Als Gawain diese Worte hörte, erkannte er, was er getan, und bereute aufrichtig, den verraten zu haben, der ihm einen so starken Beweis seines edlen Charakters gegeben hatte. Er sah ein, daß niemand Pellias hätte tadeln können, wenn er sich gerächt und ihn getötet hätte. Wie konnte er seine Missetat sühnen, wie wieder gut machen, was er getan? so dachte er. Arcade, die bemerkte, daß ihn etwas beschäftigte, fragte ihn, woran er dächte. "Nur wenn du mir schwörst, meinen Willen zu tun", antwortete er, "will ich dir sagen, was mich bewegt". Als Arcade den Eid geleistet, erzählte ihr Gawain alles genau wie es geschehen war (37) und gestand ihr offen, daß er Pellias schändlich verraten hätte. "Ich möchte vor Scham sterben", sagte Gawain, "denn nie ist einer meines Geschlechts so ehrlos gewesen als ich". "Und was willst du tun?" fragte Arcade, "das Geschehene ist nicht zu ändern; das einzige was du tun kannst ist, ihn um Vergebung zu bitten". "Das will ich und noch mehr, ich will gut machen was ich getan, und ich kann es, wenn du treulich das mir gegebene Versprechen halten willst, ich bin es dem edlen Ritter schuldig. So sehr ich dich auch liebe, meine Schuld gebietet mir, dich zu verlassen, um seinetwegen. Darum bitte ich dich, daß du ihn an meiner Stelle liebest. Selbst wenn alles anders gekommen wäre, hätte ich nicht lange bei dir bleiben können. Wenn du meine Bitte erfüllst, wirst du glücklich werden." "Wie kann ich das tun", fragte Arcade, "wie kann ich den lieben, den ich so lange gehaßt?" "Du kannst es, glaube es mir," sagte Gawain. "Wenn du mir bei deiner Ehre erklären willst, daß du aufrichtig überzeugt bist, daß es zu meinem besten ist, dann will ich tun was du verlangst", erklärte Arcade, "möge Gott geben, daß ich meine Entscheidung nicht zu bereuen habe". "Dann gehe ich selbst zu ihm," sagte Gawain und machte sich sogleich auf den Weg. Er fand Pellias auf seinem Bette liegend. Er kniete an seiner Seite nieder und bat ihn um Vergebung. (38) Pellias richtete sich ein wenig auf und sagte zu Gawain: "Du hast mich getötet." Gawain erzählte ihm nun, daß er Arcaden veranlaßt habe, ihn (Pellias) als ihren Gebieter und Ritter zu empfangen, und zwar aus freiem Willen. Pellias' Vertrauen in Gawain war zu sehr erschüttert, als daß er ihm sogleich hätte trauen können, und er machte ihm bittere Vorwürfe über seine schändliche Handlungsweise.
Da bat ihn Gawain, mit sich selber Mitleid zu haben und nicht an ihm zu zweifeln. Er erklärte sich bereit zu schwören, daß Arcade ihn (Pellias) ersuchen ließ, zu ihr zu kommen.
Als Pellias begriff, daß Gawain ehrlich und im Ernst war, sprang er von seinem Bette auf und fiel ihm zu Füßen und sagte: "Du hast wieder gut gemacht was du mir getan, du hattest mich getötet, jetzt hast du mir das Leben wiedergegeben." Dann machte sich Pellias schnell bereit und begleitete Gawain, er sagte aber keinem wohin er ginge, weil er immer noch nicht glauben konnte, daß Gawain wirklich zuverlässig war. Bei Arcaden angekommen, nahm Gawain Pellias bei der Hand und führte ihn zu ihr. (39) Arcade bewillkommnete Pellias, der vor ihr niederkniete und seine Werbung wiederholte und ihr sagte, daß er nichts in der Welt mehr wünschte, als ihre Liebe. Dann gab ihm Arcade ihre Hand und lud ihn ein neben ihr Platz zu nehmen. Als Pellias ihrer Aufforderung Folge geleistet hatte, fragte sie ihn, ob er in der Nacht in ihrem Pavillon gewesen wäre, und als er das bejahte, gebot sie ihm, vor allem zu erzählen, was er getan, als er sie und Gawain zusammen gefunden hatte. So gern er geschwiegen hätte, Arcadens Wunsch mußte Pellias erfüllen.
Er erzählte der Wahrheit gemäß genau was er gedacht und getan. Als er geendet hatte, sagte Gawain: "Herr Ritter, du bist der ehrlichste Mann von dem ich je gehört habe; wenn ich die edelste Dame wäre, so würde ich dich meiner hohen Geburt wegen nicht zurückweisen, wenn du mich durch deine Liebe ehrtest." Arcade bat nun ihre Ritter um Rat, und versprach, denselben zu befolgen, (40) wenn er zu ihrer Ehre und zu ihrem Besten wäre. Die Ritter fragten Pellias, ob es ihm gefallen würde, wenn ihre Dame ihn zu ihrem Baron machen würde. Pellias antwortete: "Die ganze Welt, wenn man sie mir geben könnte, würde ich nicht so hoch schätzen als eure Dame." Darauf wurden Arcade und Pellias verlobt.
Die Hochzeit wurde mit großem Jubel und Prunke gefeiert. Der erstgeborne Sohn der beiden war Guiuret le Petit, der ein tüchtiger Ritter wurde und einen Sitz an der Tafelrunde erhielt. Nach der Hochzeit nahm Gawain von den Vermählten Abschied, und ritt wieder wie vorher, um Abenteuer zu suchen. Eines Tages begegnete er seiner Jungfrau (der 15jährigen), seinem Knappen und dem Ritter, der sie veranlaßt hatte, ihn zu verlassen. Er forderte den Ritter zum Kampfe heraus. Beide ritten ohne weitere Worte zu verlieren aufeinander los. Gawain stieß den Ritter mit der Lanze aus dem Sattel, so daß er sich beim Fallen den linken Arm brach. Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, wandte sich Gawain dann an die Jungfrau und sagte zu ihr: "Nun kannst du sehen, ob du recht tatest, ihm zu folgen und mich zu verlassen". "Vergib mir", bat die Jungfrau, "ich wußte nicht was ich tat". "Vergeben will ich dir", erwiderte Gawain, "aber mit mir gehen kannst du nicht". "Du gelobtest mir aber mich zu begleiten", entgegnete die Jungfrau. "Das tat ich allerdings", sagte Gawain, "aber du folgtest einem andern, jetzt gehe wohin du willst". (41) Damit verließ Gawain die Jungfrau und ritt den ganzen Tag, ohne ein erwähnenswertes Abenteuer zu finden.
Am dritten Tage als er durch einen dichten Wald kam, hörte Gawain zu seiner Linken einen ängstlichen Schrei. Er hielt an und horchte und hörte eine weibliche Stimme um Hilfe rufen. Er ritt in der Richtung von welcher die Stimme zu kommen schien schnell vorwärts und sah bald drei Pavillons vor sich, in deren Nähe sechs unbewaffnete Ritter einen Knappen zwangen, eine Jungfrau, die an den Schwanz seines Pferdes gebunden war, zu schleifen. Gawain eilte der Jungfrau zu Hilfe und erkannte den Zwerg, der auf derPlaine Aventureusemit dem großen Ritter um die Jungfrau kämpfen wollte, und der hier dieselbe Jungfrau so mißhandeln ließ.
Schnell entschlossen sprengte Gawain heran, zerhieb mit seinem Schwerte die Stricke, mit denen die Jungfrau an den Schwanz des Pferdes befestigt war, und schlug dann mit der flachen Klinge den Knappen auf den Kopf, daß er zu Boden fiel. Als Gawain auch die Jungfrau erkannte, fragte er sie, wie sie den häßlichen Zwerg dem schönen Ritter hätte vorziehen können. "Nach dem, was du tatest, hätte dir kein Ritter zu Hilfe kommen sollen", sagte Gawain zu ihr, "denn durch deine Handlungsweise beschimpftest du alle guten Ritter". "Tadle mich nicht", bat die Jungfrau, "ich handelte wie ein Weib und habe meine Torheit schwer büßen müssen". Nun ergriff der Zwerg Gawains Zügel und sagte, daß er sein Gefangener wäre, wenn er ihm nicht für die Verletzung seines Knappen Genugtuung gewährte. "Laß meinen Zügel los", schrie Gawain, "oder ich züchtige dich, denn (42) du hast die Jungfrau mißhandeln lassen". Als die anderen Ritter dem Zwerge zu Hilfe kamen, verlor Gawain die Geduld.
Er schlug dem einen der Ritter den linken Arm ab und spaltete einem zweiten den Schädel. Als die übrigen das sahen, entflohen sie. Dann gab Gawain dem Zwerge mit der flachen Klinge eine Tracht Prügel und ritt, als dieser zu Boden gefallen war, ein paarmal über seinen Körper hin, so daß er für lange Zeit unfähig war zu reiten. Hierauf fragte Gawain die Jungfrau, was er für sie tun könnte. Sie bat ihn, sie in Sicherheit zu bringen. Er hieß sie ein Pferd besteigen und ihm zeigen, wohin er sie geleiten sollte. Unterwegs erkundigte er sich, weshalb sie so mißhandelt wurde. Sie erzählte, daß an demselben Morgen der Zwerg und seine Ritter jenem Ritter begegnet wären, den sie selber auf derPlaine Aventureusedem Zwerge vorgezogen hätte, und ihn angegriffen hätten. Der Ritter hätte sie aber alle in die Flucht geschlagen. Darüber wären alle sehr traurig gewesen und hätten ihre Niederlage an ihr, als der Ursache derselben, rächen wollen. "Und wärest du mir nicht zu Hilfe gekommen", schloß die Jungfrau, "so hätten sie mich getötet". "Der Ritter war deinem eigenen Zeugnis gemäß ein braver", sagte Gawain, "wie konntest du ihn für einen solchen (43) Teufel gehen lassen?" "Es war töricht von mir, ich habe meine Dummheit schwer bezahlen müssen". "Und das geschah dir recht", sagte Gawain.
Nach einer Weile erreichten beide am Ausgang des Waldes ein festes Schloß. "Hier wohne ich", sagte die Jungfrau, "dieses Schloß ist mein; hier ruhe dich aus". Am Tore hoben Knappen ihre Dame vom Pferde und hießen sie willkommen. Gawain aber weigerte sich abzusteigen und sagte: "Ich habe dir bis hierher das Geleite gegeben, nun gehe ich, denn hier weile ich auf keinen Fall". "Das tut mir leid", sagte die Jungfrau, "aber ich weiß warum". Gawain ritt weg. __Die Erzählung wendet sich nun zu den Abenteuern des Morholt.__[40]
II. __Die Abenteuer des Morholt.__ SS. 43-66. Als der Morholt sich von Gawain und Ywain getrennt hatte, ritt er mit seiner Jungfrau (der dreißigjährigen) und seinem Knappen durch den Wald. Eines Tages kamen sie an eine weite Ebene; auf derselben lag an einem Flusse ein schönes Schloß. Vor dem Schlosse auf einer Wiese waren vierzig reich geschmückte Pavillons errichtet, und viele Ritter des Landes waren um ihren König versammelt, um, der damaligen Sitte gemäß, den Jahrestag seiner Krönung festlich zu begehen. Der Morholt sah dem Feste eine Zeitlang zu. Der König saß, die Krone auf dem Haupte, auf einem elfenbeinernen (40) Stuhl, sein Szepter lag auf einem silbernen Tische vor ihm. Er hatte sein Krönungsgewand angelegt und machte den Eindruck eines tapferen Ritters. Der König war Pellinor, der erst vor kurzem, zur Freude seines Volkes, vom Hofe Artus' zurückgekehrt war.
Ein Ritter kam auf den Morholt zu, begrüßte ihn und lud ihn ein, seine Waffen abzulegen und an dem Feste teilzunehmen. Der Morholt dankte und sagte, er könnte unter keinen Umständen bleiben. Damit war der Ritter nicht zufrieden, und bat den Morholt dringend zu bleiben, der aber machte sich mit seiner Jungfrau und seinem Knappen auf den Weg. Er war noch nicht weit gegangen, als der Ritter gewaffnet hinter ihm her kam und ihn aufforderte, zurückzukehren, da sein König es wünschte. "Dein König ist nicht höflich", sagte der Morholt, "wie kann er wissen, was ich zu tun habe?" "Darauf kommt es nicht an", entgegnete der Ritter, "wenn du nicht gutwillig kommst, brauche ich Gewalt". "Hat dir dein König das befohlen?" fragte der Morholt. "Nein, das gerade nicht", sagte der Ritter, "aber es gefällt mir so". "Wirklich!" sagte der Morholt, "mir aber paßt es nicht". Dann forderte der Ritter den Morholt zum Kampfe heraus.
Beide entfernten sich ein wenig, ergriffen ihre Lanzen und stürmten aufeinander los. Der Ritter fiel zu Boden. Indem er weiter ritt, sagte der Morholt: "Nun reite zurück, du siehst, daß du nicht einer bist, der mich zwingen kann umzukehren". König Pellinor, der den Vorfall von weitem mit angesehen hatte, freute sich, daß der fremde Ritter sich so brav gehalten. "Nun laßt (45) ihn ziehen", sagte er, "ich möchte wohl wissen wer er ist". Damit befahl er seinem Sohn[41] unbewaffnet dem Ritter zu folgen, ihn zu fragen wie er hieße, ob er zur Tafelrunde gehörte, und ihn zu bitten zurückzukehren. Des Königs Sohn führte den Auftrag seines Vaters gewissenhaft aus. Als der König hörte, wer der fremde Ritter war, sagte er: "Den Morholt kenne ich als einen sehr tapferen Ritter". Ohne ein der Erzählung wertes Abenteuer zu finden, setzte der Morholt seinen Ritt den ganzen Tag fort.
Am dritten Tage, als die Sonne hell schien, kam der Morholt in denBois du Plessis. Die Blumen dufteten, die Vögel sangen lieblich, so daß der Morholt seine Lust daran fand. Da hörte er plötzlich einen Hilferuf. Er hielt an und horchte. Bald hörte er deutlich eine Frauenstimme um Hilfe schreien, und seine Begleiterin auch. "Ich muß sehen", sagte er, "wer meiner bedarf, folge mir langsam". Damit gab er seinem Pferde die Sporen und kam bald in ein Tal zu einem großen Feuer, um das viele herumstanden.
Als er sich ohne zu grüßen näherte, gewahrte er eine Dame, ihrer Kleidung bis auf das Hemde beraubt, und einen Zwerg mit auf den Rücken gebundenen Händen. Die Dame war schön, nicht älter als dreißig Jahre, und augenscheinlich von hoher Geburt. Sie weinte. Vier Knechte gingen sehr unsanft mit ihr um; (46) sechs bewaffnete Ritter befahlen ihnen, den Zwerg und die Dame in die Flammen zu werfen. Der Morholt empfand Mitleid mit den beiden unglücklichen Gefangenen und rief mit lauter Stimme: "Laßt die Dame frei, tut ihr kein Leid, bis ich weiß, weshalb ihr sie verbrennen wollt". "Was willst du?" fragte ein Ritter den Morholt. "Ich will wissen, was die Dame verbrochen hat, um eine so große Strafe zu verdienen", erwiderte dieser. "Sie hat ihr Schicksal mit Recht verdient", sagte der Ritter, "denn sie hat ihren König und Gemahl mit jenem elenden Zwerge hintergangen; darum soll sie sterben". "Er lügt, der Treulose", sagte die Dame, "ich würde mir eher haben die Haut abziehen lassen als das Verbrechen zu begehen, dessen sie mich anklagen. Aber Gott, der mich kennt, wird sie bestrafen!" "Herr Ritter", sagte der Zwerg zum Morholt, "habt Mitleid mit meiner Dame und rettet sie, denn sie ist unschuldig". "Schwöre bei deiner Seele", sagte der Morholt, "daß du die Wahrheit sprichst!" "So wahr Gott meiner Seele gnädig ist", erklärte der Zwerg, "meine Dame ist unschuldig". "Dann soll ihr, so lange ich sie verteidigen kann, keiner ein Haar krümmen", sagte der Morholt; "wer aber trotz meiner Warnung Hand an sie legt, der soll es bereuen, denn ich bin gewillt, sie mit aller meiner Macht zu verteidigen". Hierauf forderte der Ritter den Morholt zum Kampfe heraus, und der Morholt ihn.
Beide Gegner ritten aufeinander los; der Morholt, der zornig war, durchbohrte mit seiner Lanze des Ritters Schild und seinen Körper, so daß er zu Boden fiel. Beim Fallen brach die Lanze. Nun fielen die Gefährten des Gefallenen über den Morholt her, der aber fürchtete sich nicht, sondern ritt ihnen mutig entgegen. Nachdem er noch zwei von ihnen aus den Sätteln gehoben hatte, entflohen die andern in den Wald. Er verfolgte sie nicht, sondern wandte sich zu der Dame. Als er abgestiegen war, kniete die Dame vor ihm, dankte ihm für ihr Leben und bat ihn, ihr seinen Namen zu sagen. Als der Morholt den Zwerg von seinen Fesseln befreit hatte, fragte er die Königin, was er für sie tun könnte. Sie bat ihn, sie nach einer Abtei zu geleiten, die ihre Vorfahren gegründet hatten. Mittlerweile waren die Jungfrau und der Knappe herangekommen. Der Morholt gebot dem Knappen abzusteigen und die Königin auf sein Pferd zu setzen. Dann setzte sich der Zug nach der Abtei in Bewegung. Unterwegs fragte der Morholt den Zwerg, weshalb die Ritter die Dame so grausam töten wollten. "Der Ritter, der zuerst zu dir sprach", erzählte der Zwerg, "liebte die Königin lange, wagte aber nicht, ihr seine Liebe zu bekennen; eines Tages aber war er töricht genug, sich zu einem Geständnis hinreißen zu lassen. Die Königin war entrüstet und drohte ihn zu vernichten, falls er noch einmal von Liebe zu ihr zu sprechen wagte. Dann sann der Ritter auf Rache. Gestern früh, als der König zur Kirche gegangen war, schlief die Königin noch. Da glaubte der Verräter seine Gelegenheit gefunden zu haben. Er ergriff mich im tiefen Schlafe (48) und legte mich leise zu der Königin ins Bett. Keiner von uns beiden erwachte. Dann ließ er den König holen und führte ihn an das Bett der Königin. Der König war überrascht und traurig. Er war von zu edler Gesinnung, um uns Schlafende zu töten, aber er befahl, daß man uns in den Wald führen und verbrennen sollte; er selber wollte nichts davon sehen. Jener Befehl wäre ausgeführt worden, hättest du uns nicht gerettet."
In der Abtei empfingen die Schwestern ihre Königin und Dame mit allen Zeichen der Ehrfurcht und Entrüstung über ihren Zustand. Die Königin erzählte ihnen was geschehen und zeigte ihnen den Morholt, ihren Retter. Alle dankten dem Morholt auf den Knien für seine edle Tat; er wurde die Nacht samt seiner Jungfrau und dem Knappen aufs beste in der Abtei bewirtet, und man konnte ihn nicht genug ehren. Am andern Morgen ritt der Morholt mit seinen Begleitern weiter durch einen dichten Wald. Gegen Abend kamen sie an einen Platz, von dem vier Wege nach verschiedenen Richtungen ausgingen. Auf dem Platze stand ein großes, altes Kreuz und unmittelbar davor lag ein großer Stein von poliertem Marmor, der aussah als ob er erst eben poliert worden wäre. Die Jungfrau stieg ab und forderte den Morholt auf, ein gleiches zu tun, denn sie wollte ihm eine Inschrift auf dem Steine zeigen. "Wenn du lesen kannst", sagte sie zum Morholt, "sage mir was hier geschrieben steht". Um besser sehen zu können, nahm der Morholt seinen Helm ab, las die Inschrift und wiederholte dann der Jungfrau, was er gelesen, nämlich: __Auf diesem Stein sind viele (49) Wunder des heiligen Graals zu sehen. Wer aber hier bleibt, um dieselben zu sehen, wird sterben oder gelähmt oder verwundet werden, bis zur Ankunft des guten Ritters,[42] der die Graal-Abenteuer bestehen wird.__ "Von dem Stein habe ich oft reden hören", erklärte die Jungfrau, "man nennt ihnLe Perron du Cerf, warum aber weiß ich nicht; was beabsichtigst du zu tun?" "Was kann ich anders tun als hier bleiben", entgegnete er, "bis ich einige der Graalabenteuer, die so wunderbar sein sollen, gesehen habe? Und was gedenkst du zu tun?" "Wenn du hier bleibst", sagte sie, "muß ich auch hier bleiben, denn ich weiß nicht, wohin ich gehen kann, und ich kenne kein Quartier, welches ich noch bei Tage erreichen könnte". "Das Hierbleiben rate ich dir nicht", sagte er, "denn du hast noch nicht gegessen". "Ich kann bis morgen warten", beruhigte ihn die Jungfrau, "denn die Nächte sind ja jetzt kurz".
So blieben denn die drei bei demPerron du Cerfund setzten sich unter zwei Ulmen nieder, die nahe dabei standen. Als die Nacht hereingebrochen war, ging der Mond auf und schien so schön und hell, daß sie alles was vorging sehen konnten. Nachdem sie eine Weile gesessen hatten, kamen aus verschiedenen Richtungen zwei Ritter vor dem Stein an. Ohne ein Wort zu wechseln, lehnten sie ihre Lanzen gegen das Kreuz, zogen ihre Schwerter und begannen einen langen und blutigen Kampf. Als sie länger gefochten als man es für möglich halten konnte, nahmen sie ihre Helme ab, küßten sich und gingen dann wieder jeder in derselben Richtung fort, aus der er gekommen war. Der Morholt bekreuzte sich, denn die schnelle Versöhnung nach so erbittertem Kampf war ihm unerklärlich; die Jungfrau wunderte sich mehr über das Schweigen der beiden Ritter. (50) Der Morholt bedauerte, daß er die Ritter nicht um eine Erklärung gefragt hatte. In diesem Augenblick kam ein Hirsch auf das Kreuz los, sprang auf den Stein und legte sich nieder. Vier weiße Windhunde, die ihm folgten, fielen über ihn her, erwürgten ihn und tranken so viel von seinem Blute, daß sie sich, geschwollen als ob sie bersten wollten, neben den Hirsch niederlegten. Ein feuerspeiender Drache flog nun hernieder und verschlang die Windhunde einen nach dem andern, legte sich dann auf den Körper des Hirsches, als ob er denselben erwärmen wollte, beleckte seine Wunden und behauchte ihn überall. Dann begann der Drache sich augenscheinlich in großen Schmerzen zu drehen und zu winden und fiel von dem Stein herab. Sein Rachen öffnete sich und die vier Windhunde kamen lebendig nacheinander heraus und sprangen wieder auf den Stein. Als der Hirsch, der durch die Wärme des Drachens wieder lebendig geworden war, die Windhunde sah, entfloh er in den Wald, die Hunde verfolgten ihn mit so lautem Gebell, als ob sie zehn anstatt vier gewesen wären. Der Drache flog in den Wald zurück.
Als die Tiere alle verschwunden waren, bekreuzte sich der Morholt, denn er wußte nicht, ob er behext oder berauscht war, oder ob er geträumt hatte. Die Jungfrau hatte niemals etwas Wunderbareres gesehen und war der Meinung, daß der Hirsch derjenige wäre, nach welchem der Stein benannt war. Da sie nichts weiter zu sehen zu bekommen glaubten, streckten sich alle drei auf dem Grase aus und waren bald eingeschlafen, denn sie waren müde und erschöpft. (51)
Bald darauf stieß die Jungfrau einen Schmerzensschrei aus und sagte zum Morholt: "Ich bin tödlich verwundet, und zwar während ich unter deiner Beschützung stehe, doch bin ich selber daran schuld". Der Morholt hatte keine Idee, wie es um die Jungfrau stand, und sagte ihr, daß er auch verwundet wäre, aber nicht wüßte durch wen. Mit großer Anstrengung richtete er sich empor und rief seinem Knappen zu, aufzustehen. Dieser antwortete mit schwacher Stimme: "Herr, ich liege im Sterben, ich glaube nicht, daß ich noch die Sonne werde aufgehen sehen; wenn ihr hier in der Nähe einen Priester wißt, holt ihn; ich weiß nicht, wer mich verwundet hat". Als der Morholt die Jungfrau nach ihrem Befinden fragte, erhielt er keine Antwort. Er legte ihr seine Hand aufs Herz, um zu fühlen ob es noch schlüge; er fand, daß sie tot und über und über mit Blut bedeckt war. Kurz nachher gab auch der Knappe seinen Geist auf.
Der Morholt war außer sich vor Schmerz, Schrecken und Erstaunen, er konnte für den plötzlichen Tod seiner beiden Begleiter ebenso wenig wie für seine eigne Verwundung eine Erklärung finden. Nur eins war ihm klar, jeden, dem er sein Abenteuer erzählen würde, würde ihn für einen Lügner halten, und er selbst würde das Geschehene für eine Fabel halten, wenn er nicht auch verwundet wäre. In solchen Betrachtungen erwartete er den Anbruch des Tages. (52) Bald nach Sonnenaufgang kam ein Ritter auf einem großen Rosse an dem Stein vorbei, und ein Zwerg ritt ihm nach und trug einen Schild und Speer. Der Morholt rief den Ritter an und bat ihn um Hilfe, nachdem er ihm sein Abenteuer erzählt hatte. Der Ritter wußte die Ereignisse der Nacht nicht anders zu erklären, als daß sie Graalabenteuer wären, und sagte, der Morholt könnte froh sein, mit dem Leben davongekommen zu sein. Der Morholt bat den Ritter, ihn auf sein Pferd zu setzen und den Körper der Jungfrau vor ihm auf den Sattel zu legen, damit er denselben zur Bestattung nach einer Abtei oder einem Kloster tragen könnte. Der Ritter selber sollte mit dem Körper des Knappen ein gleiches tun. Der Zwerg fand des Morholt Pferd in der Nähe des Steines grasend und führte es herbei. Mit Hilfe seines Herrn erfüllte er den Wunsch des Morholt, und nahm selber den Knappen vor sich auf sein eignes Pferd. Dann verließen alle drei denPerron du Cerf. Der Ritter prüfte die Wunde des Morholt und fand, daß sie durch eine Lanze verursacht war. Der Morholt empfand beim Reiten große Schmerzen, er hatte viel Blut verloren und seine Wunde blutete noch, so daß man seiner Spur mit Hilfe der auf den Boden gefallenen Blutstropfen hätte folgen können.
Als alle drei mit den beiden Toten etwa eine halbe Meile zurückgelegt hatten, fragte der Ritter den Morholt nach seinem Namen. Als dieser sich nannte, rief der Ritter aus: (53) "Bist du wirklich der Morholt, der meinen Vater 'le duc de laval' getötet hat, den ich schon so lange vergeblich gesucht habe? Es ist meine Pflicht als Sohn, meinen Vater zu rächen." Damit gab er seinem Pferde die Sporen und durchbohrte die linke Schulter des Morholt, so daß derselbe vom Pferde stürzte. Beim Fallen brach der Lanzenstiel. In seinem Haß ließ der Ritter dann sein Pferd dem unglücklichen Morholt einigemal über den Körper laufen. Schließlich befahl er dem Zwerg, den toten Knappen niederzulegen; in dem Glauben, seines Vaters Tod gerächt zu haben, setzte der Ritter seinen Weg fort.
So traf den Morholt das Unglück Schlag auf Schlag. Er lag regungslos wie tot auf der Straße. Um Mittag fügte es Gott, daß Gawain des Weges kam. Er hatte an demselben Tage zwei Ritter besiegt, die ihn angegriffen hatten, weil er ihren Vetter getötet hatte. Er hatte sie verpflichtet, zu Arcaden, der Frau des Pellias, zu gehen und sich ihr in seinem Namen zu ergeben. Diese beiden Ritter begleiteten Gawain noch. Als Gawain und seine Begleiter den Morholt, die Jungfrau und den Knappen auf der Straße liegen sahen, glaubten sie nicht anders, als daß alle drei tot waren. Die beiden Ritter sahen bald, dass die Jungfrau und der Knappe leblos waren. Gawain prüfte den Morholt, den er aber nicht erkannte, weil sein Gesicht von Staub und Blut unkenntlich gemacht war. Er fand die Lanzenspitze in der linken Schulter und die Wunde im Unterleibe, aber er erkannte auch durch Befühlen des Gesichtes, (54) daß noch Leben in dem Körper vorhanden und daß deshalb eine Heilung immer noch möglich war. Während Gawain sich noch mit ihm beschäftigte, öffnete der Morholt die Augen und blickte ihn an, so gut er konnte. Gawain bettete des Verwundeten Haupt auf seinen Knien, schnitt ein Stück seines eigenen Hemdes ab, und begann ihm damit die Augen zu reinigen. Der Morholt fing an zu seufzen und zu stöhnen. Gawain bemühte sich vergeblich seinen Namen von ihm zu erfahren, er war noch unfähig zu reden. "Er muß ein guter Ritter sein, sonst wäre er nach solchem Blutverluste, wie ihn diese beiden Wunden verursacht haben, nicht mehr am Leben", sagte sich Gawain; dann fragte er noch einmal nach seinem Namen. Jetzt antwortete der Morholt leise, nannte sich und sagte, seine Begleiter habe er durch Graalabenteuer verloren. Als Gawain seinen Waffengefährten erkannte, war er sehr traurig, warf seinen Helm weg und küßte ihn, so mit Blut bedeckt als er war. Dann beklagte er des Morholt trauriges Geschick. Als der Morholt das hörte, fragte er Gawain, wer er war.
Als Gawain seinen Namen nannte, fiel der Morholt vor Freude von neuem in Ohnmacht; er kam jedoch bald wieder zu sich und sagte: "Willkommen, Gawain, ich glaubte nicht, dich noch einmal zu sehen. Um Gottes willen, schaff mich so schnell als möglich nach einer Abtei oder einem Kloster, damit ich meine Sünden bekennen kann, denn ich fürchte, mein Ende naht." Gawain fragte die Ritter, ob ihnen nicht in der Nähe ein Haus oder Schloß bekannt wäre, wohin er den Verwundeten tragen könnte. Einer von ihnen antwortete, daß er nicht weit von dort eine Feste besäße, wo der Verwundete bereitwillige Aufnahme finden würde. Gawain ließ die beiden Ritter aus Baumstämmen eine Bahre machen. Er selbst entledigte den Morholt seiner Waffen, zog die Lanzenspitze aus seiner Schulter und verband seine Wunden. (55) Dann ließ er ihn, die Jungfrau und den Knappen auf ein Lager von weichem Gras auf die Tragbahre legen und diese durch zwei Pferde nach dem Schlosse tragen. Daselbst nahm Gawain den Morholt in seine Arme und trug ihn in das für ihn vorbereitete Zimmer und legte ihn auf ein Bett. Die Mutter der beiden Ritter, die viel von der Heilkunde verstand, prüfte die Wunden des Morholt und erklärte, er werde in einem Monat wiederhergestellt sein. Dem Wunsche des Morholt gemäß, ließ Gawain die Jungfrau und den Knappen in einer benachbarten Abtei begraben und auf ihren Grabstein einmeißeln, auf welche wunderbare Weise beide ums Leben gekommen waren.
Viele kamen von nah und fern, um das Grab zu sehen. Weil man aber das Abenteuer amPerron du Cerffür ein sehr großes Wunder hielt, ließ man neben demselben steinerne Standbilder der Jungfrau und des Knappen errichten, die mit den Händen nach dem Stein deuteten, als ob sie denselben verfluchen wollten. Auf die Figur des Knappen war außerdem noch eine Inschrift eingemeißelt worden, deren Inhalt die Erzählung angeben wird, wenn von den Taten Gaheriets[43] die Rede sein wird, als ihn seine Abenteuer zurIsle Merlin[44] führten. Hier aber mögen schon alle Leser wissen, daß Gaheriet, der Bruder Gawains, einer der besten Ritter der Tafelrunde war, und daß er, während er in Großbritannien herumzog, viele Abenteuer bestand; er sprach aber nie von dem, was er vollbracht hatte, wenn er nicht mußte. Das wird imBrait[45] erzählt; als er Ritter wurde, (56) schwor er bei den Heiligen, daß er nie eine brave Tat, die er ausgeführt, freiwillig erwähnen würde. Als er den Hof verließ, wurde er der Gefährte des Baudemagus und tat ein Gelübde, zehn Jahre lang Abenteuer zu suchen, ehe er wieder an den Hof zurückkehrte. Dieses Gelübde hielt er treulich. Als er nach zehn Jahren zurückkehrte, hob er in der Ebene bei Camelot seinen Onkel Artus selber, Agravain, Keux den Seneschall und Gawain aus den Sätteln und wurde Gefährte der Tafelrunde. Seine Abenteuer wurden dann aufgezeichnet. __Doch hier schweigt die Erzählung von Gaheriet, um aber, was zu diesem Buche gehört, der Wahrheit gemäß zu erzählen, wenn der richtige Ort und die richtige Zeit kommen werden.__
Gawain leistete dem Morholt zwei Monate lang Gesellschaft, denn er liebte ihn sehr. Als der Morholt wieder hergestellt war, fragte er Gawain eines Tages nach seiner Jungfrau und seinem Knappen. Gawain erzählte ihm, was die Geschichte schon vorher erzählt hat, und erwähnte auch, daß beide gern zu ihm zurückkehren wollten, daß er sie aber nicht wieder angenommen hätte. Der Morholt billigte Gawains Handlungsweise und fragte ihn dann auch nach Ywain. Von seinem Vetter wußte Gawain nichts zu erzählen, die Dame des Hauses aber, die den Namen Ywains gehört hatte, erklärte, daß Ywain, der Sohn des Königs Urien, kurz vor ihrer beider Ankunft, zwei Tage ihr Gast gewesen wäre, nachdem er das Land von einem Riesen befreit hätte, dessen Kopf noch in jener Kapelle da (auf die sie mit dem Finger weist) zu sehen wäre, wo ihn das Volk in seiner großen Freude über den Tod seines Eigentümers aufgehängt hätte. Der Morholt und Gawain waren hocherfreut über Ywains Erfolg (57) und sprachen die Hoffnung aus, ihn bald wiederzusehen.
An einem Montag früh verließen die beiden Gefährten das Schloß. Sie ritten den ganzen Tag ohne Abenteuer zu finden. Am folgenden Tage kamen sie auf eine grüne Ebene, auf der sie, am Rande einer Quelle, zwei Pavillons sahen. Da es, wie es um die Mitte des Monats August oft der Fall ist, sehr heiß war, schlug der Morholt vor, daß sie sich in einem der Pavillons ausruhten. Gawain war damit einverstanden.
Nachdem sie ihren Pferden Sättel und Zaumzeug abgenommen hatten, ließen sie dieselben grasen und traten in die Pavillons ein. Sie fanden niemanden darin; in jedem aber stand ein prächtiges Bett mit rotem Sammt bedeckt. Sie legten ihre Waffen ab und streckten sich auf eines der Betten aus; und da sie sehr müde waren, schliefen sie bald ein. Dann trat eine alte Dame in den Pavillon ein und weckte sie. Als sie erwachten, fragten sie die Alte, was ihr gefällig wäre. Sie antwortete: "Eure Gegenwart; sagt mir wer ihr seid und woher ihr kommt". Als der Morholt ihr gesagt hatte, daß er selber aus Irland, sein Gefährte aber aus Logres käme, sagte die Alte: "Ich kenne euch wohl, du bist der Morholt und dein Gefährte ist Gawain." "Du kennst uns besser als ich dachte," erklärte der Morholt. Darauf wandte sich die Alte an Gawain und fragte ihn, wie sie ihm gefiele. (58) "Ich habe schon ältere Damen gesehen als dich," sagte Gawain. "Alt wie ich bin", nahm die Alte wieder das Wort, "habe ich doch noch ein junges, lebenslustiges Herz, und deshalb will ich dich, wenn es dir recht ist, zu meinem Freunde machen; meine Liebe wird dir zu größerer Ehre gereichen als die mancher jüngeren Dame". Gawain sah die Sprecherin an und es schien ihm, daß sie mehr als hundert Jahre alt war. Als er nicht sogleich antwortete, wiederholte die Alte ihre Frage. Gawain fühlte sich durch ihre Zumutung beleidigt und sagte: "Du solltest nicht mehr an Liebe denken, denn dein Alter verbietet dir das. Du spottest entweder meiner oder du denkst nicht an dich selber." "Du weigerst dich also?" fragte die Alte. "Wahrlich", erklärte Gawain, "ich wollte lieber nie in meinem Leben lieben, als dir mein Herz zuwenden". "Das genügt mir," sagte die Alte und richtete nun an den Morholt dieselbe Frage wie vorher an Gawain, "Ich liebe eine schöne junge Dame", antwortete der Morholt, "du bist alt und häßlich, darum kann ich jene nicht um deinetwillen im Stich lassen". "Ihr habt mich beide verachtet", sagte die Alte, "ihr werdet es bereuen, dafür aber, daß ihr euch über mich lustig gemacht habt, werde ich mich sehr bald an euch rächen".
Damit verließ sie die beiden Gefährten, die einander neckten. Bald darauf setzten auch sie, auf des Morholt Vorschlag, ihren Ritt fort. Sie waren noch nicht lange geritten, da verwandelte sich die Liebe, die sie bisher zueinander gehegt hatten, in tötlichen Haß. "Wie kannst du dich erkühnen", fragte der Morholt Gawain, "an meiner Seite zu reiten, weißt du nicht wie ich dich hasse?" (59) "Ich hasse dich mehr als irgend einen Menschen," entgegnete Gawain. Damit forderte der eine den andern zum Kampfe heraus. Sie fielen mit unglaublicher Bitterkeit über einander her. Nachdem sie mit den Lanzen einer den andern vom Pferde gestoßen hatten, zogen sie ihre Schwerter und kämpften zu Fuß, bis beide das dringende Bedürfnis, sich auszuruhen, fühlten.
Wäre nicht zufällig die Cousine derDamoiselle du Lac, eine Jungfrau, die von Merlin am Hofe Artus' die Zauberkunst gelernt hatte, des Weges gekommen, so hätten die beiden Gefährten einander ohne Zweifel getötet, denn sie waren bezaubert. Diese Jungfrau war auf dem Wege zu König Artus mit einer Botschaft ihrer Dame, derDamoiselle du Lac, als sie die beiden Gefährten gegeneinander kämpfend fand. Sie erkannte beide und wunderte sich, was geschehen war, denn von Ywain, den sie an demselben Tage getroffen hatte, wußte sie, daß beide Waffengefährten waren. Sie redete Gawain an und fragte ihn, weshalb sie einander so haßten. "Ich weiß es nicht", antwortete er, "aber ich hasse ihn mehr als irgend einen Menschen, und es wird nie Frieden zwischen uns geben, bis einer von uns tot ist". "Das ist sonderbar", sagte die Jungfrau, "ihr haßt einander und wißt nicht warum". Zu sich selber aber sagte sie: "Die beiden sind bezaubert, es wäre schade, wenn sie einander töteten". (60)
Damit versuchte sie durch ein Gegenmittel den Zauber zu lösen. Es gelang ihr; beide Ritter blickten einander verwundert an, als ihr Gedächtnis zurückkehrte; sie warfen ihre Schwerter auf den Boden und fragten einander: "Weshalb haben wir uns geschlagen? Wir müssen bezaubert gewesen sein! Wahrlich wir hätten einander getötet." "Sicherlich", sagte der Morholt, "das kann nur durch Zauber geschehen sein, denn wir haben ohne Ursache gekämpft. Ich hoffe, ich habe dich nicht gefährlich verwundet." "Hätten wir den Kampf fortgesetzt", sagte Gawain, "so wäre es um uns geschehen gewesen, denn wir hatten schon Blut genug verloren". "Ihr waret beide bezaubert", fiel jetzt die Jungfrau ein, "und hättet einander getötet, hätte Gott nicht gefügt, daß ich euch zur rechten Zeit fand". "Jungfrau", sagten sie, "gesegnet sei die Stunde, in welcher du hierher kamst, gesegnet sei Gott, der dich hierher führte, und gesegnet sei derjenige, der dich die Zauberkunst lehrte". "Wißt ihr, wer euch bezaubert hat?" fragte die Jungfrau. Als sie beide antworteten, daß sie keinen Feind zu haben glaubten, der ihnen in seinem Haß solches Unrecht zufügen könnte, erklärte die Jungfrau: "Ich werde es euch sagen. Eine Dame, die ihr für alt hieltet, die aber noch jung und sehr schön ist, fragte jeden von euch um seine Liebe. Ihr verweigertet sie ihr. Sie versteht viel von der Zauberkunst. Um sich an euch zu rächen, erfüllte sie eure Herzen mit tötlichem Haß, in der Hoffnung, daß ihr einander töten würdet. Das wäre ihr ohne Zweifel gelungen, wäre ich nicht zur rechten Zeit gekommen." "Du hast recht", sagten die beiden Gefährten, steckten ihre Schwerter in die Scheide und bestiegen, müde und erschöpft wie sie waren, ihre Pferde. (61) "Weißt du hier in der Nähe ein Nachtquartier?" fragte Gawain die Jungfrau. "Nicht weit von hier wohnen weiße Mönche, die euch aufnehmen würden", antwortete die Jungfrau; "wenn ihr zu ihnen gehen wollt, will ich euch zu Liebe auch dort absteigen".
In der Abtei fanden die schwerverwundeten Gefährten und die Jungfrau freundliche Aufnahme. Während die Jungfrau aber schon am nächsten Morgen in aller Frühe ihren Ritt nach Camelot fortsetzte, waren die beiden Gefährten genötigt, eine ganze Woche die Gäste der Mönche zu bleiben, bevor sie wieder so weit hergestellt waren, daß sie auf die Suche nach Abenteuern gehen konnten.
Nachdem Gawain und der Morholt die Abtei verlassen hatten, kamen sie eines Tages in eine schöne Gegend. An der Seite des Weges gewahrten sie einen Felsen, der so hoch war als sie zu sehen vermochten, nirgends aber war ein Aufstieg, weder Treppe noch Pfad zu sehen; ebenso wenig konnten sie erkennen, ob ein Haus oben auf dem Felsen war. Der Felsen war so steil und glatt, daß ein Eichhörnchen nicht imstande gewesen wäre, an demselben emporzuklettern. (62) Während die beiden Gefährten noch den Felsen bewunderten, sahen sie auf demselben zwölf[46] schöne wohlgekleidete Jungfrauen, die bald so laut miteinander zu reden anfingen, daß man unten ihre Worte verstehen konnte. Sie sprachen nicht von der Vergangenheit, sondern von der Zukunft, als ob sie weise Seherinnen wären, deren Aufgabe es war, die Zukunft zu ergründen. Gawain und der Morholt versuchten die Gegenwart der Jungfrauen auf dem Felsen zu erklären, wie sie hinaufgekommen, wie sie, ohne fliegen zu können, herunterkommen könnten, wovon sie lebten, woher sie ihre Nahrung bekämen. Da sagte plötzlich der Morholt, nach dem er lange nachgedacht: "Jetzt weiß ich, wer die Jungfrauen sind und wer sie hierher gebracht hat. Es sind ihrer zwölf und alle sind Schwestern. Die älteste verstand sich wohl auf die Zauberkunst. Sie hatte einen Streit mit Merlin, und da dieser ihr oft schadete und ihre Pläne durchkreuzte, wollte sie ihn töten. Da beschloß Merlin, der doch noch klüger war als die Jungfrau, sich an ihr zu rächen. Er versetzte sie und ihre Schwestern auf diesen öden Felsen, in dem Glauben, daß sie dort kläglich umkommen würden. Er hatte sich aber geirrt, was er erwartet hatte, geschah nicht, denn die älteste der Schwestern war eine zu gute Zauberin; ja man sagt, wenn es auf der ganzen Welt nur ein Brot gäbe und wenn dieses hundert Tagereisen von ihr entfernt zu finden wäre, so könnte sie es innerhalb einer Stunde herbeizaubern." Gawain bekreuzte sich. "Das ist noch nicht alles", fuhr der Morholt fort, "sieh, wie sie beraten, als ob es sich um etwas sehr wichtiges handelte; jetzt sprechen sie von der Zukunft". "Woher weißt du denn das?" fragte Gawain, "ich glaubte immer, daß niemand außer Merlin von der Zukunft etwas wüßte". (63) "Ich weiß es", entgegnete der Morholt, "von einigen Rittern, die hier waren; denen sagten diese Jungfrauen Dinge voraus, die später wirklich geschahen. Wenn wir ein Weilchen hier bleiben, werden auch wir etwas auf uns Bezügliches hören. Laß uns horchen, was sie sagen." Als die beiden Gefährten aufmerksam lauschten, hörten sie eine der Jungfrauen, die älteste, die Zauberin, fragen: "Und was denkst du von den beiden Rittern, die da unten horchen?" __"Von Gawain sage ich"__, erwiderte diese, __"daß der Fremdling,[47] den er am meisten lieben wird, ihm die Todeswunde beibringen wird, und daran wird sein eigener Stolz schuld sein. Darauf werden viele Ritter fallen; der Ruhm der Tafelrunde wird verschwinden, denn der Vater derselben wird durch die Hand des eigenen Sohnes sterben; Logres, nachdem es seinen guten Vater verloren hat, wird nie wieder zu so großer Ehre und Macht kommen, wie es jetzt besitzt. Dann werden die beiden Söhne des Drachens zu fliegen anfangen, und den größten Teil des Landes unter ihre Flügel nehmen. Darauf wird der Leopard kommen und die jungen Drachen töten und verschlingen; dann aber wird sich der Leopard in eine Felsenhöhle zurückziehen und niemand wird wieder von ihm hören. Von jener Zeit an werden die schlechten Erben schlimmer und schlimmer werden, so daß Großbritannien, das Gott so hoch erhoben hat, mit Tränen der braven Ritter gedenken wird, die jetzt leben. Zu jener Zeit werden ritterlicher Mut und Tapferkeit nicht mehr hier zu finden sein."__ Dann schwieg die Zauberin, die anderen neigten die Köpfe und begannen von anderen Dingen zu reden.
"Glaubst du nun, was ich sagte, Gawain?" fragte der Morholt. "Ja", entgegnete Gawain, "wenn wir recht weise wären und jene Dame hätte weniger dunkel gesprochen, so hätten wir von Artus' Tod und dem Niedergange von Logres gehört, denn davon hat sie so trefflich gesprochen, daß niemand an ihrer Rede etwas tadeln kann. Es mag schon so kommen, wie sie gesagt hat. Ich habe auch gehört, was sie über meinen Tod prophezeit hat." "Sie hat auch gesagt", sagte der Morholt, "daß dein eigener Stolz die Ursache deines Todes sein wird". "Ich habe es gehört", sagte Gawain, "möge Gott geben, daß es mir besser ergehen wird als sie sagt. Aber über dich, Morholt, hat sie gar nichts gesagt." "Noch nicht", meinte der Morholt, "darum müssen wir warten bis sie von mir sprechen wird, denn ohne über meinen Tod zu hören gehe ich nicht weg von hier". (64) Traurig und nachdenklich willigte Gawain ein. Der Morholt rief mit lauter Stimme zum Felsen hinauf: "Erinnert euch meiner, sagt mir etwas über mein Ende". Die Jungfrauen sprachen eifrig miteinander und taten als ob sie nicht hörten. Da wurde der Morholt ungeduldig und rief noch einmal. Nun sprach die Älteste: "Du ungeduldiger Ritter, wenn du auch hörst was du hören willst, du kannst an deinem Schicksal nichts ändern". "Dennoch möchte ich es wissen," bat der Morholt. "Nun wohl, da du so begierig bist es zu erfahren, will ich es dir sagen", erklärte die Zauberin: __"Du[48] wirst in einem Kampfe für eine ungerechte Sache erschlagen werden, denn du wirst verlangen was zu verlangen du kein Recht hast; du wirst sterben durch die Hand des schönsten, leutseligsten und höflichsten Ritters seines Landes, der treu sein ganzes Leben lang lieben wird. Während du durch die Waffen enden wirst, wird Liebe sein Ende herbeiführen.__ Das ist alles was ich dir zu sagen weiß." Damit wollte die Zauberin sich zurückziehen, aber der Morholt bat sie, ihm noch einige Fragen zu beantworten. "Könnten wir nicht zu euch hinaufkommen", fragte er, "um zu sehen, wie ihr dort oben lebt?" "Ja, gewiß", sagte die Zauberin, "kommt doch!" "Wir können es nicht tun ohne eure Hilfe," meinte der Morholt. "Und wenn ihr es könntet, was wolltet ihr hier oben tun?" fragte die Zauberin. "Euch Gesellschaft leisten und belustigen wie andere Ritter mit andern Damen tun," erklärte der Morholt. "Wenn ihr wirklich hier hinauf kämet, würdet ihr sobald nicht wieder hinunterkommen," bemerkte die Zauberin. "Um so besser", sagte der Morholt, "denn wir würden viel lieber mit euch ein lustiges Leben führen, als das Land nach Abenteuern durchstreifen". "Hier würdet ihr allerdings nichts als Freude und Vergnügen haben," sagte die Zauberin.
Dann wendete sich die Zauberin plötzlich an Gawain mit der Frage: "Gawain, wenn wir bereit wären, euch heute Nacht heraufkommen zu lassen, würdet ihr gern eine Zeitlang hier bleiben, wo ihr alles haben würdet, was euer Herz begehren könnte?" "Ich habe keinen heißeren Wunsch als bei euch zu sein", antwortete Gawain, "denn bei euch, glaube ich, sind alle irdischen Freuden zu finden". (65) "Dann sollt ihr morgen früh euren Wunsch erfüllt sehen", sagte die Zauberin; "bleibt die Nacht hier, legt eure Waffen ab; laßt eure Pferde laufen wohin sie wollen. Wenn ihr Lust habt, schlaft." Gawain und der Morholt taten was sie ihnen gesagt hatte. Als die Nacht gekommen, schliefen sie unter einer großen Ulme in der Nähe des Felsens ein.
Als sie am andern Morgen die Augen öffneten, waren Gawain und der Morholt oben auf dem Felsen bei den zwölf Jungfrauen, von wo sie die ganze Umgegend auf zwei Tagereisen weit übersehen konnten. Die älteste der Jungfrauen bewillkommnete beide, fragte sie, wie es ihnen gefiele, und erklärte, daß es nun, da sie zwei Ritter hätten, noch viel angenehmer auf dem Felsen sein würde. Dann zeigte sie den beiden das Haus. Durch eine eiserne Tür traten sie zunächst in ein schönes Zimmer und von diesem führte eine Tür in einen herrlichen großen Saal, von dem man durch zwölf Türen in die Gemächer der zwölf Jungfrauen gelangen konnte. Auf Gawains Frage, ob außer den zwölf Jungfrauen noch andere auf dem Felsen wohnten, erhielt er die Antwort: "Nein, aber während ihr unsere Gäste zu sein belieben werdet, wird unser Hausstand um zwei Diener und zwei Dienerinnen vermehrt werden, die euch bedienen sollen". Die beiden Gefährten dankten.
(66) Die Jungfrauen bemühten sich ihre Gäste zu unterhalten und ihnen das Leben so angenehm als möglich zu machen. Beide vergaßen alles, Freunde und Verwandte und Abenteuer, und lebten lustig und in Freuden und lernten verschiedene Zaubermittel und Spiele kennen. Gawain liebte die älteste und wurde von ihr wieder geliebt, und der Morholt die jüngste. Beide fühlten sich vollkommen glücklich, und alles, was der Vergangenheit angehörte, war so vollkommen aus ihrem Gedächtnisse verwischt, als ob sie eben geboren worden wären.
So waren denn Gawain und der Morholt auf dem Felsen, den die Leute des LandesLa Roche aux Pucellesnennen, und hatten keinen andern Gedanken als mit ihren Geliebten glücklich zu sein. Sie hatten alles, was sie wünschen konnten. Sie lebten auch in dem Wahn, daß sie täglich wunderbare Abenteuer bestanden und im Lande umherzogen, aber nie hatten sie eine Ahnung davon, daß sie verzaubert waren. __Die Erzählung wendet sich nun zu Ywain.__
III. __Die Abenteuer Ywains.__[49] SS. 66-85. Nachdem Ywain den Riesen getötet hatte, wie vorher[50] kurz erwähnt wurde, ritt er viele Tage ohne ein Abenteuer zu finden, welches der Aufzeichnung wert war. Er wunderte sich sehr, daß er nirgends, wohin er auch kam und nach ihnen fragte, etwas von seinen beiden Gefährten hörte. Er besiegte während dieser Zeit viele Ritter, und die Kunde von seinem Ruhm verbreitete sich bald durch das ganze Land und erreichte auch den Hof, denn Ywain schickte viele der besiegten Ritter zu Artus. Bei Hofe wurde viel und oft von Ywain gesprochen und Artus erklärte zu wiederholten Malen: "Wenn Gott ihn mir nur wieder zurückbringen wollte, würde ich ihn gern in die Tafelrunde aufnehmen!" (67) Gegen Ende des Jahres erinnerte sich Ywain des Versprechens, welches er seinen beiden Gefährten gegeben hatte, nämlich sie an dem Jahrestage des Anfangs ihrer Abenteuer an der Quelle wieder zu treffen. Bis zu diesem Tage war es noch einen Monat hin.
Ywain ritt mit seiner Jungfrau (der siebzigjährigen) und seinem Knappen in die Richtung der Quelle und kam so eines Tages an denPerron du Cerf, demselben wo der Morholt so großes Unglück gehabt hatte. Als er die Inschrift auf dem Steine gelesen hatte, war Ywain ebenso entschlossen, wie der Morholt es gewesen war, die Nacht daselbst zu verbringen, um die Graalabenteuer zu sehen und die Bedeutung der Inschrift zu verstehen. Die Jungfrau war damit nicht einverstanden, sie erklärte, sie würde auf keinen Fall bleiben, denn die Inschrift warnte jeden deutlich genug, daß ihm in der Nähe des Steines Unheil bevorstände. Ywain mußte das zugeben, erklärte aber, daß nicht alles was Inschriften ankündigten, wahr wäre, und bemühte sich, die Jungfrau zu überreden, aber sie beharrte bei ihrer Weigerung bis er ihr erklärte, er werde sie in seinen besonderen Schutz nehmen und für alle Folgen verantwortlich sein. Zwei Ritter, die zufällig des Weges kamen, rief die Jungfrau herbei und bat sie, Zeugen zu sein des Versprechens, das Ywain ihr gegeben hatte. Die Ritter sagten, Ywain wäre töricht, selbst wenn er einer der besten Ritter von der Welt wäre, bei dem Stein zu bleiben, (68) er wäre aber doppelt töricht, für die Sicherheit anderer Bürge sein zu wollen. Die beiden Ritter waren Girflet und Keux der Seneschall; beide wunderten sich nicht wenig in dem Beschützer der Jungfrau Ywain zu erkennen, den sie schon mehr als sechs Monate vergeblich gesucht hatten. Ywain fragte beide, ob sie nichts von Gawain gehört hätten, und sagte, als sie nichts zu erzählen wußten: "Hoffentlich ist ihm kein Unglück widerfahren, denn er hat versprochen, mich und den Morholt in kurzer Zeit nicht weit von hier zu treffen. Sollte er nicht kommen können, so wird vielleicht der Morholt kommen und mir Nachricht über ihn geben." "Da euer Zusammentreffen so nahe bevorsteht", sagten Girflet und Keux, "wollen wir bei dir bleiben, damit wir, wenn Gawain kommt, alle vier zusammen zu Artus zurückkehren können". Mit diesem Vorschlag war Ywain einverstanden.
(69) Nachdem die drei Gefährten einander gelobt hatten, zusammen an demPerron du Cerfzu bleiben und ihre Erlebnisse auszutauschen begannen, erschienen zwei Jungfrauen von großer Schönheit und wohl beritten, die eine auf einem weißen, die andere auf einem schwarzen Pferde. Beide stiegen ab und begrüßten die drei Gefährten. Dann wendete sich die eine an Girflet und bat ihn bei der Treue, die er Artus schuldig war, ihr zu versprechen, ihr den Dienst zu leisten, um den sie ihn bitten würde. Als Girflet, dem als Ritter oblag, eine Bitte unter solchen Umständen zu erfüllen, eingewilligt hatte, bat ihn die Jungfrau mit ihr zu gehen, um bei Tagesanbruch wieder zurückzukehren. "Das kann ich nicht tun", sagte Girflet, "denn ich habe Ywain versprochen, bei ihm zu bleiben; er würde mich mit Recht für einen Feigling halten, wenn ich nicht bliebe; auch darf ich mein Wort nicht brechen". "Du mußt es tun", erwiderte die Jungfrau, "denn du weißt recht wohl, daß nach der Sitte des Landes das einer Jungfrau gegebene Versprechen den Vorrang hat vor dem einem Ritter gegebenen". Dagegen konnte Girflet nichts einwenden. Inzwischen verpflichtete die andere Jungfrau auf die nämliche Weise Keux, mit ihr zu gehen. So verließen Girflet und Keux gegen ihren Willen denPerron du Cerfund Ywain blieb mit seiner Jungfrau und seinem Knappen daselbst zurück. Sie plauderten miteinander. Es war sehr dunkel, so daß kaum einer den anderen sehen konnte. Daher hörten sie zwar, aber sahen so gut wie nichts von den auf dem Stein vor sich gehenden Ereignissen, die der Morholt gesehen hatte. (70) Als alles ruhig geworden war, streckten sich alle drei aus und schliefen ein.
Kurz vor Tagesanbruch stieß die Jungfrau (die siebzigjährige) einen lauten Schmerzensschrei aus und rief: "Ywain, ich sterbe, du allein bist an meinem Tode schuld, denn du veranlaßtest mich hier zu bleiben". Gleich darauf rief der Knappe: "Herr, ich sterbe, ich weiß nicht, wer mich getötet hat oder warum". Auch Ywain fühlte sich verwundet, denn eine Lanze hatte seine linke Schulter durchbohrt. "Ihr habt recht", sagte Ywain zu den beiden, "ich bin daran schuld, daß ihr das Leben verliert, aber ich weiß nicht, wer mir das Unrecht angetan hat, das mir so zur Schande gereicht". Damit sprang er auf, schwer verwundet wie er war, nahm Schild und Lanze, bestieg sein Pferd und verfolgte den vermeintlichen Schuldigen; er konnte aber nicht die geringste Spur eines menschlichen Wesens entdecken, noch konnte er Eindrücke von den Hufen eines Pferdes finden. "Wer kann mir das nur angetan haben?" rief er aus und kehrte ratlos zu den beiden zurück, die tot und regungslos in ihrem Blute lagen. "O Gott, was kann ich tun", rief er in Verzweiflung aus, "ich habe diese Jungfrau, die sich meinem Schutze anvertraute, sterben lassen, wenn das bekannt wird, bin ich entehrt"!
Während Ywain sich seinem Schmerze hingab, kehrten Girflet und Keux, die sehr früh aufgestanden waren, zu ihm zurück. Als er sie kommen sah, rief er ihnen zu: "Kommt schnell und seht mein Unglück und meine Schande". (71) Girflet und Keux waren nicht wenig erschrocken, als sie die beiden Toten sahen, und noch mehr, als Ywain ihnen erzählte, wie alles gekommen war. "Wer auch immer die beiden getötet hat", erklärten beide, "es ist ein großes Unglück". "So groß", sagte Ywain, "daß ich nie im Leben wieder zu Ehren kommen kann". "Du tust dir Unrecht", sagten die beiden Gefährten, "denn was dir geschehen ist, und noch Schlimmeres, hätte dem besten Ritter passieren können, ohne daß er vermocht hätte, es zu verhindern. Die Abenteuer dieses Landes, namentlich die des Graals, verschonen weder dich noch andere Ritter, so lange es Gott gefällt, sich an Gerechten und an Sündern zu rächen." So lange sprachen die beiden Gefährten auf Ywain ein, bis er ruhiger wurde und nachzudenken begann. Nachdem er eine Weile schweigend vor sich hin geblickt hatte, bat er Girflet und Keux, die Jungfrau und den Knappen in geweihter Erde begraben zu lassen. "Und was gedenkst du zu tun?" fragten beide zu gleicher Zeit. "Um mich habt keine Sorge, ich werde schon wieder genesen, aber ich muß weg von hier, denn ich kann nicht ruhen bis ich weiß, wenn es möglich ist es zu wissen, was den Tod meiner beiden Begleiter verursacht hat." Vergebens suchten seine beiden Gefährten Ywain zum Bleiben zu veranlassen; nachdem er seine Wunde so gut wie möglich mit einem Stück seines Hemdes verbunden hatte, nahm er seine Waffen und bestieg sein Pferd. "Beabsichtigst du an dem verabredeten Tage an der Quelle zu sein?" fragten beide. "Ja", antwortete Ywain, "wenn nicht der Tod oder Krankheit mich verhindern"; dann ritt er ab.
(72) Den ganzen Tag lang ritt Ywain in großen Schmerzen klagend seines Weges. Die Nacht verbrachte er bei einemvavassour, der seine Wunde verband und alles für ihn tat was er konnte. Am nächsten Morgen war Ywain unfähig seinen Ritt fortzusetzen, wie gern er es auch getan hätte. Zehn Tage blieb er bei demvavassour, bevor er weiter reiten konnte. Dann erinnerte er sich der Quelle und schlug die Richtung nach derselben ein. Er erreichte gerade an dem verabredeten Tage sein Ziel,[51] fand aber weder Gawain, noch den Morholt, noch eine der Jungfrauen. Er stieg ab, band sein Pferd an einen Baum, legte seine Waffen ab und blieb den ganzen Tag an der Quelle, aber vergebens, denn keiner von den sehnlichst Erwarteten kam.
Gegen Abend sah Ywain zu seiner Rechten eine schöne Jungfrau in rotem Sammet gekleidet aus dem Walde auf sich zu kommen. Sie kam ohne jede Begleitung und war zu Fuß. Ywain erhob sich, begrüßte sie und lud sie ein an seiner Seite Platz zu nehmen. Sie willigte ein. Beide setzten sich an der Quelle nieder und plauderten. Im Laufe des Gesprächs fragte die Jungfrau Ywain, was er suchte und wen er erwartete. Als er diese Frage beantwortet hatte, fragte die Jungfrau, wer seine beiden Gefährten wären. Auch diese Frage beantwortete Ywain. (73) Die Jungfrau erklärte, daß Gawain und der Morholt wirklich gute Ritter wären, und daß sie beide wohl und unversehrt in der größten Freude lebten und sich so wohl befänden, daß sie über ihre Geliebten und Spiele alles andere vergessen hätten. Ywain war erstaunt und fragte die Jungfrau, ob sie seine Gefährten gesehen hätte. "Ja", antwortete diese, "ich sah sie vor kaum einem Monat und werde sie bald wieder sehen". "Könntest du mich nicht zu ihnen bringen, so daß ich mit ihnen reden könnte," fragte Ywain. "Nein", antwortete die Jungfrau, "das kann und will ich nicht tun, aber ich bin bereit, dir zu sagen, wo du sie sehen kannst. Sie leben aufLa Roche aux Pucellesmit den zwölf weisen, der Zauberkunst kundigen Jungfrauen." "Und wo kann ich diesen Felsen finden?" fragte Ywain. "Weniger als eine Tagereise von hier bei dem Schloß Marterol," erwiderte die Jungfrau. "Vielen Dank für deine Belehrung", sagte Ywain, "das Schloß kenne ich, denn ich bin oft dort gewesen". "Ich würde dir auch gern helfen in Bezug auf das, was du zu wissen strebst, aber ich bin noch nicht weise genug, es tun zu können," sagte die Jungfrau. "Was ist denn das, was ich zu wissen strebe?" fragte Ywain. "Eine Erklärung deines Abenteuers amPerron du Cerf," sagte die Jungfrau. "Du hast recht", gab Ywain zu, "du weißt viel mehr über mich als ich glaubte. Wenn du den kennst, der mir die Schande zugefügt hat, sage es mir, damit ich mich an ihm rächen kann." "Von Rache kann keine Rede sein", erklärte die Jungfrau, "denn kein Sterblicher hat dazu die Macht; was du gesehen hast und was geschehen ist, sind Graalabenteuer, die an einem Orte mehr, an einem anderen weniger sich ereignen, die weder deinethalben noch anderer wegen aufhören werden, (74) bis der gute[52] Ritter kommen wird, der die Wunder von Logres zu Ende führen soll. Der wird auch die Abenteuer desPerron du Cerfund noch andere gefährlichere bestehen, was weder die Ritter, die jetzt leben, noch seine Zeitgenossen zu tun vermögen." "So wird denn wirklich in diesem Königreiche ein Ritter leben, der alle Abenteuer bestehen wird, die wir ändern nicht bestehen können?" fragte Ywain. "So wird es sein", antwortete die Jungfrau, "und so muß es sein, und der Ritter, von welchem ich spreche, wird weder durch Zauberkraft noch mit Hilfe des Teufels seine Aufgabe lösen, sondern durch seine eigene Kraft und Tapferkeit, denn Gott wird ihn so ausstatten mit allen guten Tugenden, daß in der ganzen Welt während seiner Lebenszeit kein anderer ihm gleichkommen kann". "Wie heißt er denn?" fragte Ywain. "Das kann ich dir noch nicht sagen", entgegnete die Jungfrau, "denn er ist noch nicht[53] erzeugt, und es wird noch einige Zeit vergehen, ehe er erzeugt werden wird. Aber wo er auch immer getauft werden wird, ich[54] werde seinen Namen wissen, sobald er ihn empfangen hat, wenn ich zu der Zeit noch lebe." "Und glaubst du, daß ich diesen Ritter sehen werde?" fragte Ywain. "Ja, sicherlich", sagte die Jungfrau, "denn du wirst am Hofe sein, wenn er erscheinen wird, um densiege perilleuxeinzunehmen, den bisher keiner einzunehmen wagte. Das wird an einem Pfingstfest geschehen. Eine Woche vor demselben wird dich Gawain mit einem Stein, den er nach einem Hunde wird werfen wollen, an der Stirn verletzen.[55] Alles das habe ich dir gesagt, um dich zu trösten." "Das ist dir gelungen," sagte Ywain. "Und ich habe es weniger getan um deinetwillen", setzte die Jungfrau hinzu, "als um deinen Vater, König Urien, den ich sehr liebe, weil er mir einst einen großen Dienst erwiesen hat. Nun gehe ich." "Wohin willst du gehen?" fragte Ywain. "Zu meiner Schwester, die nicht weit von hier wohnt", sagte die Jungfrau; "ich würde dir raten auch dort abzusteigen, denn du wirst kaum heute noch ein anderes Nachtquartier finden". Ywain war gern dazu bereit, er nahm seine Waffen, setzte seinen Helm auf, ergriff die Zügel seines Pferdes und lud die Jungfrau ein, dasselbe zu besteigen, (75) diese aber lehnte dankend ab. So schritten beide nebeneinander durch den Wald und erreichten bald das Haus der Schwester, wo Ywain freundliche Aufnahme fand. Am andern Morgen bei Tagesanbruch nahm Ywain von den beiden Schwestern Abschied, und schlug die Richtung nachLa Roche aux Pucellesein, die er auch nach einiger Zeit erreichte. Als er den Felsen sah, konnte, er sich nicht denken, daß auf demselben irgend jemand leben könnte und glaubte sich geirrt zu haben. Er ging daher weiter und traf nicht weit davon einen Ritter, der laut jammerte, der aber, sobald er seiner ansichtig wurde, zu weinen aufhörte. Sie grüßten einander; der Ritter hielt an und fragte Ywain, wer er wäre und woher er käme. Ywain wollte ihm erst nicht antworten, sagte ihm jedoch was er zu wissen wünschte, als der Ritter ihn höflich bat. "Du hättest besser geschwiegen", erklärte der Ritter dann, "ich bin dein Feind, ich hasse alle Ritter des Königs Artus, ich fordere dich zum Kampfe heraus". "Du bist der größte Thor den ich je gesehen habe", sagte Ywain, (76) "die Ritter des Königs Artus würden sich über deinen Haß lustig machen, wenn sie deine Drohung hörten".
Dann entfernten sich beide ein Stück und stürmten mit eingelegten Lanzen auf einander los. Beide durchbohrten sich gegenseitig die Schilde. Der Ritter fiel betäubt zu Boden. Ywain warf seine Lanze weg, zog sein Schwert aus der Scheide und ritt auf den am Boden liegenden Ritter los. Dieser aber war gerade wieder zu sich gekommen und tötete mit seinem Schwert Ywains Pferd. "Du bist feige", schalt Ywain den Ritter, "mein Pferd zu töten". "Und du bist kein Ritter, wenn du zu Pferde einen andern zu Fuß angreifst," entgegnete der Ritter. "Was du getan hast", sagte Ywain, "wird dir nichts helfen, denn wenn ich von hier weggehe, werde ich auf deinem Pferde reiten". Nach diesem Zwiegespräche hieben beide mit ihren Schwestern aufeinander los. Der Kampf dauerte lange; beide empfingen viele Wunden und verloren viel Blut. Am Ende besiegte Ywain seinen Gegner und zwang ihn, sich bedingungslos zu ergeben. (77) Dann fragte er ihn, weshalb er alle Ritter des Königs Artus so haßte. "Das will ich dir sagen", erwiderte der Ritter. "Nicht weit von hier lebt eine schöne Jungfrau, die ich fünf Jahre geliebt habe und die meine Liebe erwiderte. Sie ist nicht nur von großer Schönheit, sondern sie ist auch eine kluge Zauberin. Nun geschah es, daß vor etwa einem halben Jahr Gawain hierher kam. Meine Geliebte sah ihn, fand Gefallen an ihm und nahm ihn an meiner Stelle zu ihrem Freunde und Geliebten. Seitdem kümmert sie sich nicht mehr um mich. Ich kann weder mit ihr sprechen noch zu ihr schicken, denn sie lebt an einem Orte, den niemand erreichen kann, es sei denn mit ihrer Hilfe und Einwilligung.
"Mein Verlust hat mich sehr geschmerzt; noch größere Schmerzen aber verursachte mir die Unmöglichkeit, mich an dem zu rächen, der mir die Geliebte geraubt hat. Da ich seiner nicht habhaft werden kann, um ihn zu töten, beschloß ich, mich an allen seinen Gefährten zu rächen, wenn ich sie besiegen könnte." "Nun", sagte Ywain, "bist du selbst der Besiegte und ich befehle dir, von nun an Gawain als deinen Herrn zu ehren und ihm zu dienen". Als der Ritter geschworen hatte, das zu tun, fragte ihn Ywain, wo denn Gawain wäre. "Dort auf jenem Felsen wohnt er und der Morholt mit den zwölf Schwestern, deren älteste meine Geliebte war; sie leben da oben lustig und in Freuden, und niemand kann zu ihnen gelangen (78) ohne die Erlaubnis und Hilfe derjenigen, die jetzt Gawains Geliebte ist, denn auf den Felsen führt weder ein Weg noch eine Treppe". "Laß uns nach dem Felsen reiten," sagte Ywain.
Beide Ritter, verwundet wie sie waren, bestiegen das Pferd des Besiegten und erreichten auf demselben in kurzer Zeit den Fuß des Felsens. Auf dem Gipfel waren die zwölf Jungfrauen in eifrigem Gespräch begriffen. Der Ritter erklärte Ywain, daß die Zukunft, das Schicksal und Ende der Großen der Welt den Gegenstand ihres Gespräches bildete, und erzählte ihm alles, was der Morholt über den Felsen und seine Bewohnerinnen Gawain erzählt hatte. Als Ywain alles gehört hatte, rief er so laut er konnte zum Felsen hinauf: "Ihr Jungfrauen, wie glaubt ihr denn, daß ich sterben werde?" "Ich glaube nicht", erwiderte die Älteste lachend, "ich weiß, __daß du an demselben Tage sterben wirst, an welchem der Vater der Tafelrunde die Todeswunde empfangen wird, denn derjenige, der sie ihm geben wird, wird dir den Kopf abschlagen__.[56] Nun laß mich in Frieden, denn du hast gehört, was du zu hören wünschtest." "Wenn sie mir nur sagen möchte, wer derjenige sein wird, der mich töten soll, so könnte ich ihre Prophezeiung leicht unerfüllbar machen", (79) sagte Ywain zu seinem Begleiter und fragte ihn dann, was sie ihm prophezeit hätte. "Mir sagte sie", antwortete dieser, "daß mir an dem Tage, an dem ich meine Schwester töten würde, der schönste Ritter der Tafelrunde[57] erst das Bein und dann den Kopf abschlagen würde und daß dieser Ritter durch Liebe seinen Tod finden würde. Weiter wollte sie mir nichts sagen." "Wie kann sie das alles wissen ohne die Hilfe des Teufels"? fragte Ywain, dann rief er so laut er konnte: "Sage mir, was du von meinem Vetter Gawain weißt, denn nur um seinethalben bin ich hierhergekommen". "Was willst du von ihm? Ihn zu sehen kann dir nichts nützen; du kannst nicht zu ihm und er kann nicht zu dir kommen," antwortete die Zauberin. "Laß ihn mich nur sehen," bat Ywain. Die Zauberin führte wirklich Gawain und den Morholt herbei, so daß beide Ywain sehen konnten und Ywain sie. Ywain redete Gawain an, der aber war so bezaubert, daß er seinen Vetter nicht erkennen konnte.
Ywain war traurig und weinte; er versuchte sein Glück mit dem Morholt, der neben Gawain saß, aber auch dieser erklärte, er habe Ywain nie gesehen, wandte sich von ihm ab und sagte zu Gawain: "Hast du gehört, wie aufdringlich dieser Ritter war? Er scheint der törichteste zu sein, den ich je gesehen habe". Diese Worte hörten Ywain und sein Begleiter deutlich am Fuße des Felsens. "Deine Mühe ist umsonst", sagte der Ritter zu Ywain, "deine Gefährten kennen dich nicht, und wenn du noch hundert Jahre hier bliebest, würden sie nicht verstehen, was du von ihnen willst. Sie haben ihre Vergangenheit vergessen und müssen dort oben bleiben, so lange es den Jungfrauen gefällt; und wenn sie eines Tages wieder herunterkommen sollten, so werden sie glauben, daß sie nur einen oder zwei Tage oben gewesen sind." "Das ist schrecklich", sagte Ywain, "daß Zauberinnen so gute Ritter so ganz in ihre Gewalt bekommen können. Wenn König Artus hört, daß sein Neffe Gawain auf dem Felsen ist, wird er denselben belagern und zerstören lassen." "Das würde er nicht tun können", sagte der Ritter, "denn die Zauberin würde den Felsen sofort mit Wasser umgeben und unzugänglich machen". "Wenn sie das vermag", sagte Ywain, "dann könnte sie vielen Menschen Schaden zufügen". "Allerdings", erklärte der Ritter, "das könnte sie, wenn nicht die Furcht, Sünde zu begehen, sie zurückhielte".
Nachdem beide lange miteinander gesprochen hatten, riet der Ritter Ywain, nicht länger bei dem Feisen seine Zeit zu verlieren. (81) Beide bestiegen wieder des Ritters Pferd und erreichten bald einemaison de convers, wo man sie freundlich aufnahm. Der Ritter blieb daselbst einige Zeit, bis seine Wunden geheilt waren, Ywain aber ritt am folgenden Morgen weiter, bis ihn eines Tages der Zufall in den Wald, in die Nähe von Camelot führte, und zwar an einem Sonntag Abend zwischen Ostern und Pfingsten. Er war darauf bedacht, von keinem seiner Gefährten gesehen zu werden. Der Tag war sehr heiß und, da er sehr ermüdet war, beschloß er bei der Einsiedelei des Nascien[58] an einer Quelle zu rasten. Dort angekommen, nahm er seinem Pferde Sattel und Zaumzeug ab und ließ es grasen; er selbst, nachdem er den Einsiedler[59] um Nahrung gebeten, an der Quelle getrunken und in der Kapelle Vesper hatte singen hören, legte sich auf seinen Schild nieder, um zu schlafen. Er konnte aber lange keine Ruhe finden; erst gegen Morgen verfiel er in einen tiefen Schlaf.
An jenem Morgen hielt Artus im Walde von Camelot eine große Jagd. Als der König mit seinem Gefolge einen Hirsch verfolgte, hatte die Königin die Idee, in der Kapelle des Nascien die Messe zu hören. Nach der Messe fand sie (82) Ywains Pferd grasend und schloß aus dieser Tatsache, daß ein fremder Ritter in der Nähe ruhen müßte. Sie machte sich daher mit zweien ihrer Damen auf, um den Ritter zu suchen. Sie fand erst seine Waffen, dann ihn selber.
Ihre Begleiterinnen erkannten Ywain. Die Königin setzte sich neben ihn und ergriff seine Hand. Erschreckt und beschämt erwachte er und wollte entfliehen, die Königin aber hielt ihn zurück. Er bat sie, ihn gehen zu lassen, da der König ihn von seinem Hofe verbannt hätte. Sie versicherte Ywain,[60] daß der König, was er in einem Augenblick des Zornes getan, schon oft bereut hätte, und bereit wäre, das Unrecht wieder gut zu machen, welches er ihm zugefügt hätte. Als Ywain trotzdem bat, (83) sie möchte ihn ziehen lassen, erklärte die Königin, er könnte ihr das nicht antun und ihre Bitte abschlagen.
Ywain befand sich in schwieriger Lage, er wollte der Königin nicht wehe tun, er wollte aber auch nicht bleiben. Schließlich bat er die Königin, ihm zu versichern, daß er dem Könige wirklich willkommen sein würde. Die Königin schwor ihm, daß er Artus, nächst Gawain, der willkommenste Ritter sein würde. Gawains Name rührte Ywain zu Tränen. Auf ihren Wunsch erzählte er der Königin, was er von Gawain wußte. Die Königin tröstete ihn und bat ihn, sich keine Sorge um Gawain zu machen, denn Merlin — __den sie noch am Leben glaubte__ — würde ihn und den Morholt bald durch seinen Scharfsinn befreien. Dann versicherte sie Ywain noch einmal, daß der König oft bereut hätte, ihn verbannt zu haben.
Die Königin ließ Ywain bewaffnen und befahl ihrem weiblichen Gefolge, (84) in Bezug auf ihn unbedingtes Schweigen zu beobachten; jedem der fragen sollte, wer Ywain wäre, sollte man antworten, daß er ein fremder unbekannter fahrender Ritter wäre, den sie zum König führen wollte. Dann gab die Königin das Zeichen zum Aufbruch nach Camelot.
Die Begleiterinnen der Königin führten ihre Befehle gewissenhaft aus, so daß keiner von den sie begleitenden Rittern und am Hofe von Ywains Gegenwart eine Ahnung hatte. Im Palast angekommen, wies die Königin Ywain eines von ihren eigenen Gemächern an und ließ ihn mit allem, was er wünschen konnte, versorgen.
Am Abend, als Artus von der Jagd zurückkehrte, sagte ihm die Königin, daß Ywain im Walde gesehen worden wäre. In dem Glauben, daß Ywain in seiner Nähe gewesen wäre, ihn aber vermieden hätte, wurde der König zornig und sagte, Ywain schlüge recht nach seiner Mutter Morgain. Die Königin lächelte. Artus erkannte, daß sie ihm etwas vorenthielt und befahl ihr, wenn sie wußte, wo Ywain zu finden wäre, ihn sofort holen zu lassen. Die Königin ging zu Ywain und sagte ihm, daß Artus ihn erwartete. Beschämt, daß er ohne Gawain kam, trat Ywain vor den König; (85) dieser kam ihm mit offenen Armen entgegen und bewillkommnete ihn mit großer Herzlichkeit. Am Hofe war die Freude aller sehr groß, als man sah, daß Ywain zurückgekehrt war. Der König ließ Ywain an seiner Seite Platz nehmen und fragte ihn, wie es ihm während seiner Abwesenheit ergangen wäre und ob er Girflet und Keux nicht gesehen hätte, die ihn suchten. Ywain erzählte dem Könige, daß er beide an demPerron du Cerfgetroffen hätte, wo ihm ein so schreckliches Unglück passiert wäre. Dann, nachdem er den üblichen Eid geleistet hatte, die Wahrheit zu sagen, erzählte er seine Abenteuer, die der König sogleich aufzeichnen ließ.
IV. __Die Suche nach Merlin.__ SS. 85-94. An jenem Abende wurde Gawains Name nicht erwähnt, weil man Ywain schonen wollte. Am nächsten Tage aber fragte Artus seinen Neffen, was aus Gawain geworden wäre. Ywain erzählte alles was geschehen war, soweit er wußte, seitdem sie zusammen Camelot verlassen hatten. Als der König hörte, daß Gawain und der Morholt aufLa Roche aux Pucellesverzaubert lebten, fragte er seine Ritter, was er tun könnte, um sie zu befreien. Er war geneigt sogleich aufzubrechen, den Felsen zu belagern und zu zerstören, selbst wenn er von Stahl wäre. (86) "Das ist unmöglich," erklärte Ywain und erzählte, was ihm der Ritter über die Zauberkraft seiner früheren Geliebten gesagt hatte; dann riet er dem Könige, Merlin kommen zu lassen, der bald Mittel und Wege finden würde, die beiden Ritter aus der Gewalt der Jungfrauen zu befreien. "Das ist der beste Rat, der mir gegeben werden konnte", sagte der König, "denn Merlin allein kann uns helfen". Derselben Meinung waren alle am Hofe, aber Merlin war seit langer Zeit von keinem gesehen worden. Einige glaubten, daß Merlin tot wäre. "Das glaube ich nicht", erklärte Artus, "denn wenn das wahr wäre, hätten wir davon gehört. Wir müssen Merlin suchen lassen, bis er gefunden ist."
Sogleich schickte Artus Ritter und Knappen nach allen Richtungen, um Merlin zu suchen, und befahl ihnen besonders alle Orte zu erforschen, wo Merlin sich aufzuhalten pflegte. Er versprach reiche Belohnung demjenigen, dem es gelingen würde, Merlin herbeizuführen. Die gute Belohnung einerseits, und der Wunsch, dem Könige einen Dienst zu leisten und sich seine Gunst zu erwerben andrerseits, veranlaßten viele Ritter auf die Suche nach Merlin zu gehen, aber alle ihre Bemühungen waren vergeblich, denn Merlin war tot; allerdings wußten um seinen Tod nur diedamoyselle du lac, ihr Gefolge und Baudemagus.
Da ereignete es sich eines Tages, daß Tor, der Sohn des Ares, in Wirklichkeit[61] des Königs Pellinor, an einem Mittwoch am Rande eines Waldes Aglant einen Ritter des Königs Artus, der in derPetite Bretaignegeboren war, traf. Beide waren hocherfreut, sich wiederzusehen, keiner konnte aber dem andern mitteilen, daß seine Suche nach Merlin erfolgreich gewesen wäre. "Da wir, jeder allein, keinen Erfolg gehabt, haben", erklärte Aglant, "laß uns versuchen, ob wir vereint mehr Glück haben werden". (87) Damit war Tor einverstanden.
So ritten Tor und Aglant viele Tage zusammen und suchten Merlin, ohne irgendwelche erwähnenswerten Abenteuer zu finden. Eines Tages begegneten sie einem stattlichen Ritter in schwarzer Rüstung und auf einem schwarzen Pferde. Dieser Ritter, der die beiden Gefährten an ihren Waffen erkannte, forderte sie zum Kampfe heraus. Auf seine Bitte ließ Tor Aglant zuerst sein Glück versuchen. Aglant ritt gegen den schwarzen Ritter und dieser gegen ihn. Aglants Lanze brach, und er wurde von dem schwarzen Ritter samt seinem Pferde zu Boden geworfen, aber nur leicht in der Seite verwundet. Als er am Boden lag, rief ihm der schwarze Ritter zu: "Jetzt habe ich mich gerächt, Aglant,[62] dafür, daß du mich den Sitz an der Tafelrunde hast verlieren lassen, weil ich noch zu jung war, wie du sagtest."
Um seinen Genossen zu rächen, griff nun Tor den schwarzen Ritter an und verwundete ihn leicht in der Seite; der schwarze Ritter aber durchbohrte ihm mit der Lanze die linke Schulter; die Lanze zerbrach, als Tor zu Boden stürzte. Dem gefallenen Tor rief der schwarze Ritter zu: "Nun kannst du erkennen, Tor, ob ich weniger würdig war, an der Tafelrunde zu sitzen als du, und daß man mir unrecht tat, als man dir den Sitz gab. Gott hat mir auch vergönnt, mich an dem zu rächen, dem ich den Verlust dieser Ehre verdanke." Dann wandte sich der schwarze Ritter an Aglant, der schon sein Schwert gezogen hatte, und sagte: (88) "Stecke dein Schwert in die Scheide, wir kämpfen nicht weiter; ich habe euch angegriffen, weil ich euch erkannte und weiß, daß ihr Merlin suchet, und weil ich der einzige bin, der euch über Merlin Nachricht geben kann. Ich will euch sagen, was ich weiß, mehr könnt ihr nicht erfahren, so viel ihr euch auch bemühen möget. Merlin ist tot; er starb genau so wie er mir am Hofe vorhersagte, als er erklärte:[63] 'Du wirst eines ehrenvollen Todes sterben, aber ich werde lebendig begraben werden.'" Aglant fragte, wie das gekommen sei; der schwarze Ritter weigerte sich aber, mehr zu sagen, doch fügte er hinzu: "Sage Artus, daß die letzten Worte, die Merlin zu mir gesprochen hat, waren: 'Gawain und der Morholt werden nicht vonLa Roche aux Pucellesherunterkommen, bevor Gaheriet Ritter sein und sie befreien wird.' Ich bin Baudemagus, der Neffe des Königs Urien, den Artus selbst zum Ritter gemacht hat." Damit ritt der schwarze Ritter, so schnell ihn sein Pferd zu tragen vermochte, davon. Tor hatte sich inzwischen erhoben und wollte nun den schwarzen Ritter verfolgen, Aglant aber hielt ihn zurück, und erzählte ihm alles, was er gehört hatte. "Dann können wir nach Camelot zurückkehren", sagte Tor, "denn unsere Suche ist zu Ende, da Merlin tot ist".
Nachdem Tor, um seine Wunden zu heilen, in dem Hause eines Ritters (89) zwei Wochen geblieben war, während deren Aglant ihm Gesellschaft geleistet hatte, kehrten beide so schnell sie konnten nach Camelot zurück. Am Anfang des Winters erreichten sie ihr Ziel. Nachdem sie ihre Waffen abgelegt hatten, ließ sie Artus vor sich kommen und fragte, ob sie Nachricht über Merlin brächten. Sie berichteten, daß sie Baudemagus getroffen hätten, und was er ihnen dem Könige zu sagen aufgetragen. Artus war über den Tod seines treuen Beraters, dem er so viel verdankte, sehr traurig; es rührte ihn besonders, daß Merlin noch kurz vor seinem Tode an ihn gedacht hatte, als er ihm sagen ließ, wer der Befreier Gawains sein würde.
Aber nicht nur Artus, sondern der ganze Hof trauerte um Merlin, denn alle hatten unbegrenztes Vertrauen in Merlins Macht und Fürsorge gehabt. Die Königin erklärte, sie hätte lieber zwei der besten Städte verloren als Merlin. Aglant vermochte nicht zu sagen, wer Merlin lebendig begraben hätte, er vermutete aber, daß es ein Weib getan hätte. Artus war derselben Meinung; er fragte Aglant, was er von Baudemagus hielte. "Er ist ein guter Ritter", sagte Aglant, "und wird einer der besten der Welt werden, wenn er am Leben bleibt". "Auch ich hatte stets eine hohe Meinung von ihm", sagte Artus, "und darum will ich ohne Verzug Gaheriet zum Ritter machen, denn das kann mir nur zum besten gereichen". (90)
Als Artus' Neffen Agravain, Gaheriet und Guerrehes geholt wurden, und als Agravain hörte, was Merlin über Gaheriet zu Baudemagus gesagt haben sollte, war er sehr neidisch auf seinen Bruder. "Ich bin der ältere", erklärte er einem vertrauten Gefährten, "ich bin stärker, geübter und gewandter als mein Bruder, mir kommt es rechtmäßig zu, Gawain zu befreien, und ich will mir nicht nehmen lassen, was mir von rechtswegen gehört. Ich weiß, Merlin hat Gaheriet mehr geliebt als mich und bevorzugte ihn, aber darum soll sein Wunsch nicht in Erfüllung gehen, denn ich will sehen, daß ich vor Gaheriet zum Ritter gemacht werde."