Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Gegen Mittag des nächsten Tages kamen die Jungen bei dem abgestorbenen Baum an; sie wollten ihr Werkzeug holen. Tom hatte es sehr eilig, zum Beinhaus zu kommen. Huck, etwas weniger hitzig, sagte plötzlich:

„Wart mal, Tom, weißt du auch, was heut für ‘n Tag ist?“

Tom ließ die Tage der Woche Revue passieren und machte erschreckte Augen:

„Donnerwetter, Huck, hab‘ noch gar nicht dran dacht!“

„Na, ich hab‘s bisher auch nicht getan, aber plötzlich fiel‘s mir eben ein, heut ist Freitag!“

„Verdammt! Man kann doch nicht vorsichtiggenugsein, Huck. Hätten in ‘ne schöne Patsche geraten können, wenn wir so was an ‘nem Freitag begonnen hätten!“

„Will ich meinen! Sag‘ lieber:wärengekommen! ‘s gibt Glückstage, aber der Freitag ist gewiß keiner von ihnen!“

„Das weiß jeder Dummkopf. Denk doch, du bist nicht der erste, der das rauskriegt.“

„Na, das hab‘ ich ja doch auch nicht gesagt, oder? Und der Freitag ist noch nicht alles. Hab‘ ‘nen verflucht bösen Traum gehabt, letzte Nacht — hab‘ von Ratten geträumt.“

„Na, ist ‘n schönes Zeichen, daß was passiert! Kämpften sie?“

„Nee.“

„Na, dann ist‘s gut, Huck. Wenn sie nicht kämpfen, ist‘s nur ein Zeichen, daß was in der Luft liegt, weißt du. Wir brauchen also bloß gut aufzupassen und uns in acht zu nehmen. Wollen wir also das für heute lassen und spielen. — Kennst du Robin Hood, Huck?“

„Nee, wer ist Robin Hood?“

„Na, das war einer von den größten Menschen, die je in England gelebt haben — und einer der besten. ‘s war ein Räuber.“

„Wetter, wünscht‘, ich wär‘aucheiner.Wenberaubte er denn?“

„Nur Sheriffs und Bischöfe und reiche Leute und Könige und solches Volk. Arme beraubte er nie. Er liebte sie. Er teilte alles mit ihnen bis auf den letzten Penny.“

„Muß ein verflucht guter Bursche gewesen sein.“

„Will ich meinen, Huck. O, er war der edelste Mensch, der je gelebt hat. Solche Leute gibt‘s jetzt gar nicht mehr, sag‘ ich dir. Er konnte alle Menschen in England besiegen, auch wenn seine eine Hand gebunden war. Und dann konnte er mit seinem Eibenbogen und seinem Pfeil ein Zehn-Centstück jederzeit treffen — anderthalb Meilen davon.“

„Was ist ‘n Eibenbogen?“

„Weiß nicht; ‘s ist halt irgend ein Bogen. Und wenn er das Stück nur am Rande traf, setzte er sich hin und weinte — wahrhaftig. Aber laß uns Robin Hood spielen — ‘s ist ‘n famoser Spaß. Werd‘s dir beibringen.“

„Mir recht.“

So spielten sie Robin Hood den ganzen Nachmittag, zuweilen sehnsüchtige Blicke auf das Beinhaus werfend und eine Bemerkung über die Aussichten und möglichen Ereignisse des nächsten Tages fallen lassend. Als die Sonne im Westen zu sinken begann, schlenderten sie heimwärts durch die langen Schatten der Bäume und waren bald im Walde von Cardiff Hill verschwunden.

Am Samstag, kurz nach Mittag, waren die Jungen abermals am Fuße des bewußten Baumes. Sie rauchten ein bißchen und hielten ein Schwätzchen im Schatten der Bäume, und stocherten dann ein wenig in ihrer Grube, nicht mit großen Hoffnungen, sondern mehr, weil Tom sagte, es wäre schon oft vorgekommen, daß Leute einen Schatz schon aufgegeben, nachdem sie ihm bis auf sechs Zoll nahe gekommen seien, und dann sei irgend ein anderer gekommen und habe ihn mit einem einzigen Spatenstich ausgehoben. Diesmal war‘s indessen nichts, so nahmen die Jungen ihr Werkzeug auf die Schultern und marschierten ab, im Gefühl, daß sie beim Graben zwar kein Glück gehabt, aber alles getan hätten, was beim Schatzsuchen vonnöten sei.

Als sie das Beinhaus erreichten, lag etwas so Geheimnisvolles, Unheimliches in dem toten Schweigen, das hier unter der brütenden Sonne herrschte, und etwas so Niederdrückendes in der Verlassenheit und Trostlosigkeit des Ortes, daß sie für einen Augenblick nicht den Mut hatten, einzutreten. Dann schlichen sie zur Tür und spähten vorsichtig hinein. Sie erblickten einen von Unkraut überwucherten, ungepflasterten Raum, einen alten Feuerherd, leere Fensterhöhlen, eine halb zerfallene Treppe, und hier und da und dort hingen zerrissene, verlassene Spinnengewebe. Sie traten sogleich vorsichtig ein, mit klopfenden Pulsen, sich im Flüsterton besprechend, die Ohren für das geringste Geräusch gespitzt, die Muskeln angespannt, um unverzüglich davonlaufen zu können.

Aber in kurzem wurden sie heimisch, verloren ihre Furcht und unterzogen die Szenerie einer kritischen, aufmerksamen Inspektion, dabei immer mehr ihre eigene Kühnheit bewundernd. Danach richteten sich ihre Blicke auf die Treppe. Es hieß, sich den Rückzug abschneiden, aber sie ermutigten sich gegenseitig, und so konnte es nicht fehlen — sie warfen ihre Geräte in eine Ecke und kletterten hinauf. Oben zeigten sich dieselben Spuren des Verfalls. In einem Winkel fanden sie einen vielversprechenden Wandschrank, aber die Hoffnung war trügerisch — es war nichts drin. Jetzt waren sie wieder ganz im Besitz ihres Mutes und ihrer Unternehmungslust. Gerade wollten sie wieder hinunter und ihr Werk beginnen, da —

„Pst,“ flüsterte Tom.

„Was gibt‘s?“ Huck ebenso, schneeweiß vor Schreck.

„Pscht — du — hörst du nichts?“

„Ja — o Himmel — laß uns fortlaufen!“

„Halt‘s Maul! Rühr‘ dich nicht! Sie kommen richtig auf die Tür zu!“

Die Jungen kauerten sich auf den Fußboden nieder, spähten durch Ritzen auf dem Fußboden und warteten in Furcht und Elend.

„Sie halten — — nein — sie kommen — da sind sie! Kein Wort mehr, Huck! Mein Gott — ich wollt‘, ich wär‘ hier raus!“

Zwei Männer traten ein. Beide Jungen sagten zu sich selbst: „‘s ist der alte taubstumme Spanier, der ein paarmal letzthin im Dorfe war — den anderen hab‘ ich nie gesehn.“

Der „andere“ war ein zerlumpter, ungekämmter Strolch mit wenig einladenden Gesichtszügen. Der Spanier war in eine „Serape“ gehüllt, er hatte einen struppigen weißen Bart, langes, weißes Haar flatterte unter dem Räuberhut hervor, er trug grüne Augengläser. Indem sie hereinkamen, sprach der „andere“ mit leiser Stimme; sie setzten sich auf die Erde, das Gesicht zur Tür, den Rücken gegen die Wand, und der Sprecher fuhr fort. Sein Benehmen wurde ungenierter und seine Sprache entschiedener.

„Nein,“ sagte er, „hab‘ drüber nachgedacht — ‘s geht nicht; ‘s istzugefährlich.“

„Gefährlich,“ höhnte der taubstumme Spanier zur höchsten Überraschung der Jungen. „Waschlappen!“

Diese Stimme ließ die Jungen erzittern wie Espenlaub. Es war der Indianer-Joe! Einen Augenblick herrschte Schweigen. Dann fuhr Joe fort: „Was ist wohl gefährlicher als der letzte Streich — und doch ist nichts passiert.“

„Das ist ‘n Unterschied. Weit draußen am Fluß undkeinHaus in der Nähe! Wer sollt‘ denn wissen, daß wir was versucht haben, wo wir doch nichts erreicht haben!“

„Na, wie kann was gefährlicher sein, als bei Tage hierher kommen? Wer uns säh‘, müßt‘ doch Verdacht haben.“

„Weiß wohl. ‘s gab aber keinen besseren Platz nach dem mißglückten Streich. Muß fort von hier. Wollt‘s auch gestern schon, ‘s war aber nicht möglich, von hier auszuziehen, solange diese Teufelsjungen da oben ganz in der Nähe spielten.“

„Diese Teufelsjungen“ zuckten unter dieser Bemerkung zusammen und dachten, wie gut es doch sei, daß sie sich noch zur rechten Zeit an den Freitag erinnert und beschlossen hatten, bis Samstag zu warten. Sie wünschten nur, ein Jahr gewartet zu haben.

Die beiden Männer holten ein paar Lebensmittel hervor und hielten eine Mahlzeit. Nach langem, gedankenvollen Schweigen sagte Joe: „Paß auf, Kerl, mache, daß du wieder stromaufwärts kommst, wo du hingehörst. Warte dort, bis du von mir hörst. Werd‘ mir mal die Gelegenheit ansehen im Dorf. Wenn ich ‘n bißchen rumgeschnüffelt hab‘ und alles sich gut anläßt, wolln wir das ‚gefährliche Stückchen‘ ausführen. Dann nach Texas! Wollen‘s zusammen machen!“

Das war befriedigend. Beide fingen an zu gähnen, und Joe sagte:

„Bin todmüde! Die Reihe ist an dir, zu wachen.“

Er warf sich nieder und begann bald zu schnarchen. Der andere stieß ihn ein paarmal an, und er wurde ruhig. Plötzlich begann der Wächter zu nicken; sein Kopf sank tiefer und tiefer; dann schliefen beide.

Die Jungen taten einen langen, erleichterten Atemzug. Tom flüsterte:

„Jetzt gilt‘s — komm!“

Huck aber meinte: „Kann nicht — wär‘ tot, wenn sie aufwachten!“

Tom drängte, Huck hielt zurück. Schließlich erhob sich Tom leise und furchtsam und schlich allein davon. Aber der erste Schritt, den er tat, erzeugte auf dem Holzboden ein solches Krachen, daß er halbtot vor Angst wieder niederkauerte. Er machte keinen zweiten Versuch. Die Jungen lagen da, die schrecklichen Augenblicke zählend, bis es ihnen schien, die Zeit habe aufgehört und die Ewigkeit beginne. Und dann erleichterte sie der Gedanke, daß schließlich die Sonne untergehen müsse. Jetzt rührte sich der eine Schläfer. Joe richtete sich auf, starrte um sich, lächelte verächtlich auf seinen Spießgesellen nieder, dessen Kopf auf seine Knie gesunken war, stieß ihn mit dem Fuße an und rief: „Auf! Bist mir ‘n schöner Wächter, Kerl!“

„Na ja, was denn — ‘s ist ja nichts passiert.“

„Na — hast du denn jetzt ausgeschlafen?“

„‘s geht halb und halb.“

„Jetzt heißt‘s aber aufbrechen. Was machen wir nur mit dem bißchen Geld, was wir noch haben?“

„Weiß nicht — lassen‘s hier, wie sonst, denk‘ ich. Wer sollt‘s fortnehmen, wenn wir weg sind? Sechshundertundfünfzig in Silber ist auch zu viel zum Mitschleppen.“

„Na ja — ist recht — wenn wir doch noch mal herkommen müssen.“

„Dann ist‘s aber doch besser, in der Nacht herzukommen, wie sonst.“

„Ja — aber denk‘ mal, ‘s könnt‘ doch ‘ne ziemliche Zeit dauern, bis ich zu dem Streich kommen kann, ‘s könnt sich was zutragen und ‘s liegt hier grad‘ an keinem guten Platz. Wollen‘s doch lieber richtig vergraben — und tief vergraben.“

„‘s ist ‘n guter Gedanke,“ sagte der andere, ging durch den Raum, kniete nieder, riß einen der Herdsteine auf und holte einen Sack heraus, der vielversprechend klang. Er nahm zwanzig bis dreißig Dollar für sich und ebensoviel für Joe heraus und gab den Sack letzterem, der in der Ecke kniete, mit seinem Messer die Erde aufwühlend.

Die Jungen vergaßen alle Angst, all ihre Verlegenheit bei diesem Anblick. Mit glänzenden Augen verfolgten sie jede Bewegung. Der Glanz da unten übertraf all ihre Vorstellungen! Sechshundert Dollar war Geld genug, ein halbes Dutzend kleiner Jungen reich zu machen! Hier ließ sich unter den glücklichsten Aussichten nach Gold graben, da gab‘s kein Kopfzerbrechen, wo man graben müsse. Jeden Augenblick stießen sie einander an — ein leichtes Verständigungsmittel, denn ihr einziger Gedanke war: Freust dich, daß wie hier sind.

Joes Messer stieß auf etwas.

„Holla,“ sagte er.

„Was gibt‘s?“ fragte der andere Strolch.

„‘n halb verfaulter Balken — nee, glaub‘, ‘s ist ‘n Kasten. Hier, hilf mal, wollen sehn, was es gibt. Ho, da hab‘ ich ‘n Loch hineingebrochen.“

Er griff mit der Hand hinunter und zog sie wieder heraus.

„Mensch — ‘s ist Geld!“

Die beiden untersuchten die Handvoll Münzen. Es war wirklich Gold. Die Jungen oben waren ebenso erregt und entzückt wie sie.

Joes Spießgeselle sagte: „Wollen gleich ganze Arbeit damit machen. Dort liegt ‘ne alte verrostete Hacke in der Ecke, dort auf der anderen Seite vom Herd — sah sie vorhin.“

Er lief hin und brachte Hacke und Schaufel der Jungen. Joe nahm die Hacke, betrachtete sie mit kritischer Miene, schüttelte den Kopf, murmelte etwas vor sich hin und begann damit zu hantieren.

Die Kiste war bald ausgegraben. Sie war nicht sehr groß; sie hatte Eisenbänder und war sehr stark gewesen, bevor der Zahn der Zeit sie angefressen hatte. Der Kerl betrachtete den Schatz eine Weile aufmerksam, schweigend, aber vergnügt.

„Kerl, ‘s sind gewiß tausend Dollar,“ sagte er.

„‘s hat ja immer schon geheißen, daß Murrels Bande vorigen Sommer hier gehaust hat,“ bemerkte der Fremde.

„Weiß wohl,“ entgegnete Joe, „und mir scheint, ‘s sieht ganz danach aus.“

„Jetzt brauchst du deinen Streich nicht mehr auszuführen, sollt‘ ich denken.“

Der Indianer runzelte die Stirn und sagte: „Du kennst mich nicht. Wenigstens weißt du nichts von dieser Sache.Hierwill ich nicht rauben — ‘s ist Rache!“ Und mit flammenden Augen sprang er auf. „Brauch‘ deine Hilfe dazu nicht! Wenn‘s geschehen ist — nach Texas. Geh‘ du nur heim zu deiner Hure und der Brut — und sei bereit, wenn du von mir hörst!“

„‘s ist gut, wenn du‘s sagst. Was woll‘n wir hiermit machen — wieder vergraben?“

„Ja. (Freude und Entzücken oben.) Nein, beim großen Geist, nein! (Tiefe Niedergeschlagenheit.) ‘s könnt‘ leicht vergessen werden. — Die Hacke da hat frische Erdspuren! (Die Jungen wurden fast ohnmächtig vor plötzlichem Schreck.) Was haben ‘ne Hacke und ‘ne Schaufelhierzu tun? Wie kommt frische Erde dran? Wer hat sie hier gebraucht — und wo sind die Burschen hin? Hast du was gehört — was gesehn? Zum Teufel — wieder vergraben und sie kommen lassen und die Erde frisch aufgewühlt sehen? Wär‘ so was! Glaub‘s. Wir nehmen das mit.“

„Na, meinetwegen. Aber überleg‘ erst, wohin. Meinst du Nummer eins?“

„Nein — Nummer zwei — unter dem Kreuz. Der andere Platz ist schlecht — zu gewöhnlich.“

„Recht. ‘s ist bald dunkel genug, aufzubrechen.“

Joe richtete sich auf und ging von Fenster zu Fenster, vorsichtig hinausspähend. Plötzlich sagte er: „Wer könnt‘ doch nur das Handwerkszeug da hergebracht haben? Glaubst du, sie könnten oben sein?“

Den Jungen stand der Atem still. Joe legte die Hand ans Messer, zögerte einen Moment unentschlossen, dann begann er die Treppe zu ersteigen. Die Jungen dachten an den Schrank, aber die Kräfte versagten ihnen. Die Schritte näherten sich knarrend — die verzweifelte Lage stachelte die gesunkenen Lebensgeister wieder auf — sie waren im Begriff, zum Schrank zu laufen, als plötzlich das Krachen brechenden Holzes ertönte und Joe wieder unten ankam, mit den Trümmern der Treppe.

Fluchend rappelte er sich empor und der andere Strolch sagte: „Na, wozu das alles! Wenn jemand da ist und er steckt oben — laß ihn stecken — was kümmert‘s uns? Wenn einer runter kommen will und sich hier Ungelegenheiten zuzieht — meinetwegen! In fünfzehn Minuten wird‘s dunkel — dann soll uns folgen, wer will. Meine Meinung ist: die Kerls, die die Sachen hierher geschleppt haben, haben uns gesehen und uns für Gespenster und Geister gehalten. Will wetten, sie laufen noch!“

Joe brummte noch ‘ne Weile, dann stimmte er dem anderen bei, das letzte Tageslicht zur Ausführung der nötigen Vorbereitungen zu benützen. Kurz danach schlüpften sie aus dem Haus ins Zwielicht und wandten sich mit ihrer kostbaren Last dem Flusse zu.

Tom und Huck erhoben sich, warteten, bis alles still war und starrten dann durch Ritzen im Gebälk ihnen nach. Folgen! Kein Gedanke — sie waren zufrieden, den Boden zu erreichen, ohne sich den Hals gebrochen zu haben, und machten sich über den Hügel auf den Heimweg. Sie sprachen nicht viel, sie waren zu ärgerlich auf sich selbst — ärgerlich über die Dummheit, Hacke und Spaten mit hierher zu nehmen. Denn ohne das würde Joe niemals Verdacht geschöpft haben. Er hätte Silber und Gold vergraben, um erst seine „Rache“ auszuführen — und dann würde er das Unglück gehabt haben, nichts mehr vorzufinden! Bitteres, bitteres Verhängnis, daß sie ihr Werkzeug mitschleppen mußten! Sie nahmen sich vor, auf den Spanier zu achten, wenn er ins Dorf kommen sollte, um das Terrain für seinen Racheplan zu sondieren, und ihm dann nach „Nummer zwei“ zu folgen, mochte es sein, wo es wollte. Da kam Tom ein schrecklicher Gedanke:

„Rache? Wenn erunsmeinte. Huck?“

„Er wird doch nicht?“ stotterte Huck, fast umfallend.

Sie sprachen eifrig darüber und einigten sich in der Annahme, daß er jemand anders gemeint haben müsse — im schlimmsten Fall könne er nur Tom meinen, da nur dieser Zeugnis abgelegt habe.

Was ein sehr, sehr schwacher Trost für Tom war, allein in Gefahr zu sein! Ein Leidensgefährte würde hier ein besserer Trost sein — dachte er.

Das Abenteuer des Tages quälte Tom nachts im Traum. Manchmal hielt er den Schatz in Händen, manchmal zerrann er ihm zwischen den Fingern in nichts, bis ihn der Schlaf verließ und das Erwachen ihn von der schrecklichen Wirklichkeit seiner Lage überzeugte. Als er am frühen Morgen, die Einzelheiten seines Abenteuers überdenkend, dalag, erschienen sie ihm immer undeutlicher und unklarer, als wenn sie sich in irgend einer anderen Welt ereignet hätten oder in längst vergangener Zeit. Dann schien ihm das große Ereignis wie ein Traum! Es sprach sehr viel dafür, namentlich, daß die Menge Geld, die er gesehen hatte, gar zu groß schien, um wirklich existieren zu können. Er hatte nie mehr als fünfzig Dollar in einem Haufen gesehen und wie alle Jungen seines Alters und seiner Lebenslage, glaubte er, daß alle „Hunderte“ und „Tausende“ nichts anderes seien als glänzende Redensarten, und daß eine solche Summe in Wirklichkeit gar nicht denkbar sei. Nicht einen Augenblick hatte er gedacht, daß sich in irgend jemandes Besitz eine solche Summe, wie hundert Dollar war, finden könne. Wenn er sich seine vergrabenen Schätze vorstellte, rechnete er höchstens mit ‘ner Handvoll Schillinge.

Aber die Einzelheiten seines Abenteuers traten ihm, je mehr er daran dachte, um so schärfer und klarer vor die Seele und plötzlich ertappte er sich über dem Gedanken, daß möglicherweise doch nichtallesein Traum gewesen sei. Diese Ungewißheit mußte abgeschüttelt werden. Schnell wollte er sein Frühstück hinunterschlingen und dann Huck aufsuchen.

Huck saß auf dem Rande eines Bootes, seine Füße ins Wasser baumeln lassend und mit sehr melancholischem Gesichtsausdruck. Tom beschloß, Huck selbst auf den Gegenstand kommen zu lassen. Tat er‘s nicht, dann war alles ein Traum gewesen.

„Holla, Huck!“

„Morgen, Tom!“

Minutenlanges Stillschweigen.

„Tom, hätten wir den verdammten Spaten oben beim Baum gelassen, hätten wir‘s Geld bekommen. Ach, ‘s ist zum Verrücktwerden!“

„‘s war also kein Traum, ‘s war kein Traum! Möcht‘ fast, ‘s wär einer gewesen.“

„Was ist kein Traum?“

„O, die Geschichte von gestern. Dachte halb, ‘s wär einer gewesen.“

„Traum! Wär‘ die Treppe nicht gebrochen, hättest du was von ‘nem Traum erleben können! Hab‘ die ganze Nacht von dem verdammten grünäugigen Spanier geträumt, wie er auf mich losging. Der Henker hol‘ ihn!“

„Nicht hol‘ ihn! Find ihn! Find‘s Geld!“

„Tom — wollen ihn lieber nicht wiederfinden! Mich würd‘s schütteln, wenn ich ihn bloß wieder zu sehen kriegte.“

„Gut, so tu ich‘s. Möcht‘ ihn schon sehen und ihm nachschleichen — nach Nummer zwei.“

„Nummer zwei; ja, das ist‘s. Denk‘ immerfort drüber nach. Aber ich kann‘s nicht rauskriegen. Was denkst du?“

„Weiß nicht. Ist zu tief. Sag‘, Huck — könnt‘s nicht die Nummer von ‘nem Haus sein‘?“

„Goddam! — Nein, Tom, das ist‘s nicht. Wenn‘s ist, ist‘s doch nicht hier im Dorf. Hier gibt‘s keine Nummern.“

„Ja, das ist wohl so. Laß mich ‘ne Minute denken. He — ‘s ist die Nummer von ‘nem Zimmer — in ‘nem Wirtshaus — weißt du!“

„Das ist‘s! Das ist ‘n Kniff! ‘s gibt aber nur zwei Wirtshäuser. Wir können‘s leicht finden.“

„Wart‘ hier, Huck, bis ich wiederkomm‘.“

Im Nu war Tom verschwunden. Er wollte sich auf offener Straße nicht mit Huck sehen lassen. Eine halbe Stunde war er fort. Er fand, daß im besseren Wirtshaus Nummer zwei seit langer Zeit von einem jungen Advokaten bewohnt war und noch wurde.

Im andern Wirtshaus war Nummer zwei in geheimnisvolles Dunkel gehüllt. Der Sohn des Wirtes sagte, daß sie stets geschlossen gehalten werde und daß er nie jemand habe hineingehen oder herauskommen sehen — ausgenommen zur Nachtzeit; Näheres wußte er nicht, er selbst schon habe den Gedanken gehabt, es spuke in dem Zimmer und schließlich wußte er nichts von einem Licht darin in der letzten Nacht.

„Das hab‘ ich alles rausgekriegt, Huck. Ich denke, ‘s ist die Nummer zwei, die wir brauchen.“

„Denk‘ auch, Tom. Und was willst du jetzt tun?“

„Laß mich nachdenken.“

Tom dachte lange nach, dann sagte er: „Will‘s dir sagen. Die Hintertür von Nummer zwei geht auf den Gang zwischen Wirtshaus und der alten Mauer. Nun sollst du alle Schlüssel, die du nur auftreiben kannst, zusammentragen und ich will alle von meiner Tante nehmen und in der ersten dunklen Nacht wollen wir hingehen und sie versuchen. Und dann sollst du auf Joe aufpassen, weil er doch gesagt hat, daß er hier ‘ne Gelegenheit für seine Rache aushorchen will. Wenn du ihn siehst, folgst du ihm; und wenn er dann nicht nach Nummer zwei geht, dann ist‘s nicht der rechte Ort.“

„Herr Gott, ich wag‘s nicht, ihm zu folgen!“

„Unsinn, bei Nacht ist‘s sicher. Er braucht dich ja nicht zu sehen — und wenn er‘s tut, denkt er sich nichts dabei.“

„Na, ‘s ist gut: wenn‘s dunkel ist, denk‘ ich, ich folg‘ ihm. Werd‘s versuchen.“

„Aber sicher, Huck — wenn du nicht gut aufpaßt, wird‘s nichts!“

Nachts waren Tom und Huck bereit für ihr Abenteuer. Bis nach neun Uhr trieben sie sich in der Nachbarschaft des Gasthofes herum, einer stets den bewußten Gang aus einiger Entfernung bewachend, der andere die vordere Tür. Niemand passierte den Gang; niemand, der dem Spanier ähnlich gesehen hätte, passierte die Tür. Die Nacht versprach klar zu werden; so ging Tom nach Hause, mit der Verabredung, daß, sollte sich der Himmel noch bewölken, Huck kommen und miauen solle, worauf er wieder herauskommen und die Schlüssel probieren würde. Aber die Nacht blieb klar, Huck beschloß seine Wacht und zog sich gegen 12 Uhr zum Schlafen in eine leere Zuckertonne zurück.

Am Dienstag hatten die Jungen ebensowenig Erfolg; auch am Mittwoch. Aber die Donnerstagnacht ließ sich besser an. Tom schlüpfte zu guter Zeit mit der alten Blechlaterne seiner Tante und einem großen Tuch zum Zudecken aus dem Haus. Er versteckte die Laterne in Hucks Zuckertonne und die Wache begann. Eine Stunde vor Mitternacht wurde das Gasthaus geschlossen und seine Lichter (überhaupt die einzigen) erloschen.

Kein Spanier hatte sich gezeigt. Niemand war im Gange gesehen worden. Alles versprach günstigen Erfolg. Absolute Finsternis herrschte, und die tiefe Stille wurde nur zuweilen von fernem Donner unterbrochen.

Tom holte seine Laterne, hüllte sie fest in das Tuch, und die beiden Abenteurer tasteten sich in der Finsternis dem Wirtshaus zu, Huck blieb als Schildwache zurück, Tom begab sich weiter den Gang hinauf. Dann folgte eine Zeit ängstlicher Erwartung, die gleich einer schweren Last auf Hucks Geist lastete. Er begann zu hoffen, es möge sich wenigstens ein schwacher Schimmer von der Laterne zeigen — es hätte ihm Furcht eingejagt, aber wenigstens hätte es ihm gezeigt, daß Tom noch am Leben sei.

Stunden schienen vergangen, seit Tom verschwunden war. Sicher war er verunglückt. Vielleicht war er gar tot; vielleicht war sein Herz vor Schreck und Aufregung gebrochen. In seiner Unruhe ließ sich Huck immer mehr den Gang hinauflocken, alles mögliche Unheil witternd und jeden Augenblick in Erwartung eines schrecklichen Unglücks, das ihn das Leben kosten werde.

Es gehörte vielleicht nicht mehr viel dazu, denn er schien nur mehr fähig, Fingerhut-Portionen Luft einzuatmen und sein Herz mußte bald springen, so heftig schlug es. Plötzlich blitzte vor ihm Licht auf und Tom kam herangerast, ihm zurufend: „Fort — fort — wenn dir dein Leben lieb ist!“

Er brauchte nicht zu wiederholen; einmal war genug. Huck rannte mit dreißig bis vierzig Meilen Schnelligkeit, ehe Tom noch ausgesprochen hatte.

Die Jungen standen nicht eher, als bis sie den Schatten des Schlachthauses am entferntesten Ende des Dorfes erreicht hatten. Im Moment ihrer Ankunft an diesem geschützten Ort begann der Sturm einzusetzen und Regen stürzte nieder. Sobald Tom wieder atmen konnte, sagte er: „Huck, ‘s war schrecklich! Ich versuchte zwei Schlüssel, so leise ich konnte, aber die schienen solch ‘nen mächtigen Spektakel zu machen, daß ich ganz atemlos vor Schreck war. Na, ohne zu wissen, was ich tat, drückte ich auf den Griff und die Tür sprang auf! Sie war gar nicht zu! Ich trat ein und hob das Tuch auf, und beim Geist des großen Cäsar —“

„Was — was sahst du, Tom?“

„Huck — ich wär beinahe auf die Hand des Indianer-Joe getreten!“

„Nein!“

„Ja. Er lag da auf dem Boden fest schlafend, das alte Pflaster über dem Auge, die Arme weit ausgebreitet.“

„Herrgott, was tatst du? Wachte er auf?“

„Kein Gedanke. Denk‘, er war besoffen. Ich raffte schnell das Tuch auf und rannte davon!“

„Hätt‘ gewiß nicht an das Tuch gedacht, glaub‘ ich!“

„Na, ich sollt‘ wohl! Meine Tante hätt‘ mich schon drangekriegt, wenn ich‘s verloren hätt‘.“

„Sag‘, Tom, hast du die Kiste gesehen?“

„Huck — hab‘ mir keine Zeit genommen, mich lang‘ umzusehen. Weder die Kiste hab‘ ich gesehen noch ‘s Kreuz. Nur ‘ne Flasche und ‘n Zinnbecher auf der Erde beim Indianer-Joe hab‘ ich gesehen; und dann zwei Fässer und ‘ne Menge Flaschen. Weißt du jetzt, warum die Bude ‚verhext‘ ist?“

„Na?“

„Na — mit Schnaps ist sie verhext! Ob all die Temperenzler-Gasthäuser so ‘ne verhexte Bude haben, he, Huck?“

„Na — ich denk wohl! Wer hätt‘ aber so was gedacht! Aber sag‘, Tom, ist jetzt nicht ‘ne verwünscht gute Gelegenheit, die Kiste zu erwischen? Wenn Joe doch betrunken ist!“

„Teufel auch — versuch‘s!“

Huck schauderte.

„Na — ich denk‘ doch nicht.“

„Na — ich auch, Huck. Bloßeineleere Flasche bei Joe ist nicht genug. Wären‘s drei gewesen, wär‘ er wohl besoffen genug, und ich tät‘s.“

Langes, nachdenkliches Schweigen, dann sagte Tom:

„Will dir was sagen, Huck, wollen die Sache nicht wieder probieren, wenn wir nicht wissen, daß Joe nicht drin ist. ‘s ist zu gräßlich! Wenn wir jede Nacht Wache halten, ist‘s todsicher, daß wir ihn mal ‘rausgehen sehen, dann ist‘s ‘ne Kleinigkeit, die Kiste ‘rauszuholen!“

„Na, ist mir recht. Werd‘ die ganze Nacht warten und sojedeNacht, wenn du dann das andere machen willst.“

„Schon gut, werd‘s schon machen. Alles, was du tun sollst, ist, daß du kommst und wirfst ‘ne Handvoll Erde ans Fenster, dann werd‘ ich schon aufwachen. — Jetzt, Huck, scheint mir, ‘s Wetter ist vorüber, werd‘ nach Hause gehen. In ‘ner halben Stunde wird‘s Tag. Geh zurück und wach‘ noch so lange — willst du?“

„Sagte, ich würd‘s, und so werd‘ ich, Tom! ‘n ganzes Jahr werd‘ ich jede Nacht wachen! Ich schlaf den ganzen Tag, und nachts halt‘ ich Wache.“

„‘s ist gut. Aber wo willst du jetzt schlafen?“

„Auf Ben Rogers Heuboden. Er läßt mich, und auch seines Alten Nigger, Onkel Jack. Onkel Jack hab‘ ich Wasser geholt, wenn er‘s verlangt hat, und manchmal, wenn ich ihn bitte, gibt er mir zu essen — wenn er was über hat. ‘s ist ‘n verdammt feiner Nigger, Tom. Er liebt mich, weil ich nie tu‘, als ständ‘ ich über ihm. Manchmal hab‘ ich mich richtig hingesetzt und mit ihm gegessen. Aber sag‘s niemand! Wenn man schrecklich hungrig ist, tut man wohl was, kümmert man sich den Henker um was.“

„Na, Huck, werd‘ dich tags nicht stören, kannst ruhig schlafen. Und wenn du was siehst nachts, komm nur gleich und miaue!“

Das erste, was Tom am Freitagmorgen vernahm, war eine freudige Nachricht — Familie Thatcher war in der Nacht vorher zurückgekommen! Beides, Joe und der Schatz, sanken für den Augenblick zu sekundärer Bedeutung herunter, und Becky nahm Toms ganzes Interesse in Anspruch. Er sah sie und sie verlebten wundervolle Stunden mit einigen Schulkameraden, „Blindekuh“ und „Fangen“ spielend. Der Tag war tadellos und wurde in ganz besonders befriedigender Weise beschlossen.

Becky erbettelte von ihrer Mutter die Erlaubnis, den nächsten Tag für das lang‘ versprochene und lang‘ ersehnte Picknick festzusetzen, und diese willigte ein. Das Entzücken der Kinder war grenzenlos, Toms nicht am wenigsten. Noch vor Sonnenuntergang wurden die Einladungen versandt und das gesamte junge Volk im Dorfe geriet in ein wahres Fieber von Vorfreude und angenehmer Erwartung.

Tom wurde durch seine Aufregung bis zu später Stunde wachgehalten und hoffte beständig Huck miauen zu hören und am nächsten Tage Becky und alle Teilnehmer am Picknick mit seinem Schatz in Erstaunen setzen zu können. Aber er wurde enttäuscht. Kein Zeichen ließ sich hören.

Endlich brach der Morgen an, und um zehn oder elf Uhr versammelte sich eine ausgelassene, freudestrahlende Gesellschaft bei Thatchers, alles war zum Aufbruch bereit.

Es war nicht die Gewohnheit der Erwachsenen, Picknicks mit ihrer Gegenwart zu stören. Man glaubte die Kinder unter den Fittichen von ein paar jungen Damen von achtzehn und ein paar jungen Herren von dreiundzwanzig oder so sicher genug. Das alte Dampfboot war für die Gelegenheit gemietet worden. Bald war der ganze Weg von der lustigen, mit Vorratsbeuteln bepackten Bande erfüllt. Sid war krank und hatte zu Hause bleiben müssen; Mary blieb gleichfalls, um ihm Gesellschaft zu leisten.

Das letzte, was Mrs. Thatcher zu Becky sagte, war: „Komm‘ nur nicht zu spät zurück. Vielleicht wird‘s besser sein, Kind, du bleibst zur Nacht bei einem von den Mädchen, das näher bei der Überfahrt wohnt.“

„Dann bleib‘ ich bei Susy Harper, Mama!“

„Schon gut. Und benimm dich ordentlich und treib‘ keinen Unsinn!“

Sobald sie fort waren, sagte Tom zu Becky: „Du — ich will dir sagen, was wir tun! Statt zu Joe Harper zu gehn, klettern wir auf den Hügel rauf und gehn zur Witwe Douglas. Die hat sicher Eiscreme! Sie hat fast immer was — ‘nen ganzen Haufen. Und sie wird sich schrecklich freuen, uns zu haben!“

„Ach, das wird schön werden!“ Dann dachte Becky einen Augenblick nach und sagte: „Aber was wird Mama sagen?“

„Woher soll sie‘s denn erfahren?“

Das Mädchen überlegte sich die Sache und sagte zögernd: „Ich denk‘ doch, ‘s ist unrecht — aber —“

„Aber — Unsinn! Deine Mama erfährt‘s nicht, was schad‘s also? Sie will doch nur, daß du irgendwo gut aufgehoben bist, und glaub‘ nur, sie würd‘ selbst gesagt haben, du solltst dahin gehen, wenn sie nur dran gedacht hätt‘. Ich weiß, sie hätt‘s!“

Die glänzende Gastfreundschaft der Witwe Douglas war ein verlockender Köder. Das und Toms Beredsamkeit behielten die Oberhand. So wurde beschlossen, niemand was von dem Programm für die Nacht zu sagen.

Plötzlich fiel Tom ein, Huck könne gerade in dieser Nacht kommen und das Zeichen geben. Der Gedanke machte ihn ein wenig nachdenklich. Schließlich konnte er‘s aber doch nicht übers Herz bringen, das Projekt mit der Witwe Douglas aufzugeben. Und warum sollte er es aufgeben — war das Zeichen in der letzten Nacht nicht gekommen, warum sollte es denn wohl gerade in dieser Nacht kommen? Die Aussicht auf das sichere Vergnügen des Abends schlug die unbestimmte auf den Schatz aus dem Felde. Und — wie Kinder sind — er beschloß ganz der stärkeren Anziehungskraft zu folgen und sich während des ganzen Tages keinen Gedanken an das Geld zu gestatten.

Drei Meilen unterhalb des Dorfes legte das Dampfboot an einem bewaldeten Hügel an. Die Gesellschaft schwärmte hinaus und bald hallten die entlegensten Teile des Waldes und die unzugänglichsten Höhen von Geschrei und Lachen wider. Alle Mittel, heiß und müde zu werden, wurden gewissenhaft angewandt, und allmählich strömten alle Ausflügler zurück zum Lager, mit tüchtigem Hunger ausgestattet und dann begann die Vernichtung der guten Sachen. Nach dem Frühstück wurde eine erfrischende Ruhepause im Schatten breitästiger Eichen gemacht. Dann rief auf einmal jemand: „Wer will mit zur Höhle?“

Alles wollte. Bündel von Kerzen wurden zusammengerafft und geradenwegs hinauf auf den Hügel. Die Mündung der Höhle war hoch oben, ein offenes Tor in der Form des Buchstabens A. Die massive eichene Tür stand offen. Dahinter tat sich ein kleiner Raum auf, kalt wie ein Eiskeller und von der Natur durch solide Kalkmauern eingefaßt, die von kalter Feuchtigkeit bedeckt waren.

Es war romantisch und geheimnisvoll, hier in tiefer Dunkelheit zu stehen und auf die grünen, in der Sonne glänzenden Laubmassen hinauszuschauen. Aber der überwältigende Eindruck nahm schließlich doch bedeutend ab und das Umhertollen begann wieder. Jeden Augenblick wurde eine Kerze angezündet, dann stürzte sich alles auf den, der sie trug, ein Kampf und mutige Verteidigung folgten, aber die Kerze war bald zu Boden geschlagen oder ausgeblasen, und dann gab‘s allgemeines Gelächter und eine neue Jagd. Aber alles hat ein Ende. Allmählich begab sich der Zug tiefer in die Höhle hinab, immer tiefer, wobei der flackernde Schein der Lichter die mächtigen Felswände fast bis zu ihrer vollen Höhe von sechzig Fuß ungewiß beleuchtete.

Der Weg war hier nicht mehr als acht oder zehn Fuß breit. Alle paar Schritt taten sich noch engere, hohe Gänge nach beiden Seiten auf, denn die Douglashöhle war nichts als ein wildes Labyrinth von verzweigten Gängen, die überall auseinander liefen, um sich doch immer wieder zu treffen. Man sagte, es könne jemand viele Tage und Nächte durch dies unglaubliche Gewirr von Gängen und Spalten irren, ohne jemals das Ende der Höhle zu finden; und daß er tiefer und immer tiefer, bis in den Mittelpunkt der Erde dringen könne, und es wäre doch immer dasselbe — Labyrinth unter Labyrinth, und nirgends ein Ende. Niemand „kannte“ die Höhle; das war unmöglich. Die meisten der jungen Leute kannten einen Teil davon und so leicht wagte sich niemand über diesen bekannten Teil hinaus. Tom Sawyer kannte so viel von der Höhle wie alle anderen.

Ungefähr dreiviertel Meilen marschierte man in geschlossenem Zug durch den Hauptgang, dann begannen sich einzelne Haufen und Paare seitwärts in die Nebengänge zu zerstreuen, durch die unheimlichen Gänge laufend, um sich schließlich zu gegenseitiger Überraschung an irgend einem Punkt wieder zu treffen. Man konnte wohl eine halbe Stunde auch hier im bekannten Teil herumstreifen, ohne einander zu begegnen.

Schließlich kam Paar auf Paar zur Höhle zurückgeschlendert, mit Talg bespritzt, kalkbeschmiert und ganz berauscht von den Herrlichkeiten des Tages. Dann waren alle ganz überrascht, daß sie so wenig auf die Zeit geachtet hatten und es schon fast Nacht war. Schon seit einer halben Stunde hatte die Schiffsglocke zum Aufbruch gemahnt. Indessen, auch diese Art, die Abenteuer des Tages zu beschließen, war romantisch und deshalb befriedigend. Als das Dampfboot mit seiner ausgelassenen Fracht vom Ufer abstieß, kümmerte sich niemand ‘nen Deut um die versäumte Zeit — außer dem Kapitän.

Huck befand sich bereits auf seinem Wachposten, als die Lichter des Dampfbootes an der Landungsstelle vorbeiglitten. Er hörte keinen Ton an Bord, denn das Volk war so zahm geworden, wie man zu sein pflegt, wenn man sich halbtot gehetzt hat.

Er grübelte darüber, was für ein Boot das sein möge und warum es nicht am gewöhnlichen Ort anlege — und dann vergaß er es und richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf seine eigene Angelegenheit. Die Nacht war bewölkt und dunkel. Zehn Uhr schlug‘s, das Wagengerassel schwieg, die Lichter begannen zu verlöschen, der Lärm der Fußgänger verstummte nach und nach — das Dorf ging zur Ruhe und überließ den kleinen Wächter dem Schweigen und den Gespenstern. Elf Uhr schlug‘s, und das Licht im Wirtshaus erlosch; jetzt herrschte überall Finsternis. Huck wartete, schien ihm, sehr lange Zeit, aber nichts geschah. Unruhe überkam ihn. Wenn alles umsonst war? Wenn er genarrt wurde? Warum nicht die Sache aufgeben und sich davon machen?

Da hörte er eine Stimme. Sofort war er ganz Aufmerksamkeit. Vorsichtig wurde die Gangtür geschlossen. Schnell drückte er sich in eine Ecke an der Mauer. Im nächsten Augenblick huschten zwei Männer vorbei, und einer schien etwas unter dem Arm zu haben. Das mußte die Kiste sein! So wollten sie also heute den Schatz vergraben. Ob er Tom weckte? Es wäre Wahnsinn gewesen — die Leute wären mit der Kiste entwischt und niemand hätte sie jemals gefunden. Nein, er wollte ihnen folgen; er wollte sich unter dem Schutze der Finsternis ihnen an die Fersen heften. So mit sich selbst sprechend, kam Huck hervor und glitt hinter den Männern her, leise wie eine Katze, barfuß, gerade so weit von ihnen entfernt, um nicht gesehen zu werden.

Eine Zeitlang gingen sie die Flußstraße aufwärts und wandten sich dann durch eine kleine Gasse seitwärts. Immer steil hinauf kamen sie schließlich an den Weg, der nach Cardiff Hill hinaufführte; diesen schlugen sie ein. Sie kamen am Haus des alten Wallisers vorbei, in halber Höhe des Hügels, und stiegen, ohne sich aufzuhalten, immer noch höher. Gut, dachte Huck, sie werden‘s im alten Steinbruch vergraben. Aber auch da hielten sie nicht an. Sie gingen vorbei, ganz auf den Hügel. Dann schwenkten sie in den Weg durch den großen Sumachwald ein und waren auf einmal in der Finsternis verschwunden. Huck beeilte sich die Entfernung zu verringern, denn er war sonst nicht mehr imstande, sie im Auge zu behalten. Eine Weile rannte er vorwärts; dann hielt er inne, aus Furcht, zu weit geraten zu sein; rannte wieder ein Stück vorwärts, und hielt wieder; horchte; nichts zu hören; nur, daß er das Klopfen des eigenen Herzens hörte. Der Schrei einer Eule ertönte — unheilverkündend; aber keine Fußtritte. Himmel, hatte er sie verloren? Er war im Begriff, Hals über Kopf vorwärts zu stürzen, als jemand nicht vier Fuß vor ihm sich räusperte. Das Herz fuhr Huck in die Kehle, aber er bezwang sich. Und dann stand er da, zitternd, als hätten ihn tausend Fieber auf einmal gepackt, und so schwach, daß er gleich umfallen zu müssen meinte. Er wußte, wo er war. Er wußte, er war nicht fünf Schritt von dem Zaun entfernt, der um den Grund und Boden der Witwe Douglas führte. „Famos,“ dachte er, „mögen sie‘s hier vergraben, ‘s wird nicht schwer sein, es hier wieder zu finden.“

Jetzt hörte er eine leise Stimme — eine sehr leise Stimme — die des Indianer-Joe:

„Hol sie der Teufel — muß sie grad‘ heut Gesellschaft haben — ‘s ist Licht, so spät‘s auch ist!“

„Kann nicht sehn!“

Dies war des Fremden Stimme — des Fremden aus dem Beinhaus. Tödlicher Schreck durchfuhr Hucks Herz — dies also war die „Rache!“ Sein erster Gedanke war auszureißen. Dann erinnerte er sich, wie die Witwe Douglas mehr als einmal freundlich gegen ihn gewesen sei — und wer weiß, ob diese da nicht die Absicht hatten, sie zu ermorden! Er sehnte sich nach einer Gelegenheit, sie zu warnen. Aber er wußte, er könnte ‘s nicht wagen; sie würden ihn kriegen und umbringen. All dies und noch anderes ging ihm in einem Augenblick durch den Kopf zwischen den Worten des Fremden und den nächsten Joes.

„Weil der Busch dir im Wege ist. So — hierher — kannst dujetztsehn?“

„Ja. Denk auch, ‘s ist Gesellschaft da. Besser, wir geben‘s auf.“

„Aufgeben, wo ich dies Land für immer verlassen soll! Aufgeben undnie wieder‘ne Gelegenheit haben! Sag‘ dir nochmal, was ich dir schon mal gesagt hab‘ — brauch‘ ihre Pfennige nicht — kannst du haben. Aber ihr Mann war gemein gegen mich — oft genug — underwar der Richter, der mich zu ‘nem Landstreicher gemacht hat. Und ‘s ist nicht alles! ‘s ist noch nicht der millionste Teil davon! Gepeitscht hat er mich — gepeitscht vorm Gefängnis — wie ‘nen Nigger! Das ganze Dorf konnt‘s sehen! Gepeitscht!! Verstehst du?Erist mir zuvorgekommen — er ist tot. Abersiesoll dran!“

„Bitt‘ dich — töt‘ sie nicht! Tu‘s nicht!“

„Töten? Wer spricht von töten? Ihn würd‘ ich abschneiden, wenn er hier wär‘ — sie nicht. Wenn man sich an ‘nerFraurächen will — die muß man an derFratzepacken! Schneid‘t ihr die Nase auf und stutzt ihr die Ohren — wie ‘nem Schwein!“

„Teufel —“

„Behalt deine verdammte Meinung für dich! Wird‘s beste für dich sein! Werd‘ sie ans Bett festbinden. Wenn sie sich zu Tode blutet — was kann ich dafür? Werd‘ nicht drum heulen, wenn sie‘s tut. Du, mein Freund — wirst mir dabei helfen — auf meine Rechnung — hab‘ dich nur dazu mitgenommen — möcht‘ für mich allein zu viel sein. Wenn du davonläufst, hau‘ ich dich zusammen — verstehst du? Und wenn ichdichtöte, bring‘ ichsieauch um — und dann, denk‘ ich, kann keiner ‘rauskriegen, wer das Geschäft besorgt hat.“

„Na, wenn‘s geschehen muß, rasch dran! Je eher, desto besser — mir läufts ohnehin schon über.“

„Jetzt tun? Wo Gesellschaft da ist? Sollt‘ dir wahrhaftig nicht trauen, scheint mir! — Nichts da — wollen warten, bis die Lichter aus sind — ‘s hat keine Eile.“

Huck fühlte, daß jetzt Stillschweigen eintreten werde — schrecklicher als das mörderischste Geschrei; so hielt er den Atem an und zog sich vorsichtig zurück, wobei er die Füße vorsichtig und fest aussetzte, immer auf einem Bein balanzierend, tastend und sich auf eine Seite legend, bald auf diese; dann auf die andere; und dann knackte ein Zweig unter seinen Füßen! Er hielt den Atem an und horchte. Nichts zu hören — vollkommene Stille. Seine Dankbarkeit war grenzenlos. Nun wandte er sich um, so vorsichtig, als wäre er ein Schiff gewesen, und trabte dann rasch, aber vorsichtig davon. Beim Steinbruch angekommen, hielt er sich für sicher; so nahm er die Beine unter die Arme und rannte in gestrecktem Galopp davon. Hinunter, immer weiter hinunter, bis er das Haus des Wallisers erreicht hatte. Er klopfte an die Tür und sofort erschienen die Köpfe des alten Mannes und seiner zwei handfesten Söhne am Fenster.

„Wer spektakelt da? Was für‘n Lärm draußen? Was gibt‘s?“

„Laßt mich ein — schnell! Werd‘ euch alles sagen!“

„So — wer ist‘s denn?“

„Huckleberry Finn — schnell, laß mich rein!“

„Huckleberry Finn — so! ‘s ist ein Name, denk ich, dem sich nicht viel Türen öffnen! Aber laßt ihn ‘rein, Burschen, woll‘n sehen, was er hat.“

„In des Himmels Namen — sagt‘s niemand, daß ich euch was erzählt hab‘,“ waren Hucks erste Worte, als er hineingelassen war. „Tut‘s nicht — würd‘ sicher getötet — aber die Witwe ist oft genug freundlich gegen mich gewesen und ich werd‘s sagen — werd‘s sagen, wenn ihr versprecht, nicht zu sagen, daß ich‘s gesagt hab‘.“

„Bei St. Georg — er hat was zu sagen — oder er tät‘ nicht so,“ rief der Alte. „Heraus damit, und daß ihr‘s niemand sagt, Burschen!“

Drei Minuten später waren der Alte und seine Söhne wohlbewaffnet oben auf dem Hügel und drangen auf den Zehen in den Sumachwald ein, die Büchse in der Hand.

Huck begleitete sie nicht weiter. Er verbarg sich hinter einem Felsblock und lauschte.

Langes, angstvolles Schweigen — und dann plötzlich ein Schuß und ein Schrei!

Huck wartete nichts weiter ab. Er sprang auf und rannte den Hügel hinunter, so schnell ihn seine Beine tragen wollten.

Beim ersten Tagesgrauen am nächsten Tage, einem Sonntagsmorgen, kam Huck den Hügel hinaufgeschlichen und klopfte leise an des Wallisers Tür.

Die Inwohner schliefen, aber es war infolge der aufregenden Ereignisse der Nacht ein sehr leichter Schlaf. Eine Stimme fragte durchs Fenster: „Wer da?“

Hucks schüchterne Stimme antwortete in leisem Ton: „Bitte, laß mich ‘rein — ‘s ist nur Huck Finn.“

„‘s ist ein Name, dem sich die Tür bei Tag und Nacht öffnen kann, Bursche — und willkommen!“

Dies waren ungewohnte Worte für die Ohren des kleinen Herumstreichers und die angenehmsten, die er je gehört hatte. Er konnte sich nicht erinnern, die Schlußworte jemals vorher gehört zu haben.

Die Tür wurde sofort geöffnet und er schlüpfte hinein. Huck bekam einen Stuhl, und der Alte und seine Enakssöhne kleideten sich rasch an.

„Nun, mein Junge, hoff‘, ‘s geht dir gut und du hast Hunger, denn ‘s Frühstück wird mit der Sonne fertig sein und ‘s wird zudem tüchtig heiß sein — brauchst keine Sorgen zu haben. Ich und die Jungen hofften, würd‘st letzte Nacht nochmal wieder hierher kommen.“

„Hatt‘ zu große Angst,“ sagte Huck, „und machte, daß ich fortkam. Lief davon, als die Schüsse losgingen, und hielt erst nach drei Meilen an. Jetzt bin ich gekommen, weil ich wissen möchte von — Ihr wißt schon! und komm‘ vor Tageslicht, weil ich den Teufeln nicht begegnen möcht, selbst wenn sie tot wären.“

„Glaub‘s, armer Kerl, siehst aus, als hättst du ‘ne böse Nacht hinter dir — na, hier ist ‘n Bett für dich, wenn du gefrühstückt hast. Nun — tot sind sie nicht, leider — tut uns wahrhaftig leid genug. Du weißt, wir wußten nach deiner Beschreibung wohl, wo wir sie am Kragen kriegen würden, so schlichen wir auf den Zehen bis fünfzehn Schritt von ihnen entfernt — ‘s war dunkel wie in ‘nem Loch — und gerade da fühlt‘ ich, daß ich niesen müsse. ‘s war wohl grad‘ der rechte Augenblick! Ich versucht‘, es zurückzuhalten, aber keine Möglichkeit, ‘s wollte kommen und ‘s kam! Ich war voran, die Pistole schußfertig, und wie nun mein Niesen die Schufte aufschreckte, hört ich ‘n Rascheln vor mir, so rief ich: „Feuer, Jungens!“ und gab ‘nen Schuß, wo die Kerle waren. Ebenso meine Jungen. Aber wie ‘n Wind waren sie fort, diese Halunken; wir hinterher, runter durch den Wald. Denk, wir haben sie nicht getroffen. Im Laufen gaben sie noch jeder ‘nen Schuß ab, aber die Kugeln fuhren vorbei und taten uns nichts. Sobald wir sie nicht mehr hörten, gingen wir heim und weckten die Konstabler. Sie wollten ‘ne Treibjagd machen und gingen runter, die Flußufer abzusuchen, und wenn‘s hell ist, woll‘n sie und der Sheriff die Wälder vornehmen. Meine Jungen werden auch dabei sein. Wollt‘ nur, wir hätten so was wie ‘ne Beschreibung von diesen Galgenvögeln — ‘s würd ‘n gut Teil helfen. Du konntest wohl im Dunkeln nicht sehen, was es für Kerle waren, denk‘ ich?“

„Doch — sah sie schon im Dorf und folgte ihnen.“

„Famos! — Beschreib‘ sie — beschreib‘ sie, mein Junge!“

„Der eine ist der taubstumme Spanier, der hier ‘n paarmal ‘rumgeschlichen ist, der andere ein verdächtig aussehender, zerlumpter —“

„‘s ist genug, Junge, kenne die Kerle schon! Traf sie mal in den Wäldern hinter dem Garten der Witwe, und sie machten sich auch gleich davon. Fort mit euch, Burschen, sagt‘s dem Sheriff — könnt euer Frühstück morgen essen!“

Sofort verschwanden die Söhne des Alten. Als sie das Zimmer verlassen hatten, sprang Huck auf und rief: „O, bitte, sagt‘s niemand, daß ich‘s war, der sie aufgespürt hat — bitte!“

„Ist schon gut, Huck, wenn du‘s wünschst, aber du sollst doch den Lohn für das haben, was du da getan hast!“

„Ach, nein, nein!Bitte, sagt‘s nicht!“

„Sie werden‘s nicht sagen,“ beruhigte der Alte, „undichauch nicht. Aberwarumsoll‘s keiner wissen?“

Huck wollte nichts weiter sagen, als daß er schon zu viel über einen der Strolche wisse und nicht wünschte, daß der von seiner Mitwisserschaft Wind bekomme, nicht um die Welt, denn ‘s wär sicher, daß er dafür getötet werden würde.

Der alte Mann versprach nochmals Schweigen und sagte: „Aber, Bursche, wie kamst du denn drauf, diesen Gaunern zu folgen? Kamen sie dir verdächtig vor?“

Huck schwieg einen Moment, während er über einer möglichst unverfänglichen Antwort brütete. Dann sagte er: „Na, seht Ihr, ich bin halt mal ‘n ungehobelter Bursche — jeder sagt‘s, und ich weiß nicht, was dagegen einzuwenden wäre — und manchmal kann ich nicht schlafen vor dem Gedanken daran, und nehm‘ mir vor, zu versuchen, mich zu ändern. ‘s war wieder so letzte Nacht. Ich konnt‘ nicht schlafen und so kam ich um Mitternacht etwa, drüber nachdenkend, auf die Straße, und wie ich an die alte Mauer beim Temperenzler-Wirtshaus komme, lehn‘ ich mich so, ohne mir was zu denken, dran. Na, gerade in dem Augenblick kamen die beiden Strolche angeschlichen, dicht an mir vorbei, was unterm Arm tragend; es ist gewiß gestohlen, denk ich. Der eine rauchte, der andere wollt‘ auch Feuer haben; blieben also gerade vor mir stehn, und beim Anzünden der Zigarren wurden ihre Gesichter erleuchtet, und ich sah, daß der größere der taubstumme Spanier war — an den weißen Haaren und dem Pflaster aus dem Auge, — und der andere war ein roher, zerlumpter Teufel.“

„Konntst auch die Lumpen beim Leuchten der Zigarren sehen?“

Dies verwirrte Huck für ‘nen Augenblick. Dann sagte er: „Ja, ich weiß nicht — aber ‘sschienmir wenigsten so.“

„Dann gingen sie weiter, und du —?“

„Folgte ihnen — ja, ‘s war so. Wollt‘ doch sehen, was sie vorhätten — sie schlichen so verdächtig davon. Ich folgte ihnen bis zum Garten der Witwe und stand dort im Dunkeln und hörte den Zerlumpten für die Witwe bitten, und der Spanier schwor, er wollt‘ der Witwe die Nasenlöcher aufschneiden; gerade so wie ich‘s Euch sagte und Euren —“

„Was, all das sagte der taubstumme Mann!“

Huck hatte wieder einen schrecklichen Mißgriff begangen. Er hatte sich die größtmöglichste Mühe gegeben, den Alten nicht erraten zu lassen, wer der Spanier sei, und doch schien ihn seine Zunge trotz aller Vorsicht in Ungelegenheiten bringen zu wollen. Er machte krampfhafte Anstrengungen, aus seiner Verwirrung herauszukommen, aber das Auge des alten Mannes haftete auf ihm, schärfer und immer schärfer. Plötzlich sagte der Walliser: „Mein guter Junge, brauchst dich nicht vor mir zu fürchten, möcht‘ um alles in der Welt nicht ein Haar auf deinem Haupte krümmen. Nein — ich würd‘ dich beschützen — verlaß dich drauf. Dieser Spanier ist nicht taubstumm. Da hast du dir was entschlüpfen lassen. Du weißt was über diesen Kerl, das du nicht verraten möchtest. Na, vertrau‘ dich mir an — sag‘ mir, was es ist, vertrau‘ mir — werd‘ dich nicht verraten!“

Huck blickte in des alten Mannes ehrliche Augen, dann beugte er sich hinüber und flüsterte ihm ins Ohr: „‘s ist kein Spanier — ‘s ist der Indianer-Joe!“

Der Walliser fuhr fast von seinem Stuhl auf. Nach kurzer Pause sagte er dann:

„‘s ist jetzt klar genug. Als du von Nasenaufschlitzen und Ohrenstutzen sprachst, dacht‘ ich, ‘s wär deine eigene Erfindung, denn kein Weißer übt so ‘ne Rache. Aber ein Indianer! Das ist freilich ‘n großer Unterschied.“

Während des Frühstücks ging die Unterhaltung weiter, in deren Verlauf der Alte erwähnte, das letzte, was sie getan hatten, bevor sie zu Bett gegangen seien, sei gewesen, mit einer Laterne die Kampfstelle nach Blutspuren zu untersuchen. Die hätten sie nicht gefunden, wohl aber ein dickes Bündel mit —

„Mit was?“

Wären die Worte Blitze gewesen, sie hätten nicht schneller aus Hucks bleichen Lippen kommen können. Seine Augen waren weit aufgerissen, sein Atem stockte — indem er auf Antwort wartete. Der Walliser stutzte — zögerte mit der Antwort — drei Sekunden — fünf Sekunden — zehn — dann endlich entgegnete er: „Mit Einbrecherwerkzeug. — Nanu, was ist‘s mit dir?“

Huck sank nieder, sein Herz klopfte stürmisch, aber er war dankerfüllt, unsagbar dankerfüllt. Der Walliser sah ihn wieder scharf an, erstaunt, und sagte:

„Ja — Einbrecherwerkzeug. Schien dich mächtig zu freun. Aber was geht dasdichan? Was dachtest du denn, was wir gefunden hätten?“

Huck saß schon wieder in der Klemme. Forschende Augen richteten sich wiederum auf ihn — alles hätte er für eine glaubliche Antwort gegeben. Nichts fiel ihm ein; die forschenden Augen drangen tiefer und tiefer — eine unsinnige Antwort drängte sich ihm auf — Zeit zur Überlegung gab‘s nicht, so stieß er auf gut Glück mit schwacher Stimme heraus:

„Sonntagsschulbücher, vielleicht —“

Der arme Huck war zu verwirrt, um lächeln zu können, aber der alte Mann lachte laut und vergnügt, wurde von Kopf bis zu Fuß vom Lachen geschüttelt und sagte schließlich, so ein Lachen wäre gerade so gut wie bar Geld in der Tasche, denn es mache jede Doktorrechnung überflüssig. Dann fügte er hinzu: „Kleiner Dummkopf, bist ja ganz blaß und zitterst; bist nicht wohl. ‘s ist kein Wunder, daß du ein wenig aus der Balanze bist. Aber sollst schon wieder ‘reinkommen. Ruhe und Schlaf wird dich wohl zurechtbringen — hoff‘ ich.“

Huck ärgerte sich, daß er ein solcher Esel gewesen und solche Aufregung gezeigt hatte, hatte er doch seit dem Gespräch am Gartenzaun der Witwe ohnehin schon den Verdacht gehabt, daß jenes Bündel, das er vom Wirtshaus hatte forttragen sehen, gar nicht sein Schatz gewesen sei. Indessen hatte er das doch nurvermutet, gewußthatte er es nicht; und so war die Erwähnung von der Auffindung des Bündels zuviel gewesen für seine Selbstbeherrschung. Da er nun aber volle Gewißheit hatte, beruhigte er sich bald und wurde ganz vergnügt. Der Schatz mußte noch in Nummer zwei sein, die Kerle würden wohl noch am gleichen Tage erwischt werden, so konnten er und Tom ohne alle Angst oder Furcht vor Überraschung nachts das Geld abholen.

Gerade war das Frühstück beendet, da klopfte es an die Tür. Huck sprang schnell in ein Versteck, denn er hatte gar keine Lust, mit den letzten Ereignissen in Verbindung gebracht zu werden. Der Walliser ließ einige Damen und Herren ein, unter ihnen die Witwe Douglas, und sah dabei noch verschiedene Gruppen von Bürgern den Hügel heraufklettern, um sich den Schauplatz anzusehen. So war also die Sache schon allgemein bekannt. Er mußte den Besuchern die Geschichte der Nacht erzählen, worauf sich die Witwe Douglas bei ihm bedankte.

„Kein Wort davon, Madam. ‘s ist noch ‘n anderer da, dem Sie mehr zu danken haben als mir und meinen Jungen, denk‘ ich; aber er hat‘s mir nicht erlaubt, seinen Namen zu sagen. Ohne ihn wären wir überhaupt gar nicht dazu gekommen.“

Dies rief solche Neugier hervor, daß schließlich die Hauptsache darüber vergessen wurde; aber der Walliser ließ seine Besucher sich ruhig die Köpfe zerbrechen und behielt sein Geheimnis für sich, auch als das ganze Dorf von der Sache erfuhr. Nachdem alle Einzelheiten erörtert waren, sagte die Witwe: „Ich las noch vorm Einschlafen im Bett, dann schlief ich so fest, daß ich von all dem Lärm nichts hörte. Warum haben Sie mich nicht geweckt?“

„Hielten‘s nicht für nötig. Die Schufte würden doch nicht wiederkommen, würden sich wohl gehütet haben; wozu also Sie wecken und zu Tode erschrecken? Übrigens haben meine drei Nigger die ganze Nacht vor Ihrem Haus Wache gehalten. Da kommen sie gerade zurück.“

Noch mehr Besucher kamen, und die Geschichte mußte während mehrerer Stunden wieder und immer wieder erzählt werden.

Während der Schulferien fiel auch die Sonntagsschule aus, trotzdem war heut alles frühzeitig in der Kirche. Das aufregende Ereignis wurde lebhaft erörtert. Es wurde erzählt, daß noch keine Spur von den Landstreichern gefunden worden sei. Als die Predigt zu Ende war, ging die Frau des Richters Thatcher auf Frau Harper zu, die mit der großen Menge den Gang hinunterschritt, und sagte: „Will meine Becky denn den ganzen Tag schlafen? Habs mir aber wohl gedacht, daß sie todmüde sein würde.“

„Ihre Becky?“

„Freilich.“ (Mit erschrockenem Blick): „Blieb sie denn abends nicht bei Ihnen?“

„Bewahre.“

Mrs. Thatcher wurde leichenblaß und sank auf eine Bank in dem Augenblick, als Tante Polly, mit einer Bekannten sich unterhaltend, vorbeikam. „Guten Morgen, Mrs. Thatcher,“ sagte sie, „guten Morgen, Mrs. Harper. Hab‘ wieder mal ‘nen verlorenen Jungen. Denk‘ wohl, Tom ist die Nacht im Haus von einer von Ihnen geblieben. Nun hat er Angst, in die Kirche zu kommen. Werd‘ wieder mal Abrechnung halten müssen mit ihm.“

Frau Thatcher schüttelte schwach den Kopf und wurde noch blasser.

„Bei uns ist er nicht gewesen,“ sagte unsicher Frau Harper.

In Tante Pollys Gesicht zeigte sich merkliche Unruhe. „Joe Harper, hast du meinen Tom diesen Morgen schon gesehen?“

„Nein, Ma‘m.“

„Wannhast du ihn zuletzt gesehen?“

Joe versuchte sich zu erinnern, konnt‘s aber nicht bestimmt sagen. Die Leute blieben allmählich, neugierig geworden, stehen. Geflüster entstand, lebhafte Erregung verbreitete sich unter ihnen, Kinder wurden ängstlich ausgehorcht, auch die jungen Wächter. Alle sagten sie, sie hätten nicht acht gegeben, ob Tom und Becky bei der Heimfahrt an Bord gewesen seien; es war dunkel gewesen und niemand hatte daran gedacht, sich zu vergewissern, ob auch jemand fehle. Schließlich platzte ein junger Mann damit heraus, sie möchten noch in der Höhle stecken! Frau Thatcher fiel in Ohnmacht, Tante Polly begann zu weinen und die Hände zu ringen.

Die schrecklichen Worte gingen von Mund zu Mund, von Gruppe zu Gruppe, von Straße zu Straße, und in nicht ganz fünf Minuten hallten die Glocken wild, und die ganze Ortschaft war in Aufregung. Die Geschichte von Cardiff Hill wurde zur gleichgültigen Episode, die Einbrecher waren vergessen, Pferde wurden gesattelt, Boote bemannt, das Dampfboot instandgesetzt, und ehe der allgemeine Schreck eine halbe Stunde alt geworden, waren zweihundert Mann unterwegs, über den Fluß und auf dem Wege zur Höhle.

Den ganzen langen Nachmittag schien das Dorf tot und verlassen. Eine Menge Frauen besuchten Tante Polly und Frau Thatcher, und versuchten, sie zu trösten. Oder sie weinten mit ihnen — und das war noch besser als alle Worte.

Während der ganzen schrecklichen Nacht warteten die Frauen auf Nachricht; aber als schließlich der Morgen graute, bekam man nichts zu hören als: „Schickt mehr Kerzen und Lebensmittel“ Frau Thatcher war völlig verzweifelt, Tante Polly nicht weniger. Richter Thatcher schickte hoffnungsvolle Botschaften aus der Höhle, aber sie brachten keine rechte Erleichterung.

Gegen Morgen kam der alte Walliser, mit Lehm und Wachs beschmiert, nach Hause, zu Tode erschöpft. Er fand Huck noch im Bett, das für ihn hergerichtet worden war, und im Fieber irreredend. Die Ärzte waren alle in der Höhle, so kam die Witwe Douglas, um sich nach dem Patienten umzusehen. Sie sagte, sie wolle ihr Bestes für ihn tun, denn, ob er nun gut, schlecht oder keins von beiden sei, er sei Gottes Geschöpf, und nichts, was von Gott sei, dürfe man mißachten. Der Walliser meinte, Huck habe wohl gute Seiten, worauf die Witwe entgegnete: „Sie können sich darauf verlassen. Er trägt des Herren Mal an sich.Erwird ihn nie verlassen. Er tut‘s nie. Er vergißt keine Kreatur, die von ihm stammt.“

Früh am Vormittag kamen einzelne Trupps von Männern ins Dorf zurück, die meisten aber suchten noch immer weiter. Alles, was zu berichten war, war, daß man so weit wie noch nie jemand in die Höhle vorgedrungen sei; daß jeder Winkel, jede Spalte aufs sorgfältigste abgesucht worden sei. Wo man auch gehe in den Irrgängen, überall könne man Lichter nah und fern hin und her huschen sehen; Rufe und Pistolenschüsse hätten ihren Schall bis in die tiefsten Gänge hinuntergesandt. An einer Stelle, fern von dem gewöhnlich besuchten Teil, hatte man die Namen „Becky“ und „Tom“ mit Ruß an einem Felsen geschrieben gefunden, und nahe dabei ein beschmutztes Band. Frau Thatcher erkannte das Band und brach in Tränen aus. Sie klagte, es sei das letzte Andenken, das sie von ihrem Kinde haben solle, und daß keine andere Erinnerung jemals so kostbar sein könne; denn dieses Band war das letzte, was sie von dem kleinen Körper bekam, bevor ihn der schreckliche Tod zerstörte. Einige behaupteten, man könne in der Höhle zuweilen fernen Lichtschein sehen, und dann machte sich jedesmal ein ganzer Trupp unter lauten Freudenrufen dorthin auf — und dann folgte jedesmal die traurigste Enttäuschung. Es ging nicht von den Kindern aus, es war nur das Licht eines Suchenden.

Drei schreckliche Tage und Nächte schleppten ihre unendlichen Stunden dahin, und das Dorf versank in stumme Hoffnungslosigkeit. Für nichts anderes hatten die Leute Sinn. Die eben gemachte überraschende Entdeckung, daß der Besitzer des Temperenzler-Wirtshauses Spirituosen im Besitz habe, erregte kaum schwaches Aufsehen, so unerhört sie auch war.

In einem lichten Moment begann Huck mit schwacher Stimme von Wirtshäusern im allgemeinen zu sprechen und fragte schließlich, von vornherein das Schlimmste fürchtend, ob, seit er krank sei, etwas in dem Temperenzler-Wirtshaus entdeckt worden sei.

Die Witwe bejahte. Huck fuhr im Bett in die Höhe, die Augen rollend: „Was — was ist‘s?“

„Spirituosen! Und ‘s ist daraufhin zugesperrt worden. Lieg‘ still, Kind — wie hast du mich erschreckt!“

„Nur noch das sagen Sie mir — nurdasnoch — bitte: — War‘s Tom Sawyer, der‘s entdeckt hat?“

Die Witwe brach in Tränen aus: „Still, still, Kind! habs dir doch gesagt, dusollstnicht sprechen. Du bist sehr, sehr krank!“

Also war nichts als Schnaps gefunden; wär‘s das Geld gewesen, hätt‘s doch sicher mächtiges Aufsehen erregt. So war also der Schatz für immer verloren — für immer! — Aber warum weinte sie denn? Sonderbar, daß die Frau da weinte.

Solche trüben Gedanken gingen Huck durch den Kopf, und infolge der dadurch erzeugten Erschöpfung schlief er ein. Die Witwe dachte bei sich: „So da — jetzt schläft er wieder — armer Kerl! Tom Sawyer es finden! Erbarm‘ dich — wenn doch jemand den Tom Sawyer finden wollte! Viele gibt‘s sicher nicht, die noch Hoffnung oder auch nur Kraft genug haben, auf die Suche zu gehen!“


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