9. KapitelDER SCHLAF SIALAM

9. KapitelDER SCHLAF SIALAM

Tief war das Schweigen, selbst unser Atem hatte aufgehört. Rasch schlugen unsere Herzen und unsere Augen waren voll Tränen; denn Großes ging vor.

Die Glieder steif und kalt von den Dämpfen der Auflösung, das Gesicht bleicher als der Tod,Herz und Puls vollkommen unhörbar, die Augen weit geöffnet und so weit nach oben gedreht, daß nur noch das Weiße zu sehen war, so saß mein Freund Beverly in einem großen Lehnsessel.

Was wir hier sahen, war kein mesmerischer Schlaf. Innerhalb fünf Minuten machte sich auf dem Gesicht des Schläfers eine Veränderung bemerkbar; er wurde erleuchtet, wie wenn seine Seele in diesem Augenblick die unaussprechliche Glorie des Jenseits sähe.

Er sagte: »Jetzt!«

Bei diesem Worte wurde die Tür des Zimmers leise geöffnet und zwei Männer traten herein und wollten sich eben niedersetzen, als der Kommissär rasch aufstand, militärisch grüßte und rief: »Der Kai…«

»Still!« sagte der Angeredete, »hier sind alle Fremde!« dann wandte er sich an Dhoula Bel, mit dem er sehr vertraut zu sein schien, und fragte: »Endlich?«

»Endlich!« antwortete dieser, worauf die Neuangekommenen sich auf zwei Stühlen niederließen.

Das Ganze war so völlig aller Berechnung entgegengesetzt verlaufen, die Ereignisse hatten eine so absolut unerwartete und plötzliche Wendung genommen, daß ich mich über diesen neuen Zwischenfall nicht mehr wunderte, sondernnur beschloß, sorgsam das Resultat abzuwarten, was es auch sein möchte. Natürlich glaubte ich, daß der Neuangekommene nunmehr die Leitung des Vorganges in die Hand nehmen werde. Dies geschah aber nicht, denn Dhoula Bel, wie ich ihn von nun an nennen will, wandte sich an den kleineren der beiden und sagte:

»Warum sucht Ihr mich zu besiegen? Vor vielen Jahren fand ich Euch als Lehrling der Magie in Eurem einsamen Gefängnis, wohin Ihr gesteckt worden wart, weil Ihr in zwei Fällen Mißerfolg gehabt hattet. Ich half Euch, gab Euch Freiheit, Macht und Ansehen und setzte Euch auf den stolzesten Thron der Erde, ich machte Euch berühmt und gefürchtet. Für Euch habe ich Britannien erniedrigt, für Euch habe ich eine Jahrhunderte alte Macht gebrochen – das Papsttum – für Euch habe ich Österreich zerrissen und ein neues Reich auf der Erde errichtet, für Euch habe ich den fürchterlichsten Krieg entfacht, den die Welt je gesehen hat, für Euch habe ich ein Volk von Brüdern in zwei feindliche Lager geteilt, von denen jedes nach dem Blute des andern dürstete. Und während Ihr das schweigende Werkzeug wart, habe ich Euch die Worte eingegeben und die Drähte regiert, mit denen die Welt beherrscht wird, und habe nichts dafür verlangt und doch seid Ihrnun hier, um meinen Plan zu durchkreuzen, obwohl ich doch immer Euer Freund gewesen bin. Warum tut Ihr dies?«

»Ich gebe zu – ich weiß keinen Grund dafür. Ich bin ein Mann des Schicksals!«

»Soll ich es enthüllen?«

»Ich habe keine Lust dazu.«

»Gut, ich gedulde mich; aber laßt diesen Schläfer es sagen!«

»Ich bin einverstanden. Befragt ihn. Dies ist die Stunde, auf die ich seit langem gewartet habe. Laßt das Orakel sprechen.«

»Hört mir zu«, sagte da der größere der beiden Eindringlinge. »Ihr seid beide nur Werkzeuge einer höheren Macht gewesen und obwohl sogar ich, der Fremde, jeden von euch getäuscht habe, wurde doch mein Tun beschlossen. Das Drama von Jahrhunderten wird heute zu Ende gehen. Keiner von uns kann seine eigene Zukunft lesen: Nur einen gibt es auf der Erde, der es kann und nur eine Stunde gibt es, in der es geschehen kann. Der Mann ist da, die Stunde ist gekommen. Nicht mit dem magnetischen Hauch hysterischer stammelnder Somnambulen, nicht mit dem prahlerischen Vertrauen selbstgefälliger Erforscher apokrypher Regionen, die nicht existieren, sondern in einer einfachen reinen Vision wird dieser Schläfer den Horizont der Zukunftrein fegen und unserem Blick enthüllen. Daher seid ruhig und haltet Frieden, bis das mystische Buch gelesen ist.«

Dann wandte er sich an Beverly und sagte: »Was siehst du, o Seele? Sieh zu! Was siehst du von Frankreich und seinem Herrscher?«

»Frankreich wird noch eine Revolution durchzumachen haben. Sie wird in Wasser beginnen und in Blut und Feuer endigen! Aber das Ende wird aufgeschoben werden. Krone, Zepter, Dynastie – alles wird von der unwiderstehlichen Flut der politischen Umwälzung hinweggespült werden und die letzten Adeligen und Priester werden das Schicksal der letzten gekrönten Häupter teilen – Verbannung und Tod.«

»Was siehst du von den anderen Nationen?«

»Preußen wird unter einer neuen Regierung ein Vaterland für sein Volk werden; Belgien, Holland und andere germanische Länder werden mit jetzt schon bestehenden Reichen vereinigt werden. Spaniens Nacht zieht näher – seine Kolonien werden sich in schwarze Republiken verwandeln und es im Stiche lassen, bis es wie Rom ein Teil des großen italienischen Reiches wird. Österreich wird geteilt werden, Ungarn und Polen werden sich verbünden und eine neue Großmacht bilden. Die Türkei wird indie Hände der Griechen übergehen und Syrien in die der Russen. England wird Kanada, Indien, Oregon und Irland verlieren und dieses letztere wird eine Republik werden. Die Vereinigten Staaten werden Kanada, Mexiko und das ganze britische Amerika in sich aufnehmen – seine schwarzen Rassen werden ein Reich gründen, das sich unter der Herrschaft einer Reihe von Präsidenten von seinen südlichen Grenzen bis nach Brasilien erstrecken wird. Das von den Taipings christianisierte China wird die erste Macht im Osten werden und Japan und viele andere kleinere Staaten verdunkeln. Indien wird ein Kaiserreich, Australien eine Republik werden. Und all dies wird geschehen, innerhalb 63 Jahren von dem siebenten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts an gerechnet.«

»Jetzt, Prophet, was siehst du für dich selbst?«

»Raschen Tod, Befreiung von Sorge, das Schicksal aller Menschen, und ein verhältnismäßiges Glück – auf der andern Seite der Zeit.«

»Was siehst du fürs Rosenkreuzertum?«

»Nach vielen Jahren wird ein großer Mann sich erheben – ein Deutscher, ein Preuße – der den Weg bereiten wird für einen Größeren von derselben Nation und dieser wird dann diese Lehre der Welt erklären und er wird für Europader Mann des Jahrhunderts sein und er wird eine ungeheure Macht ausüben. Denn er wird Könige und Kaiser stürzen und die Freiheit des Volkes erkämpfen. Um diese Zeit wird in der westlichen Welt ein größerer Mann aufstehen, als die Welt ihn je seit Beginn der Zivilisation gesehen hat. Er wird in gewissem Sinne für die intellektuelle und philosophische Welt das sein, was Gautama Buddha – der Gesegnete! – für Indien war, Platon für Griechenland, Thutmosis III. für Ägypten, Moses für die Juden, Mohammed für Arabien, Luther für Europa und Columbus für die Neue Welt, aber er wird größer sein, als sie alle und mächtiger im Guten als irgendeiner. Er wird rasch ans Werk gehen und sein Erscheinen wird das Zeichen für eine religiöse, politische, soziale, moralische und philosophische Erhebung sein, wie sie die moderne Welt noch nie erlebt hat. Er wird kühn die großen Lehren des dritten und höchsten Tempels des Rosenkreuzes verkünden; und seine Jünger werden sein wie der Sand am Meere und ihre Lehren werden so unwiderstehlich sein wie seine Wogen. Er wird sein Werk selbst beginnen, bevor dieser ganze Aufstand der menschlichen Sklaverei beendet sein wird. Beachtet dies wohl!«

Bei diesen Worten des Schläfers schien derkleinere der beiden Fremden verwirrt zu werden, denn er rief aufspringend:

»Dann wird also die Laufbahn dieses Mannes meiner eigenen ähnlich sein?«

»So wie das Feuer dem Eise gleicht. Seine Laufbahn wird friedlich sein. Sein Pfad wird von keinem einzigen Tropfen Blut befleckt sein, kein Verstümmelter wird ihn verfluchen, keine Witwe, keine Waise wird nach Rache schreien, noch auch wird die Unwissenheit des Volkes den Hebel seiner Macht bilden oder das Instrument, mit dessen Hilfe er sich auf den Thron schwingen wird.«

»Aber ich bin stark! – Mexiko! – Kaiserreich! – Die lateinische Rasse! – Die Kirche! – Maximilian! – Was kann diese Kette brechen, wenn ich ihr noch das letzte Glied hinzufüge?«

»Das Schicksal! Der Hauch der Vereinigten Staaten wird sich bald wie eine Wolke auf Frankreich und das neue Reich legen, wenn aber diese Wolke sich erhebt, werden zwei Dynastien für immer verschwunden sein!«

»Zum Teufel –«, rief der Fragesteller und stampfte mit dem Fuße, während er mit den Zähnen in dämonischer Wut knirschte.

»Es wird zwei verfluchte Nationen geben, wenn dieser Vorsatz ausgeführt wird«, sagteder Schlafende mit melodischer Stimme und so ruhig, daß es eher schien, als spreche er vom Gewinn und Verlust eines Spiels als von dem Schicksal von Königreichen.

Für einen Augenblick herrschte Schweigen; dann sagte Dhoula Bel:

»Und nun mein Los? Was, o Schläfer, siehst du über mir?«

Der Seher lächelte mild und streckte seine Hand gegen ihn und den großen Mann aus. Sie traten näher und ergriffen sie.

»Die Feindschaft von Jahrhunderten ist zu Ende!«

»Sie ist zu Ende!« wiederholte der Große.

»Sie ist zu Ende! Dein Werk ist getan – und das meine – und das deine –«, sagte der Seher, bei den letzten Worten auf Ravalette deutend. »Von nun an ist Ruhe für die Müden – ist Ruhe für dich! Wir drei sind nicht länger verurteilt, auf Erden zu wandeln – wir verlassen sie! Unsere Pfade gehen jetzt auseinander. Über unseren Häuptern stehen die Worte:

Ihr könnt dennoch glücklich sein!«

»Dem Himmel sei Dank!« sagte Dhoula Bel.

»Dem Himmel sei Dank!« wiederholte der Fremde.

»Es ist zu Ende!« sagte Beverly. Während er noch sprach, trat Dhoula Bel hinter den Schirmund gleich darauf ertönte der scharfe Knall einer Schußwaffe, begleitet von einigen in nicht sehr gewähltem Französisch ausgestoßenen Flüchen.

Ich stürzte mit dem Kommissär an die Tür und fragte, was vorgefallen sei.

»Bei den heiligen Evangelisten! Ich habe gerade auf seinen Kopf gezielt und habe um keinen Zoll gefehlt!« schrie der Sergeant.

»Und ich habe ihn mitten in den Kopf getroffen, aber es hat ihm nicht das geringste gemacht!« sagte ein anderer.

»Und ich habe ihm zwei Kugeln in die Brust gejagt, auf zehn Zoll Entfernung, und der Teufel soll mich holen, wenn nicht alle beide auf mich zurückgeflogen sind,« rief ein dritter.

»Und ich will schwören, daß er nicht durch die offene Tür kam, denn sie war fest verschlossen und ich habe meine Hand keine Sekunde von dem Riegel genommen!« beteuerte ein vierter.

»Es war der Teufel!« ächzte ein fünfter.

»Oder einer seiner Kobolde!« der sechste.

»Ich will tausend Eide schwören, daß er bei mir hier an der unteren Treppe nicht vorbeigekommen ist!« bemerkte der siebente Mann.

»Kommt alle hier in das Zimmer und berichtet, was geschehen ist!« Mit diesen Worten machte der Kommissär den Ausrufen ein Ende.

»Erinnern Sie sich noch, daß Sie mir sagten, ich sollte einen gewissen Herrn nicht hinausgehen lassen, selbst wenn ich auf ihn schießen müßte?« fragte der Sergeant, als er eingetreten war.

»Gewiß. Erzählen Sie weiter!«

»Nun, das erste, was ich weiß, ist, daß dieser Herr plötzlich außerhalb der Tür stand und mir Gesichter schnitt und die Zunge herausstreckte und höhnte: ›Ich gehe hinaus, Monsieur!‹ ›Wirklich?‹ ›Natürlich: Sie sehen es ja!‹ Und damit schritt er gerade auf die Treppe zu und vier von uns packten ihn, auch ich war dabei. Haben Sie je eine heiße Kartoffel aufgehoben? Gerade so war es. Wir vier haben diesen Mann so schnell wieder losgelassen, als wäre er wirklich eine. Wir hatten genau das Gefühl, das man hat, wenn man eines jener verfluchten elektrischen Dinger mit den Drähten daran anfaßt, die einem den Blitz in die Glieder jagen, ehe man drei zählen kann. Wir ließen also den Herrn sehr schnell wieder los und er lief zwei oder drei Stufen hinab und lachte uns aus, was mich wütend machte, so daß ich auf ihn feuerte. Auch die anderen taten es, aber wir hätten ebenso gut versuchen können, einen Schatten zu töten. Meine Herren, der Mann ist im Rauch unsererSchüsse verschwunden! In sichtbarer Gestalt ist er nicht hinausgegangen!«

Während dieses Berichtes hatte ich beschlossen, nachzusehen, ob Dhoula Bel tatsächlich das Zimmer verlassen hätte, und ging daher an das Fenster und sah hinter den Schirm. Niemand war dahinter oder in der Nähe. Ich kehrte zurück, sagte aber nichts und ließ mich wieder auf meinen Stuhl nieder.

»Seid Ihr dessen sicher, was Ihr uns berichtet habt, daß Ihr völlig wach seid und nicht träumt?« fragte der Kommissär.

»Ebenso sicher, wie er nicht in diesem Zimmer ist!«

»Das zeigt wieder einmal, wie leicht die Leute zu täuschen sind«, sagte da eine Stimme hinter dem Bettschirm und gleich darauf trat Dhoula Bel selbst hervor in die Mitte des Zimmers und nachdem er spöttisch mit dem Finger auf den Sergeanten und seine Leute gedeutet hatte, kehrte er wieder hinter den Schirm zurück.

Mein Haar sträubte sich vor Entsetzen. Die sieben wackeren Franzosen aber stürzten vor und riefen: »Aber jetzt haben wir dich, Mensch oder Teufel!« Damit warfen sie den Schirm um, aber –

Niemand war dahinter.

Der Sergeant stürzte, wie von einer Kugel getroffen, zu Boden.

Entschlossen, mich selbst vor jeder Überraschung zu schützen, blieb ich sitzen und beobachtete den Fremden und seinen Gefährten. Der letztere stand auf, ging auf Hokeis und seine Tochter zu, die während dieser ganzen Szene schweigend und wie gebannt dagesessen hatten, und sprach leise einige Worte mit ihnen.

Während dessen ging der große Fremde in das andere Zimmer und als ich nach etwa 12 Sekunden mich erhob und ihm folgte, war auch er verschwunden!

Am nächsten Tage wurde in Paris eine Hochzeit gefeiert. Ein Sohn Adams hatte sich mit einer Tochter Ichs vermählt.

Zwei Wochen später brachten wir einen Kranken nach den Bädern der Schweiz. Wir blieben drei Monate dort und brachten ihn, da sein Befinden sich verschlimmert hatte, nach Paris zurück.

Drei Monate vergingen. Ein Leichenzug wand sich durch die Wege des Père-la-Chaise. Ein Sarg wurde in ein neues Grab gesenkt. Anseinem Rande aber stand ein alter grauhaariger Mann, der ein schönes, gramzerrissenes Weib stützte. – Sie war erst vor kurzem Frau geworden.

Vier Monate: Es war am Vorabend meiner Abreise von Frankreich. Ich ging nach dem Friedhof und saß eine Stunde lang bei einem Grabstein, auf dem die Worte standen:

BEVERLYDer Rosenkreuzer»Ich erstehe neu aus meiner Asche«

Über dem Ozean. Ich betrat mein Vaterland wieder. Ich habe mich den Kenntnissen gewidmet, die mir mein Freund übermittelt hat.

Als ich gestern abends von der Rosenkreuzerloge, der ich angehöre, heimkehrte, sprach ich bei einer befreundeten Dame in der x-ten Avenue vor. Sie hielt ein reizendes kleines Kind in den Armen – »ein Knabe«, sagte sie, »ist er nicht schön? Gleicht er nicht seinem Vater?«

»Er gleicht ihm wundervoll«, erwiderte ich, »wie heißt er denn?«

»Osiris Budh! Ein seltsamer Name, nicht?«

»Sehr seltsam!« antwortete ich, als ich ging, »sehr seltsam!«

Consummatum est.


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