Allerhand Scherze der Japs

Nun wir aber raus aus dem Auto und die Beine in die Hand genommen und schnell zu den anderen an die allerdings nur fragliche Deckung gelehnt. Meine Kameraden bogen sich schier vor Lachen, denn so ernst die Situation auch war, so ulkig muß der Anblick gewesen sein.

Nun erfuhren wir auch, was los war.

Eine japanische Torpedoboots-Flottille lag vor uns und versuchte durch ihr Geschützfeuer Schatsy-Kou zu zerstören. Zwei volle Stunden lagen wir, ohne etwas sehen zu können, ohne jede Deckungund ohne uns rühren zu können, im Granatfeuer. Dann schien die Mittagspause für den Jap zu kommen, und er stellte das Feuer ein. Als wir die Schäden des Hauses besichtigten, waren die kleinen Chinesenjungens schon längst dabei, die Granatsplitter zu sammeln. Und als wir uns einen Augenblick zu einer Tasse Kaffee hingesetzt hatten, kamen drei kleine Chinesenstifte freudestrahlend an, in ihren schmutzigen kleinen Fingern drei Blindgänger haltend, die sie in aller Ruhe vor uns auf den Tisch warfen. Na, wenn die losgegangen wären, das hätte ein schönes Schützenfest gegeben!

Nun mußten wir zurück, und als das Auto in das erste Felsental einbog, krepierten hinter uns schon wieder die Granaten der neu einsetzenden Beschießung.

Einige Zeit darauf mußte ganz Schatsy-Kou mit dem ganzen übrigen Schutzgebiet geräumt werden, und am achtundzwanzigsten September wurden wir hinter das Haupthindernis eingeschlossen, und gleichzeitig setzte von See aus die erste große Beschießung ein.

Das war eine Ballerei!

Am frühen Morgen dieses Tages saß ich quietschfidel in meiner Badewanne, um mich zu einem größeren Fluge zu erfrischen, als plötzlich ein schier ohrenzerreißender Lärm einsetzte. Da unsere Geschütze bereits tage- und nächtelang gedonnert hatten, achtete ich nicht weiter auf den verstärkten Lärm, sondern schob ihn auf dasFeuern unserer Achtundzwanzig-Zentimeter-Haubitzen der Bismarck-Batterie, die, um Munition zu sparen, bis jetzt geschwiegen hatte, und an deren Fuß meine Villa lag.

Ich schickte meinen Burschen noch zu meinem Flugzeug, um nachzusehen, ob alles klargemacht würde. Aber schon nach einigen Minuten kam er atemlos und etwas blaß zurück und meldete: „Herr Oberleutnant, wir müssen schnell die Villa verlassen, wir werden von vier großen Schiffen beschossen. Eine der schweren Granaten ist eben ganz dicht beim Flugzeugschuppen krepiert, aber Gott sei Dank ist das Flugzeug heil geblieben, und niemand ist verletzt. Nur ich habe mir die Finger verbrannt. Da lag so ein schönes großes Sprengstück, und das wollte ich doch als Andenken mitnehmen; na, und das war so heiß, aber mitgebracht habe ich es doch!” Und dabei hob er freudestrahlend ein halb verbranntes Taschentuch hervor, in dem ein zirka armlanges furchtbares Sprengstück einer Dreißigeinhalb-Zentimeter-Granate lag. Nun war ich aber raus aus meinem Bad! Kaum zwei Minuten später stand ich bei meinem schwer gefährdeten Flugzeug, und mit vereinten Kräften schoben wir den teuren Vogel in eine andere Ecke des Platzes, wo er hinter einem Abhang etwas geschützter stand. Dann lief ich auf den Küstenkommandeurstand, um mir das Schauspiel der Beschießung anzusehen.

Dieser Kommandeurstand lag auf einem Hügel, von dem man einen geradezu idealen Überblicküber Tsingtau hatte. Von hier aus konnte man jede einzelne Granate einschlagen sehen, und wenn ich nicht flog, saß ich während der ganzen nächsten Wochen hier oben in freier Luft, um dem Kampf zuzusehen.

Die erste Beschießung von Tsingtau an diesem achtundzwanzigsten September war besonders eindrucksvoll.

Das Krachen und Krepieren der Granaten und das Gedröhne wurden durch die rings herumliegenden Berge bedeutend verstärkt. Schlag auf Schlag folgten die Einschläge der langen Dreißigeinhalb-Zentimeter-Schiffsgeschosse, und wir hatten den Eindruck, daß ganz Tsingtau in einen Trümmerhaufen verwandelt werden würde. Ein unheimliches Gefühl, an das man sich aber schnell gewöhnt. Man ist ja doch den einschlagenden Granaten gegenüber vollkommen machtlos und kann nichts weiter tun als warten, bis alles vorbei ist.

Man soll nur Glück haben, nicht gerade da zu stehen, wo solch ein unheimliches Ding niedersaust.

Wie schmachvoll müssen diese und die folgenden Beschießungen für die Engländer gewesen sein!

Die feindlichen Schiffe dampften so weit draußen, daß unsere Geschütze sie nicht erreichen konnten. Also in vollster Sicherheit. Vorneweg fuhren drei japanische Schlachtschiffe und als letztes Schiff hinterher unter japanischem Befehl: das englische Linienschiff „Triumph”.

Wie stolz sich diese Engländer wohl bei solcher Henkersarbeit vorgekommen sind!

Gott sei Dank war der Schaden, den das Bombardement angerichtet hatte, nicht groß gewesen, und von nun ab sahen wir den kommenden Beschießungen mit größter Ruhe entgegen.

Am Abend dieses Tages war ich Zeuge einer besonders traurigen Begebenheit.

Unsere Kanonenboote „Cormoran”, „Iltis” und „Luchs” wurden von uns versenkt, nachdem sie ihre ganze Bewaffnung abgegeben hatten.

Es war ein ganz trostloser Anblick.

Die drei Schiffe, hintereinander festgemacht, wurden durch einen Dampfer in tiefes Wasser geschleppt, dort angezündet, dann gesprengt und verbrannt. Es sah aus, als ob die drei Schiffe wüßten, daß sie zur Schlachtbank geführt wurden. So unendlich traurig und hilfesuchend reckten sie ihre kahlen Masten zum Himmel empor; und unter den Flammen wanden sich die Schiffsleiber, als wenn sie noch Leben in sich gehabt hätten, bis endlich die Wogen über ihnen zusammenschlugen und sie von ihren Leiden befreiten. Wie krampfte sich mir das Seemannsherz zusammen bei diesem Anblick! Diesen drei folgten „Lauting” und „Taku” und kurz vor der Übergabe der kleine „Jaguar” und der österreichische Kreuzer „Kaiserin Elisabeth”, nachdem diese beiden letzteren Schiffe uns unendliche Dienste geleistet hatten. Die Arbeit dieser beiden Schiffe füllt ein Ruhmesblatt in der Geschichte von Tsingtaus Kampf und Tod.

Die Tätigkeit der japanischen Belagerungsarmee war für uns ein großes Rätsel. Nach der ersten großen Beschießung dachten wir alle, die Japaner würden versuchen, die Festung sofort zu stürmen, aber nichts dergleichen geschah. Wir begriffen den Feind einfach nicht, der mußte doch wissen, wie schwach wir waren, und daß sie nur ein einziges Drahthindernis zu überwinden brauchten, um in der Festung zu sein.

Dann tauchten bei uns die wildesten Gerüchte auf.

„Die Japaner wagen nicht, uns anzugreifen, die Sache steht in Europa zu gut für uns!” Dann wieder: „Die Amerikaner schicken uns ihre Flotte zu Hilfe; die Japaner werden abziehen müssen!” Und dann: „Die Japaner wollen uns nur aushungern, sie wollen, daß Tsingtau so heil wie möglich in ihre Hände fällt!”

Aber alles blieb nur Vermutung.

Ruhig und systematisch und ohne daß wir sie daran hindern konnten, landeten die Japaner ihre Truppen, bauten Wege und Eisenbahnen, schafften die schwersten Belagerungsgeschütze und Munition heran, gruben sich unseren Hindernissen gegenüber ein und arbeiteten sich vorwärts gegen unsere Verteidigungslinie.

Jetzt begann für mich meine Hauptarbeit: das Erkunden der feindlichen schweren Batterien.

Und Tag für Tag, wenn das Wetter undderPropeller es erlaubten, stand ich früh im ersten Morgengrauen bei meinem Flugzeug.

Und auf ging es, einem ungewissen Schicksal entgegen. Und wenn die Sonne aufging, dann schwebte ich hoch am blauen Firmament, umkreiste stundenlang die feindlichen Stellungen und spähte hinab auf das geliebte Schutzgebiet, in das sich ein frecher Feind einnistete, um uns Tod und Verderben hinüberzusenden.

Schwer war meine Arbeit, aber schön, und sie wurde durch den Erfolg reichlich belohnt.

Unddaßich Erfolg hatte, das merkte ich am besten aus den Anstrengungen, welche der Feind machte, um mich herunterzuholen und mich unschädlich zu machen.

Wie ich bereits vorher erwähnt habe, war ich jetzt der einzige Flieger in Tsingtau, „der Vogelmaster von Tsingtau”, wie mich die Chinesen nannten, und hatte auch nur diese eine Taube zur Verfügung. Nun galt es aufpassen und nichts kaputt machen, sonst war es vorbei mit der Fliegerei.

Ganz außerordentlich wurde das Fliegen erschwert durch den kleinen, von hohen Bergen wie ein Kessel eng umschlossenen Flugplatz und die ganz außerordentlich schwierigen Luftverhältnisse. Durch die hohen, schroffen Gebirge, durch den Wechsel von Land und Wasser und durch die starke Sonnenbestrahlung war die Turbulenz der Luft ganz ungewöhnlich stark und die Luftverhältnisseschon morgens um acht Uhr so ungünstig, wie sie in Deutschland während der heißesten Jahreszeit um die Mittagsstunden kaum vorkommen. Nur der kann wohl einen Begriff von den Schwierigkeiten des Fliegens in einem solchen Gelände sich bilden, der das selbst durchgemacht hat.

Hinzu kam, daß mein Flugzeug, welches für normale Verhältnisse zu Hause gebaut war, in dieser dünnen Luft zu schwer war, mein Motor hundert Umdrehungen zu wenig machte und ich mit einem Propeller flog, der auf die oben angeführte Weise entstanden war.

Kein Wunder also, daß ich nicht daran denken konnte, jemals einen Beobachter mitzunehmen. Alles irgend Entbehrliche riß ich aus meinem Flugzeug heraus, um es zu erleichtern. Benzin und Öl wurden so bemessen, daß ich eben auskam, ja oft ließ ich sogar meine Lederjacke zu Hause, nur um mit dem Flugzeug aus dem Platz herauszukommen.

Der Start, der war ja das Verhängnisvolle!

Jeder Start mußte glücken; mißlang er, dann war es um mich und mein Flugzeug geschehen.

Der Abflug war wirklich ein jedesmaliger Kampf auf Leben und Tod, und wie oft hat es nur an einem Haar gehangen, daß das Flugzeug nicht zerschellte.

Manchmal, wenn ich nach Süden zu startete, setzten am Ende des Platzes, ungefähr da, wo das Fort Hu-Tchuen-Huk mit dem Meere zusammenstößt, enorme Fallböen ein, das Flugzeug fieldirekt unter mir weg, ich riß es eben noch über die Geschützrohre des Forts frei, dann fiel das Flugzeug wieder schwer durch, und oft handelte es sich nur um Handbreiten, daß ich es über dem Meeresspiegel wieder abfing, wo es sich langsam erholte und zu klettern anfing.

Der Start nach Norden zu (andere als diese beiden Richtungen kamen nicht in Frage) war furchtbar, und im ganzen habe ich ihn nach dieser Richtung hin auch nur sechs- bis siebenmal gemacht; aber an diese Male denke ich dafür mein Leben lang.

Im äußersten Südzipfel des Platzes mußte ich dann starten. Und in einer geraden Linie ging es über den nur wenige hundert Meter langen Platz hinweg, über meinen Schuppen, über mehrere Villen und über unseren Kirchhof, der bereits an einem zirka einhundertundfünfzig Meter hohen schmalen Sattel lag, der von beiden Seiten von den Felsmassen des Bismarck-Berges und der Iltis-Berge eingeschlossen wurde. Sowie ich links den Bismarck-Berg hinter mir hatte, kamen die ersten Seitentäler, und aus diesen setzten scharfe Böen ein, mein Flugzeug bekam einen mächtigen Stoß und legte sich schwer nach Steuerbord über, und trotz voller Verwindung konnte ich das Flugzeug nicht wieder aufrichten. Seitensteuer durfte ich nicht geben, um nicht in die Felsen hineinzurennen.

Das Dienstpersonal des Verfassers in Tsingtau.

Das Dienstpersonal des Verfassers in Tsingtau.

So raste denn mein Flugzeug in dieser Stellung mit der rechten Flügelspitze nur wenige Zentimetervon den unter mir liegenden Baumkronen und Felsmassen entfernt durch dieses Höllental hindurch, und ich konnte nichts weiter tun, als mein Steuer mit eiserner Ruhe führen, um nicht unten zu zerschellen. Bis ich dann endlich auf der anderen Seite über dem Wasser der Kiautschou-Bucht schwebte und mein Flugzeug wieder vernünftig wurde.

Kapitänleutnant Plüschow.

Kapitänleutnant Plüschow.

Ich will's gestehen, heiß und kalt hat's mich bei jedem Start überlaufen, und ordentlich froh war ich, wenn ich ihn hinter mir hatte und mich höher und höher schraubte, bis ich endlich meine zweitausend Meter erreicht hatte. Das war allerdings eine Geduldsprobe. Manchmal kam ich in einer Stunde hinauf. Gewöhnlich aber dauerte es bis zu einunddreiviertel Stunden. Während dieser ganzen Zeit flog ich weit, weit draußen über See, um den Schrapnells, die die Japaner nach mir sandten, zu entgehen.

Was konnte ich noch lange darüber nachdenken, daß ich ein Landflugzeug hatte, und daß ich bei der geringsten Motorpanne ertrinken mußte. Es wäre ja doch dasselbe gewesen, als wenn eine Panne oder womöglich ein Volltreffer mich über dem Lande erreicht hätte. Im ganzen Schutzgebiet gab es nur Felsen, Schluchten und außer meinem Flugplatz nicht ein einziges Plätzchen, wo ich hätte heil landen können.

Die Gedanken daran kamen mir wohl ab und zu in den ersten Tagen, aber da sie doch zwecklos waren, gab ich sie wieder auf.

Während der ganzen Zeit dieses Emporkletterns erfreute ich mich dann an dem herrlichen Sonnenschein, an dem wunderbaren Anblick der schroffen Felsenküsten und an dem tiefblauen Meer. Meist sang oder pfiff ich ein Liedchen, und wenn der Höhenmesser zweitausend Meter zeigte, dann brummte ich ein Gott sei Dank, und auf dem kürzesten Wege schoß ich der feindlichen Linie zu und begann meine Beobachtungen.

Diese führte ich dann folgendermaßen aus:

Sobald ich über dem Feinde war, drosselte ich den Motor so, daß das Flugzeug die Höhe von selber hielt. Dann hängte ich meine Karte vor mich an das Höhensteuer, nahm einen Bleistift mit Notizheft zur Hand und beobachtete nach unten, zwischen Tragfläche und Rumpf hindurchsehend, den Feind. Das Höhensteuer ließ ich ganz los, und die Seite steuerte ich mit den Füßen.

Eine Stellung umkreiste ich dann so lange, bis ich alles ausgemacht, in die Karte eingetragen, mir genau aufgeschrieben und eine ganz genaue Skizze angefertigt hatte. Ich hatte bald eine solche Übung darin, daß ich oft, ohne überhaupt aufzusehen, einundeinhalb bis zwei Stunden nach unten beobachtete und alles genau aufschrieb.

Und wenn mir dann das Genick steif wurde, drehte ich mich um und sah nach der anderen Seite hinunter. Bis ich dann endlich mit meinen Aufzeichnungen zufrieden war und ein Blick auf die Benzinuhr mich belehrte, daß es höchste Zeit sei umzukehren, um noch meinen Platz zu erreichen.

Der Rückflug war jedesmal derselbe. In stolzem Bogen umkreiste ich die Werft und die Stadt, und über meinem Platz angekommen, stellte ich den Motor ab, und in rasendem Kurven-Gleitflug ging es der Erde zu, und vier Minuten später stand ich wohlbehalten unten.

Die Eile war nötig!

Mein Flugzeug wurde natürlich während der ganzen Stunden, die ich über den feindlichen Stellungen schwebte, auf das heftigste mit Gewehren und Maschinengewehren beschossen. Und als das nichts half, kamen die Schrapnells. Die waren allerdings eklig.

Und immer wieder neue Überraschungen hatten die Japaner für mich. Als ich zum Beispiel an einem herrlichen Morgen mit prächtigem blauem Himmel von einer Aufklärung zurückkam und landen wollte, schwebten über meinem ganzen Landungsplatz lauter kleine weiße Wölkchen in etwa dreihundert Meter Höhe, die von oben ganz allerliebst aussahen.

Aber bald merkte ich, daß die Japaner sich wieder einmal einen Scherz mit mir erlaubten, denn die Wölkchen waren Sprengwolken von Zehneinhalb-Zentimeter-Schrapnells.

Aber was half es — Zähne zusammen und durch!

Und vier Minuten später stand meine Maschine aus zweitausend Meter Höhe im Sturzflug kommend, wohlbehalten auf dem Platz, und so schnell ich konnte, rollte ich mit ihr in den Schuppen, dessen Dach durch Erde geschützt war.

Nun galt es für mich, List anzuwenden.

Und manchmal, wenn ich noch über den feindlichen Stellungen war, stellte ich plötzlich den Motor ab und sauste senkrecht auf eine Ecke meines Platzes zu, so daß die Japaner glaubten, ich sei abgeschossen, und sie so überrascht wurden, daß ihre Schrapnells über dem Platz erst ankamen, als ich bereits zum Schuppen rollte.

Als ich aber immer wiederkam, da verlegten die Japaner zwei ihrer Zehneinhalb-Zentimeter-Batterien so weit nach hinten und nach der Seite, daß ihre Schrapnells mich bequem erreichten, während ich die Stunden über ihren Stellungen kreiste. Das war das Unangenehmste, und oft wäre mein Schicksal auch beinah besiegelt gewesen, wenn ich nicht durch eine plötzliche scharfe Wendung das Getroffenwerden vermieden hätte.

Die Schrapnells krepierten dann so nahe, daß ich trotz des Motorengeräusches das häßliche Bellen der Detonation hörte, den heftigen Luftdruck im Gesicht verspürte und mein Flugzeug so stark wie eine alte Kuff im Seegang zu rollen anfing, was mich bei meinen Beobachtungen stark belästigte.

Ich muß offen sagen, sobald ich jedesmal glatt gelandet war, spürte ich ein herrliches Gefühl der Freude und der Genugtuung nach vollbrachter, schwerer Arbeit, ja meist stieß ich vor lauter Freude einen kräftigen Jauchzer aus.

Zu denken auch:

Nur vier Minuten früher war ich zweitausend Meter hoch gewesen, hatte Stunden höchster Anstrengungund Gefahr hinter mir und rollte nun trotz Geschoß und Schrapnell auf Gottes schöner Erde und hatte wieder festen Grund unter den Füßen!

Sobald ich aufgesetzt hatte, kamen meine vier braven Leute, die des Schrapnellhagels nicht achteten, herangelaufen und halfen mir die Maschine bergen. Mit freudigem Gekläff wurden sie umsprungen von meinem treuen Hund Husdent.

Und während die vier das Flugzeug zum nächsten Male wieder klar machten, saß ich längst am Steuer meines Autos, in der Brusttasche meine Karten und Meldungen, neben mir Husdent, und raste nochmals durch das Schrapnellfeuer über den Platz und zum Gouvernement, wo bereits auf meine Meldungen gewartet wurde.

Ich glaube, man wird meine Freude und meinen Stolz verstehen können, wenn ich meine Aufzeichnungen auspacken konnte. Hatte ich doch manchmal an einem Tage fünf bis sechs neue feindliche Batterien entdeckt, und oft füllten meine Beobachtungen vier Seiten der Berichtsformulare aus.

Der warme Händedruck des Dankes meines Gouverneurs und des Chefs des Stabes sagte mir genug.

Und während ich dann nach Hause fuhr, um zu frühstücken und mich zu erholen, da donnerten bereits unsere Geschütze und warfen ihren Eisenhagel in die von mir neu erkundeten Stellungen hinein.

Wie traurig sah es jetzt in meinem Häuschen aus, so einsam und verlassen!

Gleich zu Beginn der Belagerung mußte der gute Patzig sein Heim aufgeben und als Batteriekommandeur zu seiner Einundzwanzig-Zentimeter-Batterie eilen. Nur vier Wochen hat er etwas von seiner schönen Wohnung gehabt, dann saß er in seiner Kasematte und tat seine Pflicht, bis seine letzte Granate verschossen war und die Japaner mit ihren Achtundzwanzig-Zentimeter-Haubitzen seine ganze Batterie zu einem wüsten Trümmerhaufen verwandelten!

Treulos verließ mich aber, als der erste Schuß fiel, mein Chinesenkoch Moritz, und eines Abends waren auch Fritz, Max und August spurlos verschwunden.

Nach einigen Tagen kam ein neuer Chinesenkoch, Wilhelm genannt, der mir mit großen Gebärden erzählte:

„Du, Vogelmaster, ich gute Koch sein, ich nicht weglaufen wie die schlechte Kerl, die Molitz, iche nicht Angst haben, ichplentygut chau-chau mache.”

Ich glaubte es, versprach ihm fünf Dollars mehr, und es ging auch ganz gut, bis eines Tages die ersten feindlichen Granaten in der Nähe meines Hauses krepierten und Herr Wilhelm ebenso spurlos verduftete wie seine Vorgänger.

Nun saß ich mit meinem treuen Burschen Dorsch in dem verwaisten Hause allein.

Wir beide waren jetzt die einzigen Bewohner des ganzen Villenviertels der Iltis-Bucht.

Angenehm und sicher war der Aufenthalt gerade nicht, denn die Villen waren an die Hügel gebaut, die unsere Hauptbatterien trugen, und die feindlichen Granaten, die bei diesen vorbeigingen, trafen mitten in uns hinein. Wir beide waren aber sehr vorsichtig. Wir zogen nämlich aus dem oberen Stockwerk aus und richteten uns im Erdgeschoß häuslich ein. Zum Überfluß stellten wir beide noch unsere Betten so in eine Ecke, daß wir nicht unmittelbar am Fenster lagen, und das war dann Sicherheit genug. Gut, daß kein dicker Koffer uns zu einem Versuch herausforderte.

In der Luft blieb ich nicht lange allein.

Am Vormittag des fünften September, bei unfreundlichem Wetter, mit tiefhängenden Wolken, hörten wir plötzlich das Brummen eines Motors, und ich lief aus dem Hause, um zu sehen, was los sei. Und schon schoß dicht über unseren Köpfen ein riesiger Doppeldecker aus den Wolken. Ich war sprachlos. Und wie gebannt schaute ich dem Gespenste nach. Bald jedoch krachten die ersten Bombenexplosionen, und nun gewahrte ich auch die großen roten Bälle unter den Tragflächen des Flugzeuges.

Also ein Japaner!

Ich muß sagen, mir war eigenartig zumute,als ich den riesigen feindlichen Kollegen so dicht über meinem Kopfe dahinschweben sah. Das konnte ja für die Zukunft eine heitere Geschichte werden!

Für Tsingtau war das Erscheinen des feindlichen Fliegers eine höchst unangenehme Überraschung. Daß die Japaner auch Flugzeuge mitbringen würden, das hatte keiner erwartet.

Im ganzen hatten die Japaner im Laufe der Belagerung acht Flugzeuge, darunter vier ganz hervorragend große Wasserdoppeldecker, um die ich die Japse herzlichst beneidete.

Wie oft habe ich in den nächsten Wochen, wenn die wunderschönen, neuen, großen Wasserdoppeldecker der Japaner die Stadt umkreisten, sehnsüchtig nach oben geschaut und mir solch ein Ding herabgewünscht.

Fliegen taten die Japaner sehr gut, und mit außerordentlichem Schneid, das muß man ihnen lassen.

Ein Segen, daß ihr Bombenwerfen nicht ebensogut war, sonst hätte es bös was für uns abgegeben.

Die japanischen Fliegerbomben waren stark, neuester Konstruktion und von ganz bedeutender Sprengwirkung.

Einen gewaltigen Vorteil hatten die feindlichen Wasserflugzeuge. Sie konnten weit draußen, gänzlich ungestört durch uns, ohne Rücksicht auf Windrichtung, in aller Ruhe starten, hatten so viel Anlaufstrecke vor sich, wie sie nur irgend wünschenkonnten, Windrichtung war gänzlich egal, und wenn sie dann in größter Sicherheit ihre dreitausend Meter erreicht hatten, kamen sie zu uns herüber, und dann pfiffen sie auf unsere Schrapnells und unser Maschinengewehrfeuer.

Eins der Hauptziele der feindlichen Fliegerbomben war mein Flugzeugschuppen.

Die Sache wurde für mein Flugzeug bald so ungemütlich, daß ich eines Tages auszog und beschloß, meine feindlichen Kollegen ganz gründlich anzuführen.

Mein richtiger Schuppen lag auf dem Nordende des Platzes, war von oben wundervoll zu sehen und den Japanern natürlich zur Genüge bekannt. Nun baute ich in aller Stille genau am entgegengesetzten Ende des Platzes einen neuen Schuppen, den ich direkt an einen Bergabhang anlehnte und mit Erde und Gras so bedeckte, daß von oben tatsächlich nicht das geringste zu sehen war. Dann bauten wir mit vieler List und Tücke aus Brettern, Segeltuch und Blech ein Scheinflugzeug, welches von oben gesehen meiner Taube täuschend ähnlich sah. Sowie nun in Zukunft die feindlichen Flieger kamen, wurde Theater gespielt.

An einem Tage waren die Tore meines alten Schuppens auf, und davor saß im schönen grünen Gras, breit und behäbig, mein Simulaker. An einem anderen Tage waren die Tore geschlossen und nichts zu sehen. Wiederum an einem Tage saß mein Scheinflugzeug an einer anderen Stelledes grünen Rasens, wo es sich besonders gut abhob, und so ging es fort. Nun kamen die feindlichen Flieger und warfen Bomben auf Bomben und bemühten sich, diesen unschuldigen Vogel zu treffen. Wir dagegen, mit unserem richtigen Flugzeug, saßen quietschfidel und durch unser Dach wohlgeschützt am anderen Ende des Platzes und hielten uns den Bauch vor Lachen, wenn wir sahen, wie die Bomben ihr unschuldiges Opfer heimsuchten.

Eines Tages, als wieder besonders viele Bomben gefallen waren, nahm ich ein schönes Sprengstück einer japanischen Fliegerbombe, befestigte daran meine Visitenkarte und schrieb darauf: „Den feindlichen Kollegen besten Gruß! Warum werfen Sie mit so harten Gegenständen? Wie leicht kann das ins Auge gehen! Und das tut man doch nicht!”

Diesen Brief nahm ich bei meinem nächsten Fluge mit und warf ihn vor der japanischen Wasserflugstation nieder.

Das war aber nur die Ankündigung meines Besuches.

Im Artilleriedepot hatte nämlich einer der Herren inzwischen Bomben für mich angefertigt. Ganz großartige Dinger! Große Zweikilogramm-Blechbüchsen, auf denen schön zu lesen war: Sietas, Plambeck & Co., bester Java-Kaffee, wurden mit Dynamit, Hufeisennägeln und Eisenstücken gefüllt. Unten wurde eine Bleispitze angebracht und oben ein Zünder, der daraus bestand, daßein spitzer Eisenkern beim Aufschlagen auf das Zündhütchen einer Gewehrpatrone schlug und dadurch die ganze Bombe zur Explosion brachte. Etwas unheimlich waren mir ja diese Dinger, und wie ein rohes Ei faßte ich sie an, und ich war immer herzlichst froh, wenn ich sie abgeworfen hatte. Viel Schaden haben sie nicht angerichtet. Einmal habe ich ein Torpedoboot getroffen, und da ging das Ding nicht los; mehrere Male hätte ich beinahe einen Transportdampfer erwischt, und einmal habe ich gemäß japanischen Nachrichten eine Bombe mitten in eine japanische Kolonne geworfen und damit dreißig Gelbe zum Hades befördert.

Bei einer Gelegenheit hatte ich mich ganz besonders geärgert, und das war, als ich eines frühen Morgens das Lager unserer lieben Vettern erkundet hatte und ihnen zu ihrem Morgenkaffee meinen echt javanischen Kaffee beisteuern wollte. Die Bombe fiel nach englischen Berichten auf ihr Küchenzelt, und da dieses stark federte, prallte sie leider wirkungslos ab.

Das Vergnügen des Bombenwerfens habe ich mir bald verkniffen. Ich hatte sowieso schon, wo ich immer allein war, genug zu tun. Die Wirkung rechtfertigte auch nicht die mit Bombenwerfen verschwendete Zeit.

Mit meinen feindlichen Fliegerkollegen habe ich mich dann öfters in der Luft getroffen. Suchen tat ich diese Begegnung nicht, denn ich allein mit meiner langsam steigenden, schwerfälligenTaube konnte gegen die großen Doppeldecker, die drei Mann Besatzung an Bord hatten, nichts ausrichten. Und vor allen Dingen hatte ich die verdammte Pflicht, aufzuklären und dann das Flugzeug Tsingtaus heil nach Hause zu bringen.

Einmal war ich in meine Beobachtungen ganz vertieft, als mein Flugzeug sehr stark anfing zu schlingern und zu stampfen. Ich dachte, es wären wieder einmal Luftstörungen, die durch die vielen steilen und schroffen Gebirge hervorgerufen wurden und ja das ganze Fliegen in dieser Gegend so außerordentlich erschwerten. Ohne also aufzusehen, beobachtete ich weiter und erfaßte nur mit der einen Hand das Höhensteuer, um das Flugzeug zur Ruhe zu zwingen.

Nach meiner Rückkehr wurde mir zu meinem Erstaunen erzählt, daß eins der feindlichen Flugzeuge dicht über mir weggeflogen wäre, und alles dachte schon, ich würde von diesem heruntergeschossen werden.

Das nächstemal paßte ich besser auf. Und als ich einen meiner feindlichen Landkollegen dicht unter mir erblickte, verfolgte ich ihn und schoß ihn mit meiner Parabellum-Pistole mit dreißig Schuß herunter.

Kurze Zeit hinterher wäre es mir fast selbst so ergangen. Ich war nur eintausendsiebenhundert Meter hoch, und trotz der größten Anstrengung kam und kam ich nicht höher. Ich war gerade über dem feindlichen Wasser-Fliegerlager, und einer der großen Doppeldecker startete soeben.Ich führte nun meine Erkundungen weiter aus und dachte: Na, der kann ja lange krebsen, bis er so hoch ist wie du!

Aber schon nach vierzig Minuten, als ich nach links über die Tragflächen hinwegschaute, da schwebte der Feind nur wenige tausend Meter entfernt in derselben Höhe wie ich. Donnerwetter, nun hieß es aufpassen und höher steigen. Aber wie verhext streikte mein Vogel. Nicht einen Meter gewann ich mehr, und schon nach fünfzehn Minuten war der andere ein ganzes Stück höher als ich, kam schräg auf mich zu, und ich merkte seine Absicht, mir den Weg nach Tsingtau abzuschneiden.

Jetzt ging's um die Wette, wer zuerst ankam und sich zuerst über Tsingtau befand.

Ich gewann das Rennen.

Und als ich über meinem Platz war, da ging's im steilsten Sturzfluge nieder, und als ich eben auf dem Platze aufsetzte, da krepierten auch schon die ersten feindlichen Bomben dicht hinter mir.

Wie wunderbar manchmal so eine Bombe trifft!

In Tsingtau war strenger Befehl, daß bei Annäherung der feindlichen Flieger jedermann sofort in Deckung zu gehen hätte, wodurch es ermöglicht wurde, daß keine Verluste eintraten. Nur einmal ist ein Unteroffizier verletzt worden und einmal ein Chinese. Und das war wunderbar genug! Auf meinem Platze arbeiteten ungefähr hundert Chinesen, und bei Annäherung der Flieger brachten sie sich schleunigst in Sicherheit.

Nur so'n brauner Geselle blieb an einem Tage mitten auf dem Platze mutterseelenallein sitzen und sah sich erstaunt den großen Vogel an. Bums! ging eine Bombe nieder, und wo krepierte sie? Ausgerechnet einige Schritte neben diesem armen Teufel, und verletzte ihn schwer.

Ja, ich sage, man muß nur Pech haben und gerade da stehen, wo Granaten und ähnlich schwerverdauliche Gegenstände herniederfallen.

Und wie sah es nun inzwischen in Tsingtau aus? Die Beschießung von See setzte täglich ein, und bald kamen auch die ersten Landbatterien und halfen mit bei dem höllischen Spiel. Außer in den bombensicheren Räumen und Kasematten gab es keinen sicheren Platz mehr in ganz Tsingtau. Die Beschießung wurde heftiger und immer heftiger, und an manchen Tagen wurden allein von See aus mehrere hundert Dreißigeinhalb-Zentimeter-Schiffsgranaten in das kleine Tsingtau hineingeschossen.

Am vierzehnten Oktober fand eine besonders heftige Beschießung unseres Seewerkes Hu-Chuin-Huk statt. Weit draußen fuhren die feindlichen Schiffe, und schon nach der zweiten Salve deckten die Dreißigeinhalb-Zentimeter-Granaten das kleine Werk. Nun folgte Salve auf Salve. Das ganze Werk war in Wassersäulen, Flammen und Rauch eingehüllt, und das Krachen und Dröhnen der krepierenden Granaten ließ die Erde erbeben.

Wie immer, so stand ich auch an diesem Morgen auf dem Küstenkommandeurstand nur rund tausend Meter seitlich von dem beschossenen Fort ab und erlebte so das grausige Schauspiel aus nächster Nähe.

Oft flogen die scharfen, bis über einen Meter langen Sprengstücke der Granaten pfeifend und surrend und unheimlich zischend über unsere Köpfeweg, ohne daß wir darauf achteten, da uns der Anblick des beschossenen Forts zu sehr gefangennahm. Das Gesehene war so gewaltig, daß es sich nicht beschreiben läßt.

So etwas kann man nur erleben.

Wir dachten mit Schmerzen an die tapfere Besatzung und an ihren sicheren Untergang, aber mitten im tollsten Feuer schoß die eine alte Vierundzwanzig-Zentimeter-Kanone einen Schuß, und voll Spannung richteten sich sofort alle unsere Doppelgläser auf die feindlichen Schiffe.

Und da plötzlich ein Hurra! So jubelnd und froh entrang es sich unsern Kehlen, und drüben beim englischen Linienschiff „Triumph” saß unsere Sprenggranate mitten an Deck. „Triumph” drehte sofort ab und lief mit äußerster Kraft davon, und als kurze Zeit darauf unsere zweite Granate ankam, konnte sie nur noch fünfzig Meter hinter seinem Heck ins Wasser einschlagen.

„Triumph” dampfte dann nach einigen Signalen, die er mit dem japanischen Flaggschiff wechselte, ab und ging zur Reparatur nach Yokohama.

Die drei japanischen Schiffe setzten ihre Beschießung fort, aber nunmehr in noch respektvollerer Entfernung, so daß es zwecklos war, mit unseren alten Kanonen, die längst nicht so weit reichten, zu feuern.

Mittags um zwölf Uhr hörte die Beschießung endlich auf, nachdem der Feind sowohl wie wirmit Recht der Überzeugung sein konnten, daß das Fort zerstört und die Insassen getötet seien.

Sofort eilte der Stab des Küstenkommandeurs zum Fort Hu-Chuin-Huk, und auch ich folgte mit meinem Auto.

Gewärtig eines furchtbaren Anblicks, waren wir bei unserer Ankunft höchst erstaunt, die gesamte Besatzung froh und vergnügt umherspringen zu sehen, Sprengstücke sammelnd und die riesigen Krater, die die feindlichen Granaten in den Boden geschlagen hatten, bewundernd.

Das war eine Freude! Kein einziger der Leute verletzt, kein Geschütz beschädigt, kein bombensicherer Raum durchschlagen!

Der Erfolg der schweren Beschießung war: eine Keksschachtel zerschlagen und ein Mannschaftshemd, welches zum Trocknen gehangen hatte, zerrissen.

Und dazu unter anderem Einundfünfzig- bis Dreißigeinhalb-Zentimeter-Geschosse.

Durch eine der dünnen Panzerkuppeln war eine schwere Granate glatt durchgeschlagen und war als Blindgänger friedlich auf den Eisenplatten neben dem Geschütz liegengeblieben.

Nun löste sich auch das Rätsel unseres eigenen Schusses: Unsere Geschütze hatten eigentlich nur eine Reichweite von hundertsechzig = hundert. Aber da war die Bedienung dabeigegangen und hatte es mit unendlichen Mühen fertig gebracht, daß das Geschütz einige Sechzehntel Grade höher gerichtet wurde und dadurch wieder zwei- bis dreihundert Meter weiter schießen konnte.

Und, das Geschützrohr in höchster Erhöhung fertig geladen, hatte die wackere Besatzung und ihr tapferer Batterieführer, Oberleutnant zur See Haßhagen, trotz des furchtbaren Granatfeuers ruhig am Geschützrohr ausgeharrt, bis endlich eines der Schiffe in Reichweite kam.

Und der erste Schuß, der saß gleich!

Und das schönste war: er traf den Richtigen.

Schade, daß beim zweiten Schuß der „Triumph” schon so weit weggelaufen war, sonst hätte ihn schon an diesem Tage sein Schicksal ereilt.

Aber er entging ihm nicht!

Und was wir nicht mehr vollbringen konnten, hat einige Monate später unser Hersing ausgeführt. Im Frühjahr Neunzehnhundertfünfzehn hat er uns Tsingtauer gerächt, als er mit seinem U-Boot vor den Dardanellen denselben „Triumph” auf den Meeresboden hinabsandte.

Wir Tsingtauer wissen ihm dafür Dank!

Mit den Offizieren und der Besatzung des Forts Hu-Chuin-Huk verband mich ein besonders inniges Verhältnis.

Von Rechts wegen gehörte ich überhaupt zu ihnen, denn erstens grenzte mein Flugplatz an das Fort, und zweitens waren sie jedesmal Zeugen meiner Starts und vor allen Dingen meiner Bemühungen, von ihren Kanonen frei zu kommen. Und mehr als einmal standen die Leute klar, um ins Wasser zu springen und mich zu retten, da sie glaubten, ich stürze mit dem Flugzeug hinein.

Und so oft ich Gast des hervorragenden Fortkommandanten, Kapitänleutnants Kopp, war, malten wir uns in den schönsten Farben unseren Einzug in Deutschland nach beendetem Kriege aus, und da wurde selbstverständlich ausgemacht, daß ich mit bei der Besatzung vom Fort Hu-Chuin-Huk marschierte.

Am siebzehnten Oktober spät abends stand eine Gruppe von Offizieren in atemloser Spannung auf dem Küstenkommandeurstand. Wir wenigen hier oben wußten, worum es sich handle. Das alte TorpedobootS90, Kommandant Kapitänleutnant Brunner, sollte auslaufen.

Schon zwei Abende vorher war er zu kühner Nachtfahrt in See gegangen und hatte dort, von wo aus die japanischen Schiffe uns beschossen, Minen gestreut.

Heute sollte er nun seine schwerste und letzte Aufgabe erfüllen: die Linie der feindlichen Torpedoboots-Zerstörer durchbrechen und eins der feindlichen Schiffe angreifen.

Es war eine helle Nacht, und der Mond ging gegen zehn Uhr unter. Nun sollte das Boot auslaufen.

Es wurde zehn Uhr, zehn Uhr dreißig, die Spannung wuchs unerträglich. Nichts vonS90 war zu sehen.

Da — um elf Uhr gewahrten wir einen langen, grauen Schatten, welcher sich vorsichtig auf dem Wasser unterhalb des Perlgebirges dahinbewegte. Und bald erkannte auch das scharfe Seemannsauge die Formen des Torpedobootes.

„Glückliche Fahrt, ihr wackeren Leute!”

Unser aller Herzen sandten ihnen die heißesten Wünsche nach. Nun verschwand das Boot unseren Blicken, und bald kam der gefährliche Moment, wo es die feindliche Zerstörerlinie durchbrechen würde.

Gebannt starrten unsere Augen nach dem offenen Meere, jeden Augenblick das Aufblitzen der Scheinwerfer und das Mündungsfeuer der feindlichen Geschütze erwartend.

Alles blieb still.

Es wurde zwölf Uhr, endlich zwölf Uhr dreißig, ein Alp wich von uns allen. Die feindlichen Zerstörer hatten nichts gemerkt. Nun mußte aber das Boot am feindlichen Gros heran sein!

Die Minuten wurden uns zu Stunden. Keiner wagte zu sprechen.

Da plötzlich um ein Uhr, ganz fern im Süden, draußen auf weiter See, eine riesige Feuersäule und dann von allen Seiten tastende, grelle Finger von Scheinwerfern, und ganz leise kam nach einiger Zeit ein dumpfes Grollen und Beben zu uns herüber.

Hurra! Das warS90's Arbeit!

Und schon um ein Uhr dreißig hatten wir folgenden Funkspruch in der Hand:

„Habe feindlichen Kreuzer mit drei Torpedos angegriffen, alle Torpedos getroffen. Kreuzer ist sofort in die Luft geflogen. Ich werde von feindlichen Zerstörer-Flottillen gejagt, Rückweg nach Tsingtau abgeschnitten, versuche nach Südenzu entkommen und sprenge, wenn nötig, das Boot in die Luft. Unterschrift: Brunner.”

Dieses Telegramm allein dürfte wohl für den Kommandanten, seine Offiziere und Besatzung genug sprechen.

Wenige Wochen drauf, ohne vorher daran gedacht zu haben, traf ich in Nanking dieS90-Besatzung wieder. Doch das ist eine spätere Geschichte.

Die Belagerung nahm ihren planmäßigen Fortgang. Immer näher gruben sich die Japaner an uns heran, immer mehr schwere Geschütze hatten sie in Stellung gebracht, und mehrere Male hatten größere japanische Infanteriemassen nächtliche Sturmversuche auf unsere Infanteriewerke gemacht, wobei sie allerdings gründlich abgeschlagen wurden. Nun wurden die Infanteriewerke und besonders die davor liegenden Drahtverhaue unter einem ständigen feindlichen Artilleriefeuer gehalten, und auch unsere Geschütze schwiegen kaum noch. Leider waren wir gezwungen, mit der wenigen Munition, die wir besaßen, sparsam umzugehen.

Die außerordentliche Länge der Belagerung, das dauernde Artilleriefeuer und die furchtbare Spannung, in der wir lebten, fing allmählich an zu wirken.

Auch meine Nerven begannen zu streiken.

Zum Essen konnte ich mich kaum noch zwingen, und schlafen konnte ich bald überhaupt nicht mehr. Wenn ich nachts die Augen schloß, dann hatte ich sofort im Geiste meine Karte vor mir und sah unter mir das Schutzgebiet liegen, zerrissen von den feindlichen Gräben und Stellungen. Und dazu brummte mir der Kopf und sausten mir die Ohren von dem Radau des Propellers, und dazwischen hörte ich immer wieder die Worte des Chefs des Stabes:

„Plüschow, denken Sie daran, daß Sie jetzt für Tsingtau wichtiger sind als das tägliche Brot! Kommen Sie mir ja zurück und halten Sie das Flugzeug heil! Und dann denken Sie daran, wie wenige Granaten wir haben, und daß wir sie auf Ihre Beobachtungen hin verschießen. Seien Sie sich der Verantwortung bewußt!”

Ja, weiß Gott, das war ich mir!

Und ich hatte nichts mehr weiter im Kopfe als die feindlichen Stellungen, und stundenlang überkreuzte ich sie im Geiste immer wieder und ging mit mir zu Rate, ob ich das, was ich gemeldet, wirklich gesehen, ob ich mich nicht vielleicht getäuscht hätte, und ob nicht dadurch die wenigen Granaten, die wir besaßen, durch meine Schuld nutzlos verschossen wurden.

Und wenn ich dann mein Hirn stundenlang zermartert hatte, schlief ich manchmal gegen drei Uhr morgens, an Geist und Körper zerschlagen, ein. Und kaum, daß ich eingeschlafen war, da kam die Pflicht, und mein Monteur stand vor mir und meldete mir mein Flugzeug klar.

Da gab's dann kein Zögern mehr.

Und bald stand ich an meiner Taube und prüfte alle Teile noch einmal genau.

Oft wollten mir dann meine Nerven noch schnell einen Streich spielen, und auch mein Magen klappte zusammen.

Aber wenn ich erst auf meinem Führersitz saß, den Gashebel in der Hand hatte und meinen Leuten mit dem Kopfe ein Lebewohl zugenickthatte, dann gab's nur eins für mich: Ruhe und den eisernen Willen, meinen Auftrag auszuführen.

Und wenn erst der Start hinter mir und ich glücklich einige hundert Meter hoch war, dann war alles wieder in schönster Ordnung.

Eins kam hinzu, was mich besonders niederdrückte: das war die furchtbare Einsamkeit, das ewige Alleinsein in meinem Flugzeug. Ja, hätte ich einen Kameraden mit mir gehabt, und wäre es auch nur gewesen, um ihm ab und zu zunicken zu können, das würde für mich eine wahre Erleichterung gewesen sein.

Und wenn ich mehrere Tage des schlechten Wetters oder meines Propellers wegen nicht hatte fliegen können und wieder über den feindlichen Linien schwebte, dann hatte sich so furchtbar viel verändert.

Eine wahre Verzweiflung packte mich dann oft in der Luft.

Wo sollte ich bei dem vielen Neuen, das es da unten gab, bloß anfangen? Wie sollte ich mich aus dem Gewirr von Gräben, Zickzacks und Stellungen herausfinden? Ganz mutlos ließ ich dann die Karte sinken.

Aber das waren nur Sekunden.

Dann raffte ich mich zusammen, nahm meinen Bleistift zur Hand und sah nach unten. Und bald darauf hörte und merkte ich nichts mehr um mich herum und sah nur noch den Feind und meine Aufzeichnungen.

Der siebenundzwanzigste Oktober war für uns ein Jubeltag. Da traf von Seiner Majestät dem Kaiser folgendes Telegramm ein:

„Mit Mir blickt das gesamte deutsche Volk voll Stolz auf die Helden von Tsingtau, die getreu den Worten ihres Gouverneurs ihre Pflicht erfüllen. Seien Sie alle Meines Dankes sich bewußt!”

Da gab es wohl keinen in Tsingtau, dem das Herz nicht höher schlug. Unser Oberster Kriegsherr, der zu Hause so schwer zu arbeiten hatte, vergaß seine getreue kleine Schar hier im fernen Osten nicht.

Da gelobte sich wohl ein jeder in seinem Innersten nochmals, so zu kämpfen und seine Pflicht bis zum letzten zu tun, daß sein Kaiser mit ihm zufrieden sein könnte.

Bald rückte der einunddreißigste Oktober, der Geburtstag des Mikado, heran. Durch Kundschafter hatten wir erfahren, daß die Japaner an diesem Tage Tsingtau bestimmt nehmen wollten. Den Tag zu beschreiben ist unmöglich.

Die Japaner hatten bis zu dieser Nacht ihre sämtlichen Landbatterien fertig gebaut, und in der Frühe um sechs Uhr dieses einunddreißigsten Oktober Neunzehnhundertvierzehn donnerten auf einmal von Land und See sämtliche feindlichen Geschütze und warfen ihren furchtbaren Eisenhagel auf uns herab.

Als erstes schossen die Japse die Petroleumtanks in Brand, und bei dem herrlichen blauenHimmel mit vollkommener Windstille stand die riesige, dicke Qualmsäule wie ein drohendes Rachezeichen aufrecht da. Die Japaner schossen von Land in erster Linie mit schweren Haubitzen bis zum Achtundzwanzig-Zentimeter-Kaliber hinauf, und von See krachten die schwersten Schiffsgeschütze. Das Fauchen und Herabsausen der Haubitzgeschosse, das Zischen der Flachbahngeschosse, das Aufschlagen der Granaten und Sprenggranaten und die Detonation beim Krepieren, dann das Bellen der zerplatzten Schrapnells und das Dröhnen unserer eigenen schweren Geschütze — das war ein Lärm, als ob die Hölle selbst losgelassen wäre.

Und wie wurden die Werke und all das in der Nähe liegende Gelände mitgenommen! Ganze Bergkuppen wurden abgetragen, tiefe Krater ausgestampft.

Endlich kam der Abend, und die Heftigkeit des feindlichen Feuers ließ nach. Wir sowohl wie der Feind glaubten bestimmt, daß unsere sämtlichen Werke niedergekämpft seien, denn sie glichen zum Teil nur noch Trümmerhaufen. Aber als unsere braven blauen Jungens an ihre Kanonen eilten, die zum Teil aus Erd- und Steinmassen förmlich herausgegraben werden mußten, fanden sie fast sämtliche Geschütze noch heil oder nur gering beschädigt.

Da fingen plötzlich mitten in der Nacht, als wir hören und sehen konnten, wie die feindlichen Sturmkolonnen sich sammelten, unsere sämtlichen Eisenschlündean zu feuern und überschütteten die feindlichen Batterien und die heranrückenden Feinde mit ihrem vernichtenden Feuer. Die Wirkung dieser Beschießung muß für die Japaner verheerend gewesen sein.

Es erfolgte kein Sturm, wie beabsichtigt, und am nächsten Tage setzte das feindliche Artilleriefeuer erst gegen Mittag sehr flau wieder ein. Allerdings war es noch so kräftig, daß das kleine Fort Hu-Chuin-Huk allein fünfzig Volltreffer aus schwersten Haubitzen erhielt.

Die Japaner zogen aus dieser Nacht ihre Lehren. Und acht furchtbare Tage und Nächte folgten für uns, an denen das feindliche Artilleriefeuer auch keine Minute mehr stockte.

Bei diesem furchtbaren Feuer hätte nach menschlicher Berechnung kein Einziger von uns am Leben bleiben dürfen. Aber wie durch ein Wunder blieben unsere Menschenverluste gering. Die japanische Artillerie schoß vorzüglich, was auch nicht überraschte, da ein Teil ihrer Artillerieoffiziere bei uns in Jüterbog auf Schießschule gewesen war. Aber ihre Munition war schauderhaft. Und das war unser Glück.

Trotz des starken Feuers und der schweren Steilfeuergeschütze ist es ihnen keinmal gelungen, eine Kasematte, einen der bombensicheren Räume oder ein Infanteriewerk zu durchschlagen. Dieses und eine enorme Anzahl von Blindgängern war der Grund unserer geringen Verluste. UnddenNörglern in Deutschland, die ich leider getroffenhabe, die meinten, der geringen Verlustzahl wegen wäre Tsingtau nichts Rechtes gewesen, möchte ich eines vor Augen halten: Wir hatten nur eine Verteidigungslinie mit fünf kleinen Infanteriewerken, einer Brustwehr und einem kümmerlichen, schmalen Drahthindernis.

Und diese Linie war sechstausend Meter lang und wurde von dreitausend Mann gehalten. Eine zweite Stellung und eine zweite Linie, und vor allen Dingen Menschen, die diese hätten besetzen können, gab es nicht mehr, denn wir waren ja im ganzen nur etwas über viertausend Mann!

Und als daher nach diesem achttägigen, schwersten Artilleriefeuer das Drahthindernis weggeblasen war und die Brustwehr weggeschossen, da war es den dreißigtausend Japanern, denen wir wochenlang standgehalten hatten, ein leichtes, durchzustoßen und Tsingtau zur Übergabe zu zwingen.

In den ersten Tagen des November bereiteten wir uns auf den Endkampf vor.

Am ersten November nachts wurde unser treuer Bundesgenosse, der österreichische Kreuzer „Kaiserin Elisabeth”, nachdem er seine letzte Granate verschossen hatte, von seiner wackeren Besatzung in die Luft gesprengt und versenkt.

Einige Tage darauf folgte ihm unser letztes Schiff: das tapfere kleine Kanonenboot „Jaguar”.

Dann folgten unser Dock und unser Riesenkran, und bald darauf war die Werft ein Trümmerhaufen.

Unsere Geschütze hatten sich verschossen, einige waren durch das feindliche Artilleriefeuer vernichtet, die meisten sprengten wir selbst in die Luft, nachdem sie ihre Pflicht erfüllt hatten.

Am fünften November Neunzehnhundertvierzehn mußte auch ich ans Zerstören gehen, und zwar galt es diesmal meinem Doppeldecker. Durch mühsamste Arbeit hatte ich mit Hilfe des früheren österreichischen Fliegerleutnants Clobuczar und der Werft einen wundervollen, großen Wasserdoppeldecker gebaut. Dieser war nun fertig geworden, und ich wollte ihn jetzt einfliegen und mit ihm meine Erkundungen fortsetzen, da ich meinen Landflugplatz, der, nur vier- bis fünftausend Meter vom Feinde entfernt, von diesem dauernd unter Artilleriefeuer gehalten wurde, nicht mehr benutzen konnte.

Nun wurde doch nichts mehr aus meinem Doppeldecker.

All unsere Arbeit und Mühe war leider vergebens gewesen.

Dann am Nachmittage, da stand ich vor meinem Gouverneur, und er sagte zu mir:

„Wir erwarten stündlich den Hauptsturm der Japaner! Sehen Sie zu, daß es Ihnen gelingt, morgen früh die Festung auf Ihrem Flugzeuge zu verlassen. Ich fürchte allerdings, der Japaner wird Ihnen keine Zeit mehr dazu lassen.

Und nun, Gott befohlen, und kommen Sie gut durch. Und haben Sie Dank für die Arbeit, die Sie für Tsingtau leisteten!”

Und damit gab er mir die Hand.

„Ich melde mich gehorsamst aus der Festung!”

Damit war ich entlassen.

Und nun folgte ein kurzes Abschiednehmen von meinen Vorgesetzten und Kameraden, und ein großer Stoß Privatbriefe wurde mir mitgegeben.

Dann ging ich zum letzten Male in meine Villa und nahm Abschied von meinen Räumen, von vielen liebgewordenen Gegenständen, machte meine Stalltür auf und ließ mein Pferdchen und meine Hühner laufen, und dann ging's runter zu meinem Flugzeug, um es zu seinem letzten Fluge klarzumachen.

Dann saß ich über meine Karte gebeugt, lernte sie fast auswendig und rechnete und rechnete.

Und dann ging ich nachts hinauf zum letztenmal zu der Punkt-Kuppe, wo mein guter Freund, der Oberleutnant zur See Aye, seit Wochen trotz schwersten Artilleriefeuers bei seiner kleinen Batterie ausharrte, und von wo aus man einen herrlichen Ausblick über ganz Tsingtau und das gesamte Vorgelände hatte. Überwältigt von dem Anblick, der sich hier bot, blieb ich lange Zeit wie gebannt auf der höchsten Felsspitze sitzen. Unter mir wogte ein züngelndes Heer greller Blitze, die von den Mündungsfeuern der wütend hämmernden feindlichen Geschütze herrührten; und wie ein goldenes Band zog sich von Meer zu Meer das Gewehr- und Maschinengewehrfeuer, welches unsere Leute dort unten im Tale abgaben. Dicht über meinem Kopfe da war einFauchen, Zischen und Sausen von Tausenden der schwersten Geschosse, welche ganz dicht über diese Kuppe hinwegfegen mußten, damit sie ihr Ziel noch erreichen konnten. Hinter mir dröhnten unsere eigenen Haubitzen ihre allerletzten Grüße herüber, und von ganz weither, vom letzten Südzipfel Tsingtaus, grollten die Einundzwanzig-Zentimeter des Forts Hsiauniwa ihren ehernen Schwanengesang.

Zerwühlt im Innersten meiner Seele kehrte ich zu Aye zurück, und nach einem herzlichen kameradschaftlichen Abschiede, bei dem er mir zu meinem kommenden Fluge alles Gute wünschte, drückten wir uns kräftig die Hand und trennten uns.

Ich war der letzte Offizier in Tsingtau, der ihm die Hand geschüttelt hat. Wenige Stunden später fiel er in heldenmütigem Kampfe gegen dreißigfache japanische Übermacht samt seiner kleinen Schar, als sie die Geschütze nicht übergeben wollten.

Ein leuchtendes Beispiel edlen Heldentums.

Die mir jetzt noch bleibende Zeit blieb ich mit meinen vier braven Leuten bei meinem Flugzeuge klar stehen, um jeden Augenblick, falls die Japaner stürmen und durchstoßen würden, meinen Auftrag ausführen zu können.

Am sechsten November Neunzehnhundertvierzehn frühmorgens, als der Mond noch hell schien, stand mein Flugzeug klar am Start, und vergnügt brummte der Propeller sein Morgenlied.

Zeit war nicht mehr zu verlieren. Der Platzwar dadurch, daß er von den Japsen unter Granat- und Schrapnellfeuer gehalten wurde, höllisch ungemütlich geworden. Kurz prüfte ich nochmals meine ganze Maschine, dann gab's noch einen kräftigen Händedruck meiner vier braven Leute zum Abschied, und noch einmal streichelte ich den Kopf meines treuen Hundes, dann gab ich Vollgas, und wie ein Pfeil schoß die Taube in die Nacht hinaus.

Da plötzlich, als ich eben dreißig Meter hoch und etwa über der Mitte des Platzes war, erhielt mein Flugzeug einen furchtbaren Stoß, und nur mit eiserner Faust konnte ich die Maschine zur Ruhe zwingen und vor dem Absturz bewahren. Eine feindliche Granate war gerade unter mir krepiert, und der Luftdruck der Detonation hätte mich beinahe zu Boden geschleudert.

Aber gottlob! Außer einem faustgroßen Loch, das ein Granatsplitter in meine linke Tragfläche gerissen hatte, war kein Schaden angerichtet.

Nun kamen nur noch die üblichen Schrapnells hinter mir her. Das waren die letzten Abschiedsgrüße der Japaner und ihrer englischen Bundesbrüder für mich.

Als ich hoch genug war, drehte ich noch einmal um.

Da lag das liebe, kleine Tsingtau, das so viel durchgemacht und so viel noch auszuhalten hatte, unsere geliebte zweite Heimat, das Paradies auf Erden!

Bis in meine einsame Höhe drang das Dröhnender Geschütze, das Krachen der Granaten und das Knattern der Gewehre und Maschinengewehre.

Ein unendliches Meer von aufzuckenden Blitzen ließ deutlich die beiden Kampflinien erkennen. Das alles waren die Anzeichen des begonnenen Sturmangriffes und der verzweifelten Gegenwehr.

Ob wir diesen dritten Sturmangriff auch noch aushalten würden?

Mit der Hand winkte ich nach unten. Lebwohl, Tsingtau! Lebt wohl, ihr treuen Kameraden, die ihr dort unten kämpft!

So unendlich schwer wurde mir dieser Abschied, es würgte mir etwas in der Kehle, und schnell riß ich mein Flugzeug herum und nahm Kurs auf Kap Jäschke.

Und als die Sonne in all ihrer Pracht aufging, schwebte ich schon hoch oben im blauen Äther und über südlich liegenden wilden Gebirgen.

Der modernste „Blockadebruch” war mir gelungen!

Hinter dem Perlgebirge lag die feindliche Flotte vor Anker. Da konnte ich's mir nicht versagen. Ich umkreiste die Schiffe noch einmal.

Dann ging es weiter und immer weiter mit fast geradem Kurs dem südlichen China zu, einem unbekannten Lande und einem ungewissen Schicksal entgegen. Ich kam über zerklüftete, wilde Gebirge, über Flüsse und weite Ebenen, dann zeitweise über das offene Meer und über Städte und Dörfer.

Nach einer handgroßen Karte und meinem Kompaß orientierte ich mich. Und schon um acht Uhr früh hatte ich die zweihundertfünfzig Kilometer hinter mir und mich glücklich nach meinem Bestimmungsort Hai-Dschou in der Kiangsu-Provinz zurechtgefunden.

Suchend spähte ich in die Tiefe nach einem geeigneten Landungsplatz. Doch damit sah es bös aus.

Durch die furchtbaren Regengüsse der letzten Zeit war das Land weit und breit überschwemmt. Die einzigen trockenen Fleckchen waren mit Häusern oder chinesischen Grabhügeln bedeckt. Endlich hatte ich ein kleines, etwa zweihundert Meter langes und zwanzig Meter breites Feld entdeckt, das aber auf beiden Seiten von tiefen Gräben und hohen Mauern, vorn und hinten vom Fluß eingeschlossen war.

Die Landung war verdammt schwer.

Aber was half es, ewig oben bleiben konnte ich doch nicht. Außerdem befand ich mich ja mitten in China und nicht in Deutschland und war froh, überhaupt noch diesen Platz gefunden zu haben.

Jetzt ging ich hinunter in großen Spiralen, und nach einem steilen Gleitfluge, bei dem die Maschine infolge der erhitzten Luft schwer durchsackte, stand ich um acht Uhr fünfundvierzig Minuten früh mitten auf dem morastigen Reisfeld.

Der Lehm war aber so weich und zäh, daß mein Fahrgestell glatt versank und die Räder festgehalten wurden; und mit einem mächtigen Stoß sauste meine Maschine auf die Nase, sich im letzten Moment beinahe noch überschlagend.

Der Propeller flog in Stücke, aber meine Glieder waren trotz des Stoßes Gott sei Dank heil geblieben.

Die Ruhe jetzt um mich herum berührte mich ganz eigenartig. Seit Wochen endlich wieder kein Dröhnen der Geschütze, kein Krachen krepierender Granaten, kein Fauchen und Bellen zerplatzender Schrapnells.

Mit dem Schwänzchen hoch in der Luft und dem Schnabel tief im Dreck stand friedlich und ruhig mein Täubchen im Sonnenschein.

In weiter Entfernung drängten sich Haufen von Chinesen: Männer, Weiber und viele, viele Kinder, in angsterfülltem Staunen.

Sie alle, wie auch alle anderen Chinesen, deren Land ich überflogen hatte, konnten das Wunderkaum fassen, denn ich war ja der erste Flieger hier, und alle dachten, der böse Geist käme in eigenster Person, um nun Unheil zu stiften.

Als ich gar aus meiner Maschine kletterte und versuchte, einige Menschen heranzuwinken, war kein Halten mehr. Schreiend und heulend lief alles davon, die Männer voran, ihre hingefallenen Kinder nach ihrer Meinung dem Teufel als Opfer zurücklassend. Wirklich, mein Erscheinen könnte im dunkelsten Afrika keinen größeren Schrecken hervorgerufen haben.

Kurz entschlossen lief ich hinter der Horde her und griff mir drei, vier Chinesen bei ihren Zöpfen und schleppte die Heulenden an mein Flugzeug heran, um ihnen zu zeigen, daß der große Vogel keinem was täte.

Nach einiger Zeit half das, und als ich ihnen sogar einige Geldstücke gab, da meinten sie, es wäre doch wohl ausnahmsweise mal ein guter Geist angeschwirrt gekommen, und willig halfen sie mir, das Flugzeug wieder in horizontale Lage zu bringen. Als die anderen das merkten, da kamen sie gleich in solchen Massen, daß ich mich wunderte, daß die Maschine nicht zerdrückt wurde.

Das Staunen der Chinesen! Das Antasten und Befühlen! Das Schnattern und Lachen!

Nur wer die Chinesen kennt und weiß, wie kindlich sie sein können, kann sich vorstellen, in welch köstlicher Situation ich mich befand.

Umtost von einer Horde Naturkinder saß ich quietschfidel in meinem Führersitz auf meinemBlechkasten mit den Geheimdokumenten, neben mir zur Sicherheit die Mauser-Pistole, und wartete der Dinge, die da kommen sollten.

Jeder Versuch, mich mit den Chinesen zu verständigen, war aussichtslos. Die Kerls grinsten fröhlich oder lachten mich einfach aus.

Aus dieser heiteren Lage befreite mich nach einiger Zeit ein kräftiges:„Good morning, Sir!”und neben mir stand ein Herr, der sich alsDr.Morgan von der Amerikanischen Mission vorstellte. Nach herzlicher Begrüßung und festem Händedruck klärte ichDr.Morgan schnell über meine Lage auf und bat ihn, besonders da er fließend Chinesisch sprach, um seine Hilfe.

Ich merkte bald, daß ich mich in gutem und sicherem Schutz befand.

Mein riesiger chinesischer Paß, den ich aus Tsingtau mitbekommen hatte, wurde sofort zum Mandarin geschickt; nach einer Stunde kam ein Trupp von vierzig Soldaten aus der nur zehn Minuten entfernt gelegenen Kaserne und wurde zur Bewachung um mein Flugzeug aufgestellt.

Jetzt nahm ich die EinladungDr.Morgans zum Frühstück gern an, und mit allen Sachen, die nicht niet- und nagelfest waren, zog ich mit ihm zur Mission.

Ich wurde hier aufs reizendste aufgenommen und lernte Frau Morgan, ferner Frau Rice, die Gattin des amerikanischen Missionars, und einen Herrn G. kennen, die sich alle auf das liebenswürdigste um mich bemühten.

Ich saß gerade beim Frühstück, als mir ein chinesischer Offizier gemeldet wurde, der mir sagte, daß eine Ehrenwache von einer Kompagnie für mich vor dem Hause aufgezogen wäre, und daß er Befehl hätte von seinem Mandarin, sich nach meinen Wünschen und meinem Wohlbefinden zu erkundigen, und endlich, daß der Mandarin selbst in einer halben Stunde seinen Besuch persönlich bei mir abstatten würde.

Ich war erfreut über so viel Aufmerksamkeit.

Bereits nach zehn Minuten kam wiederum Besuch, und diesmal waren es die Stadtoberhäupter von Hai-Dschou, die mir ihre Grüße überbringen wollten.

Die Situation war einzig. Ich saß inmitten dieser alten, ehrwürdigen Chinesen, nachdem vorher unendlich viele tiefe Verbeugungen unter Gemurmel und Gezisch ausgetauscht waren. Die Unterhaltung wurde bald recht lebhaft. Als Dolmetscher arbeitete dabei Herr Morgan.

Und nun ging das Gefrage los: Woher ich käme, wie es in Tsingtau aussähe, ob eswirklichwahr sei, daß ich durch die Luft gekommen, wie lange ich gebraucht hätte, und was für ein Zauber es erwirkt hätte, daß ich fliegen könne. All die vielen Fragen ließen sich kaum beantworten, und trotzdem der Dolmetscher sich die größte Mühe gab, viel verstanden haben die guten Söhne des Landes der Mitte nicht.


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