FUSSNOTEN:[1]Man erlaube mir, den „Untergang des Reiches“ auf die ganze Dauer der Napoleonischen Kriege auszudehnen.[2]Ebendeßhalb, weil er auf dem Gipfel des Mittelalters steht, hat die Sage sich an Friedrich den Rothbart geknüpft. Er schläft und träumt so lange, bis wieder eine Zeit (die neuere Zeit) den Gipfel der Vollendung erreicht. Dann erwacht er wieder alsFriedrich, d. i. als Friedebringer seines Volks.[3]Es ist bekannt, daß die Starrheit der Calvinischen Consequenzen eine Verschiedenheit der Symbole, somit eine Bewegung innerhalb gewisser äußerster Gränzen erzeugte. Das Eine Symbol, zu dem die Lutheraner bald sich einigten, erstarrte bälder, konnte vom Geiste leichter übersprungen werden: der philosophische Fortgang knüpft sich daher in höherem Grade an den Lutheranismus. Von ihm ist hier vorwiegend die Rede, weil diedeutscheEntwicklung, weil derpositivphilosophische Trieb, der die Deutschen charakterisirt, von ihm geleitet worden ist; während dienegativePhilosophie (der Deismus in Holland und England, die Aufklärung in Frankreich) durch das reformirte Princip vermittelt wurde.[4]Es geht Luthers Schriften ohngefähr wie der Bibel: beide werden vernachlässigt, weil sie religiösen Inhalts sind![5]Weil das reformirte Princip seinem Wesen nach einromanisch-germanisches war, so konnte kein dritter großer Staat entstehen, in dem es, wie das katholische in Oestreich, das lutherische in Preußen, vertreten gewesen wäre. Im Gegentheil ist’s bezeichnend, daß die Pfalz, als im Westen gelegen, die Hegemonie der reformirten Partei übernahm, daß gerade sie so oft von Frankreich überzogen, endlich verschlungen wurde.[6]Nichts charakterisirt schärfer das deutsche Wesen, als der Begriff, den die Sprache mit dem Worte leicht-fertig verbindet. Leicht-fertig waren damals die Franzosen, und eben deßhalb leichtfertig.[7]Die systematische Philosophie gehört nicht hieher, weil sie immer Schule geblieben ist, und als solche des unmittelbaren Einflusses aufs Volk ermangelt, wie die Literatur ihn hat. Doch seien hier einige Worte über den Zusammenhang erlaubt, der mir zwischen ihr und der Entwicklung des protestantischen Prinzips in Deutschland und in der Geschichte überhaupt stattzufinden scheint. — Ich finde im Leben des Protestantismus zwei große, scharf geschiedene Perioden: die erste die Zeit der Emancipation von mittelalterlicher, päpstlicher und kirchlicher Autorität, ihr Urbild Luther; die zweite die Zeit der Entfesselung des Geistes schlechtweg, ihr Urbild Lessing. (Luther und Lessing sind daher die Marksteine aller deutschen Geschichte seit dem Anfang der neuern Zeit. Auch das reformirte Princip hat, nur schneller und kühner, jene zwei Stadien durchlaufen; im ersten Stadium fertiger als das lutherische und weltbewegender [in der englischen Revolution &c.], im zweiten Stadium negativer, und Mutter des Deismus und Skepticismus,hat es seine Geschichte bereits geendigt; denn die negative Weltanschauung ist gerichtet. Daher auch die Union. Die lutherische Tendenz dagegen, wie sie in Lessing ausgesprochen ist,mit ihrem tiefen positiven Kern, hat ihre wahre Zukunft erst vor sich). Demgemäß, und gleichlaufend, sind auch in der systematischen Philosophie zwei Phasen bemerkbar: die erste bis Kant die Zeit der halben, noch befangenen Freiheit, wie sie in Descartes, die zweite von Kant an die Zeit der vollkommnen Emancipation von den christlichen Fesseln, wie sie in Spinoza vorbildlichist. So erscheint Leibnitz noch gebunden, wenigstens theilweise,von der Autorität der Offenbarung und kirchlicher Dogmen; ein riesenhaftes Wissen ersetzt bei ihm den Mangel der spekulativen Idee, welche, urfrei und urkräftig, alle Gebiete durchdringt; und nach ihm sinkt unter Wolf die Philosophie in die alten scholastischen Bande zurück. Davon befreit durch Kant, beginnt sie von nun an aufs schärfste,in ihrer Weisedieselben Ideen auszusprechen, welche gleichzeitig die literarische und politische Welt bewegen. So tritt in Kant die Aufklärung, in Fichte die Revolution, in Schelling die Restauration, in Hegel endlich das Justemilieu hervor. Daher der ungeheure Einfluß der Hegel’schen Ideen in Deutschland, und ihre Verwandtschaft mit dem preußischen Staate (welcher, freilich jetzt viel restaurativer geworden, Schelling an sich zu ziehen sucht); eben daher ihr Zerfließen in unendlich verschiedene und entgegengesetzte Ansichten. Es ist aber der Friede, welchen Hegel zwischen Glauben und Unglauben gestiftet hat, nur ein Scheinfriede, gleich dem des politischenstatus quo; und die Hegel’sche Versöhnung verhält sich zu einer wahrhaftigen gerade so, wie die künstliche, trügerische Protokollregierung unserer Tage zu einer wahren, natürlichen, organischen Friedenspolitik. Darf ich ein kühnes Bild gebrauchen, ohne, bei so ernsten Dingen, den Verdacht leichtfertigen oder übermüthigen Spottes zu fürchten, so möchte ich sagen, Hegel und das politische Justemilieu, das ist: die Scheinwahrheit und der Scheinfriede, gehen der ächten Wahrheit, dem ächten Frieden auf ähnliche Weise vorher, wie in der Stufenleiter der animalischen Schöpfung der Affe dem Menschen. —[8]Man hat Göthe, und das nicht mit Unrecht, seinen Mangel an Patriotismus vorgeworfen; aber meist die Anklage schief gestellt. Auch Schiller war Kosmopolit, und kosmopolitisch ist überhaupt, aus dem obigen Grunde, der Charakter jener Literatur; nur war Göthe auch als Weltbürger kalt, ohne Begeisterung für die Freiheit, ohne warme Liebe für die Menschheit.[9]Ich habe diese drei angeführt, nicht nur als die Spitzen der Literatur, sondern insofern sie die gerichtlichen Ideen der Zeit repräsentiren. Wenn in Jean Paul dieses nicht so unmittelbar hervortritt, als in den beiden Anderen, so drückt er doch in der schärfsten Weise die Versenkung des Geistes, das Sinnen und Träumen aus, worein, inmitten politischer Ohnmacht, der deutsche Geist sich zurückgezogen hatte.[10]Da das Princip hier nur in seinen allgemeinen Wirkungen, als das Endziel der deutschen Geschichte, beleuchtet wird, so verweise ich die Leser auf die nähere Erörterung im zweiten Theile.[11]Da die Römer in diesem ihrem Charakter als Staatsvolk, d. h. in der Entwicklung des Staats und des Rechts bisher noch unübertroffen sind, so ist die Herrschaft, die sie im römischen Kaiserthum deutscher Nation und durchs römische Recht noch Jahrtausende nach ihrem Fall über Europa ausgeübt, organisch begründet. Wir werden uns eher nicht vom römischen Recht emancipiren, als bis wieder ein weltumfassender Staat, bis jene vierte Tendenz, von der oben die Rede, ins Leben tritt.[12]Deshalb ist, wie wir später sehen werden, die heutige Türkei der Sitz des europäischen Weltreiches, wie China des Reiches der Mitte.[13]Um die Analogie der europäischen Familie mit der Organisation der Raçen nachzuweisen, könnte es bequemer scheinen, von vorn herein die Dreiheit (in Kaukasern, Semiten und Mongolen), da ja ohnedieß die Chinesen als eigene Raçe naturhistorisch nicht anerkannt sind, zu statuiren, und statt der acht Welttheile nur sechs anzunehmen. Aber für unsere Anschauung ist die Eigenthümlichkeit der Sprache und der historischen Entwicklung gewichtiger als jene äußeren Merkmale. Auch ist es unläugbar, daß trotz der Dreiheit der europäischen Familien, doch England als Insel, Italien als Sitz des alt- und neurömischen Reiches, Ungarn als magyarisches Land, daß diese, sag’ ich, obwohl jedwedes Glied einer Dreiheit, doch einen isolirten, und zugleich zwischen zwei Raçen vermittelnden Charakter tragen.[14]Deutschland hat eine Forderung zu thun gegen Frankreich; die geht ansElsaß, und vielleicht noch weiter. Was noch deutsch geblieben in der Sprache und im Volkskern, das gehört nach innern Gesetzen in den deutschen Organismus. Drüber hinaus gibt es kein Recht mehr für uns; wo die Nationalität gewichen ist, da will der historische Verwandlungprozeß geachtet sein. Man hat im Pariser Frieden nur die Revolution gezüchtigt; auch „was die Lilien gesündigt“, findet noch seinen Tag. Ich habe diesen Anspruch oben im Text nicht erwähnt, weil ich glaube, daß zu derselben Zeit, wo den Franzosen thatkräftig unser Verständniß geöffnet wird, Alles, was noch wahrhaft deutsch geblieben jenseit des Rheins, sich von selbst zum Anschluß an Deutschland drängen wird.[15]Dieses Letztere, so weit aussehend, ja lächerlich es klingt, ist nichts weniger als das, selbst nach diplomatischen Berechnungen der jetzigen Krise, geschweige denn vom Standpunkt einer kommenden organischen Politik. Jedermann weiß, wie unfähig die Türken sind, in dem wiedereroberten Syrien Ordnung zu schaffen; wie dringend die öffentliche Meinung die Besetzung Palästinas verlangt, und wie leicht die Mächte zu Konsequenzen getrieben werden, die ursprünglich nicht in ihrem Willen lagen. Wenn also bei einer weitern Krise, wie zu hoffen steht, Palästina okkupirt werden sollte, woher anders würden die Mächte, nach ihrem in Griechenland angewandten Grundsatz, einen Administrator oder Regenten verschreiben als aus Deutschland? — Das nur für diejenigen, die nur auf den nächsten Moment schauen. In den obigen Zeilen freilich ist nicht vondemdeutschen Volke die Rede, welches, weil total indifferent in der großen Politik, nach allen Ländern seine Prinzen lieferte, sondern vondem, welches als erste differente Macht auch in Asien einschreiten muß.[16]Daß ein neues Polen die ehemals polnischen, jetzt einverleibten russischen Provinzen wieder erhalten müßte, brauche ich kaum hinzuzufügen.[17]Wenn ich hier nicht von den innern Elementen der Auflösung spreche, die Rußland in sich selbst, in seiner Verfassung und seinem gegenwärtigen Zustandeträgt, so geschieht es, weil der Mangel an Nachrichten hierüber uns ein sicheres Urtheil kaum möglich macht. Doch darf man, nach früheren Vorgängen und anderen Andeutungen, glauben, daß der Keim des Todes in Rußlands eigenen Eingeweiden liegt und daß ein Umsturz der Dinge von innen heraus nicht zu den unmöglichen Dingen gehört.[18]Dieß muß man im Auge behalten, um die unendliche Moralität würdigen zu können, womit Rußland für die Aufrechthaltung der Ordnung und des Gehorsams in Deutschland bedacht war und bedacht ist. Die zärtliche Fürsorge der Russen für die deutsche Stabilität erinnert ganz und gar an die unvergleichliche Weise, womit nach Matthäus Paris die Mongolen, als sie Ao. 1243 in Ungarn, Oestreich u. s. w. einfielen, ankündigten: sie seien ausgezogen „propter furorem Teutonicum, sua(der Mongolen)modestia temperandum“. (Siehe die Briefe des Freiherrn von Stein an den Freiherrn von Gagernp. 68).[19]Noch konnte ich hinzufügen, Schweden, durch Finnland, sei die nördliche Vormauer gegen Rußland. Denn allerdings scheint der finnische Volksstamm seiner Natur nach mehr unter skandinavische als unter russische Hoheit zu gehören. Doch muß ich mich hier, aus Mangel an näherer Kenntniß, eines bestimmten Urtheiles enthalten.[20]Auch innerhalb der drei skandinavischen Stämme ist diese Fluctuation zu bemerken. In Schweden hat das aristokratische, in Norwegen das demokratische, in Dänemark das monarchische Element den Vorrang.[21]Wollte Gott, daß diese Wahrheit von allen denen begriffen würde, die nicht wissen, was zu ihrem Frieden dient! Wollte Gott, sie möchten endlich an Englands Beispiel lernen, was sie immer und immer nicht zu fassen vermögen: daß eine männliche, kräftige Opposition nichts weniger sei als Revolution, daß der Staat, um gesund zu bleiben, ihrer bedarf,daß sie die Throne nachhaltiger kräftigt, als die erlogene Hingebung unsrer Tage.[22]Dadurch war Canning so einzig, und hat in so hohem Maße die Bewunderung Europas geerndtet, daß er dem Egoismus der englischen Politik eine allgemein humane Richtung unterzuschieben suchte. Der Versuch mußte, als unenglisch, scheitern, Canning unterliegen. — Was die im Text berührten Eigenschaften der Engländer im Auslande betrifft, so sind sie wohl niemals der Welt glänzender vor Augen gelegt worden als in unsern Tagen. Anglisirte Deutsche scheinen das Unglaubliche leisten zu können. Was kann aber auch in Deutschland nicht geleistet werden? —[23]Da Rußland durch die nächste und natürlichste Berührung an Ostasien geknüpft ist, so kann der englische Einfluß hier zufällig und ungegründet erscheinen. Aber es zeigt sich auch hier wieder, daß die Mittelpunkte des Völkerlebens, und ein solcher ist China, überall, wenigstens zunächst, der germanischen Einwirkung vorbehalten sind.[24]Das Wenige, was hier über den Zustand der drei Länder gesagt werden wird, ist nur in folgender Beziehung gesagt. Wenn die oben im Allgemeinen aufgestellte Behauptung richtig ist; so muß in dem Innern jener Staaten selbst der Keim zum Anschluß an Deutschland liegen; das heißt, ihre Lage muß der Art sein, daß sie lediglich aus sich heraus keine Zukunft mehr gebären können. Es ist also hinreichend daran zu erinnern, daß den Holländern durch ihre trostlosen materiellen Aussichten, den Belgiern durch den Geist des romanischen und germanischen Elements, den Schweizern durch ihre schon vorhandene tiefe Zerrüttung die Zukunft abgeschnitten ist. Das zugegeben, bleibt den drei Völkern die Frage übrig: ob es besser sei, in unsicherer Isolirung krankhaft zu verharren, oder als eigenthümliche Zweige des großen Stammes lebendig aufzublühen? Und die Antwort wird um so leichter sein, als sie den relativen, scheinbaren Verlust der Nationalfreiheit mit andern Völkern theilen werden, weil ganz Europa vom Gleichgewichtssystem zum konstitutionellen übergehen wird.[25]Dieß läßt sich hoffen, weil der deutsche Theil der Bevölkerung den wallonischen bei weitem überwiegt. Aber freilich wird, wo es sich um ein Land handelt, in dem die gebildeten Klassen die französische Sprache als Muttersprache reden, vor Allem erfordert, daß die deutsche Kultur in Belgien das verlorene Terrain wieder gewinne; und daß zu diesem Zwecke die Deutschen ihren Stammesbrüdern mehr Theilnahme widmen, als bisher geschehen ist.[26]Dieß Uebergewicht ist in der geographischen Lage selbst, durch das Verhältniß der Seefähigkeit, ausgesprochen. Während unter allen germanisch-romanischen Ländern keines sich findet, das nicht durch die Natur auf Schifffahrt und Seemacht angewiesen wäre, ist unter den slavischen blos Rußland, unter den griechisch-slavischen nur Griechenland dazu befähigt. Ohne Seemacht aber keine wahrhaftige Großmacht. In dieser Beziehung wird Deutschland (siehe weiter unten) nicht nur unvollkommen, sondern überhauptnichtvertreten.[27]Um Mißvertändnissen vorzubeugen, bemerke ich hier, daß die konservative Politk, so weit sie im Charakter des östreichischen Staates liegt, zwar durchaus jede revolutionäre, aber nicht diereformatorischeTendenz ausschließt. Das hat Maria Theresia gezeigt, die große Frau, welche mit ihrem männlichen Sinn, ihrer ungeheuchelten Religiosität, ihrem Herzen fürs Volk und ihrer Einsicht in die Forderungen der Zeit noch heute die Männer beschämt.[28]Der sicherste Schritt, den Preußen thun könnte, um sich innerlich zu konsolidiren, wäre meiner Ansicht nach die Trennung Posens von den übrigen Landen, in der Weise nämlich, daß der König von Preußen zugleich Großherzog von Posen wäre, wie einst die Churfürsten von Sachsen Könige von Polen waren. Die Polen würden dabei gewinnen, die Deutschen nichts verlieren; es wäre eine Grundlage für die Zukunft.[29]Gebieten — durch veränderte Stellung gegen Polen hin, in den Jahren 1830 und 1831; wie noch heute durch Posen.[30]Die Einsicht in diese Wahrheit ist es, welche die Städteordnung in Preußen gegründet hat; sie ist es auch, welche neuerlich die Provinzialstände wieder belebt hat. Vielleicht wundert man sich, daß wir, wo von Preußen die Rede ist, zwischen der Periode vor dem Jahr 1840, und der nach diesem Jahre nicht scharf unterscheiden. Uns erscheint es ungerecht zu verkennen, daß früherhin schon dieselben, ja noch größere Keime gelegt waren als heute; es handelt sich nur um ihre Entwicklung, und darüber läßt sich in diesem Augenblicke noch kein kompetentes Urtheil fällen. Jedenfalls ist in seinem Charakter als Großmacht nach außen Preußen dasselbige geblieben. Wenn dieser Staat,trotzder Freiheit seiner Gemeinden,trotzseiner Provinzialstände,trotzseiner germanischen Heerverfassung, und unter dem redlichsten persönlichen Willen, bis 1840 die Mittel gefunden hat, eine bureaukratische Militärmonarchie zu bleiben, warum sollt’ er sie nicht auch nach 1840 finden? — Was übrigens die konstitutionellen Hoffnungen betrifft, die man einige Zeit gehegt hat, so sollten wir Deutsche nie vergessen, daß Preußen, wie es ist, eine Mitte bildet zwischen Oestreich und den übrigen deutschen Staaten, wodurch die Gemeinschaft gefördert wird. Stünde Preußen an der Spitze des konstitutionellen Deutschlands, so würde die Entfremdung von Oestreich vollständig werden. Schon jetzt haben so viele Deutsche verlernt, ihre Landsleute in Oestreich als Brüder zu betrachten; dem ganzen Westen liegt Paris näher als Wien. Wie wenn diese beklagenswerthe Trennung noch erweitert würde? Lieber kein einiges Deutschland als eines ohne Oestreich. IndiesemSinn also schulden wir Preußen Dank, so wie für die Enthaltsamkeit, mit der es verschmäht, ganz Deutschland an sich zu ziehen; was doch nur in seinem Willen läge. Ueberhaupt, es ist allewege wünschenswerther, daß Deutschland zu den Großmächten komme, denn daß diese zu Deutschland kommen.[31]Den Unterschied des wahren und falschen Gleichgewichts zu veranschaulichen, dient am einfachsten die Analogie der menschlichen Seele. Wenn wir von dem Gleichgewicht aller Seelenkräfte sprechen, welches großen Persönlichkeiten eigen ist, so wird darunter nicht eine gleiche Quantität derselben oder ein gleichartiges Maß der verschiedenen Talente verstanden, sondern die richtige Vertheilung, wonach diejenigen Fähigkeiten, welche den Kern des Manns bilden, die übrigen beherrschen, ohne sie jedoch einseitig zu beschränken oder in ihrer Wesenheit zu unterdrücken: während ein Mensch, der die homogensten Gaben zugleich und alle in demselben Grade besäße, uns als Unding erscheinen würde.[32]„Wäre nur erst,“ sagt Jean Paul in seiner Weise, wo er von der Hoffnung eines ewigen Friedens spricht, „Ein Welttheil mit sich ins Reine und in Ordnung: in den andern würde sein Zepter bald aus einem Ladstock der Kanonen-Kugelzieher werden, und die Höllenmaschine immobil machen, statt wie jetzt mobil; und da alle Kriege nur malteser Kriege gegen die Ungläubigen sind, würden sie wie die Malteser aufhören.“(Dämmerungen für Deutschland).[33]„Unvergänglich“ sage ich, weil sie noch dauern kann, wenn auch das Volk, das zuerst damit bekleidet war, längst dem Tode verfallen ist.[34]Was sich in Kürze über die Nothwendigkeit und Möglichkeit einer deutschen Seemacht sagen läßt, ist schlagend zusammengefaßt in den „Erinnerungen“ des ehrwürdigen Arndtp. 343-348.[35]Wie ungenügend das bisherige System der Konskription in den übrigen Staaten sei, wie entwürdigend es (durch die Sitte der Ersatzmänner) auf die Armee, wie drückend auf die vermögenslose gebildete Klasse des Volks einwirke, und wie nöthig es sei, den Wehrstand auf eine tiefere und edlere Grundlage zu bauen — dieß ist so allgemein klar geworden, daß es keiner weitem Worte bedarf.[36]Vom französischenCharakterspreche ich nicht, weil seine fürs Gute wie fürs Schlechte gleich entzündbare, wetterwendische Erregbarkeit sich dem männlichen und tiefen Gehalte des deutschen in keiner Art zur Seite stellen läßt.[37]Daher ist für den Deutschen schondas bloße Bewußtseinseines ersten Ranges unendlich wichtig, und hat ihm der Mangel an Selbstkenntniß mehr geschadet, als irgend einem andern Volke. Darum ist schon dieUeberzeugungvon dem Berufe zur Hegemonie, schon der lebendige Glaube daran hinreichend, einen Patriotismus von nie gekannter Stärke und damit eine Umwälzung zum Guten hervorzurufen. Darum endlich ist uns vor allen die Wahl gegeben zwischen Sein und Nichtsein: wir haben entweder ein Vaterland ohne Gleichen oder keines.[38]Jean Paul, den ich als Kenner der deutschen Natur (nicht, wie sich von selbst versteht, als politischen Gewährsmann) hier noch einmal anführe, hat auch diese Seite unsres Wesens vortrefflich zu würdigen gewußt. „Man drohte,“ schreibt er in einem zur Zeit der tiefsten Erniedrigung, im Jahre 1809 verfaßten Buche, „der Erde schon oft Universalmonarchieen. Obgleich in unsern Jahrhunderten schwerlich eine andere, als die des Rechts und der Vernunft sich errichten wird, nicht aber eine über beide Erdhälften schlagfertig hängende Wetterwolke: so möchte man doch, wenn es einmal einen Universalmonarch außer unserm Herrgott oder in Rücksicht der Thiere außer dem Mensch geben soll, der Erde, welche sich hier Universum nennt, anwünschen, daß er ein Deutscher wäre; denn die Allseitigkeit, der Weltsinn und der Kosmopolitismus der Deutschen fände auf dem höchsten Throne gerade die rechte Stelle.“[39]Alle Arbeit der deutschen Kammern ist die Arbeit des Sisyphus, wenn sie den Stein auf dem Gipfel glauben, so entrollt er ihren Händen; und wohl uns, wenn er nicht tiefer hinabfällt als er anfangs gelegen war, oder nicht ein Stückchen Volksfreiheit auf dem Rückwege gelegentlich zermalmt. Wie weit dieß Mißgeschick von den Kammern selbst, wie weit von außen her verschuldet wird kann hier nicht entschieden werden. Aber das bleibt gewiß: mit dem augenblicklichen Muthe, der so oft zur Schau gelegt wird, ist Nichts gethan, wenn ihm nicht (in Dingen, die einmal als Recht erkannt sind) eine eherne, unerschütterliche Beharrlichkeit folgt. Das Schauspiel dieser letzteren haben die Hannoveraner uns zum Theil schon gegeben, und werden es, so Gott will, noch weiter geben — zur Freude jedes ehrlichen Mannes in ganz Deutschland.[40]S. Dahlmann’s Politik. Kap. 7. §. 199.[41]Ich erwähne die demagogischen Umtriebe nicht als ob sie die Bedeutung wirklich gehabt hätten, die man ihnen beizulegen gewußt hat, sondern nur der Idee wegen, die sie ausdrücken.[42]Merkwürdig genug ist es, daß derjenige Staat in Deutschland, welcher durch den edlen und patriotischen Willen, der an seiner Spitze steht, unter allen am meisten geeignet wäre, allgemein deutsches Gewicht zu erringen, am ausgeprägtesten Partialismus des Volksgeistes leidet. Ich meine Würtemberg und die Altwürtemberger.[43]Gewiß gibt es kein Land in Europa, welches mit der lebendigsten, natürlichen Einheit des nationalen Verbandes so ausgeprägte Provinzialitäten verbindet als Deutschland, keines, das so gut geeignet wäre, zwischen dem starren Centralismus der heutigen Staaten und dem reinen Föderalismus zu vermitteln. Da wir hier uns nur mit dem Allgemeinen beschäftigen, so gehört es nicht hieher, die einzelnen Provinzialcharaktere durchzugehn. Doch bietet sich die Gelegenheit, darauf hinzudeuten, wie der Völkerorganismus, den wir zuerst auf dem Kontinent überhaupt, dann in Europa gefunden haben, in ähnlicher Art auch in Deutschland, als dem Herzen Europas, wiederkehrt. Jene vier Grundstämme (welche im Welttheil die vier Familien bilden) zeigen sich hier alsfränkischer,schwäbischer,sächsischerundbairischerTypus. Und wie die Familie in je drei Nationen, so ist hier der Stamm in je drei Hauptarten gespalten: der fränkische inOstfranken(Maingebiet), inWestfranken(Rheinpfalz, Mosel und Niederrhein) und inFlamänder; der schwäbische inSchwaben,AlemannenundSchweizer; der sächsische inObersachsen(Thüringen und Königreich Sachsen),Niedersachsen(Hannover, Braunschweig, Westphalen) undFriesen; der bairische inwestliche Baiern,östliche Baiern(östreichische Raçe) undTyroler. Wir sahen in Europa, daß je das dritte Glied jeder Familie eigenthümlich gestellt sei; so tritt auch hier der Besonderungstrieb hervor in den Flamändern (Belgien), den Friesen (Holland), den Schweizern und den Tyrolern. (Daher früher gesagt worden, daß Natur allerdings der Separat-Geschichte jener drei Länder zu Grund liege.) Es versteht sich übrigens von selbst, daß hiemit nur die germanischen, nicht die germanisirten Provinzen von Deutschland gemeint werden. Die letztern in Eins zu fassen, war der Beruf der zwei großen Monarchieen.[44]Es ist damit nicht gesagt, daß der Adel nicht materiell noch gehoben oder erhalten werden könne (z. B. durch Majorate). Auch gibt es allerdings selbst in Deutschland noch einen Adel von geistiger Bedeutung: in Meklenburg und besonders in den deutschen Ländern vonOestreich. Aber dieß sind gerade diejenigen Theile von Deutschland, wo noch die Tradition des Mittelalters herrscht, sie können daher als Maßstab für das, was in der Zeit liegt, nicht gelten. Wenn man mir den englischen Adel entgegenhält, so antworte ich: er hat seine Probe noch nicht überstanden; und es darf überhaupt von der eigenthümlichen Mischung mittelalterlicher und moderner Institute in England nicht auf unsere Zustände geschlossen werden.[45]Der Beleg für die ganze oben geführte Klage findet sich zahlreich genug in der heutigen Literatur: in der Heine’schen Poesie, im jungen Deutschland, im ästhetischen Kultus unsrer Tage; auch Rahel und Bettina, die vielvergötterten, überhaupt die Berliner Geistreichen erinnern nur zu lebhaft daran. In den meisten dieser Erscheinungen erregt die Unnatur eben so viel Grauen, als das Talent Bewunderung.[46]Gerade so, wie in der politischen WeltRußland(die Gewalt),England(das Geld) undFrankreich(die Lüge) dominiren. Um zu zeigen, wie dieser Zusammenhang nicht oberflächlich, sondern tief begründet sei, ziehe ich aus einem historischen Werke, worin mehr als in allen übrigen das Innere der Dinge ans Licht gestellt ist, einige England betreffende Worte an. „Wir wollen nur in wenigen Zügen bemerklich machen, wie schon vor der französischen Revolution England in demselben Maße immer mehr aufblühte, in welchem Genußsucht, Egoismus, Handelsgeist, Ueppigkeit, Geld, Eleganz des Lebens und Luxus-Bedürfniß, Europa in viel schwerere Ketten legte, als die Hierarchie, Ritterschaft und Despotismus, die oft in unsern Tagen allein geschmäht werden, ja schmieden können. Nach der Art, wie seit Ludwig XIV. Staat und Kriegswesen in Europa eingerichtet worden, hatte der Mensch nach und nach seine Bedeutung verloren, Geld schien einziges Bedürfniß, weil man mit Geld die stehenden Heere, die das Ganze in Ordnung halten sollten, bezahlte, mit Geld die besoldeten Diener ans Vaterland knüpfte, mit Geld die Verräther erkaufte, und mit Geld den Aufwand unterhielt, der bald Rang und Verdienste überglänzte“ — — — — „Seit dieser Zeit stieg der Wohlstand der Britten immer höher, und der Reichthum, der erst später auf der Insel selbst nach und nach Religion, Sitten und endlich auch den alten und edlen Sinn der freien Landbesitzer, die bis dahin den Kern der Nation ausmachten, verdarb, gab ihnen die Mittel, alle Thoren durch die zierliche, reinliche, reiche Außenseite zu blenden, und alle mächtigen Schurken zu kaufen. So ward Europa zuerst von England, in unsern Tagen aber England und Europa endlich zur großen Schmach der lebenden Generation vom Gelde, oder von Leuten, die es anschaffen können, und von seinem Gifte durch und durch verletzt sind, abhängig.“ Wie das System der Gewalt von Rußland allenthalben gestützt wird und mit ihm steht und fällt, haben wir schon oben gesehen; und daß in Frankreich die gewissenlose Sophistik, die Käuflichkeit der Talente und die Verdorbenheit in Literatur und Leben den entwickeltsten Grad erreicht hat, ist uns allen bekannt.[47]Das heißt, die Religion zerstören.[48]Jesaia 59, 10. 11.[49]Dieß glauben wir wenigstens, wenn wir konsequent die Sache betrachten und die Geschichte zu Rathe ziehn. Alle großen, bewegenden Ideen sind von Einzelnen ausgesprochen worden, welche, was in der Zeit schlummerte, zum klaren Ausdruck erhoben. Die Wissenschaft vollends, die alle Strahlen der Erkenntniß in Eins zusammenfassen soll, kann nur aus Einem Kopfe entspringen. Es ist ein gewöhnliches Wort, das Reich des Denkens und Wissens sei eine Republik. Ja wohl Republik, aber in der die Diktatur zuweilen nöthig ist. Siehe übrigens, was Schelling über diesen Gegenstand sagt in der Vorrede des kleinen Buches „vom Ich.“[50]Wollte man hieraus den Schluß ziehen, daß die Deutschen überhaupt nicht so bald zur Klarheit gelangen können, so würde man sehr irren. Im Gegentheil sagt die Erfahrung, daß der denkende Mensch gerade aus der tiefsten Verwirrung und Rathlosigkeit oft zur Klarheit durchdringt. Und wie der Einzelne, so das Volk.[51]Es wird damit nicht ein Urtheil gesprochen, als ob Hegel und Schelling an sich bedeutender wären als Kant und Fichte, nur die Entwicklung anerkannt.[52]In dieser jüngeren Partei ist allerdings das meiste Leben; aber man ist deshalb nicht berechtigt, sie als denwahrenund die Andern als denfalschenAusdruck Hegels anzusehn (wodurch eine Einheit der Hegel’schen Anschauung sich ergäbe). Im Gegentheil, geht sie immer weiter von Hegel hinweg und betrachtet sich bereits als eine neue Phase, welche über Hegel stehe, wie Hegel über Schelling. Zum Theil geschieht dieß aus dem richtigen Gefühl, daß man über Hegel hinausgehen müsse, um die Philosophie zum lebendigen Einfluß auf die Wirklichkeit zu führen. (S. weiter unten im Text.) Ich sage übrigens absichtlich „Aufklärung,“ weil dieß Wort an eine bereits dagewesene Weltansicht erinnert. Was diese Jungen uns geben, ist nur die alte Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts, in neues philosophisches Gewand gehüllt. Dieß erwähne ich nicht, als ob ich das Große der alten Aufklärung verkennte, sondern weil es widerlich ist zu hören, wie die junge Partei ihre Weisheit als ganz neues, unerhörtes Evangelium predigt, und weil Viele durch den zuversichtlichen Ton und die moderne Kunstsprache verführt werden, dieß zu glauben.[53]Beweis hiefür ist der größte Theil der hegelianischen Literatur.[54]In der Menschen Art, besonders aber in der Deutschen Art. Die Neigung der Deutschen, sich täuschen zu lassen, ist oft genug getadelt worden. Es ist ein Stück der deutschen Gutmüthigkeit und scheint unzerstörlich zu sein. Eine andere Nation würde sichso vielnicht gefallen lassen, als uns fast täglich zugemuthet wird.[55]Das Buch, worauf hier angespielt wird, ist „die europäische Triarchie.“ Man sieht hier, wie weit es möglich sei, mit dem Hegelianismus auszureichen. Es hat übrigens diese „Triarchie“ mit dem berüchtigten Werke über die Pentarchie (womit ich es sonst in keiner Weise vergleichen will) einen merkwürdigen historischen Zusammenhang; und beide gleichen sich darin, daß sie die Deutschen auf fremde Hülfe verweisen. Wenn sich in Europa keine andere Politik erhebt, als die der Protokolle und des Gleichgewichts und desstatus quo: so hat der Pentarchist ganz Recht, so entsteht in der That ein so widernatürliches System als er es predigt, so geräth wirklich Deutschland unter russisches Protektorat. Andererseits, wenn sich keine höhere Philosophie erhebt als die Hegel’sche, so hat der Triarchist in seiner Weise Recht, so müssen wir auf die eigene Thatkraft verzichten, und das Handeln den Engländern und Franzosen überlassen.[56]So wie z. B. das Christenthum anfangs nur sehr Wenigen verständlich, diese Wenigen aber zum Theil Zöllner und Fischer gewesen.[57]Ahnungnenne ich vor allem, daß im Hegelschen System (mehr als es je in früheren der Fall war) die verschiedensten Meinungen und entgegengesetztesten Richtungen sich begegnen. (Dieß wird auch beim kommenden Princip geschehen, weil die Wahrheit die einseitigen Erkenntnisse sämmtlich in Eine Weltanschauung zusammenfassen muß).Trostlose Unfähigkeitnenne ich, daß alle diese unzähligen Meinungen das Hegel’sche System zersetzen, statt von ihm gehalten und beherrscht zu werden. Der Inhalt ist erbärmlich, und die Allseitigkeit nurformal.[58]Sophisten, weil die Redekunst damals ebenso gemißbraucht wurde, als heutzutage die systematische Form, und weil in beiden Fällen die innere Wahrheit der äußern Fertigkeit geopfert wird. Freilich ist hier mehr denn Griechenland.[59]Eine Philosophie, dievon vornhereindarauf ausginge das Christenthum mit dem Zweifel zu vermitteln, wäre keine Philosophie, sondern Scholastik. Wer die Wahrheit ernstlich sucht, der sucht sie ohne Rücksicht auf den Ausgang, sie mag zum Atheismus oder zum Christenthum führen. Aber das Ende der wahren Philosophie wird eben, ohne daß sie es sucht, eine höhere Vermittlung sein.[60]Siehe Matthäi 19, 12. Alles das, was hier scharf hervorgehoben ist, liegt freilich mehr als innere Konsequenz denn als ausgesprochenes Dogma im Christenthum; und die Weisheit des Stifters hat niemals an die menschliche Natur eine übertriebene Forderung gestellt. Aber die Ascetik, die Mönchsorden, das Cölibat der Priester — alles das war doch nur nothwendige Folge, nicht Ausartung des Christenthums. Wer sich davon überzeugen will, darf nur die protestantisch-kirchliche Ansicht mit der katholischen vergleichen. Auch Luther hat die Priesterehe nicht dem Cölibat als solchem, er hat sie nur der gemäß der menschlichen Schwäche mit dem Cölibat verknüpften Sittenlosigkeit vorgezogen. Nur in letzterer Hinsicht ist ihm die Ehe besser denn die Nichtehe.[61]Es ist, wenn man den oben angedeuteten Gang bedenkt, ganz naturgemäß, daß in unsern Tagen die Orthodoxie gewöhnlich mit dem Pietismus zusammenfällt, obgleich beide ursprünglich sehr verschieden sind. Die Heuchelei hat freilich hier gewonnenes Feld, wie überall, wo ein inneres Leben sich zu einer bestimmten äußern, leicht nachzuahmenden Form ausprägt. In der katholischen Kirche ist der Pietismus weniger möglich, weil sie noch immer, als eine sichtbare, ins äußere Leben eingreifende Macht, mit ihrem Kultus auch den sinnlichen Menschen befriedigt.[62]Da die Spekulation zunächst nicht hieher gehört, so konnte sie hier nur im Allgemeinen berührt werden. Wenn ich übrigens scheinbar widersprechende Dinge zusammen zu stellen scheine, so ist dieß mit Bedacht geschehen.[63]Mit dem gewöhnlichen Namen:Psychologie. Ich glaube nicht, daß Jemand den Muth hat, diejenige Psychologie, die wir bis jetzt besitzen, (dieses armselige Conglomerat von Notizen und Beobachtungen) nur eine Wissenschaft zu nennen. Der bedeutendste Geist der neuern Zeit, Napoleon, fühlte sich versucht, jene Gesetze zu suchen. „Newton,“ sagte er, „a trouvé la philosophie de l’univers, il faut encore trouver la philosophie du détail.“ Aus seinen Aeußerungen ergibt sich, daß er unter dem Détail den Einzelgeist, die organische Persönlichkeit im Gegensatz zur Materie verstand; zugleich sieht man daraus, wie er sich geistig zu schwach fühlte, sie zu finden.[64]Das Bestreben, den Staat zum Abdruck der innern Ordnung zu machen, ist das was sich durch alle Staatsverfassungen von den ältesten bis auf die französische Gleichheit hindurchzieht. „Der Mensch soll in dem Range sein und bleiben, den er ursprünglich von Geburt einnimmt:“ dieß war der älteste Grundsatz, aus welchem, weil man die „Geburt“ materiell auffaßte, die indischen und ägyptischen Kasten entsprangen. Rousseau ging von der richtigen Ansicht aus, daß man, um den wahren Staat zu finden, den Ur- und Naturzustand suchen müsse. Statt aber diesen in der Seele zu suchen, suchte er ihn in der frühesten Geschichte. Auch hier hätte er ihn noch finden können (denn die Menschen waren von Anfang aninnerlichverschieden), wurde aber dadurch getäuscht, daß die frühesten Menschen und die Wilden, (weil das Bewußtsein der innerlichen Verschiedenheit bei ihnen noch weniger entwickelt ist) noch mehr in der Gleichheit verharren. Rousseau’s Ansicht wäre nur dann die richtige, wenn das Menschengeschlecht von Gott ursprünglich mitgleichenFähigkeiten geschaffen, im Laufe der Zeit aber (durch eine Art von Fall) in die Verschiedenheit ausgeartet wäre; welches, wie jedermann weiß, undenkbar ist. In jedem Falle mußtediesePhilosophie, um sich im Leben zu verwirklichen,umwälzen. Das Ideal, welches oben aufgestellt ist, knüpft an dasBestehendean, und hat Nichts zu thun, als es allmälig zu vergeistigen. Die Elemente sind alle vorhanden, und die Staatskunst besteht einfach darin, sie nach und nach zu sichten. Das psychologische Gesetz ist also vor allem für die von Wichtigkeit, welche an der Spitze der Staaten stehen. Es kann diesem Ideale beständig imEinzelnennachgestrebt werden, selbst wenn man imGanzenes für unerreichbar hält.[65]Z. B. dierichterlicheundvollziehende.[66]Daß die republikanische Verfassung nur in kleineren Gemeinwesen gedeihen kann, findet in dem Obigen seine Erklärung. Da, wo entweder keine natürliche psychologische Einheit besteht, oder die Zahl des Staatsvolkes so klein ist,daß ein besonderer persönlicher Ausdruck des Gesammtindividuums nicht nöthig wird, kann das Königthum unterbleiben. Die alten griechischen Republiken waren Staaten der letztern Art, sie beruhten sämmtlich aufProvincialcharaktern. Wäre die ganze griechischeNationin Einen Staat vereinigt worden, so hätte dieser Eine nothwendig monarchisch werden müssen. Die römische Republik ging zu Grunde, nachdem das Staatsvolk an Zahl übermäßig zugenommen hatte. Da aber das römische Volk von Anfang an keineNation, sondern ein eigenthümliches Specialindividuum war, so bekam hier die monarchische Gewalt niemals die innerliche Weihe des Königthums, sondern blieb imperatorisch. Die Republiken des Mittelalters, Venedig und Genua, hatten in den Dogen ihre monarchischen Spitzen. Die Föderativrepubliken endlich, welche noch vorhanden sind (Amerika und die Schweiz) gehören der ersten Klasse an, ihnen fehlt der psychologische Gesammtcharakter. Die Schweizer sind aus Deutschen und Welschen, die Amerikaner aus Engländern, Deutschen, Romanen und andern Europäern gemischt. Alle Ansiedlungen in fremden Welttheilen werden daher so lange Republiken bleiben, bis aus der gemischten Bevölkerung eine eigenthümliche Nationaleinheit entsteht. — Unter den bisherigen monarchischen Verfassungen aber erscheint, nach dem Obigen, dieabsolut-bureaukratischeals nothwendige Uebergangsform von der mittelalterlichen Ungebundenheit zur Einheit, diekonstitutionelleals einVersuch, den wahren Staat hervorzubringen. Die Franzosen haben neuerlich sogar versucht, eine geistige Pairie zu schaffen, die aber, weil kein innerer Maßstab vorhanden, viel schlimmer geworden ist, als eine erbliche es sein würde. Alle Pairie soll eine Gewalt sein, die auf Geburt, Natur und Rang (entweder leiblich, oder geistig nach einem psychologischen Gesetze) beruht; wo sie an Aemter und willkürlich zu bestimmende Verdienste geknüpft ist, geht ihr Charakter verloren.[67]Es ist dies eines der dringendsten Erfordernisse des künftigen Princips. „Wenn der Tröster kommen wird, welchen Ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgehet, der wird zeugen von mir.“ (Ev. Joh. 15, 26.)[68]Und von ihr wohl immer als solche werden bezeichnet werden, wenn auch ihre Begründung in der menschlichen Natur wird nachgewiesen sein. Denn der Gemüthsanschauung erscheint (wie das Jeder an sich selbst, an den Vorfällen des Lebens erproben kann) sehr Vieles als Wunder oder wunderbar, was dem Verstand erklärlich ist; und der Eindruck bleibt, wenn auch der letztere sich dawiderlegt. Was die Kritik betrifft, von der oben die Rede ist, so hat sie uns zum Uebermaße gezeigt, was etwa allesnichtwahr sein könne in den Evangelien. Dies war seiner Zeit sehr verdienstlich. Jetzt muß gezeigt werden, was alleswahrsein könne; und dieß ist wahrscheinlich unendlich mehr, als sich die Weisheit der Schule träumen läßt.[69]Dieß ist von protestantischen Theologen bereits hinreichend geschehen. Die Anhänger des Hegel’schen Systems (Baur, Rothe) predigen das Aufgehn der Kirche im Staat. Man steht an dieser Selbstverzichtung, daß die vornehmste Sendung des Protestantismus nicht die war, eine andere Kirche zu schaffen, sondern die, den Staat und die Philosophie heraufzuführen.[70]„Kardinale“ sage ich, weil dieser Punkt von Theologen selbst als der hauptsächlichste Punkt der Trennung in unsern Tagen anerkannt worden ist.[71]Da das Leben der katholischen Kirche gegenüber den andern Konfessionen sich vorzüglich an ihre Einheit, und die Einheit ans Papstthum knüpft, so ist diese Partei zur Zeit noch sehr lebendig, und manche bedeutende Menschen gehören Ihr an, welche Höheres wollen, ohne deutlich zu fühlen, wie verderblich ihre Bestrebung auf die Einheit des Vaterlandes wirkt. Die ganze ultramontane Bewegung, so viel sie auf der einen Seite beiträgt, um das katholische Kirchenleben reger zu erhalten, ist auf der andern nur das Todes-Besser einessterbendenWesens — des mittelalterlichen Primats.[72]Eine Kirche ohne Symbol ist unmöglich, eineKonfessionohneBekenntniß(wie schon diese beiden Worte zeigen) ein Unding. Das Bekenntniß kann sich ändern, und wie weit dieß geschehen solle, dieß ist Sache der Plenargewalt der Kirche; aber ein jeweiliger Ausdruck des Glaubens muß allezeit vorhanden sein. Es ist unbegreiflich, wie die älteren rationalistischen Theologen dieses verkannt haben; die neueren sind konsequenter und geben die Kirche geradezu auf. Die Tradition erwähne ich, nicht als ob der Protestantismus Unrecht gehabt hätte, sie alsQuellezu verwerfen, sondern weil ohne traditionelles Leben keine Kirche bestehen kann. Lessing hat sie übrigens treffend verteidigt.[73]Schon früher ist erwähnt worden, daß die Hochkirche den Uebergang zum Katholicismus bilde. Sie ist weder in den Dogmen, noch in der Verfassung viel verschieden, und neuerdings neigt sich eine zahlreiche Partei, (die der Puseyisten), besonders in den Lehren von der Stellung und der Gewalt der Kirche, den katholischen Ansichten zu. Das charakteristische der englischen Kirche ist also hauptsächlich ihre Entfremdung von der europäischen Gemeinschaft, ihreinsularische Ausschließlichkeit(dasjenige, worin Rußland und England sich gleichen). Alles Ausschließliche aber wird durchbrochen werden, dagegen die größte Mannigfaltigkeit bleiben in der verschiedenen Färbung der einzelnen Nationalkirchen.[74]Siehe was oben über das Verhältniß des Prinzips zum Bramanismns und Buddhismus gesagt ist.[75]Da dieser Entwicklungsgang hier nur im Allgemeinen berührt werden kann, so verweise ich auf Lessings „Erziehung des Menschengeschlechts“, ein kleines, sehr kleines Buch, in dem aber eine ganze Philosophie der Geschichte (und eine für die damalige Zeit doppelt wunderbare) enthalten ist. Alles, was Lessing von dem kommenden dritten Evangelium sagt, bitte ich den Leser auf das Princip anzuwenden, von dem beständig die Rede war. In der philosophischen Sprache würde man jene drei Testamente die Offenbarung desVaters, desSohnesund desheiligen Geistesnennen.[76]5 Mos. 28, 64. 65.[77]Weil der Erbadel des Mittelalters sehr häufig zugleich innerer Adel war und geistig über dem Volke stand.
FUSSNOTEN:
[1]Man erlaube mir, den „Untergang des Reiches“ auf die ganze Dauer der Napoleonischen Kriege auszudehnen.
[1]Man erlaube mir, den „Untergang des Reiches“ auf die ganze Dauer der Napoleonischen Kriege auszudehnen.
[2]Ebendeßhalb, weil er auf dem Gipfel des Mittelalters steht, hat die Sage sich an Friedrich den Rothbart geknüpft. Er schläft und träumt so lange, bis wieder eine Zeit (die neuere Zeit) den Gipfel der Vollendung erreicht. Dann erwacht er wieder alsFriedrich, d. i. als Friedebringer seines Volks.
[2]Ebendeßhalb, weil er auf dem Gipfel des Mittelalters steht, hat die Sage sich an Friedrich den Rothbart geknüpft. Er schläft und träumt so lange, bis wieder eine Zeit (die neuere Zeit) den Gipfel der Vollendung erreicht. Dann erwacht er wieder alsFriedrich, d. i. als Friedebringer seines Volks.
[3]Es ist bekannt, daß die Starrheit der Calvinischen Consequenzen eine Verschiedenheit der Symbole, somit eine Bewegung innerhalb gewisser äußerster Gränzen erzeugte. Das Eine Symbol, zu dem die Lutheraner bald sich einigten, erstarrte bälder, konnte vom Geiste leichter übersprungen werden: der philosophische Fortgang knüpft sich daher in höherem Grade an den Lutheranismus. Von ihm ist hier vorwiegend die Rede, weil diedeutscheEntwicklung, weil derpositivphilosophische Trieb, der die Deutschen charakterisirt, von ihm geleitet worden ist; während dienegativePhilosophie (der Deismus in Holland und England, die Aufklärung in Frankreich) durch das reformirte Princip vermittelt wurde.
[3]Es ist bekannt, daß die Starrheit der Calvinischen Consequenzen eine Verschiedenheit der Symbole, somit eine Bewegung innerhalb gewisser äußerster Gränzen erzeugte. Das Eine Symbol, zu dem die Lutheraner bald sich einigten, erstarrte bälder, konnte vom Geiste leichter übersprungen werden: der philosophische Fortgang knüpft sich daher in höherem Grade an den Lutheranismus. Von ihm ist hier vorwiegend die Rede, weil diedeutscheEntwicklung, weil derpositivphilosophische Trieb, der die Deutschen charakterisirt, von ihm geleitet worden ist; während dienegativePhilosophie (der Deismus in Holland und England, die Aufklärung in Frankreich) durch das reformirte Princip vermittelt wurde.
[4]Es geht Luthers Schriften ohngefähr wie der Bibel: beide werden vernachlässigt, weil sie religiösen Inhalts sind!
[4]Es geht Luthers Schriften ohngefähr wie der Bibel: beide werden vernachlässigt, weil sie religiösen Inhalts sind!
[5]Weil das reformirte Princip seinem Wesen nach einromanisch-germanisches war, so konnte kein dritter großer Staat entstehen, in dem es, wie das katholische in Oestreich, das lutherische in Preußen, vertreten gewesen wäre. Im Gegentheil ist’s bezeichnend, daß die Pfalz, als im Westen gelegen, die Hegemonie der reformirten Partei übernahm, daß gerade sie so oft von Frankreich überzogen, endlich verschlungen wurde.
[5]Weil das reformirte Princip seinem Wesen nach einromanisch-germanisches war, so konnte kein dritter großer Staat entstehen, in dem es, wie das katholische in Oestreich, das lutherische in Preußen, vertreten gewesen wäre. Im Gegentheil ist’s bezeichnend, daß die Pfalz, als im Westen gelegen, die Hegemonie der reformirten Partei übernahm, daß gerade sie so oft von Frankreich überzogen, endlich verschlungen wurde.
[6]Nichts charakterisirt schärfer das deutsche Wesen, als der Begriff, den die Sprache mit dem Worte leicht-fertig verbindet. Leicht-fertig waren damals die Franzosen, und eben deßhalb leichtfertig.
[6]Nichts charakterisirt schärfer das deutsche Wesen, als der Begriff, den die Sprache mit dem Worte leicht-fertig verbindet. Leicht-fertig waren damals die Franzosen, und eben deßhalb leichtfertig.
[7]Die systematische Philosophie gehört nicht hieher, weil sie immer Schule geblieben ist, und als solche des unmittelbaren Einflusses aufs Volk ermangelt, wie die Literatur ihn hat. Doch seien hier einige Worte über den Zusammenhang erlaubt, der mir zwischen ihr und der Entwicklung des protestantischen Prinzips in Deutschland und in der Geschichte überhaupt stattzufinden scheint. — Ich finde im Leben des Protestantismus zwei große, scharf geschiedene Perioden: die erste die Zeit der Emancipation von mittelalterlicher, päpstlicher und kirchlicher Autorität, ihr Urbild Luther; die zweite die Zeit der Entfesselung des Geistes schlechtweg, ihr Urbild Lessing. (Luther und Lessing sind daher die Marksteine aller deutschen Geschichte seit dem Anfang der neuern Zeit. Auch das reformirte Princip hat, nur schneller und kühner, jene zwei Stadien durchlaufen; im ersten Stadium fertiger als das lutherische und weltbewegender [in der englischen Revolution &c.], im zweiten Stadium negativer, und Mutter des Deismus und Skepticismus,hat es seine Geschichte bereits geendigt; denn die negative Weltanschauung ist gerichtet. Daher auch die Union. Die lutherische Tendenz dagegen, wie sie in Lessing ausgesprochen ist,mit ihrem tiefen positiven Kern, hat ihre wahre Zukunft erst vor sich). Demgemäß, und gleichlaufend, sind auch in der systematischen Philosophie zwei Phasen bemerkbar: die erste bis Kant die Zeit der halben, noch befangenen Freiheit, wie sie in Descartes, die zweite von Kant an die Zeit der vollkommnen Emancipation von den christlichen Fesseln, wie sie in Spinoza vorbildlichist. So erscheint Leibnitz noch gebunden, wenigstens theilweise,von der Autorität der Offenbarung und kirchlicher Dogmen; ein riesenhaftes Wissen ersetzt bei ihm den Mangel der spekulativen Idee, welche, urfrei und urkräftig, alle Gebiete durchdringt; und nach ihm sinkt unter Wolf die Philosophie in die alten scholastischen Bande zurück. Davon befreit durch Kant, beginnt sie von nun an aufs schärfste,in ihrer Weisedieselben Ideen auszusprechen, welche gleichzeitig die literarische und politische Welt bewegen. So tritt in Kant die Aufklärung, in Fichte die Revolution, in Schelling die Restauration, in Hegel endlich das Justemilieu hervor. Daher der ungeheure Einfluß der Hegel’schen Ideen in Deutschland, und ihre Verwandtschaft mit dem preußischen Staate (welcher, freilich jetzt viel restaurativer geworden, Schelling an sich zu ziehen sucht); eben daher ihr Zerfließen in unendlich verschiedene und entgegengesetzte Ansichten. Es ist aber der Friede, welchen Hegel zwischen Glauben und Unglauben gestiftet hat, nur ein Scheinfriede, gleich dem des politischenstatus quo; und die Hegel’sche Versöhnung verhält sich zu einer wahrhaftigen gerade so, wie die künstliche, trügerische Protokollregierung unserer Tage zu einer wahren, natürlichen, organischen Friedenspolitik. Darf ich ein kühnes Bild gebrauchen, ohne, bei so ernsten Dingen, den Verdacht leichtfertigen oder übermüthigen Spottes zu fürchten, so möchte ich sagen, Hegel und das politische Justemilieu, das ist: die Scheinwahrheit und der Scheinfriede, gehen der ächten Wahrheit, dem ächten Frieden auf ähnliche Weise vorher, wie in der Stufenleiter der animalischen Schöpfung der Affe dem Menschen. —
[7]Die systematische Philosophie gehört nicht hieher, weil sie immer Schule geblieben ist, und als solche des unmittelbaren Einflusses aufs Volk ermangelt, wie die Literatur ihn hat. Doch seien hier einige Worte über den Zusammenhang erlaubt, der mir zwischen ihr und der Entwicklung des protestantischen Prinzips in Deutschland und in der Geschichte überhaupt stattzufinden scheint. — Ich finde im Leben des Protestantismus zwei große, scharf geschiedene Perioden: die erste die Zeit der Emancipation von mittelalterlicher, päpstlicher und kirchlicher Autorität, ihr Urbild Luther; die zweite die Zeit der Entfesselung des Geistes schlechtweg, ihr Urbild Lessing. (Luther und Lessing sind daher die Marksteine aller deutschen Geschichte seit dem Anfang der neuern Zeit. Auch das reformirte Princip hat, nur schneller und kühner, jene zwei Stadien durchlaufen; im ersten Stadium fertiger als das lutherische und weltbewegender [in der englischen Revolution &c.], im zweiten Stadium negativer, und Mutter des Deismus und Skepticismus,hat es seine Geschichte bereits geendigt; denn die negative Weltanschauung ist gerichtet. Daher auch die Union. Die lutherische Tendenz dagegen, wie sie in Lessing ausgesprochen ist,mit ihrem tiefen positiven Kern, hat ihre wahre Zukunft erst vor sich). Demgemäß, und gleichlaufend, sind auch in der systematischen Philosophie zwei Phasen bemerkbar: die erste bis Kant die Zeit der halben, noch befangenen Freiheit, wie sie in Descartes, die zweite von Kant an die Zeit der vollkommnen Emancipation von den christlichen Fesseln, wie sie in Spinoza vorbildlichist. So erscheint Leibnitz noch gebunden, wenigstens theilweise,von der Autorität der Offenbarung und kirchlicher Dogmen; ein riesenhaftes Wissen ersetzt bei ihm den Mangel der spekulativen Idee, welche, urfrei und urkräftig, alle Gebiete durchdringt; und nach ihm sinkt unter Wolf die Philosophie in die alten scholastischen Bande zurück. Davon befreit durch Kant, beginnt sie von nun an aufs schärfste,in ihrer Weisedieselben Ideen auszusprechen, welche gleichzeitig die literarische und politische Welt bewegen. So tritt in Kant die Aufklärung, in Fichte die Revolution, in Schelling die Restauration, in Hegel endlich das Justemilieu hervor. Daher der ungeheure Einfluß der Hegel’schen Ideen in Deutschland, und ihre Verwandtschaft mit dem preußischen Staate (welcher, freilich jetzt viel restaurativer geworden, Schelling an sich zu ziehen sucht); eben daher ihr Zerfließen in unendlich verschiedene und entgegengesetzte Ansichten. Es ist aber der Friede, welchen Hegel zwischen Glauben und Unglauben gestiftet hat, nur ein Scheinfriede, gleich dem des politischenstatus quo; und die Hegel’sche Versöhnung verhält sich zu einer wahrhaftigen gerade so, wie die künstliche, trügerische Protokollregierung unserer Tage zu einer wahren, natürlichen, organischen Friedenspolitik. Darf ich ein kühnes Bild gebrauchen, ohne, bei so ernsten Dingen, den Verdacht leichtfertigen oder übermüthigen Spottes zu fürchten, so möchte ich sagen, Hegel und das politische Justemilieu, das ist: die Scheinwahrheit und der Scheinfriede, gehen der ächten Wahrheit, dem ächten Frieden auf ähnliche Weise vorher, wie in der Stufenleiter der animalischen Schöpfung der Affe dem Menschen. —
[8]Man hat Göthe, und das nicht mit Unrecht, seinen Mangel an Patriotismus vorgeworfen; aber meist die Anklage schief gestellt. Auch Schiller war Kosmopolit, und kosmopolitisch ist überhaupt, aus dem obigen Grunde, der Charakter jener Literatur; nur war Göthe auch als Weltbürger kalt, ohne Begeisterung für die Freiheit, ohne warme Liebe für die Menschheit.
[8]Man hat Göthe, und das nicht mit Unrecht, seinen Mangel an Patriotismus vorgeworfen; aber meist die Anklage schief gestellt. Auch Schiller war Kosmopolit, und kosmopolitisch ist überhaupt, aus dem obigen Grunde, der Charakter jener Literatur; nur war Göthe auch als Weltbürger kalt, ohne Begeisterung für die Freiheit, ohne warme Liebe für die Menschheit.
[9]Ich habe diese drei angeführt, nicht nur als die Spitzen der Literatur, sondern insofern sie die gerichtlichen Ideen der Zeit repräsentiren. Wenn in Jean Paul dieses nicht so unmittelbar hervortritt, als in den beiden Anderen, so drückt er doch in der schärfsten Weise die Versenkung des Geistes, das Sinnen und Träumen aus, worein, inmitten politischer Ohnmacht, der deutsche Geist sich zurückgezogen hatte.
[9]Ich habe diese drei angeführt, nicht nur als die Spitzen der Literatur, sondern insofern sie die gerichtlichen Ideen der Zeit repräsentiren. Wenn in Jean Paul dieses nicht so unmittelbar hervortritt, als in den beiden Anderen, so drückt er doch in der schärfsten Weise die Versenkung des Geistes, das Sinnen und Träumen aus, worein, inmitten politischer Ohnmacht, der deutsche Geist sich zurückgezogen hatte.
[10]Da das Princip hier nur in seinen allgemeinen Wirkungen, als das Endziel der deutschen Geschichte, beleuchtet wird, so verweise ich die Leser auf die nähere Erörterung im zweiten Theile.
[10]Da das Princip hier nur in seinen allgemeinen Wirkungen, als das Endziel der deutschen Geschichte, beleuchtet wird, so verweise ich die Leser auf die nähere Erörterung im zweiten Theile.
[11]Da die Römer in diesem ihrem Charakter als Staatsvolk, d. h. in der Entwicklung des Staats und des Rechts bisher noch unübertroffen sind, so ist die Herrschaft, die sie im römischen Kaiserthum deutscher Nation und durchs römische Recht noch Jahrtausende nach ihrem Fall über Europa ausgeübt, organisch begründet. Wir werden uns eher nicht vom römischen Recht emancipiren, als bis wieder ein weltumfassender Staat, bis jene vierte Tendenz, von der oben die Rede, ins Leben tritt.
[11]Da die Römer in diesem ihrem Charakter als Staatsvolk, d. h. in der Entwicklung des Staats und des Rechts bisher noch unübertroffen sind, so ist die Herrschaft, die sie im römischen Kaiserthum deutscher Nation und durchs römische Recht noch Jahrtausende nach ihrem Fall über Europa ausgeübt, organisch begründet. Wir werden uns eher nicht vom römischen Recht emancipiren, als bis wieder ein weltumfassender Staat, bis jene vierte Tendenz, von der oben die Rede, ins Leben tritt.
[12]Deshalb ist, wie wir später sehen werden, die heutige Türkei der Sitz des europäischen Weltreiches, wie China des Reiches der Mitte.
[12]Deshalb ist, wie wir später sehen werden, die heutige Türkei der Sitz des europäischen Weltreiches, wie China des Reiches der Mitte.
[13]Um die Analogie der europäischen Familie mit der Organisation der Raçen nachzuweisen, könnte es bequemer scheinen, von vorn herein die Dreiheit (in Kaukasern, Semiten und Mongolen), da ja ohnedieß die Chinesen als eigene Raçe naturhistorisch nicht anerkannt sind, zu statuiren, und statt der acht Welttheile nur sechs anzunehmen. Aber für unsere Anschauung ist die Eigenthümlichkeit der Sprache und der historischen Entwicklung gewichtiger als jene äußeren Merkmale. Auch ist es unläugbar, daß trotz der Dreiheit der europäischen Familien, doch England als Insel, Italien als Sitz des alt- und neurömischen Reiches, Ungarn als magyarisches Land, daß diese, sag’ ich, obwohl jedwedes Glied einer Dreiheit, doch einen isolirten, und zugleich zwischen zwei Raçen vermittelnden Charakter tragen.
[13]Um die Analogie der europäischen Familie mit der Organisation der Raçen nachzuweisen, könnte es bequemer scheinen, von vorn herein die Dreiheit (in Kaukasern, Semiten und Mongolen), da ja ohnedieß die Chinesen als eigene Raçe naturhistorisch nicht anerkannt sind, zu statuiren, und statt der acht Welttheile nur sechs anzunehmen. Aber für unsere Anschauung ist die Eigenthümlichkeit der Sprache und der historischen Entwicklung gewichtiger als jene äußeren Merkmale. Auch ist es unläugbar, daß trotz der Dreiheit der europäischen Familien, doch England als Insel, Italien als Sitz des alt- und neurömischen Reiches, Ungarn als magyarisches Land, daß diese, sag’ ich, obwohl jedwedes Glied einer Dreiheit, doch einen isolirten, und zugleich zwischen zwei Raçen vermittelnden Charakter tragen.
[14]Deutschland hat eine Forderung zu thun gegen Frankreich; die geht ansElsaß, und vielleicht noch weiter. Was noch deutsch geblieben in der Sprache und im Volkskern, das gehört nach innern Gesetzen in den deutschen Organismus. Drüber hinaus gibt es kein Recht mehr für uns; wo die Nationalität gewichen ist, da will der historische Verwandlungprozeß geachtet sein. Man hat im Pariser Frieden nur die Revolution gezüchtigt; auch „was die Lilien gesündigt“, findet noch seinen Tag. Ich habe diesen Anspruch oben im Text nicht erwähnt, weil ich glaube, daß zu derselben Zeit, wo den Franzosen thatkräftig unser Verständniß geöffnet wird, Alles, was noch wahrhaft deutsch geblieben jenseit des Rheins, sich von selbst zum Anschluß an Deutschland drängen wird.
[14]Deutschland hat eine Forderung zu thun gegen Frankreich; die geht ansElsaß, und vielleicht noch weiter. Was noch deutsch geblieben in der Sprache und im Volkskern, das gehört nach innern Gesetzen in den deutschen Organismus. Drüber hinaus gibt es kein Recht mehr für uns; wo die Nationalität gewichen ist, da will der historische Verwandlungprozeß geachtet sein. Man hat im Pariser Frieden nur die Revolution gezüchtigt; auch „was die Lilien gesündigt“, findet noch seinen Tag. Ich habe diesen Anspruch oben im Text nicht erwähnt, weil ich glaube, daß zu derselben Zeit, wo den Franzosen thatkräftig unser Verständniß geöffnet wird, Alles, was noch wahrhaft deutsch geblieben jenseit des Rheins, sich von selbst zum Anschluß an Deutschland drängen wird.
[15]Dieses Letztere, so weit aussehend, ja lächerlich es klingt, ist nichts weniger als das, selbst nach diplomatischen Berechnungen der jetzigen Krise, geschweige denn vom Standpunkt einer kommenden organischen Politik. Jedermann weiß, wie unfähig die Türken sind, in dem wiedereroberten Syrien Ordnung zu schaffen; wie dringend die öffentliche Meinung die Besetzung Palästinas verlangt, und wie leicht die Mächte zu Konsequenzen getrieben werden, die ursprünglich nicht in ihrem Willen lagen. Wenn also bei einer weitern Krise, wie zu hoffen steht, Palästina okkupirt werden sollte, woher anders würden die Mächte, nach ihrem in Griechenland angewandten Grundsatz, einen Administrator oder Regenten verschreiben als aus Deutschland? — Das nur für diejenigen, die nur auf den nächsten Moment schauen. In den obigen Zeilen freilich ist nicht vondemdeutschen Volke die Rede, welches, weil total indifferent in der großen Politik, nach allen Ländern seine Prinzen lieferte, sondern vondem, welches als erste differente Macht auch in Asien einschreiten muß.
[15]Dieses Letztere, so weit aussehend, ja lächerlich es klingt, ist nichts weniger als das, selbst nach diplomatischen Berechnungen der jetzigen Krise, geschweige denn vom Standpunkt einer kommenden organischen Politik. Jedermann weiß, wie unfähig die Türken sind, in dem wiedereroberten Syrien Ordnung zu schaffen; wie dringend die öffentliche Meinung die Besetzung Palästinas verlangt, und wie leicht die Mächte zu Konsequenzen getrieben werden, die ursprünglich nicht in ihrem Willen lagen. Wenn also bei einer weitern Krise, wie zu hoffen steht, Palästina okkupirt werden sollte, woher anders würden die Mächte, nach ihrem in Griechenland angewandten Grundsatz, einen Administrator oder Regenten verschreiben als aus Deutschland? — Das nur für diejenigen, die nur auf den nächsten Moment schauen. In den obigen Zeilen freilich ist nicht vondemdeutschen Volke die Rede, welches, weil total indifferent in der großen Politik, nach allen Ländern seine Prinzen lieferte, sondern vondem, welches als erste differente Macht auch in Asien einschreiten muß.
[16]Daß ein neues Polen die ehemals polnischen, jetzt einverleibten russischen Provinzen wieder erhalten müßte, brauche ich kaum hinzuzufügen.
[16]Daß ein neues Polen die ehemals polnischen, jetzt einverleibten russischen Provinzen wieder erhalten müßte, brauche ich kaum hinzuzufügen.
[17]Wenn ich hier nicht von den innern Elementen der Auflösung spreche, die Rußland in sich selbst, in seiner Verfassung und seinem gegenwärtigen Zustandeträgt, so geschieht es, weil der Mangel an Nachrichten hierüber uns ein sicheres Urtheil kaum möglich macht. Doch darf man, nach früheren Vorgängen und anderen Andeutungen, glauben, daß der Keim des Todes in Rußlands eigenen Eingeweiden liegt und daß ein Umsturz der Dinge von innen heraus nicht zu den unmöglichen Dingen gehört.
[17]Wenn ich hier nicht von den innern Elementen der Auflösung spreche, die Rußland in sich selbst, in seiner Verfassung und seinem gegenwärtigen Zustandeträgt, so geschieht es, weil der Mangel an Nachrichten hierüber uns ein sicheres Urtheil kaum möglich macht. Doch darf man, nach früheren Vorgängen und anderen Andeutungen, glauben, daß der Keim des Todes in Rußlands eigenen Eingeweiden liegt und daß ein Umsturz der Dinge von innen heraus nicht zu den unmöglichen Dingen gehört.
[18]Dieß muß man im Auge behalten, um die unendliche Moralität würdigen zu können, womit Rußland für die Aufrechthaltung der Ordnung und des Gehorsams in Deutschland bedacht war und bedacht ist. Die zärtliche Fürsorge der Russen für die deutsche Stabilität erinnert ganz und gar an die unvergleichliche Weise, womit nach Matthäus Paris die Mongolen, als sie Ao. 1243 in Ungarn, Oestreich u. s. w. einfielen, ankündigten: sie seien ausgezogen „propter furorem Teutonicum, sua(der Mongolen)modestia temperandum“. (Siehe die Briefe des Freiherrn von Stein an den Freiherrn von Gagernp. 68).
[18]Dieß muß man im Auge behalten, um die unendliche Moralität würdigen zu können, womit Rußland für die Aufrechthaltung der Ordnung und des Gehorsams in Deutschland bedacht war und bedacht ist. Die zärtliche Fürsorge der Russen für die deutsche Stabilität erinnert ganz und gar an die unvergleichliche Weise, womit nach Matthäus Paris die Mongolen, als sie Ao. 1243 in Ungarn, Oestreich u. s. w. einfielen, ankündigten: sie seien ausgezogen „propter furorem Teutonicum, sua(der Mongolen)modestia temperandum“. (Siehe die Briefe des Freiherrn von Stein an den Freiherrn von Gagernp. 68).
[19]Noch konnte ich hinzufügen, Schweden, durch Finnland, sei die nördliche Vormauer gegen Rußland. Denn allerdings scheint der finnische Volksstamm seiner Natur nach mehr unter skandinavische als unter russische Hoheit zu gehören. Doch muß ich mich hier, aus Mangel an näherer Kenntniß, eines bestimmten Urtheiles enthalten.
[19]Noch konnte ich hinzufügen, Schweden, durch Finnland, sei die nördliche Vormauer gegen Rußland. Denn allerdings scheint der finnische Volksstamm seiner Natur nach mehr unter skandinavische als unter russische Hoheit zu gehören. Doch muß ich mich hier, aus Mangel an näherer Kenntniß, eines bestimmten Urtheiles enthalten.
[20]Auch innerhalb der drei skandinavischen Stämme ist diese Fluctuation zu bemerken. In Schweden hat das aristokratische, in Norwegen das demokratische, in Dänemark das monarchische Element den Vorrang.
[20]Auch innerhalb der drei skandinavischen Stämme ist diese Fluctuation zu bemerken. In Schweden hat das aristokratische, in Norwegen das demokratische, in Dänemark das monarchische Element den Vorrang.
[21]Wollte Gott, daß diese Wahrheit von allen denen begriffen würde, die nicht wissen, was zu ihrem Frieden dient! Wollte Gott, sie möchten endlich an Englands Beispiel lernen, was sie immer und immer nicht zu fassen vermögen: daß eine männliche, kräftige Opposition nichts weniger sei als Revolution, daß der Staat, um gesund zu bleiben, ihrer bedarf,daß sie die Throne nachhaltiger kräftigt, als die erlogene Hingebung unsrer Tage.
[21]Wollte Gott, daß diese Wahrheit von allen denen begriffen würde, die nicht wissen, was zu ihrem Frieden dient! Wollte Gott, sie möchten endlich an Englands Beispiel lernen, was sie immer und immer nicht zu fassen vermögen: daß eine männliche, kräftige Opposition nichts weniger sei als Revolution, daß der Staat, um gesund zu bleiben, ihrer bedarf,daß sie die Throne nachhaltiger kräftigt, als die erlogene Hingebung unsrer Tage.
[22]Dadurch war Canning so einzig, und hat in so hohem Maße die Bewunderung Europas geerndtet, daß er dem Egoismus der englischen Politik eine allgemein humane Richtung unterzuschieben suchte. Der Versuch mußte, als unenglisch, scheitern, Canning unterliegen. — Was die im Text berührten Eigenschaften der Engländer im Auslande betrifft, so sind sie wohl niemals der Welt glänzender vor Augen gelegt worden als in unsern Tagen. Anglisirte Deutsche scheinen das Unglaubliche leisten zu können. Was kann aber auch in Deutschland nicht geleistet werden? —
[22]Dadurch war Canning so einzig, und hat in so hohem Maße die Bewunderung Europas geerndtet, daß er dem Egoismus der englischen Politik eine allgemein humane Richtung unterzuschieben suchte. Der Versuch mußte, als unenglisch, scheitern, Canning unterliegen. — Was die im Text berührten Eigenschaften der Engländer im Auslande betrifft, so sind sie wohl niemals der Welt glänzender vor Augen gelegt worden als in unsern Tagen. Anglisirte Deutsche scheinen das Unglaubliche leisten zu können. Was kann aber auch in Deutschland nicht geleistet werden? —
[23]Da Rußland durch die nächste und natürlichste Berührung an Ostasien geknüpft ist, so kann der englische Einfluß hier zufällig und ungegründet erscheinen. Aber es zeigt sich auch hier wieder, daß die Mittelpunkte des Völkerlebens, und ein solcher ist China, überall, wenigstens zunächst, der germanischen Einwirkung vorbehalten sind.
[23]Da Rußland durch die nächste und natürlichste Berührung an Ostasien geknüpft ist, so kann der englische Einfluß hier zufällig und ungegründet erscheinen. Aber es zeigt sich auch hier wieder, daß die Mittelpunkte des Völkerlebens, und ein solcher ist China, überall, wenigstens zunächst, der germanischen Einwirkung vorbehalten sind.
[24]Das Wenige, was hier über den Zustand der drei Länder gesagt werden wird, ist nur in folgender Beziehung gesagt. Wenn die oben im Allgemeinen aufgestellte Behauptung richtig ist; so muß in dem Innern jener Staaten selbst der Keim zum Anschluß an Deutschland liegen; das heißt, ihre Lage muß der Art sein, daß sie lediglich aus sich heraus keine Zukunft mehr gebären können. Es ist also hinreichend daran zu erinnern, daß den Holländern durch ihre trostlosen materiellen Aussichten, den Belgiern durch den Geist des romanischen und germanischen Elements, den Schweizern durch ihre schon vorhandene tiefe Zerrüttung die Zukunft abgeschnitten ist. Das zugegeben, bleibt den drei Völkern die Frage übrig: ob es besser sei, in unsicherer Isolirung krankhaft zu verharren, oder als eigenthümliche Zweige des großen Stammes lebendig aufzublühen? Und die Antwort wird um so leichter sein, als sie den relativen, scheinbaren Verlust der Nationalfreiheit mit andern Völkern theilen werden, weil ganz Europa vom Gleichgewichtssystem zum konstitutionellen übergehen wird.
[24]Das Wenige, was hier über den Zustand der drei Länder gesagt werden wird, ist nur in folgender Beziehung gesagt. Wenn die oben im Allgemeinen aufgestellte Behauptung richtig ist; so muß in dem Innern jener Staaten selbst der Keim zum Anschluß an Deutschland liegen; das heißt, ihre Lage muß der Art sein, daß sie lediglich aus sich heraus keine Zukunft mehr gebären können. Es ist also hinreichend daran zu erinnern, daß den Holländern durch ihre trostlosen materiellen Aussichten, den Belgiern durch den Geist des romanischen und germanischen Elements, den Schweizern durch ihre schon vorhandene tiefe Zerrüttung die Zukunft abgeschnitten ist. Das zugegeben, bleibt den drei Völkern die Frage übrig: ob es besser sei, in unsicherer Isolirung krankhaft zu verharren, oder als eigenthümliche Zweige des großen Stammes lebendig aufzublühen? Und die Antwort wird um so leichter sein, als sie den relativen, scheinbaren Verlust der Nationalfreiheit mit andern Völkern theilen werden, weil ganz Europa vom Gleichgewichtssystem zum konstitutionellen übergehen wird.
[25]Dieß läßt sich hoffen, weil der deutsche Theil der Bevölkerung den wallonischen bei weitem überwiegt. Aber freilich wird, wo es sich um ein Land handelt, in dem die gebildeten Klassen die französische Sprache als Muttersprache reden, vor Allem erfordert, daß die deutsche Kultur in Belgien das verlorene Terrain wieder gewinne; und daß zu diesem Zwecke die Deutschen ihren Stammesbrüdern mehr Theilnahme widmen, als bisher geschehen ist.
[25]Dieß läßt sich hoffen, weil der deutsche Theil der Bevölkerung den wallonischen bei weitem überwiegt. Aber freilich wird, wo es sich um ein Land handelt, in dem die gebildeten Klassen die französische Sprache als Muttersprache reden, vor Allem erfordert, daß die deutsche Kultur in Belgien das verlorene Terrain wieder gewinne; und daß zu diesem Zwecke die Deutschen ihren Stammesbrüdern mehr Theilnahme widmen, als bisher geschehen ist.
[26]Dieß Uebergewicht ist in der geographischen Lage selbst, durch das Verhältniß der Seefähigkeit, ausgesprochen. Während unter allen germanisch-romanischen Ländern keines sich findet, das nicht durch die Natur auf Schifffahrt und Seemacht angewiesen wäre, ist unter den slavischen blos Rußland, unter den griechisch-slavischen nur Griechenland dazu befähigt. Ohne Seemacht aber keine wahrhaftige Großmacht. In dieser Beziehung wird Deutschland (siehe weiter unten) nicht nur unvollkommen, sondern überhauptnichtvertreten.
[26]Dieß Uebergewicht ist in der geographischen Lage selbst, durch das Verhältniß der Seefähigkeit, ausgesprochen. Während unter allen germanisch-romanischen Ländern keines sich findet, das nicht durch die Natur auf Schifffahrt und Seemacht angewiesen wäre, ist unter den slavischen blos Rußland, unter den griechisch-slavischen nur Griechenland dazu befähigt. Ohne Seemacht aber keine wahrhaftige Großmacht. In dieser Beziehung wird Deutschland (siehe weiter unten) nicht nur unvollkommen, sondern überhauptnichtvertreten.
[27]Um Mißvertändnissen vorzubeugen, bemerke ich hier, daß die konservative Politk, so weit sie im Charakter des östreichischen Staates liegt, zwar durchaus jede revolutionäre, aber nicht diereformatorischeTendenz ausschließt. Das hat Maria Theresia gezeigt, die große Frau, welche mit ihrem männlichen Sinn, ihrer ungeheuchelten Religiosität, ihrem Herzen fürs Volk und ihrer Einsicht in die Forderungen der Zeit noch heute die Männer beschämt.
[27]Um Mißvertändnissen vorzubeugen, bemerke ich hier, daß die konservative Politk, so weit sie im Charakter des östreichischen Staates liegt, zwar durchaus jede revolutionäre, aber nicht diereformatorischeTendenz ausschließt. Das hat Maria Theresia gezeigt, die große Frau, welche mit ihrem männlichen Sinn, ihrer ungeheuchelten Religiosität, ihrem Herzen fürs Volk und ihrer Einsicht in die Forderungen der Zeit noch heute die Männer beschämt.
[28]Der sicherste Schritt, den Preußen thun könnte, um sich innerlich zu konsolidiren, wäre meiner Ansicht nach die Trennung Posens von den übrigen Landen, in der Weise nämlich, daß der König von Preußen zugleich Großherzog von Posen wäre, wie einst die Churfürsten von Sachsen Könige von Polen waren. Die Polen würden dabei gewinnen, die Deutschen nichts verlieren; es wäre eine Grundlage für die Zukunft.
[28]Der sicherste Schritt, den Preußen thun könnte, um sich innerlich zu konsolidiren, wäre meiner Ansicht nach die Trennung Posens von den übrigen Landen, in der Weise nämlich, daß der König von Preußen zugleich Großherzog von Posen wäre, wie einst die Churfürsten von Sachsen Könige von Polen waren. Die Polen würden dabei gewinnen, die Deutschen nichts verlieren; es wäre eine Grundlage für die Zukunft.
[29]Gebieten — durch veränderte Stellung gegen Polen hin, in den Jahren 1830 und 1831; wie noch heute durch Posen.
[29]Gebieten — durch veränderte Stellung gegen Polen hin, in den Jahren 1830 und 1831; wie noch heute durch Posen.
[30]Die Einsicht in diese Wahrheit ist es, welche die Städteordnung in Preußen gegründet hat; sie ist es auch, welche neuerlich die Provinzialstände wieder belebt hat. Vielleicht wundert man sich, daß wir, wo von Preußen die Rede ist, zwischen der Periode vor dem Jahr 1840, und der nach diesem Jahre nicht scharf unterscheiden. Uns erscheint es ungerecht zu verkennen, daß früherhin schon dieselben, ja noch größere Keime gelegt waren als heute; es handelt sich nur um ihre Entwicklung, und darüber läßt sich in diesem Augenblicke noch kein kompetentes Urtheil fällen. Jedenfalls ist in seinem Charakter als Großmacht nach außen Preußen dasselbige geblieben. Wenn dieser Staat,trotzder Freiheit seiner Gemeinden,trotzseiner Provinzialstände,trotzseiner germanischen Heerverfassung, und unter dem redlichsten persönlichen Willen, bis 1840 die Mittel gefunden hat, eine bureaukratische Militärmonarchie zu bleiben, warum sollt’ er sie nicht auch nach 1840 finden? — Was übrigens die konstitutionellen Hoffnungen betrifft, die man einige Zeit gehegt hat, so sollten wir Deutsche nie vergessen, daß Preußen, wie es ist, eine Mitte bildet zwischen Oestreich und den übrigen deutschen Staaten, wodurch die Gemeinschaft gefördert wird. Stünde Preußen an der Spitze des konstitutionellen Deutschlands, so würde die Entfremdung von Oestreich vollständig werden. Schon jetzt haben so viele Deutsche verlernt, ihre Landsleute in Oestreich als Brüder zu betrachten; dem ganzen Westen liegt Paris näher als Wien. Wie wenn diese beklagenswerthe Trennung noch erweitert würde? Lieber kein einiges Deutschland als eines ohne Oestreich. IndiesemSinn also schulden wir Preußen Dank, so wie für die Enthaltsamkeit, mit der es verschmäht, ganz Deutschland an sich zu ziehen; was doch nur in seinem Willen läge. Ueberhaupt, es ist allewege wünschenswerther, daß Deutschland zu den Großmächten komme, denn daß diese zu Deutschland kommen.
[30]Die Einsicht in diese Wahrheit ist es, welche die Städteordnung in Preußen gegründet hat; sie ist es auch, welche neuerlich die Provinzialstände wieder belebt hat. Vielleicht wundert man sich, daß wir, wo von Preußen die Rede ist, zwischen der Periode vor dem Jahr 1840, und der nach diesem Jahre nicht scharf unterscheiden. Uns erscheint es ungerecht zu verkennen, daß früherhin schon dieselben, ja noch größere Keime gelegt waren als heute; es handelt sich nur um ihre Entwicklung, und darüber läßt sich in diesem Augenblicke noch kein kompetentes Urtheil fällen. Jedenfalls ist in seinem Charakter als Großmacht nach außen Preußen dasselbige geblieben. Wenn dieser Staat,trotzder Freiheit seiner Gemeinden,trotzseiner Provinzialstände,trotzseiner germanischen Heerverfassung, und unter dem redlichsten persönlichen Willen, bis 1840 die Mittel gefunden hat, eine bureaukratische Militärmonarchie zu bleiben, warum sollt’ er sie nicht auch nach 1840 finden? — Was übrigens die konstitutionellen Hoffnungen betrifft, die man einige Zeit gehegt hat, so sollten wir Deutsche nie vergessen, daß Preußen, wie es ist, eine Mitte bildet zwischen Oestreich und den übrigen deutschen Staaten, wodurch die Gemeinschaft gefördert wird. Stünde Preußen an der Spitze des konstitutionellen Deutschlands, so würde die Entfremdung von Oestreich vollständig werden. Schon jetzt haben so viele Deutsche verlernt, ihre Landsleute in Oestreich als Brüder zu betrachten; dem ganzen Westen liegt Paris näher als Wien. Wie wenn diese beklagenswerthe Trennung noch erweitert würde? Lieber kein einiges Deutschland als eines ohne Oestreich. IndiesemSinn also schulden wir Preußen Dank, so wie für die Enthaltsamkeit, mit der es verschmäht, ganz Deutschland an sich zu ziehen; was doch nur in seinem Willen läge. Ueberhaupt, es ist allewege wünschenswerther, daß Deutschland zu den Großmächten komme, denn daß diese zu Deutschland kommen.
[31]Den Unterschied des wahren und falschen Gleichgewichts zu veranschaulichen, dient am einfachsten die Analogie der menschlichen Seele. Wenn wir von dem Gleichgewicht aller Seelenkräfte sprechen, welches großen Persönlichkeiten eigen ist, so wird darunter nicht eine gleiche Quantität derselben oder ein gleichartiges Maß der verschiedenen Talente verstanden, sondern die richtige Vertheilung, wonach diejenigen Fähigkeiten, welche den Kern des Manns bilden, die übrigen beherrschen, ohne sie jedoch einseitig zu beschränken oder in ihrer Wesenheit zu unterdrücken: während ein Mensch, der die homogensten Gaben zugleich und alle in demselben Grade besäße, uns als Unding erscheinen würde.
[31]Den Unterschied des wahren und falschen Gleichgewichts zu veranschaulichen, dient am einfachsten die Analogie der menschlichen Seele. Wenn wir von dem Gleichgewicht aller Seelenkräfte sprechen, welches großen Persönlichkeiten eigen ist, so wird darunter nicht eine gleiche Quantität derselben oder ein gleichartiges Maß der verschiedenen Talente verstanden, sondern die richtige Vertheilung, wonach diejenigen Fähigkeiten, welche den Kern des Manns bilden, die übrigen beherrschen, ohne sie jedoch einseitig zu beschränken oder in ihrer Wesenheit zu unterdrücken: während ein Mensch, der die homogensten Gaben zugleich und alle in demselben Grade besäße, uns als Unding erscheinen würde.
[32]„Wäre nur erst,“ sagt Jean Paul in seiner Weise, wo er von der Hoffnung eines ewigen Friedens spricht, „Ein Welttheil mit sich ins Reine und in Ordnung: in den andern würde sein Zepter bald aus einem Ladstock der Kanonen-Kugelzieher werden, und die Höllenmaschine immobil machen, statt wie jetzt mobil; und da alle Kriege nur malteser Kriege gegen die Ungläubigen sind, würden sie wie die Malteser aufhören.“(Dämmerungen für Deutschland).
[32]„Wäre nur erst,“ sagt Jean Paul in seiner Weise, wo er von der Hoffnung eines ewigen Friedens spricht, „Ein Welttheil mit sich ins Reine und in Ordnung: in den andern würde sein Zepter bald aus einem Ladstock der Kanonen-Kugelzieher werden, und die Höllenmaschine immobil machen, statt wie jetzt mobil; und da alle Kriege nur malteser Kriege gegen die Ungläubigen sind, würden sie wie die Malteser aufhören.“
(Dämmerungen für Deutschland).
[33]„Unvergänglich“ sage ich, weil sie noch dauern kann, wenn auch das Volk, das zuerst damit bekleidet war, längst dem Tode verfallen ist.
[33]„Unvergänglich“ sage ich, weil sie noch dauern kann, wenn auch das Volk, das zuerst damit bekleidet war, längst dem Tode verfallen ist.
[34]Was sich in Kürze über die Nothwendigkeit und Möglichkeit einer deutschen Seemacht sagen läßt, ist schlagend zusammengefaßt in den „Erinnerungen“ des ehrwürdigen Arndtp. 343-348.
[34]Was sich in Kürze über die Nothwendigkeit und Möglichkeit einer deutschen Seemacht sagen läßt, ist schlagend zusammengefaßt in den „Erinnerungen“ des ehrwürdigen Arndtp. 343-348.
[35]Wie ungenügend das bisherige System der Konskription in den übrigen Staaten sei, wie entwürdigend es (durch die Sitte der Ersatzmänner) auf die Armee, wie drückend auf die vermögenslose gebildete Klasse des Volks einwirke, und wie nöthig es sei, den Wehrstand auf eine tiefere und edlere Grundlage zu bauen — dieß ist so allgemein klar geworden, daß es keiner weitem Worte bedarf.
[35]Wie ungenügend das bisherige System der Konskription in den übrigen Staaten sei, wie entwürdigend es (durch die Sitte der Ersatzmänner) auf die Armee, wie drückend auf die vermögenslose gebildete Klasse des Volks einwirke, und wie nöthig es sei, den Wehrstand auf eine tiefere und edlere Grundlage zu bauen — dieß ist so allgemein klar geworden, daß es keiner weitem Worte bedarf.
[36]Vom französischenCharakterspreche ich nicht, weil seine fürs Gute wie fürs Schlechte gleich entzündbare, wetterwendische Erregbarkeit sich dem männlichen und tiefen Gehalte des deutschen in keiner Art zur Seite stellen läßt.
[36]Vom französischenCharakterspreche ich nicht, weil seine fürs Gute wie fürs Schlechte gleich entzündbare, wetterwendische Erregbarkeit sich dem männlichen und tiefen Gehalte des deutschen in keiner Art zur Seite stellen läßt.
[37]Daher ist für den Deutschen schondas bloße Bewußtseinseines ersten Ranges unendlich wichtig, und hat ihm der Mangel an Selbstkenntniß mehr geschadet, als irgend einem andern Volke. Darum ist schon dieUeberzeugungvon dem Berufe zur Hegemonie, schon der lebendige Glaube daran hinreichend, einen Patriotismus von nie gekannter Stärke und damit eine Umwälzung zum Guten hervorzurufen. Darum endlich ist uns vor allen die Wahl gegeben zwischen Sein und Nichtsein: wir haben entweder ein Vaterland ohne Gleichen oder keines.
[37]Daher ist für den Deutschen schondas bloße Bewußtseinseines ersten Ranges unendlich wichtig, und hat ihm der Mangel an Selbstkenntniß mehr geschadet, als irgend einem andern Volke. Darum ist schon dieUeberzeugungvon dem Berufe zur Hegemonie, schon der lebendige Glaube daran hinreichend, einen Patriotismus von nie gekannter Stärke und damit eine Umwälzung zum Guten hervorzurufen. Darum endlich ist uns vor allen die Wahl gegeben zwischen Sein und Nichtsein: wir haben entweder ein Vaterland ohne Gleichen oder keines.
[38]Jean Paul, den ich als Kenner der deutschen Natur (nicht, wie sich von selbst versteht, als politischen Gewährsmann) hier noch einmal anführe, hat auch diese Seite unsres Wesens vortrefflich zu würdigen gewußt. „Man drohte,“ schreibt er in einem zur Zeit der tiefsten Erniedrigung, im Jahre 1809 verfaßten Buche, „der Erde schon oft Universalmonarchieen. Obgleich in unsern Jahrhunderten schwerlich eine andere, als die des Rechts und der Vernunft sich errichten wird, nicht aber eine über beide Erdhälften schlagfertig hängende Wetterwolke: so möchte man doch, wenn es einmal einen Universalmonarch außer unserm Herrgott oder in Rücksicht der Thiere außer dem Mensch geben soll, der Erde, welche sich hier Universum nennt, anwünschen, daß er ein Deutscher wäre; denn die Allseitigkeit, der Weltsinn und der Kosmopolitismus der Deutschen fände auf dem höchsten Throne gerade die rechte Stelle.“
[38]Jean Paul, den ich als Kenner der deutschen Natur (nicht, wie sich von selbst versteht, als politischen Gewährsmann) hier noch einmal anführe, hat auch diese Seite unsres Wesens vortrefflich zu würdigen gewußt. „Man drohte,“ schreibt er in einem zur Zeit der tiefsten Erniedrigung, im Jahre 1809 verfaßten Buche, „der Erde schon oft Universalmonarchieen. Obgleich in unsern Jahrhunderten schwerlich eine andere, als die des Rechts und der Vernunft sich errichten wird, nicht aber eine über beide Erdhälften schlagfertig hängende Wetterwolke: so möchte man doch, wenn es einmal einen Universalmonarch außer unserm Herrgott oder in Rücksicht der Thiere außer dem Mensch geben soll, der Erde, welche sich hier Universum nennt, anwünschen, daß er ein Deutscher wäre; denn die Allseitigkeit, der Weltsinn und der Kosmopolitismus der Deutschen fände auf dem höchsten Throne gerade die rechte Stelle.“
[39]Alle Arbeit der deutschen Kammern ist die Arbeit des Sisyphus, wenn sie den Stein auf dem Gipfel glauben, so entrollt er ihren Händen; und wohl uns, wenn er nicht tiefer hinabfällt als er anfangs gelegen war, oder nicht ein Stückchen Volksfreiheit auf dem Rückwege gelegentlich zermalmt. Wie weit dieß Mißgeschick von den Kammern selbst, wie weit von außen her verschuldet wird kann hier nicht entschieden werden. Aber das bleibt gewiß: mit dem augenblicklichen Muthe, der so oft zur Schau gelegt wird, ist Nichts gethan, wenn ihm nicht (in Dingen, die einmal als Recht erkannt sind) eine eherne, unerschütterliche Beharrlichkeit folgt. Das Schauspiel dieser letzteren haben die Hannoveraner uns zum Theil schon gegeben, und werden es, so Gott will, noch weiter geben — zur Freude jedes ehrlichen Mannes in ganz Deutschland.
[39]Alle Arbeit der deutschen Kammern ist die Arbeit des Sisyphus, wenn sie den Stein auf dem Gipfel glauben, so entrollt er ihren Händen; und wohl uns, wenn er nicht tiefer hinabfällt als er anfangs gelegen war, oder nicht ein Stückchen Volksfreiheit auf dem Rückwege gelegentlich zermalmt. Wie weit dieß Mißgeschick von den Kammern selbst, wie weit von außen her verschuldet wird kann hier nicht entschieden werden. Aber das bleibt gewiß: mit dem augenblicklichen Muthe, der so oft zur Schau gelegt wird, ist Nichts gethan, wenn ihm nicht (in Dingen, die einmal als Recht erkannt sind) eine eherne, unerschütterliche Beharrlichkeit folgt. Das Schauspiel dieser letzteren haben die Hannoveraner uns zum Theil schon gegeben, und werden es, so Gott will, noch weiter geben — zur Freude jedes ehrlichen Mannes in ganz Deutschland.
[40]S. Dahlmann’s Politik. Kap. 7. §. 199.
[40]S. Dahlmann’s Politik. Kap. 7. §. 199.
[41]Ich erwähne die demagogischen Umtriebe nicht als ob sie die Bedeutung wirklich gehabt hätten, die man ihnen beizulegen gewußt hat, sondern nur der Idee wegen, die sie ausdrücken.
[41]Ich erwähne die demagogischen Umtriebe nicht als ob sie die Bedeutung wirklich gehabt hätten, die man ihnen beizulegen gewußt hat, sondern nur der Idee wegen, die sie ausdrücken.
[42]Merkwürdig genug ist es, daß derjenige Staat in Deutschland, welcher durch den edlen und patriotischen Willen, der an seiner Spitze steht, unter allen am meisten geeignet wäre, allgemein deutsches Gewicht zu erringen, am ausgeprägtesten Partialismus des Volksgeistes leidet. Ich meine Würtemberg und die Altwürtemberger.
[42]Merkwürdig genug ist es, daß derjenige Staat in Deutschland, welcher durch den edlen und patriotischen Willen, der an seiner Spitze steht, unter allen am meisten geeignet wäre, allgemein deutsches Gewicht zu erringen, am ausgeprägtesten Partialismus des Volksgeistes leidet. Ich meine Würtemberg und die Altwürtemberger.
[43]Gewiß gibt es kein Land in Europa, welches mit der lebendigsten, natürlichen Einheit des nationalen Verbandes so ausgeprägte Provinzialitäten verbindet als Deutschland, keines, das so gut geeignet wäre, zwischen dem starren Centralismus der heutigen Staaten und dem reinen Föderalismus zu vermitteln. Da wir hier uns nur mit dem Allgemeinen beschäftigen, so gehört es nicht hieher, die einzelnen Provinzialcharaktere durchzugehn. Doch bietet sich die Gelegenheit, darauf hinzudeuten, wie der Völkerorganismus, den wir zuerst auf dem Kontinent überhaupt, dann in Europa gefunden haben, in ähnlicher Art auch in Deutschland, als dem Herzen Europas, wiederkehrt. Jene vier Grundstämme (welche im Welttheil die vier Familien bilden) zeigen sich hier alsfränkischer,schwäbischer,sächsischerundbairischerTypus. Und wie die Familie in je drei Nationen, so ist hier der Stamm in je drei Hauptarten gespalten: der fränkische inOstfranken(Maingebiet), inWestfranken(Rheinpfalz, Mosel und Niederrhein) und inFlamänder; der schwäbische inSchwaben,AlemannenundSchweizer; der sächsische inObersachsen(Thüringen und Königreich Sachsen),Niedersachsen(Hannover, Braunschweig, Westphalen) undFriesen; der bairische inwestliche Baiern,östliche Baiern(östreichische Raçe) undTyroler. Wir sahen in Europa, daß je das dritte Glied jeder Familie eigenthümlich gestellt sei; so tritt auch hier der Besonderungstrieb hervor in den Flamändern (Belgien), den Friesen (Holland), den Schweizern und den Tyrolern. (Daher früher gesagt worden, daß Natur allerdings der Separat-Geschichte jener drei Länder zu Grund liege.) Es versteht sich übrigens von selbst, daß hiemit nur die germanischen, nicht die germanisirten Provinzen von Deutschland gemeint werden. Die letztern in Eins zu fassen, war der Beruf der zwei großen Monarchieen.
[43]Gewiß gibt es kein Land in Europa, welches mit der lebendigsten, natürlichen Einheit des nationalen Verbandes so ausgeprägte Provinzialitäten verbindet als Deutschland, keines, das so gut geeignet wäre, zwischen dem starren Centralismus der heutigen Staaten und dem reinen Föderalismus zu vermitteln. Da wir hier uns nur mit dem Allgemeinen beschäftigen, so gehört es nicht hieher, die einzelnen Provinzialcharaktere durchzugehn. Doch bietet sich die Gelegenheit, darauf hinzudeuten, wie der Völkerorganismus, den wir zuerst auf dem Kontinent überhaupt, dann in Europa gefunden haben, in ähnlicher Art auch in Deutschland, als dem Herzen Europas, wiederkehrt. Jene vier Grundstämme (welche im Welttheil die vier Familien bilden) zeigen sich hier alsfränkischer,schwäbischer,sächsischerundbairischerTypus. Und wie die Familie in je drei Nationen, so ist hier der Stamm in je drei Hauptarten gespalten: der fränkische inOstfranken(Maingebiet), inWestfranken(Rheinpfalz, Mosel und Niederrhein) und inFlamänder; der schwäbische inSchwaben,AlemannenundSchweizer; der sächsische inObersachsen(Thüringen und Königreich Sachsen),Niedersachsen(Hannover, Braunschweig, Westphalen) undFriesen; der bairische inwestliche Baiern,östliche Baiern(östreichische Raçe) undTyroler. Wir sahen in Europa, daß je das dritte Glied jeder Familie eigenthümlich gestellt sei; so tritt auch hier der Besonderungstrieb hervor in den Flamändern (Belgien), den Friesen (Holland), den Schweizern und den Tyrolern. (Daher früher gesagt worden, daß Natur allerdings der Separat-Geschichte jener drei Länder zu Grund liege.) Es versteht sich übrigens von selbst, daß hiemit nur die germanischen, nicht die germanisirten Provinzen von Deutschland gemeint werden. Die letztern in Eins zu fassen, war der Beruf der zwei großen Monarchieen.
[44]Es ist damit nicht gesagt, daß der Adel nicht materiell noch gehoben oder erhalten werden könne (z. B. durch Majorate). Auch gibt es allerdings selbst in Deutschland noch einen Adel von geistiger Bedeutung: in Meklenburg und besonders in den deutschen Ländern vonOestreich. Aber dieß sind gerade diejenigen Theile von Deutschland, wo noch die Tradition des Mittelalters herrscht, sie können daher als Maßstab für das, was in der Zeit liegt, nicht gelten. Wenn man mir den englischen Adel entgegenhält, so antworte ich: er hat seine Probe noch nicht überstanden; und es darf überhaupt von der eigenthümlichen Mischung mittelalterlicher und moderner Institute in England nicht auf unsere Zustände geschlossen werden.
[44]Es ist damit nicht gesagt, daß der Adel nicht materiell noch gehoben oder erhalten werden könne (z. B. durch Majorate). Auch gibt es allerdings selbst in Deutschland noch einen Adel von geistiger Bedeutung: in Meklenburg und besonders in den deutschen Ländern vonOestreich. Aber dieß sind gerade diejenigen Theile von Deutschland, wo noch die Tradition des Mittelalters herrscht, sie können daher als Maßstab für das, was in der Zeit liegt, nicht gelten. Wenn man mir den englischen Adel entgegenhält, so antworte ich: er hat seine Probe noch nicht überstanden; und es darf überhaupt von der eigenthümlichen Mischung mittelalterlicher und moderner Institute in England nicht auf unsere Zustände geschlossen werden.
[45]Der Beleg für die ganze oben geführte Klage findet sich zahlreich genug in der heutigen Literatur: in der Heine’schen Poesie, im jungen Deutschland, im ästhetischen Kultus unsrer Tage; auch Rahel und Bettina, die vielvergötterten, überhaupt die Berliner Geistreichen erinnern nur zu lebhaft daran. In den meisten dieser Erscheinungen erregt die Unnatur eben so viel Grauen, als das Talent Bewunderung.
[45]Der Beleg für die ganze oben geführte Klage findet sich zahlreich genug in der heutigen Literatur: in der Heine’schen Poesie, im jungen Deutschland, im ästhetischen Kultus unsrer Tage; auch Rahel und Bettina, die vielvergötterten, überhaupt die Berliner Geistreichen erinnern nur zu lebhaft daran. In den meisten dieser Erscheinungen erregt die Unnatur eben so viel Grauen, als das Talent Bewunderung.
[46]Gerade so, wie in der politischen WeltRußland(die Gewalt),England(das Geld) undFrankreich(die Lüge) dominiren. Um zu zeigen, wie dieser Zusammenhang nicht oberflächlich, sondern tief begründet sei, ziehe ich aus einem historischen Werke, worin mehr als in allen übrigen das Innere der Dinge ans Licht gestellt ist, einige England betreffende Worte an. „Wir wollen nur in wenigen Zügen bemerklich machen, wie schon vor der französischen Revolution England in demselben Maße immer mehr aufblühte, in welchem Genußsucht, Egoismus, Handelsgeist, Ueppigkeit, Geld, Eleganz des Lebens und Luxus-Bedürfniß, Europa in viel schwerere Ketten legte, als die Hierarchie, Ritterschaft und Despotismus, die oft in unsern Tagen allein geschmäht werden, ja schmieden können. Nach der Art, wie seit Ludwig XIV. Staat und Kriegswesen in Europa eingerichtet worden, hatte der Mensch nach und nach seine Bedeutung verloren, Geld schien einziges Bedürfniß, weil man mit Geld die stehenden Heere, die das Ganze in Ordnung halten sollten, bezahlte, mit Geld die besoldeten Diener ans Vaterland knüpfte, mit Geld die Verräther erkaufte, und mit Geld den Aufwand unterhielt, der bald Rang und Verdienste überglänzte“ — — — — „Seit dieser Zeit stieg der Wohlstand der Britten immer höher, und der Reichthum, der erst später auf der Insel selbst nach und nach Religion, Sitten und endlich auch den alten und edlen Sinn der freien Landbesitzer, die bis dahin den Kern der Nation ausmachten, verdarb, gab ihnen die Mittel, alle Thoren durch die zierliche, reinliche, reiche Außenseite zu blenden, und alle mächtigen Schurken zu kaufen. So ward Europa zuerst von England, in unsern Tagen aber England und Europa endlich zur großen Schmach der lebenden Generation vom Gelde, oder von Leuten, die es anschaffen können, und von seinem Gifte durch und durch verletzt sind, abhängig.“ Wie das System der Gewalt von Rußland allenthalben gestützt wird und mit ihm steht und fällt, haben wir schon oben gesehen; und daß in Frankreich die gewissenlose Sophistik, die Käuflichkeit der Talente und die Verdorbenheit in Literatur und Leben den entwickeltsten Grad erreicht hat, ist uns allen bekannt.
[46]Gerade so, wie in der politischen WeltRußland(die Gewalt),England(das Geld) undFrankreich(die Lüge) dominiren. Um zu zeigen, wie dieser Zusammenhang nicht oberflächlich, sondern tief begründet sei, ziehe ich aus einem historischen Werke, worin mehr als in allen übrigen das Innere der Dinge ans Licht gestellt ist, einige England betreffende Worte an. „Wir wollen nur in wenigen Zügen bemerklich machen, wie schon vor der französischen Revolution England in demselben Maße immer mehr aufblühte, in welchem Genußsucht, Egoismus, Handelsgeist, Ueppigkeit, Geld, Eleganz des Lebens und Luxus-Bedürfniß, Europa in viel schwerere Ketten legte, als die Hierarchie, Ritterschaft und Despotismus, die oft in unsern Tagen allein geschmäht werden, ja schmieden können. Nach der Art, wie seit Ludwig XIV. Staat und Kriegswesen in Europa eingerichtet worden, hatte der Mensch nach und nach seine Bedeutung verloren, Geld schien einziges Bedürfniß, weil man mit Geld die stehenden Heere, die das Ganze in Ordnung halten sollten, bezahlte, mit Geld die besoldeten Diener ans Vaterland knüpfte, mit Geld die Verräther erkaufte, und mit Geld den Aufwand unterhielt, der bald Rang und Verdienste überglänzte“ — — — — „Seit dieser Zeit stieg der Wohlstand der Britten immer höher, und der Reichthum, der erst später auf der Insel selbst nach und nach Religion, Sitten und endlich auch den alten und edlen Sinn der freien Landbesitzer, die bis dahin den Kern der Nation ausmachten, verdarb, gab ihnen die Mittel, alle Thoren durch die zierliche, reinliche, reiche Außenseite zu blenden, und alle mächtigen Schurken zu kaufen. So ward Europa zuerst von England, in unsern Tagen aber England und Europa endlich zur großen Schmach der lebenden Generation vom Gelde, oder von Leuten, die es anschaffen können, und von seinem Gifte durch und durch verletzt sind, abhängig.“ Wie das System der Gewalt von Rußland allenthalben gestützt wird und mit ihm steht und fällt, haben wir schon oben gesehen; und daß in Frankreich die gewissenlose Sophistik, die Käuflichkeit der Talente und die Verdorbenheit in Literatur und Leben den entwickeltsten Grad erreicht hat, ist uns allen bekannt.
[47]Das heißt, die Religion zerstören.
[47]Das heißt, die Religion zerstören.
[48]Jesaia 59, 10. 11.
[48]Jesaia 59, 10. 11.
[49]Dieß glauben wir wenigstens, wenn wir konsequent die Sache betrachten und die Geschichte zu Rathe ziehn. Alle großen, bewegenden Ideen sind von Einzelnen ausgesprochen worden, welche, was in der Zeit schlummerte, zum klaren Ausdruck erhoben. Die Wissenschaft vollends, die alle Strahlen der Erkenntniß in Eins zusammenfassen soll, kann nur aus Einem Kopfe entspringen. Es ist ein gewöhnliches Wort, das Reich des Denkens und Wissens sei eine Republik. Ja wohl Republik, aber in der die Diktatur zuweilen nöthig ist. Siehe übrigens, was Schelling über diesen Gegenstand sagt in der Vorrede des kleinen Buches „vom Ich.“
[49]Dieß glauben wir wenigstens, wenn wir konsequent die Sache betrachten und die Geschichte zu Rathe ziehn. Alle großen, bewegenden Ideen sind von Einzelnen ausgesprochen worden, welche, was in der Zeit schlummerte, zum klaren Ausdruck erhoben. Die Wissenschaft vollends, die alle Strahlen der Erkenntniß in Eins zusammenfassen soll, kann nur aus Einem Kopfe entspringen. Es ist ein gewöhnliches Wort, das Reich des Denkens und Wissens sei eine Republik. Ja wohl Republik, aber in der die Diktatur zuweilen nöthig ist. Siehe übrigens, was Schelling über diesen Gegenstand sagt in der Vorrede des kleinen Buches „vom Ich.“
[50]Wollte man hieraus den Schluß ziehen, daß die Deutschen überhaupt nicht so bald zur Klarheit gelangen können, so würde man sehr irren. Im Gegentheil sagt die Erfahrung, daß der denkende Mensch gerade aus der tiefsten Verwirrung und Rathlosigkeit oft zur Klarheit durchdringt. Und wie der Einzelne, so das Volk.
[50]Wollte man hieraus den Schluß ziehen, daß die Deutschen überhaupt nicht so bald zur Klarheit gelangen können, so würde man sehr irren. Im Gegentheil sagt die Erfahrung, daß der denkende Mensch gerade aus der tiefsten Verwirrung und Rathlosigkeit oft zur Klarheit durchdringt. Und wie der Einzelne, so das Volk.
[51]Es wird damit nicht ein Urtheil gesprochen, als ob Hegel und Schelling an sich bedeutender wären als Kant und Fichte, nur die Entwicklung anerkannt.
[51]Es wird damit nicht ein Urtheil gesprochen, als ob Hegel und Schelling an sich bedeutender wären als Kant und Fichte, nur die Entwicklung anerkannt.
[52]In dieser jüngeren Partei ist allerdings das meiste Leben; aber man ist deshalb nicht berechtigt, sie als denwahrenund die Andern als denfalschenAusdruck Hegels anzusehn (wodurch eine Einheit der Hegel’schen Anschauung sich ergäbe). Im Gegentheil, geht sie immer weiter von Hegel hinweg und betrachtet sich bereits als eine neue Phase, welche über Hegel stehe, wie Hegel über Schelling. Zum Theil geschieht dieß aus dem richtigen Gefühl, daß man über Hegel hinausgehen müsse, um die Philosophie zum lebendigen Einfluß auf die Wirklichkeit zu führen. (S. weiter unten im Text.) Ich sage übrigens absichtlich „Aufklärung,“ weil dieß Wort an eine bereits dagewesene Weltansicht erinnert. Was diese Jungen uns geben, ist nur die alte Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts, in neues philosophisches Gewand gehüllt. Dieß erwähne ich nicht, als ob ich das Große der alten Aufklärung verkennte, sondern weil es widerlich ist zu hören, wie die junge Partei ihre Weisheit als ganz neues, unerhörtes Evangelium predigt, und weil Viele durch den zuversichtlichen Ton und die moderne Kunstsprache verführt werden, dieß zu glauben.
[52]In dieser jüngeren Partei ist allerdings das meiste Leben; aber man ist deshalb nicht berechtigt, sie als denwahrenund die Andern als denfalschenAusdruck Hegels anzusehn (wodurch eine Einheit der Hegel’schen Anschauung sich ergäbe). Im Gegentheil, geht sie immer weiter von Hegel hinweg und betrachtet sich bereits als eine neue Phase, welche über Hegel stehe, wie Hegel über Schelling. Zum Theil geschieht dieß aus dem richtigen Gefühl, daß man über Hegel hinausgehen müsse, um die Philosophie zum lebendigen Einfluß auf die Wirklichkeit zu führen. (S. weiter unten im Text.) Ich sage übrigens absichtlich „Aufklärung,“ weil dieß Wort an eine bereits dagewesene Weltansicht erinnert. Was diese Jungen uns geben, ist nur die alte Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts, in neues philosophisches Gewand gehüllt. Dieß erwähne ich nicht, als ob ich das Große der alten Aufklärung verkennte, sondern weil es widerlich ist zu hören, wie die junge Partei ihre Weisheit als ganz neues, unerhörtes Evangelium predigt, und weil Viele durch den zuversichtlichen Ton und die moderne Kunstsprache verführt werden, dieß zu glauben.
[53]Beweis hiefür ist der größte Theil der hegelianischen Literatur.
[53]Beweis hiefür ist der größte Theil der hegelianischen Literatur.
[54]In der Menschen Art, besonders aber in der Deutschen Art. Die Neigung der Deutschen, sich täuschen zu lassen, ist oft genug getadelt worden. Es ist ein Stück der deutschen Gutmüthigkeit und scheint unzerstörlich zu sein. Eine andere Nation würde sichso vielnicht gefallen lassen, als uns fast täglich zugemuthet wird.
[54]In der Menschen Art, besonders aber in der Deutschen Art. Die Neigung der Deutschen, sich täuschen zu lassen, ist oft genug getadelt worden. Es ist ein Stück der deutschen Gutmüthigkeit und scheint unzerstörlich zu sein. Eine andere Nation würde sichso vielnicht gefallen lassen, als uns fast täglich zugemuthet wird.
[55]Das Buch, worauf hier angespielt wird, ist „die europäische Triarchie.“ Man sieht hier, wie weit es möglich sei, mit dem Hegelianismus auszureichen. Es hat übrigens diese „Triarchie“ mit dem berüchtigten Werke über die Pentarchie (womit ich es sonst in keiner Weise vergleichen will) einen merkwürdigen historischen Zusammenhang; und beide gleichen sich darin, daß sie die Deutschen auf fremde Hülfe verweisen. Wenn sich in Europa keine andere Politik erhebt, als die der Protokolle und des Gleichgewichts und desstatus quo: so hat der Pentarchist ganz Recht, so entsteht in der That ein so widernatürliches System als er es predigt, so geräth wirklich Deutschland unter russisches Protektorat. Andererseits, wenn sich keine höhere Philosophie erhebt als die Hegel’sche, so hat der Triarchist in seiner Weise Recht, so müssen wir auf die eigene Thatkraft verzichten, und das Handeln den Engländern und Franzosen überlassen.
[55]Das Buch, worauf hier angespielt wird, ist „die europäische Triarchie.“ Man sieht hier, wie weit es möglich sei, mit dem Hegelianismus auszureichen. Es hat übrigens diese „Triarchie“ mit dem berüchtigten Werke über die Pentarchie (womit ich es sonst in keiner Weise vergleichen will) einen merkwürdigen historischen Zusammenhang; und beide gleichen sich darin, daß sie die Deutschen auf fremde Hülfe verweisen. Wenn sich in Europa keine andere Politik erhebt, als die der Protokolle und des Gleichgewichts und desstatus quo: so hat der Pentarchist ganz Recht, so entsteht in der That ein so widernatürliches System als er es predigt, so geräth wirklich Deutschland unter russisches Protektorat. Andererseits, wenn sich keine höhere Philosophie erhebt als die Hegel’sche, so hat der Triarchist in seiner Weise Recht, so müssen wir auf die eigene Thatkraft verzichten, und das Handeln den Engländern und Franzosen überlassen.
[56]So wie z. B. das Christenthum anfangs nur sehr Wenigen verständlich, diese Wenigen aber zum Theil Zöllner und Fischer gewesen.
[56]So wie z. B. das Christenthum anfangs nur sehr Wenigen verständlich, diese Wenigen aber zum Theil Zöllner und Fischer gewesen.
[57]Ahnungnenne ich vor allem, daß im Hegelschen System (mehr als es je in früheren der Fall war) die verschiedensten Meinungen und entgegengesetztesten Richtungen sich begegnen. (Dieß wird auch beim kommenden Princip geschehen, weil die Wahrheit die einseitigen Erkenntnisse sämmtlich in Eine Weltanschauung zusammenfassen muß).Trostlose Unfähigkeitnenne ich, daß alle diese unzähligen Meinungen das Hegel’sche System zersetzen, statt von ihm gehalten und beherrscht zu werden. Der Inhalt ist erbärmlich, und die Allseitigkeit nurformal.
[57]Ahnungnenne ich vor allem, daß im Hegelschen System (mehr als es je in früheren der Fall war) die verschiedensten Meinungen und entgegengesetztesten Richtungen sich begegnen. (Dieß wird auch beim kommenden Princip geschehen, weil die Wahrheit die einseitigen Erkenntnisse sämmtlich in Eine Weltanschauung zusammenfassen muß).Trostlose Unfähigkeitnenne ich, daß alle diese unzähligen Meinungen das Hegel’sche System zersetzen, statt von ihm gehalten und beherrscht zu werden. Der Inhalt ist erbärmlich, und die Allseitigkeit nurformal.
[58]Sophisten, weil die Redekunst damals ebenso gemißbraucht wurde, als heutzutage die systematische Form, und weil in beiden Fällen die innere Wahrheit der äußern Fertigkeit geopfert wird. Freilich ist hier mehr denn Griechenland.
[58]Sophisten, weil die Redekunst damals ebenso gemißbraucht wurde, als heutzutage die systematische Form, und weil in beiden Fällen die innere Wahrheit der äußern Fertigkeit geopfert wird. Freilich ist hier mehr denn Griechenland.
[59]Eine Philosophie, dievon vornhereindarauf ausginge das Christenthum mit dem Zweifel zu vermitteln, wäre keine Philosophie, sondern Scholastik. Wer die Wahrheit ernstlich sucht, der sucht sie ohne Rücksicht auf den Ausgang, sie mag zum Atheismus oder zum Christenthum führen. Aber das Ende der wahren Philosophie wird eben, ohne daß sie es sucht, eine höhere Vermittlung sein.
[59]Eine Philosophie, dievon vornhereindarauf ausginge das Christenthum mit dem Zweifel zu vermitteln, wäre keine Philosophie, sondern Scholastik. Wer die Wahrheit ernstlich sucht, der sucht sie ohne Rücksicht auf den Ausgang, sie mag zum Atheismus oder zum Christenthum führen. Aber das Ende der wahren Philosophie wird eben, ohne daß sie es sucht, eine höhere Vermittlung sein.
[60]Siehe Matthäi 19, 12. Alles das, was hier scharf hervorgehoben ist, liegt freilich mehr als innere Konsequenz denn als ausgesprochenes Dogma im Christenthum; und die Weisheit des Stifters hat niemals an die menschliche Natur eine übertriebene Forderung gestellt. Aber die Ascetik, die Mönchsorden, das Cölibat der Priester — alles das war doch nur nothwendige Folge, nicht Ausartung des Christenthums. Wer sich davon überzeugen will, darf nur die protestantisch-kirchliche Ansicht mit der katholischen vergleichen. Auch Luther hat die Priesterehe nicht dem Cölibat als solchem, er hat sie nur der gemäß der menschlichen Schwäche mit dem Cölibat verknüpften Sittenlosigkeit vorgezogen. Nur in letzterer Hinsicht ist ihm die Ehe besser denn die Nichtehe.
[60]Siehe Matthäi 19, 12. Alles das, was hier scharf hervorgehoben ist, liegt freilich mehr als innere Konsequenz denn als ausgesprochenes Dogma im Christenthum; und die Weisheit des Stifters hat niemals an die menschliche Natur eine übertriebene Forderung gestellt. Aber die Ascetik, die Mönchsorden, das Cölibat der Priester — alles das war doch nur nothwendige Folge, nicht Ausartung des Christenthums. Wer sich davon überzeugen will, darf nur die protestantisch-kirchliche Ansicht mit der katholischen vergleichen. Auch Luther hat die Priesterehe nicht dem Cölibat als solchem, er hat sie nur der gemäß der menschlichen Schwäche mit dem Cölibat verknüpften Sittenlosigkeit vorgezogen. Nur in letzterer Hinsicht ist ihm die Ehe besser denn die Nichtehe.
[61]Es ist, wenn man den oben angedeuteten Gang bedenkt, ganz naturgemäß, daß in unsern Tagen die Orthodoxie gewöhnlich mit dem Pietismus zusammenfällt, obgleich beide ursprünglich sehr verschieden sind. Die Heuchelei hat freilich hier gewonnenes Feld, wie überall, wo ein inneres Leben sich zu einer bestimmten äußern, leicht nachzuahmenden Form ausprägt. In der katholischen Kirche ist der Pietismus weniger möglich, weil sie noch immer, als eine sichtbare, ins äußere Leben eingreifende Macht, mit ihrem Kultus auch den sinnlichen Menschen befriedigt.
[61]Es ist, wenn man den oben angedeuteten Gang bedenkt, ganz naturgemäß, daß in unsern Tagen die Orthodoxie gewöhnlich mit dem Pietismus zusammenfällt, obgleich beide ursprünglich sehr verschieden sind. Die Heuchelei hat freilich hier gewonnenes Feld, wie überall, wo ein inneres Leben sich zu einer bestimmten äußern, leicht nachzuahmenden Form ausprägt. In der katholischen Kirche ist der Pietismus weniger möglich, weil sie noch immer, als eine sichtbare, ins äußere Leben eingreifende Macht, mit ihrem Kultus auch den sinnlichen Menschen befriedigt.
[62]Da die Spekulation zunächst nicht hieher gehört, so konnte sie hier nur im Allgemeinen berührt werden. Wenn ich übrigens scheinbar widersprechende Dinge zusammen zu stellen scheine, so ist dieß mit Bedacht geschehen.
[62]Da die Spekulation zunächst nicht hieher gehört, so konnte sie hier nur im Allgemeinen berührt werden. Wenn ich übrigens scheinbar widersprechende Dinge zusammen zu stellen scheine, so ist dieß mit Bedacht geschehen.
[63]Mit dem gewöhnlichen Namen:Psychologie. Ich glaube nicht, daß Jemand den Muth hat, diejenige Psychologie, die wir bis jetzt besitzen, (dieses armselige Conglomerat von Notizen und Beobachtungen) nur eine Wissenschaft zu nennen. Der bedeutendste Geist der neuern Zeit, Napoleon, fühlte sich versucht, jene Gesetze zu suchen. „Newton,“ sagte er, „a trouvé la philosophie de l’univers, il faut encore trouver la philosophie du détail.“ Aus seinen Aeußerungen ergibt sich, daß er unter dem Détail den Einzelgeist, die organische Persönlichkeit im Gegensatz zur Materie verstand; zugleich sieht man daraus, wie er sich geistig zu schwach fühlte, sie zu finden.
[63]Mit dem gewöhnlichen Namen:Psychologie. Ich glaube nicht, daß Jemand den Muth hat, diejenige Psychologie, die wir bis jetzt besitzen, (dieses armselige Conglomerat von Notizen und Beobachtungen) nur eine Wissenschaft zu nennen. Der bedeutendste Geist der neuern Zeit, Napoleon, fühlte sich versucht, jene Gesetze zu suchen. „Newton,“ sagte er, „a trouvé la philosophie de l’univers, il faut encore trouver la philosophie du détail.“ Aus seinen Aeußerungen ergibt sich, daß er unter dem Détail den Einzelgeist, die organische Persönlichkeit im Gegensatz zur Materie verstand; zugleich sieht man daraus, wie er sich geistig zu schwach fühlte, sie zu finden.
[64]Das Bestreben, den Staat zum Abdruck der innern Ordnung zu machen, ist das was sich durch alle Staatsverfassungen von den ältesten bis auf die französische Gleichheit hindurchzieht. „Der Mensch soll in dem Range sein und bleiben, den er ursprünglich von Geburt einnimmt:“ dieß war der älteste Grundsatz, aus welchem, weil man die „Geburt“ materiell auffaßte, die indischen und ägyptischen Kasten entsprangen. Rousseau ging von der richtigen Ansicht aus, daß man, um den wahren Staat zu finden, den Ur- und Naturzustand suchen müsse. Statt aber diesen in der Seele zu suchen, suchte er ihn in der frühesten Geschichte. Auch hier hätte er ihn noch finden können (denn die Menschen waren von Anfang aninnerlichverschieden), wurde aber dadurch getäuscht, daß die frühesten Menschen und die Wilden, (weil das Bewußtsein der innerlichen Verschiedenheit bei ihnen noch weniger entwickelt ist) noch mehr in der Gleichheit verharren. Rousseau’s Ansicht wäre nur dann die richtige, wenn das Menschengeschlecht von Gott ursprünglich mitgleichenFähigkeiten geschaffen, im Laufe der Zeit aber (durch eine Art von Fall) in die Verschiedenheit ausgeartet wäre; welches, wie jedermann weiß, undenkbar ist. In jedem Falle mußtediesePhilosophie, um sich im Leben zu verwirklichen,umwälzen. Das Ideal, welches oben aufgestellt ist, knüpft an dasBestehendean, und hat Nichts zu thun, als es allmälig zu vergeistigen. Die Elemente sind alle vorhanden, und die Staatskunst besteht einfach darin, sie nach und nach zu sichten. Das psychologische Gesetz ist also vor allem für die von Wichtigkeit, welche an der Spitze der Staaten stehen. Es kann diesem Ideale beständig imEinzelnennachgestrebt werden, selbst wenn man imGanzenes für unerreichbar hält.
[64]Das Bestreben, den Staat zum Abdruck der innern Ordnung zu machen, ist das was sich durch alle Staatsverfassungen von den ältesten bis auf die französische Gleichheit hindurchzieht. „Der Mensch soll in dem Range sein und bleiben, den er ursprünglich von Geburt einnimmt:“ dieß war der älteste Grundsatz, aus welchem, weil man die „Geburt“ materiell auffaßte, die indischen und ägyptischen Kasten entsprangen. Rousseau ging von der richtigen Ansicht aus, daß man, um den wahren Staat zu finden, den Ur- und Naturzustand suchen müsse. Statt aber diesen in der Seele zu suchen, suchte er ihn in der frühesten Geschichte. Auch hier hätte er ihn noch finden können (denn die Menschen waren von Anfang aninnerlichverschieden), wurde aber dadurch getäuscht, daß die frühesten Menschen und die Wilden, (weil das Bewußtsein der innerlichen Verschiedenheit bei ihnen noch weniger entwickelt ist) noch mehr in der Gleichheit verharren. Rousseau’s Ansicht wäre nur dann die richtige, wenn das Menschengeschlecht von Gott ursprünglich mitgleichenFähigkeiten geschaffen, im Laufe der Zeit aber (durch eine Art von Fall) in die Verschiedenheit ausgeartet wäre; welches, wie jedermann weiß, undenkbar ist. In jedem Falle mußtediesePhilosophie, um sich im Leben zu verwirklichen,umwälzen. Das Ideal, welches oben aufgestellt ist, knüpft an dasBestehendean, und hat Nichts zu thun, als es allmälig zu vergeistigen. Die Elemente sind alle vorhanden, und die Staatskunst besteht einfach darin, sie nach und nach zu sichten. Das psychologische Gesetz ist also vor allem für die von Wichtigkeit, welche an der Spitze der Staaten stehen. Es kann diesem Ideale beständig imEinzelnennachgestrebt werden, selbst wenn man imGanzenes für unerreichbar hält.
[65]Z. B. dierichterlicheundvollziehende.
[65]Z. B. dierichterlicheundvollziehende.
[66]Daß die republikanische Verfassung nur in kleineren Gemeinwesen gedeihen kann, findet in dem Obigen seine Erklärung. Da, wo entweder keine natürliche psychologische Einheit besteht, oder die Zahl des Staatsvolkes so klein ist,daß ein besonderer persönlicher Ausdruck des Gesammtindividuums nicht nöthig wird, kann das Königthum unterbleiben. Die alten griechischen Republiken waren Staaten der letztern Art, sie beruhten sämmtlich aufProvincialcharaktern. Wäre die ganze griechischeNationin Einen Staat vereinigt worden, so hätte dieser Eine nothwendig monarchisch werden müssen. Die römische Republik ging zu Grunde, nachdem das Staatsvolk an Zahl übermäßig zugenommen hatte. Da aber das römische Volk von Anfang an keineNation, sondern ein eigenthümliches Specialindividuum war, so bekam hier die monarchische Gewalt niemals die innerliche Weihe des Königthums, sondern blieb imperatorisch. Die Republiken des Mittelalters, Venedig und Genua, hatten in den Dogen ihre monarchischen Spitzen. Die Föderativrepubliken endlich, welche noch vorhanden sind (Amerika und die Schweiz) gehören der ersten Klasse an, ihnen fehlt der psychologische Gesammtcharakter. Die Schweizer sind aus Deutschen und Welschen, die Amerikaner aus Engländern, Deutschen, Romanen und andern Europäern gemischt. Alle Ansiedlungen in fremden Welttheilen werden daher so lange Republiken bleiben, bis aus der gemischten Bevölkerung eine eigenthümliche Nationaleinheit entsteht. — Unter den bisherigen monarchischen Verfassungen aber erscheint, nach dem Obigen, dieabsolut-bureaukratischeals nothwendige Uebergangsform von der mittelalterlichen Ungebundenheit zur Einheit, diekonstitutionelleals einVersuch, den wahren Staat hervorzubringen. Die Franzosen haben neuerlich sogar versucht, eine geistige Pairie zu schaffen, die aber, weil kein innerer Maßstab vorhanden, viel schlimmer geworden ist, als eine erbliche es sein würde. Alle Pairie soll eine Gewalt sein, die auf Geburt, Natur und Rang (entweder leiblich, oder geistig nach einem psychologischen Gesetze) beruht; wo sie an Aemter und willkürlich zu bestimmende Verdienste geknüpft ist, geht ihr Charakter verloren.
[66]Daß die republikanische Verfassung nur in kleineren Gemeinwesen gedeihen kann, findet in dem Obigen seine Erklärung. Da, wo entweder keine natürliche psychologische Einheit besteht, oder die Zahl des Staatsvolkes so klein ist,daß ein besonderer persönlicher Ausdruck des Gesammtindividuums nicht nöthig wird, kann das Königthum unterbleiben. Die alten griechischen Republiken waren Staaten der letztern Art, sie beruhten sämmtlich aufProvincialcharaktern. Wäre die ganze griechischeNationin Einen Staat vereinigt worden, so hätte dieser Eine nothwendig monarchisch werden müssen. Die römische Republik ging zu Grunde, nachdem das Staatsvolk an Zahl übermäßig zugenommen hatte. Da aber das römische Volk von Anfang an keineNation, sondern ein eigenthümliches Specialindividuum war, so bekam hier die monarchische Gewalt niemals die innerliche Weihe des Königthums, sondern blieb imperatorisch. Die Republiken des Mittelalters, Venedig und Genua, hatten in den Dogen ihre monarchischen Spitzen. Die Föderativrepubliken endlich, welche noch vorhanden sind (Amerika und die Schweiz) gehören der ersten Klasse an, ihnen fehlt der psychologische Gesammtcharakter. Die Schweizer sind aus Deutschen und Welschen, die Amerikaner aus Engländern, Deutschen, Romanen und andern Europäern gemischt. Alle Ansiedlungen in fremden Welttheilen werden daher so lange Republiken bleiben, bis aus der gemischten Bevölkerung eine eigenthümliche Nationaleinheit entsteht. — Unter den bisherigen monarchischen Verfassungen aber erscheint, nach dem Obigen, dieabsolut-bureaukratischeals nothwendige Uebergangsform von der mittelalterlichen Ungebundenheit zur Einheit, diekonstitutionelleals einVersuch, den wahren Staat hervorzubringen. Die Franzosen haben neuerlich sogar versucht, eine geistige Pairie zu schaffen, die aber, weil kein innerer Maßstab vorhanden, viel schlimmer geworden ist, als eine erbliche es sein würde. Alle Pairie soll eine Gewalt sein, die auf Geburt, Natur und Rang (entweder leiblich, oder geistig nach einem psychologischen Gesetze) beruht; wo sie an Aemter und willkürlich zu bestimmende Verdienste geknüpft ist, geht ihr Charakter verloren.
[67]Es ist dies eines der dringendsten Erfordernisse des künftigen Princips. „Wenn der Tröster kommen wird, welchen Ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgehet, der wird zeugen von mir.“ (Ev. Joh. 15, 26.)
[67]Es ist dies eines der dringendsten Erfordernisse des künftigen Princips. „Wenn der Tröster kommen wird, welchen Ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgehet, der wird zeugen von mir.“ (Ev. Joh. 15, 26.)
[68]Und von ihr wohl immer als solche werden bezeichnet werden, wenn auch ihre Begründung in der menschlichen Natur wird nachgewiesen sein. Denn der Gemüthsanschauung erscheint (wie das Jeder an sich selbst, an den Vorfällen des Lebens erproben kann) sehr Vieles als Wunder oder wunderbar, was dem Verstand erklärlich ist; und der Eindruck bleibt, wenn auch der letztere sich dawiderlegt. Was die Kritik betrifft, von der oben die Rede ist, so hat sie uns zum Uebermaße gezeigt, was etwa allesnichtwahr sein könne in den Evangelien. Dies war seiner Zeit sehr verdienstlich. Jetzt muß gezeigt werden, was alleswahrsein könne; und dieß ist wahrscheinlich unendlich mehr, als sich die Weisheit der Schule träumen läßt.
[68]Und von ihr wohl immer als solche werden bezeichnet werden, wenn auch ihre Begründung in der menschlichen Natur wird nachgewiesen sein. Denn der Gemüthsanschauung erscheint (wie das Jeder an sich selbst, an den Vorfällen des Lebens erproben kann) sehr Vieles als Wunder oder wunderbar, was dem Verstand erklärlich ist; und der Eindruck bleibt, wenn auch der letztere sich dawiderlegt. Was die Kritik betrifft, von der oben die Rede ist, so hat sie uns zum Uebermaße gezeigt, was etwa allesnichtwahr sein könne in den Evangelien. Dies war seiner Zeit sehr verdienstlich. Jetzt muß gezeigt werden, was alleswahrsein könne; und dieß ist wahrscheinlich unendlich mehr, als sich die Weisheit der Schule träumen läßt.
[69]Dieß ist von protestantischen Theologen bereits hinreichend geschehen. Die Anhänger des Hegel’schen Systems (Baur, Rothe) predigen das Aufgehn der Kirche im Staat. Man steht an dieser Selbstverzichtung, daß die vornehmste Sendung des Protestantismus nicht die war, eine andere Kirche zu schaffen, sondern die, den Staat und die Philosophie heraufzuführen.
[69]Dieß ist von protestantischen Theologen bereits hinreichend geschehen. Die Anhänger des Hegel’schen Systems (Baur, Rothe) predigen das Aufgehn der Kirche im Staat. Man steht an dieser Selbstverzichtung, daß die vornehmste Sendung des Protestantismus nicht die war, eine andere Kirche zu schaffen, sondern die, den Staat und die Philosophie heraufzuführen.
[70]„Kardinale“ sage ich, weil dieser Punkt von Theologen selbst als der hauptsächlichste Punkt der Trennung in unsern Tagen anerkannt worden ist.
[70]„Kardinale“ sage ich, weil dieser Punkt von Theologen selbst als der hauptsächlichste Punkt der Trennung in unsern Tagen anerkannt worden ist.
[71]Da das Leben der katholischen Kirche gegenüber den andern Konfessionen sich vorzüglich an ihre Einheit, und die Einheit ans Papstthum knüpft, so ist diese Partei zur Zeit noch sehr lebendig, und manche bedeutende Menschen gehören Ihr an, welche Höheres wollen, ohne deutlich zu fühlen, wie verderblich ihre Bestrebung auf die Einheit des Vaterlandes wirkt. Die ganze ultramontane Bewegung, so viel sie auf der einen Seite beiträgt, um das katholische Kirchenleben reger zu erhalten, ist auf der andern nur das Todes-Besser einessterbendenWesens — des mittelalterlichen Primats.
[71]Da das Leben der katholischen Kirche gegenüber den andern Konfessionen sich vorzüglich an ihre Einheit, und die Einheit ans Papstthum knüpft, so ist diese Partei zur Zeit noch sehr lebendig, und manche bedeutende Menschen gehören Ihr an, welche Höheres wollen, ohne deutlich zu fühlen, wie verderblich ihre Bestrebung auf die Einheit des Vaterlandes wirkt. Die ganze ultramontane Bewegung, so viel sie auf der einen Seite beiträgt, um das katholische Kirchenleben reger zu erhalten, ist auf der andern nur das Todes-Besser einessterbendenWesens — des mittelalterlichen Primats.
[72]Eine Kirche ohne Symbol ist unmöglich, eineKonfessionohneBekenntniß(wie schon diese beiden Worte zeigen) ein Unding. Das Bekenntniß kann sich ändern, und wie weit dieß geschehen solle, dieß ist Sache der Plenargewalt der Kirche; aber ein jeweiliger Ausdruck des Glaubens muß allezeit vorhanden sein. Es ist unbegreiflich, wie die älteren rationalistischen Theologen dieses verkannt haben; die neueren sind konsequenter und geben die Kirche geradezu auf. Die Tradition erwähne ich, nicht als ob der Protestantismus Unrecht gehabt hätte, sie alsQuellezu verwerfen, sondern weil ohne traditionelles Leben keine Kirche bestehen kann. Lessing hat sie übrigens treffend verteidigt.
[72]Eine Kirche ohne Symbol ist unmöglich, eineKonfessionohneBekenntniß(wie schon diese beiden Worte zeigen) ein Unding. Das Bekenntniß kann sich ändern, und wie weit dieß geschehen solle, dieß ist Sache der Plenargewalt der Kirche; aber ein jeweiliger Ausdruck des Glaubens muß allezeit vorhanden sein. Es ist unbegreiflich, wie die älteren rationalistischen Theologen dieses verkannt haben; die neueren sind konsequenter und geben die Kirche geradezu auf. Die Tradition erwähne ich, nicht als ob der Protestantismus Unrecht gehabt hätte, sie alsQuellezu verwerfen, sondern weil ohne traditionelles Leben keine Kirche bestehen kann. Lessing hat sie übrigens treffend verteidigt.
[73]Schon früher ist erwähnt worden, daß die Hochkirche den Uebergang zum Katholicismus bilde. Sie ist weder in den Dogmen, noch in der Verfassung viel verschieden, und neuerdings neigt sich eine zahlreiche Partei, (die der Puseyisten), besonders in den Lehren von der Stellung und der Gewalt der Kirche, den katholischen Ansichten zu. Das charakteristische der englischen Kirche ist also hauptsächlich ihre Entfremdung von der europäischen Gemeinschaft, ihreinsularische Ausschließlichkeit(dasjenige, worin Rußland und England sich gleichen). Alles Ausschließliche aber wird durchbrochen werden, dagegen die größte Mannigfaltigkeit bleiben in der verschiedenen Färbung der einzelnen Nationalkirchen.
[73]Schon früher ist erwähnt worden, daß die Hochkirche den Uebergang zum Katholicismus bilde. Sie ist weder in den Dogmen, noch in der Verfassung viel verschieden, und neuerdings neigt sich eine zahlreiche Partei, (die der Puseyisten), besonders in den Lehren von der Stellung und der Gewalt der Kirche, den katholischen Ansichten zu. Das charakteristische der englischen Kirche ist also hauptsächlich ihre Entfremdung von der europäischen Gemeinschaft, ihreinsularische Ausschließlichkeit(dasjenige, worin Rußland und England sich gleichen). Alles Ausschließliche aber wird durchbrochen werden, dagegen die größte Mannigfaltigkeit bleiben in der verschiedenen Färbung der einzelnen Nationalkirchen.
[74]Siehe was oben über das Verhältniß des Prinzips zum Bramanismns und Buddhismus gesagt ist.
[74]Siehe was oben über das Verhältniß des Prinzips zum Bramanismns und Buddhismus gesagt ist.
[75]Da dieser Entwicklungsgang hier nur im Allgemeinen berührt werden kann, so verweise ich auf Lessings „Erziehung des Menschengeschlechts“, ein kleines, sehr kleines Buch, in dem aber eine ganze Philosophie der Geschichte (und eine für die damalige Zeit doppelt wunderbare) enthalten ist. Alles, was Lessing von dem kommenden dritten Evangelium sagt, bitte ich den Leser auf das Princip anzuwenden, von dem beständig die Rede war. In der philosophischen Sprache würde man jene drei Testamente die Offenbarung desVaters, desSohnesund desheiligen Geistesnennen.
[75]Da dieser Entwicklungsgang hier nur im Allgemeinen berührt werden kann, so verweise ich auf Lessings „Erziehung des Menschengeschlechts“, ein kleines, sehr kleines Buch, in dem aber eine ganze Philosophie der Geschichte (und eine für die damalige Zeit doppelt wunderbare) enthalten ist. Alles, was Lessing von dem kommenden dritten Evangelium sagt, bitte ich den Leser auf das Princip anzuwenden, von dem beständig die Rede war. In der philosophischen Sprache würde man jene drei Testamente die Offenbarung desVaters, desSohnesund desheiligen Geistesnennen.
[76]5 Mos. 28, 64. 65.
[76]5 Mos. 28, 64. 65.
[77]Weil der Erbadel des Mittelalters sehr häufig zugleich innerer Adel war und geistig über dem Volke stand.
[77]Weil der Erbadel des Mittelalters sehr häufig zugleich innerer Adel war und geistig über dem Volke stand.