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft in Konstantinopel zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn Dr. von Bethmann Hollweg.
194.
(KaiserlichDeutsche Botschaft.)
8. November 1915.
Akten-Notiz.
Auf Grund von Nachrichten, daß die türkische Regierung neuerdings beabsichtige, auch die Armenier in Konstantinopel zu vertreiben, bin ich heute bei Halil Bey vorstellig geworden und habe ihn erneut auf die Gefahr eines solchen Vorgehens und die schweren Schädigungen wirtschaftlicher Art hingewiesen. Halil Bey erklärte, der Ministerrat habe bereits beschlossen, von allen weiteren Armenierverschickungen, insbesondere auch von Verschickung der Armenier Konstantinopels abzusehen.
von Neurath.
195.
KaiserlichDeutsche Botschaft.
Pera, den 9. November 1915.
Herr v. Scheubner-Richter berichtet aus Mossul unter dem 5. d. M. folgendes:
„Auf dem Wege von Erzerum über Khinis, Musch, Bitlis, Soert nach Mossul habe ich alle früher von Armeniern bewohnten Dörfer bzw. Häuser vollständig leer und zerstört angetroffen. Lebende männliche Armenier habe ich nicht gesehen. Es sollen etliche sich in die Berge geflüchtet haben. Ca. 500 armenische Frauen und Kinder befinden sich in beklagenswertem Zustande in der armenischen Kirche in Bitlis; auch sollen armenische Frauen in türkischen Häusern gefangen gehalten werden. Auf dem ganzen Wege habe ich und die mich begleitenden deutschen Herrn noch Leichen von armenischen Männern, Frauen und Kindern liegen sehen, vielfach mit Zeichen von Bajonettstichen, trotzdem die Wege vor uns auf Veranlassung der Regierung durch Gendarmerie von Leichen gesäubert worden waren. Nach Aussage von Kurden sind alle Armenier der dortigen Gegend umgebracht worden. Eine von den Armeniern vorbereitete Revolution bzw. Erhebung hat es nach meinen Informationen nur in Wan gegeben[99], an anderen Orten war es Selbstverteidigung. Die Türken u. a. auch türkische Offiziere, haben überall verbreitet und vielfach auch selbst geglaubt, daß die deutsche Regierung die Vernichtung der Armenier veranlaßt habe.“
Über die Ausrottung der Armenier von Musch und die Zerstörung des Armenierviertels in Musch sowie der armenischen Dörfer in der Umgegend hat die kürzlich hier eingetroffene Schwester Alma Johansson (Schwedin) von dem dortigen Waisenhause des deutschen Hilfsbundes für christliches Liebeswerk im Orient eingehende Angaben gemacht. Danach dürfte von der armenischen Bevölkerung außer wenigen Flüchtlingen und einigen geraubtenFrauen fast nichts übrig geblieben sein; die armenischen Häuser wurden in Brand gesteckt und dann dem Erdboden gleich gemacht. Diese Ereignisse, die in der ersten Hälfte Juli sich zutrugen, waren, wie aus den Schilderungen der Genannten zu schließen ist, anscheinend mit durch das Herannahen der russischen Truppen, die nach der Besetzung von Achlat, Bulanik, Gop und Liz bis ein, zwei Tagemärsche von Musch streiften, veranlaßt.
Fräulein Johansson, die im August Musch verließ und, nachdem sie sich in Kharput (Mesereh, Mamuret ul Aziz) einige Monate aufgehalten, über Siwas hierher gekommen ist, bemerkte zum Schluß ihrer Schilderungen, daß die offiziellen Kreise sowohl in Musch wie in Mesereh und auch in Siwas übereinstimmend behaupteten, die Deutschen hätten die türkische Regierung zu den Armenierverfolgungen gedrängt.
Neurath.
Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.
196.
Kaiserlich Deutsche Botschaft.
6. November 1915.
Aufzeichnung.
Angaben der Schwester Alma Johansson (Schwedin) von den Anstalten des „Deutschen Hilfsbundes für christliches Liebeswerk im Orient“ in Musch über die Armenierverfolgungen in Musch.[100]
(NB. In Musch besteht ein deutsches Waisenhaus für Knaben und ein zweites für Mädchen, und eine Poliklinik, die sogenannte ärztliche Station.)
Die Stadt Musch zählt 50000 Einwohner, von denen die eine Hälfte Armenier die andere Muhammedaner (Kurden, Türken); im Bezirk Musch etwa 300 Dörfer, meist armenisch.
Während des Winters wurde die männliche armenische Bevölkerung bei den Proviant- und Munitionskolonnen für den östlichen Kriegsschauplatz verwendet; von diesen Leuten kehrten nur die wenigsten zurück, von 2–300 im Durchschnitt kaum 50.
Im Frühling wurden die armenischen Dörfer zerstört, nachdem sie schon vorher durch Einquartierung und Requisitionen schwer heimgesucht waren.
Im Mai-Juni wurde Bitlis von Armeniern ausgeräumt.
Um Mitte Juni wurde der Alma Johansson und der Bodil Björn vom Mutesarrif eröffnet, daß die deutsche und türkische Regierung beschlossen hätten, alle Europäer nach Kharput zu senden.
Die Russen hatten nämlich auf ihrem Vormarsch von Wan aus Ahlat, Bulanik, Gop und Liz besetzt und ihre Patrouillen streiften in einer Entfernung von 1–2 Tagesmärschen von Musch.
Die beiden Schwestern weigerten sich aber, Musch zu verlassen.
Die Stadt war von Truppen umzingelt und Artillerie ringsum aufgefahren.
Am 11. Juli, Sonntag Nacht, wurde das Massaker der armenischen Bevölkerung mit Gewehrschüssen eingeleitet, die Türken behaupteten, daß einige Armenier den Versuch gemacht hätten, sich nach Sassun durchzuschlagen.
Einigen wohlhabenden Armeniern wurde auf dem Konak eröffnet, daß sie in drei Tagen mit der gesamten Bevölkerung die Stadt zu verlassen hätten, aber all ihre Habe, die nunmehr der Regierung gehöre, zurücklassen müßten.
Ohne den Ablauf dieser Frist abzuwarten, begannen die Türken schon nach zwei Stunden in die armenischen Häuser einzudringen und zu plündern.
Montag, den 12., hielt das Geschütz- und Gewehrfeuer den ganzen Tag an; die türkische Bevölkerung nahm daran teil.
Am Abend drangen Soldaten in das Mädchenwaisenhaus ein, um nach versteckten Armeniern zu suchen.
In der Nacht und am folgenden Tage wurde noch viel geschossen. Beim Versuch, das Hoftor zu schließen, wurde eine Frau und ein Waisenmädchen neben der Schwester Johansson durch Kugeln getötet.
Mittwoch früh begab sich die Genannte zum Mutessarrif Servet Bey, um Schutz und Schonung für die Anstalt und ihre Insassen zu erlangen.
Der Mutessarrif, ein intimer Freund von Enver Pascha, gebärdete sich wie ein Rasender und lehnte die Bitte schroff ab trotz des Zuredens aus seiner Umgebung; es wurde den beiden Schwestern nur gestattet, drei Mädchen und einen Diener zu behalten.
Die männliche armenische Bevölkerung ist gleich vor der Stadt umgebracht worden; die Frauen, Mädchen und Kinder hat man noch eine Tagereise weiter geschleppt und dann beseitigt. Nur drei armenische Lehrerinnen vom Waisenhause sind später freigelassen worden.
Nach Räumung der Stadt wurde das armenische Viertel in Brand gesteckt und dem Erdboden gleich gemacht; ebenso die armenischen Dörfer.
Bei diesen Vorfällen hat sich der Militärarzt, ein Albanese, durch Roheit ausgezeichnet und auch die beiden Schwestern bedroht.
Am 10. August reisten diese nach Mesereh Kharput ab, wo sie am 20. August eintrafen. Zusammen mit dem erkrankten Mutessarrif, der 2 Tage später starb.
Über die Ausrottung der Armenier in Kharput hat die Schwester Alma ebenfalls eingehende Angaben gemacht. Die Verfolgungen begannen dort schon im Mai, die Massenausrottung der Männer fand in den ersten Julitagen statt.
Von Einzelheiten erwähne ich:
Die offiziellen Kreise in Musch, Mesereh-Kharput und Siwas behaupten einstimmig, daß die Deutschen die türkische Regierung zur Vertreibung und Ausrottung der Armenier gedrängt hätten.
Mordtmann.
197.
Der Reichskanzler.
Berlin, den 10. November 1915.
In der abschriftlich anliegenden Eingabe haben namhafte Vertreter protestantischer Kreise Deutschlands die Armenierfrage bei mir zur Sprache gebracht. Mit dem gleichen Gegenstande beschäftigt sich die in Abschrift beigefügte Entschließung der Missionskonferenz des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Beide Kundgebungen zeigen die steigende Sorge und Erregung, mit der auch in Deutschland das Vorgehen der Türken gegen die Armenier verfolgt wird.
Euer Hochwohlgeboren bitte ich, unter Berücksichtigung der in den Anlagen dargelegten Gesichtspunkte und Wünsche weiter bei jeder sich bietenden Gelegenheit und mit allem Nachdruck Ihren Einfluß bei der Pforte zugunsten der Armenier geltend zu machen und insbesondere Ihr Augenmerk darauf zu richten, daß die Maßregeln der Pforte nicht etwa noch auf andere Teile der christlichen Bevölkerung in der Türkei ausgedehnt werden.
Über die Entwickelung der Angelegenheit wollen Euer Hochwohlgeboren mich fortlaufend unterrichten.
von Bethmann Hollweg.
Seiner Hochwohlgeborendem Kaiserlichen Geschäftsträger HerrnFreiherrn von Neurath, Konstantinopel.
Anlage 1.
Berlin, den 15. Oktober 1915.
Euer Exzellenz!
Die Unterzeichneten fühlen sich in ihrem Gewissen gedrängt, der Unruhe Ausdruck zu geben, in die sie und wachsende Kreise deutscher Christen durch das jammervolle Geschick des armenischen Volkes in der Türkei versetzt sind, dem nach glaubhaften Nachrichten die Ausrottung droht, wenn den unmenschlichen Maßregeln, denen es unterworfen ist, nicht schleunigst Einhalt geboten wird.
Diese Nachrichten zeichnen uns folgendes Bild:
Nachdem bereits seit Ausbruch des russisch-türkischen Krieges Hunderte von armenischen Dörfern durch Kurden und irreguläre Milizen in den östlichen Wilajets geplündert und Tausende von wehrlosen Armeniern ermordet worden, ist seit Ende Mai die Deportation der gesamten armenischen Bevölkerung aus allen anatolischen Wilajets und Cilizien in die arabischen Steppen südlich der Bagdadbahn angeordnet worden. Diese Maßregel ist mit unmenschlicher Härte in den vergangenen Monaten durchgeführt worden.Während die wehrhaften Männer des armenischen Volkes zur Armee eingezogen und unbewaffnet auf den Etappenstraßen des Innern als Lastträger und Chausseearbeiter verwendet wurden, hat man die des männlichen Schutzes beraubten Frauen, Kinder, Kranke und Greise aus ihren Wohnsitzen ausgetrieben, ihrer Habe beraubt und ohne Ausrüstung und Proviant, barfüßig, hungernd, verschmachtend und fortgesetzten Mißhandlungen und Schändungen ausgesetzt, in Haufen von Hunderten und Tausenden gleich Viehherden durch rohe Saptiehs mehr als hundert Meilen weit in die Verbannung treiben lassen. Die Maßregel wurde dadurch eingeleitet, daß in der Hauptstadt und in den Zentren des Innern die Führer des Volkes, Intellektuelle, Notable und kirchliche Würdenträger, über Nacht ins Gefängnis geworfen und ohne Verhör und Gerichtsverfahren erschossen oder deportiert wurden. Zum Arbeitsdienst einberufene Militärpflichtige sind auf den Straßen überfallen und erschossen worden. Von den deportierten Frauen, Kindern und Greisen sollen weniger als die Hälfte an ihren Bestimmungsorten angekommen sein. Mädchen und junge Frauen wurden in türkische Harems und kurdische Dörfer verschleppt, wo ihnen keine andere Wahl bleibt, als den Islam anzunehmen. Ebenso sind zahllose Kinder ihren christlichen Eltern abgenommen worden und werden nun als Muslims auferzogen. Von der Deportation verschont wurden nur viele Hunderte von christlichen Familien, die sich entschlossen, den Islam anzunehmen. Die Maßregel der Verschickung hatte in Wahrheit den Charakter eines Massakres von allergrößtem Maßstabe. Durch Schlächtereien an bestimmten Stellen des Weges, durch Verhungern und Verschmachten sind die Deportierten, wie es scheint, auf die Hälfte ihrer Zahl vermindert worden.
Es ist naturgemäß vor der Hand nicht möglich, genaue Angaben über die Zahl der Deportierten und Massakrierten zu machen. Nach der Statistik des armenischen Patriarchates waren die von der Deportation betroffenen Wilajets von 1200000 Armeniern bewohnt. Will man auch annehmen, daß ein Teil der Bevölkerung in die Berge flüchten konnte und entlegene Bezirke verschont blieben, so bleibt doch etwa 1 Million armenischer Christen, die von den Deportationen und Schlächtereien betroffen wurden, und zwar ohne Unterschied der Konfession, Gregorianer, römische Katholiken und Protestanten. Ob die Hälfte oder wieviel immer davon umgebracht wurde, ob die Zahl der zum Islam konvertierten Familien nach Tausenden oder Zehntausenden rechnet, kann zurzeit niemand angeben. Darüber aber kann kein Zweifel sein, daß der Schlag, der das arbeitsamste und strebsamste christliche Volk des Orients betroffen hat, in wirtschaftlicher, kultureller und politischer Beziehung die verhängnisvollsten Folgen für die Zukunft der Türkei haben und schon bei den Friedensverhandlungen die Interessen und die Ehre der mit der Türkei verbündeten Mächte aufs empfindlichste berühren wird.
Der Handel und das Handwerk im Innern, die fast ausschließlich in den Händen der Armenier lagen, sind vernichtet worden. Die in Vorbereitung befindliche Deportation der armenischen Handels- und Handwerkerbevölkerung von Konstantinopel (ca. 180000), Smyrna (28000), Adana und einigen anderen, an der Peripherie der armenischen Gebiete liegenden Städte, die bisher verschont waren, würde die wirtschaftliche Entwicklung der Türkei verhängnisvoll treffen, an der Deutschland in höchstem Maße interessiert ist. Nach dem Urteil von Kennern des Landes ist nicht darauf zu rechnen, daß selbst in Jahrzehnten das türkische und jüdische Element in der Lage wären, für den Ausfall des armenischen einzutreten. Mögen zu diesen Fragen Autoritäten des wirtschaftlichen Lebens sich äußern.
Was aber die Unterzeichneten in erster Linie beunruhigt und sie veranlaßt, sich vertrauensvoll an Euer Exzellenz zu wenden, ist nicht die Sorge um die Zukunft deutscher Wirtschafts- und Kulturarbeit, die durch die Ausschreitungen des türkischen Nationalismus und islamischen Fanatismus ernstlich in Frage gestellt wird, was unser Gewissen beunruhigt, ist die Verantwortung, die dem deutschen Volke als einem christlichen aus dem Bundesverhältnis mit der Türkei für die zur Sprache gebrachten Vorgänge erwächst.
Nicht nur die Ententepresse, auch die öffentliche Meinung in den neutralen Ländern sieht Deutschland als mitverantwortlich für die inneren Vorgänge in der Türkei an. Gewiß wird hierbei der Einfluß der deutschen Diplomaten auf die Pforte überschätzt. Aber bestehen bleibt der Eindruck, daß Deutschland nach Ausschaltung der Ententemächte die einzige Macht am Bosporus war, die für die Verhinderung von Christenschlächtereien in Frage kam. Die Maßregeln, welche das armenische Volk mit dem Untergang bedrohen, werden von der Hohen Pforte mit revolutionären Umtrieben in der armenischen Bevölkerung und strategischen Maßnahmen in den Grenzbezirken begründet. Mögen irgendwo Armenier von diesem Vorwurf zu Recht getroffen werden — nach den uns vorliegenden Informationen liegen für ein vaterlandsfeindliches Verhalten der maßgebenden armenischen politischen und kirchlichen Organisationen keine Beweisgründe vor —, er rechtfertigt nicht die getroffenen unerhörten Maßregeln. Wir enthalten uns des Urteils über die Ziele, die die türkische Regierung mit ihnen letztlich verfolgt. In der Ausführung aber haben sie jedenfalls dem islamischen Fanatismus und dem Christenhaß den schlimmsten Anreiz gegeben, der auch für die übrigen, nicht muslimischen Volkselemente der Türkei gefahrdrohend bleibt. Es kursieren Worte wie dies: „Das Land soll rein muslimisch sein und nichts anderes“. Dem entspricht, daß auch Missionsinstitute ausgeräumt worden sind. Es gewinnt den Anschein, als solle jede Art von christlichem Liebeswerk und jeder ausländische Kultureinfluß im Innern ausgetilgt werden.
Diese Vorgänge sind für die übrige Christenheit schlechthin unerträglich und müssen auch der Türkei in ihrem berechtigten Streben, ihre innerenVerhältnisse gegen Eingriffe von außen sicherzustellen, kaum überwindliche Schwierigkeiten bereiten. Die Erregung im neutralen und feindlichen Auslande hierüber ist im Wachsen und muß zu leidenschaftlichem Ausdruck kommen, sobald die Tatsachen in vollem Umfange bekannt werden. Wird sich nicht diese Entrüstung mit ganzer Schärfe gegen Deutschland wenden, dem allein die Welt zutraut, daß es durch sein Verhältnis zur Türkei diese furchtbaren Dinge verhüten und etwa notwendige Maßnahmen auf das strategisch Gebotene einschränken konnte? Wie man Deutschland für den Eintritt der Türkei in den Krieg und für die Erklärung des „heiligen Krieges“ verantwortlich gemacht hat, so wird man ihm die ganze Schuld an der Vernichtung eines christlichen Volkes beimessen. Die Wirkung wird, wie wir fürchten, noch tiefer gehen, als bei der Agitation wegen der angeblichen belgischen Greuel.
Während aber bisher alle Anschuldigungen des Auslandes an dem einmütigen guten Gewissen unseres Volkes wirkungslos abprallten, werden diese Nachrichten, deren Bekanntwerden niemand verhindern kann, auf die deutschen Christen die unheilvollste Wirkung haben. Schon bei der Erklärung des heiligen Krieges regten sich in manchen Kreisen Gewissensbedenken; wir vermochten sie durch den Hinweis zu beschwichtigen, daß dieser heilige Krieg nicht gegen die Christen als solche, sondern in Gemeinschaft mit christlichen Völkern gegen die Feinde der Türkei geführt werde. Niemand vermag aber die lähmende Wirkung auf die Freudigkeit der deutschen Christen zu verhindern, wenn sie es mit ansehen müssen, wie von ihren Bundesgenossen ein ganzes Christenvolk vernichtet wird. In dem guten Gewissen, mit dem wir alle Gott um den Sieg für unsere Waffen anrufen, wurzelt die Widerstandskraft unseres Volkes. Diese Einmütigkeit und Freudigkeit droht erschüttert zu werden, wenn bekannt wird, daß von unseren andersgläubigen Bundesgenossen Hunderttausende unserer Glaubensgenossen grundlos und sinnlos zu Tode gehetzt werden, ohne daß unsererseits das Mögliche zu ihrer Rettung geschah.
Es ist uns bekannt, daß seitens der deutschen Regierung wiederholt Schritte getan sind, um, auch im eigenen Interesse der Türkei, der Vernichtung der Armenier zu steuern.
Die Tatsachen zeigen leider, daß diese Schritte das Verhängnis nicht haben aufhalten können. Die türkische Regierung hat, soweit wir unterrichtet sind, bisher nicht das Erforderliche getan, um die Deportierten vor dem Hungertode zu bewahren, ja sogar Versuche, den notleidenden Frauen und Kindern Hilfe zu bringen, abgelehnt. Es ist zu befürchten, daß auch die noch überlebenden Deportierten, in der Hauptsache Frauen und Kinder, dem Untergange geweiht werden.
Das können wir, das kann unser christliches Volk nicht schweigend mit ansehen. Die türkische Regierung, die selbst planvoll das islamische Gemeingefühl aller Länder für ihre nationalen Ziele wachruft und verwertet, darf ihren christlichen Bundesgenossen nicht zumuten, daß sie ihr christliches Gemeingefühl zum Stillschweigen verurteilen. Sie muß es erkennen, in welchem Grade sie für die Zukunft ihren eigenen Weg erschwert, wenn sie unter ihrer Verantwortung eine ungeheure Tat geschehen läßt, die die gesamte Christenheit als einen Schlag in ihr Angesicht empfinden muß. Es muß verhütet werden, daß die Ehre des deutschen Namens auch nur mit dem Schein der Mitschuld an den gekennzeichneten Schandtaten befleckt wird. Der Gedanke ist unerträglich, daß, während wir Deutsche gefangenen Muhammedanern Moscheen bauen, Hunderte von christlichen Kirchen zerstört oder in Moscheen verwandelt werden. Es bedrückt unser Gewissen, daß, während die deutsche Presse den Edelmut und die Toleranz unserer muhammedanischen Bundesgenossen preist, von Muhammedanern unschuldiges Christenblut in Strömen vergossen wird und Zehntausende von Christen zwangsweise zum Islam konvertiert werden.
Wir verkennen nicht die Pflichten, die uns deutschen Christen aus dem Bundesverhältnis unseres Reiches mit der Türkei erwachsen. Wir teilen aufrichtig den Wunsch, daß ihr aus ihrem heldenmütigen Kampf an unserer Seite die verdienten Früchte zufallen, und wir wünschen durchaus nicht, ihr in irgend einer Weise unnötige Schwierigkeiten zu machen. Aber wir können auch die Pflichten gegen unsere Glaubensgenossen nicht verleugnen. Wir handelten sonst gegen Ehre und Gewissen, und es fiele ein Schatten auf den Sieg unseres Volkes.
Wir bitten daher Euer Exzellenz, der Hohen Pforte die Unerträglichkeit der geschaffenen Lage und die äußerste Dringlichkeit von Abhilfemaßregeln mit allem Nachdruck vorzustellen, und dabei vornehmlich drei Ziele ins Auge zu fassen, die auf keine Weise dem Wohle der Türkei oder der Erreichung unserer Kriegsziele widerstreiten, dagegen aufs engste mit den Forderungen der Menschlichkeit und mit dem wirtschaftlichen Interesse verknüpft sind:
1. daß der Deportation der bisher verschonten armenischen Bevölkerung von Konstantinopel, Smyrna, Aleppo und anderen, noch nicht betroffenen Städten und Distrikten ein Riegel vorgeschoben wird,
2. daß nicht nur angebliche und scheinbare, sondern wirkliche und wirksame Maßregeln getroffen werden, um die Hunderttausende von deportierten Frauen und Kindern in den mesopotamischen Steppen am Leben zu erhalten und weitere Grausamkeiten an den noch übrigen Armeniern zu verhindern,
3. daß Christen anderer Länder es ermöglicht werde, vielleicht unter der Mitwirkung deutscher und neutraler Vertrauensleute, den notleidenden Deportierten Hilfsdienste zu erweisen und Unterstützungen zukommen zu lassen.
Beim Friedensschluß bitten wir darauf Bedacht zu nehmen, daß den jetzt zwangsweise islamisierten Christen die Rückkehr zum Christentum ermöglichtund für eine künftige friedliche und loyale Weiterentwicklung der christlichen Minderheiten in der Türkei und für die ungehinderte Fortführung der christlichen Liebes- und Kulturarbeit im Orient die nötige Bürgschaft gegeben werde.
Wir bitten Euer Exzellenz in Ehrerbietung, uns möglichst bald in die Lage zu versetzen, daß wir der Beunruhigung unter den deutschen Christen entgegentreten und die Anklagen des Auslandes wirksam entkräften können.
Euer Exzellenz ganz gehorsamste
Dr. Karl Axenfeld, Direktor der Berliner Missionsgesellschaft, Berlin.Professor D. Baumgarten, Kiel.Professor Dr. Johannes Burchard, Professor der Rechtswissenschaften an der Königlichen Akademie zu Posen.Superintendent D. A. Cordes, Leipzig.D. Adolf Deißmann, ord. Professor der Theologie an der Universität Berlin, Vorstandsmitglied der deutschen Orientmission.Oberhofprediger D. Dibelius, Dresden, Vizepräsident des Evangelisch-lutherischen Landeskonsistoriums.Konsistorialrat Pfarrer D. Erich Foerster, Frankfurt a. M.Th. Haarbeck, Pfarrer, 1. Vorsitzender des deutschen Verbandes für Gemeinschaftspflege und Evangelisation, Barmen.Direktor D. G. Haccius, Hermannsberg i. Hannover.A. Haccius, Geh. Justizrat, Hannover.Haendler, Propst und Generalsuperintendent, Berlin.Professor D. v. Harnack, Wirkl. Geh. Rat., Berlin-Grunewald.Professor D. G. Haußleiter, Halle a. d. S.Held, Missionsinspektor der Sudan-Pioniermission, Wiesbaden.P. O. Hennig, Missionsdirektor der Brüdergemeinde, Herrnhut.Professor Dr. W. Herrmann, Marburg.D. Hesekiel, Generalsuperintendent, Wernigerode.Dr. Hornemann, Landgerichtsrat, Berlin.Generalsuperintendent D. Kaftan, Kiel.Pastor D. Dr. Kind, Präsident des Allg. Ev. Prot. Missionsvereins, Berlin.D. W. L. Kölbing in Herrnhut, Vorsitzender der Verwaltung des Aussätzigenasyls der Evangelischen Brüdergemeinde in Jerusalem.Dr. Johannes Lepsius, Potsdam.Geh. Konsistorialrat Professor Dr. Loofs, Halle.Professor D. Mahling, Berlin-Charlottenburg.D. Philipps, Berlin-Charlottenburg.Stadtpfarrer Pfisterer, Weinsberg, Württemberg.Professor D. Julius Richter, Berlin-Steglitz.Pastor Röbbelen, Hermannsberg i. H., Vorsitzender des Vereins für lutherische Mission in Persien.Roedenbeck, Superintendent der Diözese Potsdam I, Direktor der deutschen Orientmission, Klein-Glienicke bei Potsdam.Lic. Dr. Paul Rohrbach, Berlin.Pastor Johs. Spiecker, Direktor der Rheinischen Missionsgesellschaft, Barmen.Missionsinspektor Lic. Schlunk, Hamburg.Schlicht, Superintendent, früher Pfarrer der deutschen evangelischen Gemeinde in Jerusalem, Rudow b. Berlin.A. W. Schreiber, Missionsdirektor, Berlin-Steglitz.D. Dr. Hans von Schubert, Geh. Kirchenrat, ord. Professor der Theologie, zurzeit Dekan der theologischen Fakultät zu Heidelberg.Professor D. Dr. R. Seeberg, Berlin.Direktor D. F. A. Spiecker in Berlin-Grunewald.Pfarrer Ewald Stier, Alten bei Dessau, für die „Deutsche Armenische Gesellschaft“ und den Verein „Notwendiges Liebeswerk“.F. Schuchardt, Deutscher Hilfsbund für christliches Liebeswerk im Orient, E. V., Frankfurt a. M.Martin Urban, Missionsinspektor, Vorsitzender der Mission für Süd-Ost-Europa, E. V., Hausdorf, Kr. Neurode.Professor Dr. Weckesser, Karlsruhe.Geh. Kirchenrat H. H. Wendt, Professor der Theologie in Jena.A. Winkler, Pfarrer, Berlin, Mitglied des Kuratoriums der Deutschen Orientmission.Adolf Zeller, Pastor, Zehlendorf, früher Marasch, Wilajet Aleppo.Gerhard von Zezschwitz, Pfarrer und Senior in Burgbernheim, Bayern.Professor D. Dr. Dalman aus Jerusalem.Gustav Gerock, Stadtpfarrer in Stuttgart.Johannes Lohmann, Pastor am Diakonissenhaus Friedenshort in Miechowitz.Lic. R. Mumm, Mitglied des Reichstags, Berlin NW. 87.
Dr. Karl Axenfeld, Direktor der Berliner Missionsgesellschaft, Berlin.
Professor D. Baumgarten, Kiel.
Professor Dr. Johannes Burchard, Professor der Rechtswissenschaften an der Königlichen Akademie zu Posen.
Superintendent D. A. Cordes, Leipzig.
D. Adolf Deißmann, ord. Professor der Theologie an der Universität Berlin, Vorstandsmitglied der deutschen Orientmission.
Oberhofprediger D. Dibelius, Dresden, Vizepräsident des Evangelisch-lutherischen Landeskonsistoriums.
Konsistorialrat Pfarrer D. Erich Foerster, Frankfurt a. M.
Th. Haarbeck, Pfarrer, 1. Vorsitzender des deutschen Verbandes für Gemeinschaftspflege und Evangelisation, Barmen.
Direktor D. G. Haccius, Hermannsberg i. Hannover.
A. Haccius, Geh. Justizrat, Hannover.
Haendler, Propst und Generalsuperintendent, Berlin.
Professor D. v. Harnack, Wirkl. Geh. Rat., Berlin-Grunewald.
Professor D. G. Haußleiter, Halle a. d. S.
Held, Missionsinspektor der Sudan-Pioniermission, Wiesbaden.
P. O. Hennig, Missionsdirektor der Brüdergemeinde, Herrnhut.
Professor Dr. W. Herrmann, Marburg.
D. Hesekiel, Generalsuperintendent, Wernigerode.
Dr. Hornemann, Landgerichtsrat, Berlin.
Generalsuperintendent D. Kaftan, Kiel.
Pastor D. Dr. Kind, Präsident des Allg. Ev. Prot. Missionsvereins, Berlin.
D. W. L. Kölbing in Herrnhut, Vorsitzender der Verwaltung des Aussätzigenasyls der Evangelischen Brüdergemeinde in Jerusalem.
Dr. Johannes Lepsius, Potsdam.
Geh. Konsistorialrat Professor Dr. Loofs, Halle.
Professor D. Mahling, Berlin-Charlottenburg.
D. Philipps, Berlin-Charlottenburg.
Stadtpfarrer Pfisterer, Weinsberg, Württemberg.
Professor D. Julius Richter, Berlin-Steglitz.
Pastor Röbbelen, Hermannsberg i. H., Vorsitzender des Vereins für lutherische Mission in Persien.
Roedenbeck, Superintendent der Diözese Potsdam I, Direktor der deutschen Orientmission, Klein-Glienicke bei Potsdam.
Lic. Dr. Paul Rohrbach, Berlin.
Pastor Johs. Spiecker, Direktor der Rheinischen Missionsgesellschaft, Barmen.
Missionsinspektor Lic. Schlunk, Hamburg.
Schlicht, Superintendent, früher Pfarrer der deutschen evangelischen Gemeinde in Jerusalem, Rudow b. Berlin.
A. W. Schreiber, Missionsdirektor, Berlin-Steglitz.
D. Dr. Hans von Schubert, Geh. Kirchenrat, ord. Professor der Theologie, zurzeit Dekan der theologischen Fakultät zu Heidelberg.
Professor D. Dr. R. Seeberg, Berlin.
Direktor D. F. A. Spiecker in Berlin-Grunewald.
Pfarrer Ewald Stier, Alten bei Dessau, für die „Deutsche Armenische Gesellschaft“ und den Verein „Notwendiges Liebeswerk“.
F. Schuchardt, Deutscher Hilfsbund für christliches Liebeswerk im Orient, E. V., Frankfurt a. M.
Martin Urban, Missionsinspektor, Vorsitzender der Mission für Süd-Ost-Europa, E. V., Hausdorf, Kr. Neurode.
Professor Dr. Weckesser, Karlsruhe.
Geh. Kirchenrat H. H. Wendt, Professor der Theologie in Jena.
A. Winkler, Pfarrer, Berlin, Mitglied des Kuratoriums der Deutschen Orientmission.
Adolf Zeller, Pastor, Zehlendorf, früher Marasch, Wilajet Aleppo.
Gerhard von Zezschwitz, Pfarrer und Senior in Burgbernheim, Bayern.
Professor D. Dr. Dalman aus Jerusalem.
Gustav Gerock, Stadtpfarrer in Stuttgart.
Johannes Lohmann, Pastor am Diakonissenhaus Friedenshort in Miechowitz.
Lic. R. Mumm, Mitglied des Reichstags, Berlin NW. 87.
An den Kanzler des Deutschen ReichesHerrn Dr. von Bethmann Hollweg, Exzellenz, Berlin W.
Anlage 2.
Berlin, den 29. Oktober 1915.
Der Missionsausschuß des Zentralkomitees für die Generalversammlungen der Katholiken Deutschlands, versammelt zu Berlin am 29. Oktober 1915, hält es für seine unabweisbare Pflicht, seine Stimme zu erheben, damit den überaus harten Maßregeln, welche zurzeit von Seiten der türkischen Regierung gegen die Armenier zur Anwendung gebracht werden, sofort ein Ende gemacht werde. Was immer auch den Armeniern zur Last fällt, so verlangt doch das Gebot der Menschlichkeit, welchem auch die türkische Regierungihr Ohr nicht versagen darf, daß der drohenden Ausrottung des ganzen armenischen Volkes gesteuert werde.
Die Versammlung hat das Vertrauen zu der Leitung des Deutschen Reiches, daß sie auch bisher schon zur Linderung des Loses der Armenier alles getan hat, was in ihren Kräften stand. Sie bittet aber angesichts der fortdauernden Schrecknisse in Armenien, daß sie unausgesetzt auf diplomatischem Wege, durch Einwirkung auf die Regierung der uns verbündeten Türkei, alles zur Linderung des Loses der Armenier aufbiete, was ohne Gefährdung des militärischen Bündnisverhältnisses geschehen kann.
Die türkische Regierung wird begreifen müssen, daß die christliche Bevölkerung Deutschlands trotz ihrer politischen Bundesfreudigkeit zur Türkei in Aufregung geraten muß, wenn ihre Glaubensgenossen in der Türkei so schwer bedrückt werden. Dies um so mehr, als alle deutschen Katholiken, wie es sich aus den Besprechungen des Missionsausschusses als springender Punkt ergab, auf dem Standpunkt stehen, von allen christlichen Völkern der Türkei volle Loyalität gegenüber dem türkischen Staate zu verlangen, sie auch ihrerseits bereit sind, in dieser Richtung auf die orientalischen Christen einzuwirken und bei ihnen das Verständnis für staatsbürgerliche Gesinnung zu wecken.
Übrigens erfordert es das richtig verstandene Interesse der Türkei selbst, daß diese sich nicht so wertvoller Mitarbeiter beraubt, wie die Armenier bisher es auf dem Gebiete der Staatsverwaltung und des wirtschaftlichen Fortschrittes für sie gewesen sind.
Vor allem aber bitten wir den Herrn Reichskanzler, darauf ein wachsames Auge zu halten, daß unter keinen Umständen auch in anderen Teilen des türkischen Reiches ähnliche Ereignisse gegenüber der christlichen Bevölkerung Platz greifen.
Die im unterzeichneten Missionsausschuß vertretenen deutschen Katholiken hegen volles Vertrauen zur Leitung des Deutschen Reiches und zur befreundeten Regierung der Türkei, daß durch Beseitigung der erwähnten Mißstände unser Bündnis mit der Türkei auch weiterhin beim christlichen Volke Deutschlands freudige Stimmung und Teilnahme finden kann.
Im Namen aller im Missionsausschuß vertretenen Organisationen der deutschen Katholiken zeichnen:
Prälat Dr. Werthmann, Vorsitzender.Justizrat Dr. jur. Carl Bachem.Erzberger, M. d. R.
Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzlervon Bethmann Hollweg.
198.
(Der Reichskanzler.)
Berlin, den 12. November 1915.
Euer Hochwohlgeboren darf ich den Empfang der mir unterm 15. v. M. übermittelten Eingabe mit ergebenstem Danke bestätigen.
Die Kaiserliche Regierung wird, wie bisher, so auch in Zukunft es stets als eine ihrer vornehmsten Pflichten ansehen, ihren Einfluß dahin geltend zu machen, daß christliche Völker nicht ihres Glaubens wegen verfolgt werden. Die deutschen Christen können darauf vertrauen, daß ich von diesem Grundsatz geleitet, alles, was in meiner Macht steht, tun werde, um den mir von Ihnen vorgetragenen Sorgen und Wünschen Rechnung zu tragen.
Die Kaiserliche Botschaft in Konstantinopel habe ich von dem Inhalt Ihrer Eingabe unterrichtet.
von Bethmann Hollweg.
An den Direktor der Deutschen Evangelischen Missionshilfe,Herrn A. W. Schreiber, Hochwohlgeboren.
199.
Der Reichskanzler.
Berlin, den 12. November 1915.
Euer Hochwohlgeboren darf ich den Empfang der mir unterm 30. v. M. übermittelten Entschließung der Missionskonferenz des Zentralkomitees der Katholiken Deutschlands mit ergebenstem Danke bestätigen.
Die Kaiserliche Regierung wird, wie bisher, so auch in Zukunft es stets als eine ihrer vornehmsten Pflichten ansehen, ihren Einfluß dahin geltend zu machen, daß christliche Völker nicht ihres Glaubens wegen verfolgt werden. Die deutschen Christen können darauf vertrauen, daß ich von diesem Grundsatz geleitet, alles, was in meiner Macht steht, tun werde, um den mir von Ihnen vorgetragenen Sorgen und Wünschen Rechnung zu tragen.
Die Kaiserliche Botschaft in Konstantinopel habe ich von der Entschließung der Missionskonferenz unterrichtet.
von Bethmann Hollweg.
Herrn M. Erzberger, M. d. R., Hochwohlgeboren, hier.
200.
Auswärtiges Amt.
Berlin, den 12. November 1915.
Euere Exzellenz bitte ich, den Bericht eines deutschen Lehrers[101]zum Anlaß nehmen zu wollen, um bei der Pforte erneut gegen die grausameBehandlung der Armenier Verwahrung einzulegen und sie auf die verhängnisvollen Folgen aufmerksam zu machen, die dem türkischen Reiche aus der Fortsetzung einer derartigen Ausrottungspolitik erwachsen müssen.
Jagow.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen BotschafterHerrn Grafen Wolff-Metternich, Konstantinopel.
201.
KaiserlichDeutsche Botschaft.
Pera, den 12. November 1915.
Aus zuverlässiger Quelle erfahre ich, daß die türkische Regierung trotz aller gegenteiligen Versicherungen beschlossen hat, auch die in Konstantinopel ansässigen Armenier in die Verbannung zu schicken. Die Maßregel soll nicht sofort und nicht gegen alle armenischen Bewohner der Hauptstadt auf einmal ergriffen werden, jedenfalls aber noch vor Beendigung des Krieges zur Ausführung gelangen. Ich habe deshalb Halil Bey am 8. d. M. wiederholt dringend auf die unabsehbaren Folgen aufmerksam gemacht, die ein solches Vorgehen in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht nach sich ziehen werde. Euerer Exzellenz Erwägung möchte ich anheimstellen, auch Hakki Pascha vor Ausführung des unheilvollen Planes eindringlich zu warnen.
Neurath.
Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.
202.
KaiserlichDeutsches Konsulat.
Aleppo, den 16. November 1915.
Die türkische Botschaft in Berlin hat über den Aufruhr in Urfa die in der Anlage beigefügte Erklärung veröffentlicht, die in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung vom 28. Oktober, Nr. 299 (2. Ausgabe), zum Abdruck gekommen ist und mir zu den folgenden Bemerkungen Anlaß gibt. Sie besagt u. a.:
„Der Zweck, den die Banden mit dem Aufruhr verfolgten, war einerseits der, Schaden anzurichten, fremde Niederlassungen zu zerstören und Untertanen der mit der Türkei im Kriege befindlichen Staaten zu töten, um die Folge dieser Morde auf die Türkei abzuwälzen. Andererseits wollten sie einen Teil der Kaiserlichen Truppen an die befestigten Schlupfwinkel fesseln und sie vom Kriegsschauplatz abziehen.“
Demgegenüber wird daran festzuhalten sein, daß der Zweck des Aufruhrs nicht ohne seine Vorgeschichte verstanden werden kann. Urfa hat unter denArmeniermetzeleien vor 20 Jahren schwer gelitten. Damals wurden u. a. 1000 Menschen in der Kirche, in die sie unter dem Vorwande, ein Asyl zu finden, hineingelockt waren, vorsätzlich verbrannt. Die Armenier haben seitdem in steter Furcht vor einer Wiederholung der Metzeleien gelebt und sich mit Waffen versehen, um nicht wehrlos zu sein.
Als im Frühsommer d. J. die Armenierverschickungen angeordnet wurden, sagte mir der hiesige Wali Djelal Bey, der sich weigerte, sie auszuführen und deswegen versetzt wurde, „es ist das natürlichste Recht des Menschen, zu leben. Der Wurm, den man tritt, krümmt sich. Die Armenier werden sich wehren.“
Welcher Art die Vorbeugungsmaßregeln sind, die von der türkischen Regierung in der gegenwärtigen Weltkrisis gegen die Armenier ergriffen wurden, hatten die Bewohner von Urfa bereits erfahren. Gegen Mitte Juni sind 50 der angesehensten von ihnen verhaftet und einer von ihnen mit 100 Stockschlägen fast zu Tode geprügelt worden. Kurz darauf wurden sie nach Diarbekr in Marsch gesetzt, woselbst angeblich ihre Aburteilung erfolgen sollte, sind aber unterwegs — also ohne Urteil — umgebracht worden. Darunter befand sich der langjährige Apotheker des deutschen Hospitals, der nach dem Zeugnis der deutschen Missionare, wie übrigens viele unter den 50 Abgeführten, loyaler ottomanischer Untertan gewesen ist. Auch das Schicksal der aus dem Norden und Osten angekommenen Verschickten hatten die Urfaleute vor Augen. Sie wußten, daß die Männer ermordet, Frauen und Mädchen geschändet, günstigstenfalls in muslimische Harems aufgenommen, und daß der Rest, nämlich Kinder und ältere Frauen dem Hungertode preisgegeben waren. Daher ihr Entschluß, lieber mit der Waffe in der Hand zu sterben, und ihr Leben so teuer wie möglich zu verkaufen, als sich und ihre Familie wehrlos vernichten oder entehren zu lassen. Es ist richtig, daß die allgemeine Verschickung der Armenier Urfas noch nicht beschlossen war, als der Aufruhr losbrach. Die einzigen Städte der Türkei, welche bis dahin dieses Geschick noch nicht erlitten hatten, waren, soweit hier bekannt, Konstantinopel, Smyrna, Aleppo und Urfa. Welche Gewähr aber bestand, daß Urfa nicht auch an die Reihe kommen würde? 18 Familien waren im Mai bereits verbannt, von der Vernichtung der 50 im Juni habe ich soeben gesprochen.[102]Es lag nahe, daß, wie überall, auch die Masse verschickt werden würde, nachdem die Führer beseitigt waren. Haussuchungen nach Waffen erfolgten. Dabei wurde eine Patrouille niedergeschossen. Eine zweite, nicht aufgeklärte Schießerei hat dann die Krisis ausgelöst.
Die Armenier haben sich nicht, wie die Erklärung verallgemeinernd behauptet, „der fremden Niederlassungen“ bemächtigt, woraus ein mit den Verhältnissen vertrauter Deutscher schließen müßte, daß auch die deutschen Missionshäuser in den Kampf hineingezogen worden sind, sondern sie habennur die für ihre Verteidigung günstig gelegene amerikanische Mission benutzt[103].
Auch haben die Armenier den amerikanischen Missionar Leslie und sieben französische Untertanen in ihrem Stadtviertel als Geiseln zurückbehalten, aber nicht, um sie zu töten. Hätten sie dies gewollt, so hätten sie reichlich dazu Gelegenheit gehabt, da sie tagelang diese Fremden in ihrer Gewalt hatten. Verständlicher wäre es gewesen, wenn die Erklärung gesagt hätte, „um sie durch türkische Kugeln töten zu lassen“. Denn die Zurückbehaltung war allerdings ein verzweifelter Versuch, das Schicksal der Fremden an das der Armenier zu ketten, um auf diese Weise irgendwie ihre Lage zu verbessern.
Was schließlich die Behauptung betrifft, daß die Armenier sich der Stadtteile der Muslimen bemächtigt und begonnen hätten, die Einwohner niederzumetzeln, so ist sie erfunden. Sie erinnert mich an folgenden Vorfall: Als ich Anfang April in Marasch war, und die wenigen Armenier, die sich überhaupt aus den Häusern wagten, unter dem Druck des verhängten Belagerungszustandes und der Furcht vor dem Kommenden sich nur ängstlich an den Häusern entlang drückten, versuchten muslimische Intriganten ein Telegramm nach Konstantinopel zu schicken, des Inhalts, die Armenier hätten die Moscheen in Marasch besetzt und in Kirchen verwandelt!
Die in der türkischen Erklärung gegebenen Daten sind diejenigen des orientalischen Kalenders. Die Schießerei war also nach westlichem Kalender am 29. September und der Aufstand war am 16. Oktober unterdrückt. Die türkischen Verluste an Toten betrugen nicht 20, sondern 50, außerdem 120 bis 150 an Verwundeten.
Ich beabsichtige mit meiner Darstellung nicht, der einen oder der anderen Partei zu Liebe oder zu Leide zu schreiben, halte es aber für meine Pflicht über Dinge, die sich in meinem Amtsbezirk ereignet haben, Euerer Exzellenz vorzulegen, was ich für die Wahrheit halte.
Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft in Konstantinopel zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn Dr. von Bethmann Hollweg.
Anlage.
(NorddeutscheAllgemeine Zeitung.)
Berlin, den 27. Oktober 1915.
Die Kaiserlich Türkische Botschaft teilt mit: In der Nacht vom 16. September haben armenische Banden einen Aufruhr veranstaltet. Sie hatten sich in starken Gebäuden auf den beherrschenden Punkten der Stadt Urfa verschanzt und eröffneten das Feuer gegen unsere Gendarmeriepatrouillen, von denen zwei Mann getötet und acht verwundet wurden. Unsere Gendarmerie wurde überall mit Feuer empfangen. Nachdem die Armenier sich der fremden Niederlassungen bemächtigt und deren Besitzer mit Gewalt zurückgehalten hatten, stellten sie dort Schießscharten her. Da diese Tatsachen bewiesen, daß die aufrührerischen Banden entschlossen waren, bewaffneten Widerstand zu leisten und die Unzulänglichkeit der in geringer Zahl vorhandenen Gendarmerie auzunützen, und da sie sich schließlich der Stadtteile der Muselmanen bemächtigt hatten und die Einwohner niederzumetzeln begannen, wurden einige für die Front bestimmte Truppen nach Urfa abgeschickt. Die Schlupfwinkel der Banden wurden zerstört, und der Aufruhr war am 3. Oktober unterdrückt. Die Zahl der bei diesem Vorfall getöteten Soldaten und Gendarmen beträgt 20, die der Verwundeten 50.
Der Zweck, den die Banden mit ihrem Aufruhr verfolgten, war einerseits der, Schaden anzurichten, fremde Niederlassungen zu zerstören und Untertanen der mit der Türkei im Kriege befindlichen Staaten zu töten, um die Folgen dieser Morde dann auf die Türken abzuwälzen, andererseits wollten sie einen Teil der Kaiserlichen Truppen an ihre befestigten Schlupfwinkel fesseln und sie so vom Kriegsschauplatz abziehen.
Dank den kräftigen und schnellen Maßnahmen der Kaiserlichen Behörden hatte der Aufruhr nicht den erwünschten Erfolg. Er wurde unterdrückt, ohne daß einem Untertanen der mit der Türkei im Kriege befindlichen Länder oder einem Neutralen Schaden zugefügt worden ist.
203.
KaiserlichDeutsches Konsulat.
Aleppo, den 16. November 1915.
Euerer Exzellenz überreiche ich gehorsamst in der Anlage den Bericht eines Deutschen, den ich kürzlich aus dienstlichem, mit der Armenierfrage in keinerlei Zusammenhang stehenden Anlaß nach Der-es-Zor zu entsenden hatte, über das Geschick der auf dem Wege dorthin wandernden oder am Ziel angelangten Armenier. Es sind Beobachtungen, die sich unterwegs aufgedrängt haben.
Oberstabsarzt Dr. Schacht, der auf dem Wege von hier nach Bagdad den Flußweg gewählt hat, schrieb mir am 3. November aus Der-es-Zor: „Ich habe unterwegs viel Böses gesehen. Es ist schon wahr, was man erzählt hat.“
Die zu Lande nach Bagdad führende Etappenstraße von Aleppo nach Der-es-Zor ist durch Flecktyphus verseucht. Und das Gleiche muß wohl auch vom Wasserweg gelten.
Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn Dr. von Bethmann Hollweg.
Anlage.
Wanderung der Armenier nach Der-es-Zor.
Auf der Reise nach Der-es-Zor gelangt man notwendigerweise in Fährten der ausgewiesenen Armenier. Schon Der Hafir zeigt die erste Spur: Früher einen Krämerladen, besitzt es jetzt deren drei, die einzig darauf ausgehen, die Zwangslage der Armenier durch hohe Preise auszubeuten (Ziegenfleisch 1 Okka 5–6 Piaster, Brot 4–5, Eier 10 Para usw.). Diesem Unfug begegnet man bis Der-es-Zor. Da Tausende von Armeniern durch die Chans längs der Bagdadstraße wandern, sind die spärlich eingerichteten Läden, die an Ware eigentlich fast gar nichts besitzen, sämtlich leer und der Verkäufer findet für hohe Preise hungrige Käufer. An den Lagerplätzen ist nur schlammreiches, durch Leichen, Mist und Fetzen verunreinigtes Euphratwasser zu haben. Für Zufuhr von Lebensmitteln ist bei den Transporten — obwohl Möglichkeit vorhanden wäre — nicht gesorgt. Wasserstellen mit abgestandenem, abgesetztem Wasser könnten ja ohne weiteres für den permanenten Durchzug errichtet werden. Die Verschickten müssen somit außer ihren Lasten, Kindern, Kranken und Leiden auch Lebensmittel und selbst Wasser für lange Märsche mit sich schleppen. An manchen Stellen fehlt jedes Brennmaterial. Weit und breit in der Runde suchen die spät abends eintreffenden Ankömmlinge mit ihren erschöpften Kräften, die nur mühsam auszureißenden Süßholzwurzeln als Feuerungsmaterial zusammen. All die Rastplätze sind Monate hindurch durch Massen von menschlichen Exkrementen, Abfällen, Fetzen und Mist in den abscheulichsten Zustand versetzt, der sich nicht ändern wird, als bis der letzte Trupp dahin sein dürfte. Die begangenen Wege längs des Flusses und der Bagdadstraße weisen nacheinander die Merkmale der Wanderung auf: Zurückgelassene Wagen, von denen das Vieh einging; zerbrochene Wagen, Kleiderreste and Fetzen, die eben am Leibe nicht mehr zu haften vermögen. Tierleichen und Menschenleichen in allen Stadien der Zersetzung. Nur gut, die Natur mit ihren Aasfressern besorgt in sehr kurzer Zeit die Beseitigung dieser Kadaver. In Meskene fanden wir einen kleinen Trupp Zurückgebliebener, dabei ein sitzender Toter in Verwesung, eine sterbende Frau und 2 Kranke. Militär und Lasttiere füllten den Chan und dessen schmutzige Umgebung, und jedermann hatte andere Sorgen als diesen Unglücksflecken zu reinigen.
Abu Hrere am Euphrat, vor kurzem noch mit einem Chandschi und einem Händler versehen, derzeit ein riesiger menschlicher Düngerhaufen, 5 Tierleichen, Mist, Fetzen, Millionen Fliegen, eine richtige Stätte des Todes, dann stundenweit nur Wüste. An dieser Unglücksstätte saß verlassen ein abgehungertes Mütterlein. Die hellen blauen Augen, das blendend weiße Haar, die Gesichtszüge, verrieten ein besseres Einst. Alles zog weiter dahin. Sie jammerte irre nach den Kindern, vielleicht ein Sonnenuntergang, dann ist sie ihrer Befreiung sicher. Wir ließen sie in den Chan schaffen — eine menschenleere Miststätte mit 2 Soldaten, sonst nichts. Hinter Abu Hrere, wo der Weg durch die wasserleere Wüste zieht, fanden wir außer zahlreichen Tierleichen und Fetzen von Kleidern 3 Knabenleichen, 1 Männer- und 1 Frauenleiche am Straßenrande.
Hamam besitzt zwei große Chans, verwüstet, 3 große Lager von Armeniern: a) Schiffer mit 7 Holzbooten, b) Fahrer mit ihrem Wagenpark, c) Fußgänger in erbärmlichem Zustande mit den Resten ihres Habs und Gutes. Vor Morgengrauen brachen sie wieder auf. 8 bis 900 Personen aus Antiochien, Zeitun, der Gegend von Marasch, Killis, Susli. Der Weg zweigte nach 3 Stunden hinter Hamam von unserer Straße ab und näherte sich wahrscheinlich dem Flußufer, während die Straße über die Wüstenklippen hinweg führte.
Sabcha, die erste Ansiedlerstation. Früher einige hundert Einwohner zählt derzeit 7000 Köpfe (Aussage des Nahié Mudir’s). Zwischen den felsigen Abstürzen der Wüste und dem Flußlaufe liegt der Ort, am Flußufer der alte Teil mit einigen Hausgärten, dem Bergrücken zu vergrößert sich nun die Niederlassung, in schnurgeraden, rechtwinklig angelegten Gassen; Tausende von Händen schaffen in regstem Eifer; lange Zeilen von Bruchsteinen lagern dort, über 100 neue Häuser stehen. In kurzer Zeit sollen noch 250 Häuser fertig sein. Im Juli und August kamen die ersten Ansiedler von Zeitun an. Viele wohnen noch in gemieteten Häusern (3–4 Medjidijeh Miete) die meisten noch in Zeltlagern und in Höfen. Die Behörde gibt den Baugrund und gestattet Steine zu brechen. Brot und Mehl wird in kaum genügendem Maße verabreicht, worüber Klagen wahrgenommen werden. Von den Ansiedlern ist eine Schmiede, ein Fleischverkauf, 1 Klempner und 2–3 Krämerläden eingerichtet. Durch Krankheit gehen viele Armenier zugrunde. Die Zeltlagerer, zum Selbstschutz getrieben, stoßen die Kranken — meist Frauen — aus dem Lager und übergeben sie der Natur. Ohne Nahrung, ohne Arzt, ohne Pflege, liegen sie wimmernd, Brot bittend, bis ein gütiges Geschick sie sterben läßt (ca. 40 schrecklich entstellte Personen). Gegenüber der Überfahrtsstelle zählte ich 12 angeschwemmte Leichen, deren entsetzlicher Gestank keine einzige Seele zu einem Begräbnis aufzurütteln vermag. Nach Aussage des Gemeindevorstehers kommen noch viele Tausende von „Ansiedlern“, d. h. wie der Herr wörtlich sagte: „Wir lassen sie kommen!“ „Um das Land zu kultivieren.“ Fluß auf- und abwärts ist allerdings für dieÜberlebenden ein fruchtbares Terrain. Ärztliche Hilfe ist dort unbedingt nötig.
Hauptsiedelungsplatz ist Der-es-Zor. Schon die Einfahrt zeigte sofort die Hauptbeschäftigung der Ansiedler: Totenbegraben, stumpfes Hinbrüten, mühevolles krankes halbtotes Dahinschreiten. Der-es-Zor selbst ist eine nicht unschöne Stadt, mit schönen breiten Straßen. Früher 14000 Einwohner, derzeit 25–30000. Für die riesige angestaute Menschenmenge ist keine organisatorische Regelung vorhanden. Keine genügende Menge von Nahrungsmitteln (stundenlang sind die Bäcker ohne Brot), eine Dampfmühle klappert unzureichend Tag und Nacht, Mangel an Brot und Gemüse wurde festgestellt. 3 Spitäler sind voll gepfropft mit über tausend Kranken. 1 Gemeindearzt, 1 Regierungsarzt, Apotheke fast leer. Der Gemeindearzt verließ eben die Stadt auf einige Tage für eine Dienstreise, die Sterblichkeit beträgt täglich 150–200 Köpfe (Worte des Gemeindearztes). Nur so ist es möglich, daß immer noch Tausende von Ansiedlern zugeschafft werden können. Oberhalb und unterhalb der Stadt großes Zeltlager. Am linken Flußufer neben der Schiffsbrücke lagert in ortsüblichen Laubhütten eine Unmasse von Sterbenden. Sie sind die Vergessenen, deren einziger Befreier der Tod ist.
Kein sprachlicher Gedankenaustausch vermag auch nur annähernd die Wirklichkeit dieses menschlichen Elends zu schildern, so unbeschreiblich sind dort die Vorkommnisse. Und immer wieder ergänzt sich der Unglückshaufen. Nach Aussage von anderen Fußgängern liegen dann weiter weg Hunderte von weggeschleppten unbeerdigten Leichen! Der diensttuende Gendarm antwortet mir: „Was soll man machen? Sie sterben alle von selbst.“
Die Behörden reinigen täglich sorgfältig alle Winkel und Straßen, bauen neue Wohnviertel wie in Sabcha, verteilen Geld unter die Leute, sowie Brote und Mehl und doch ist mit Ausnahmen der Tod dem Leben vorzuziehen. Wie in Sabcha, so ist auch in Der-es-Zor jede andere menschliche Niederlassung viele Stunden weit entfernt... Wüstenrand.
Von den Arabern werden die Armenier mit Steinen beworfen, geschlagen, verspottet und ausgelacht, wie wir selbst Beispiele sahen.
Beispiel: In Maden am Euphrat trieben am Ufer drei Leichen, die Araber warfen Steine danach, spuckten darauf und lachten dazu. (Eine Leiche mit abgeschlagenem Kopfe.)
Während unseres Aufenthaltes verbot die Polizei mehreren Armeniern, sich an uns zu wenden und mit uns zu sprechen (dazu ist die Regierung da, nicht die Deutschen!).
Was für die Überlebenden an Arbeit vorhanden ist: Ackerbau und Gartenbau längs des Flusses, wo allerdings fruchtbarer Boden vorhanden ist, Handwerk und wenig Handel.
Aleppo, den 11. November 1915.Unterschrift.
204.
KaiserlichDeutsche Botschaft.
Pera, den 20. November 1915.
Über die Vorgänge in Urfa liegt seitens des Kaiserlichen Konsuls in Aleppo bisher nur ein kurzes Telegramm vom 9. Oktober vor. Danach hat die armenische Bevölkerung, als sie Ende September von ihrer bevorstehenden Verschickung erfuhr, beschlossen, sich zur Wehr zu setzen und sich in ihren Häusern verschanzt. Fahri Pascha, der Militärkommandant von Aleppo, begab sich an Ort und Stelle, aber erst nach hartnäckigen Straßenkämpfen, bei denen die Türken auch Artillerie verwendeten, konnte der Aufruhr niedergeschlagen werden.
Leider ist es trotz der dringenden Verwendung der Kaiserlichen Botschaft und des Konsuls Rößler nicht gelungen, das Verbleiben der armenischen Angestellten und Pfleglinge der deutschen Anstalten in Urfa zu erlangen. Der Minister des Auswärtigen, Halil Bey, hatte zunächst die Berücksichtigung unserer diesbezüglichen Wünsche zugesagt, aber Fahri Pascha erklärte, nur militärischen Rücksichten gehorchen zu können, und wollte höchstens solche Armenier in deutschen Diensten ausnehmen, die nicht mit Familien von Aufständischen verwandt sind und keine soziale Stellung einnehmen.
Neurath.
Seiner Exzellenz dem ReichskanzlerHerrn von Bethmann Hollweg.
205.
Auswärtiges Amt.
Berlin, den 29. November 1915.
Der Bericht des Herrn von Scheubner-Richter[104]vom 5. d. M. und andere hier vorliegende Nachrichten erwecken leider den Eindruck, daß die türkische Regierung allen unseren Vorstellungen und Warnungen zum Trotz an ihrer verhängnisvollen Politik gegenüber den Armeniern festhält. Abgesehen von Erwägungen allgemein humanitärer und politischer Natur, können wir es als aufrichtige Freunde der Türkei in deren eigenstem Interesse nur auf das tiefste beklagen, daß sie sich durch ihr Vorgehen in unbegreiflicher Kurzsichtigkeit eines für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes wichtigen Bevölkerungselementes beraubt. Im feindlichen und neutralen Ausland hört man nicht auf, uns für das Treiben der türkischen Behörden verantwortlich zu machen. Wie der Bericht des Herrn von Scheubner von neuem bestätigt, ist sogar in weiten Kreisen der türkischen Bevölkerung die Vorstellung verbreitet, daß Deutschland die Türkei zu den Armenierverfolgungen angestiftet habe. Wir glauben von der Loyalität der Pforte gegen ihren deutschen Bundesgenossen erwarten zu dürfen, daß sie derartigen Gerüchten mit Nachdruck entgegentritt.