W. Giesebrecht, De litterarum studiis apud Italos, 1845, 4. Kaisergesch. I, 343-361. 817. Ozanam, Des écoles en Italie aux temps barbares, Oeuvres compl. II, 353. Balzani, S. 190-221.
W. Giesebrecht, De litterarum studiis apud Italos, 1845, 4. Kaisergesch. I, 343-361. 817. Ozanam, Des écoles en Italie aux temps barbares, Oeuvres compl. II, 353. Balzani, S. 190-221.
In auffallendem Gegensatze gegen die beiden fränkischen Reiche steht Italien. Hier war die Geistlichkeit unberührt von der Bonifazischen Reform; ihr fehlte der wissenschaftliche Sinn, welcher vornehmlich von den Angelsachsen ausgehend, die fränkische Kirche durchdrungen hatte, und an den theologischen Fragen, die dort im neunten Jahrhundert so eifrig erörtert wurden, nimmt sie keinen Antheil. Eben so wenig übt der königliche Hof hier eine bedeutende Einwirkung, und niemand machte auch nur den Versuch, die Reichsgeschichte in zusammenhängender Darstellung für die Nachwelt aufzuzeichnen. Weit bedeutender tritt der römische Hof hervor, wo die amtlichen Aufzeichnungen über die Thätigkeit der einzelnen Päbste, deren wir schon früher gedachten, immer fortgesetzt[1], undgerade in diesem Jahrhundert ausführlicher und reicher wurden, so daß sie sich mit den Reichsannalen vergleichen lassen. In Bezug auf die Darstellung und historische Kunst stehen sie aber weit dagegen zurück; es scheint den Verfassern ein solches Bestreben ganz fern gelegen zu haben. Doch finden wir auch hier in der zweiten Hälfte des neunten Jahrhunderts eine nicht unbedeutende wissenschaftliche Thätigkeit, einen Kreis von gelehrten Geistlichen, wie er uns lange nicht wieder begegnet. Der BibliothekarAnastasius[2], dem man früher die ganze Sammlung der Pabstleben zuschrieb, ein gelehrter Mann, der verschiedene Werke aus dem Griechischen übersetzt hat, ist vielleicht der Verfasser des Lebens Nikolaus I, jenes gewaltigen Pabstes, der den schwachen Karolingern gegenüber die Weltherrschaft des römischen Stuhles schon dem Ziele nahe führte. Auf den Wunsch einesDiaconus Johannes, der eine Kirchengeschichte schreiben wollte, stellte er nach dem Vorgang des Cassiodor, den er jedoch nicht nennt, aus griechischen Quellen eine neueHistoria tripartitazusammen[3]. Dieser Johannes ist vermuthlich derselbe, welcher auf Befehl Johannes VIII mit Benutzung der schon früher gemachten Auszüge aus dem Registrum dieVita Gregorii Magniverfaßte. Die von ihm begonnenenGesta S. Clementisvollendete BischofGauderichvonVelletri[4].
Vorzüglich besaß man am römischen Hofe, wo man sich nie durch ideale Bestrebungen von den praktischen Zwecken ablenken ließ, eine außerordentliche Sicherheit in der Behandlung der kirchlich-politischen Angelegenheiten, und der Geschäftsstil der Curie gewann eine ungemeine Ausbildung und Festigkeit. Die Briefe der Päbste geben davon Zeugniß, und die erhaltenen größeren Sammlungen aus den Zeiten Nikolaus I und Johannes VIII sind in ihrer Art wahrhaft bewunderungswürdig. Davon erhielt sich auch später bei zunehmender Barbarei die Tradition, obgleich mit dem Ende des neunten Jahrhunderts die Einwirkung des päbstlichen Hofes auf die Kirche diesseit der Alpen fast ganz verschwand, und wie hier die Annalen, so verstummten auch in Rom die Pabstleben mit dem Jahre 891.
In der nächstfolgenden Zeit veranlaßten noch die Streitigkeiten über die Besetzung des päbstlichen Stuhles und die Geschicke des Pabstes Formosus, vornehmlich über die Gültigkeit der von ihm ertheilten Weihen, die höchst merkwürdigen Streitschriften des Auxilius und Vulgarius. Sie berühren eine der dunkelsten Seiten der Pabstgeschichte, die unheilbarsten Widersprüche infallibler Kirchenfürsten[5].Auxiliuswar ein von Formosus geweihter fränkischer Priester, der in Neapel lebte, vielleicht als Mönch in Montecassino gestorben ist. Freimüthig und mit tüchtiger gelehrter Bildung ausgerüstet, vertheidigte er ca. 908-912 Formosus und die von ihm geweihten Priester in verschiedenen Schriften.Eugenius Vulgariushat in demselben Sinn geschrieben, später aber Sergius III, der Theodora u. a. kriechend geschmeichelt, endlich in derInvectiva in Romam(wenn sie von ihm ist) unter Johann X (914-928) noch einmal für Formosus geeifert. Er war ein italienischer Grammatiker, der wahrscheinlich auch in Neapel lebte; sein Latein und vorzüglich seine Verse sind unerträglich gesucht und verkünstelt.
Nach diesen letzten Regungen versinkt nun hier, während die Factionen der römischen Großen über den Stuhl Petri streiten, allesin Schweigen, und für lange Zeit geht keine Erscheinung der Litteratur von Rom aus[6].
Nicht auf den Vorrang in wissenschaftlicher Ausbildung begründete man in Rom den Anspruch auf Beherrschung der Kirche; die grammatischen Studien betrachtete man hier wegen ihrer heidnischen Antecedentien und der Beschäftigung mit den heidnischen Schriftstellern stets mit Abneigung, und völlig bewußt verachtete man die feinere litterarische Bildung. Es giebt nichts charakteristischeres dafür, als die Worte des päbstlichen Legaten Leo, mit denen er bald nach 991 der gallischen Kirche entgegentrat. Diese hatte durch Gerbert ausgesprochen, es sei in Rom niemand, der eine litterarische Bildung empfangen habe, und folglich auch niemand, der nach den kanonischen Vorschriften auch nur die Weihe zum Thürhüter erhalten dürfe. Leo erklärt das kurzweg für Ketzerei; auch Petrus habe sich um das Vieh von Philosophen nicht bekümmert und sei doch Pförtner des Himmels geworden[7].
Die blühendsten Klöster Italiens erlagen alle gegen das Ende des neunten Jahrhunderts den Sarazenen oder verkamen durch die inneren Kriege und die allgemeine Unsicherheit und Verwilderung; bis dahin finden wir auch in ihnen einige Pflege der Wissenschaft, welche sich jedoch mit der litterarischen Bedeutung der transalpinischen Klöster nicht vergleichen läßt. Von einem angeblich im Mutterkloster Montecassino zur Zeit des Fürsten Sico (ca. 830-833) verfaßten Bericht über die Translation der hh. Benedict und Scholastica nach Frankreich[8]hat O. Holder-Egger nachgewiesen, daß er eine Fälschung des Ps. Anastasius ist[9].
In der Folgezeit wurden hier Nachrichten über die Geschichtedes Klosters und der Fürsten von Benevent aufgezeichnet[10], welche bis 872 und in den Regententafeln auch weiter reichen, gesammelt vom AbtJohannes(914-934) und deshalb auch von Leo nach ihm benannt. Die Nachrichten sind materiell für uns sehr wichtig, aber die Form ist in hohem Grade roh und mangelhaft[11]. Im Jahre 883 wurde, wie schon früher St. Vincenz am Volturno, so auch Montecassino von den Sarazenen verwüstet, und die Cassinesen flüchteten nach Capua; hier schriebErchemperteine Geschichte der langobardischen Fürsten von Benevent seit Arichis[12], an das Werk des Paulus Diaconus und dessen Cassineser Fortsetzung[13]anknüpfend, bis zum Jahre 889. Die weitere Fortsetzung ist verloren. In schlichter und zuverlässiger Erzählung berichtet er von den Schicksalen dieser Lande, von den Kriegen, durch welche sie verheert wurden, und den Verwüstungen der Sarazenen; sein eigenes Urtheil über die Anstifter des Uebels hält er nicht zurück, sondern spricht es häufig mit biblischen Worten aus. Die feinere karolingische Bildung ist ihm fremd, aber seine Sprache ist doch reiner, als wir sie sonst bei den Italienern dieser Zeit zu finden gewohnt sind, und sein Werk zeichnet sich daher sehr vortheilhaft aus. Der Salernitaner Chronist, Johann von St. Vincenz, und Leo von Ostia haben ihn gekannt und benutzt.
InNeapelversuchten sich verschiedene Verfasser an einer Bisthumsgeschichte. Von einem wohlbelesenen Geistlichen, der noch dem achten Jahrhundert zugerechnet werden kann — sein Werk ist noch in Uncialschrift abgeschrieben —, wurden die dürftigen Notizen des alten Cataloges durch Auszüge aus den römischen Pabstleben, Paulus Diaconus u. a. angeschwellt; bis 754 ist die Arbeit erhalten, dann fehlt ein Blatt, und es schließt sich von 762 beginnend die Fortsetzung desJohannes Diaconusbis 872 an, welcher aus Traditionund eigener Kenntniß schöpfte; seine Darstellung ist lebhaft und wahrhaftig, nicht ohne Freimuth. Von der weiteren Fortsetzung des SubdiaconusPetrusist nur ein kleines Fragment erhalten, die einzige Handschrift auch vorher lückenhaft[14]. Von dem letzten Bischof Athanasius (850-872) ist auch eine ausführlichere Biographie[15]vorhanden, mit welcher die in unbestimmter Zeit geschehene Translation verbunden ist, etwa im X. Jahrhundert geschrieben; was in den Gesten und bei Erchempert zu lesen ist, wird hier rhetorisch ausgeschmückt, zugleich aber doch einige neue Umstände mitgetheilt. JenerJohannes Diaconusaber verfaßte auch eine Geschichte der Uebertragung des h. Severin im Jahre 902 von dem Castrum Lucullanum, welches aus Furcht vor den Sarazenen zerstört war, nach dem neuen Kloster in Neapel[16], eine Schrift, welche werthvoll ist durch ausführliche Nachrichten über den furchtbaren Angriff des Emir Ibrahim, welcher Taormina zerstörte, wobei der Bischof Procop den Märtyrertod erlitt; durch Ibrahims plötzlichen Tod wurde von Neapel die drohende Gefahr abgewandt. Nach demselben Kloster wurde auch aus dem von den Sarazenen zerstörten Misenum im Jahre 910 der h. Sossius gebracht, wobei Johannes zugegen war, und er berichtet darüber in seiner Schrift über das Leben des h. Januarius[17].
DerPetrus subdiaconus, von welchem nur der Anfang einer Fortsetzung der Gesta noch vorhanden ist, war bei der Uebertragung des Sossius 910 zugegen, und erwähnt in den Wundern des h. Agrippinus den Angriff der Sarazenen auf Neapel vom Jahre 960[18]. Auch verfaßte er noch andere Wundergeschichten. Sehr merkwürdig ist der wissenschaftliche Eifer des HerzogsJohannes(928 ff.), von dem der ArchipresbyterLeoim Vorwort zu seiner Vita Alexandri Magni berichtet[19].
Auch inRavennaverfaßte gegen die Mitte des neunten JahrhundertsAgnelluseine Bisthumsgeschichte[20], in welcher schwülstiger Bombast mit treuherzig einfältiger Erzählung abwechselt; die Sprache ist voll von Soloecismen. Der Inhalt liegt der deutschen Geschichte fern, doch sind über Kaiser Karl und seine Nachfolger, besonders über die Schlacht bei Fontenoy, einige merkwürdige und wichtige Stellen darin. Den römischen Päbsten gegenüber äußert Agnellus sich sehr freimüthig, was vielleicht Anlaß gegeben hat, die Chronik schon frühzeitig zu verstümmeln. Agnellus war um 805 aus vornehmer und reicher Familie geboren, und erhielt schon mit 11 Jahren eine Abtei; für die frühere Zeit benutzte er, außer vielen Inschriften, Gefäßen und anderen Denkmälern, die er sorgfältig beschreibt, der Langobardengeschichte des Paulus Diaconus und den Consularfasten auch die obenS. 57erwähnte Chronik des Maximian, welcher 498 geboren, durch Justinian 546 Bischof von Ravenna geworden war, und eine Chronik bis auf seine Zeit schrieb.
Im mittleren Italien war im Anfange des neunten Jahrhunderts das KlosterFarfain blühendem Zustande, bis auch hier die Sarazenen alles wüste legten. Von Franken gestiftet, hatte es auch immer fränkische Aebte. Die Geschichte der Gründung des Stiftes und seiner Aebte bis zum Jahre 857 glaubte Bethmann gefunden zu haben[21], doch ist neuerdings von I. Giorgi nachgewiesen, daß diese einem Lectionarium entnommenen Stücke wohl aus derselben herstammen, unmöglich aber das ursprüngliche Werk selbst sein können, über dessen sprachliche Beschaffenheit wir deshalb nicht unterrichtet sind.
Ganz außerordentlich barbarisch dagegen und an die Werke des achten Jahrhunderts erinnernd ist die Langobardengeschichte des PriestersAndreas von Bergamo, welcher 877 einen Auszug aus der Geschichte des Paulus Diaconus machte und ihn bis auf seine Zeit fortsetzte[22]. Nach der Mitte des neunten Jahrhunderts sind seineNachrichten durch Genauigkeit werthvoll; das Ende ist leider unvollständig erhalten. Und dieses ist fast das einzige litterarische Erzeugniß der Lombardei im neunten Jahrhundert, da Claudius von Turin und Dungal als Ausländer nicht zu rechnen sind[23].Schottenmönche, mit jenen, die in Lüttich hausten, gleicher Art, und mit des Sedulius Gedichten vertraut, fanden auch inMailandAufnahme und feierten ihre Herren und Wohlthäter in sapphischen Oden und in Distichen von ungewöhnlicher Correctheit. Vorzüglich der ErzbischofTado(860-868) wird von ihnen verherrlicht und ihm werden ihre Bitten und Wünsche vorgetragen, dazu der Kaiser Lothar und Herzog Leodfrid, ein Schwager Lothars. Diese einzige Spur ihrer Existenz ist erst kürzlich aufgetaucht, weiteres nicht bekannt[24]. Sehr gerühmt wird in einem Epitaphium der Abt Petrus II vom Ambrosiuskloster[25](858-899), und dieser wird es wohl sein, zu dessen Zeiten ein mit lateinischen Buchstaben geschriebener griechischer Psalter zu Stande gebracht wurde, als dessen Besitzer (oder Urheber?) sich in höchst barbarischem Griechisch ein Mönch Symeon nennt[26].
Einige Verse, die zum Preise des BischofsAzo von Ivreaum 876 verfaßt und im folgenden Jahrhundert einer Copie in Goldschrift würdig erachtet wurden, sind fast nur wegen der äußerst barbarischen Form bemerkenswerth[27].
Es würde jedoch ein großer Irrthum sein, wenn man nach diesen Proben arger Barbarei den allgemeinen Standpunkt der Bildung in Italien beurtheilen wollte. Gelehrte Studien wurden namentlich inVeronagepflegt, wo ein ArchidiaconusPacificus(† 844), dessen Gelehrsamkeit gepriesen wird, 218 Handschriften zusammengebrachthatte[28]. Von dort besitzen wir ein langes Gedicht zum Preise des BischofsAdalhardin sapphischem Versmaße, aus dem Ende des neunten Jahrhunderts, dessen Correctheit für diese Zeit in Erstaunen setzt, wenn auch einzelne Fehler vorkommen[29]. Und im überraschendsten Gegensatze zu der Barbarei eines Andreas von Bergamo tritt uns aus dem Anfange des zehnten Jahrhunderts (zwischen 916 und 922) ein Werk entgegen, welches in Rücksicht der Form den meisten Dichtungen karolingischer Zeit ebenbürtig zur Seite steht, nämlich dasLobgedicht auf den Kaiser Berengar[30], dessen ungenannter Verfasser die Sprache nicht ohne Gewandtheit behandelt und regelrechte Hexameter ohne Anstoß zu fertigen verstand. Andere freilich finden sich darunter, welche holprig genug sind[31], und gesuchte Ausdrücke, verkünstelte Constructionen verdunkeln nicht selten den Sinn. Der Unterschied ist nicht schwer zu bemerken, wenn plötzlich der melodische Wohllaut Vergils oder die kunstvollen Verse des Statius sich vernehmen lassen. Das sind fremde Federn, mit denen der Autor sich geschmückt hat; Bilder und einzelne Schlachtenscenen machte er sich auf solche Weise zu eigen.
Die Thaten und Schicksale Berengars, seine Kämpfe um die Krone Italiens sind es, welche er schildert, und allem Anschein nach schrieb er bald nach der Kaiserkrönung seines Helden im Nov. oder December 915. Er war also ein Zeitgenosse, und sein Werk ist in manchen Einzelheiten nicht ohne geschichtlichen Werth. Doch ist er zu sehr Lobredner und zu ungenau, um als eigentliche Geschichtsquelle gelten zu können. Die Verhältnisse sind nicht ohne Geschick, aber mit arger Entstellung, so gewandt, daß Berengar als der allein berechtigte und legitime Herrscher erscheint. Es istmerkwürdig, daß, während thatsächlich die Gewalt allein den Ausschlag gab, doch nachträglich man ängstlich bemüht war, vor der Welt den Anschein einer formellen Berechtigung zu gewinnen. Wir haben ähnliches schon in Bezug auf die Karolinger gesehen und werden es in noch auffallenderer Weise bei den Magyaren wiederfinden.
In der Form der Darstellung schließt sich der Panegyrist durchaus den alten heidnischen Mustern an, so gut er es vermochte. Er zeigt die genaueste Bekanntschaft mit Vergil, Statius und Juvenal, und hat unverkennbar eine gute grammatische Schule durchgemacht. Auch stand er mit diesen Kenntnissen und dieser Kunst keineswegs vereinzelt da: Niemand, sagt er, sich selbst anredend, kümmert sich jetzt um deine Verse; dergleichen wissen die Leute auf dem Lande wie in der Stadt zu machen.
Ob der Verfasser ein Geistlicher oder ein Laie war, geht aus seinem Werke nicht mit Sicherheit hervor; wahrscheinlich ist er Schulmeister inVeronagewesen. Für die Schule ist auch dieses Werk bestimmt, und ist deshalb, wie das des Abbo mit einer erläuternden Glosse versehen, welche derselben Zeit angehört[32]. Darin tritt eine ausgebreitete Gelehrsamkeit, und auch Kenntniß der griechischen Sprache, deutlicher als im Gedicht selbst hervor. Einige geschichtliche Erklärungen werden gegeben, vorzüglich aber grammatische, bei denen Servius stark benutzt ist. Bei der Erläuterung der Mythen, welche in allen Commentaren des früheren Mittelalters eine Hauptrolle spielt, übergeht der Glossator vieles, weil das ja allgemein bekannt sei.
Wir begegnen hier einer Bildung, die durchaus nicht von der Kirche herrührt, sondern fortgepflanzt wird durch jene einzeln stehenden Grammatiker, deren Wirksamkeit in Italien niemals aufgehört hat. Es ist W. v. Giesebrechts Verdienst, zum ersten Male nachgewiesen zu haben, daß diese Schulen in Italien immer fortbestanden haben und unter den Laien einen Grad der Bildung verbreiteten, den man diesseit der Alpen nicht kannte. In Italien, sagt Wipo im elften Jahrhundert, geht die ganze Jugend ordentlich zur Schule und nur in Deutschland hält man es für überflüssig oder unanständig, einen Knaben unterrichten zu lassen, wenn ernicht zum geistlichen Stande bestimmt ist. Der italienische Laie las seinen Vergil und Horaz, aber er schrieb keine Bücher, während die Geistlichkeit theils in Rohheit versank, theils zu sehr in den politischen Händeln befangen war, um an den wissenschaftlichen Bestrebungen der Zeit Theil zu nehmen. Daraus erklärt sich der Mangel litterarischer Productivität und die Dürftigkeit der vorhandenen Litteratur, während andererseits bei jenem Panegyristen und etwas später bei Liudprand plötzlich eine überraschende Fülle klassischer Gelehrsamkeit und große Gewandtheit im Ausdruck hervortraten, namentlich im Versemachen, welches ein Hauptgegenstand der Schulbildung war. Denn einzelne vom geistlichen Stande naschten auch von jener verbotenen Frucht; im allgemeinen aber stand der Clerus im Gegensatz zu diesem Treiben, in dem er nicht mit Unrecht ein heidnisches Element erkannte. Die Wissenschaft war hier nicht in den Dienst der Kirche genommen; sie behauptete einen unabhängigen Standpunkt, war aber fast ausschließlich formaler Natur und darum wesentlich unproductiv.
[1]ObenS. 59.Liber pontificalisoderGesta pontificum Romanorumbis auf Hadrian II (867-872), nebst einer unvollständigen Vita Stephani V. (885-891) ed. Bianchini, Romae 1718, 4 Voll. fol. Vignolius, Romae 1724, 3 Voll. 4. unvollendet. Murat, SS. III nach Bianchini: vgl. Baehr S. 261-271. Nach Schürer, Hist. Jahrb. XI, 425 ff. ist die V. Stephani II von dem Primicerius Christophorus verfaßt, welcher den Pabst als Notarius regionarius auf seiner Reise in Frankreich begleitet hat. Nach Kr. in der Rec. von Mock de donatione Caroli Magni (Centralbl. 1862 Sp. 76) ist die V. Hadriani I (772-795) erst 20-30 Jahre nach dessen Tod abgefaßt und scheint von demselben Vf. wie die V. Leonis III (795-816); nach F. O. Krosta de donationibus a Pippino et Carolo Magno sedi apostolicae factis, Königb. Diss. 1862 S. 46 erst nach 829. Vermuthungen über Interpolation der V. Hadr. (c. 41-43) s. NA. VII, 228. X, 201. XIII, 236. Scheffer-Boichhorst hält die Vita für gleichzeitig, aber die Grenzbestimmung „id est a Lunis-Beneventanum“ für Interpolation; zustimmend Diekamp, Hist. Jahrb. VI, 637. Stücke der verlorenen V. Eugenii II (824-827) vielleicht in Pauli D. Cont. Romana ed. Waitz 200-203, vgl. B. Simson, Ludwig d. Fr. I, 230, Waitz S. 200 über die in d. Cont. benutzten, aus Lauresh. u. Lauriss. gemischten Annalen, ähnlich denen im cod. Christ. 213. Die von Wido von Osnabrück im Cod. Udalr. (Bibl. V, 340) erwähnteScriptura de querimonia Romanorumüber Ludwigs II Gewaltthaten 864 scheint verloren zu sein.[2]Ueber ihn vgl. Hergenröther, Photius II, 230-240.[3]Ueber sein Verhältniß zu Theophanes Car. De Boor, Theophanis Chronologia II, 400.[4]Mab. Mus. Ital. I, 2, 78. Acta SS. Mart. II. p. *15. Vorrede und Varianten im Floril. Bibl. Casin. IV, p. 373-390, e cod. Casin. 234.[5]Volles Licht ist über diese schmählichen Vorgänge und die betreffende Litteratur verbreitet durch die ausgezeichnete Schrift: Auxilius und Vulgarius. Quellen und Forschungen zur Geschichte des Pabstthums im Anfange des 10. Jahrhunderts, von E. Dümmler, Leipz. 1866, wo auch aus der Bamberger Handschrift ungedruckte Schriften von beiden mitgetheilt sind. DieInvectiva in Romamgiebt Dümmler zu den Gesta Berengarii S. 137-154, vgl. 66-72, in neuer Ausgabe nach der Veroneser Handschrift. Ausbeutung der Tragödien des Seneca weist dem Vulg. R. Peiper nach, Rhein. Mus. f. Philol. N. F. XXXII, 536.[6]Die Fortdauer einer Rechtsschule in Rom behauptet Fitting: Zur Geschichte der Rechtswissenschaft am Anfang des Mittelalters, Halle 1875; Juristische Schriften des früheren Mittelalters, Halle 1876.[7]„Et quia vicarii Petri et ejus discipuli nolunt habere magistrum Platonem neque Virgilium neque Terentium neque ceteros pecudes philosophorum, qui volando superbe ut avis aerem et emergentes in profundum ut pisces mare, et ut pecora gradientes terram descripserunt: dicitis eos nec hostiarios debere esse, quia tali carmine imbuti non sunt. Pro qua re sciatis eos esse mentitos, qui talia dixerunt. Nam Petrus non novit talia, et hostiarius coeli effectus est.“ MG. SS. III, 687. Vgl. Baxmann, Politik der Päbste II, 144. Aehnlich schreibt Alexanders VIII Secr. Sergardi 1690 an Mabillon: „Pauci sunt, qui in hac aula operam dent inutilibus, ut ajunt, studiis. Nostrorum ingeniorum occupatio forum est clientumque defensio, quique ab infelici pupillo plus auri corrodit, litteratior habetur.“ Valery, Correspondance inédite de Mabillon et de Montfaucon avec l'Italie (Paris 1847) II, 240.[8]Translatio S. Benedicti, Anal. Bolland. I, 75-84.[9]NA. XII, 129-141.[10]Nach Traube, O. Roma nob. S. 360 im J. 867 verfaßt.[11]Nach früheren mangelhaften und zerstückten Ausgaben SS. III. u. sonst, alsChronica Sancti Benedicti Casinensisbei Waitz, SS. Rer. Langob. et Ital. p. 467-488. Beschreibung der Hs. 353, jetzt 175, Bibl. Casin. IV, 17-31, u. v. Bethmann, Arch. X, 389 ff., wo auch von den übrigen Geschichtsquellen des langobardischen Italiens aus dieser Zeit Nachricht gegeben ist, die sich jetzt bei Waitz gesammelt finden.[12]Hystoriola Langobardorum Beneventum degentiumed. Pertz, MG. SS. III, 240-264. Vgl. Bethmann S. 374. AlsErchemperti historia Langobardorum Beneventanorumbei Waitz, S. 231-264, wo die Sprache nach der ursprünglichen Lesart der überarbeiteten Handschrift fehlerhafter erscheint. Er war vermuthlich der Vf. des S. 61 erwähnten Martyrol. u. eines computus von 904 (Arch. VIII, 768).[13]SS. Langob. p. 198; sie ist meist den Gestis Pontificum entnommen und von Leo Ost. und im Chron. Vulturn. benutzt.[14]Gesta epp. Neap.Waitz, SS. Langob. p. 398-439. Capasso, Monumenta ad Neapolitani ducatus historiam pertinentia, 1881.[15]Vita et Translatio Athanasii ep. Neap.Waitz, SS. Langob. p. 439 bis 452. Ed. Gu. Cuper, Acta SS. Jul. IV, 77-89.[16]Translatio S. Severini, ib. p. 452-459.[17]Nur dieseTranslatio S. Sosiiabgedr. bei Waitz, p. 459-463. Im Text heisst er Sossius.[18]Ex Miraculis S. Agrippini, Waitz p. 463. Eine Anzahl anderer dort und bei Capasso gesammelter kleinerer Stücke zur Geschichte von Unteritalien übergehe ich hier, ohne sie einzeln aufzuführen. — Zu unterscheiden ist ein anderer Petrus subdiac. Neap., welcher für den Bischof Petrus von Neapel (1094) u. dessen Nachf. Gregor (1116) Legenden aus dem Griechischen übersetzte und bearbeitete, s. De Rossi zur Passio SS. IV Coronatorum.[19]Arch. IX, 692. Die Vita selbst hat Landgraf herausgegeben, Erlangen 1885. Vgl. O. Hartwig: Die Uebersetzungslitteratur Unteritaliens (1886) S. 6.[20]Neue Ausg. von Holder-Egger, SS. Langob. 265-301. Ueber die besondere Bedeutung vonmonasteriumbei ihm s. F. Wickhoff, Mitth. des Inst. IX, 34-45. Aus Ravenna stammen auch die aus dem Rotulus gewonnenen 8 Briefe aus K. Berengars Zeit, NA. IX, 513-539, vgl. XI, 599-603.[21]Constructio Farfensis, ed. Bethmann, MG. SS. XI, 520-530. Vgl. Giorgi im Archivio della Società Romana di storia patria, II, 409-473. Von dem Registrum Farfense ist in Rom eine Ausgabe von I. Giorgi und U. Balzani erschienen.[22]Andreae presb. Bergomatis Chronicon, ed. Pertz, MG. SS. III, 231. Bethmann S. 367 ergänzt den Anfang. Neue Ausg. v. Waitz, SS. Langob. 220 bis 230.[23]Ebenso wenig kann man das sogenannteChronicon Brixiense, oder wenigstens was uns davon erhalten ist, zu den Geschichtswerken rechnen, MG. SS. III, 238; SS. Langob. 501-503 alsCatalogus Brixiensis. — DieTranslatio S. Habundii Mart.von Foligno nach Berceto (Mab. III, 1, 487 ed. Ven.) gedenkt einer Synode zu Pavia unter Lothar.[24]Carmina Medii Aevi ed. H. Hagen (Bern 1877) S. 1-10. Neue Ausgabe von Traube, Poet. Lat. III, 231-237. S. 7 (236 Tr.) Inschrift eines von Tado's Vorgänger Angelbert erneuten Kelches. — Ueber Marginalien mit Spuren der gelehrten Thätigkeit dieser Mönche in dem Cod. Bern. 363 s. Gottlieb, Wiener Studien IX, S. 151-159. Traube, O Roma nob. S. 348-353.[25]Giulini, Mem. di Milano, II, 76.[26]NA. VIII, 340.[27]Dümmler, Gesta Berengarii, S. 75 und 159.[28]Epitaphium Pacifici, Poet. Lat. II, 655, vgl. Traube, O Roma nob. S. 309. Derselbe setzte die antikisierenden GedichteO RomaundO admirabile Venerisnach Verona ins 10. Jahrhundert.[29]Bei Baronius ed. Luc. XV, 480; correcter bei Biancolini dei vescovi S. 35-37, und jetzt bei Dümmler, Gesta Berengarii S. 134-136, vgl. 61-65, NA. IV, 558. Traube findet auch hier irischen Einfluss.[30]Carmen panegyricum Berengarii, ed. Valesius, cum Adalberonis ep. Laudun. carmine ad Rotbertum regem, Paris 1663. MG. SS. IV, 189 bis 210. Jetzt zuerst mit erschöpfender Benutzung der Handschrift in Venedig mit der vollständigen Glosse, und allseitig erläutert in:Gesta Berengarii Imperatoris. Beiträge zur Geschichte Italiens im Anf. des 10. Jahrh. von E. Dümmler, Halle 1871; vgl. NA. IV, 558. Benutzung des sog. Pindarus Thebanus, welcher von Doering dem Silius Italicus zugeschrieben wird (Progr. d. Lyceums in Straßburg 1884), weist Dümmler nach, Forsch. XIII, 415 bis 417.[31]Oft sind sie auch schon gereimt; vgl. über seine Metrik E. Bernheim, Forsch. XIV, 142.[32]Doch kann sie nicht vom Vf. selbst herrühren, s. die Recension von Pannenborg, GGA. 1871, S. 1767-1783, und Dümmlers Nachtr. zu Anselmus Peripatet. S. 107. E. Bernheim hat Forsch. XIV, 138-154 die Glosse genau untersucht, und besonders auf die alten Glossarien als Quellen einer unfruchtbaren Gelehrsamkeit hingewiesen.
[1]ObenS. 59.Liber pontificalisoderGesta pontificum Romanorumbis auf Hadrian II (867-872), nebst einer unvollständigen Vita Stephani V. (885-891) ed. Bianchini, Romae 1718, 4 Voll. fol. Vignolius, Romae 1724, 3 Voll. 4. unvollendet. Murat, SS. III nach Bianchini: vgl. Baehr S. 261-271. Nach Schürer, Hist. Jahrb. XI, 425 ff. ist die V. Stephani II von dem Primicerius Christophorus verfaßt, welcher den Pabst als Notarius regionarius auf seiner Reise in Frankreich begleitet hat. Nach Kr. in der Rec. von Mock de donatione Caroli Magni (Centralbl. 1862 Sp. 76) ist die V. Hadriani I (772-795) erst 20-30 Jahre nach dessen Tod abgefaßt und scheint von demselben Vf. wie die V. Leonis III (795-816); nach F. O. Krosta de donationibus a Pippino et Carolo Magno sedi apostolicae factis, Königb. Diss. 1862 S. 46 erst nach 829. Vermuthungen über Interpolation der V. Hadr. (c. 41-43) s. NA. VII, 228. X, 201. XIII, 236. Scheffer-Boichhorst hält die Vita für gleichzeitig, aber die Grenzbestimmung „id est a Lunis-Beneventanum“ für Interpolation; zustimmend Diekamp, Hist. Jahrb. VI, 637. Stücke der verlorenen V. Eugenii II (824-827) vielleicht in Pauli D. Cont. Romana ed. Waitz 200-203, vgl. B. Simson, Ludwig d. Fr. I, 230, Waitz S. 200 über die in d. Cont. benutzten, aus Lauresh. u. Lauriss. gemischten Annalen, ähnlich denen im cod. Christ. 213. Die von Wido von Osnabrück im Cod. Udalr. (Bibl. V, 340) erwähnteScriptura de querimonia Romanorumüber Ludwigs II Gewaltthaten 864 scheint verloren zu sein.
[2]Ueber ihn vgl. Hergenröther, Photius II, 230-240.
[3]Ueber sein Verhältniß zu Theophanes Car. De Boor, Theophanis Chronologia II, 400.
[4]Mab. Mus. Ital. I, 2, 78. Acta SS. Mart. II. p. *15. Vorrede und Varianten im Floril. Bibl. Casin. IV, p. 373-390, e cod. Casin. 234.
[5]Volles Licht ist über diese schmählichen Vorgänge und die betreffende Litteratur verbreitet durch die ausgezeichnete Schrift: Auxilius und Vulgarius. Quellen und Forschungen zur Geschichte des Pabstthums im Anfange des 10. Jahrhunderts, von E. Dümmler, Leipz. 1866, wo auch aus der Bamberger Handschrift ungedruckte Schriften von beiden mitgetheilt sind. DieInvectiva in Romamgiebt Dümmler zu den Gesta Berengarii S. 137-154, vgl. 66-72, in neuer Ausgabe nach der Veroneser Handschrift. Ausbeutung der Tragödien des Seneca weist dem Vulg. R. Peiper nach, Rhein. Mus. f. Philol. N. F. XXXII, 536.
[6]Die Fortdauer einer Rechtsschule in Rom behauptet Fitting: Zur Geschichte der Rechtswissenschaft am Anfang des Mittelalters, Halle 1875; Juristische Schriften des früheren Mittelalters, Halle 1876.
[7]„Et quia vicarii Petri et ejus discipuli nolunt habere magistrum Platonem neque Virgilium neque Terentium neque ceteros pecudes philosophorum, qui volando superbe ut avis aerem et emergentes in profundum ut pisces mare, et ut pecora gradientes terram descripserunt: dicitis eos nec hostiarios debere esse, quia tali carmine imbuti non sunt. Pro qua re sciatis eos esse mentitos, qui talia dixerunt. Nam Petrus non novit talia, et hostiarius coeli effectus est.“ MG. SS. III, 687. Vgl. Baxmann, Politik der Päbste II, 144. Aehnlich schreibt Alexanders VIII Secr. Sergardi 1690 an Mabillon: „Pauci sunt, qui in hac aula operam dent inutilibus, ut ajunt, studiis. Nostrorum ingeniorum occupatio forum est clientumque defensio, quique ab infelici pupillo plus auri corrodit, litteratior habetur.“ Valery, Correspondance inédite de Mabillon et de Montfaucon avec l'Italie (Paris 1847) II, 240.
[8]Translatio S. Benedicti, Anal. Bolland. I, 75-84.
[9]NA. XII, 129-141.
[10]Nach Traube, O. Roma nob. S. 360 im J. 867 verfaßt.
[11]Nach früheren mangelhaften und zerstückten Ausgaben SS. III. u. sonst, alsChronica Sancti Benedicti Casinensisbei Waitz, SS. Rer. Langob. et Ital. p. 467-488. Beschreibung der Hs. 353, jetzt 175, Bibl. Casin. IV, 17-31, u. v. Bethmann, Arch. X, 389 ff., wo auch von den übrigen Geschichtsquellen des langobardischen Italiens aus dieser Zeit Nachricht gegeben ist, die sich jetzt bei Waitz gesammelt finden.
[12]Hystoriola Langobardorum Beneventum degentiumed. Pertz, MG. SS. III, 240-264. Vgl. Bethmann S. 374. AlsErchemperti historia Langobardorum Beneventanorumbei Waitz, S. 231-264, wo die Sprache nach der ursprünglichen Lesart der überarbeiteten Handschrift fehlerhafter erscheint. Er war vermuthlich der Vf. des S. 61 erwähnten Martyrol. u. eines computus von 904 (Arch. VIII, 768).
[13]SS. Langob. p. 198; sie ist meist den Gestis Pontificum entnommen und von Leo Ost. und im Chron. Vulturn. benutzt.
[14]Gesta epp. Neap.Waitz, SS. Langob. p. 398-439. Capasso, Monumenta ad Neapolitani ducatus historiam pertinentia, 1881.
[15]Vita et Translatio Athanasii ep. Neap.Waitz, SS. Langob. p. 439 bis 452. Ed. Gu. Cuper, Acta SS. Jul. IV, 77-89.
[16]Translatio S. Severini, ib. p. 452-459.
[17]Nur dieseTranslatio S. Sosiiabgedr. bei Waitz, p. 459-463. Im Text heisst er Sossius.
[18]Ex Miraculis S. Agrippini, Waitz p. 463. Eine Anzahl anderer dort und bei Capasso gesammelter kleinerer Stücke zur Geschichte von Unteritalien übergehe ich hier, ohne sie einzeln aufzuführen. — Zu unterscheiden ist ein anderer Petrus subdiac. Neap., welcher für den Bischof Petrus von Neapel (1094) u. dessen Nachf. Gregor (1116) Legenden aus dem Griechischen übersetzte und bearbeitete, s. De Rossi zur Passio SS. IV Coronatorum.
[19]Arch. IX, 692. Die Vita selbst hat Landgraf herausgegeben, Erlangen 1885. Vgl. O. Hartwig: Die Uebersetzungslitteratur Unteritaliens (1886) S. 6.
[20]Neue Ausg. von Holder-Egger, SS. Langob. 265-301. Ueber die besondere Bedeutung vonmonasteriumbei ihm s. F. Wickhoff, Mitth. des Inst. IX, 34-45. Aus Ravenna stammen auch die aus dem Rotulus gewonnenen 8 Briefe aus K. Berengars Zeit, NA. IX, 513-539, vgl. XI, 599-603.
[21]Constructio Farfensis, ed. Bethmann, MG. SS. XI, 520-530. Vgl. Giorgi im Archivio della Società Romana di storia patria, II, 409-473. Von dem Registrum Farfense ist in Rom eine Ausgabe von I. Giorgi und U. Balzani erschienen.
[22]Andreae presb. Bergomatis Chronicon, ed. Pertz, MG. SS. III, 231. Bethmann S. 367 ergänzt den Anfang. Neue Ausg. v. Waitz, SS. Langob. 220 bis 230.
[23]Ebenso wenig kann man das sogenannteChronicon Brixiense, oder wenigstens was uns davon erhalten ist, zu den Geschichtswerken rechnen, MG. SS. III, 238; SS. Langob. 501-503 alsCatalogus Brixiensis. — DieTranslatio S. Habundii Mart.von Foligno nach Berceto (Mab. III, 1, 487 ed. Ven.) gedenkt einer Synode zu Pavia unter Lothar.
[24]Carmina Medii Aevi ed. H. Hagen (Bern 1877) S. 1-10. Neue Ausgabe von Traube, Poet. Lat. III, 231-237. S. 7 (236 Tr.) Inschrift eines von Tado's Vorgänger Angelbert erneuten Kelches. — Ueber Marginalien mit Spuren der gelehrten Thätigkeit dieser Mönche in dem Cod. Bern. 363 s. Gottlieb, Wiener Studien IX, S. 151-159. Traube, O Roma nob. S. 348-353.
[25]Giulini, Mem. di Milano, II, 76.
[26]NA. VIII, 340.
[27]Dümmler, Gesta Berengarii, S. 75 und 159.
[28]Epitaphium Pacifici, Poet. Lat. II, 655, vgl. Traube, O Roma nob. S. 309. Derselbe setzte die antikisierenden GedichteO RomaundO admirabile Venerisnach Verona ins 10. Jahrhundert.
[29]Bei Baronius ed. Luc. XV, 480; correcter bei Biancolini dei vescovi S. 35-37, und jetzt bei Dümmler, Gesta Berengarii S. 134-136, vgl. 61-65, NA. IV, 558. Traube findet auch hier irischen Einfluss.
[30]Carmen panegyricum Berengarii, ed. Valesius, cum Adalberonis ep. Laudun. carmine ad Rotbertum regem, Paris 1663. MG. SS. IV, 189 bis 210. Jetzt zuerst mit erschöpfender Benutzung der Handschrift in Venedig mit der vollständigen Glosse, und allseitig erläutert in:Gesta Berengarii Imperatoris. Beiträge zur Geschichte Italiens im Anf. des 10. Jahrh. von E. Dümmler, Halle 1871; vgl. NA. IV, 558. Benutzung des sog. Pindarus Thebanus, welcher von Doering dem Silius Italicus zugeschrieben wird (Progr. d. Lyceums in Straßburg 1884), weist Dümmler nach, Forsch. XIII, 415 bis 417.
[31]Oft sind sie auch schon gereimt; vgl. über seine Metrik E. Bernheim, Forsch. XIV, 142.
[32]Doch kann sie nicht vom Vf. selbst herrühren, s. die Recension von Pannenborg, GGA. 1871, S. 1767-1783, und Dümmlers Nachtr. zu Anselmus Peripatet. S. 107. E. Bernheim hat Forsch. XIV, 138-154 die Glosse genau untersucht, und besonders auf die alten Glossarien als Quellen einer unfruchtbaren Gelehrsamkeit hingewiesen.
Von Heinrich I bis zum Tode Heinrich II, 919-1024.
Contzen, Die Geschichtschreiber der sächs. Kaiserzeit. Regensburg 1837. Entstellt durch Benutzung der falschen Corveyer Chronik, und durch die neuen Ausgaben der Quellen unbrauchbar gemacht. — Stälin Wirt, Gesch. I, 419-426. L. Giesebrecht, Wendische Geschichten III, 294-307. Waitz, Ueber die Entwickelung der deutschen Historiographie im Mittelalter, in Schmidts Zeitschrift für Geschichte II, 97-103. — W. Giesebrecht, Geschichte der deutschen Kaiserzeit, I, 777-790. II, 557-560. — Guil. Maurenbrecher de historicis decimi saeculi scriptoribus, qui res ab Ottone Magno gestas memoriae tradiderunt, Bonnae 1861; vgl. Lit. Centralblatt 1862, Sp. 837.
Contzen, Die Geschichtschreiber der sächs. Kaiserzeit. Regensburg 1837. Entstellt durch Benutzung der falschen Corveyer Chronik, und durch die neuen Ausgaben der Quellen unbrauchbar gemacht. — Stälin Wirt, Gesch. I, 419-426. L. Giesebrecht, Wendische Geschichten III, 294-307. Waitz, Ueber die Entwickelung der deutschen Historiographie im Mittelalter, in Schmidts Zeitschrift für Geschichte II, 97-103. — W. Giesebrecht, Geschichte der deutschen Kaiserzeit, I, 777-790. II, 557-560. — Guil. Maurenbrecher de historicis decimi saeculi scriptoribus, qui res ab Ottone Magno gestas memoriae tradiderunt, Bonnae 1861; vgl. Lit. Centralblatt 1862, Sp. 837.
Mit dem Jahre 906 endigt Regino's Chronik, ein Jahr, bevor Herzog Liutpold mit der Blüthe des bairischen Volkstammes von den Ungern erschlagen wurde. Ein schwaches Kind saß auf dem Throne und vermochte nicht das Reich zu schirmen. Es hatte den Anschein, als ob die ganze von Karl dem Großen neu gepflanzte Kultur bereits dahin sinken sollte. Ein Stift nach dem anderen wurde den Normannen zur Beute, und was übrig blieb, rissen die räuberischen Großen an sich, die in ihren gegenseitigen Fehden verheerten, was dem äußeren Feinde noch entgangen war. Die Sitze der Bildung und Gelehrsamkeit verstummten; auch wenn sie der gänzlichen Verödung entgingen, ließ doch die nagende Sorge um die stets gefährdete Existenz keine wissenschaftliche Thätigkeit aufkommen.
Schlimmer noch als in Deutschland, sah es in den Nachbarländern aus; die Normannen, aus Sachsen zurückgeschlagen, hausten in Frankreich und Lothringen, ohne Widerstand zu finden, während der Süden von sarazenischen Seeräubern verheert wurde. Die Bretonen und Waskonen schüttelten das fränkische Joch ab, und die Ungern streiften auf ihren schnellen Rossen bis an den Ocean. In Italien begegneten spanische und afrikanische Sarazenen den Ungern, und die innere Zwietracht war in beiden Ländern noch ärger als in Deutschland.
Allein die Keime, welche einst Karl der Große gelegt hatte, waren bereits so stark und kräftig geworden und hatten so tiefe Wurzeln geschlagen, daß sie auch diese Feuerprobe überdauerten.
Wie einst von Austrasien, so ging jetzt von Sachsen die Rettung aus. Hier hatte man zuerst sich ermannt und unter den Ludolfingern in festem Zusammenhalten die Kraft gefunden, der Feinde Herr zu werden. Reginbern, aus Widukinds Stamm, der Bruder der Königin Mahthild, schlug die Dänen so, daß sie nicht wiederkamen. Die Wenden, welche die Ostgrenze bedrängten, wurden zurückgeworfen.HeinrichI stellte, wie einst Karl Martell und Pippin, das Reich her und wies die Ungern zurück; was er begonnen, vollendete sein Nachfolger, bis er die inneren und äußeren Feinde bezwungen hatte. In dieser eisernen Zeit war noch für die Feder kein Raum, aber nach dem Siege konnteOttoan die Herstellung der geistigen Bildung denken. Da sehen wir überall die verödeten Klöster aus der Asche erstehen, sie werden den Händen der Laienäbte entrissen und ihrer Bestimmung wiedergegeben. Bald regt sich in ihnen, zunächst in denen, welche von den Stürmen dieser Zeit weniger gelitten hatten, von neuem wissenschaftliche Thätigkeit.
Wie Karl, schätzte auch Otto die Wissenschaften, ohne selbst eine gelehrte Bildung erhalten zu haben; seine Erziehung war kriegerisch gewesen, und erst spät, nach dem Tode der Königin Edid (26. Januar 946), lernte er lateinische Bücher lesen und verstehen[1]; reden konnte er die Sprache der Gelehrten nicht[2]. Auf der Synode zu Ingelheim 948 wurden der Könige wegen die päbstlichen Schreiben in deutscher Sprache verlesen[3], und auch in seinem Alter ließ er sich einen lateinisch geschriebenen Brief von seinem Sohne Otto II übersetzen[4].
Wie Karl, suchte auch Otto gelehrte Ausländer ins Land zu ziehen. So bemühte er sich lange vergeblich, denGunzovonNovara, einen jener italienischen Grammatiker, nach Deutschland zu bekommen. Dieser Gunzo war Diaconus in seiner Vaterstadt, und schrieb hier, aufgefordert vom Bischof Atto von Vercelli († c. 960)eine Schrift über Ehehindernisse[5]. Bei seiner persönlichen Anwesenheit in Italien gelang es Otto endlich, ihn zu gewinnen[6]. An hundert Bücher behauptet Gunzo mitgebracht zu haben, darunter Schriften von Plato und Aristoteles; doch vermuthlich in lateinischer Uebersetzung. Trotz seiner Gelehrsamkeit geschah es ihm zuweilen, durch das Italienische verleitet, daß er die Casus verwechselte[7]und deshalb wurde er in St. Gallen mit einem Spottliede verhöhnt, denn er hatte statt eines Ablativs einen Accusativ gesetzt. Dagegen rechtfertigte sich nun Gunzo in einem sehr langen und sehr pedantischen Briefe an die Mönche von Reichenau, in welchem er seine ganze gelehrte Schulweisheit zur Schau stellt.
Einen Landsmann von ihm NamensStephan, der in Pavia gebildet war, in Novara und Pavia gelehrt hatte, beriefen König Otto und Bischof Poppo von Würzburg (941-961) aus Italien, und der Ruf seiner Vorträge über Marcianus Capella zog den jungen Wolfgang aus Reichenau nach Würzburg[8]. Seine Bücher, welche aber nicht zahlreich waren, vermachte er dem h. Kilian[9]. EinigeAuskunft über sein Leben und Wirken gewährt die Grabschrift, welche er für sich selbst verfaßt hat[10]. Sie steht in einer Handschrift des Domcapitels zu Novara, einer von Stephan geschriebenen Canonensammlung; denn er hat sich nach 970 wieder in seine Heimath begeben, wo er 985 eine Schenkung des Bischofs Aupald unterzeichnete. Die Grabschrift lautet:
Novariae natus, Papiae moenibus altus,Urbe velut potui, doctor utraque fui.Me rex Otto potens Francorum duxit in urbem,Qua legi multos mente vigente libros.Hinc me digressum, proprium suscepit alumnumVirgo salus mundi, mater et alma dei.Protinus amissam studui reparare sophiam,Erudiens pueros instituensque viros.His igitur cunctis Christo tribuente peractis,Sum pulvis modicus, jussit ut ipse deus.Quisquis hac graderis, Stephani memor esto jacentis,Ac sibi posce poli regna beata dari.Insuper adde diem quae contulit ultima finem.Hanc si scruteris, hinc mage cautus eris.
Novariae natus, Papiae moenibus altus,Urbe velut potui, doctor utraque fui.Me rex Otto potens Francorum duxit in urbem,Qua legi multos mente vigente libros.Hinc me digressum, proprium suscepit alumnumVirgo salus mundi, mater et alma dei.Protinus amissam studui reparare sophiam,Erudiens pueros instituensque viros.His igitur cunctis Christo tribuente peractis,Sum pulvis modicus, jussit ut ipse deus.Quisquis hac graderis, Stephani memor esto jacentis,Ac sibi posce poli regna beata dari.Insuper adde diem quae contulit ultima finem.Hanc si scruteris, hinc mage cautus eris.
Die politischen Verwickelungen führten auch den gelehrten BischofRathervon Verona und vor Berengar flüchtendLiudprandan Otto's Hof, wo sie gute Aufnahme fanden, und auchGerbertwurde von Pabst Johann XIII im Jahre 971 zum Kaiser gesandt, verweilte aber damals nur kurze Zeit am Hofe, weil er vorher noch in Reims seine philosophische Ausbildung zu vollenden wünschte[11].
Gern gesehen an Otto's Hofe warEkkehard(II) von St. Gallen, den man deshalb im Kloster den Höfling (palatinus) nannte; er war einer der LehrerOtto'sII[12]. Dieser hatte unter der Leitung Volcolds, und nach dessen Beförderung zum Bischof von Meißen des Willigis[13], einen vollständigen wissenschaftlichen Unterricht erhalten; er liebte und beförderte die Wissenschaften und nahm lebhaften Antheil an den gelehrten Problemen, welche damals die Menschenbeschäftigten[14]. Hrotsuit feiert ihn als einen zweiten Salomo. Er zogGerbertwieder an sich, und noch ist uns ein Fragment der Disputation erhalten, welche dieser 980 vor dem Kaiser zu Ravenna hielt gegen den berühmten Magdeburger LehrerOtrich, den Otto ebenfalls an seinen Hof berufen hatte[15]. Auch der AbtAdsovon Montier-en-Der, einer der berühmtesten Gelehrten Frankreichs, war dabei zugegen, nebst einer großen Menge von Scholastern oder Grammatikern[16]. Auch von S. Wolfgang wird uns berichtet, daß er vor diesem Kaiser gegen einen Ketzer disputierte. Den Bischof Gumpold von Mantua veranlaßte er, das Leben des heiligen Wenzeslaus zu beschreiben.
Kurz vor dem Tode des alten Kaisers, im Jahre 972, besuchten Vater und Sohn das Kloster St. Gallen. Der Vater fragte nach dem alten Notker, dem gelehrten Maler und Arzte, mit dem Beinamen Pfefferkorn; schwach und erblindet saß er auf einem Sessel. Auf das Geheiß des Vaters führte der junge Kaiser ihn herbei, und der Alte leitete ihn nach zärtlicher Umarmung sorgsam ins Kloster und setzte ihn an seine Seite. Otto II aber ließ sich nun hier die Bibliothek öffnen und nahm, von den reichen Schätzen derselben gelockt, eine Anzahl der besten Bücher mit sich fort; einige gab er auf Ekkehards Bitte später zurück[17].
Otto IIIendlich wurde von seiner Mutter Theophano, von dem Calabresen Johannes und Bernward von Hildesheim auf das sorgfältigste erzogen[18], und sein wissenschaftlicher Verkehr mit Gerbert ist weltbekannt; wie es nur zu leicht geschah, wendeten ihn diese ganz auf fremdländischen Grundlagen beruhenden Studien vom vaterländischen Wesen ab, und störten die harmonische Entwickelung seines Geistes[19].
HeinrichII war in seiner Kindheit zum geistlichen Stande bestimmt, und erhielt in Hildesheim, später unter Bischof Wolfgangs Leitung in Regensburg eine gelehrte Erziehung[20]; wissenschaftliche Thätigkeit förderte er nicht unmittelbar[21], aber seine Bestrebungen für die Reform verwilderter Klöster kamen auch den Schulen zu Gute, wovon namentlich die Geschichte des Bischofs Godehard von Hildesheim ein Beispiel giebt, und die Stiftung des neuen Bisthums zu Bamberg, welchem er es auch an Büchern nicht fehlen ließ, eröffnete den gelehrten Studien eine neue Stätte[22]. In 54 schwerfälligen und schwülstigen Hexametern pries AbtGerhardvonSeonzwischen 1012 und 1014 die neue Stiftung[23], und mit nicht minder gesuchten und pedantischen Anreden in Prosa und in Versen begleitete der Bamberger DiaconusBeboAbschriften von Büchern, welche der Kaiser hatte machen lassen; er rühmt darin Heinrichs Bemühungen, den Landfrieden herzustellen, und seine Schilderung von Benedicts VIII Besuch in Bamberg 1020 ist von Adalbert in seiner Biographie Heinrichs II benutzt worden[24].
Auch in der Todtenklage umConstantiusden Scholasticus vonLuxeuilschildertGudinusden Kummer des Kaisers, daß seines gleichen nicht mehr zu finden sei[25]. Dem Kloster Corvey schenkte ein Kaiser Heinrich, der aber auch ein späterer sein kann, eine Handschrift aus Unteritalien, welche das Autograph von Landolfs Historia miscella (obenS. 166) und Vegetius enthielt[26].
Bei denFrauenfand man im früheren Mittelalter weit eher als bei den Männern aus dem Laienstande die Anfänge einer gelehrten Bildung, die schwierige Kunst des Lesens und Schreibens, nebst einer Kenntniß der allgemeinen Schriftsprache, welche zum Verständniß des Psalters ausreichte[27]. Leicht knüpfte sich mehr daran, und auch der Einfluß, welchen Geistliche über weibliche Gemüther so leicht erlangen, begünstigte ihre Beschäftigung mit dem besonderen Erbtheile dieses Standes, den Büchern. Die Frömmigkeit der KöniginnenMahthild[28]undEdidist bekannt; Heinrichs I TochterGerbergaveranlaßte den Abt Adso zur Abfassung seiner Schrift über den Antichrist;Adelheidaber, die Burgunderin, undTheophano, die Griechin, zeichneten sich durch eine in Deutschland seltene litterarische Bildung aus, die sich auch in der sorgsamen Erziehung ihrer Kinder erkennen läßt. Ganz besonders wird uns die hohe Bildung der schönen HerzoginHedwigvon Schwaben gerühmt, der Tochter von Otto's des Großen Bruder Heinrich von Baiern. Wie man sich in St. Gallen erzählte, war sie als Kind zur Braut eines griechischen Kaisers bestimmt, und wurde durch Kämmerlinge, welche dieser eigens deshalb gesandt hatte, im Griechischen unterrichtet, zerriß aber diese Verbindung, welche ihr mißfiel. Diese Geschichte freilich ist so, wie sie erzählt wird, nicht möglich. Später mit Herzog Burchard vermählt und früh (973) verwittwet, waltete sie auf ihrer Feste Hohentwiel mit männlicher Festigkeit, jamit Härte, und ihre wechselnden Launen waren sehr gefürchtet. Ihre liebste Beschäftigung aber bestand darin, mit dem Sanctgaller Mönche Ekkehard, den sie sich dazu vom Abte ausgebeten hatte, die alten lateinischen Dichter zu lesen. Den jungen Burchard, der später Abt wurde, lehrte sie selbst griechisch und beschenkte ihn zum Abschied mit einem Horaz[29].
Ihre SchwesterGerbirg, die Aebtissin von Gandersheim, war, so sagt Hrotsuit, wie es der Nichte des Kaisers gebührte, von höherer wissenschaftlicher Bildung und unterwies mich in den Autoren, welche zuvor die gelehrtesten Meister mit ihr gelesen hatten[30].
Auch Heinrichs II GemahlinKunigundezeichnete sich durch Kenntniß und Verständniß der kirchlichen nicht nur, sondern auch der weltlichen Schriftsteller aus, und in der späteren Zeit betrachtete man die feine Bildung der vornehmen Frauen als einen besonderen Vorzug dieses Zeitalters[31]. Aber auch über seine Standesgenossen klagte Graf Udalrich von Ebersberg († 1029) in seinen alten Tagen: in seiner Jugend, sagte er, habe jeder Edelmann sich schämen müssen, wenn er die Rechtsbücher nicht zu lesen und anzuwenden gelernt hätte[32].
Finden wir also das Ottonische Kaiserhaus wissenschaftlicher Bildung geneigt und günstig, so überstrahlt doch alle, sowohl durch seine eigene gründliche Gelehrsamkeit, wie durch seine fruchtreiche Thätigkeit für Kirche und Schule, der große ErzbischofBrun, Otto's des Großen jüngster Bruder[33].
Nachdem er in Utrecht unter der Aufsicht des Bischofs Balderich erwachsen war und hier die erste grammatische Bildung erhalten hatte, wurde er noch in früher Jugend (940) zum Kanzler und 953, als er Erzbischof wurde, auch zum Erzcaplan erhoben; bald lag in seinen Händen fast die ganze Verwaltung des Reiches, deren Fäden in der königlichen Kanzlei zusammenliefen, vor allem aber die Leitung der kirchlichen Angelegenheiten. Mit Geschäften aller Art überhäuft, hat er in den Aeußerlichkeiten der Urkunden, den Daten namentlich, eine arge Unordnung einreißen lassen[34]; dagegen fand er doch noch Zeit für seine geliebten Bücher, die ihn überall hin begleiteten, für den wissenschaftlichen Verkehr mit den Meistern der Wissenschaft, die, wie Ruotger sagt, von allen Enden der Welt sich hier zusammenfanden. Ratherius, Liudprand, der Spanier Recemund, Bischof von Elvira, wurden durch politische Ereignisse diesem Kreise zugeführt, nahmen aber während ihres Aufenthaltes daselbst ebenfalls an den wissenschaftlichen Bestrebungen Theil. Die Anwesenheit gelehrter Griechen benutzte Brun, um von ihnen, deren Sprache ihm schon vertraut war, zu lernen; besonders aber verehrte er als seinen Lehrer einen irländischen Bischof Namens Israel, vielleicht denselben, welcher, aus seiner Heimath vertrieben, in St. Maximin Mönch wurde[35].
Ungeachtet seiner hohen Stellung verschmähte Brun es nicht, auch selbst als Lehrer zu wirken; wieder gab es, wie zu Karls Zeiten, eine Hofschule[36], wenn auch in anderer Weise, weil für die Grundlage des Lernens jetzt an vielen Orten besser gesorgt war. Aber die Söhne vornehmer Familien, welche nach alter Weise an den Hof gebracht wurden, werden schwerlich ganz ohne Unterricht gelassen sein, und die königliche Kanzlei wurde zu einer Pflanzschule trefflicher Bischöfe, deren Wichtigkeit für das Reich nichthoch genug anzuschlagen ist, denn mit diesen Bischöfen regierten die Kaiser von nun an bis zu den Zeiten Heinrichs IV ihr Reich, und fast allein in ihnen bildete sich ein Element der Stätigkeit in der Reichsregierung aus, welches von dem Wechsel der Personen unabhängig war.
Brun selbst wurde im Jahre 953 Erzbischof von Cöln, wo er noch 12 Jahre wirkte, ohne doch darum der kaiserlichen Kanzlei fremd zu werden, bis er am 11. Oct. 965 kaum 40 Jahre alt starb. Die schwierigsten Aufgaben ruhten auf ihm, denn das unruhige, unzuverlässige Lothringen war seiner Leitung anvertraut, und seine Schwester, die Königin von Frankreich, baute fast allein auf seine Hülfe. Aber während man nie in ihm die Thatkraft seines großen Bruders vermißte, vergaß er doch über den weltlichen Sorgen nie seines bischöflichen Amtes. Die ganz zerrütteten Kirchen Lothringens richtete er aus ihrer Versunkenheit auf; kirchliche und klösterliche Zucht wurden erneut, die Schulen mit größter Sorgfalt gepflegt, und bald entfaltete sich hier das rege litterarische Treiben, welches von nun an Lothringen besonders auszeichnet.
Nicht minder erblühten nun auch in den übrigen Reichslanden unter so guter Pflege alle die Keime, welche die vorhergegangenen Stürme noch überdauert hatten; frisches Leben erfüllte die alten Klöster, welche wie Corvey, Gandersheim, St. Gallen weniger gelitten hatten, und neben ihnen erhoben sich zahlreiche neue Stätten litterarischer Bildung[37].
So verpflanzte nachSpeier, wo schon Bischof Godefrid (950 bis 961) seiner Kirche ein Werk des Beda geschenkt hatte[38], BischofBalderich(970-987), gebürtig aus Säckingen, die Studien der Sanctgaller Schule, aus welcher er stammte. Sein Wohlgefallen und seine Aufmerksamkeit erregte der KnabeWalther, den er zu aller heidnischen und christlichen Wissenschaft anleitete. „Cum primum regno successit tertius Otto“, also 983, übergab er ihm, der nunSubdiaconus war, eine Schrift zu Ehren des h. Christoph, welche die Nonne Hazecha, Schatzmeisterin von Quedlinburg, ihm zur Correctur überreicht hatte; aber entweder wurde sie wirklich verloren, wie Walther an Hazecha schrieb, oder er fand sie zu schlecht: genug, Walther verfaßte ein eigenes Werk über den h. Christoph in Prosa und in Versen, ganz in dem gespreizten, mit Gelehrsamkeit überladenen Stil der Zeit; in zwei Monaten behauptet er beides vollendet zu haben. Voran schickte er ein Buch mit dem TitelScholasticus, worin er seinen Bildungsgang schildert, dunkel und oft schwer verständlich, aber doch werthvoll für die Kenntniß der damaligen Schulstudien, in welchen eine ansehnliche Zahl classischer Autoren im Vordergrunde steht. Walther schickte später nach des Bischofs Tod sein Werk auchad collegas urbis Salinarum, d. h. doch wohl nach Salzburg, an Liutfred, Benzo und Friedrich[39]. Damals scheint er demnach die Speierer Schule geleitet zu haben; 1004 ist er selbst wahrscheinlich Bischof von Speier geworden.
In besonderer Ausführlichkeit tritt uns hier eine Richtung der Studien entgegen, welche wir noch an vielen Orten, wie z. B. in Lüttich, zu berühren haben werden.
Sehr bald aber ließen sich auch schon Stimmen vernehmen, welche die heidnische Gelehrsamkeit als sündlich verwarfen und gegen die classischen Studien eiferten. Hatte schon Hieronymus im Traume für die Vorliebe büßen müssen, womit er Plautus und Cicero gelesen[40], ein Geschichtchen, welches immer wieder benutzt wird und noch bei der Bekämpfung der Humanisten eine Rolle spielt, so finden wir in karolingischer Zeit den alt gewordenen Alcuin in gleichem Sinne eifernd; so auch jenen alten Schulmeister Johannes zu Fulda (obenS. 231). Ermenrich sah, wenn er den Vergil unter sein Kopfkissen gelegt hatte, im Traume den Dichter alsTeufel, in der Hand ein Buch, hinterm Ohr die Feder, der ihn triumphirend verhöhnte; doch meinte er, daß man, wie für den Ackerbau den Dünger, so auch den Koth der heidnischen Poesie mit Nutzen verwerthen könne[41]. Notker dagegen empfahl dem jungen Salomo den Prudentius:non sunt tibi necessariae gentilium fabulae[42]. Abt Odo von Cluni wurde durch einen Traum von der Beschäftigung mit Vergil abgeschreckt[43], und ebenso verwarf, der Tendenz dieser Congregation entsprechend, Majolus die einst auch ihm lieb gewesenen Studien[44], und ähnliches wird vom Abt Hugo berichtet[45].
Auch Hrotsuit schrieb ihre Dramen über Gegenstände aus der heiligen Geschichte, um den Terenz aus den Händen der Christen zu verdrängen[46]. Etwas später wurde der sterbende Schüler Gozo von Dämonen in der Gestalt des Turnus und Aeneas beunruhigt[47], und als ein Mönch des Lütticher Lorenzklosters mit seinen Schülern den Terentius las, bemühte sich S. Laurentius selber, um ihn zu züchtigen[48].
Wer könnte auch in Abrede stellen, daß in den römischen Dichtern vieles zu lesen ist, was sich namentlich für Klosterschulen nicht eignet. Besonders beliebt war Ovid, und nach einigen Citaten könnte man sich versucht fühlen anzunehmen, daß seineArs amandidas gelesenste Buch in den Klöstern war, wobei jedoch in Anschlag zu bringen ist, daß viele einzelne Sentenzen gelehrt und gelernt wurden, ohne daß man wußte, woher sie stammten. Doch war auch die ganz übermäßige Beschäftigung mit der unübersehlichen Fülle von Mythen, um jede Anspielung erklären zu können, für Mönche wenig förderlich, und selbst Boethius und Cicero stimmten nicht immer mit den Kirchenlehrern überein. Sogar den Erzbischof Bruno sah der Hofcaplan Poppo in einer Vision wegen seinereifrigen Beschäftigung mit der Philosophie verklagt, aber S. Paulus trat für ihn ein[49].
Der Abt Smaragdus, der 819 das Kloster Castellio nach Saint-Mihiel-sur-Meuse verlegte, bekämpfte den Widerstand gegen die grammatischen Studien; in seiner Grammatik aber nahm er die Beispiele aus kirchlichen Schriftstellern[50]. Doch fühlte man allgemein, daß man die heidnische Litteratur nicht entbehren könne, ohne in Barbarei zu verfallen; Hraban trat sehr entschieden dafür ein, und selbst Anselm von Canterbury (ep. I, 55) hat einem Mönche gerathen, den Vergil zu lesen. War der geistliche Stand einmal der allein lehrende, so mußte er auch diesen Gefahren sich aussetzen. Nur an einzelnen Orten und bei einzelnen Männern drang jene ascetische Richtung durch; in den Schulen behaupteten sich bis ins dreizehnte Jahrhundert Vergil und Horaz, Terenz, Ovid, Sallust, und verlockten immer von neuem die jugendlichen Gemüther durch den Zauber ihrer Anmuth von den trockneren Vätern der Kirche.
Die Gewandtheit im Ausdruck, der leichte Fluß der lateinischen Rede, im karolingischen Jahrhundert so allgemein verbreitet, waren jedoch in der fünfzigjährigen Unterbrechung schriftstellerischer Thätigkeit verloren gegangen; mit großer Anstrengung mußte man wieder von neuem beginnen. Die mühsam erworbene gelehrte Bildung ist fast überall kenntlich; man war stolz auf die neue Kunst und trug sie gern zur Schau. Die schwerfälligen Phrasen sind erfüllt von ungeschickt eingefügten Ausdrücken der alten Schriftsteller, man prunkt gern mit Citaten und bringt die gelehrten Reminiscenzen auch da an, wo sie am wenigsten passend sind, wie z. B. Liudprand die Ungern in ihrem Kriegsrath mit pedantischer Affectation griechische Worte einmischen läßt. Schulmäßig gekünstelte Reden sind besonders beliebt, und nur zu häufig erschwert der gesuchte Ausdruck das Verständniß des Inhaltes. Aber die frische Lebenskraft, welche jetzt wiederum die von jugendlichem Aufschwung erfüllte Generation durchdrang, ist auch in dieser Vermummung nicht zu verkennen[51].
Leicht genug scheinen der Nonne Hrotsuit ihre Hexameter entströmtzu sein, aber die reiche Fülle lateinischer Gelegenheitsdichtung, welche in der karolingischen Zeit überall uns begegnet, fehlt der ottonischen. Wohl finden wir den Streit der Brüder Otto I und Heinrich in einem halb lateinischen, halb deutschen Gedicht behandelt[52], und auch die Schlacht auf dem Lechfeld verherrlicht[53], beide aber (in Bezug auf das erste freilich jetzt bezweifelt) den Ereignissen schon so fern stehend, daß wir hinter ihnen uns eine Fülle deutscher Lieder zu denken haben, von jenenMimigesungen, deren Widukind gedenkt[54].
Wie nun unter den ersten Karolingern die kräftige Neugestaltung des Reiches naturgemäß dahin geführt hatte, die Begebenheiten der Gegenwart aufzuzeichnen, weil man wieder Lust und Bedürfniß empfand, sie festzuhalten, so geschah es auch nach langer Pause unter den Ottonen. Auch jetzt suchte man zunächst die Zeitgeschichte festzuhalten; die Weltgeschichte zu umfassen, versuchte man noch kaum. Aber überall begann man um die Mitte des Jahrhunderts, die Zeitereignisse aufzuschreiben. Beziehungen zum kaiserlichen Hofe wirkten auch hier anregend, aber nirgends erhob man sich doch zu einem so klaren Ueberblicke der Verhältnisse, wie ihn die karolingischen Reichsannalen zeigen; nur der Fortsetzer des Regino reiht sich denselben an. Der Königshof übte wieder einen kräftigen Einfluß, die Reichsgeschichte ist überall im Vordergrunde, aber weit mehr als in karolingischer Zeit herrschen doch locale Gesichtspunkte vor, und es entwickeln sich selbständige Mittelpunktegelehrter Thätigkeit. Deshalb betrachten wir nach einander die einzelnen Reichslande und beginnen mit demjenigen, von welchem die Herrschaft der Ottonen ausging, mit Sachsen.