4. KapitelEIN MORD
Sie werden sich erinnern, daß ich mich nach meinen fruchtlosen Nachforschungen nach den beiden Reitern und nach den ebenso fruchtlosen Versuchen, die Fußspuren Ravalettes zu finden, wieder auf den Weg nach Paris machte. Ich ging langsam und war in tiefes Sinnen versunken. Als ich die Rue Faubourg du Temple hinunterschritt, verkündete eine entfernte Glocke die vierte Stunde. Mir fiel ein, daß mich einer meiner Pariser Freunde, Baron de Marc, vor acht Tagen schon für heute halb sieben Uhr abends zu einer spiritistischen Séance geladen hatte. Aber da ich noch mehr als zwei Stunden Zeit hatte, beschloß ich, bei d'Emprat vorzusprechen, um zu hören, was während meiner Abwesenheit vorgefallen war.
Ich hatte die Rue Michel le Compte bald erreicht und sah zu meiner Überraschung, daß sich vor dem Haustor eine große Menge staute.
Mit klopfendem Herzen und einem vagen Gefühl von Unruhe und Furcht näherte ich micheinem intelligent aussehenden Mann und fragte ihn mit erheuchelter Gleichgültigkeit nach der Ursache dieser Menschenansammlung.
»Denken Sie sich, mein Herr,« sagte er, »der Teufel und fünf seiner Kobolde sind soeben in diesem Hause gewesen und haben drei oder vier von den Inwohnern in einer bläulichen Flamme durch das Dach entführt. Das ist wahr, meiner Seel'!«
Mir schien diese Antwort nur eine Ausgeburt des Aberglaubens und ich dachte mir, daß seine Dummheit sein Aussehen Lügen strafe. Ich zog nun ein Blatt Papier und einen Bleistift aus der Tasche und zeigte sie recht auffällig vor den Augen der Menge, um so die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken.
Meine List hatte Erfolg: die Leute hielten mich für einen Reporter und machten mir den Weg frei, so daß ich bald ohne besondere Schwierigkeiten in das Innere des Gebäudes gelangte. Dort erfuhr ich, daß der arme D'Emprat nach jener ersten Ohnmacht in eine zweite gefallen sei, die von den fürchterlichsten Krämpfen begleitet gewesen, wobei er, Schaum auf den blutleeren Lippen, in einemfort geschrien habe: »O, der Teufel! der Teufel ist gekommen, um meine Seele zu holen, weil ich Baptiste Lemoinevor 37 Jahren getötet habe! Mein Gott! Mein Gott! Er will mich zur Hölle schleppen!«
Seine Frau versuchte alles mögliche, um diese gefährlichen Ausrufe zu ersticken, aber vergebens. Sein Geschrei ging in Geheul über, bis schließlich die Polizei aufmerksam wurde und in das Haus eindrang.
Die Nachricht breitete sich wie ein Lauffeuer aus und die Fragen der Polizisten sowie die Bemühungen des Hausmeisters, der schleunigst überall die Ereignisse des Nachmittags erzählte, trugen noch dazu bei, die Aufregung zu erhöhen. Der Hausmeister nahm schließlich zwei Polizeioffiziere beiseite und sagte ihnen leise etwas, worauf sie, von heftigem Schrecken ergriffen, zurückfuhren und sich bekreuzigten. Sie befahlen ihm, keinem Menschen ein Wort von der Sache zu sagen. Dann gingen sie wieder in das Zimmer, wo D'Emprat im wildesten Delirium lag und sich noch immer eines vor langer Zeit begangenen Mordes bezichtigte. Er schrie, der Teufel stehe neben ihm und hielte einen Dreizack in der Hand. Während dieser schrecklichen Szene tat Frau D'Emprat was sie nur konnte, um ihren Gatten zu beruhigen, doch umsonst. Die Geister böser Taten waren erwacht und rächende Engel peitschten seine Seele zum Wahnsinn auf.
»Sei still,« schrie sie, »um Jesus willen, sei still! Du wirst unter der Guillotine sterben! O, sei still! Oder wenn du schon sprechen mußt, dann sage etwas anderes!«
Einer der Offiziere schrieb jedes Wort, daß der Mann oder die Frau äußerte, unbeobachtet nieder. Er benützte dabei mein Papier und meinen Bleistift und schrieb auf dem Rücken eines Kameraden.
Gottes Wege sind wunderbar; und ich dankte ihm innerlich, als es mir offenbar wurde, daß die Leute im Hause nicht, wie ich vermutet, mit Ravalette im Einverständnis gewesen waren, und daß der geheimnisvolle Vollstrecker der göttlichen Vergeltung nicht von höllischer Herkunft war, mochte er sonst sein, was er wollte. Ein Stein fiel mir vom Herzen – doch die Erleichterung hielt nicht vor – bald sollte es von neuem in Ratlosigkeit und Zweifel gestürzt werden.
»Du hast ihn nicht getötet, D'Emprat. So sage auch nicht, daß du es getan hast« rief das Weib in höchster Verzweiflung.
»Das ist eine Lüge! Ich habe es getan!« schrie der Unglückliche. »Ich habe ihn im Keller mit dem Beil erschlagen und ihn im Stall unter dem Stand des Grauschimmels verscharrt.«
»Barmherziger Gott! Wir sind verloren!« jammerte die Frau, die jetzt selbst schon halb wahnsinnig war, »schon immer habe ich mir gedacht, daß du meinen Bruder ermordet hast, aber ich habe es bis jetzt nicht geglaubt. Und ich glaube es auch jetzt noch nicht.«
Der Hausmeister trat vor:
»Ich kann es beweisen,« sagte er, »ich erinnere mich wohl des blutigen Beils, auch hat mich der Herr nie den Grauschimmelstand reinigen lassen und ich habe ihn beobachtet, wie er in dem Boden nach Gold grub und sich im Schlafe selbst anklagte.«
»Dann verhafte ich Sie, D'Emprat, und Sie, Madame, im Namen des Gesetzes; Sie, Hausmeister, gehen als Zeuge mit. Leute, tut eure Pflicht, nehmt die Arrestanten mit und säubert das Haus!« sagte der Sergeant.
Fünf Minuten später waren die Unglücklichen bereits unterwegs nach dem Gefängnisse, während ich in mein Hotel ging, um mich – sogar unter solchen Umständen – für die Soiree bei dem Baron umzukleiden, freilich in einer Geistesverfassung, die mich wenig befähigte, Zuschauer bei psychologischen Experimenten zu sein. Doch ich hatte nun einmal mein Wort gegeben und mußte hingehen. Und ich ging hin. – Schlag 6 Uhr stand ich im Empfangszimmer des Barons.