VORWORT

Copyright 1922 by Rikola Verlag A. G., WienDruck der Gesellschaft für graphische Industrie, Wien VI

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VORWORT

Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, das so ungewöhnlich viele in okkulter Hinsicht bemerkenswerte Menschen hervorgebracht hat, lebte in den Südstaaten Amerikas ein Mann, der sich P. B. Randolph nannte, in seiner Jugend Friseur war, später alle möglichen kleinen Berufe ausübte und in sonderbarem Stolz von sich behauptete, sieben Menschenrassen zu verkörpern: Inder, ägyptische Fellachen, Neger, Weiße, Turkmenen, Kreolen und Armenier.

Ich kann seinen Stammbaum natürlich nicht nachprüfen, aber Freunde, die Randolph kannten, sagten mir, sein Typus sei derart auffallend und fremdartig gewesen, daß sie keinen Zweifel in seine Angaben gesetzt hätten.

Randolph schrieb mehrere Bücher, teils Abhandlungen über sogenanntes Kristallsehen (eine Methode, Visionen durch Starren in schwarze Spiegel zu erzeugen), teils Romane höchst merkwürdigen und verworrenen Inhaltes, die sämtlich in Vergessenheit geraten sind; – das Publikum wußte nichts Rechtes damit anzufangen undwohl schon, als die Bücher erschienen, mögen die meisten Leser den Kopf geschüttelt haben, als sie ihnen in die Hände fielen.

Eines dieser Werke, »Dhoula Bel«, liegt hier vor als dritter Band der Serie »Romane und Bücher der Magie«.

Ich habe es vor vielen Jahren als Manuskript durch Vermittlung einer okkulten amerikanischen Brüderschaft, deren Gründer der Autor war, von der Witwe Randolphs, einer Negerin in Ohio, nebst anderen Schriften und einem der erwähnten schwarzen Spiegel – einem sogenannten indischen »Battah«-Spiegel – erworben.

Es sei hier kurz bemerkt, daß ich den Roman »Dhoula Bel«, keineswegs von der Ansicht ausgehend, es handle sich dabei um ein Buch von besonderem literarischen Werte, herausgebe, sondern lediglich in der Erwägung: es liegt ein starker Reiz darin, einen Blick in die Gedankenwelt eines Menschen zu tun, der, ein Schwärmer katexochen und ein Cagliostro im kleinen, ohne jemals auch nur die geringste Schulbildung genossen zu haben, plötzlich zur Feder greift und hemmungslos, ein Halbwilder und Besessener, zu uns spricht.

Eine Zeitlang war er – wenn ich nicht irre in Boston – berufsmäßiger Hellseher und bestritt seinen Lebensunterhalt durch Verkauf dererwähnten magischen Spiegel, die er unter kuriosen, exotischen Zeremonien anfertigte.

Einige meiner Freunde, die Randolph kannten, schrieben mir übereinstimmend, seine Gabe räumlich hellzusehen, sei geradezu verblüffend gewesen und habe alles weit in den Schatten gestellt, was auf diesem Gebiete jemals geleistet wurde.

Tatsache ist, daß der letzte Napoleon ihn nach Paris kommen ließ; ein Kapitel in dem vorliegenden Roman behandelt Näheres darüber.

Wie Eliphas Lévi (siehe II. Band der »Romane und Bücher der Magie«) war auch er ein erbitterter Gegner des Spiritismus. – »Was immer sich in solchen Séancen zeigt«, sagte er wörtlich, »ist das Teuflischste, was ein menschliches Gehirn auszudenken imstande ist – mag es sich auch noch so engelhaft gebärden.«

Helene Petrowna Blavatsky, die bekannte Gründerin der Theosophischen Gesellschaft, hatte ihn auf ihren Reisen in Amerika kennen gelernt; – sie verkehrten miteinander auf eine höchst geheimnisvolle Weise, wie mir ein Freund, der beide kannte und oft mit ihnen beisammen war, berichtet hat. »Sie schienen sich telepathisch (durch Gedankenübertragung) verständigen zu können;« – so schrieb mir mein Freund – »oft, wenn ich mit der ›old lady‹(Spitzname der Blavatsky) beim Tee saß, sprang sie plötzlich auf und rief: Was will denn der Kerl schon wieder! – Und dann, wenn ich sie begleitete, jedesmal trafen wir den »Nigger« wartend auf irgendeinem Platze, dem Frau Blavatsky, als stünde sie unter einem Befehl, in größter Eile zugesteuert war. Was sie dann miteinander verhandelten, habe ich nie erfahren können, denn die old lady schwieg darüber wie das Grab.«

– – – »Randolph« – so heißt es weiter in dem Brief meines Freundes – »ist der unheimlichste Mensch, der mir in meinem Leben vorgekommen ist. – Ich habe mir alle Mühe gegeben, sein Inneres zu durchschauen; – vergebens. – Plötzlich, mitten im Gespräche – auf der Straße – änderte sich der Ton seiner Stimme; ein Fremder schien aus ihm zu sprechen, oft in einer Sprache – und ich kenne deren viele! –, die mir völlig unbekannt war. – – Seine Gabe, Vorgänge hellsehend zu schauen, die an weitentfernten Orten geschahen, grenzte ans Wunderbare. – – –

Da von ihm die Rede ging, er sei imstande, Frauen durch Fernsendung eines Willensstromes sich gefügig zu machen, beschloß ich eines Tages, ihm in dieser Hinsicht auf den Zahn zufühlen und brachte das Gespräch darauf. – Wir waren gerade im Theater und es war Zwischenpause. ›Jawohl,‹ sagte Randolph, als ich ihn fragte, ›jede Frau, die ich rufe, muß kommen. Jederzeit. Sofort.‹

›Auch jetzt, zum Beispiel?‹

›Gewiß. Auch jetzt. Bestimmen Sie selbst eine von den vielen, die da unten sitzen.‹

Ich deutete verstohlen auf eine blonde junge Dame in einiger Entfernung und Randolph versank sofort, die Augen schließend, in ein starres Brüten.

Kaum zwei Minuten später erhob sich die Dame und taumelte wie eine Mondsüchtige hinaus.

Natürlich bat ich Randolph, auf der Stelle das scheußliche Experiment zu unterbrechen.«

Das Leben P. B. Randolphs ist mir nur bruchstückweise bekannt. Seine Lehre der Magie, soweit er sie anderen mitteilte, ist einesteils sublim, anderseits – negerhaft barbarisch wie nur möglich.

Näheres darüber mitzuteilen (was ich weiß, entstammt Mitteilungen aus Kreisen der von ihm gegründeten »occult brotherhood of Eulis«)ist mir mangels Raum hier nicht möglich; außerdem würde ich davor zurückscheuen, es zu veröffentlichen, denn die Sache scheint mir zu gefährlich fürs Gemeinwohl, als daß ich mich auf eine genaue Schilderung einlassen möchte.

Es genügt zu sagen: Randolph benützte als Stimulans zu magischen Handlungen sexuelle Mittel.

Sapienti sat!

Das Ende in derlei Fällen ist immer das gleiche: Irrsinn oder Selbstmord.

Randolph ging an beidem zugrunde; er erschoß sich in einem Anfall höchst sonderbarer Geistesverwirrung.

Ich zitiere wiederum meinen Freund. Er schrieb mir wörtlich: – – – »Die Ursache des quasi über Nacht entstandenen Hasses zwischen Frau Blavatsky und Randolph ist mir vollkommen unbekannt. Vielleicht war es Rivalität. Jedenfalls ist die old lady Siegerin geblieben.« – – – – Dann heißt es am Schlusse des Briefes:

»Es war in Adyar (Indien). Frau Blavatsky und ich saßen regungslos und schweigend auf unseren Sesseln unter großen Schirmen, denn es war glutheiß. Plötzlich rief Frau Blavatsky: ›Jetzt schießt er auf mich, der Nigger! – – – So, jetzt hat ihn der Teufel geholt.‹

Auf meine erstaunte Frage, was denn los sei, erzählte sie mir, Randolph habe sie soeben auf magische Weise ermorden wollen, indem er (in Amerika! Tausende Meilen entfernt!) eine Pistole geladen habe mit dem Willensbefehl, die abzuschießende Kugel möge sich dematerialisieren (entstofflichen) und sich in ihrem Herzen (Blavatskys) wieder zu Blei zusammensetzen. Im letzten Augenblick jedoch sei Randolph wahnsinnig geworden und habe sich selbst in die Stirn geschossen.

Ich glaubte das natürlich nicht, aber für alle Fälle notierte ich mir Stunde, Datum und Minute.

Was ich ungefähr ein Jahr später von Kate (Randolphs Witwe) in Ohio erfuhr, hat mich tief erschüttert: tatsächlich hat sich der Nigger genau zur selben Zeit in die Stirn geschossen. – Du wirst mir ja glauben und ich erzähle es auch nur dir. Anderen gegenüber schweige ich lieber, damit es nicht wieder heißt: ›Ach ja, theosophischer Hofklatsch.‹«

Ich hielt es für angebracht, diese »Anekdote« (so wird es wohl die größere Anzahl der Leser nennen) über Randolphs Leben hier wiederzugeben.

Worauf ich jedoch die Aufmerksamkeit in »Dhoula-Bel« besonders lenken möchte, da es mir zur Erkenntnis spiritistischer Phänomene wichtig scheint, Ist das Kapitel über den Mediator »Nibchi«.

Starnberg, im Herbst 1921

GUSTAV MEYRINK


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