Kapitel V.Die neueste Zeit.

Kapitel V.Die neueste Zeit.Es ist wahr (und es soll damit von all den Wunden, woran trotz dem Deutschland leidet, keine verdeckt werden): eine Wiedergeburt ist mit der Konstituirung des Bundes eingetreten, nicht in Anbetracht der Napoleonischen Zeit (denn ich gehöre, wie gesagt, nicht zu denen, die in der Emancipation eines Volkes von Gewaltherrschaft mehr als das Nothwendigste sehen), sondern im Vergleiche mit dem siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert. Eine Wiedergeburt; denn das alte römische Reich ist nicht mehr. Es war uns so tief ans Herz gewachsen, daß wir’s heute noch hätten, wär’s nicht von Fremden zerstört; es wiegt uns fort und fort in die alten Träume, es zog uns mit süßen Banden in’s Mittelalter zurück, während rings um uns die neue Zeit hereinschlug. Jetzt, nachdem es gefallen, liegt unser ganzes Leben in der Zukunft; die Augen sind geöffnet und blicken nach einem neuen Reiche deutscher Nation, nach einem heiligen Reiche des Geistes. Und auch nach außen ist es (obwohl wir nichts weniger sind als das, was wir sein sollten), doch anders geworden. Früher warenwir der Völker Spott und den Hunden gleich; jetzt eine Nation von anständiger Art, die man, obwohl sie nicht Stimme hat in den europäischen Sachen, doch zu verletzen nicht wagt, und vor welcher eine geheime Scheu den Völkern inwohnt.Besser ein Staatenverband mit wenigstens innerem Zusammenhang, als ein Reich mit zahllosen Territorien. Früher hielt man sich stark, mächtig, unbezwinglich, vom Schein der Einheit geblendet; heute weckt das Gefühl der Getrenntheit die Sehnsucht nach innerer Einheit — und die ist, wir mögen nach außen so oder so gestellt sein, der Grund aller Größe. Es lag aber jene Trennung im Plane der Vorsehung, und die sind Thoren, welche in dem unser Unglück sehen, was uns zum Besten gereicht. Nämlich, wie von Alters her der deutsche Geist aller Centralisation abgeneigt, wie er durch alle Zeiten in einzelne Stämme gespalten war, so konnt’ er die höchste Ausbildung nur in der schärfsten Individualisirung seiner Glieder finden; denn je kräftiger diese gedeihen, desto mehr muß der ganze Leib erstarken. Dazu war nun zweierlei vonnöthen: einmal, daß nicht die Spaltung also geschehe, daß die einzelnen Urstämme sich von einander sonderten und am Ende gar zu getrennten Völkern heranwuchsen; andrerseits, daß die gemischten Provinzen, in denen das deutsche Blut mit fremdem (keltischem oder slavischem) versetzt ist, durch und durch germanisirt wurden. Zu diesem doppelten Zweck bildete sich die Landeshoheit nicht organisch, sondern scheinbar zufällig aus; hierzu wurden die Urstämme (die Franken, Sachsen, Schwaben, Thüringer) zersplittert, als in denen der deutsche Charakter niemals untergehen konnte; hiezu die keltischen und slavischen Stämme in größere Reiche (Oestreich und Preußen) vereinigt. Auf so wundersamen Wege wußte die Vorsehung, trotz allem Elend, das Deutschland betroffen, die einzelnen Glieder zu stärken, so doch, daß die Einheit des Ganzen eher wachsen, als abnehmen mußte.Das ist es, was seit dem Sturze der Kaisermacht, seit dem Verfall der politischen Einheit der Geist der deutschen Geschichteanstrebt. Also mußten einerseits verschiedene Staaten, als eben so viele Kinder des Einen germanischen Volks sich heranbilden, andrerseits die alten Urstämme dergestalt in jene Staaten zerstreut, scheinbar zerrissen werden, daß keiner jemals als eigenes Volk sich zu fassen vermochte. Welch ein ordnender, tiefer Sinn liegt in dem bunten Gewürfel von Tausch, Entschädigung und Arrondissement, aus dem im Wiener Kongresse die deutschen Bundesstaaten sich konstituirten; welch eine leitende Hand in den selbstsüchtigen Entwürfen, die das Partikularinteresse dem einzelnen Staat gebot. Was damals unorganisches Spiel des Zufalls scheinen konnte, ist heutzutage Bürgschaft der Einheit, Merkmal der unauslöschlichen deutschen Nationalität. Wie, wenn im Laufe der Territorialbildungen ein schwäbisches, sächsisches, fränkisches, rheinisches, hessisches Reich sich gebildet, wenn aus der Wiener Kongreßakte etliche zehn Staaten, als eben so viele Urstücke des deutschen Charakters hervorgegangen wären? Und doch ist Zusammenfassung der Stämme von Vielen gewünscht, Verschmelzung aller kleinern Territorien zu Mächten zweiten Ranges von Manchen besser erachtet worden, als die Coalition der größten mit den winzigsten Territorien. Die Vorsehung, die auch nach dem Erlöschen nomineller Einheit auf die innere Erhaltung deutschen Volksthums bedacht war, hat besser gesorgt. Sie hat die Franken nach Baiern und Hessen, die Schwaben nach Baiern, Würtemberg und Baden, die Rheinländer nach Preußen und Baiern, die Sachsen unter hannöversches und preußisches Regiment geworfen, die Hessen, die Sachsen, die Thüringer mannigfach zersplittert, überhaupt eine Mischung hervorgerufen, der jeder Organismus zu fehlen scheint. Denn, Art läßt nicht von Art, Stamm nicht von Stamm, und indem kein Partikulargeist sich allein entwickeln kann, alle sich reiben müssen, ist auf tausend Wegen der feinsten innern Berührung die deutsche Einheit gesichert. Oestreich, das abgeschlossene, zurückgezogene, der mächtigste und doch undeutscheste aller deutschen Staaten, liefert hiefür den klarsten Beleg. Weil es den östreichischen, den böhmischen,den mährischen Stamm, alle unzerstückelt, ohne Vermischung mit den andern deutschen Stämmen, in organischer Ganzheit beherrscht — ebendeßhalb ist der deutsche Charakter hier mehr, als irgendwo dem Partikulargeist des Staats gewichen. Von nicht minderer Bedeutung ist die Menge der souveränen Herzogthümer und Fürstenthümer; sie sind zu klein, um Staaten auch nur dritten Ranges zu bilden, und das zum Zeichen, daß ihre, wie aller Einzelnen Geltung nicht auf der individuellen Macht, sondern allein auf dem gesammten Vaterlande beruht.Wenn die beschriebene Verfassung, wenn die Erinnerung an die unzähligen Drangsale, welche seit Jahrhunderten, zuletzt unter Napoleon durch Uneinigkeit das Vaterland getroffen, wenn die Erhebung des Volksgeistes in den Freiheitskriegen, wenn die ungeheuern Erfahrungen, die seitdem in politischer und socialer Beziehung Europa gemacht — wenn alles das den Deutschen keinen Drang nach Einigkeit einzuflößen vermag, so sind sie eines Nationalgefühls überhaupt nicht und niemals fähig.In der That hat sich der Sinn für Nationalehre — mit Zuversicht kann es gesagt werden — seit 1815 steigend gehoben. Vordem waren die Deutschen in Allem, was hieher gehört, ein lächerliches Geschlecht, voll kleinlicher Lokalinteressen einerseits, andererseits kosmopolitische Thoren; in jenem Falle zu engherzig, in diesem zu weitherzig, dem Vaterlande zu dienen. Jetzt will man ein unantastbares, mächtiges Deutschland; man wehrt sich gegen ausländische Anmaßung, man spricht und predigt, man denkt und fühlt sich deutsch. Aber die sind im Irrthum, welche hierin eine Bürgschaft für kommende Gefahr, eine Sicherheit gegen das Schicksal zu finden vermeinen. Der Trieb eines Volks, sich in seiner Ganzheit zu wahren, sich fremden Einflüssen gegenüber zu stellen, ist der erste, den es auf die Welt bringt; er gleicht dem Instinkt der Erhaltung, den die Natur jedem ihrer Geschöpfe mit der Geburt verleiht. Dieser Patriotismus, der einzige, den Deutschland zur Zeit noch besitzt, dieser negative Wille (welcher Nichts weiter erzielt, als was die Scham unumgänglicherfordert), er reichet nicht hin, um zu retten im Augenblick der Probe, um das zu bewirken, was des Vaterlandes würdig ist. Dazu gehört ein volles Bewußtsein, eine gesättigte Tendenz des Nationalwillens.Letztere zu finden, einen Inhalt sich anzueignen, hat der deutsche Patriotismus seit fünf und zwanzig Jahren gestrebt. So sehr fehlte der Stoff, daß man ins Mittelalter, wie überhaupt in andre Kulturepochen zurückzugehen, seine Herrlichkeit zurückzuersehnen, seine Organismen anzuempfehlen, getrieben war. Höchst verdienstlich war es, dem lange verkannten Mittelalter die Gerechtigkeit zu geben, die ihm eine erbärmliche Zeit verweigert hatte. Die dritte Periode der deutschen Literatur ist durch diese Tendenz charakterisirt; Tieck, Novalis, Friedrich Schlegel haben in diesem Sinne, besonders aber hat für das Verständniß, nicht nur des Mittelalters, sondern der ältesten, wie der neuesten Kultur, August Wilhelm Schlegel gewirkt. Noch ausgesprochener versuchten Joseph Görres und E. M. Arndt, jener als Katholik, dieser als Protestant, beide hochverdient in den Tagen der Befreiungskriege, durch Restauration der alten Grundlagen des Volks- und Staatslebens, die Zeit mit neuem Geiste zu beseelen. Aber frommt es auch, frischen Most in alte Schläuche zu fassen, das neue Kleid mit alten Lappen zu flicken?Wie vergeblich es sei, aus der Vergangenheit sich Leben erholen zu wollen für die Gegenwart, das hat die Juliusrevolution gezeigt. Dasselbe Deutschland, dessen Jugend eben erst als Opfer der Deutschthümlerei gefallen war, jauchzte jetzt dem französischen Liberalismus zu und gab sich so lange dem Schwindel hin, bis die Zuchtruthe die Meisten zur Besinnung brachte. Später war die Juliusmonarchie dienlich, den revolutionären Principien in der öffentlichen Meinung denselben Stoß zu geben, den schon längst die Aufklärung erhalten hatte; die erste französische Revolution konnte durch die Uebel befleckt erscheinen, womit der Eintritt großer Dinge in die Welt begleitet ist; die zweite offenbartedie Unfähigkeit des Princips selbst, die Freiheit (zum wenigsten eine germanische Freiheit) zu schaffen.Der lange Friede, wie er durch den Rückblick auf die Vergangenheit, durch Aneignung zahlloser Stoffe, durch das Studium dessen, was ringsumher geschah, unendlich belehrte, mußte zugleich durch Eröffnung eines großen Spielraums für Wissenschaft und Kunst, für Handel und Industrie, für religiöse und principielle Kämpfe die Geister in tausendfältiger Art auf und ab reiben. Zu keiner Zeit ist über die geistigen und materiellen Interessen der Menschheit, über die größten und kleinsten Dinge (wichtigen und unwichtigen Inhalts) mehr gedacht, gesprochen, gestritten worden, als in den letzten Dekaden; und das nicht nur von Einzelnen Begabten (die größte Zeit deutscher Literatur war bereits erloschen), sondern von der Masse der Nation. Deutschland seit 1815, noch mehr seit 1830, gleicht in dem Wogen seiner Gedanken einem unruhigen Meere, mit zahllosen Blasen bedeckt, die so schnell verschwinden, als sie sich auf der Oberfläche gezeigt; — in der Tiefe aber kocht und gährt es, und jenes flüchtige Spiel, das allein dem betrachtenden Auge offen liegt, ist nur das Wahrzeichen eines geheimnißvollen Waltens. So ist seit dem Verfall der romantischen Periode, die neueste Literatur: ein buntscheckiges, tausendfältiges, verworrenes Getriebe, zahllos wie Sand am Meer, und im Einzelnen (mit einigen Ausnahmen) ohne dauernden Werth, flüchtig auftauchend und schwindend, aber von tiefer Bedeutung, als das Organ des allseitigen Geisteslebens, worin die ganze Nation von den höchsten zu den niedrigsten Ständen sich versenkt hat.Neben dem Allem hat sich, die Masse des Volks geistig und leiblich an sich ziehend, die Industrie erhoben. Ihr Zweck ist, abgesehen von ihrer Wirkung auf materielle Wohlfahrt, ein doppelter: Alle die großen Erfindungen der Zeit, Eisenbahnen, Dampfschifffahrt u. s. f. sind erstlich bestimmt, durch unermeßliche Erweiterung des Verkehrs die nationale Einheit zu fördern. Man kann fürchten, daß im Laufe der Zeit (wenn ganz Europa voneinem großen Netze überzogen sein wird) dieser Zweck sich verlieren möge, denn der ungemeine internationale Verkehr scheint die kosmopolitische Sucht eher steigern, als mildern zu wollen, aber diese Zeit, Gott sei Dank, ist noch fern und mittlerweile können wir lernen; Erfahrung wird das Ihrige thun, uns zu Patrioten zu machen. Sodann (und das will noch mehr sagen) ist die materielle Bewegung der Zeit die Unterlage einer kommenden geistigen; hierin liegt ihr tiefstes Gewicht. Einstweilen (ehe noch zu Tage getreten ist, worauf das ganze Leben hinarbeitet) nimmt die Masse das Mittel für den Zweck, stürzt sich mit Sinn und Herz in die Industrie, und vergißt die höheren Güter über der rastlosen Jagd nach den irdischen. Dieser Irrthum wird so schnell und allgemein schwinden, als er eingedrungen ist. — Den mächtigsten Hebel endlich für deutsche Einheit bildet der deutsche Zollverein, binnen eines Vierteljahrhunderts ein preiswürdiges Werk der deutschen Fürsten. Seine Macht liegt nicht nur in den Wirkungen, die er zunächst hervorbringt, sondern in den Konsequenzen, worauf er langsam aber sicher hinführt, in dem ideellen Band, womit er mehr und mehr die Nation umschlingt. Es ist trostreich zu wissen, daß Ein Band deutscher Einheit bestehe, trostreich auch für die, welche von Handel und Wandel, Zoll und Münze Nichts verstehen; genug, daß ein großer Schritt zur äußern, hiermit auch zur innern Einheit geschehen ist. Die Staaten, die sich ausgeschlossen, haben ihren Schwerpunkt (wie Oestreich) außerhalb Deutschlands, oder sie sind (wie Meklenburg) hinter dem allgemeinen Fortschritt der Nation zurückgeblieben, oder endlich sie leiden (wie Hannover) an hergebrachtem Partikulargeist des Regiments. Noch schwerer, als die materiellen, werden die ideellen Folgen der Ausschließung auf ihnen lasten.Während der Zollverein und die Vertheilung der Völkerschaften auf die innere Einheit, während die materiellen und geistigen Bestrebungen auf das Ziel hinarbeiten, dessen Zukunft die Deutschen einig finden soll, enthüllt das deutsche Staatsleben tagtäglich eine Unfähigkeit der Nation, welche beweist, daß sievon Grund aus umgewandelt und wiedergeboren, daß die ganze Natur durch ein göttliches Feuer elektrisirt werden muß, um Gedeihliches zu Tage zu fördern. Ohne davon zu sprechen, wie eine wahre Verfassung nur aus der Wahrheit selbst (nicht aus entlehnten Stücken französischer und englischer Weisheit) entsprießen, wie sie nur die Frucht eines deutschen Princips sein kann, aus dem allmählig der Staat sich entwickelt: so ist, was die konstitutionelle Wirksamkeit betrifft, kaum zu entscheiden, ob den Regierungen oder ob den Ständen in Mißkennung ihres Berufs, in Halbheit des Wollens und Thuns der Vorzug gebühre. So unfähig jene sind, gesunde Opposition von unreinen Tendenzen zu sichten, überhaupt nur eine edle und männliche Sprache zu hören, so untüchtig zeigen sich diese fast überall, wo es gilt, statt unnützen Geschwätzes und liberaler Phrasen, mit heiligem Ernste, die wahren Interessen zu vertreten, sie zur rechten Zeit mit Entschiedenheit zu behaupten. Gewiß, es ist eben so unerträglich, Minister in den deutschen Kammern zu hören, welche die innere Geltung der Propositionen mit dem Wunsche ihres Herrn motiviren, als Deputirte zu sehen, deren einiges Verdienst darin besteht, mit klingenden Worten nach Popularität zu haschen, und an leicht gewonnenem Märtyrerruhm die eigene Eitelkeit zu weiden. Und selbst da, wo die Opposition (wie in Hannover) von gediegenem Willen beseelt, wo sie von bewußten Grundsätzen geleitet wird, auch da fehlt geschlossene Einigkeit und jene sichere Taktik der Maßregeln, wodurch allein auf gesetzlichem Wege der Sieg zu erringen ist. Wiederum auch da, wo (wie in Preußen) ein höherer Wille des Fürsten dem Volke entgegenkommt, vermag man nicht, die Zeit zu beherrschen, neues Leben ihr einzuflößen, an den Spitzen sie muthig zu ergreifen; nur langsam ihr nachzugehen, hie und da zu versuchen, da und dort zu restauriren, am Ende Nichts zu gewinnen. Es ist aber solch Unglück nicht der Völker Schuld, noch auch allein der Fürsten; noch weniger rührt’s (wie ich oft habe sagen hören) daher allein, daß unsere Verfassungen beschränkt sind und zu eng, um wahren Spielraumden Kräften zu öffnen. Wohl ist das wahr; aber um mit Luther zu reden: „was aus der Kraft der Natur geschieht, das geht frisch hindurch ohne alles Gesetz, reißt auch wohl durch alle Gesetze. Aber wo die Natur nicht da ist, und man soll es mit Gesetzen herausbringen, das ist Bettelei und Flickwerk“.Also bedarf die ganze Nation von oben bis unten durch und durch einer Erneuerung, aus welcher frisch, verjüngt und gesund die kranke Natur herausgehe, gereinigt von den Schlacken einer schweren Zeit, beseelt von dem Odem eines neuen Lebens. Eben deßhalb erachte ich alle Vorschläge, alle Verbesserungen auf geistigem Gebiete, welche im Einzelnen gemacht werden, so dankenswerth sie sonst sein mögen, für ebenso wirkungslos, als andrerseits Radikalversuche in ungesetzlicher Weise frevelhaft erscheinen. Jene würden in Jahrhunderten das erreichen, was jetzo die Nation begehrt; diese ihr die höchsten Güter entreißen, ohne sie durch neue zu ersetzen. Nur ein göttliches Wort, ausgesprochen von einem gottgesandten Menschen, und eine göttliche Kraft vermag das Chaos zu lichten, an welchem gewöhnliche Kunst, der Fürsten wie Völker, vergeblich nach Ordnung ringt.

Es ist wahr (und es soll damit von all den Wunden, woran trotz dem Deutschland leidet, keine verdeckt werden): eine Wiedergeburt ist mit der Konstituirung des Bundes eingetreten, nicht in Anbetracht der Napoleonischen Zeit (denn ich gehöre, wie gesagt, nicht zu denen, die in der Emancipation eines Volkes von Gewaltherrschaft mehr als das Nothwendigste sehen), sondern im Vergleiche mit dem siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert. Eine Wiedergeburt; denn das alte römische Reich ist nicht mehr. Es war uns so tief ans Herz gewachsen, daß wir’s heute noch hätten, wär’s nicht von Fremden zerstört; es wiegt uns fort und fort in die alten Träume, es zog uns mit süßen Banden in’s Mittelalter zurück, während rings um uns die neue Zeit hereinschlug. Jetzt, nachdem es gefallen, liegt unser ganzes Leben in der Zukunft; die Augen sind geöffnet und blicken nach einem neuen Reiche deutscher Nation, nach einem heiligen Reiche des Geistes. Und auch nach außen ist es (obwohl wir nichts weniger sind als das, was wir sein sollten), doch anders geworden. Früher warenwir der Völker Spott und den Hunden gleich; jetzt eine Nation von anständiger Art, die man, obwohl sie nicht Stimme hat in den europäischen Sachen, doch zu verletzen nicht wagt, und vor welcher eine geheime Scheu den Völkern inwohnt.

Besser ein Staatenverband mit wenigstens innerem Zusammenhang, als ein Reich mit zahllosen Territorien. Früher hielt man sich stark, mächtig, unbezwinglich, vom Schein der Einheit geblendet; heute weckt das Gefühl der Getrenntheit die Sehnsucht nach innerer Einheit — und die ist, wir mögen nach außen so oder so gestellt sein, der Grund aller Größe. Es lag aber jene Trennung im Plane der Vorsehung, und die sind Thoren, welche in dem unser Unglück sehen, was uns zum Besten gereicht. Nämlich, wie von Alters her der deutsche Geist aller Centralisation abgeneigt, wie er durch alle Zeiten in einzelne Stämme gespalten war, so konnt’ er die höchste Ausbildung nur in der schärfsten Individualisirung seiner Glieder finden; denn je kräftiger diese gedeihen, desto mehr muß der ganze Leib erstarken. Dazu war nun zweierlei vonnöthen: einmal, daß nicht die Spaltung also geschehe, daß die einzelnen Urstämme sich von einander sonderten und am Ende gar zu getrennten Völkern heranwuchsen; andrerseits, daß die gemischten Provinzen, in denen das deutsche Blut mit fremdem (keltischem oder slavischem) versetzt ist, durch und durch germanisirt wurden. Zu diesem doppelten Zweck bildete sich die Landeshoheit nicht organisch, sondern scheinbar zufällig aus; hierzu wurden die Urstämme (die Franken, Sachsen, Schwaben, Thüringer) zersplittert, als in denen der deutsche Charakter niemals untergehen konnte; hiezu die keltischen und slavischen Stämme in größere Reiche (Oestreich und Preußen) vereinigt. Auf so wundersamen Wege wußte die Vorsehung, trotz allem Elend, das Deutschland betroffen, die einzelnen Glieder zu stärken, so doch, daß die Einheit des Ganzen eher wachsen, als abnehmen mußte.

Das ist es, was seit dem Sturze der Kaisermacht, seit dem Verfall der politischen Einheit der Geist der deutschen Geschichteanstrebt. Also mußten einerseits verschiedene Staaten, als eben so viele Kinder des Einen germanischen Volks sich heranbilden, andrerseits die alten Urstämme dergestalt in jene Staaten zerstreut, scheinbar zerrissen werden, daß keiner jemals als eigenes Volk sich zu fassen vermochte. Welch ein ordnender, tiefer Sinn liegt in dem bunten Gewürfel von Tausch, Entschädigung und Arrondissement, aus dem im Wiener Kongresse die deutschen Bundesstaaten sich konstituirten; welch eine leitende Hand in den selbstsüchtigen Entwürfen, die das Partikularinteresse dem einzelnen Staat gebot. Was damals unorganisches Spiel des Zufalls scheinen konnte, ist heutzutage Bürgschaft der Einheit, Merkmal der unauslöschlichen deutschen Nationalität. Wie, wenn im Laufe der Territorialbildungen ein schwäbisches, sächsisches, fränkisches, rheinisches, hessisches Reich sich gebildet, wenn aus der Wiener Kongreßakte etliche zehn Staaten, als eben so viele Urstücke des deutschen Charakters hervorgegangen wären? Und doch ist Zusammenfassung der Stämme von Vielen gewünscht, Verschmelzung aller kleinern Territorien zu Mächten zweiten Ranges von Manchen besser erachtet worden, als die Coalition der größten mit den winzigsten Territorien. Die Vorsehung, die auch nach dem Erlöschen nomineller Einheit auf die innere Erhaltung deutschen Volksthums bedacht war, hat besser gesorgt. Sie hat die Franken nach Baiern und Hessen, die Schwaben nach Baiern, Würtemberg und Baden, die Rheinländer nach Preußen und Baiern, die Sachsen unter hannöversches und preußisches Regiment geworfen, die Hessen, die Sachsen, die Thüringer mannigfach zersplittert, überhaupt eine Mischung hervorgerufen, der jeder Organismus zu fehlen scheint. Denn, Art läßt nicht von Art, Stamm nicht von Stamm, und indem kein Partikulargeist sich allein entwickeln kann, alle sich reiben müssen, ist auf tausend Wegen der feinsten innern Berührung die deutsche Einheit gesichert. Oestreich, das abgeschlossene, zurückgezogene, der mächtigste und doch undeutscheste aller deutschen Staaten, liefert hiefür den klarsten Beleg. Weil es den östreichischen, den böhmischen,den mährischen Stamm, alle unzerstückelt, ohne Vermischung mit den andern deutschen Stämmen, in organischer Ganzheit beherrscht — ebendeßhalb ist der deutsche Charakter hier mehr, als irgendwo dem Partikulargeist des Staats gewichen. Von nicht minderer Bedeutung ist die Menge der souveränen Herzogthümer und Fürstenthümer; sie sind zu klein, um Staaten auch nur dritten Ranges zu bilden, und das zum Zeichen, daß ihre, wie aller Einzelnen Geltung nicht auf der individuellen Macht, sondern allein auf dem gesammten Vaterlande beruht.

Wenn die beschriebene Verfassung, wenn die Erinnerung an die unzähligen Drangsale, welche seit Jahrhunderten, zuletzt unter Napoleon durch Uneinigkeit das Vaterland getroffen, wenn die Erhebung des Volksgeistes in den Freiheitskriegen, wenn die ungeheuern Erfahrungen, die seitdem in politischer und socialer Beziehung Europa gemacht — wenn alles das den Deutschen keinen Drang nach Einigkeit einzuflößen vermag, so sind sie eines Nationalgefühls überhaupt nicht und niemals fähig.

In der That hat sich der Sinn für Nationalehre — mit Zuversicht kann es gesagt werden — seit 1815 steigend gehoben. Vordem waren die Deutschen in Allem, was hieher gehört, ein lächerliches Geschlecht, voll kleinlicher Lokalinteressen einerseits, andererseits kosmopolitische Thoren; in jenem Falle zu engherzig, in diesem zu weitherzig, dem Vaterlande zu dienen. Jetzt will man ein unantastbares, mächtiges Deutschland; man wehrt sich gegen ausländische Anmaßung, man spricht und predigt, man denkt und fühlt sich deutsch. Aber die sind im Irrthum, welche hierin eine Bürgschaft für kommende Gefahr, eine Sicherheit gegen das Schicksal zu finden vermeinen. Der Trieb eines Volks, sich in seiner Ganzheit zu wahren, sich fremden Einflüssen gegenüber zu stellen, ist der erste, den es auf die Welt bringt; er gleicht dem Instinkt der Erhaltung, den die Natur jedem ihrer Geschöpfe mit der Geburt verleiht. Dieser Patriotismus, der einzige, den Deutschland zur Zeit noch besitzt, dieser negative Wille (welcher Nichts weiter erzielt, als was die Scham unumgänglicherfordert), er reichet nicht hin, um zu retten im Augenblick der Probe, um das zu bewirken, was des Vaterlandes würdig ist. Dazu gehört ein volles Bewußtsein, eine gesättigte Tendenz des Nationalwillens.

Letztere zu finden, einen Inhalt sich anzueignen, hat der deutsche Patriotismus seit fünf und zwanzig Jahren gestrebt. So sehr fehlte der Stoff, daß man ins Mittelalter, wie überhaupt in andre Kulturepochen zurückzugehen, seine Herrlichkeit zurückzuersehnen, seine Organismen anzuempfehlen, getrieben war. Höchst verdienstlich war es, dem lange verkannten Mittelalter die Gerechtigkeit zu geben, die ihm eine erbärmliche Zeit verweigert hatte. Die dritte Periode der deutschen Literatur ist durch diese Tendenz charakterisirt; Tieck, Novalis, Friedrich Schlegel haben in diesem Sinne, besonders aber hat für das Verständniß, nicht nur des Mittelalters, sondern der ältesten, wie der neuesten Kultur, August Wilhelm Schlegel gewirkt. Noch ausgesprochener versuchten Joseph Görres und E. M. Arndt, jener als Katholik, dieser als Protestant, beide hochverdient in den Tagen der Befreiungskriege, durch Restauration der alten Grundlagen des Volks- und Staatslebens, die Zeit mit neuem Geiste zu beseelen. Aber frommt es auch, frischen Most in alte Schläuche zu fassen, das neue Kleid mit alten Lappen zu flicken?

Wie vergeblich es sei, aus der Vergangenheit sich Leben erholen zu wollen für die Gegenwart, das hat die Juliusrevolution gezeigt. Dasselbe Deutschland, dessen Jugend eben erst als Opfer der Deutschthümlerei gefallen war, jauchzte jetzt dem französischen Liberalismus zu und gab sich so lange dem Schwindel hin, bis die Zuchtruthe die Meisten zur Besinnung brachte. Später war die Juliusmonarchie dienlich, den revolutionären Principien in der öffentlichen Meinung denselben Stoß zu geben, den schon längst die Aufklärung erhalten hatte; die erste französische Revolution konnte durch die Uebel befleckt erscheinen, womit der Eintritt großer Dinge in die Welt begleitet ist; die zweite offenbartedie Unfähigkeit des Princips selbst, die Freiheit (zum wenigsten eine germanische Freiheit) zu schaffen.

Der lange Friede, wie er durch den Rückblick auf die Vergangenheit, durch Aneignung zahlloser Stoffe, durch das Studium dessen, was ringsumher geschah, unendlich belehrte, mußte zugleich durch Eröffnung eines großen Spielraums für Wissenschaft und Kunst, für Handel und Industrie, für religiöse und principielle Kämpfe die Geister in tausendfältiger Art auf und ab reiben. Zu keiner Zeit ist über die geistigen und materiellen Interessen der Menschheit, über die größten und kleinsten Dinge (wichtigen und unwichtigen Inhalts) mehr gedacht, gesprochen, gestritten worden, als in den letzten Dekaden; und das nicht nur von Einzelnen Begabten (die größte Zeit deutscher Literatur war bereits erloschen), sondern von der Masse der Nation. Deutschland seit 1815, noch mehr seit 1830, gleicht in dem Wogen seiner Gedanken einem unruhigen Meere, mit zahllosen Blasen bedeckt, die so schnell verschwinden, als sie sich auf der Oberfläche gezeigt; — in der Tiefe aber kocht und gährt es, und jenes flüchtige Spiel, das allein dem betrachtenden Auge offen liegt, ist nur das Wahrzeichen eines geheimnißvollen Waltens. So ist seit dem Verfall der romantischen Periode, die neueste Literatur: ein buntscheckiges, tausendfältiges, verworrenes Getriebe, zahllos wie Sand am Meer, und im Einzelnen (mit einigen Ausnahmen) ohne dauernden Werth, flüchtig auftauchend und schwindend, aber von tiefer Bedeutung, als das Organ des allseitigen Geisteslebens, worin die ganze Nation von den höchsten zu den niedrigsten Ständen sich versenkt hat.

Neben dem Allem hat sich, die Masse des Volks geistig und leiblich an sich ziehend, die Industrie erhoben. Ihr Zweck ist, abgesehen von ihrer Wirkung auf materielle Wohlfahrt, ein doppelter: Alle die großen Erfindungen der Zeit, Eisenbahnen, Dampfschifffahrt u. s. f. sind erstlich bestimmt, durch unermeßliche Erweiterung des Verkehrs die nationale Einheit zu fördern. Man kann fürchten, daß im Laufe der Zeit (wenn ganz Europa voneinem großen Netze überzogen sein wird) dieser Zweck sich verlieren möge, denn der ungemeine internationale Verkehr scheint die kosmopolitische Sucht eher steigern, als mildern zu wollen, aber diese Zeit, Gott sei Dank, ist noch fern und mittlerweile können wir lernen; Erfahrung wird das Ihrige thun, uns zu Patrioten zu machen. Sodann (und das will noch mehr sagen) ist die materielle Bewegung der Zeit die Unterlage einer kommenden geistigen; hierin liegt ihr tiefstes Gewicht. Einstweilen (ehe noch zu Tage getreten ist, worauf das ganze Leben hinarbeitet) nimmt die Masse das Mittel für den Zweck, stürzt sich mit Sinn und Herz in die Industrie, und vergißt die höheren Güter über der rastlosen Jagd nach den irdischen. Dieser Irrthum wird so schnell und allgemein schwinden, als er eingedrungen ist. — Den mächtigsten Hebel endlich für deutsche Einheit bildet der deutsche Zollverein, binnen eines Vierteljahrhunderts ein preiswürdiges Werk der deutschen Fürsten. Seine Macht liegt nicht nur in den Wirkungen, die er zunächst hervorbringt, sondern in den Konsequenzen, worauf er langsam aber sicher hinführt, in dem ideellen Band, womit er mehr und mehr die Nation umschlingt. Es ist trostreich zu wissen, daß Ein Band deutscher Einheit bestehe, trostreich auch für die, welche von Handel und Wandel, Zoll und Münze Nichts verstehen; genug, daß ein großer Schritt zur äußern, hiermit auch zur innern Einheit geschehen ist. Die Staaten, die sich ausgeschlossen, haben ihren Schwerpunkt (wie Oestreich) außerhalb Deutschlands, oder sie sind (wie Meklenburg) hinter dem allgemeinen Fortschritt der Nation zurückgeblieben, oder endlich sie leiden (wie Hannover) an hergebrachtem Partikulargeist des Regiments. Noch schwerer, als die materiellen, werden die ideellen Folgen der Ausschließung auf ihnen lasten.

Während der Zollverein und die Vertheilung der Völkerschaften auf die innere Einheit, während die materiellen und geistigen Bestrebungen auf das Ziel hinarbeiten, dessen Zukunft die Deutschen einig finden soll, enthüllt das deutsche Staatsleben tagtäglich eine Unfähigkeit der Nation, welche beweist, daß sievon Grund aus umgewandelt und wiedergeboren, daß die ganze Natur durch ein göttliches Feuer elektrisirt werden muß, um Gedeihliches zu Tage zu fördern. Ohne davon zu sprechen, wie eine wahre Verfassung nur aus der Wahrheit selbst (nicht aus entlehnten Stücken französischer und englischer Weisheit) entsprießen, wie sie nur die Frucht eines deutschen Princips sein kann, aus dem allmählig der Staat sich entwickelt: so ist, was die konstitutionelle Wirksamkeit betrifft, kaum zu entscheiden, ob den Regierungen oder ob den Ständen in Mißkennung ihres Berufs, in Halbheit des Wollens und Thuns der Vorzug gebühre. So unfähig jene sind, gesunde Opposition von unreinen Tendenzen zu sichten, überhaupt nur eine edle und männliche Sprache zu hören, so untüchtig zeigen sich diese fast überall, wo es gilt, statt unnützen Geschwätzes und liberaler Phrasen, mit heiligem Ernste, die wahren Interessen zu vertreten, sie zur rechten Zeit mit Entschiedenheit zu behaupten. Gewiß, es ist eben so unerträglich, Minister in den deutschen Kammern zu hören, welche die innere Geltung der Propositionen mit dem Wunsche ihres Herrn motiviren, als Deputirte zu sehen, deren einiges Verdienst darin besteht, mit klingenden Worten nach Popularität zu haschen, und an leicht gewonnenem Märtyrerruhm die eigene Eitelkeit zu weiden. Und selbst da, wo die Opposition (wie in Hannover) von gediegenem Willen beseelt, wo sie von bewußten Grundsätzen geleitet wird, auch da fehlt geschlossene Einigkeit und jene sichere Taktik der Maßregeln, wodurch allein auf gesetzlichem Wege der Sieg zu erringen ist. Wiederum auch da, wo (wie in Preußen) ein höherer Wille des Fürsten dem Volke entgegenkommt, vermag man nicht, die Zeit zu beherrschen, neues Leben ihr einzuflößen, an den Spitzen sie muthig zu ergreifen; nur langsam ihr nachzugehen, hie und da zu versuchen, da und dort zu restauriren, am Ende Nichts zu gewinnen. Es ist aber solch Unglück nicht der Völker Schuld, noch auch allein der Fürsten; noch weniger rührt’s (wie ich oft habe sagen hören) daher allein, daß unsere Verfassungen beschränkt sind und zu eng, um wahren Spielraumden Kräften zu öffnen. Wohl ist das wahr; aber um mit Luther zu reden: „was aus der Kraft der Natur geschieht, das geht frisch hindurch ohne alles Gesetz, reißt auch wohl durch alle Gesetze. Aber wo die Natur nicht da ist, und man soll es mit Gesetzen herausbringen, das ist Bettelei und Flickwerk“.

Also bedarf die ganze Nation von oben bis unten durch und durch einer Erneuerung, aus welcher frisch, verjüngt und gesund die kranke Natur herausgehe, gereinigt von den Schlacken einer schweren Zeit, beseelt von dem Odem eines neuen Lebens. Eben deßhalb erachte ich alle Vorschläge, alle Verbesserungen auf geistigem Gebiete, welche im Einzelnen gemacht werden, so dankenswerth sie sonst sein mögen, für ebenso wirkungslos, als andrerseits Radikalversuche in ungesetzlicher Weise frevelhaft erscheinen. Jene würden in Jahrhunderten das erreichen, was jetzo die Nation begehrt; diese ihr die höchsten Güter entreißen, ohne sie durch neue zu ersetzen. Nur ein göttliches Wort, ausgesprochen von einem gottgesandten Menschen, und eine göttliche Kraft vermag das Chaos zu lichten, an welchem gewöhnliche Kunst, der Fürsten wie Völker, vergeblich nach Ordnung ringt.

Kapitel VI.Beschluß.Also geht alte, neue und neueste Geschichte des deutschen Volkes Einem Ziele zu. Dreimal seit dem Ende des Mittelalters war Deutschland im Begriff, zu innerer Befriedigung zu erstarken. Einmal zur Zeit Maximilians, als die Reichsverfassung den üppig wuchernden Gliedern des ganzen Körpers Seele verleihen sollte; die Reformation unterbrach das Werk. Zum Zweiten schien es, als sollten in der Zeit der Aufklärung die verschiedenen deutschen Staaten, durch erleuchtete Fürsten beglückt, die neue Bildung ins Leben einführen, welche der Unglaube geschaffen hatte; da kamdie Revolution. Zum drittenmal war es, als nach dem Sturz des Alten der deutsche Bund sich konstituirte; eine neue Gestaltung schien nur dem Belieben verständiger und patriotischer Zeitgenossen anheimgegeben. Aber es war dem Kongreß unmöglich, seine eigenen Intentionen (es gab deren hunderte) ins Werk zu setzen. Man mußte sich mit einer negativen Vereinigung begnügen; das Volk selbst fand und konnte keine Vertretung finden: genug, daß alle Staaten durch ein nominelles Band umschlungen werden, genug, daß es eine Versammlung gibt, welche die deutsche Einheit, wäre es auch nur durch Sitzungen, repräsentirt.Mehr, so gibt es die Natur des Bundes, kann der Bundestag nicht wollen, als die einzelnen Staaten, von denen er beschickt ist. Es liegt aber über die einzelnen Staaten hinaus Deutschlands Wille und Deutschlands Beruf.Daß dieser Wille endlich einmal zu finden, dieser Beruf einmal zu erfüllen sei, darüber sind wir alle einig. Uns allen schlägt das deutsche Gewissen (oder sollte doch schlagen) bei der Frage, was Großes geschehen sei für das große Vaterland in fünfundzwanzig langen Friedensjahren. So auch wissen wir alle, daß eine äußere Einheit von Deutschland, daß die Veränderung der Konstitution des Bundes, selbst wenn sie möglich wäre, nicht fähig sein würde, jene einige Tendenz zu erschaffen.Wiesie aber zu finden sei, das ist in Nacht und Nebel verhüllt vor den Augen der Mehrzahl. Ahnungen hat sie und dunkle Begriffe von einem Etwas; aber wie die Menschen überhaupt nur zu geneigt sind, die Dinge von außen anzusehen, zu träge, in die Tiefe zu schauen, wenn auch täglich das Spiel der Oberfläche sie fesselt, so wenden sie mißtrauisch sich ab, wenn innere Lösung verheißen wird desselben Zwiespaltes, dessen Früchte sie oftmals so bitter empfunden haben.Ihr Alle, die Ihr nicht zu glauben vermöget an die unendliche Macht des Geistes, die Ihr nicht ahnet die Kraft des Glaubens, welcher auch heute noch „Berge versetzen“ und „Reiche bezwingen“ kann, Ihr Alle solltet wenigstens in Euch gehen, Euch fragen,wases denn sei, das zum Frieden dient. Katholiken und Protestanten, Süddeutsche und Norddeutsche, wo findet Ihr den Zauber, der Euch einigt? Nicht in der Nationalität, welche Ihr vergessen werdet, wie Ihr sie oft vergessen habt in den Tagen der Gefahr; auch nicht in der Religion, welche Euch Alle umfaßt, denn sie ist es ja, die Euch zersplittert. Oder mußten erst diekölnischen WirrenEuch überzeugen, wie tief in den Herzen des Volkes, wie unauflösbar durch die Länge der Zeit immer noch die religiöse Trennung wurzelt? Ihr saget wohl, dieß sei die letzte Zuckung, und der steigende Einfluß einer vernünftigen Humanität werde nach und nach die tiefern Spuren der Zwietracht verwischen. Auch meint Ihr, „unter allen Ländern Europas sei Deutschland doch das gesegnetste: die materielle Wohlfahrt, wie die geistige Entwicklung wuchere im Schooße des Friedens; jene nichtige Unzufriedenheit, in der die romanischen Länder sich verzehren, jenes wüste Jagen nach einem Gute, das um so ferner rückt, je heftiger es begehrt wird, all das sei unter uns nicht zu finden. Und wenn, wie es in allem menschlichen Regiment zu gehen pflege, viel Beklagenswürdiges bleibe, wie anders sei es doch, als im siebzehnten, im achtzehnten Jahrhundert, wie tröstlich die Keime einer sichtlich wachsenden Besserung!“ Trotz alle dem aber (das allein will ich fragen), wie geschieht es, daß in den edelsten Geistern, in den treuesten Gemüthern ein Sehnen und Hoffen sich kund gibt, nicht jenem gleich, das jede höhere Natur während der kurzen Dauer des Lebens begleitet, sondern gerichtet auf die unmittelbarste Gegenwart, in deren verworrenes Treiben sie mit ahnenden Augen hineinschau’n? Glaubt mir, es lebt etwas in dem heutigen Sinn des deutschen Volks, erhaben über die leichtsinnige Begierde nach neuen Genüssen, über die krankhafte revolutionäre Sucht, die an der eigenen Lust sich steigert: es ist die ungestillte Ahnung eines höhern Gutes.Das wenigstens werdet Ihr der deutschen Geschichte einräumen, daß sie sich schärfer, als jede andere um den Ideenkern herangebildet hat, der ihr zu Grunde liegt. Was Anderes soll es sein,als ein innerer Vorgang, der auch in unsern Tagen sie zum Ziele führt? Jetzt oder niemals ist die Zeit gekommen, wo Ein Bewußtsein, Eine Hoffnung uns alle einigen muß. Laßt uns halten an dieser Hoffnung, der einzigen, welche die Geschichte, die Natur, der Charakter des deutschen Volkes uns bietet; der einzigen, in welcher wir inneres Leben die Fülle, äußere Herrlichkeit zur Genüge finden. Die Stimme des Propheten aber schallt nicht durch Krieg und Kriegsgetöse hindurch. Im Frieden soll das Wort gesprochen werden, um welches Deutschland sich schaart, um ein einiges, mit einigem Bewußtsein dem Schicksal zu begegnen.

Also geht alte, neue und neueste Geschichte des deutschen Volkes Einem Ziele zu. Dreimal seit dem Ende des Mittelalters war Deutschland im Begriff, zu innerer Befriedigung zu erstarken. Einmal zur Zeit Maximilians, als die Reichsverfassung den üppig wuchernden Gliedern des ganzen Körpers Seele verleihen sollte; die Reformation unterbrach das Werk. Zum Zweiten schien es, als sollten in der Zeit der Aufklärung die verschiedenen deutschen Staaten, durch erleuchtete Fürsten beglückt, die neue Bildung ins Leben einführen, welche der Unglaube geschaffen hatte; da kamdie Revolution. Zum drittenmal war es, als nach dem Sturz des Alten der deutsche Bund sich konstituirte; eine neue Gestaltung schien nur dem Belieben verständiger und patriotischer Zeitgenossen anheimgegeben. Aber es war dem Kongreß unmöglich, seine eigenen Intentionen (es gab deren hunderte) ins Werk zu setzen. Man mußte sich mit einer negativen Vereinigung begnügen; das Volk selbst fand und konnte keine Vertretung finden: genug, daß alle Staaten durch ein nominelles Band umschlungen werden, genug, daß es eine Versammlung gibt, welche die deutsche Einheit, wäre es auch nur durch Sitzungen, repräsentirt.

Mehr, so gibt es die Natur des Bundes, kann der Bundestag nicht wollen, als die einzelnen Staaten, von denen er beschickt ist. Es liegt aber über die einzelnen Staaten hinaus Deutschlands Wille und Deutschlands Beruf.

Daß dieser Wille endlich einmal zu finden, dieser Beruf einmal zu erfüllen sei, darüber sind wir alle einig. Uns allen schlägt das deutsche Gewissen (oder sollte doch schlagen) bei der Frage, was Großes geschehen sei für das große Vaterland in fünfundzwanzig langen Friedensjahren. So auch wissen wir alle, daß eine äußere Einheit von Deutschland, daß die Veränderung der Konstitution des Bundes, selbst wenn sie möglich wäre, nicht fähig sein würde, jene einige Tendenz zu erschaffen.Wiesie aber zu finden sei, das ist in Nacht und Nebel verhüllt vor den Augen der Mehrzahl. Ahnungen hat sie und dunkle Begriffe von einem Etwas; aber wie die Menschen überhaupt nur zu geneigt sind, die Dinge von außen anzusehen, zu träge, in die Tiefe zu schauen, wenn auch täglich das Spiel der Oberfläche sie fesselt, so wenden sie mißtrauisch sich ab, wenn innere Lösung verheißen wird desselben Zwiespaltes, dessen Früchte sie oftmals so bitter empfunden haben.

Ihr Alle, die Ihr nicht zu glauben vermöget an die unendliche Macht des Geistes, die Ihr nicht ahnet die Kraft des Glaubens, welcher auch heute noch „Berge versetzen“ und „Reiche bezwingen“ kann, Ihr Alle solltet wenigstens in Euch gehen, Euch fragen,wases denn sei, das zum Frieden dient. Katholiken und Protestanten, Süddeutsche und Norddeutsche, wo findet Ihr den Zauber, der Euch einigt? Nicht in der Nationalität, welche Ihr vergessen werdet, wie Ihr sie oft vergessen habt in den Tagen der Gefahr; auch nicht in der Religion, welche Euch Alle umfaßt, denn sie ist es ja, die Euch zersplittert. Oder mußten erst diekölnischen WirrenEuch überzeugen, wie tief in den Herzen des Volkes, wie unauflösbar durch die Länge der Zeit immer noch die religiöse Trennung wurzelt? Ihr saget wohl, dieß sei die letzte Zuckung, und der steigende Einfluß einer vernünftigen Humanität werde nach und nach die tiefern Spuren der Zwietracht verwischen. Auch meint Ihr, „unter allen Ländern Europas sei Deutschland doch das gesegnetste: die materielle Wohlfahrt, wie die geistige Entwicklung wuchere im Schooße des Friedens; jene nichtige Unzufriedenheit, in der die romanischen Länder sich verzehren, jenes wüste Jagen nach einem Gute, das um so ferner rückt, je heftiger es begehrt wird, all das sei unter uns nicht zu finden. Und wenn, wie es in allem menschlichen Regiment zu gehen pflege, viel Beklagenswürdiges bleibe, wie anders sei es doch, als im siebzehnten, im achtzehnten Jahrhundert, wie tröstlich die Keime einer sichtlich wachsenden Besserung!“ Trotz alle dem aber (das allein will ich fragen), wie geschieht es, daß in den edelsten Geistern, in den treuesten Gemüthern ein Sehnen und Hoffen sich kund gibt, nicht jenem gleich, das jede höhere Natur während der kurzen Dauer des Lebens begleitet, sondern gerichtet auf die unmittelbarste Gegenwart, in deren verworrenes Treiben sie mit ahnenden Augen hineinschau’n? Glaubt mir, es lebt etwas in dem heutigen Sinn des deutschen Volks, erhaben über die leichtsinnige Begierde nach neuen Genüssen, über die krankhafte revolutionäre Sucht, die an der eigenen Lust sich steigert: es ist die ungestillte Ahnung eines höhern Gutes.

Das wenigstens werdet Ihr der deutschen Geschichte einräumen, daß sie sich schärfer, als jede andere um den Ideenkern herangebildet hat, der ihr zu Grunde liegt. Was Anderes soll es sein,als ein innerer Vorgang, der auch in unsern Tagen sie zum Ziele führt? Jetzt oder niemals ist die Zeit gekommen, wo Ein Bewußtsein, Eine Hoffnung uns alle einigen muß. Laßt uns halten an dieser Hoffnung, der einzigen, welche die Geschichte, die Natur, der Charakter des deutschen Volkes uns bietet; der einzigen, in welcher wir inneres Leben die Fülle, äußere Herrlichkeit zur Genüge finden. Die Stimme des Propheten aber schallt nicht durch Krieg und Kriegsgetöse hindurch. Im Frieden soll das Wort gesprochen werden, um welches Deutschland sich schaart, um ein einiges, mit einigem Bewußtsein dem Schicksal zu begegnen.

Zweiter Theil.Deutschland und Europa.Kapitel I.Grundzüge des europäischen Organismus.Ich komme zu einem andern Theil der Betrachtung. Die politische Lage Europa’s, die Stellung der Völker und Staaten, der Zustand ihrer Bestrebungen sollen uns den Beruf zeigen, auf welchen Deutschland inmitten Europa’s hingewiesen ist. Nicht allein die gegenwärtigen Verhältnisse werden uns beschäftigen; hauptsächlich ihre Gebrechen: was ist, soll in dem Lichte seines wahren, natürlichen, nicht seines zufälligen Daseins erscheinen.In Wahrheit, seit der Reformation, noch deutlicher für die wenigstens, die nur die Oberfläche sehen, seit der Revolution, ist Europa in unaufhörlicher Gährung begriffen: Alles nur Uebergang, nur Krise oder Intermezzo; die neue Zeit, welche in sounzähligen Zuckungen die Menschheit anstrebt, muß erst noch geboren werden. Die Geburtswehen, hier konvulsivisch heftig, dort langsam wühlend, schildert die Geschichte Europas (um nicht zu sagen: der Erde) seit 1789. — Ich stelle diesen Satz, welcher eben so sehr als Folge der Betrachtung einleuchten soll, schon zu Anfang voraus: einmal, weil es schwierig ist, ohne diese Ueberzeugung überhaupt nur daranzugehen; sodann, weil ich glaube, daß die, denen er noch nicht zur Wahrheit geworden, auch nach hundert Beweisen nicht im Stande sein würden, ihn zu begreifen.Gleich wie in der deutschen Geschichte, trotz Ursprung, Blüthe und Verfall des Kaiserthums (welches doch ein abgeschlossenes Ganze bildet), noch kein wahres Ende, sondern nur Entwicklung, und immer Entwicklung auf Ein Ziel hin hervorleuchtet, so bildet auch die europäische, trotz ihrer beträchtlichen Dauer, eine ungeheure, fortlaufende Reihe von Entwicklungen, welche insgesammt, obwohl in einzelnen Phasen vollendet, ihre letzte Erfüllung in einer noch kommenden Zukunft finden. Erst die Zerstörung von Konstantinopel (als nominelles Ende der ost-römischen Herrschaft) bezeichnet die Epoche, von der aus dasgesammteEuropa, aus den letzten Ueberbleibseln römischer Erziehung entlassen, in selbst-eigener Wesenheit aufblüht: so lange Zeit war nöthig, um die Spuren der antiken Welt in den barbarischen Völkern der neuen zu verwischen. Das Christenthum, die innere Seele der ganzen europäischen Geschichte, ist heute noch die Grundlage der Staaten (mit ihrem Willen oder ohne ihn); die große Frage, die sein Leben bedroht, ist zugleich die Lebensfrage Europas: erst, wenn sie beantwortet sein wird, hat Europa ein Ziel der Entwicklung erreicht. Dem verglichen erscheint das Mittelalter in seinen Staaten, wie die große, jugendliche Vorahnung gegenüber der Vollendung des Mannes; dazwischen liegt der schwere Uebergang von der Reformation bis auf unsere Tage; der Uebergang ist erledigt, die Vorahnung (obwohl ein Leben für sich) im höchsten Maße erfüllt, wenn eine neue Aera beginnt. Daher, was immer aus Betrachtung der Gegenwart als Resultat der Zukunft sich ergeben mag,hat nicht bloß für unsere Zeit momentane, sondern auch rückwirkende Bedeutung fürJahrhunderte, ja für Jahrtausende.Was unsere Zeit verlangt, ist nicht Blüthe einer Epoche, Gesundheit einer Periode, es ist Gipfel der Geschichte,zweite Erlösung der Menschheit. Nicht auf Masse, Umfang, Quadratmeilen steht die Vorsehung, sondern auf den Geist, der auf den verschiedensten Punkten der Erde, in den verschiedenen Völkern lebt: wer den Erdball selber anschaut, statt der Lichtstrahlen, die hin und wieder auf ihm vertheilt sind, wird niemals ihren Gang nur ahnen können.Die Geschichte kennt bis jetzt drei universelle Tendenzen (Griechenland, als die Mutter der Weltbildung, hat sie alle drei genährt): die römische Weltherrschaft[11], d. i. die absolute Macht des Staats, die päpstlich-katholische, d. i. die absolute Gewalt der Kirche, dazwischen die muhamedanisch-arabische, d. i. die Einheit von Staat und Kirche. Die letztere ist zerfallen in sich; durch die steigende Macht des Christenthums, der Kirche, ist die altrömische, durch die wachsende Mündigkeit des Staats die neurömische Gewalt gebrochen worden. Die vierte universelle Schöpfung gehört der neuern Zeit: Staat und Kirche verbrüdert, d. i. weder die ausschließende Despotie des Einen oder Andern, noch die Verschmelzung beider, sondern ihr wahres Verhältniß, wurzelnd in der gerechtfertigten Wahrheit der zwei Grundlagen, worauf sie beruhen. — Das sei von vorn herein gesagt, um zu zeigen, mit welchem Rechte ein weltumfassendes Gewicht einer Zeit, wie die unsrige ist, beigelegt wird. —Um das wahre Sein der Gegenwart vom trüglichen zu scheiden, ist uns die Kenntniß der Gesetze nöthig, auf welche die Organisation der Völkergruppen von Europa gebaut ist. Alles ist hier Ordnung, nichts Zufall; die Gliederung der europäischen Völkerfamilie ist eine dergestalt organische, daß Europa ohne sie zerfallen würde. Die Analogie mit der ganzen menschlichen Familie soll das beweisen.Man findet den alten Kontinent von zwei Raçen bewohnt, deren jede in zwei scharf geschiedene Gattungen zerfällt. Kaukasier auf der westlichen, Mongolen auf der östlichen Hälfte; im Südwesten als Unterart dort die Semiten, hier die Chinesen. Gestalt und Bevölkerung der ganzen Erde, alle Raçen die sie trägt (sie mögen primitiv sein, oder nicht) erklären sich durch jene Vierheit. Amerika entspricht dem kaukasischen, Afrika dem arabischen, Neuholland dem mongolischen, Japan dem chinesischen Stamm. Kaukaser haben Amerika, Araber Afrika bevölkert; eine Abart der mongolischen Gattung sind die Malayen, der chinesischen die Japanesen.Nicht anders gibt es in Europa zwei Stämme, in je zwei Gattungen gespalten. Germanen auf der westlichen, Slaven auf der östlichen Hälfte; im Südwesten die Westromanen, im Südosten die Ostromanen. Der Geist ruht, wie oben, im Westen, der Zug der Geschichte geht, wie oben, von Süden nach Norden: von Griechenland und Rom nach Germanien, wie von Indien und Palästina nach Europa. Diese Organisation wird durch die Bildungsgeschichte Europas gerechtfertigt. Das weströmische Reich hat die germanischen, das oströmische Reich die slavischen Völker zur Bildung, wie zur Vermischung überkommen: so mußten dort die westromanischen, hier die ostromanischen (griechisch-slavischen) Stämme entstehen. Die Slaven (heutzutage Rußland) stellen in Europa das Princip der Barbarei vor, das heißt der materiellen Gewalt, wie die Mongolen in der alten Welt überhaupt. Die Romanen mit ihrem unstäten, entzündlichen Geist, ewig anregend und weckend, gleichen den Semiten, aus denen (durch dreiReligionsstiftungen) der Anstoß aller Geschichte hervorgegangen ist; die Germanen sind für Europa, was die Kaukasier für die Erde; der Weltgeist ruht auf ihnen, sie bilden die oberleitende, im letzten Grund bestimmende Macht. In Ostromanien endlich vereinigen sich die europäischen Tendenzen, wie in China die ostasiatischen, es ist das Areal Europas, wie China der Sitz des Reiches der Mitte.Jeder der genannten Stämme Europas strebt nach der Beherrschung des ihm analog Verwandten. Die Germanen werden zu den Kaukasiern (englische Macht in Indien und Persien), die Romanen zu den Arabern (Zug der Franzosen und Spanier nach Aegypten und Afrika), die Russen zu den Mongolen (Ausbreitung der russischen Macht in der Tartarei, in Ostasien überhaupt), hingezogen. Umgekehrt sind früher die Spanier von den Arabern, die Russen von den Mongolen beherrscht worden. Man vermißt eine ähnliche Berührung der Ostromanen und Chinesen, weil die Wesenheit beider weniger in ihrem selbstständigen Charakter, als in der Beziehung auf die andern, in der Zusammenfassung liegt[12]. Im Uebrigen liegt in dieser Parallele die äußere Zukunft Europas, die künftige Gestaltung, die Einheit der Erde.Gleicher Weise herrscht in der Organisation der Familien Europas ein Gesetz, das in anderer Form denselben Grundzügen, wie das obige folgt. Wir sahen im Allgemeinen zwei Grundraçen, in je zwei Gattungen getheilt. Im Einzelnen findet man jede Familie in drei Nationen gespalten, von denen je zwei den Typus der Familie ausdrücken, die dritte, in eigenthümlicher Art, den Uebergang zur nächsten oder die Vermittlung zwischen mehreren bildet[13]. Deutsche und Skandinavier, Franzosen und Spanier,Russen und Polen, Griechen und Wallachen, sind die Nationen von rein germanischer, westromanischer, slavischer, ostromanischer Natur. Ungarn ist dem germanischen, Serbien dem slavischen, Italien dem ostromanischen, England dem westromanischen Typus, jedes innerhalb seiner Sphäre, nahe gerückt. Selbst in Zusammensetzung der Nationen (in Engländern, Schottländern, Irländern, in Dänen, Schweden, Norwegern) kehrt die Dreiheit und in derselben Art wieder. Was hierüber hinausgeht, ist nicht in dauerndem Organismus, nur in zeitiger Entwicklung begründet. Holland, Belgien, die Schweiz, Altpreußen, Portugal mögen frei bleiben, wie sie es sind, aber nie werden sie es in Wahrheit sein, ohne dem größern Organismus sich unterzuordnen, dessen ausgeprägtere Glieder sie sind. Dänemark, Norwegen, Schweden können, was sie sein sollen, niemals werden, ohne einig zu sein. Die Natur will überall Freiheit, Leben und Eigenthümlichkeit, aber sie will es nach einer bestimmten Ordnung, welcher die Freiheit selbst nicht zuwiderlaufen darf, ohne zur Willkühr und eben dadurch zur Schwäche herabzusinken.Das sind die Gesetze, nach denen das Wachsthum und die Harmonie Europas sich regelt. Man werfe nicht ein, daß sie aus der jetzigen Lage der Dinge, zum Theil aus den neuesten Ereignissen geschöpft sind, daß ihre Dauer in Zukunft so wenig verbürgt ist, als ihr Dasein in der Vergangenheit. Europa ist noch jung, es ist nicht lange her, daß die Engländer, daß die Spanier, dieRussen sich konsolidirt haben, die neueste Zeit erst hat die Griechen zur Nation gemacht, die Türken an den Rand der Vernichtung geführt, erst sie hat überhauptden Begriff der Nationalitätenzum Bewußtsein erhoben. Jene Harmonie, obwohl in unsern Tagen erst durchschimmernd, lag doch vor Jahrtausenden schon im Keime in der Gestaltung Europas, gerade wie im Embryo alle Bedingungen des vollkommenen Körpers gegeben sind.Das Modell dieses Körpers aufzustellen, ist in obigen Gesetzen versucht worden: die natürliche Politik der Staaten, ihre Tendenz und Ausdehnung, das Gleichgewicht, so weit es Wahrheit hat, das Alles prägt sich daran aus. Gleich wie der Mensch die gesammte Natur beherrscht, weil er als Mikrokosmus den Makrokosmus in sich trägt, so ist Europa der Mittelpunkt der Erde, weil ihre Organisation, die Stellung ihrer großen Raçen, weil das ganze All in seinem kleinen Raume sich abspiegelt. Wiederum, wenn es ein Land gäbe, in welchem Europa eben so sehr sich wiederfände, als die Welt in Europa, so würde dieses das Haupt des Welttheils sein. „Das Volk, sagt Johann von Müller, welches die Eigenschaften, denen Europa seine Uebermacht schuldig ist, in vorzüglichem Grade besitzt, wird in Europa selber das erste sein“.

Ich komme zu einem andern Theil der Betrachtung. Die politische Lage Europa’s, die Stellung der Völker und Staaten, der Zustand ihrer Bestrebungen sollen uns den Beruf zeigen, auf welchen Deutschland inmitten Europa’s hingewiesen ist. Nicht allein die gegenwärtigen Verhältnisse werden uns beschäftigen; hauptsächlich ihre Gebrechen: was ist, soll in dem Lichte seines wahren, natürlichen, nicht seines zufälligen Daseins erscheinen.

In Wahrheit, seit der Reformation, noch deutlicher für die wenigstens, die nur die Oberfläche sehen, seit der Revolution, ist Europa in unaufhörlicher Gährung begriffen: Alles nur Uebergang, nur Krise oder Intermezzo; die neue Zeit, welche in sounzähligen Zuckungen die Menschheit anstrebt, muß erst noch geboren werden. Die Geburtswehen, hier konvulsivisch heftig, dort langsam wühlend, schildert die Geschichte Europas (um nicht zu sagen: der Erde) seit 1789. — Ich stelle diesen Satz, welcher eben so sehr als Folge der Betrachtung einleuchten soll, schon zu Anfang voraus: einmal, weil es schwierig ist, ohne diese Ueberzeugung überhaupt nur daranzugehen; sodann, weil ich glaube, daß die, denen er noch nicht zur Wahrheit geworden, auch nach hundert Beweisen nicht im Stande sein würden, ihn zu begreifen.

Gleich wie in der deutschen Geschichte, trotz Ursprung, Blüthe und Verfall des Kaiserthums (welches doch ein abgeschlossenes Ganze bildet), noch kein wahres Ende, sondern nur Entwicklung, und immer Entwicklung auf Ein Ziel hin hervorleuchtet, so bildet auch die europäische, trotz ihrer beträchtlichen Dauer, eine ungeheure, fortlaufende Reihe von Entwicklungen, welche insgesammt, obwohl in einzelnen Phasen vollendet, ihre letzte Erfüllung in einer noch kommenden Zukunft finden. Erst die Zerstörung von Konstantinopel (als nominelles Ende der ost-römischen Herrschaft) bezeichnet die Epoche, von der aus dasgesammteEuropa, aus den letzten Ueberbleibseln römischer Erziehung entlassen, in selbst-eigener Wesenheit aufblüht: so lange Zeit war nöthig, um die Spuren der antiken Welt in den barbarischen Völkern der neuen zu verwischen. Das Christenthum, die innere Seele der ganzen europäischen Geschichte, ist heute noch die Grundlage der Staaten (mit ihrem Willen oder ohne ihn); die große Frage, die sein Leben bedroht, ist zugleich die Lebensfrage Europas: erst, wenn sie beantwortet sein wird, hat Europa ein Ziel der Entwicklung erreicht. Dem verglichen erscheint das Mittelalter in seinen Staaten, wie die große, jugendliche Vorahnung gegenüber der Vollendung des Mannes; dazwischen liegt der schwere Uebergang von der Reformation bis auf unsere Tage; der Uebergang ist erledigt, die Vorahnung (obwohl ein Leben für sich) im höchsten Maße erfüllt, wenn eine neue Aera beginnt. Daher, was immer aus Betrachtung der Gegenwart als Resultat der Zukunft sich ergeben mag,hat nicht bloß für unsere Zeit momentane, sondern auch rückwirkende Bedeutung fürJahrhunderte, ja für Jahrtausende.

Was unsere Zeit verlangt, ist nicht Blüthe einer Epoche, Gesundheit einer Periode, es ist Gipfel der Geschichte,zweite Erlösung der Menschheit. Nicht auf Masse, Umfang, Quadratmeilen steht die Vorsehung, sondern auf den Geist, der auf den verschiedensten Punkten der Erde, in den verschiedenen Völkern lebt: wer den Erdball selber anschaut, statt der Lichtstrahlen, die hin und wieder auf ihm vertheilt sind, wird niemals ihren Gang nur ahnen können.

Die Geschichte kennt bis jetzt drei universelle Tendenzen (Griechenland, als die Mutter der Weltbildung, hat sie alle drei genährt): die römische Weltherrschaft[11], d. i. die absolute Macht des Staats, die päpstlich-katholische, d. i. die absolute Gewalt der Kirche, dazwischen die muhamedanisch-arabische, d. i. die Einheit von Staat und Kirche. Die letztere ist zerfallen in sich; durch die steigende Macht des Christenthums, der Kirche, ist die altrömische, durch die wachsende Mündigkeit des Staats die neurömische Gewalt gebrochen worden. Die vierte universelle Schöpfung gehört der neuern Zeit: Staat und Kirche verbrüdert, d. i. weder die ausschließende Despotie des Einen oder Andern, noch die Verschmelzung beider, sondern ihr wahres Verhältniß, wurzelnd in der gerechtfertigten Wahrheit der zwei Grundlagen, worauf sie beruhen. — Das sei von vorn herein gesagt, um zu zeigen, mit welchem Rechte ein weltumfassendes Gewicht einer Zeit, wie die unsrige ist, beigelegt wird. —

Um das wahre Sein der Gegenwart vom trüglichen zu scheiden, ist uns die Kenntniß der Gesetze nöthig, auf welche die Organisation der Völkergruppen von Europa gebaut ist. Alles ist hier Ordnung, nichts Zufall; die Gliederung der europäischen Völkerfamilie ist eine dergestalt organische, daß Europa ohne sie zerfallen würde. Die Analogie mit der ganzen menschlichen Familie soll das beweisen.

Man findet den alten Kontinent von zwei Raçen bewohnt, deren jede in zwei scharf geschiedene Gattungen zerfällt. Kaukasier auf der westlichen, Mongolen auf der östlichen Hälfte; im Südwesten als Unterart dort die Semiten, hier die Chinesen. Gestalt und Bevölkerung der ganzen Erde, alle Raçen die sie trägt (sie mögen primitiv sein, oder nicht) erklären sich durch jene Vierheit. Amerika entspricht dem kaukasischen, Afrika dem arabischen, Neuholland dem mongolischen, Japan dem chinesischen Stamm. Kaukaser haben Amerika, Araber Afrika bevölkert; eine Abart der mongolischen Gattung sind die Malayen, der chinesischen die Japanesen.

Nicht anders gibt es in Europa zwei Stämme, in je zwei Gattungen gespalten. Germanen auf der westlichen, Slaven auf der östlichen Hälfte; im Südwesten die Westromanen, im Südosten die Ostromanen. Der Geist ruht, wie oben, im Westen, der Zug der Geschichte geht, wie oben, von Süden nach Norden: von Griechenland und Rom nach Germanien, wie von Indien und Palästina nach Europa. Diese Organisation wird durch die Bildungsgeschichte Europas gerechtfertigt. Das weströmische Reich hat die germanischen, das oströmische Reich die slavischen Völker zur Bildung, wie zur Vermischung überkommen: so mußten dort die westromanischen, hier die ostromanischen (griechisch-slavischen) Stämme entstehen. Die Slaven (heutzutage Rußland) stellen in Europa das Princip der Barbarei vor, das heißt der materiellen Gewalt, wie die Mongolen in der alten Welt überhaupt. Die Romanen mit ihrem unstäten, entzündlichen Geist, ewig anregend und weckend, gleichen den Semiten, aus denen (durch dreiReligionsstiftungen) der Anstoß aller Geschichte hervorgegangen ist; die Germanen sind für Europa, was die Kaukasier für die Erde; der Weltgeist ruht auf ihnen, sie bilden die oberleitende, im letzten Grund bestimmende Macht. In Ostromanien endlich vereinigen sich die europäischen Tendenzen, wie in China die ostasiatischen, es ist das Areal Europas, wie China der Sitz des Reiches der Mitte.

Jeder der genannten Stämme Europas strebt nach der Beherrschung des ihm analog Verwandten. Die Germanen werden zu den Kaukasiern (englische Macht in Indien und Persien), die Romanen zu den Arabern (Zug der Franzosen und Spanier nach Aegypten und Afrika), die Russen zu den Mongolen (Ausbreitung der russischen Macht in der Tartarei, in Ostasien überhaupt), hingezogen. Umgekehrt sind früher die Spanier von den Arabern, die Russen von den Mongolen beherrscht worden. Man vermißt eine ähnliche Berührung der Ostromanen und Chinesen, weil die Wesenheit beider weniger in ihrem selbstständigen Charakter, als in der Beziehung auf die andern, in der Zusammenfassung liegt[12]. Im Uebrigen liegt in dieser Parallele die äußere Zukunft Europas, die künftige Gestaltung, die Einheit der Erde.

Gleicher Weise herrscht in der Organisation der Familien Europas ein Gesetz, das in anderer Form denselben Grundzügen, wie das obige folgt. Wir sahen im Allgemeinen zwei Grundraçen, in je zwei Gattungen getheilt. Im Einzelnen findet man jede Familie in drei Nationen gespalten, von denen je zwei den Typus der Familie ausdrücken, die dritte, in eigenthümlicher Art, den Uebergang zur nächsten oder die Vermittlung zwischen mehreren bildet[13]. Deutsche und Skandinavier, Franzosen und Spanier,Russen und Polen, Griechen und Wallachen, sind die Nationen von rein germanischer, westromanischer, slavischer, ostromanischer Natur. Ungarn ist dem germanischen, Serbien dem slavischen, Italien dem ostromanischen, England dem westromanischen Typus, jedes innerhalb seiner Sphäre, nahe gerückt. Selbst in Zusammensetzung der Nationen (in Engländern, Schottländern, Irländern, in Dänen, Schweden, Norwegern) kehrt die Dreiheit und in derselben Art wieder. Was hierüber hinausgeht, ist nicht in dauerndem Organismus, nur in zeitiger Entwicklung begründet. Holland, Belgien, die Schweiz, Altpreußen, Portugal mögen frei bleiben, wie sie es sind, aber nie werden sie es in Wahrheit sein, ohne dem größern Organismus sich unterzuordnen, dessen ausgeprägtere Glieder sie sind. Dänemark, Norwegen, Schweden können, was sie sein sollen, niemals werden, ohne einig zu sein. Die Natur will überall Freiheit, Leben und Eigenthümlichkeit, aber sie will es nach einer bestimmten Ordnung, welcher die Freiheit selbst nicht zuwiderlaufen darf, ohne zur Willkühr und eben dadurch zur Schwäche herabzusinken.

Das sind die Gesetze, nach denen das Wachsthum und die Harmonie Europas sich regelt. Man werfe nicht ein, daß sie aus der jetzigen Lage der Dinge, zum Theil aus den neuesten Ereignissen geschöpft sind, daß ihre Dauer in Zukunft so wenig verbürgt ist, als ihr Dasein in der Vergangenheit. Europa ist noch jung, es ist nicht lange her, daß die Engländer, daß die Spanier, dieRussen sich konsolidirt haben, die neueste Zeit erst hat die Griechen zur Nation gemacht, die Türken an den Rand der Vernichtung geführt, erst sie hat überhauptden Begriff der Nationalitätenzum Bewußtsein erhoben. Jene Harmonie, obwohl in unsern Tagen erst durchschimmernd, lag doch vor Jahrtausenden schon im Keime in der Gestaltung Europas, gerade wie im Embryo alle Bedingungen des vollkommenen Körpers gegeben sind.

Das Modell dieses Körpers aufzustellen, ist in obigen Gesetzen versucht worden: die natürliche Politik der Staaten, ihre Tendenz und Ausdehnung, das Gleichgewicht, so weit es Wahrheit hat, das Alles prägt sich daran aus. Gleich wie der Mensch die gesammte Natur beherrscht, weil er als Mikrokosmus den Makrokosmus in sich trägt, so ist Europa der Mittelpunkt der Erde, weil ihre Organisation, die Stellung ihrer großen Raçen, weil das ganze All in seinem kleinen Raume sich abspiegelt. Wiederum, wenn es ein Land gäbe, in welchem Europa eben so sehr sich wiederfände, als die Welt in Europa, so würde dieses das Haupt des Welttheils sein. „Das Volk, sagt Johann von Müller, welches die Eigenschaften, denen Europa seine Uebermacht schuldig ist, in vorzüglichem Grade besitzt, wird in Europa selber das erste sein“.

Kapitel II.Die Revolution und Napoleon.Der Kampf der altgermanischen Freiheiten in Europa gegen die aufstrebende Monarchie hatte in Frankreich zuerst mit dem Siege des Königthums unter Louis XI. geendigt. Also erhob sich von hier aus die Revolution: die Fäulniß der Monarchie brachte, wie einst das Verderben der Kirche, Principien zum Ausbruch, die längst geschlummert hatten. Alle Länder Europas, in denen der Absolutismus gesiegt hatte, mußten im Verlauf der Erschütterung umgewandelt werden; Napoleon beherrschte ganz Europa,mit Ausnahme von England und Ungarn, wo die alte Freiheit sich erhalten, von der Türkei und Rußland, wo der Despotismus, in der Natur der Völker wurzelnd, keine Freiheit überwunden hatte. Er scheiterte an Rußland, weil die russische Barbarei von dem französischen Andrang nur äußerlich, nicht innerlich berührt werden konnte.In Deutschland hatten lange Kriege das Dasein des Protestantismus entschieden; nach diesen blieb Ruhe. In Frankreich war unter kleineren Kämpfen die Reformation von der Monarchie unterdrückt worden; aber später mußte dieselbe Bewegung, die den Katholicismus untergrub, zugleich seinen Verbündeten, den Thron, vernichten.Es ist leicht, in den Zuständen unter Louis XVI., in den geistigen Vorgängen schon der früheren Zeit, die Ursachen der Revolution zu suchen, sie zu zergliedern und aufzuzählen. Man hört sie gläubig an, findet die Folgen natürlich und nothwendig; aber nach aller Berechnung bleibt jener Eindruck des Wundersamen und Plötzlichen, der der französischen Umwälzung so unvertilgbar anklebt, daß er ihren eigensten Charakter bildet. Eine tiefe Wahrheit liegt ihm zu Grunde. Alle früheren Revolutionen, alle Fortschritte und Rückschritte der Völker entwickelten sich in traditionellen Verbindungen, überall reihte sich Glied an Glied.Damals plötzlich taucht ein Gemeinwesen auf, neugeschaffen nach den Erkenntnissen des raisonnirenden Verstandes. Das war in keiner Geschichte noch geschehen. Vielleicht kommt die Zeit, wo diese Handlung sich wiederholt, wo (nach dem Wunsche aller Idealisten von Plato bis auf Fichte) die Menschheit sich nach wahren Principien regelt. Die Wahrheit aber, weil im tiefsten Zusammenhang mit aller bisherigen Geschichte, würde nicht zerstören, nicht einmal überraschen; sie würde nur die Schuppen von den Augen der Menschheit nehmen. Jener dämonische Uebergriff, jener staatliche Aufbau, aus der Aufklärung gezimmert, welche selbst ein leichtsinniger Uebergriff gewesen, verursacht das Erstaunliche der Revolution. Jemand hat die Revolution einen Rausch des Weltgeistesgenannt; sie war ein Rausch, und die Abspannung der trunkenen Völker ist die Geschichte der Romanen bis auf diesen Tag. Wären die Principien der Revolution die wahren gewesen, selbst dann wären die Franzosen unfähig, sie ins Leben zu führen: wie vielmehr, als sie falsche und überdieß auch diese nicht verdaut, entgegen tausendjähriger Tradition, zur Grundlage des Staates erhoben. Solche Arbeit war dem romanischen Geiste zu viel: Frankreich und Spanien, Portugal, auch Italien, tragen noch heute die Spuren theils innerer, theils äußerer Zerrüttung.Von nun an trat die souveräne Berechtigung des Volkes der geweihten Legitimität der Fürsten gegenüber; früherhin, besonders im Mittelalter, schienen die Rechte der Nationen sich eben so sehr von selbst zu verstehen, als eine kirchliche Weihe der Fürsten, wodurch die menschliche Wahl oder Erbordnung höhern Charakter erhielt. Nun stellte man Beides auf die Spitze, Dogma gegen Dogma, und der Kampf begann, wie in den Zeiten der Religionskriege. Sollte nicht endloses Blut vergossen, sollte nicht Europa entweder den absoluten oder anarchischen Principien (beide gleich verderblich) zur Beute fallen, so mußte eine gewaltige Hand die Gegensätze vermitteln, Fürsten und Völker bezwingen, um durch leibliche Gefahr die geistige Gluth zu kühlen.Dazu warNapoleongesandt. Die Natur gab ihm ein selbstsüchtiges Gemüth (ohne welches die Rückkehr zum monarchischen Princip unmöglich gewesen) und einen Geist, so groß und noch glänzender, als er tausend Jahre zuvor in Karl dem Großen erschienen war. Man vermißt bei Napoleon den leitenden Plan, der sich durch Karl’s mannigfache Unternehmungen hindurchzieht; man sieht ihn ohne klares Bewußtsein von einem Schritte zum andern getrieben. Sein Wollen, die Intentionen seines Geistes überwogen die innere Kraft; beide kreuzten sich, erst auf St. Helena wurde ihm selbst das Werk seines Lebens klar, er lernte seine Sendung verstehen. So wunderbar die Revolution immer noch erscheint, so dämonisch fremdartig ist seine Gestalt in unserer Zeit. Die bewegenden Ideen des Zeitalters blieben einemso mächtigen Geiste fremd: von Protestantismus und Katholicismus, von Liberalismus und Monarchismus, als Problemen der Zeit, blieb er unberührt. Man hat ihn einen Mann nach dem Zuschnitt Plutarchs genannt; mir erscheint er, wie einer der alten orientalischen Eroberer, von denen nur dunkle Geschichten auf uns gekommen, in die moderne Welt versetzt. Jene Selbstsucht, wie diese Kälte gegen die Freiheit (der Grundidee der neuern Zeit) hat ihn gestürzt; beides aber stempelte ihn zu der Persönlichkeit, die auf zwei Jahrzehnde dem sonst tödtlichen Principienkampf Stillschweigen gebieten konnte. Selbst den Organismus der Völker hat Napoleon nie beachtet; später war er kühn genug, die innerlich sinnlosen, für den Moment nützlichen, Zerstücklungen als eben so viele Mittel zur Erweckung der erloschenen Nationaleinheit (in Deutschland und Italien) darzustellen. Er kannte die Franzosen, und baute gleichwohl auf sie, hielt sie gleichwohl für fähig, seine Herrschaft zu erben; obschon eine Uebertragung des alten Kaiserthums (das er nur in seiner Nichtigkeit kannte) ihm niemals in den Sinn kommen mochte. Ungeheuer und bis auf diesen Tag lebendig sind die Wirkungen seines Daseins. Durch ihn ist das römische Reich gestürzt, und Deutschlands heutige Verfassung, Deutschlands innere Einheit herbeigeführt worden; er hat Spanien aus dem Todesschlummer geweckt, England auf den Gipfel der Macht, wie an den Rand des Abgrundes gestellt; er dem russischen Staat, der anfangs die Herrschaft mit ihm getheilt, dann in erster Linie ihn besiegt hat, seine unnatürliche Bedeutung verliehen; durch ihn sind die Wohlthaten der Revolution den Völkern bewahrt; durch ihn derstatus quoins Leben gerufen worden, welcher Nichts ist, denn Vermittlung der ideellen, wie der politischen Gegensätze; durch ihn der lange Friede voll geistiger Gährung, das künstliche Gleichgewicht, und die Gebanntheit des Willens, woran Europa leidet; er endlich hat das letzte warnende Beispiel unorganischer Gewaltherrschaft gegeben, er auf immer die Nationalitäten geschieden. — Die Zurückführung seiner Asche nach Paris ist ein merkwürdiges Zeichen der Zeit. Ganz Europa hatteihn verbannt, ganz Europa hat sich mit dem Wiedergekehrten versöhnt. Von nun an gehört er der Geschichte an; die Leidenschaften verstummen, wenn die Nachwirkung endet, die ein gewaltiger Mann in Liebe und Haß auf die Zeit, die ihm zunächst liegt, ausübt. Diese Zeit scheint ihrem Ende zu nahen und eine neue Epoche beginnt.Nach ihm ist keine Hegemonie gedenkbar, als die innere der Natur und des Geistes, keine Gewalt mehr der Eroberung, als die Alles bezwingende Gewalt der Idee.Napoleon vereinigt als Korse den römischen, italienischen, maurischen, afrikanischen, durch Erziehung den französischen Typus. Romane ist er ganz und gar, und der höchste Ausdruck romanischer Geschichte.Romanische Hegemonie, das hat er auf ewig gelehrt,widerstreitet der Ordnung von Europa; um zu herrschen, mußte er den Organismus der Völker zerstören.Ob germanische ihr ebenso zuwider, ob sie ihr nicht ersprießlich, ja nothwendig sei, wird die Zukunft lehren.

Der Kampf der altgermanischen Freiheiten in Europa gegen die aufstrebende Monarchie hatte in Frankreich zuerst mit dem Siege des Königthums unter Louis XI. geendigt. Also erhob sich von hier aus die Revolution: die Fäulniß der Monarchie brachte, wie einst das Verderben der Kirche, Principien zum Ausbruch, die längst geschlummert hatten. Alle Länder Europas, in denen der Absolutismus gesiegt hatte, mußten im Verlauf der Erschütterung umgewandelt werden; Napoleon beherrschte ganz Europa,mit Ausnahme von England und Ungarn, wo die alte Freiheit sich erhalten, von der Türkei und Rußland, wo der Despotismus, in der Natur der Völker wurzelnd, keine Freiheit überwunden hatte. Er scheiterte an Rußland, weil die russische Barbarei von dem französischen Andrang nur äußerlich, nicht innerlich berührt werden konnte.

In Deutschland hatten lange Kriege das Dasein des Protestantismus entschieden; nach diesen blieb Ruhe. In Frankreich war unter kleineren Kämpfen die Reformation von der Monarchie unterdrückt worden; aber später mußte dieselbe Bewegung, die den Katholicismus untergrub, zugleich seinen Verbündeten, den Thron, vernichten.

Es ist leicht, in den Zuständen unter Louis XVI., in den geistigen Vorgängen schon der früheren Zeit, die Ursachen der Revolution zu suchen, sie zu zergliedern und aufzuzählen. Man hört sie gläubig an, findet die Folgen natürlich und nothwendig; aber nach aller Berechnung bleibt jener Eindruck des Wundersamen und Plötzlichen, der der französischen Umwälzung so unvertilgbar anklebt, daß er ihren eigensten Charakter bildet. Eine tiefe Wahrheit liegt ihm zu Grunde. Alle früheren Revolutionen, alle Fortschritte und Rückschritte der Völker entwickelten sich in traditionellen Verbindungen, überall reihte sich Glied an Glied.

Damals plötzlich taucht ein Gemeinwesen auf, neugeschaffen nach den Erkenntnissen des raisonnirenden Verstandes. Das war in keiner Geschichte noch geschehen. Vielleicht kommt die Zeit, wo diese Handlung sich wiederholt, wo (nach dem Wunsche aller Idealisten von Plato bis auf Fichte) die Menschheit sich nach wahren Principien regelt. Die Wahrheit aber, weil im tiefsten Zusammenhang mit aller bisherigen Geschichte, würde nicht zerstören, nicht einmal überraschen; sie würde nur die Schuppen von den Augen der Menschheit nehmen. Jener dämonische Uebergriff, jener staatliche Aufbau, aus der Aufklärung gezimmert, welche selbst ein leichtsinniger Uebergriff gewesen, verursacht das Erstaunliche der Revolution. Jemand hat die Revolution einen Rausch des Weltgeistesgenannt; sie war ein Rausch, und die Abspannung der trunkenen Völker ist die Geschichte der Romanen bis auf diesen Tag. Wären die Principien der Revolution die wahren gewesen, selbst dann wären die Franzosen unfähig, sie ins Leben zu führen: wie vielmehr, als sie falsche und überdieß auch diese nicht verdaut, entgegen tausendjähriger Tradition, zur Grundlage des Staates erhoben. Solche Arbeit war dem romanischen Geiste zu viel: Frankreich und Spanien, Portugal, auch Italien, tragen noch heute die Spuren theils innerer, theils äußerer Zerrüttung.

Von nun an trat die souveräne Berechtigung des Volkes der geweihten Legitimität der Fürsten gegenüber; früherhin, besonders im Mittelalter, schienen die Rechte der Nationen sich eben so sehr von selbst zu verstehen, als eine kirchliche Weihe der Fürsten, wodurch die menschliche Wahl oder Erbordnung höhern Charakter erhielt. Nun stellte man Beides auf die Spitze, Dogma gegen Dogma, und der Kampf begann, wie in den Zeiten der Religionskriege. Sollte nicht endloses Blut vergossen, sollte nicht Europa entweder den absoluten oder anarchischen Principien (beide gleich verderblich) zur Beute fallen, so mußte eine gewaltige Hand die Gegensätze vermitteln, Fürsten und Völker bezwingen, um durch leibliche Gefahr die geistige Gluth zu kühlen.

Dazu warNapoleongesandt. Die Natur gab ihm ein selbstsüchtiges Gemüth (ohne welches die Rückkehr zum monarchischen Princip unmöglich gewesen) und einen Geist, so groß und noch glänzender, als er tausend Jahre zuvor in Karl dem Großen erschienen war. Man vermißt bei Napoleon den leitenden Plan, der sich durch Karl’s mannigfache Unternehmungen hindurchzieht; man sieht ihn ohne klares Bewußtsein von einem Schritte zum andern getrieben. Sein Wollen, die Intentionen seines Geistes überwogen die innere Kraft; beide kreuzten sich, erst auf St. Helena wurde ihm selbst das Werk seines Lebens klar, er lernte seine Sendung verstehen. So wunderbar die Revolution immer noch erscheint, so dämonisch fremdartig ist seine Gestalt in unserer Zeit. Die bewegenden Ideen des Zeitalters blieben einemso mächtigen Geiste fremd: von Protestantismus und Katholicismus, von Liberalismus und Monarchismus, als Problemen der Zeit, blieb er unberührt. Man hat ihn einen Mann nach dem Zuschnitt Plutarchs genannt; mir erscheint er, wie einer der alten orientalischen Eroberer, von denen nur dunkle Geschichten auf uns gekommen, in die moderne Welt versetzt. Jene Selbstsucht, wie diese Kälte gegen die Freiheit (der Grundidee der neuern Zeit) hat ihn gestürzt; beides aber stempelte ihn zu der Persönlichkeit, die auf zwei Jahrzehnde dem sonst tödtlichen Principienkampf Stillschweigen gebieten konnte. Selbst den Organismus der Völker hat Napoleon nie beachtet; später war er kühn genug, die innerlich sinnlosen, für den Moment nützlichen, Zerstücklungen als eben so viele Mittel zur Erweckung der erloschenen Nationaleinheit (in Deutschland und Italien) darzustellen. Er kannte die Franzosen, und baute gleichwohl auf sie, hielt sie gleichwohl für fähig, seine Herrschaft zu erben; obschon eine Uebertragung des alten Kaiserthums (das er nur in seiner Nichtigkeit kannte) ihm niemals in den Sinn kommen mochte. Ungeheuer und bis auf diesen Tag lebendig sind die Wirkungen seines Daseins. Durch ihn ist das römische Reich gestürzt, und Deutschlands heutige Verfassung, Deutschlands innere Einheit herbeigeführt worden; er hat Spanien aus dem Todesschlummer geweckt, England auf den Gipfel der Macht, wie an den Rand des Abgrundes gestellt; er dem russischen Staat, der anfangs die Herrschaft mit ihm getheilt, dann in erster Linie ihn besiegt hat, seine unnatürliche Bedeutung verliehen; durch ihn sind die Wohlthaten der Revolution den Völkern bewahrt; durch ihn derstatus quoins Leben gerufen worden, welcher Nichts ist, denn Vermittlung der ideellen, wie der politischen Gegensätze; durch ihn der lange Friede voll geistiger Gährung, das künstliche Gleichgewicht, und die Gebanntheit des Willens, woran Europa leidet; er endlich hat das letzte warnende Beispiel unorganischer Gewaltherrschaft gegeben, er auf immer die Nationalitäten geschieden. — Die Zurückführung seiner Asche nach Paris ist ein merkwürdiges Zeichen der Zeit. Ganz Europa hatteihn verbannt, ganz Europa hat sich mit dem Wiedergekehrten versöhnt. Von nun an gehört er der Geschichte an; die Leidenschaften verstummen, wenn die Nachwirkung endet, die ein gewaltiger Mann in Liebe und Haß auf die Zeit, die ihm zunächst liegt, ausübt. Diese Zeit scheint ihrem Ende zu nahen und eine neue Epoche beginnt.

Nach ihm ist keine Hegemonie gedenkbar, als die innere der Natur und des Geistes, keine Gewalt mehr der Eroberung, als die Alles bezwingende Gewalt der Idee.

Napoleon vereinigt als Korse den römischen, italienischen, maurischen, afrikanischen, durch Erziehung den französischen Typus. Romane ist er ganz und gar, und der höchste Ausdruck romanischer Geschichte.Romanische Hegemonie, das hat er auf ewig gelehrt,widerstreitet der Ordnung von Europa; um zu herrschen, mußte er den Organismus der Völker zerstören.Ob germanische ihr ebenso zuwider, ob sie ihr nicht ersprießlich, ja nothwendig sei, wird die Zukunft lehren.

Kapitel III.Die romanischen Völker.Frankreich und die pyrenäische Halbinsel.Um französisches Gefühl, um die Täuschungen französischer Politik zu begreifen, darf man nie vergessen, daß seit Richelieu Frankreich den mächtigsten Staat Europas gebildet, daß es in der Civilisation (gleichviel hier ob in wahrer oder falscher), in Kriegskunst und Administration lange Zeit hindurch der Lehrmeister Europas gewesen, daß keine Macht ihm gegenüberstand, welche für den einheitlichen Ausdruck germanischen Volksthums gelten konnte, daß die Franzosen, sonach gewöhnt an die erste Stellung, in der Revolution auf eine geistige, durch Napoleon auf eine politische Höhe erhoben wurden, die ihr Bewußtsein verrückenmußte, daß endlich der wahre Grund französischer Größe in einem inneren Vorgang liegt, dessen Falschheit einzusehen auch heute noch nur den tiefer Denkenden beschieden ist. Mit Einem Wort, da seit dem westphälischen Frieden keine Nation mächtiger auf die Gestaltung und Kultur Europas gewirkt hat, als die französische, da die Deutschen zwar unendlich viel gedacht und geschrieben, aber Nichtsgethanhaben, um den Franzosen ihr Uebergewicht zu beweisen, so sind die französischen Prätensionen,obwohl falsch und hohl, doch des vornehmen Gelächters nicht werth, das von so Vielen aufgeschlagen wird, welche, warum sie falsch und hohl sind, nicht zu sagen vermöchten. Gerechtigkeit vor Allem geziemt der unparteiischen Betrachtung; sie zu üben, muß sie in das Bewußtsein der Nation sich versetzen, von der sie zu sprechen hat.Die Betäubung, durch zweimalige Invasion, der Schlummer, worein die ungeheuern Erlebnisse der Revolution und des Kaiserreichs die Franzosen versetzt, machten fünfzehn Jahre lang die Restauration möglich, eine Regierung, die an 1788 anknüpfte. In der Juliusrevolution erwachte Frankreich. Man besann sich, was Frankreich gewollt; die Macht der Idee wurde wieder lebendig, Frankreich wieder der erste liberale Staat. Was die Revolution Herrliches geleistet, sollte in der konstitutionellen Monarchie, was das Kaiserthum Großes gethan, sollte auf dem Wege des Geistes, durch die Sympathie der Völker sich wiederholen. Es schien, als sollte der neue Tag der wahren Freiheit über die Völker hereinbrechen. Es war ein großer Irrthum; kein Volk kann von der Vergangenheit zehren, insonderheit wenn diese selbst der innern Wahrheit entbehrt. Ein neues Princip war nicht gefunden; nur das Beste von Allem sollte in Auszug genommen werden. So geschah, daß Frankreich aus eben so viel Parteien besteht, als es seit 1789 Epochen durchlebt hat.Europa zerfiel wieder in zwei große Lager; diese ordneten sich klarer, indem die Quadrupelallianz der Tripelallianz entgegentrat;und das Gleichgewicht erhielt seine letzte Ausbildung. Als die erste französische Revolution dem Sturme gleich die morschen Stützen des europäischen Wesens zu entwurzeln drohte, schickte Gott, um Europa zu retten, uns einen Titanen. Auch die zweite drohte ähnliches Unheil, auch damals schien ein Principienkrieg Europa verheeren zu wollen; aber wie sie nur ein Nachhall war der ersten, so war jetzt nur die Klugheit eines berechnenden Mannes nöthig, um den Frieden zu wahren. Zuweilen beliebt es der Vorsehung, einzelne Menschen zu Ecksteinen zu stempeln, an denen die Fluth der Ereignisse an- und abprallt, in schwache Hände das Schicksal eines Welttheils zu legen, wie sie umgekehrt oft kleine Dinge durch die stärksten erzielt. Solch ein Mann ist Louis Philipp; seine Anschließung an die dynastischen Prinzipien, so unerwartet von dem Sohne der Revolution, hat die Ruhe Europas gerettet, aber, weil zuwider dem Wunsche der Nation, und erreichbar nur durch geheime Wege, Frankreichs Ruhe untergraben. Frankreich konnte gedeihen, wenn ein Mann von Kraft, der Freiheit zugethan, aber souverän durch die Macht seiner Persönlichkeit, dem zerrissenen Wollen der Franzosen außerhalb Europas ruhmvolle Bahnen öffnete. Die Restauration hatte eine solche Erbschaft hinterlassen. Davon ist an Louis Philipp wenig zu sehen; eine ungemeine Gewandtheit, die man Weisheit nennt, eine eben so große Erfahrung, ein Herz, das für eigene Interessen am wärmsten schlägt, sind die Eigenschaften, die ihn charakterisiren. Wenn Napoleon Cäsar war, doch ohne die Güte seines Charakters, so ist Louis Philipp mit Oktavian zu vergleichen, der ihn gleichwohl in politischer Einsicht (freilich auch in Charakterfehlern) übertrifft. Sein Werk ist das Justemilieu, das ist die Kunst, aus den verschiedenen Zahlen einen Durchschnitt zu ziehen, den man fälschlich für eine Größe hält. Da diese Politik aller geistigen Wesenheit eben so sehr, als aller moralischen Kraft entbehrt, so ist Frankreich binnen zehn Jahren zu einer Zerrüttung herabgesunken, in deren Folge das sittliche Leben der Nation in einem Meere von Intriguen verschwimmt.Das Justemilieu also, weit entfernt, sie zu heilen, vermehrt die tiefe Erschöpfung des Geistes und Gemüths, worein die erste Umwälzung Frankreich gestürzt hat. In der Revolution liegt der Saame des Unkrauts, das heute dort so reichlich wuchert; schwerer als der dreißigjährige Krieg auf dem deutschen Volke gelastet hat, lastet sie noch auf dem französischen. Die Aufklärung hatte das religiöse Bewußtsein in Frankreich zerstört, die Revolution vernichtete vollends den moralischen Gehalt, und flößte den Gemüthern jene unselige Hast nach Neuem, den Geistern jene flatterhafte Unruhe ein, welche, ohnedieß im französischen Charakter begründet, durch ewiges Negiren jede positive Schöpfung im voraus unterwühlt oder wo sie da ist, mit dem Tode bedroht. In Deutschland hat eine innere und äußere Erhebung des Volksgeistes die Principien der „Aufklärung“ (der Voltaire’schen Zeit) umgestoßen; in Frankreich sind sie unwiderlegt bis auf diesen Tag, ja genährt durch die Dummheit der Restauration; und vergebens strebt man, mit äußeren Waffen die Gleichheit zu bekämpfen, die zu tief in der innern Anschauung der Gesellschaft gegründet ist. So verlangt der Pöbel seine Rechte; wie nach und nach im Mittelalter der Bürger, in der neuern Zeit der Bauer sie erhalten hat, so will auch der Proletarier zum „souveränen Volke“ gehören. Wie nun diese Klasse durch keine tiefere Beziehung an die Gesellschaft gebunden ist, als durch die äußere des Arbeiters zum Brodherrn, so scheut sie, um zu ihrem (nach den Principien so heiligem) Rechte zu gelangen, keine Mittel; aus ihrem Schooße gehen die Königsmörder hervor, deren gehäufte Zahl Europa in Staunen versetzt hat. Diesem Uebel, fressend am Kern des Staates, geschieht kein Einhalt (wie in England) durch den gesunden Sinn der Nation, durch die natürliche Achtung der Stände und des Ranges; vielmehr die letztere wird eben durch die höhern Klassen selbst verwischt, welche von Emporkömmlingen wimmeln, sei es des Geldes oder der Intrigue; denn auch das Talent, die einzige noch übrige Aristokratie, kann nur durch Geld oder Intrigue sich erheben. — An dieser Immoralität,an der allgemeinen, wie an der eignen, scheitern die wenigen Staatsmänner, die Frankreich besitzt. Es ist höchst bezeichnend für die Unnatur französischer Zustände, daß der mindeste Grad von Talent und Moralität unter den Anhängern des Justemilieu, des gegenwärtig herrschenden Systems sich findet, während die Republikaner unter allen den tüchtigsten Charakter, die Legitimisten eben so viel Geist entfalten; zwei Parteien, wovon die eine wegen der sittlichen Umkehr des Heiligsten, die andere wegen ihrer Dummheit von der Geschichte gerichtet ist. Dem Justemilieu kann weder Guizot, der Professor, tiefern doctrinellen Inhalt, noch Lamartine, der Poet, idealen Zauber geben. Der sprechendste Ausdruck des heutigen Franzosen, seines nationalen Wollens eben so sehr als seiner schweren Verdorbenheit, und einzig möglicher Mittler zwischen Krone und Volk, istThiers. Eine kleine Partei gibt es in Frankreich, welche in der Religion allein das Heilmittel für den gesunkenen Nationalgeist findet; in der Politik will sie gesetzliche Freiheit und Beschützung des Principes der Freiheit in Europa. Sie allein, obwohl gering an Zahl, enthältKeime des Lebens, die die Zukunft zur Reife bringen kann. Aber auch sie kann, selbst wenn sie mächtig wäre, Halt und Einheit ihrem Vaterlande nicht wiedergeben.So sind die Grundlagen des Staats, wie die des Volksbewußtseins in Frankreich vernichtet. So tiefe innere Zerrissenheit kann nur durch eben so tiefe innere Vorgänge geheilt werden. Dieselbe Weltanschauung, welche in einer großen Literatur sich ausgesprochen, in einer großen Umwälzung sich verkörpert hat, liegt jetzt in ihrer ganzen Oede der Welt vor Augen.Eine neue positive zu schaffen(d. h. sich selbst zu verjüngen), das ist dem französischen Geiste überhaupt nicht, am wenigsten in seiner heutigen Erschöpfung beschieden. Wir haben im ersten Theile gezeigt, wie diese den Deutschen vorbehalten sei. Unumwunden und bestimmt sei es hier ausgesprochen:Frankreich hat von Deutschland seine Rettung zu erwarten. Gleichwie im achtzehnten Jahrhundert die französischen PrinzipienDeutschland überfluthet, wie der französische Geist durch seine Kühnheit den deutschen bezwungen, ihn gestachelt und beflügelt hat, so wird jetzt wiederum der deutsche auf den französischen zurückströmen, wird die philosophischen und socialen Fragen, an deren vorschneller Behandlung er sich verblutet hat, ihm gelöset überantworten, wird neue Lebenskraft und die Fähigkeit, sich zu fassen und zu einigen, ihm wieder verleihen.Zu all den innern Uebeln gesellt sich in Frankreich die Centralisation, die einzige Maxime, welche seit Ludwig XI. durch alle Phasen seiner Geschichte sich gleichmäßig hindurchzieht, früher die Ursache seiner Macht, jetzt die Mehrerin des Verfalls, weil sie die Entwicklung der Provinzen, die Freiheit der Gemeinden und das Wachsthum der Kultur in gleichem Maße verhindert. Die Parteien, wenn auch nicht, wie sie jetzt sind, doch im Allgemeinen, werden in Frankreich niemals verschwinden. Aber, während sie jetzt, in Einem Punkte vereinigt und vergiftet durch die Verdorbenheit der Hauptstadt, sich gegenseitig verzehren, so würden sie als eben so viele Ausflüsse der Provinzialcharaktere das Gedeihen des Staates fördern. Politische und wissenschaftliche Intelligenz, Bildung und Tüchtigkeit kann erst, wenn die Provinzen sich emancipiren, in derganzenNation erwachen. Ich glaube, daß die Befestigung von Paris, obwohl der Triumph des Centralsystems, wie der Dynastie überhaupt, die Franzosen von einer geistigen Tyrannei befreien wird, gegen die sie jetzt, inmitten aller gerühmten Freiheit, kaum zu sprechen wagen, ja die sie kaum fühlen. Das befestigte Paris, unfähig der innern Gewalt zu widerstehen, begibt sich des Vorgangs, den es in allen Umwälzungen und Staatsstreichen geübt, und der Geist des Volkes, bisher ein Eigenthum der Pariser, wird bei der nächsten Krise sich auf die Provinzen legen. Deutschland und Frankreich bilden hierin ein reines Widerspiel: zur Zeit der sächsischen und fränkischen Kaiser war Frankreich unendlich zersplittert; je mehr die kaiserliche Macht verlor, desto mehr gewann die königliche; Deutschland war kaum noch föderirt, während unter Ludwig XVI.und von ihm bis Napoleon die Centralisation culminirte. In unsrer Zeit werden Beide sich begegnen (ohngefähr wie in der Mitte des Mittelalters): Deutschland wird durch nationale Einheit desBewußtseinsdem centralistischen, Frankreich durch die Opposition der Provinzen dem föderalen Principe sich nähern.Als erste romanische Macht hat Frankreich Einfluß in Afrika, in der Levante, im Mittelmeere zu suchen, es hat Spanien und Portugal an seine Politik zu fesseln. Alles das wird wenig erkannt, noch schlechter geleitet. Algier ist durch ungeschickte Verwaltung, durch ewigen Wechsel der Systeme, durch schwankenden Willen der wunde Fleck des Staats geworden. Man begriff die Wichtigkeit Egyptens und beschützte den Pascha. Aber statt seine Barbarei im Zaume zu halten, statt die Oberflächlichkeit seiner Civilisation zu bessern, gab man sich kindischen Täuschungen hin, und als die Zeit der Gefahr nahte, wurde der Schützling verlassen. Der Einfluß im Orient wurde verloren. In Spanien hat die zweideutige, unwissende Politik der Franzosen die Zuneigung der Nation auf lange untergraben. Die sonstigen Unternehmungen sind Spielereien, denen nicht nur geistige Bedeutung, sondern auch jeder moralische Nachdruck fehlt.In Folge davon wirft sich der Volksgeist, von neuen Erinnerungen getrieben, von uralter Eitelkeit gestachelt, auf das germanische Europa. Bittere Erfahrungen müssen den Franzosen zeigen, daß sie weder die Erstgebornen der Civilisation, noch das herrschende Volk des Kontinents sind, wofür sie sich halten.Die Politik der älteren Bourbonen (obwohl in andern Dingen einsichtsvoller, als die jetzige), die Revolution und Napoleon, heutzutage Legitimisten und Republikaner, Alle kommen darin überein, sich auf deutsche Kosten zu bereichen. Dagegen ist mit Worten nicht zu kämpfen; seit der Reformation kennen die Franzosen kein anderes, als ein zersplittertes Deutschland, ja selbst besiegt von den Deutschen sind sie gewohnt, in den Friedensschlüssendie Sieger zu täuschen (wie im Rastadter Frieden 1714, im ersten und zweiten Pariser Frieden); deutsche Kraft konnten sie um so weniger achten lernen, als die Deutschen niemals anders, denn mit Alliirten gesiegt haben, als auch Napoleon nicht von Deutschland, sondern von Europa überwunden worden ist. Man wundert sich, daß die französische Nation auch jetzt noch die Schwäche eines Nachbarn benutzen will, den sie Jahrhunderte lang ausgebeutet hat. Wir würden dasselbe thun, und haben in Polen dasselbe gethan. Die Polen aber haben uns gehaßt, die Theilung von Polen war ein Gewaltstreich; die Franzosen sind von uns geliebt, bewundert, nachgeahmt und nachgeschrieben worden, ja noch letzthin, als die Lockpfeife der Juliusrevolution erschallte, haben deutsche Affen und deutsche Bären ihr nachgetanzt; wie sollten da die französischen Begriffe sich ändern? Darum ist es wohl nützlich, in der Presse den französischen Anmaßungen zu begegnen, deutschen Sinn endlich einmal in ihre Ohren zu schreien, aber damit ihre Köpfe zurecht zu setzen, das wäre thörichte Einbildung.Thatenallein, große und schwere Thaten vermögen das; ein Bewußtsein, auch das tüchtigste, wenn wir ein solches hätten, läßt sich Andern nimmermehr einflößen; haben wir doch schon früher, 1813-1816, antifranzösisch gesprochen und geschrieben, und im Uebermaß, aber nur um nachher desto lächerlicher zu werden. Warum war die französische Politik so gesund im Mittelalter, ausgebreitet nach dem Orient, bescheiden gegen Deutschland? Weil wir groß waren und unantastbar, weil durch Thaten, nicht mit Worten jede französische Anmaßung gezüchtigt wurde. Lasset Macht und Stärke, Kraft und Einheit wieder erstehen, lasset im Osten oder Westen, im Norden oder Süden ein deutsches Werk geschehen von altgewaltiger Art, lasset ihnen sehen, daß Deutschland ein anderes, ein ganz anderes geworden ist, zeigt es ihnen, daß sie’s mit Händen greifen und fassen, mit Augen und Ohren sehen und hören, mit Sinnen spüren müssen — und das alberne Geschrei nach der Rheingränzewird im Nu verstummen, man wird sich schmeicheln, von dem nichts einzubüßen, was man bisher noch behalten hat[14].Dann erst, wenn wir das Verständniß unserer Natur, ein ungeahntes Verständniß, den Franzosen eröffnet haben, dann erst und früher nicht, wird die wahre Stellung zu Deutschland sich entwickeln, die einzige, die den Franzosen selbst, wie dem europäischen Organismus frommt. Diese soll eine friedliche, freundliche sein, als der ersten romanischen zur ersten germanischen Nation, getragen von dem natürlichen Verkehr, der die zwei wichtigsten Kulturvölker Europas verbindet, von der Ehrfurcht, die dem romanischen Geiste gegen den germanischen, von der Achtung die diesem gegen jenen geziemt. Die Franzosen sind die besten Soldaten Europas, wir größere Männer. Sie sind geschickter in diplomatischen Künsten, wir in der großen Politik, in aller tiefern Staatskunst ihnen überlegen. Sie schreiben klar und verständlich, wo wir oft dunkel und unschön, aber unwissend und oberflächlich, wo wir gutunterrichtet und gründlich. Sie raisonniren, wo wir denken; sie haben ein Ehrgefühl, das allezeit entzündet wird, wir eine Begeisterung, die nur selten unser Phlegma durchbricht, dann aber allen und jeden Widerstand überwindet. Eifersüchtig auf ihre Institutionen, sind sie doch geneigter als irgend ein Volk in Europa, despotisch beherrscht zu werden; gehorsamer als alle übrigen, sind wir trotz dem am fähigsten, diewahre Freiheit (die staatliche wenigstens, wenn auch nicht die persönliche, in welcher die Engländer voranstehen) uns zu schaffen und sie zu genießen. Der französische Gesichtskreis ist gebannt in französische Begriffe, der unsrige umfaßt die ganze Erde; der eine drängt sich gewaltsam den Fremden auf, der andere verliert in der Weite zuweilen sich selbst. Der französische Charakter ist weiblich mit der Liebenswürdigkeit des Weibes, der deutsche männlich mit aller Größe des Mannes, aber auch mit den Fehlern, deren Benutzung dem andern Geschlechte zuweilen die Oberhand gibt. All diese entgegengesetzten Eigenschaften, diese Reihe von äußern Tugenden auf der einen, von innern Kräften auf der andern Seite, sind vortrefflich gemacht, sich zu reiben und immer wieder zu finden, im Interesse der Civilisation sich zu ergänzen.Man ist gewöhnt, die Franzosen als dashandelnde, die Deutschen als dasdenkendeVolk anzusehn. Das ist unsäglicher Irrthum. Französische Gedanken haben in der neuern Zeit Europa ebenso umgewälzt, als ehedem die guten deutschen Schwerter. Es gibt nur Ein entscheidendes Merkmal, das im letzten Grunde die französische und deutsche Natur, wie überhauptromanisches und germanisches Wesenauseinanderhält. DieIntentionüberwiegt bei den Franzosen, dieinnere Kraftbei den Deutschen. Die Franzosen haben, in der Idee wie in der That, ein großartiges Wollen gezeigt; aber Vollbringen, das fehlt ihnen. Die wahre Weltanschauung, den wahren Staat, die organische Ordnung von Europa — das Alles haben siegewollt, ohne es zukönnen. Die Deutschen dagegen, mit einer Kraft der Natur, wie sie außer dem römischen keinem Volk der Geschichte gegeben war, mit einem Geiste begabt, der alle heutigen Nationen überragt und nur mit den alten Hellenen wetteifert, ermangeln jenes lebhaften Stachels, jener Intention, die nach Großem begehrt, auch ohne tiefere Rechtfertigung. Deßhalb haben sie gewartet, unter Schmach und Elend, und warten noch, bis die Zeit erfüllet sein wird, da ihre Natur die innere Sättigung gefunden hat. Alsdann werden sie thun, was jene zu thun gestrebt, und die gemesseneRuhe ihres Wollens wird, wenn sie die Höhe erklommen, die Frankreich umsonst zu erklimmen versucht, Europen der Bürge der Freiheit sein. Denn das Geheimniß sowohl als die Sünde der Gewaltherrschaft liegt darin, daß Völker oder Einzelne das Maß ihrer Sendung überschreiten, daß sie zu wollen sich vermessen, was sie nicht vermögen. So hat auch in Napoleon, als dem höchsten romanischen Herrscher, die Intention das innere Maß überwogen: Diktator war er mit Recht und Fug der romanischen Staaten, und fiel, da er strebte, noch mehr zu sein. Die Deutschen dagegen sind eher geneigt, ihre Würde zu vergessen, als unbefugt sie auszudehnen. Germanisches Phlegma soll durch die Lebhaftigkeit französischen Wollens gereizt, romanische Elasticität von der deutschen Kraft daniedergehalten werden: das gibt Friede, Freiheit und Einheit dem Welttheil.Die pyrenäische Halbinsel.In dem Maße, als der Katholicismus inSpanientiefer gegründet, als er durch Literatur und Philosophie weniger erschüttert, als der Thron (sein Verbündeter) unantastbarer gegründet war, in demselben Maße geschah die spanische Revolution langsamer, unregelmäßiger, mit Rückfällen abwechselnd, bis auf unsere Tage fortwühlend. Das spanische Volk war in so unerhörte Knechtschaft des Geistes und Gemüths gekettet, daß der Anstoß von außen kommen mußte. Napoleons Invasion war eine Wohlthat für dieß Land; freisinnige Institutionen, Erlösung, Civilisation konnte er sich in Wahrheit rühmen, den Spaniern zu bringen. Der erbitterte Kampf, den sie führten, ist nicht (wie der deutsche) der Sieg eines erwachenden Volkes gegen Fremdherrschaft; es waren Parteifehden, mit rasender Wuth befleckt; das Volk war von den Priestern geleitet. Mittlerweile hatten die neuen Ideen in den Gebildeten Macht gewonnen; diese Klasse, in Abwesenheit des Hofes regierend, schuf die Konstitution von 1812. Seitdem haben sich in ewigem Wechsel Liberalismus und Absolutismus verdrängt, bis der Vertrag von Bergara in der Person des Prätendenten die alte spanischeMonarchie auf ewig vernichtete. Ihren Rückhalt hatte sie an den baskischen Provinzen gefunden, deren mittelalterlich freier Charakter der Centralisation widerstrebte, mit der der Liberalismus (nach französischem Vorbild) ihre Freiheiten bedrohte, und heute noch bedroht. Wie sollte ein Volk gedeihen, welches, durch Jahrhunderte geknechtet, die neuen Ideen, selbst wenn sie in seiner Mitte aufgetaucht wären, nur sehr allmählig sich aneignen konnte; wie viel mehr, wenn es zwischen englischen und französischen Einflüssen umhergeworfen, selbst sich nicht bewußt wurde! Eine Heldenkraft Einzelner zeigt sich in den Jahren 12 und 20, welche Bewunderung abdringt; selbst im Krieg der Christinos und Karlisten finden sich noch erquickliche Züge: die ganze Hohlheit und Faulheit des Liberalismus hat sich erst entfaltet, seit er gesiegt. Spanien ist wie verweset; kein Talent, kein Charakter erhebt sich, die Helden von früherhin (wie Arguelles, Calatrava) sind erbärmlich zusammengeschrumpft, die neuen sind Halbmenschen an Geist und Gemüth: der Zustand läßt sich mit den sinkenden Zeiten des Direktoriums in Frankreich vergleichen. Nun fehlt der Nation aller Ausweg, alle Macht nach außen, und doch ist’s Thatkraft allein, wobei der Spanier gedeiht. Dasselbe Volk, das in unaufhörlichen Kriegen zum Volke geworden, das kaum geworden, achthundert Jahre gegen die Araber, später auf dem Gipfel der europäischen und der Kolonialmacht, gegen die Ureinwohner Amerikas lange Zeit gekämpft hat, ist jetzt auf die Philippinen beschränkt; und da ihm jedes Feld verschlossen, so wüthet es (seiner Natur gemäß) in den eigenen Eingeweiden. Eine Mischung von Indolenz und Feuer, von Duldung und Freiheitssinn liegt in den Spaniern, welche sie der äußersten Extreme fähig macht. Ebendeßhalb ist hier, wie in Frankreich, vor der Hand nur die Eine Aufgabe gestellt: in oder außerhalb Europas, sei es in Portugal oder in Afrika, den durstigen Nationalgeist zu befriedigen, zu diesem Zweck die Seemacht herzustellen, durch eine mächtige (wenn auch scheinbar unsinnige) That die wirren Geister auf Ein Ziel zu lenken. Das Alles könnte in diesem Augenblick nur Einer; aber diesem Einen fehlt der höhere Sinn. Espartero— den meine ich — ist weder ein Cromwell noch ein Stück von Napoleon; er ist der spanische Louis Philipp, mit viel weniger Geist und Feinheit; nothwendig, wie der König der Franzosen, für die Mittelklasse, weil das marklose Geschlecht Menschen braucht, die durch allerlei Künste einen halben Zustand erhalten, so lange, bis eine höhere Macht neuen Odem den Leichnamen einhaucht. Die Geschichte der Regentschaft in Spanien wird sich, wie die des Bürgerkönigthums, einzig darum drehen, mit welchen Parteien und gegen welche der Regent sich erhält, nicht darum, wie viel oder was im Staat und für den Staat geschieht.Spaniens trauriges Abbild ist Portugal. Als gegen das Ende der arabischen Herrschaft die christlichen Nationen der Halbinsel zu innerer Blüthe, durch die See zu äußerer Macht gelangten, war Portugals blühende Zeit; Castilianer, Arragonesen, Portugisen waren damals gleich verschieden, und sind es noch heute. Nur die tyrannische Regierung der Philippe und die Erinnerung der einstigen Größe hat die Portugisen entfremdet. Es ist aber kein Heil in der Trennung; nur dazu war sie geeignet, englische Habsucht zu stillen, Portugal zur Kolonie herabzuwürdigen, dadurch zwei Tendenzen in die Halbinsel einzuführen, deren Zwist die innere Zerrüttung schürt. Portugal glaubte groß zu werden, indem es vom Ganzen sich schied, und an Fremdes sich stützte. Wir haben Aehnliches in Deutschland gesehen. Die Zukunft verlangt organisches Leben; dieselbe Zeit, in der die Halbinsel aus der wüsten Vergangenheit erstehen wird,muß Portugal und Spanien einigen; so nämlich, wie auch Spanien nur geeinigt werden kann durch freie Entwicklung des Provinzialgeistes.Die Natur hat die Romanen diesseits und die jenseits der Pyrenäen zum engsten Bündniß geschaffen. Nur so lange Habsburger in Spanien regieren, so lange vongermanischenTendenzen das romanische Land durchkreuzt wird, sehen wir sie zerrissen. Die ältern Bourbonen knüpften sie wieder; und erst die heutige Politik, weil ohne alle höhere Uebersicht, hat sie wieder zerrissen. Ohne der innern Bande oder des Kulturverhältnisses zu gedenken,so sind beide Länder durch Lage und Natur darauf hingewiesen, zu Lande und zur See zugleich ihre Macht zu entfalten. Die Geschichte hat gezeigt, daß selbst Frankreich dieser doppelten Aufgabe nur schwer genügen mag. Beide vereinigt, erfüllen sie: französische und spanische Flotten, verbündet, sind fähig, die englische Herrschaft im Mittelmeere zu durchbrechen, im Uebrigen ihr das Gleichgewicht zu halten. Frankreich, Spanien, Portugal haben Ein Interesse gegen England, Ein und dasselbe in Afrika.Afrika, das Land der Vergangenheit, erwartet eine Zukunft. Seine Küsten, von Habesch bis Algier, von Algier bis Guinea, sind romanischer Boden; vom Süden herauf wirken germanische Kolonien. Umspannt in fortlaufender Linie, muß es endlich sein Inneres erschließen. Der alte Kampf gegen das muhamedanisch-arabische Princip hat hier sich erneuert, und wird sich, weil es tief in ganz Afrika wurzelt, noch öfter erneuern. Warum soll Aegypten, Mauretanien, Numidien nicht werden, was sie ehedem waren: Pflanzstätten europäischer Kultur? Es ist ein herrliches Werk, die verdorbenen, zerrütteten Stämme Nordafrikas zu bändigen, Keime des Lebens in das altchristliche Abyssinien, und allmählig unter die Neger zu streuen. Was noch Geist hat und Leben, das soll nicht vertilgt werden; die Wüste ist der Araber Heimath, die soll ihnen bleiben. Ich glaube indessen, daß die heutige Okkupation der Franzosen in Afrika mit der Zeit den Spaniern und Portugiesen anheimfallen wird. In Algier muß Neues gegründet und geschaffen werden; in Aegypten sind europäische Saaten schon gepflanzt. Nach Algier gehören die Eroberer von Mexiko; Aegypten ist vielleicht das einzige Land der Welt, das die Franzosen kolonisiren können. Ludwig der Heilige und Bonaparte waren am Nil. Der ägyptische Volksgeist, wenn erst der türkische Einfluß erloschen ist, bietet keinen Widerstand. Es gibt im Orient zwei große Straßen, in die sich Europa theilen muß: die romanische geht durch den arabischen, die germanische durch den persischen Meerbusen. Jene lehnt sich an Aegypten, diese an Syrien und Mesopotamien. —Unter den Staaten, die wir bisher betrachtet, übt Frankreich die natürliche Hegemonie. Spanien kann sie nicht fordern, weder nach der gegenwärtigen Lage, noch überhaupt nach Ansprüchen der Natur. Der spanische Charakter ist männlicher als der französische und gediegener; aber der romanische Typus, reiner ausgedrückt im französischen, gibt diesem die Oberhand, während das gothische Element die Spanier zum germanischen Princip (daher habsburgische Herrschaft und englischer Einfluß) auseinander zieht. Auch größere Kolonialmacht, höherer seemännischer Geist erhebt die Spanier nicht über die Franzosen: diese sind nächst den Deutschen das europäischste Volk Europens, zu innerer Wirkung bestimmt, und deßhalb gering in überseeischen Eroberungen. Aeußere Schwäche ist hier gleich innerer Stärke.Der Liberalismus wurzelt in Frankreich auf französisch nationalen Principien; in Spanien war er Hülfsmittel der politischen Emancipation, die Weltanschauung, die ihm zu Grunde liegt, widerspricht dem spanischen Naturell, welchesreligiösist durch und durch und abhold dem modernen Verstande. Dieser Widerspruch hat in Spanien unendliche Verwirrung und Wüstheit erzeugt, aber der Volkskern, weil weniger tief berührt, ist eben dadurch gesunder geblieben, als in Frankreich. Eine Lösung der großen Probleme verlangt der spanische Geist so dringlich, so unmittelbar als der französische, nur in anderer Weise. Während der letztere einer gerechtfertigten philosophischen Weltanschauung bedarf, weil er an falscher sich verblutet, will der erstere Restauration des religiösen Lebens, um unbekümmert vom Zweifel sich in dem zu ergehen, was seine Lust ist. Das sind die zwei Wege, deren einen oder andern jede höhere Volksnatur ergreift: ein neues Princip ersehnen die Einen, doch ohne die Schrecken socialer Umkehr; die alte Religion die Andern, aber ohne den alten Absolutismus, mit politischer Freiheit.Neues zu finden, durch das Gefundene Altes zu beleben, ist die Aufgabe der europäischen Menschheit.

Um französisches Gefühl, um die Täuschungen französischer Politik zu begreifen, darf man nie vergessen, daß seit Richelieu Frankreich den mächtigsten Staat Europas gebildet, daß es in der Civilisation (gleichviel hier ob in wahrer oder falscher), in Kriegskunst und Administration lange Zeit hindurch der Lehrmeister Europas gewesen, daß keine Macht ihm gegenüberstand, welche für den einheitlichen Ausdruck germanischen Volksthums gelten konnte, daß die Franzosen, sonach gewöhnt an die erste Stellung, in der Revolution auf eine geistige, durch Napoleon auf eine politische Höhe erhoben wurden, die ihr Bewußtsein verrückenmußte, daß endlich der wahre Grund französischer Größe in einem inneren Vorgang liegt, dessen Falschheit einzusehen auch heute noch nur den tiefer Denkenden beschieden ist. Mit Einem Wort, da seit dem westphälischen Frieden keine Nation mächtiger auf die Gestaltung und Kultur Europas gewirkt hat, als die französische, da die Deutschen zwar unendlich viel gedacht und geschrieben, aber Nichtsgethanhaben, um den Franzosen ihr Uebergewicht zu beweisen, so sind die französischen Prätensionen,obwohl falsch und hohl, doch des vornehmen Gelächters nicht werth, das von so Vielen aufgeschlagen wird, welche, warum sie falsch und hohl sind, nicht zu sagen vermöchten. Gerechtigkeit vor Allem geziemt der unparteiischen Betrachtung; sie zu üben, muß sie in das Bewußtsein der Nation sich versetzen, von der sie zu sprechen hat.

Die Betäubung, durch zweimalige Invasion, der Schlummer, worein die ungeheuern Erlebnisse der Revolution und des Kaiserreichs die Franzosen versetzt, machten fünfzehn Jahre lang die Restauration möglich, eine Regierung, die an 1788 anknüpfte. In der Juliusrevolution erwachte Frankreich. Man besann sich, was Frankreich gewollt; die Macht der Idee wurde wieder lebendig, Frankreich wieder der erste liberale Staat. Was die Revolution Herrliches geleistet, sollte in der konstitutionellen Monarchie, was das Kaiserthum Großes gethan, sollte auf dem Wege des Geistes, durch die Sympathie der Völker sich wiederholen. Es schien, als sollte der neue Tag der wahren Freiheit über die Völker hereinbrechen. Es war ein großer Irrthum; kein Volk kann von der Vergangenheit zehren, insonderheit wenn diese selbst der innern Wahrheit entbehrt. Ein neues Princip war nicht gefunden; nur das Beste von Allem sollte in Auszug genommen werden. So geschah, daß Frankreich aus eben so viel Parteien besteht, als es seit 1789 Epochen durchlebt hat.

Europa zerfiel wieder in zwei große Lager; diese ordneten sich klarer, indem die Quadrupelallianz der Tripelallianz entgegentrat;und das Gleichgewicht erhielt seine letzte Ausbildung. Als die erste französische Revolution dem Sturme gleich die morschen Stützen des europäischen Wesens zu entwurzeln drohte, schickte Gott, um Europa zu retten, uns einen Titanen. Auch die zweite drohte ähnliches Unheil, auch damals schien ein Principienkrieg Europa verheeren zu wollen; aber wie sie nur ein Nachhall war der ersten, so war jetzt nur die Klugheit eines berechnenden Mannes nöthig, um den Frieden zu wahren. Zuweilen beliebt es der Vorsehung, einzelne Menschen zu Ecksteinen zu stempeln, an denen die Fluth der Ereignisse an- und abprallt, in schwache Hände das Schicksal eines Welttheils zu legen, wie sie umgekehrt oft kleine Dinge durch die stärksten erzielt. Solch ein Mann ist Louis Philipp; seine Anschließung an die dynastischen Prinzipien, so unerwartet von dem Sohne der Revolution, hat die Ruhe Europas gerettet, aber, weil zuwider dem Wunsche der Nation, und erreichbar nur durch geheime Wege, Frankreichs Ruhe untergraben. Frankreich konnte gedeihen, wenn ein Mann von Kraft, der Freiheit zugethan, aber souverän durch die Macht seiner Persönlichkeit, dem zerrissenen Wollen der Franzosen außerhalb Europas ruhmvolle Bahnen öffnete. Die Restauration hatte eine solche Erbschaft hinterlassen. Davon ist an Louis Philipp wenig zu sehen; eine ungemeine Gewandtheit, die man Weisheit nennt, eine eben so große Erfahrung, ein Herz, das für eigene Interessen am wärmsten schlägt, sind die Eigenschaften, die ihn charakterisiren. Wenn Napoleon Cäsar war, doch ohne die Güte seines Charakters, so ist Louis Philipp mit Oktavian zu vergleichen, der ihn gleichwohl in politischer Einsicht (freilich auch in Charakterfehlern) übertrifft. Sein Werk ist das Justemilieu, das ist die Kunst, aus den verschiedenen Zahlen einen Durchschnitt zu ziehen, den man fälschlich für eine Größe hält. Da diese Politik aller geistigen Wesenheit eben so sehr, als aller moralischen Kraft entbehrt, so ist Frankreich binnen zehn Jahren zu einer Zerrüttung herabgesunken, in deren Folge das sittliche Leben der Nation in einem Meere von Intriguen verschwimmt.

Das Justemilieu also, weit entfernt, sie zu heilen, vermehrt die tiefe Erschöpfung des Geistes und Gemüths, worein die erste Umwälzung Frankreich gestürzt hat. In der Revolution liegt der Saame des Unkrauts, das heute dort so reichlich wuchert; schwerer als der dreißigjährige Krieg auf dem deutschen Volke gelastet hat, lastet sie noch auf dem französischen. Die Aufklärung hatte das religiöse Bewußtsein in Frankreich zerstört, die Revolution vernichtete vollends den moralischen Gehalt, und flößte den Gemüthern jene unselige Hast nach Neuem, den Geistern jene flatterhafte Unruhe ein, welche, ohnedieß im französischen Charakter begründet, durch ewiges Negiren jede positive Schöpfung im voraus unterwühlt oder wo sie da ist, mit dem Tode bedroht. In Deutschland hat eine innere und äußere Erhebung des Volksgeistes die Principien der „Aufklärung“ (der Voltaire’schen Zeit) umgestoßen; in Frankreich sind sie unwiderlegt bis auf diesen Tag, ja genährt durch die Dummheit der Restauration; und vergebens strebt man, mit äußeren Waffen die Gleichheit zu bekämpfen, die zu tief in der innern Anschauung der Gesellschaft gegründet ist. So verlangt der Pöbel seine Rechte; wie nach und nach im Mittelalter der Bürger, in der neuern Zeit der Bauer sie erhalten hat, so will auch der Proletarier zum „souveränen Volke“ gehören. Wie nun diese Klasse durch keine tiefere Beziehung an die Gesellschaft gebunden ist, als durch die äußere des Arbeiters zum Brodherrn, so scheut sie, um zu ihrem (nach den Principien so heiligem) Rechte zu gelangen, keine Mittel; aus ihrem Schooße gehen die Königsmörder hervor, deren gehäufte Zahl Europa in Staunen versetzt hat. Diesem Uebel, fressend am Kern des Staates, geschieht kein Einhalt (wie in England) durch den gesunden Sinn der Nation, durch die natürliche Achtung der Stände und des Ranges; vielmehr die letztere wird eben durch die höhern Klassen selbst verwischt, welche von Emporkömmlingen wimmeln, sei es des Geldes oder der Intrigue; denn auch das Talent, die einzige noch übrige Aristokratie, kann nur durch Geld oder Intrigue sich erheben. — An dieser Immoralität,an der allgemeinen, wie an der eignen, scheitern die wenigen Staatsmänner, die Frankreich besitzt. Es ist höchst bezeichnend für die Unnatur französischer Zustände, daß der mindeste Grad von Talent und Moralität unter den Anhängern des Justemilieu, des gegenwärtig herrschenden Systems sich findet, während die Republikaner unter allen den tüchtigsten Charakter, die Legitimisten eben so viel Geist entfalten; zwei Parteien, wovon die eine wegen der sittlichen Umkehr des Heiligsten, die andere wegen ihrer Dummheit von der Geschichte gerichtet ist. Dem Justemilieu kann weder Guizot, der Professor, tiefern doctrinellen Inhalt, noch Lamartine, der Poet, idealen Zauber geben. Der sprechendste Ausdruck des heutigen Franzosen, seines nationalen Wollens eben so sehr als seiner schweren Verdorbenheit, und einzig möglicher Mittler zwischen Krone und Volk, istThiers. Eine kleine Partei gibt es in Frankreich, welche in der Religion allein das Heilmittel für den gesunkenen Nationalgeist findet; in der Politik will sie gesetzliche Freiheit und Beschützung des Principes der Freiheit in Europa. Sie allein, obwohl gering an Zahl, enthältKeime des Lebens, die die Zukunft zur Reife bringen kann. Aber auch sie kann, selbst wenn sie mächtig wäre, Halt und Einheit ihrem Vaterlande nicht wiedergeben.

So sind die Grundlagen des Staats, wie die des Volksbewußtseins in Frankreich vernichtet. So tiefe innere Zerrissenheit kann nur durch eben so tiefe innere Vorgänge geheilt werden. Dieselbe Weltanschauung, welche in einer großen Literatur sich ausgesprochen, in einer großen Umwälzung sich verkörpert hat, liegt jetzt in ihrer ganzen Oede der Welt vor Augen.Eine neue positive zu schaffen(d. h. sich selbst zu verjüngen), das ist dem französischen Geiste überhaupt nicht, am wenigsten in seiner heutigen Erschöpfung beschieden. Wir haben im ersten Theile gezeigt, wie diese den Deutschen vorbehalten sei. Unumwunden und bestimmt sei es hier ausgesprochen:Frankreich hat von Deutschland seine Rettung zu erwarten. Gleichwie im achtzehnten Jahrhundert die französischen PrinzipienDeutschland überfluthet, wie der französische Geist durch seine Kühnheit den deutschen bezwungen, ihn gestachelt und beflügelt hat, so wird jetzt wiederum der deutsche auf den französischen zurückströmen, wird die philosophischen und socialen Fragen, an deren vorschneller Behandlung er sich verblutet hat, ihm gelöset überantworten, wird neue Lebenskraft und die Fähigkeit, sich zu fassen und zu einigen, ihm wieder verleihen.

Zu all den innern Uebeln gesellt sich in Frankreich die Centralisation, die einzige Maxime, welche seit Ludwig XI. durch alle Phasen seiner Geschichte sich gleichmäßig hindurchzieht, früher die Ursache seiner Macht, jetzt die Mehrerin des Verfalls, weil sie die Entwicklung der Provinzen, die Freiheit der Gemeinden und das Wachsthum der Kultur in gleichem Maße verhindert. Die Parteien, wenn auch nicht, wie sie jetzt sind, doch im Allgemeinen, werden in Frankreich niemals verschwinden. Aber, während sie jetzt, in Einem Punkte vereinigt und vergiftet durch die Verdorbenheit der Hauptstadt, sich gegenseitig verzehren, so würden sie als eben so viele Ausflüsse der Provinzialcharaktere das Gedeihen des Staates fördern. Politische und wissenschaftliche Intelligenz, Bildung und Tüchtigkeit kann erst, wenn die Provinzen sich emancipiren, in derganzenNation erwachen. Ich glaube, daß die Befestigung von Paris, obwohl der Triumph des Centralsystems, wie der Dynastie überhaupt, die Franzosen von einer geistigen Tyrannei befreien wird, gegen die sie jetzt, inmitten aller gerühmten Freiheit, kaum zu sprechen wagen, ja die sie kaum fühlen. Das befestigte Paris, unfähig der innern Gewalt zu widerstehen, begibt sich des Vorgangs, den es in allen Umwälzungen und Staatsstreichen geübt, und der Geist des Volkes, bisher ein Eigenthum der Pariser, wird bei der nächsten Krise sich auf die Provinzen legen. Deutschland und Frankreich bilden hierin ein reines Widerspiel: zur Zeit der sächsischen und fränkischen Kaiser war Frankreich unendlich zersplittert; je mehr die kaiserliche Macht verlor, desto mehr gewann die königliche; Deutschland war kaum noch föderirt, während unter Ludwig XVI.und von ihm bis Napoleon die Centralisation culminirte. In unsrer Zeit werden Beide sich begegnen (ohngefähr wie in der Mitte des Mittelalters): Deutschland wird durch nationale Einheit desBewußtseinsdem centralistischen, Frankreich durch die Opposition der Provinzen dem föderalen Principe sich nähern.

Als erste romanische Macht hat Frankreich Einfluß in Afrika, in der Levante, im Mittelmeere zu suchen, es hat Spanien und Portugal an seine Politik zu fesseln. Alles das wird wenig erkannt, noch schlechter geleitet. Algier ist durch ungeschickte Verwaltung, durch ewigen Wechsel der Systeme, durch schwankenden Willen der wunde Fleck des Staats geworden. Man begriff die Wichtigkeit Egyptens und beschützte den Pascha. Aber statt seine Barbarei im Zaume zu halten, statt die Oberflächlichkeit seiner Civilisation zu bessern, gab man sich kindischen Täuschungen hin, und als die Zeit der Gefahr nahte, wurde der Schützling verlassen. Der Einfluß im Orient wurde verloren. In Spanien hat die zweideutige, unwissende Politik der Franzosen die Zuneigung der Nation auf lange untergraben. Die sonstigen Unternehmungen sind Spielereien, denen nicht nur geistige Bedeutung, sondern auch jeder moralische Nachdruck fehlt.

In Folge davon wirft sich der Volksgeist, von neuen Erinnerungen getrieben, von uralter Eitelkeit gestachelt, auf das germanische Europa. Bittere Erfahrungen müssen den Franzosen zeigen, daß sie weder die Erstgebornen der Civilisation, noch das herrschende Volk des Kontinents sind, wofür sie sich halten.

Die Politik der älteren Bourbonen (obwohl in andern Dingen einsichtsvoller, als die jetzige), die Revolution und Napoleon, heutzutage Legitimisten und Republikaner, Alle kommen darin überein, sich auf deutsche Kosten zu bereichen. Dagegen ist mit Worten nicht zu kämpfen; seit der Reformation kennen die Franzosen kein anderes, als ein zersplittertes Deutschland, ja selbst besiegt von den Deutschen sind sie gewohnt, in den Friedensschlüssendie Sieger zu täuschen (wie im Rastadter Frieden 1714, im ersten und zweiten Pariser Frieden); deutsche Kraft konnten sie um so weniger achten lernen, als die Deutschen niemals anders, denn mit Alliirten gesiegt haben, als auch Napoleon nicht von Deutschland, sondern von Europa überwunden worden ist. Man wundert sich, daß die französische Nation auch jetzt noch die Schwäche eines Nachbarn benutzen will, den sie Jahrhunderte lang ausgebeutet hat. Wir würden dasselbe thun, und haben in Polen dasselbe gethan. Die Polen aber haben uns gehaßt, die Theilung von Polen war ein Gewaltstreich; die Franzosen sind von uns geliebt, bewundert, nachgeahmt und nachgeschrieben worden, ja noch letzthin, als die Lockpfeife der Juliusrevolution erschallte, haben deutsche Affen und deutsche Bären ihr nachgetanzt; wie sollten da die französischen Begriffe sich ändern? Darum ist es wohl nützlich, in der Presse den französischen Anmaßungen zu begegnen, deutschen Sinn endlich einmal in ihre Ohren zu schreien, aber damit ihre Köpfe zurecht zu setzen, das wäre thörichte Einbildung.Thatenallein, große und schwere Thaten vermögen das; ein Bewußtsein, auch das tüchtigste, wenn wir ein solches hätten, läßt sich Andern nimmermehr einflößen; haben wir doch schon früher, 1813-1816, antifranzösisch gesprochen und geschrieben, und im Uebermaß, aber nur um nachher desto lächerlicher zu werden. Warum war die französische Politik so gesund im Mittelalter, ausgebreitet nach dem Orient, bescheiden gegen Deutschland? Weil wir groß waren und unantastbar, weil durch Thaten, nicht mit Worten jede französische Anmaßung gezüchtigt wurde. Lasset Macht und Stärke, Kraft und Einheit wieder erstehen, lasset im Osten oder Westen, im Norden oder Süden ein deutsches Werk geschehen von altgewaltiger Art, lasset ihnen sehen, daß Deutschland ein anderes, ein ganz anderes geworden ist, zeigt es ihnen, daß sie’s mit Händen greifen und fassen, mit Augen und Ohren sehen und hören, mit Sinnen spüren müssen — und das alberne Geschrei nach der Rheingränzewird im Nu verstummen, man wird sich schmeicheln, von dem nichts einzubüßen, was man bisher noch behalten hat[14].

Dann erst, wenn wir das Verständniß unserer Natur, ein ungeahntes Verständniß, den Franzosen eröffnet haben, dann erst und früher nicht, wird die wahre Stellung zu Deutschland sich entwickeln, die einzige, die den Franzosen selbst, wie dem europäischen Organismus frommt. Diese soll eine friedliche, freundliche sein, als der ersten romanischen zur ersten germanischen Nation, getragen von dem natürlichen Verkehr, der die zwei wichtigsten Kulturvölker Europas verbindet, von der Ehrfurcht, die dem romanischen Geiste gegen den germanischen, von der Achtung die diesem gegen jenen geziemt. Die Franzosen sind die besten Soldaten Europas, wir größere Männer. Sie sind geschickter in diplomatischen Künsten, wir in der großen Politik, in aller tiefern Staatskunst ihnen überlegen. Sie schreiben klar und verständlich, wo wir oft dunkel und unschön, aber unwissend und oberflächlich, wo wir gutunterrichtet und gründlich. Sie raisonniren, wo wir denken; sie haben ein Ehrgefühl, das allezeit entzündet wird, wir eine Begeisterung, die nur selten unser Phlegma durchbricht, dann aber allen und jeden Widerstand überwindet. Eifersüchtig auf ihre Institutionen, sind sie doch geneigter als irgend ein Volk in Europa, despotisch beherrscht zu werden; gehorsamer als alle übrigen, sind wir trotz dem am fähigsten, diewahre Freiheit (die staatliche wenigstens, wenn auch nicht die persönliche, in welcher die Engländer voranstehen) uns zu schaffen und sie zu genießen. Der französische Gesichtskreis ist gebannt in französische Begriffe, der unsrige umfaßt die ganze Erde; der eine drängt sich gewaltsam den Fremden auf, der andere verliert in der Weite zuweilen sich selbst. Der französische Charakter ist weiblich mit der Liebenswürdigkeit des Weibes, der deutsche männlich mit aller Größe des Mannes, aber auch mit den Fehlern, deren Benutzung dem andern Geschlechte zuweilen die Oberhand gibt. All diese entgegengesetzten Eigenschaften, diese Reihe von äußern Tugenden auf der einen, von innern Kräften auf der andern Seite, sind vortrefflich gemacht, sich zu reiben und immer wieder zu finden, im Interesse der Civilisation sich zu ergänzen.

Man ist gewöhnt, die Franzosen als dashandelnde, die Deutschen als dasdenkendeVolk anzusehn. Das ist unsäglicher Irrthum. Französische Gedanken haben in der neuern Zeit Europa ebenso umgewälzt, als ehedem die guten deutschen Schwerter. Es gibt nur Ein entscheidendes Merkmal, das im letzten Grunde die französische und deutsche Natur, wie überhauptromanisches und germanisches Wesenauseinanderhält. DieIntentionüberwiegt bei den Franzosen, dieinnere Kraftbei den Deutschen. Die Franzosen haben, in der Idee wie in der That, ein großartiges Wollen gezeigt; aber Vollbringen, das fehlt ihnen. Die wahre Weltanschauung, den wahren Staat, die organische Ordnung von Europa — das Alles haben siegewollt, ohne es zukönnen. Die Deutschen dagegen, mit einer Kraft der Natur, wie sie außer dem römischen keinem Volk der Geschichte gegeben war, mit einem Geiste begabt, der alle heutigen Nationen überragt und nur mit den alten Hellenen wetteifert, ermangeln jenes lebhaften Stachels, jener Intention, die nach Großem begehrt, auch ohne tiefere Rechtfertigung. Deßhalb haben sie gewartet, unter Schmach und Elend, und warten noch, bis die Zeit erfüllet sein wird, da ihre Natur die innere Sättigung gefunden hat. Alsdann werden sie thun, was jene zu thun gestrebt, und die gemesseneRuhe ihres Wollens wird, wenn sie die Höhe erklommen, die Frankreich umsonst zu erklimmen versucht, Europen der Bürge der Freiheit sein. Denn das Geheimniß sowohl als die Sünde der Gewaltherrschaft liegt darin, daß Völker oder Einzelne das Maß ihrer Sendung überschreiten, daß sie zu wollen sich vermessen, was sie nicht vermögen. So hat auch in Napoleon, als dem höchsten romanischen Herrscher, die Intention das innere Maß überwogen: Diktator war er mit Recht und Fug der romanischen Staaten, und fiel, da er strebte, noch mehr zu sein. Die Deutschen dagegen sind eher geneigt, ihre Würde zu vergessen, als unbefugt sie auszudehnen. Germanisches Phlegma soll durch die Lebhaftigkeit französischen Wollens gereizt, romanische Elasticität von der deutschen Kraft daniedergehalten werden: das gibt Friede, Freiheit und Einheit dem Welttheil.

Die pyrenäische Halbinsel.

In dem Maße, als der Katholicismus inSpanientiefer gegründet, als er durch Literatur und Philosophie weniger erschüttert, als der Thron (sein Verbündeter) unantastbarer gegründet war, in demselben Maße geschah die spanische Revolution langsamer, unregelmäßiger, mit Rückfällen abwechselnd, bis auf unsere Tage fortwühlend. Das spanische Volk war in so unerhörte Knechtschaft des Geistes und Gemüths gekettet, daß der Anstoß von außen kommen mußte. Napoleons Invasion war eine Wohlthat für dieß Land; freisinnige Institutionen, Erlösung, Civilisation konnte er sich in Wahrheit rühmen, den Spaniern zu bringen. Der erbitterte Kampf, den sie führten, ist nicht (wie der deutsche) der Sieg eines erwachenden Volkes gegen Fremdherrschaft; es waren Parteifehden, mit rasender Wuth befleckt; das Volk war von den Priestern geleitet. Mittlerweile hatten die neuen Ideen in den Gebildeten Macht gewonnen; diese Klasse, in Abwesenheit des Hofes regierend, schuf die Konstitution von 1812. Seitdem haben sich in ewigem Wechsel Liberalismus und Absolutismus verdrängt, bis der Vertrag von Bergara in der Person des Prätendenten die alte spanischeMonarchie auf ewig vernichtete. Ihren Rückhalt hatte sie an den baskischen Provinzen gefunden, deren mittelalterlich freier Charakter der Centralisation widerstrebte, mit der der Liberalismus (nach französischem Vorbild) ihre Freiheiten bedrohte, und heute noch bedroht. Wie sollte ein Volk gedeihen, welches, durch Jahrhunderte geknechtet, die neuen Ideen, selbst wenn sie in seiner Mitte aufgetaucht wären, nur sehr allmählig sich aneignen konnte; wie viel mehr, wenn es zwischen englischen und französischen Einflüssen umhergeworfen, selbst sich nicht bewußt wurde! Eine Heldenkraft Einzelner zeigt sich in den Jahren 12 und 20, welche Bewunderung abdringt; selbst im Krieg der Christinos und Karlisten finden sich noch erquickliche Züge: die ganze Hohlheit und Faulheit des Liberalismus hat sich erst entfaltet, seit er gesiegt. Spanien ist wie verweset; kein Talent, kein Charakter erhebt sich, die Helden von früherhin (wie Arguelles, Calatrava) sind erbärmlich zusammengeschrumpft, die neuen sind Halbmenschen an Geist und Gemüth: der Zustand läßt sich mit den sinkenden Zeiten des Direktoriums in Frankreich vergleichen. Nun fehlt der Nation aller Ausweg, alle Macht nach außen, und doch ist’s Thatkraft allein, wobei der Spanier gedeiht. Dasselbe Volk, das in unaufhörlichen Kriegen zum Volke geworden, das kaum geworden, achthundert Jahre gegen die Araber, später auf dem Gipfel der europäischen und der Kolonialmacht, gegen die Ureinwohner Amerikas lange Zeit gekämpft hat, ist jetzt auf die Philippinen beschränkt; und da ihm jedes Feld verschlossen, so wüthet es (seiner Natur gemäß) in den eigenen Eingeweiden. Eine Mischung von Indolenz und Feuer, von Duldung und Freiheitssinn liegt in den Spaniern, welche sie der äußersten Extreme fähig macht. Ebendeßhalb ist hier, wie in Frankreich, vor der Hand nur die Eine Aufgabe gestellt: in oder außerhalb Europas, sei es in Portugal oder in Afrika, den durstigen Nationalgeist zu befriedigen, zu diesem Zweck die Seemacht herzustellen, durch eine mächtige (wenn auch scheinbar unsinnige) That die wirren Geister auf Ein Ziel zu lenken. Das Alles könnte in diesem Augenblick nur Einer; aber diesem Einen fehlt der höhere Sinn. Espartero— den meine ich — ist weder ein Cromwell noch ein Stück von Napoleon; er ist der spanische Louis Philipp, mit viel weniger Geist und Feinheit; nothwendig, wie der König der Franzosen, für die Mittelklasse, weil das marklose Geschlecht Menschen braucht, die durch allerlei Künste einen halben Zustand erhalten, so lange, bis eine höhere Macht neuen Odem den Leichnamen einhaucht. Die Geschichte der Regentschaft in Spanien wird sich, wie die des Bürgerkönigthums, einzig darum drehen, mit welchen Parteien und gegen welche der Regent sich erhält, nicht darum, wie viel oder was im Staat und für den Staat geschieht.

Spaniens trauriges Abbild ist Portugal. Als gegen das Ende der arabischen Herrschaft die christlichen Nationen der Halbinsel zu innerer Blüthe, durch die See zu äußerer Macht gelangten, war Portugals blühende Zeit; Castilianer, Arragonesen, Portugisen waren damals gleich verschieden, und sind es noch heute. Nur die tyrannische Regierung der Philippe und die Erinnerung der einstigen Größe hat die Portugisen entfremdet. Es ist aber kein Heil in der Trennung; nur dazu war sie geeignet, englische Habsucht zu stillen, Portugal zur Kolonie herabzuwürdigen, dadurch zwei Tendenzen in die Halbinsel einzuführen, deren Zwist die innere Zerrüttung schürt. Portugal glaubte groß zu werden, indem es vom Ganzen sich schied, und an Fremdes sich stützte. Wir haben Aehnliches in Deutschland gesehen. Die Zukunft verlangt organisches Leben; dieselbe Zeit, in der die Halbinsel aus der wüsten Vergangenheit erstehen wird,muß Portugal und Spanien einigen; so nämlich, wie auch Spanien nur geeinigt werden kann durch freie Entwicklung des Provinzialgeistes.

Die Natur hat die Romanen diesseits und die jenseits der Pyrenäen zum engsten Bündniß geschaffen. Nur so lange Habsburger in Spanien regieren, so lange vongermanischenTendenzen das romanische Land durchkreuzt wird, sehen wir sie zerrissen. Die ältern Bourbonen knüpften sie wieder; und erst die heutige Politik, weil ohne alle höhere Uebersicht, hat sie wieder zerrissen. Ohne der innern Bande oder des Kulturverhältnisses zu gedenken,so sind beide Länder durch Lage und Natur darauf hingewiesen, zu Lande und zur See zugleich ihre Macht zu entfalten. Die Geschichte hat gezeigt, daß selbst Frankreich dieser doppelten Aufgabe nur schwer genügen mag. Beide vereinigt, erfüllen sie: französische und spanische Flotten, verbündet, sind fähig, die englische Herrschaft im Mittelmeere zu durchbrechen, im Uebrigen ihr das Gleichgewicht zu halten. Frankreich, Spanien, Portugal haben Ein Interesse gegen England, Ein und dasselbe in Afrika.

Afrika, das Land der Vergangenheit, erwartet eine Zukunft. Seine Küsten, von Habesch bis Algier, von Algier bis Guinea, sind romanischer Boden; vom Süden herauf wirken germanische Kolonien. Umspannt in fortlaufender Linie, muß es endlich sein Inneres erschließen. Der alte Kampf gegen das muhamedanisch-arabische Princip hat hier sich erneuert, und wird sich, weil es tief in ganz Afrika wurzelt, noch öfter erneuern. Warum soll Aegypten, Mauretanien, Numidien nicht werden, was sie ehedem waren: Pflanzstätten europäischer Kultur? Es ist ein herrliches Werk, die verdorbenen, zerrütteten Stämme Nordafrikas zu bändigen, Keime des Lebens in das altchristliche Abyssinien, und allmählig unter die Neger zu streuen. Was noch Geist hat und Leben, das soll nicht vertilgt werden; die Wüste ist der Araber Heimath, die soll ihnen bleiben. Ich glaube indessen, daß die heutige Okkupation der Franzosen in Afrika mit der Zeit den Spaniern und Portugiesen anheimfallen wird. In Algier muß Neues gegründet und geschaffen werden; in Aegypten sind europäische Saaten schon gepflanzt. Nach Algier gehören die Eroberer von Mexiko; Aegypten ist vielleicht das einzige Land der Welt, das die Franzosen kolonisiren können. Ludwig der Heilige und Bonaparte waren am Nil. Der ägyptische Volksgeist, wenn erst der türkische Einfluß erloschen ist, bietet keinen Widerstand. Es gibt im Orient zwei große Straßen, in die sich Europa theilen muß: die romanische geht durch den arabischen, die germanische durch den persischen Meerbusen. Jene lehnt sich an Aegypten, diese an Syrien und Mesopotamien. —

Unter den Staaten, die wir bisher betrachtet, übt Frankreich die natürliche Hegemonie. Spanien kann sie nicht fordern, weder nach der gegenwärtigen Lage, noch überhaupt nach Ansprüchen der Natur. Der spanische Charakter ist männlicher als der französische und gediegener; aber der romanische Typus, reiner ausgedrückt im französischen, gibt diesem die Oberhand, während das gothische Element die Spanier zum germanischen Princip (daher habsburgische Herrschaft und englischer Einfluß) auseinander zieht. Auch größere Kolonialmacht, höherer seemännischer Geist erhebt die Spanier nicht über die Franzosen: diese sind nächst den Deutschen das europäischste Volk Europens, zu innerer Wirkung bestimmt, und deßhalb gering in überseeischen Eroberungen. Aeußere Schwäche ist hier gleich innerer Stärke.

Der Liberalismus wurzelt in Frankreich auf französisch nationalen Principien; in Spanien war er Hülfsmittel der politischen Emancipation, die Weltanschauung, die ihm zu Grunde liegt, widerspricht dem spanischen Naturell, welchesreligiösist durch und durch und abhold dem modernen Verstande. Dieser Widerspruch hat in Spanien unendliche Verwirrung und Wüstheit erzeugt, aber der Volkskern, weil weniger tief berührt, ist eben dadurch gesunder geblieben, als in Frankreich. Eine Lösung der großen Probleme verlangt der spanische Geist so dringlich, so unmittelbar als der französische, nur in anderer Weise. Während der letztere einer gerechtfertigten philosophischen Weltanschauung bedarf, weil er an falscher sich verblutet, will der erstere Restauration des religiösen Lebens, um unbekümmert vom Zweifel sich in dem zu ergehen, was seine Lust ist. Das sind die zwei Wege, deren einen oder andern jede höhere Volksnatur ergreift: ein neues Princip ersehnen die Einen, doch ohne die Schrecken socialer Umkehr; die alte Religion die Andern, aber ohne den alten Absolutismus, mit politischer Freiheit.Neues zu finden, durch das Gefundene Altes zu beleben, ist die Aufgabe der europäischen Menschheit.


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