ZWEITES BUCH

ZWEITES BUCH1. KapitelÜBER DIE ROSENKREUZER

Es ist nicht meine Absicht, alle Abenteuer Beverlys zu erzählen, noch seine Spuren in Ägypten, Syrien, der Türkei oder in Europa zu verfolgen. Mehr als eine lange Reise unternahm ich mit ihm und gelegentlich verlor ich ihn wohl auf Monate aus den Augen, aber durch die seltsamsten Zufälle trafen wir uns immer wieder, bald auf der Spitze der großen Pyramide von Giseh, bald in den Wüsten von Dongola und Nubien, dann in einem französischen Café oder in den Säulenwäldern von Karnak oder Theben. An der Existenz der Brüderschaft vom Rosenkreuz zweifelte ich ebenso wie an allem, was Beverly über ihre Macht erzählte, obwohl ich über die berühmte Brüderschaft schon viel gehört und noch mehr gelesen hatte.

Auf meinen zahlreichen Reisen begegnete ich immer wieder Pseudoadepten des Rosenkreuzordens, die eine klägliche Unwissenheit hinsichtlich der elementarsten Dinge der wirklichen Brüderschaft an den Tag legten.

Unter dem Buchstaben ›R‹ findet man in der ›American Encyclopedia‹ für das Wort ›Rosicrucians‹ folgende Erläuterung: ›Mitglieder einer Gesellschaft, deren Existenz zu Anfang des 17. Jahrhunderts bekannt wurde. Ihr Zweck war offenbar die Reform der Kirche, des Staates und der Menschen überhaupt. Eine nähere Untersuchung ergab aber, daß ihr wirkliches Ziel die Entdeckung des Steins der Weisen war. Ein gewisser Christian Rosenkreutz, der angeblich lange Zeit unter den Brahminen lebte, soll den Orden im 14. Jahrhundert gegründet haben, doch glaubt man, der wirkliche Gründer sei ein gewisser Andreä, ein deutscher Gelehrter zu Beginn des 16. Jahrhunderts, gewesen. Ihm wird die Absicht zugeschrieben, die durch die scholastische Philosophie entweihte Religion zu reinigen. Andere vermuten, daß er lediglich einer schon vor ihm von Cornelius Agrippa von Nettesheim gegründeten Gesellschaft einen neuen Charakter verlieh. Der Schriftsteller Krause sagt, daß Andreä von frühester Jugend an sich mit dem Plan einer geheimen Gesellschaft zur Hebung des Menschengeschlechts getragen habe. Im Jahre 1614 veröffentlichte er seine berühmte ›Reformation der ganzen Welt‹ und seine ›Fama Fraternitas‹. Christliche Enthusiasten und Alchimisten glaubten die in diesen Büchern geschildertepoetische Vereinigung und so wurde Andreä der Vater der späteren Rosenkreuzer-Brüderschaften, die sich über Europa verbreiteten. Nachdem noch eine Reihe von Büchern über das Rosenkreuzertum erschienen war, geriet die Sache in Vergessenheit, bis das allgemeine Interesse in der letzten Hälfte des 18. Jahrhunderts wieder erwachte, und zwar infolge der Auflösung des Jesuitenordens und des Bekanntwerdens seiner Machinationen sowie der Betrügereien Cagliostros und anderer berühmter Schwindler.‹

Soviel von dem Naseweis, der diesen Artikel der ›American Encyclopedia‹ schrieb. Demgegenüber zitiere ich wörtlich Seite 132 bis 135 aus der Autobiographie Heinrich Jung-Stillings, späteren Hofrats des Großherzogs von Baden (London 1858), folgendes:

›Eines Morgens im Frühjahr 1796 kam ein hübscher junger Mann in einem grünseidenen Plüschrock, der auch sonst gut gekleidet war, in Stillings Haus in Ockershausen. Er stellte sich in einer Weise vor, die eine gebildete und adelige Erziehung verriet. Stilling fragte ihn nach seinem Namen und erfuhr, daß es der bekannte … sei. Stilling war über den Besuch erstaunt und sein Erstaunen wuchs in der Erwartung dessen, was dieser rätselhafte junge Mann ihm mitzuteilenhaben möchte. Nachdem sie sich beide gesetzt, begann der Fremde seine Erklärungen, indem er den Wunsch aussprach, Stilling wegen einer Augenkranken namens P. zu konsultieren. Der wirkliche Zweck seines Besuches bedrückte ihn jedoch so sehr, daß er plötzlich zu weinen begann, erst Stillings Hand, dann seinen Arm küßte und sagte: ›Mein Herr, sind Sie nicht der Verfasser der ›Nostalgia‹?‹ ›Gewiß.‹ ›Dann sind Sie also einer meiner geheimen Vorgesetzten?‹ (In der Großen Loge vom Rosenkreuz.) Hier küßte er wieder Stillings Hand und Arm und weinte fast laut. Stilling antwortete: ›Nein, mein lieber Herr, ich bin weder Ihr noch sonst jemands geheimer Vorgesetzter. Ich bin in keiner wie immer gearteten geheimen Verbindung.‹ Der Fremde sah ihn starren Auges und mit innerer Erregung an und entgegnete: ›Teuerster Freund, hören Sie auf, sich zu verstellen! Ich bin lange und streng genug geprüft worden. Ich dachte, Sie kennen mich schon!‹

›Nein, Herr, … ich versichere Ihnen feierlich, daß ich keiner geheimen Gesellschaft angehöre und tatsächlich von all dem, was Sie da sagen, nicht das Geringste verstehe.‹

Diese Worte waren zu ernst und streng gesprochen, als daß sie den Fremden noch länger in Ungewißheit hätten lassen können. Die Reihe,erstaunt und bestürzt zu sein, war jetzt an ihm. Er fuhr fort: ›Aber dann sagen Sie mir doch, wie es kommt, daß Sie die große und verehrungswürdige Verbindung im Osten so genau kennen und sie in der ›Nostalgia‹ so umständlich beschrieben haben, wobei Sie sogar Ihre Versammlungsorte in Ägypten, auf dem Sinai, im Kloster von Canobia und unter dem Tempel in Jerusalem erwähnten?‹ ›Ich weiß nichts von all dem‹, erwiderte Stilling, ›diese Ideen stellten sich meinem Geiste in sehr lebendiger Form dar. Das Ganze ist also nichts als Fabel und Erfindung.‹

›Verzeihen Sie, aber die Dinge, die Sie schildern, entsprechen der Wahrheit und Wirklichkeit. Es ist erstaunlich, daß Sie dies entdeckt haben – das kann doch nicht durch Zufall geschehen sein!‹ Der Fremde erzählte nun Einzelheiten von der Vereinigung im Osten. Stilling war über alle Maßen erstaunt, denn er hörte da merkwürdige und außerordentliche Dinge, die jedoch derart sind, daß sie nicht veröffentlicht werden können. Ich stelle lediglich fest, daß das, was Stilling von dem Fremden erfuhr, durchaus keinen Bezug auf politische Angelegenheiten hatte.‹

Um dieselbe Zeit schrieb ein bekannter mächtiger Fürst an Stilling und fragte ihn, ›wie es komme, daß er so genau über die Gesellschaftim Osten Bescheid wisse, denn diese sei tatsächlich genau so beschaffen, wie er sie in seiner ›Nostalgia‹ beschrieben habe.‹ Die Antwort war natürlich dieselbe wie die, die er dem eben erwähnten Fremden mündlich gegeben hatte. Stilling hat noch mehr Erfahrungen dieser Art gemacht, die ihm bestätigten, daß seine Einbildungskraft genau mit den wirklichen Tatsachen übereinstimmte, ohne daß er vorher die geringste Kenntnis oder auch nur Ahnung davon gehabt hätte. Stilling stellt keine Betrachtungen über die Sache an, sondern läßt sie auf sich beruhen und betrachtet sie als eine Fügung der Vorsehung, deren Absichten ihn in ganz bestimmter Richtung führten. Die Entdeckung des Rosenkreuzer-Geheimnisses im Orient ist jedoch für ihn von großer Wichtigkeit, weil sie Beziehung hat zu dem Reiche Gottes. Vieles bleibt freilich im dunkeln, denn Stilling hörte später von einer angesehenen Persönlichkeit Verschiedenes über eine asiatische Gesellschaft ganz anderer Art. Es bleibt noch zu erklären, ob es sich um zwei verschiedene Vereinigungen handelte oder ob beide identisch sind. So weit Jung-Stilling. Erst kürzlich erfuhr ich von der Existenz von Rosenkreuzer-Logen in unserem Lande und erhielt verschiedene Nachrichten über die Brüderschaft, von denen ich die folgenden sieben Paragraphenbetreffend die exoterische oder äußere Tätigkeit des Tempels zu veröffentlichen ermächtigt wurde.

DIE ROSENKREUZERWer und was sie sindEHRE, MANNHEIT, GÜTEVERSUCH'S!

I. Wir Rosenkreuzer sind eine Körperschaft gutgesinnter Männer, die unter einer großen Logenverfassung wirken. Sie leiten ihre Macht und Autorität von dem ›Königlichen Dom‹ des ›Dritten Hohen Tempels‹ des Ordens ab. Die große Loge und der Große Tempel erteilen die Bewilligung zur Gründung von Hilfslogen, und zwar an jedem beliebigen Ort innerhalb der Grenzen ihrer Rechtsprechung.

II. Alle Rosenkreuzer sind praktisch tätige Menschen, die an Fortschritt, Gesetz, Ordnung und Selbsterziehung glauben. Sie glauben fest, daß Gott denen hilft, die sich selbst helfen; daher ist ihr Wahlspruch das Wort: Versuch's! Sie glauben, daß dieses kleine Wort eine gewaltige Brücke werden wird, über die der Mensch vom Schlechten zum Guten und vom Guten zum Besseren wandelt, von der Unwissenheit zur Erkenntnis, von der Armut zum Wohlstand, von der Schwäche zur Macht.

III. Unsere Gesellschaft ist über die ganze Welt verbreitet und die Zahl unserer Niederlassungen ist in ständigem Wachstum begriffen. Wir wollen Menschen hohen Geistes den Verkehr mit Gleichgesinnten ermöglichen. Da außer der unseren keine andere derartige Organisation besteht, gibt es unter denen, die uns noch nicht kennen, viele, die durch ihre Vereinsamung leiden. In unseren Logen finden solche Männer alles, was sie suchen und noch mehr. In unseren wöchentlichen Zusammenkünften wird eine edle Geselligkeit gepflegt. Die besten Gedanken werden vorgebracht und die echteste menschliche Freude wird ausgekostet.

IV. Jeder Rosenkreuzer ist jedem anderen Rosenkreuzer auf der weiten Welt bekannt und sein geschworener Bruder, und als solcher verpflichtet, ihm jede mögliche erlaubte Hilfe zu gewähren. Jeder kann zu einem, zwei oder drei Graden gewählt werden; wenn er einmal ein wahrer Rosenkreuzer geworden ist, ist es nahezu unmöglich, daß er späterhin einmal in Not gerät, denn in allem, was gerecht ist, wird ihm Schutz gewährt, solange er ein würdiger Bewohner des Tempels bleibt. Es herrschen die Wahlsprüche: ›Versuch's!‹ und ›Exzelsior!‹

V. Die Ordensmitglieder zahlen eine Eintrittsgebühr und einen monatlichen Beitrag von einemDollar. Dafür genießt jedes Mitglied die Vorteile guter Lektüre und wissenschaftlicher Bildungsmittel und eines namhaften Krankengeldes. Ebenso wird für ein standesgemäßes Begräbnis gesorgt, Witwen und Waisen werden vom Orden unterstützt.

VI. Der Orden ist eine Schule der höchsten und besten Kenntnisse, die die Erde überhaupt gewährt. Er überragt alle anderen wohltätigen Gesellschaften, denn er ist nicht nur eine wechselseitige Schutzgesellschaft, sondern er strebt noch nach weit höheren und edleren Zielen – von denen nur einige wenige, sehr wenige, in diesem Büchlein angedeutet sind. Eines der vornehmsten Ziele der Brüderschaft ist es, eine Schule für Menschen zu sein, die Menschen einander nützlicher zu machen, indem man sie stärker, wissender und daher weiser und auch glücklicher macht. Als Rosenkreuzer erkennen wir den ungeheuren Wert von Sympathie, Mut, Ehrgeiz und Ausdauer an.

Nil mortalibus arduum est.

Es gibt keine Schwierigkeit für den, der ernstlich will!

Was immer Gutes und Großes von einem Menschen getan wurde, kann auch durch dich und durch mich ausgeführt werden, mein Bruder, wenn wir so denken und mit wahrem, tiefemErnst darangehen. Versuch's! Wir proklamieren die Allmacht des Willens! Und wir erklären, daß der Wille des Menschen wie unsere eigenen Taten beweisen, eine erhabene und allerobernde Kraft ist, daß diese gewaltige Macht jedoch nur negativer Art ist, wenn sie ausschließlich zu selbstsüchtigen und eigennützigen Zwecken benützt wird; wird sie aber in die rechten Bahnen geleitet, so wird sie unwiderstehlich. Güte ist Macht. Daher verwenden wir unsere größte Sorge darauf, den normalen Willen zu bilden und ihn so zu einem kraftvollen, mächtigen Werkzeug für das positiv Gute zu machen.

Ein wahrer Rosenkreuzer lernt die Menschen so völlig durchschauen, als wären sie durchsichtig. Und diese Fähigkeit erlangt er nur durch die Tatsache, daß er Rosenkreuzer ist, und kein anderer kann sie je besitzen, er mag tun, was er will. Der Tempel lehrt seine Akolyten, wie diese königliche Kunst der menschlichen Seele, des Willens, zu erwerben, wie sie zu steigern, zu klären und auszudehnen ist.

VII. Die Tore unserer Logen sind ehrlichen und strebenden Menschen niemals verschlossen, noch kann irgendein irdischer Herrschernurvermöge seines Ranges Zutritt erlangen; denn, mag er auch ein König sein, so braucht er deswegen kein Mann zu sein; dieser Titel stehtweit über allen anderen auf der Erde. Wir Rosenkreuzer sind stolz auf unseren Rang, und zwar gerade deswegen, weil wir eine Brüderschaft von Männern sind, und Mannheit als wahres Königtum betrachten. Der Orden hat nichts mit Politik und Religion zu tun, und es ist gleichgültig, zu welchem Glauben sich einer bekennt, wenn er nur einMenschist. Religiöse und politische Dinge dürfen bei uns nicht besprochen, ja nicht einmal erwähnt werden.

Man wird bemerkt haben, daß an diesen Bestimmungen nichts Magisches ist und doch zweifle ich nicht, daß die Mitglieder des Ordens seltsame Geschichten erzählen könnten, wenn sie wollten.

Viele, aber keineswegs alle Alchimisten und hermetistischen Philosophen waren Diener dieser großen geheimen Brüderschaft, die seit den ältesten Zeiten geblüht und unter verschiedenen Namen in verschiedenen Ländern ihre Mission vollendet hat und noch vollendet. Mitglieder dieser mystischen Vereinigung waren die alten Magier in Chaldäa in Mesopotamien. Mitglieder waren auch die ersten Sabäer, die lange vor den Weisen von Chaldäa lebten, ferner die Begründer der semitischen Kultur. Aus dieser großen Brüderschaft gingen Buddha, Lao-tse, Zoroaster, Platon, die Gnostiker, die Essäer und Christusselbst hervor – der ein Essäer war und die heiligen Lehren vom Berge des Lichtes predigte. Mitglieder waren ferner die großen Träumer und Dichter aller Jahrhunderte. Was immer an überirdischem Licht jetzt die Welt erleuchtet, kommt von den Fackeln, die sie an der Quelle alles Lichts entzündeten, auf jenem mystischen Berge, den zu erklimmen sie allein Mut und Ausdauer hatten; und sie erklommen ihn auf einer Leiter, deren Sprossen Jahrhunderte voneinander entfernt waren. Hermes Trismegistos, Ägyptens mächtiger König, war ein Adept und der andere Hermes (Asklepius IX.) ein Bruder. Ein Priester – wie Malki Zadek vor ihm – war jener berühmte präadamitische Monarch, jener Melchisedek, von dem man erzählte, er sei aus einem Gedanken geboren worden und habe unzählbare Jahrhunderte gelebt. Ebenso war es mit dem griechischen Mercurius. Ihrer war jene erstaunliche Gelehrsamkeit, in der Moses so bewandert war, und aus ihrem Brunnen trank der hebräische Josef. Nichts Ursprüngliches ist an der Thaumaturgie, Theologie, Philosophie, Psychologie, Entologie und Ontologie, was sie nicht der Welt gegeben hätten; und wenn je Philosophen glaubten, sie hätten neue Erkenntnisse und Wahrheiten gewonnen, so beweisen die Dokumente des Ordens, daß sie schon Menschenaltervor der adamitischen Zeitrechnung bekannt und das geistige Eigentum der Adepten waren.

Ich habe mich auf diese Bemerkungen und Erläuterungen eingelassen, einmal, um endgültig und autoritativ die schwierige Frage nach dem Wesen des Rosenkreuzertums zu lösen und dann, um auf das Folgende helleres Licht zu werfen.


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