Isch un duMir hawwe uns so gernun leck’st de misch bei Dag am Arschda brauchst de kei Laddern.
Isch un du
Mir hawwe uns so gern
un leck’st de misch bei Dag am Arsch
da brauchst de kei Laddern.
Sie stand auf dem Sims, wusch mitPetroleum das Lambris, wusch das Fenster. Sie zog ein Spinnweb aus der Ecke. Sie kehrte die Asche der Zigarren am Boden zusammen, unter der Heizung jagte sie Flocken, putztedas Messing der Klinken. Immer ein freier Raum um sie. Immer der fremde Gesang. Die Männer kaum sichtbar in dem Qualm:
Isch un dumir hawwe uns so gernun leck’st de misch bei Nacht am Arschda scheine der die Schdern.
Isch un du
mir hawwe uns so gern
un leck’st de misch bei Nacht am Arsch
da scheine der die Schdern.
Sie ging auf den Zehen an das Bett des Geistlichen. Sein Auge sah starr, gebrochen vor Melancholie in die Ecke. Er spürte nichts wie die Vernichtung. Hier Ende seines Lebens. Aufgezogen von einer schönen Frau, seiner Mutter, hier nun verfaulen. Unmöglich zu fassen, das konnte nicht sein, seine guten Glieder . . . dieser Mund, der schöne und tapfere Dinge sagte . . . wenn Gott war, so war dies unbegreiflich . . . ein schwaches Lächeln — er glaubte es nicht — . . . als die Lippen anschwollen, starrte er vor sich hin. Fassungslos dies große Ungeheure vor sich, sein Geist zu enge Öffnung, als daß so Maßloses sich in ihn schon so rasch ergösse. Zu klein sein Hirn für solchen ungeahnten Gott. Acht Tage lag er steif. Dann fraß ihn das Neue, indem es ihn an sich gewöhnte. Da gab er sich Wochen der Wut und der Anklage. Der Ausschnitt seines Zimmers, das Stück kümmerliche Landschaft ward ihm die Welt. Der Mond, entsetzlich aufsteigend . . . er würde ihn nie mehr sehen von anderemOrt, die Blumengerüche, der Dampf der regenbeschwerten Erde . . . ein Bauernmädchen, das vorbeiging . . . nichts zu halten, in die Ferne gerückt, nie zu berühren und zu haben . . . welches Schicksal. An das Fenster treten, dies alles inbrünstig sehen, nie haben werden, mit aller Wildheit begehren, kein Gott, der es ihm in die Hände geben würde . . . warum diese Grausamkeit . . . warum ihm . . . — — Jahre stiegen auf in dem Fensterbogen, entfalteten sich, zeigten jede Sekunde mit einer Eindringlichkeit, die die Augen schmerzte . . . Spiele der Jugend . . . eine schmale Frau trat an sein Bett, ein Garten abends . . . er hielt es nicht mehr . . . schrie. Daisy kam, stellte Wasser neben ihn, rückte einen Stuhl zurecht, legte Bücher darauf — und ging. Er folgte ihr mit dem Blick, bog ihn zu dem Fenster. Da stand seine Jugend. Wie war es zu tragen . . . Nun litt er mit geschlossenem Gesicht. Als der Pendel durchschwang, der Kern des Leides durchlitten war, löste es sich in schmerzliche Seligkeit, er begann beim Abebben des Zorns eines Nachts zu weinen. Hell wie ein Kind. Das ganze Haus hörte ihn. Nach Wochen sagte er zu Daisy: „Wenn ich begreife, daß ein Körper wie meiner verfault — — wie soll ich fassen, daß Sie in einer Arbeit wie dieser leben können.“ Da sah er ihren Blick zum erstenmal, der mehr Abgeschlossenes hatte mit den Dingen wie der seine, fuhr hoch. „Was wundert Sie?“ fragte Daisy.Da begann sein Blick an ihrem sich zu erstaunen und zu kräftigen. Ihm schien Sterben nicht mehr schwer von dieser Sekunde. Sein Auge folgte dieser Schwester, wo es sie sah.
Der Arzt nahm sie mit in sein Kabinett: „Sie werden mir operieren helfen. Sie sind ohne Laune, ruhig.“ Die große Schwester haßte sie von diesem Tag. Sie hetzte einen Saal auf. Nachts auf dem Korridor umarmte sie einer von hinten, fiel unter ihrer Parade schreiend zurück. Licht fiel auf sein Gesicht: „Ich sage es diesmal nicht dem Arzt.“ Er verkroch sich. Auf diesen Mann konnte sie sich verlassen von nun ab, unbedingt.
Sie hatte das Zimmer über dem Operationsraum, eine Glaswand trennte diesen in Manneshöhe von ihr. Sie sah nachts einen Schatten, der die Instrumente beschmutzte und zerwühlte. Sie stand früh auf und ordnete es wie neu.
Es kam eine alte Frau, saß an dem Bett des Fiebernden: „Ist das mein Sohn?“
„Ihr Sohn.“
„Das ist ungeheuerlich.“
Der Kloß verdrehte die Augen, flüsterte, schlug die roten Deckel zurück, die, ohne Lider, nur im engen Schlitz sich noch öffneten. „Das ist ungeheuerlich. Das ist nicht mein Sohn. Das soll ein Mensch sein . . . Warum erschlägt man das nicht. Ist das GottesGüte? . . . Mein Sohn, den ich auf die Steuerschule schickte . . .“
„Haben Sie den Mut, es leicht zu nehmen.“
„Sind sie wahnsinnig, Schwester?“
„So haben sie — zum mindesten — soviel Liebe, tapfer zu sein.“ Die Frau blieb starr unter dieser plötzlich harten Stimme, neigte den Kopf. Daisy legte ein nasses Tuch auf die Augen des Kranken, wischte sie aus und ging. Sie ging durch den Flur. Auf der Schwelle saßen Zwei und droschen Karten: „Mitspielen . . .“ Verschmitzte Gesichter. Sie lachte hell: „Ihr Dorsche . . .“ Tief befriedigt brüllten die Zwei in sich hinein. Im Garten der Frühling. Grün überall leuchtend . . . Eine Amsel schlug an, hob den silbernen Lauf und bog ihn elegisch in die Höhe. Daisy wiederholte. Die Amsel pfiff die Läufe zarter und inniger zurück.
Die Uhr schlug. In einem weißen Zimmer allein stand eine Wanne. Der Zigeuner darin schlief, die Arme auf den Rändern aufgestützt. Sie band das Wachstuch weg, legte eine Glocke mit einem Rohr in das Wasser, sog an dem Schlauch, hing das Ende in einen Eimer, ließ Eimer auf Eimer heraus. Dann wusch sie mit Spiritus und Watte den Körper ab, immer im Bogen um die offenen Stellen. Sie nahm die Füße, rieb sie mit Äther aus und gab gelbe Vaseline darauf. Sie waren im Wasser wie Hirne geworden, weiß, tief gefurcht. Dann trug sie die Eimer heißes Wasser in die Wanne.
Der Kranke ließ seinen Urin hinein.
Sie setzte die Glocke an, leerte aus, goß wieder neues Wasser ein. Eine Stunde. Der Kranke sah zu, folgte jeder ihrer Bewegungen katzenhaft. Ein Pfarrer kam, wandte sich zu ihm, allein er schloß die Augen, als schlafe er. Als Daisy fertig war, grinste er und gab seinen Darm in das frische Wasser; Daisy sog das Wasser heraus, gab wieder neues zu. Wohltätiger Besuch kam aus der Stadt. Der Zigeuner zog das Wachstuch weg und zeigte, um zu größeren Geschenken zu rühren, seinen zerfleischten Körper. Die Dame schluckte, übergab sich noch im Zimmer und eilte hinaus. Daisy zog das Erbrochene auf, der Zigeuner warf wütende Blicke.
„Sie mißt mich falsch“, sagte er dem Arzt.
„So . . .“, sagte er und zog den Mund herunter. Der Zigeuner sah zur Seite.
„Scheißen“, rief er. Sie ließ das Wasser aus, zog den Gummiring unter ihm weg, schob den Stechnapf hinein. Es war eine Lüge. Sie gab ihm neues Wasser.
Er ließ den Arzt holen. Sie petze ihn . . . „Du Schwein“, sagte der Arzt und schlug ihn aufs Ohr. Zwei Tage darauf vertraute er der großen Schwester an, indem er weinte und sie zu Fragen zwang, er sei traurig, Daisy speise ihm sein Essen. Sie meldete es, der Pflicht folgend, dem Arzt. „Wie können Sie . . .?“Sie sagte gegen sein Brausen: „Das Statut.“ Der Arzt untersuchte und gab dem Zigeuner wegen Verleumdung einen Tag Hunger. An diesem Tag speiste ihn Daisy mit ihrem Essen. Bei der Morgenvisite zeigte er es an. Seine Stimme lauerte auf den Verweis. Der Arzt tat ihm nicht den Gefallen, sondern bestrafte die Bosheit mit zwei Tage Hunger. „Es wird durchgeführt.“ Ein Blick in die Runde. Die Tür fiel zu.
Daisy folgte, setzte sich für ihn ein: „Warum?“ Zwei Brillengläser funkelten sie an. Sie lehnte an den Tisch: „Er wird sein Leben im Wasser liegen. Sein Haß gegen alles andere ist natürlich. Aber — Strafe wird ihn nie bessern.“ „Nein,“ sagte der Arzt „das ist nicht meine Sache . . . aber die Autorität wird gewahrt.“ In diesen zwei Tagen ließ Daisy von Naga sich vertreten, tauschte mit ihr die Station. Sie wohnte in Nagas Zimmer. Ein Gartenbusch lehnte herein. Die Blumenterrasse dahinter schwoll herein, der Rasen roch. Morgens die Luft blau und gold, Vögel darin, die unsichtbar sangen. Im Garten Naga, in den Hüften gebeugt. Eine Eidechse lief über den Kies, grün, glatt, rollte sich über einen heißen Stein, hob die Augen, züngelte herauf, lief weiter. Naga bückte sich, huschte rasch, geschmeidig die Hand darauf, hob die Faust, aus der oben der toderschreckte Tierkopf, unten steif der Schwanz heraussah, federte den schlankenKörper herum . . . ein Gesicht fassungslos aufgegangen in der Freude. „Bleib“, sagte Daisy, ging hinauf auf ihre Station, besorgte das Nötige auf der Nagas, die hinter einem Busch saß, Wolken ansah, die aus dem Meer stiegen.
Zwei Männer kamen durch den Garten. Sie wiesen ihre Papiere. Sie kamen von einem spanischen Segler. „Scharbockabteilung. In vier Wochen kommt Ihr wieder raus.“ Naga führte sie hinauf. Sie wurden ausgekleidet, gebadet, geräuchert, frisch gekleidet. Naga überwachte es. In der Nacht wiegte ein Gemurmel, lange halb undeutlich, als striche Wind mit Bäumen. Dann schwoll die Bewegung, die Wände des Gebäudes gaben sie weiter, echoten leis, knaxten. Stimmen schwebten hindurch, mischten sich. Plötzlich sang einer heiser und laut.
Naga ging dem Geräusch nach, blitzte mit der Laterne auf leere Betten, kam durch Tür und Türen näher. Sie stand vor dem Operationssaal. Den Schlüssel vergessen abzuziehen . . . sie erbleichte. „Coño“, rief der eine Spanier und warf seinen Mantel auf den Tisch. Links lagen Flaschen auf dem Boden. Eingeschmuggelt . . . zu wenig Achtung auf ihre Mäntel . . . der Garten. Sie ging hinein, rasch, fest. Die Fenster waren geöffnet, die Bettücher hingen als Flaggen hinaus. Patienten der Lepra mit Flaschen am Mund, taumelnd, in der Hand . . . die Spanier tanzend und krähendeine Orgie . . . Naga stand stumm eine Sekunde, verzog den Mund zum Weinen und ging starr auf den Spanier zu, riß an der Flasche, da ging der Schwarze in das Knie, zupfte mit kurzen Rucken an ihrem Rock, er fiel nieder, er preßte den Kopf an ihre Knie. Entsetzt fühlte sie den Druck, schon nach der Tür . . . Geheul . . . versperrt der Ausgang. Sie sah die Leine, hing sich daran, schellte Alarm, riß die Schnur ab . . . die Patienten machten Jagd, stöhnten ihr nach . . . um den Operationstisch. — — Da schnitt eine Stimme herein. Das Licht wurde dreifach, ein Reflektor glühte aus der offenen Tür. Weit geöffnet schrie der Mund des hereinkommenden Arztes. Sie wurde ohnmächtig. Schwestern, Gehilfen drangen herein. Der Spanier ward gefesselt, ein Lepröser in die Zwangsjacke gesteckt, er schäumte. „Still hinüber“; zwei kurze Befehle: „Me caco de la puñedra y jodida alma de la grandissima puda madre qué te caco . . .“ Ein steiler Arm hob sich kurz vor Daisy, die ihn unter dem Tisch entdeckte. Hinaus . . . Einen Augenblick stand ein Kreis noch erregt plaudernd um den Arzt, der sich in Sublimat wusch. Dann gingen Türen. Als alles still war, öffnete sich leis Daisys Tür. Naga kam, schmiegte sich auf dem Bett an sie: „Ich kann nicht mehr . . .“
Es war dunkel: „Wie lange hast du Kontrakt?“
„Oktober.“
„Geh sofort.“
Doch Augen kamen ihr im Kissen entgegen, die getröstet werden wollten, gehalten, die noch nicht gehen wollten: „Aber du kannst es doch. Arbeitest du nicht wie Vier. Hast du nicht Kraft, alle Sehnsucht zu verdrängen. Hast du dazu nicht mehr gesehen, erlebt wie wir?“ Sie zog sie neben sich: „Der Wille genügt nicht. Nichts wird vom Ende aus begonnen. Geh, lebe. Kommst du nicht wieder, fandest du Gegebeneres für dein Schicksal. Kommst du wieder, ist nichts so entsetzlich, du trügest es nicht mit einem Lächeln.“ Nagas verweintes Gesicht suchte auf dem Kissen nach ihrem. Tränen an ihrem Mund. Schluchzen . . . was sollte dies Kind hier. Erst hindurch durch das andere . . . was das Leben zärtlich und schön macht. „Geh.“ Naga ging schlafen. Die Nacht darauf hatte Daisy Wache bei dem Zigeuner. Er stellte sich fiebrig, damit sie nicht zum Schlafen komme. Es klirrte im Nebenraum. Daisy ging hinein, schloß die Tür hinter sich, reichte Pakete hinaus, ein Kuß mit Tränen, die im Mund blieben. „Mut“, geflüstert ein heißes Wort zurück, kaum verständlich vor Weinen. Das Fenster geschlossen . . . zurück zu dem Zigeuner . . . auch dies vorüber. Naga würde nun fehlen. Kein Lächeln mehr im Hause sein.
Der Zigeuner fluchte. Sie lächelte, einzige Antwort. Bosheit verzerrte sein Gesicht, er klotzte wie ein Neger.Sie hatte ihn kurz verlassen . . . er beschimpfte sie. Sie hatte Unrecht, ihn eine Sekunde zu verlassen, sie nahm seinen Vorwurf hin: Du hast recht. Unbeugsam blieb ihr Mund durch seine Tücke. Er kam in Raserei, gab ihr jeden Fluch seiner Jugend. „Schlaf“, sagte sie mild. Er spie ihr in das Gesicht. „Du Armer.“ Sie setzte sich in eine Ecke. Dunkel nun im Raum, halb licht vom Morgen. Ganz allein in der Nacht ihr Wachen . . . unendliche Stille ausgegossen in ihr. Die Fenstergardinen schwankten . . . Di Contis Atem ging mit dem Wind durch den Raum. Die Liebe ging auf in ihrem Gesicht. Sie saß bis tief in den Morgen.
Die Sonne kam weiß aus dem Meer. Das Wasser ward spiegelig grau mit einem dunklen Rand. Der Sommer auf der Höhe . . . das Wasser stank faulig. Die Hitze lag kreiselnd am Himmel. Sand, Meer, Gebirge: eine Ebene erstickendster Trockenheit, von der ein giftiger Hauch am Mittag gegen das Haus fiel. Aus heißem Bett, schlaflos, fiel sie morgens, die Nerven zitternd, in den Operationsraum . . . Puls halten, Apparate reichen . . . sie hielt an einer Zange ein Bein. Zwei Finger des Arztes bohrten im Fleisch, suchten einen Knochen. Da riß der Gummi des Handschuhs.
„Äther“, schrie der Arzt.
„Hier.“ Er riß den Stöpsel ab, leerte es über die Hand, stöhnte auf.
„Jod . . .“, schrie er, die Augen quollen. „Schlafsenkel . . . Gans . . . ist das Jod?“ Schon verbanden ihn andere. Über dem Waschbecken knurrte er weiter. Vor dem Weggehen warf er ihr einen wütenden Blick zu. Unter den anderen stehend nickte sie mit dem Kopf. Was war das Unrecht? Hätte sie nicht wissen müssen, daß er irrte, klüger sein wie er in der Stunde der Not . . . auch dies. War es ein Unrecht . . . sie nahm es mit in den Dienst. Es reichte nicht an ihre Ruhe.
Zwanzigmal das Wasser leeren . . . Gestank. Das eitrige Wasser faulte unter der Hand. Geruch von Brake und Schlachthaus auf den Korridoren, Schweiß in den Krankenräumen . . . ein satanischer Sommer. Die Fenster, weit ausgehängt, lauerten auf Zugluft. Aus den Poren der Mauer kam Hitze. Die Kranken badeten in ihrem Schweiß, der sie anfraß. Die offenen Schenkel wurden brandig. Die Gurgeln wurden trocken, krächzten. Einmal begann einer zu schreien, besinnungslos. Sie stand neben ihm, gab ihm Packungen. Sie kam zu dem Fiebernden: „Nimm dir Wasser.“ Er hob den Hals, konnte sie nicht ansehen, die umschlossenen, nie mehr zu öffnenden Augen winselten Dankbarkeit. Sie spritzte mit einer Blumenfontäne Wasser ohne Pause in die Luft. Dünner Regen kam aromatisch nieder, Trost einer Sekunde. Ein Atemzug Glück . . . vorbei. Durch das Zimmer fliegend, sah sie das glanzloseAuge des jungen Priesters. Erstaunt: „Auch Sie . . .“ Er schüttelte den Kopf, kein Kleinmut, er lächelte, solches fiel schwerer ab, was ihm menschliche Gewöhnung gelernt, zu schätzen, dies: „Der Geruch.“ Ihr linkes Augenlid senkte sich kurz. Sie brachte eine Flasche Eau de Cologne. Er entkorkte die Flasche, roch sie, Tränen schon in den Augen: dies war die Welt. Er drehte sich um. Am Ende bei ihrem Vorbeigehen senkte sich ein maulender struppiger Banditenkopf gebändigt. „Ein Gewitter kommt,“ sagte sie, mit dem Leinentuch wehend zum anderen Ende, „den Abend wird es frisch vom Meer.“ Im Nebenzimmer, wie Fledermäuse ausgetrocknet, hockten die Matrosen, sangen nicht mehr, Hunde mit trockenen Schnauzen. Lächelnd: „Geduld, Struppige . . . Wind.“ Sie bekamen Ausdruck in die Blickwinkel, schielten sich an, stießen die Ellenbogen sich in die Seiten, grinsten, schaukelten auf den Stühlen. „Geduld“, sie wehte zeigend mit dem Tuch nach dem Himmel. Alle sahen hin, alle in Spannung, sahen nach einer Wolke. Der ganze Saal sammelte sich nach dem Himmel, lag auf der Lauer. Sie stand im Zimmer: „Mut.“ Der Glaube trat aus ihr heraus. Trat in zwanzig Halbverweste. Vierzig Augen sahen auf sie, traten in sie ein mit ihrer Hoffnung, klammerten sich an sie, schauten gläubig, mit ihrem Mut gestärkt, nach der Erlösung. Rochen nicht mehr ihren Eiter, spürten nicht mehr Schweiß,der ihr Geschwür biß. Keiner, der haderte, niemandes Schmerzruf . . . ganz verhaltene Stille. Der Glaube von zwanzig Unglücklichen ballte sich heftiger als von tausend anderen, der Glaube von zwanzig Unglücklichen stand in dem Zimmer, wuchs in den Räumen. In allen Zimmern stand er auf. Bald das Ende der Qual, bald Wind und Mut, weiter das andere zu tragen. Ein kleiner Windhauch nur . . . welch ein Trost. Die Zimmer verbanden sich mit einer Schicht Vertrauen, die früher nicht herrschte. Die einzelnen kamen sich näher, fühlten sich als Genossen, lachten sich zu. Die Deutschen sangen wieder. Freude stand über den Betten. „Dank.“ Sie rief zurück: „Mut.“ Der Tag vorüber, die Nacht rot vor Hitze, der Morgen graublau, entsetzliche Last. Durch die Zimmer gehen, immer ein Lächeln. Hinaussehen zum Horizont. Die, die nachts nicht geschlafen, die halb irrsinnig waren vor Schmerzen, alle, die beginnen wollten zu lästern . . . alle einigten sich an diesem Lächeln, unternahmen nichts, wurden still, sahen hinaus auf den Horizont. Sie beruhigte, entflammte still, flüsternd von Ohr zu Ohr, wenn sie sich bückte: „Geduld . . . es kommt.“ Der Glaube wuchs in den Zimmern, heftiger, tiefer . . . der Glaube der vierzig Augen stieg, die anderen glaubten, wuchs in die Räume, ballte sich den Tag . . . die ganze Nacht. Schaum am nächsten Morgen am Meer, am Mittag die lähmendste Stille. Gegen Abendwuchs ein Segel, schoß in den Himmel wie ein Gaul, bäumte, riß in einem Rad den Himmel als Strudel in sich . . . Blitze zuckten flatternd, irr . . . Kühlung kam. Die Augen geschlossen . . . die Hingabe erhob sich zu ihr, aller Gefühl: „Dank.“
„Wofür . . .?“ Sie starrte hinaus.
Ein Wagen traf ein. Ein Brief.
Das Verhängte lockte. Das Elend des Einzelnen, der ihr Blut berührt, riß sie von dem, was sie hielt. Der Brief hatte nichts von Gewalt, viel Unterwerfung. Ihr Herz rührte sich ihm zu. Sie unterbrach, reiste drei Tage, fuhr eine Mauer unter Oliven, hörte das Meer, traf in dem Park vor einem kleinen einstöckigen Schloß Stefan, den sie tödlich getroffen glaubte, er wandte sich um, warf eine Bananenscheibe weg, kam über den Rasen. Sie erstarrte, wandte halb um, voll Schmerz und Wut. Hörte seine Stimme. Er log nicht, sie kam nicht umsonst. Sie kannte sein Leben, das zwang, niederhielt, bebenden Boden mit den Beinen feststampfte, sieben Balken im Schweben hielt. Er hatte Minen um sich gelegt. Flog eine, sauste er mit. Er hatte genug, ließ sie fliegen. Es reizte ihn nichts mehr. Er lebte allein seit langem. Er wollte sie sehen, ehe er verreckte.
Ihr Herz war festgebohrt. Es genügte nicht. Sie drehte ganz. Seine Stimme holte sie ein. Das Raubliebende besaß einen Klang, der sie bannte: „Nimmst du mir den Rest Erlösung?“ Sie sah das Zerrissene seines Lebens darin, das nun der Erfüllung nahe war. Schicksal, vom Tag, wo sie zuerst ihn sah, hineingeschrieben in jede Falte des Gesichts, erfuhr unerbittlich seine Bestimmung. Wie diese Fahrt seines Blutes nun landete in Reue, sich selbst verwarf, und das Starke sich hinschmiß und bat, ergriff sie mit Rührung, die alles hinüberneigte zu ihm, zagend und nicht ohne Befremden, doch bezaubert: „Gehen wir hinein.“
Sie stellte ihr Leben unter seines, trug im Unbewußten die Last, fühlte seinen Schmerz, seine Seligkeit, sah die Grenze, die bald alles schloß, kannte sie nicht, roch die Katastrophe, bäumte sich vor ihr, legte in ihn hinein, was ihm das Letzte klar machte, beruhigend, sicher, Aufflug und Klarheit.
Sie ritt sich die Schenkel wund, er sandte Reithosen und Salbe. Sie rieb sich die langen schlanken Beine. Durch Gras, durch Fliederhecken, ein Bogen. Ein verfallener Tempel, ein kupferner Mond darauf, Lusthaus der Frauen des passierten Jahrhunderts. Dahinter fielen Terrassen. Vor den tiefen Fenstern des Schlosses tauchten Tritone auf, warfen Wasserlanzen, bliesen aus Hörnern in den blauen Abend. Sie ging zurück,zog sich ins Zimmer, speiste, schlief, suchte ihn morgens. Er saß über Papieren, schrieb. Sie wich zurück. Er sah den Schatten, fuhr herum: „Du störst nicht. Nie.“ Das Geschriebene flog vom Tisch. „Doch.“ Sie wollte gegen seinen Willen, ihm es leicht machen, wandte sich. Er, ihr sich hingebend, wußte nichts anderes: „Bleib.“ Sie blieb.
Die Luft ward silberblau. Blüten rochen herüber in der Nacht. Im gläsernen Bauch des Sommers stand noch der Frühling mit Kastanie und Flieder. Es rauschte Tag auf Tag über die Hängematte. Morgens beim Frühstück frug Stefan: „Reiten wir?“ Sie nickte. Kein Vorschlag, den sie nicht annahm. Nach einem Galopp schon sah er die dunklen Ringe unter ihrem Auge, verstand sie, ihre Woche, verlangte, daß sie sofort absteige: „Welch ein Irrsinn . . .“ Doch sie log. Wozu Sorge noch mehr ihm geben, diese Stunden vergällen. Lächelnd: „Du irrst.“ Weiterreiten unter Schmerzen. Reden mit frischen Lippen. Seine Schläfe lief dick an vor Qual.
Sie stand am Morgen früh auf, öffnete die Tür ihres Zimmers, ging hinaus auf den Rasen, die hohe Mauer entlang. Der Morgen, dunkelrot, verführte mit Pracht, sie ging um das Moorstück mit den dunklen Blumen, bog um den Pavillon. Sie stand unter den Palmen, kam zurück auf die Terrasse. An dem Rondell setzte ein Schmetterling sich auf ihre Achsel. Sie drehte sich herum, datrat Stefan hinter einer Figur vor. „So früh?“ sagte er, der spät aufstand. „Nicht sehr!“ sagte sie, verschwieg den Weg, den er ihr ansah.
Zwischen den Oliven stand die Sonne hell, klar. Der Horizont gewölbt, kreisrund und stählern, süß die Luft darunter, schwärmerisch die Verzückung des Abends. Eine Lampe auf der Terrasse . . . der samtene Rasen blau in der Dämmerung. Eine Syrinx flog über die Mauer. Sie stand auf, müde. Er begleitete sie bis an ihr Zimmer. Sie drehte sich halb um . . . er folgte nicht.
Sie lag die Nacht wach, in gelber Gardine schwamm der Mond. Das Silber der Stutzuhr im Dunkeln . . . Bilder entblößter Damen, degentragender Herren steif an den Wänden, undeutlich im Dunkel . . . ein Spiegel glomm tiefer und ungründiger in seinen matten Glanz hinein auf dem Toilettetisch . . . kein Geräusch. Kein Vogel. Sie horchte auf Laute. Still und abenteuerlich der Park. Sie wartete.
Den Morgen blieb sie lange liegen, wartete auf die Stunde seines Aufstehens. Als sie hinauskam, sah sie ihn über die Terrasse herkommen. Sie errötete. „So früh?“ Er sah auf seine verstaubten Schuhe. „Nicht sehr!“
Ein weißer Blitz setzte über ihre Hängematte am Mittag, schoß über das Rondell, flitzte in den Mittelpavillon. Sie sprang ihm nach. Nach links war der Flügel geschlossen, nach rechts folgten Räume, große Zimmer, vorüber im Lauf bemalte Wände, goldeneRebstöcke, japanische Tapeten, Mosaike, silberne Leuchter . . . die Fenster gingen bis zu dem Rasen . . . da stand Stefan neben einer kleinen Fontäne mitten im Zimmer. Auf seine Schultern hatte ein weißer Windhund die Pfoten gelegt, seine Hand fuhr an dem geschmeidig zitternden Rücken herunter. Er sah ihr Gesicht in der Portiere, ging ungestüm auf sie zu, unterdrückte eine Wallung: „Nimm den Hund. Ich gab ihn weg, weil ich zu sehr ihn verzog. Heute kam er zurück —.“ „Ach,“ sagte sie, „nein, ich bitte dich, ihn zu behalten.“ Er liebte ihn, wie konnte sie ihn nehmen! Blieb fest Beim Abendspeisen sah sie, daß er litt. Sie hatte ihn abgewiesen, um ihn zu freuen. „Verzeih“, sagte sie an der Schwelle ihrer Tür, berührte schwach seinen Arm, sah über die Schulter. Seine Hand zitternd am Pfosten. Die Tür schloß, er folgte nicht. Blumengeruch toll die Nacht. Schlaflos bei aufgerührtem Herzen. Wohin trieben solche Konflikte, helfen wollen und verletzen . . . annehmen und gegen das Opferbereite verstoßen . . . Leid auf jedem der Wege . . . Brausen der Springbrunnen in der Nacht . . . diese Erquickung. Sie sprang hinaus, löste am Bassin der Tritone die Matinee, tauchte in das Wasser. Eine Wasserrose trug eine Tauperle. Sie stieß daran, das Kristall flutete vor Licht, zerbrach, der Himmel ward erschüttert von diesem Fall. Die Büsche schlugen auseinander. Stefan im Pyjama, den Ginsterauseinanderbiegend, oben über den Figuren . . sie schloß die Augen zitternd . . . sie sah auf. Stefan war fort. Nichts in seinem Gesicht, das davon sprach den Mittag. Keine Gebärde anders in diesem Kopf. An seiner Ruhe spürte sie die Gespanntheit vor dem Schlag. Sorgen, Trauer, die sein Hirn verwüsteten, die Erwartung der tötlichen Minute, vielleicht schon aus dem Wipfel eines Baums gezückt. Blieb er unrührbar, lief sie heftiger in ihn ein, erschütterte sie seine Haltung unbedingter zu ihm hin. Einmal schoß sein Blick unverhüllt von der Seite, sie sah ihn im Spiegel. Sofort bändigte er ihn wie ein Tier. Sie spürte, wieviel ihm fehle, was er unterdrücke und wie es ihn fast sprengte, daß er sich überwand, sie nicht nahm. Ihr Mitleid erreichte die Tiefe, der blitzhafte Aufriß seines Herzens, das demütig solche Kraft überwand, wies sie zu vertiefterer Aufgabe. Sie mußte den Himmel ihm schöner überrunden, sich unendlicher mit dem Blut unter ihn betten, ganz sich verschenken an das, was sie verschmähte. In der Nacht, als sie schlief, öffnete ein Gewitterwind die nach innen geschliffenen Rundfenster, stürzte sich auf sie, schreiend fuhr sie auf, ergriff den Leuchter, rannte los, sah Stefan an einer Portiere, lief in seinen Arm, entsetzt von Schlaf und Schrecken. Sein Arm kam. Entfesseltes schlang um ihre Taille, noch tastend, zag. Dem Zögernden unterzog sie sich, gab sich hinein. Ein seltsamer Ruf, es schwoll heraus, ihr Hemd schwand,ein Mund nahm ihren. Hände über ihrem Bauch, die langen Beine fuhr es hinunter. Die Kissen schwollen über ihr. Lippen zogen über ihren Leib, küßten die Sonne, die um den Nebel lag, alle Strahlen, die rot wurden. An jede Hautpore wuchs die Hand, unverlierbar nahm sie, ließ wieder, erfaßte Neues. Tiefster Schmerz durchjubelte die Hingabe. „Daisy.“ Hell, hingegeben dem Schmerzlichen in der heiseren Frage, ohne Zögern: „Ja.“ Die Hand über den Hüften griff zu, Nebel riß über den Augen. Haare lagen zerstört und locker um den Körper, dessen feuchte glänzende Bronze das Kerzenflackern überschwemmte. Sie lag, als er schlief. Sie lächelte über das Geschenk, das sie ihm gab. Es war das Letzte, was sie konnte. Vom verflossenen Gewitter duftet der Garten herein, durchbricht den Raum. Es war ihr, sie erreiche die verschlossenste Grenze seines Wesens, habe ihn erfüllt. Am Morgen öffnete er ihr den versperrten linken Flügel. „Ich sparte es auf bis heute.“ Sie trat ein.
Das Wappen hielt sie fest, lang. Sie zündete die Kerze an. Schlug das Buch auf, zerfuhr es mit den Fingern, blickte um mit einem rätselvollen Gesicht. Einen Augenblick trat der Raum hinein. Sie sah nicht die Rebstöcke aus Gold. Fontänenwasser kam in die verzehrendeperlmutterne Schale. Es kamen gerade Herren, golddunkle Bilder, Damen auf der altjapanischen Tapete und Jäger mit demantener Agraffe. Es kam ein Degen. Zersplittert, in den Trümmern gerahmt ein Spiegel mit demPistolenschuß in der Mitte. Es kam auf dem Tabourett in Wachs mit blauen Adern ein Kopf, eine rechte Hand. Es trat wieder aus ihr hinaus. Sie sah nur das Wappen. Es hielt. Es war das eigene, kam herauf aus den gestrichenen Jahrzehnten, wurzelte unten im Schoß der Generation. Ihr Blut griff zu, vermählte sich. Saß über holzgeschnittenen Signets. Es kamen ungeschickte, gestammelte Worte. Geschnörkelte Zeichnungen machten den Übergang unsicher. Hochmütige Sätze kamen, Buchstaben großer Form. Der Wahlspruch schien auf: Wenn ihr mit Männern spielt, so wißt mit wem . . . Und ist es mit Frauen, um was ihr spielt. — Aus dem Buch stieg der Saft des Gelebten. Der Raum erhielt Gewalt. Aus den Blättern der Miniaturen quoll der angesammelte Atem der Generationen. Die Farbe der Gewänder bekam Gewalt und blühte.
Die Miniaturen platzten unter den Muskeln, die sich reckten. Der Stolz der Frauen sprengte die Taillen und die Sanftmut der Elfenbeinfarben. Die Wangen röteten sich unter dem Puder und glühten, Lider hoben sich schwarz und flammten sie an. Degen und brokatene Mäntel zuckten. Ein kühnes Auge traf sie wild. Ein Turban erschien mit den Augen der Gazelle darunterin der Galerie der Frauen. Von da ab waren die Köpfe ähnlich wie der ihre, wie ihres Vaters.
Sie sah den Ahnen, der dies Haus sich baute. Sein Körper war größer und gewandter wie der der anderen. Sein Gesicht glatt und gefurcht von zwei großen leidenschaftlichen Linien. Unter dem Feuer seines Auges fingen die Spiegel des Raumes zu leuchten an, in ihrem verschleierten Glanz begannen weiche Hüften der Frauen zu wiegen, braune Torsos schlangen sich dagegen. Atem wilden Genusses rauschte mit Lachen in der Seide. Dies Gesicht führte ihr Geschlecht auf den höchsten Punkt ihres Blutes.
Sie sah seine Schrift, seine Briefe. Frauenleiber wandten sich ihm zu und sträubten sich auf vor ihm. Ehrgeizige Spiele, sehr erleuchtete gläserne Säle . . . ein großer Ritt, der ihn mit Ruhm behängte, glitt durch die Luft. An einem heißen Abend begann er, dies Schloß zu bauen für den Sommer und die Zärtlichkeit der Frauen. Er stand davor, als er ankam. Die tiefen Fenster wühlten in der wollüstigen Nacht. Terrassen bogen sich kühl hinunter zwischen dem Taxus und den Hermen. Der Park stand wild voll Duft der Rosen und Jasminen. Fontänen bohrten sprühende Lanzen in die blaue Blumendämmerung. Ein Zimmer war erleuchtet mit vielen Kerzen. Er trat hinein. Am Morgen schrieb er mit vier Sekretären, noch feucht von der Haut der Geliebten. Dann ging dieSonne auf, er erhob sich und weckte sie aus Träumen von ihm. Da jagte er die Tiere. Die Sommer wechselten und fielen heiß herunter einer in die Spur des anderen. Da liebte er Dirnen. Er schoß die Saue. Das Pferd rannte unter dem Spiel seiner Schenkel. Kerzen blitzten um nächtliche Spiele. Lange Profile hingen wie Glas gegen den Schatten. Die Edelleute naher Höfe schwitzten um seinen Kartenschlag. Da fuhr er in Wagen. Da schlug er Hunde und küßte die Nägel ungeliebter Frauen. Ein einsamer Sommer umgab ihn ganz allein. Er wanderte, die Arme über die Brust gekreuzt, die Wege herauf, die Wege herunter. Seine Augenbrauen schoben sich im Dreieck zueinander. In einem zitronen trockenen Juli sah er auf der Landstraße ein braunes Kind, das in den Himmel lachte und nicht sprach. Er nahm es mit sich. Aus heißen Ritten warf er den Körper in das Bassin, das kristallen um ihn schäumte. Dumpfe Nächte durchschlief er mit schweißigem Haar. Mit großen Orden, den Degen zum Knie gesenkt, empfing er eine Fürstin, den Fuß am Schlag. Sie warf ihm Blicke zu durch das Glas ihrer Equipage, die er geschmeichelt nahm. Er diktierte Briefe, Befehle, Politik. Er arbeitete eine Intrige aus, die in London sich kraus gestaltete. — Dann schlief er allein durch einen ganzen Sommer sich durch, locker in der Kleidung, zufrieden und still das Gesicht . . nichts weiter tuend,als den Himmel ansehen durch den Regenbogen der Tritone . . .
Das Buch blieb geschlossen, die Lider stellten sich nach innen. Der Raum trat aus ihr heraus, wie die Fenster sich öffneten alle in den Parkmorgen. Stefan rief herein, sie ging neben ihm. Blätter, Büsche, Esel tanzten vorbei. Sie gingen. Das Ende kannte sie, seine Arbeit, seinen Tod. Es hatte ihre Jugend durchdrungen, ihrem Dasein Luft gegeben, Liebe. Daher kam sie. Das Vorspiel war neu, unwichtig, aber bestimmend. Er ging vor ihr her, die gleiche Kurve unten am Rand des Geschlechts, der gleiche Schnittpunkt führte sie wie ihn. Aus dem Knax kam sein Werk. Sein Rausch wurde Sinn, als die Gegenströmung in seine Sehnsucht sauste. Die Summen zog er aus dem Entsagen. Sie reckte sich, spürte sich mit ihm durchblutet. Er ging vor ihr, war der Vordere, ließ ihr ein Vermächtnis. Sie lächelte, sicher genug in sich, aber die Rechtfertigung ihres Daseins aus dieser mystischen Quelle bog sie auf vor Befriedigung. Sie gingen. Luft strömte frischer, die Beeren leuchteten. Sie gingen rascher. Er hatte gelitten, geschafft, die Lippen zerbissen, ausgeschlagen, sie empfand jede seiner Minuten. Das Vermächtnis wuchs. Von Vaudreuils Herzschlag vorwärtsgeschnellt fühlte sie sich getrieben. Fortsetzung seines Handelns kam an sie nach der Pause des Geschlechts, nach der Ruhe. Sie führte zurückin die Gemeinschaft, was er restlos erwarb. Er eroberte. Sie half. Das Angehäufte veredelte nun. Er schuf Platz für Menschen, siedelte, schaffte Arbeit. Sie aber befreite, die Sklaven geworden in diesem Beruf. In ihrem Blut saß die Vertrautheit seines Schicksals so, als habe er sie gezeugt, erzogen, seine Adern hinübergeführt in ihre. Und jeder Tropfen Blut trieb, forderte, verhieß Vollendung, Wirkung, aufbäumenden Zwang zur Tat. Die neue Kraft, die bestätigte, bestürzte sie, machte sie gierig nach Tätigkeit, wenn diese Mission vollendet, die sie noch umfing. Sie neigte sich zur Seite, nahm Stefans Hand. Es würde vorübergehen. Sie gingen.
Das Gefühl durchdrang den Tag, machte Weichheit hingegebener an das Umgebende, das Umgebende tiefer verliebt in sie. Die Riesennelken der Beete brachen auf unter ihrer Berührung, die Zinnfiguren trugen ihr Lächeln, die Mauern wichen tief vor ihrem Blick in den Himmel. Das Tor fiel auf. Unter den Lerchen flog betäubend der Horizont auf. Bienen schossen in dunklen Bogen, die Wiese, die sie berührte, flammt gelb und zart. Sie gingen, nahmen auf, gaben aus. Liebkosten Rehe, scheuten die Saue auf, lachten sie zurück. Nahmen Pferde an der Ferme, trabten durch die Feigen, um den dreizackigen Wolkenberg, speisten Zwiebel, Butter, Brot, sanken im tiefen Schatten in Schlaf. In die violette Dämmerung ergoß sich ihre Ruhe. Kein Wort. Er hielt ihrenHalfter, sie gaben die Gäule ab. Ein Fasan lief über den Weg, Pfaue gingen in einer Kette. Die Bäume der Allee fielen in rosane Glut. Stefan nahm eine Göttin, hob sie auf die Erde ins Gebüsch, stellte Daisy auf den Sockel. Sie senkte die Beine in einer von Anmut so erfüllten Bewegung, daß ihr Knie seine Stirn traf, dann seinen Mund. Sie spürte ihn, war plötzlich allein. Suchte, rief seinen Namen. Kam an den Pavillon, verwirrte sich in den Gladiolen, lief in der Gartenstrecke, kam an die Lichtung. Die Terrassen hingen beleuchtet. Ein Fest. Die Fenster hell, Springbrunnen fluteten durch die Nacht. Atemlose Stille. Ihr Name kam breit und voll Sehnsucht geworfen. Sie ging hinein in den Namen, besinnungslos.
Sie verließ ihn, ging hinaus, sah den roten Mond durch die Pappel schwimmen. Das Wasser. Das Bassin überschäumte weiß, bläulich ihre Haut. Tritone sangen über ihr. Den breiten Guß eines Löwen fing sie mit der Brust. Die Blumen schwelgten in der heißen Luft. Das silberne Füllhorn schäumte unter der Sichel. Es überkam sie Sehnsucht, mehr ihm sich noch zu geben, Furcht, etwas zu versäumen, Schreck, daß das Schicksal niedersause. Sie überließ sich dem Wasser. Langsam kam die Ruhe, die einbezog sie in das Geschehen der Nacht. Im Stillerwerden der Luft ward es klarer in ihr, bis sie den Ausgleich erreichte, wo nichts sie rührte, alles sie verband. Sieging hinein, suchte, traf ihn in seinem Schlafzimmer, die Stirn am Fenster, er hatte ihr zugesehen. Sie lächelte. Ihr Blick sah hinter ihm im Kreis der Lampe eine Schale. Sie erbleichte. Zog zwei Kugeln heraus, nickte zu einer, hielt die andere sprachlos ihm auf der offenen Hand entgegen. Ihr Augen säumten sich, wurden klein.
Sie frug mit dem Blick.
Ihre Lippen trugen den Namen.
Heiser sagte er:
„Le Beau.“
Befreite er ihn, klappte das Messer, riß die Schlinge, flog die Mine, die ihn erledigte. Er hatte noch kurze Zeit, bis das Schicksal fiel, lebte, die Uhr in der Hand. Solange bedurfte er die Sicherheit gegen jede Möglichkeit. Er hatte Jahre sie gesucht. Paris, Marseille, Kalkutta, Pegu . . . hatte sein Leben umgestülpt, auf sie gerichtet, wurde gut an ihr. Was wog die Ausnahme gegen das Ganze? Nichts. Das Gewaltige seiner Änderung umfing sie, als sie verglich, trieb sie zu ihm, unter ihn: „Ich bin bei dir.“
Nachts stand der andere auf, forderte. Sie tat Unrecht, um Liebe zu erweisen. Sie hörte die fadendünne Stutzuhr, sah die Sonne prallen gegen die Rideaux. Wischte die Nacht weg. Aus den mähnigen,windgesträhltenSonnenblumen trat Stefan. Sie sah über ihm die Katastrophe. Was galt Überlegung vorm Tod. Es flog aus ihr, bedingungslos, hinweg.
Sie grübelte den Abend, die Ausnahme drückte sie. Sie maß ihr keinen Sinn zu. In der Nacht wurde sie riesig: Es kam nicht an auf die Größe, nur auf den Sinn. Da sprang durch die Portiere der Windhund, den er ihr geschenkt, weil er ihn liebte, den sie zurückwies aus Rührung. Der schmale lange Kopf strich an ihrer Wange. Sie hielt, was Güte an Stefan sie fesselte. Kein Gedanke quälte mehr. Im Halbschlaf gegen Morgen fuhr sie auf. Ein Mensch litt um sie. Sie ertrug es nicht. Schleifte den Hund aus dem Nebenzimmer herein. Der Hund genügte nicht mehr. Sie schwankte, ging herum, besah ihr Ohr im Spiegel, pflückte Glyzinen am Fenster, bückte sich, wechselte die Farbe. Stieg die Leiter zum Bad hinauf, drehte ab, kam herunter, atmete, sah in den Park. Legte sich nieder. Erhob sich, packte einige Dinge in einen kleinen Koffer. Ging an die Portiere seines Zimmers, sah ihn schlafen, schwer, fest, Mücken um seinen Kopf. Sein Schicksal, das er kindlich nahm, wühlte sie so auf, daß sie erbleichte. Als er erwachte, konnte sie nicht vermeiden, vorzutreten. Als er den Arm reckte, war seine Not eine Sekunde so groß, daß sie ihn nicht verließ, hineinging wieder in sein Schicksal. Als sie erwachte inseinem Arm, hob sie den Kopf, lauschte, bog die Brust aus seinem Muskel, glitt herunter, sah zurück. Sah nichts mehr als das Unrecht, sah nur den Gefangenen, der litt. Nahm das Gepackte. Hörte einen Wagen in der Nacht rollen. Holte ihn ein. Kam in das Dorf, in die Stadt. Schrieb ein Telegramm, das Le Beau befreite. Hob die Brust, nun atmete sie sicher, sah zurück aus dem Wagen. Konnte nicht anders. Das flog nun in die Luft. Vorbei. Es mußte sein — und getragen werden. Von beiden.
Der Wagen kam an eine Barriere, einen Bach, einen Fluß. Der Motor stockte. Am Mittag saß sie in der Nische über einem kleinen See. Die weißen Hotelwände prallten von Sonne . . . Sie denkt: Nun ist Le Beau frei. Er fragt: durch wen? Sieht die Depesche. Weiß: durch sie. Macht sich auf. Noch einmal fliegt seine Stunde. Das Auge blitzt vor Geist. Er fragt sich durch, beschäftigt Menschen. Er kommt an das Hotel, fordert. Sie will auch ihm dienen, seiner Enttäuschung sich unterbreiten, dem Geschlagenen nah sein . . . Ein Raum schiebt sich zwischen sie und den See. Sie schaut durch die geschlossenen Lider. Sie kommt gegangen über die Terrasse, geht durch das Zimmer des Ahnen, öffnet das Schiebfach, hebt dieKerze hinein. Sieht seinen Kopf, beginnt zu weinen. Eine Stimme aus dem Dunkel: „Ist es Sommer?“ Sie ist tapfer, sagt hell: „Ja, Claudius.“ Sie fährt mit der Hand über sein rötliches Haar: „Ché . . . mon ami . . . ché . . . doudoux.“ Er lächelte: „Mit Gewalt macht es der andere nie.“ Sie sagt: „Ich befreie dich.“ Sie kommt mit einem Dolch, versucht das Fenster aufzubrechen. Unmöglich. Sie nimmt den Spaten, gräbt ein Loch von außen. Da steht Stefan im Fliederrondell, die Brust leuchtet phosphorisch, die Augen geschlossen. Sie stürzt in sein Zimmer, er liegt, schläft. Sie beißt die Zähne, zurück, stößt das Messer ins Schloß, das wie ein Kuhmagen gefächert ist, die Spitze bricht ab. Er ist bleich, lächelte aus dem verwüsteten Gesicht. Sie schreit laut: „Ich befreie dich.“ Er lächelt mehr: „Das sollst du nicht.“ Fast in der Ohnmacht fragt sie: „Was . . . was kann ich tun?“ Sie ist außer sich. Sein Auge schließt sich:
„Denk an mich.“
„Ja.“
Es gelang. Pappeln gigantisch reckten sich vor bleiernem Himmel, Duft der Syringen lüstern auf die Terrassen gestreckt, sie kam aus Gebüsch. „Traurig?“ „Nein, da du mich liebst.“ Sie beginnt mit den Drähten, arbeitet eine Stunde, es ist der letzte Plan, in der Pause erschöpft: „Daß du so leidest.“ Er hebt die an ihren Händen verkrampften Augen: „Leideich, wenn du mich liebst?“ Sie beginnt wieder, steif vor Verzweiflung. Sie schafft eine halbe Stunde, Uhren schlagen, der Haken faßt, es gelingt die Flucht. Ein Gewitter bricht über den Wagen, weiße geballte Kugel saust überm Himmel. Nun sind sie vereinigt. Sie haben ein Haus. Fischerboote laufen unter ihrem Fenster, Motore überspielen delphinisch die Bucht, der Fjord wird größer, schlägt sich auf. Sie sehen sich an. Wochen, Monate. Sie gibt sich jedem Druck seiner Seele, scheucht das Gewesene, Trauer fällt ab, Stille umgibt sie. Atmet er ruhig, beglückt sie es, streift seine Hand sie, fühlt sie sein Glück. Eine Nacht wartet sie auf ihn. Er kommt nicht, sie wartet die Minuten, Stunden, zählt die tickende Uhr. Am Morgen erscheint er Sie ruft: „Deine Frau?“ Er winkt ab. Sie ist erledigt, kein Gedanke streift sie. Aber der Schatten gräbt sich in ihre Seele. Sie übergeht ihn. Im Unterdrückten wächst er. Sie bekämpft ihn. Sie hat diesen befreit, will ihm Jahre ersetzen, Glück, das er Jahre erstrebt, bereiten. Aber ihr Herz leidet mit der Verstoßenen, sieht den Ring im Traum an Claudius Hand vor der Demonstration, schreit im Schlaf. Sie kann nicht leben auf Kosten der Frau. Aber sein Gesicht ist heiß, beschwört sie, fordert Liebe. Sie lächelt, gibt ihm aufmerksamer. Doch er will mehr. Er will das Strömende, nicht das Bewußte. Nicht das gut Gegebene, will den freiwilligen Akt. Sie sieht aufihre leeren Hände. Sie hat es nicht, verstellt sich, macht, als seien sie gefüllt. Allein er sieht ihre leeren Hände, schreit verzweifelt. Sie hört den Ton, er reißt den Raum weg.
Sie hebt die Lider . . . . — —
Ein Traum erließ ihr, was sie mit Stefan an Partie gespielt, verloren, dasselbe mit Le Beau.
Die feinen samtenen Lider senkten sich über den eisgrauen Blick. Der schmale ovale Kopf hob sich scharf. Schrieb ein Billet, für den Fall, daß er käme, sie suche, das ihn zurücktrieb und ihn anfeuerte zugleich. „Du bist elend. Bin ich glücklich? Suche nach Befriedigung wie ich. Um dich wie um mich stehen Ungezählte. Der Gedanke, daß wir da sind, hilft uns beiden. Mehr kann der Einzelne nicht tun.“ Sie packte, fuhr. Ihre Mission, ihr Abschweifung, war zu Ende. Sie kehrte zurück, der große Schwung riß sie zu sich. Die beiden, die ihr Blut unvergeßlich zuerst erregt, fielen aus, schieden, sie hatte geirrt, ins Einzelne sich verwirrt, versagt. Erkannte die magische Grenze der Kraft, die sie zurückzog. Wollte sich nicht verlieren, konnte nicht, apokalyptischer Hure gleich, dem, jenem, diesem, Schoß des Mitleids sein, sich verzetteln, sündigen gegen das Ziel. Sie reckte sich, befreit, jeder Verantwortung ledig gegen ihr Leben. Die beiden, die ihr Dasein immer gekreuzt, bis in die Tiefe der Demut durchgelebt ihrSchicksal, stürzten zurück. Was blieb: das Werk. Sie fuhr, stieg steiler. Saugte sich voll des Horizonts, der perlgrau vor sie sich schmiedete. War voll Gewinnst bis zum Rand. Trieb über die Nächsten ihres Bluts, die überwunden, dem Ganzen zu. Wie frei die Bahn vor ihr. Wie geschleudert die Straße gegen den Himmel hinaufgestreckt. Fuhr auf den Scheitel der Chaussee hinauf, fast schwingend. Gestrafft in jeder Muskel der Seele. Sicherer wie jede Sekunde, die sie gelebt. Angezogen auf der Sehne des eigenen Blutes ein Pfeil, der sich zum Losschwung spannte. Fuhr über den Scheitel der Straße. In der Senkung blieben die beiden: Wegweiser — — — hin zu den Menschen. Da standen Tausende.
Sie ließ Minsk, kam mit Empfehlungen nach Kiew, sah Contis Liste nach, traf die Zentrale, ward nicht abgewiesen, mißtrauisch behandelt, trat in ein offizielles Büro, sah die Taktiken, kam durch politische Korridors höher, spürte den Gegenschlag, enträtselte ihn nicht ganz, fiel vor der letzten Erkenntnis, zog eine Meute Männer, über die sie gesprungen, hinter sich her, verschwand. Bedurfte nichts weiter, hatte den Kernpunkt nicht, spürte aber die Maschinerie, das System. Es genügte. Gab es nach Minsk,blieb acht Tage im Südviertel, schaltete die Organisation nach der offiziellen, verzichtete auf Begleiter. Legte das erste Hebelwerk, pumpte es entgegen, in der gespanntesten Atmosphäre der Länder, der verfolgenden, war im Vorsprung, da die Technik die gleiche, Kenntnis der anderen nur bei ihnen. Glitt die Fäden weiter, wechselte Pässe. Sah in den Listen nach, machte Abschriften aus Angst, sie zu verlieren, legte die mit Contis Handschrift in den Safe einer Mittelstadt. Folgte der Linie, Tyska legatione, Stockholm, in Upsala eine Verschwörung gegen Lund, tastete tiefer, traf den letzten Zirkel der Jungsozialisten, maß die Spannung zu Wallenberg drüben, Undên, Branting auf der Gegenseite. Tauchte in Genua auf, studierte Quarantänen, Auswandererbaracken, Krankenhäuser. Erhielt Verstärkung, Staffetten, Abwechslung der Reviere. Spannte ein Seil nach Minsk. Vervollständigte die Listen, füllte Skizzen aus. Kaufte ein kleines Haus Rue du Purgatoire, Genf, aus Holz, vier Zimmer. Setzte Gordon hinein, beobachtete durch die Zentrale jede Kaserne, jeden Offizier, Stimmung der Eingekleideten, führte darüber Buch, bohrte, trieb, jagte den Geist, Auflehnung, Umstülpung, Bessern in jede Lücke. Rue St. Jacques hinter der Sorbonne kontrollierte sich die Presse, Gerichte, suchte Menschen auf, setzte sie in Stand, sondierte, suchte, setzte sie ein, entflammte. Fühlte mit neuen Kräften die äußersten Spitzen radikaler Kräfte ab. SchobRaffaeli vor. Trieb weiter, wo Geistiges verkalkte, Soziales verfettete, Unehrliches scharfes Ziel verfälschte. Zog die Linie von hüben und drüben. Sah die Listen nach. Schuf eine Mauer, machte, wurde klar. Schoß Druckschriften durch die Netze, Löcher der zementenen Mauer, hörte die Explosion. Sah Bordelle Budapests, Kaschemmen Altonas, Vorhäuser Bergens. Tabellen, Pläne verquickten sich, es rollte sich mehr rundend ein Ganzes gegen die Hebel. Kam der Schlag, der schleuderte, fuhr es auf, glitt in die neue Form. Sauste die Schaukel herunter, flog die andere auf, schmolz die letzte Etappe des Unglücks, verengte sich die Distanz unter Menschen, erstickte Ungerechtigkeit, irgendwo war Paradies, weiter. Sah vieles, verstand an den Wurzeln Gutes, Gemeines — alles fuhr in das Bild, das Conti in der Pupille trug von der Welt, das sein Hirn dachte: Umschwung der Erde. Traf im Coupé eine Frau, die zu kreißen begann, gab ihr ein Papier. Ein Mann sprach sie an, schlicht, sachlich, vornehm, strich über das schwarze Haar, erbat Mittel für eine Mission. Sie lächelte, das linke Auge schloß sich. Der Mann erbleichte, begriff ein Überlegenes, ohne daß er verstand. Sie setzte nur auf den großen Schlag, hielt dicht die Depots zusammen, verbesserte nicht. Wollte ändern. Traf nicht die Haut, wollte das Herz. Gab nicht verschlampter heuchlerischer Wohltätigkeit verlogener Gesellschaft einen Sou, tat nichts in verlorenes verspätetesSpiel. Sah in die Listen. Spürte durch die Zeilen das zischende vulkanische Geräusch aufsteigender Kräfte. Sie sagten ihr: Wohlfahrt der Massen. Sagten: Erleichterung der Bürden. Sie horchte: Bildung des Volkes. Verzog den Mund, höhnisch. Züchtete junges Fleisch, legte nichts mit lächerlicher Gebärde ins Faule. Ein Mann kam, eine Mütze mit Metallschild funkelte in den Händen. Sie unterzeichnete ein Papier: Administration des Prisons. Empfing ein Paket, „als ihr Eigentum bezeichnet“. Öffnete. Es waren die Haare, die Stefan bei der Flucht in die Berge ihr abschnitt, daß sie einem Jüngling glich. Er trug sie in seinen Kleidern. Sie kamen zurück. Sie lächelte, nur die Augenecken bebten. Führte die Fäden in ein Netz, legte es in Raffaelis Hand. Zog neue Linien. Vom Grabe Di Contis drang ungeheure Kraft. Gab Wind in sie, Sturm, nie Pause. Ging in ihre Sprache, ihre Ordnung, ihren Befehl, ihr Unterwerfen. Sein Geist schnellte von ihrer Zunge, trieb hoch, erwählte, forderte Unbedingtes — ging in ihrem Bein, entzündete durch ihr Herz. Bauern starrten blöd auf die Agierende, lachten sich an breitmäulig, gespalten, gingen heim, vergaßen es nie. Traf mit ihrem Blick ins Schwankende, vollführte die Entscheidung. Stieß, wie als Kind die Schlange, Falsches zurück, riß Geeignetes an sich, mit sich hoch. Männer nahmen den Blick von ihrer Hüfte. Jünglinge gaben sich ihr miteinem Ruck vorbehaltlos: nimm. Sah die Listen, ließ die Zentren, teilte Kreise, Quadrate, suchte Provinz, begann Kleines, spritzte Agenten aus aufs Land, schuf Agitatoren, die es nicht wußten, ließ erkennen, hatte Vertrauensleute, die es nicht ahnten. Warf Summen in die Siedepole, weißglühende Spannung, Rußland, Indien. Blieb im Hintergrund, schaffte, verbarg sich, war kleine Agentin, wußte nicht, wann ereignet es sich, wann gewinnt mein Ziel. Sah in die Listen. Es genügte. Führte sie. Sie tat das Vermächtnis. Es war genug.
Trat in eine Förderation, die kleine Huren erquickte, ihren Bauch ausruhte. Raffaeli schob den Mund schief im Bart: „Sie sind eine Frau.“ Sie schüttelte die Haare, lachend, machte die Ausnahme, stellte sich gegen die Polizei der Gesinnung, sah das Blödsinnige wohl ihrer Handlung, in diesem Falle Aussichtslose der Besserung. Tat es dennoch, hatte zu viel hier gesehen, zu sehr selbst erlebt, konnte nicht warten, bis das Leben sich umdrehte, empfand Linderung im Gedanken, es werde gelindert. Belog sich, wußte es, sah Raffaeli an, er senkte das Auge. Sie zwang Vertrauen auch im Traum. Blieb sonst eisig. Blieb verborgen, Reisende, spanische Tänzerin, Studentin, Dame. Sah die Listen, folgte der Kurve, sie ging nach aufwärts. Noch nicht die Höhe. Erweiterte das Einzelne, vervollkommnete, verlängerte. Strich durch, verwarf, erneuerte, erhöhte. Gründete ein Restaurant Rue Monsieur Le Prince, wo gegen AusweisAbgemühte ihres Geistes Essen erhielten. Gab Raffaeli das Schloß, bog den Rausch des alten Vaudreuil ein in den Sinn ihrer Existenz. Warf die Schatten der Frauen hinaus. Geschlagene ihres Schlachtfeldes gingen auf den Terrassen. Sie selbst sah es nie mehr. Studierte die Krankenhäuser großer, kleiner Städte, machte eine Tabelle, zog eine Gleichung, ward nachdenklich. Machte Verzeichnisse, wog ab. Gab unter der Boulmichlaterne einem schmalen Dichter aus Renées Genfer Kabarett zwanzig Francs, traf ihn die Nacht mit Mimis im Absyntherausch, traf ihn wieder Rue Guijas, schlug ihm Geld ab, gab Anweisung auf Brot: „Schwärmen Sie, ich bin nicht Pedant. Aber essen Sie, damit Sie tauchen.“ Raffaeli schluckte, errötete, schloß die Augen zum Schlitz: „Verzeihen Sie wegen der Förderation.“ Sie schlug einen Kreis um das Grab Di Contis, befreite. Sprach mit einem Sergeanten, ließ ein Haus reinigen, gab es einem Balten, machte damit eine Kulisse, brachte die Häuser an sich, besiedelte sie mit seinen Leuten, armen Menschen. Empfing, ließ gehen, erhielt, gab aus. Reiste, erschien wieder, blitzte auf, verscholl, kam mit neuem Plan, dichtete das Netz. Hatte einen Reiz auf Menschen, der unwiderstehlich entzündete, gierig machte, umschlug, die Augen veränderte, das Leben. Tätig machte mit ihr, fortzog, dienend, hochmütig vor Verantwortung. Reiste nördlich. Zog am Todestag Contis die Liste heraus. Verglich, zeichnete,ging ans Fenster, sah die Maste und Schorne steif nebeneinander, ein Wald gereckt. Schloß die Liste. Legte den Kopf zurück: Fast erreicht, fast erfüllt.
Gab sich der Ruhe hin, Tage, Wochen. Lebte, gab sich preis dem Hafen, dem ungeheuer Kommenden, Gehenden. Fühlte den Herzschlag des Bodens, Wiegen des Horizonts. Mit den Schiffen ging sie hinaus, kehrte sie voll zurück. Traf ein kleines braunes Kind, das die Antennen eines Dampfers visierte, wo die silbernen Sonnen der drahtlosen Netze blitzten. Nahm es mit, badete es, legte es zu sich, hörte die Nacht wieder Herzschlag an ihrem. Wachte, ward nachdenklich, suchte die Gleichung, die Tabellen. Fuhr hinauf über Christiania, fahles Licht prallte ihr entgegen. Die Schiebetür des Lazaretts tat sich auf. Sie sprach den Arzt, die Brillengläser standen scharf auf ihr, er prüfte, legte beiseite. Sie blieb ein paar Tage. Ihr Zimmer stand leer. Andere Pläne umgaben sie, andere Pflichten. Sie blieb dennoch. Sie war nicht draußen nötig, hatte erfüllt, was ihre weibliche Kraft konnte: angeschmiegt an die Aufgabe, diese vorwärts getrieben unhemmbar. Sie kleidete sich um, schritt hinunter zum Saal: „Ist Naga hier?“ „Nein.“ Am Morgen trat sie in das Zimmer des Zigeuners. Er starrte schweigend: „Durst.“ Sie brachte Wasser. Er schiffte in die Wanne. Sie schöpfte sie aus. Grinsend ließ er seinen Darm hinein. Sie legte die Glocke insWasser, sog den Schlauch an, ließ altes Wasser heraus, neues hinein. Er lallte einen Fluch. Die Zunge gehorchte ihm nicht mehr. Er sprach undeutlich. Sie ging in Nagas Saal. Daß sie fehlte. Gut . . . wie schön, das Leben heiter und reizvoll zu nehmen. Der Fiebernde zog an den Lidern. Sie gingen nicht mehr auf. Dunkelheit immer um ihn. Keine Mutter am Bett. „Deine Mutter?“ „Tot.“ Ihre Hand auf seiner Stirn . . . er erkannte sie. Licht ging hoch auf seinem Gesicht. Unruhige Schatten schwankten, wenn sie sie löste.
„Sie . . . da“, des Predigers Auge irrte unstät von ihr zum Fenster. Er sah die Welt hinter ihr, roch sie in der Luft, die sie noch umgab. Ein Bogen schlug sich von ihrer Schulter übers Meer: dort die Welt, unmeßbar gepreßt, verführerisch, sein Schicksal! Haß kam in seine Augen, brannte auf sie. Sie neigte sich zurück: „Glauben Sie es immer schön . . . leicht?“ Er wollte es nicht hören: „Nur dort sein.“ Sie lächelte: „Und dann?“ . . . . . . . . . . Weiter. Auf und ab die Räume. Blicke gebannt an ihr . . . . . . die Hitze kam. Der Wind ihres Atems brachte Ergebung, Ruhe. „Wasser“, sie eilte, kühlte, verband. Wie leicht das Schwerste zu tragen, stand sie daneben. Welches Glück im Verzweifeln, sah man sie nur fern. Sie teilte aus, schlichtete, sprach zu, freundlich, unbewegt auch durch Trotz, Feindschaft prallte ab, ward Neigung. Die große Schwester kam in der Tür mit ihr zusammen.„Verzeih,“ sagte sie, neigte den Kopf, „daß ich deine Instrumente einmal beschmutzte.“ „Schon damals verzieh ich.“ Die Schwester küßte ungeschickt nach ihrer Hand, traf sie nicht, sondern die Klinke. Aus dem Garten ein Zug . . . ein neuer Kranker, den Blick wie ein Fisch, resigniert ohne Kampf — — — unmögliches Dasein. Sie stachelte ihn auf, zeigte ihm täglich das Neue, Buntes, geliebte Landschaft, Bilder von Karussells und Kirmis. Seine Sehnsucht wuchs, stieg, ward tödlich. Als sie vorbei war, gefestigt in dem Überwundenen, hatte er Heiterkeit. — — — Sie machte Schaum aus Soda, Schmierseife, heißem Wasser. Tag auf Tag beginnend mit Schüssel und Schüssel . . . trotz der Hitze sangen die Matrosen: „Es kommt Gewitter.“ Sie sagte es zehnmal, jedesmal mit erneut gesteigerter Kraft. In der Unmöglichkeit wuchs der Glaube nur stärker, verbreitete sich, trat aus. War das Haus eine Kasematte schmelzenden Bleies in weißer Hitze, lauschten schon halb erquickt die Insassen dem Regenfall, den sie versprach. Der Glaube der Männer stieg, stand in dem Raum wie eine Wolke. Der Blick des Predigers traf sie, erstaunt, ohne Haß. „Ich sollte nicht Kraft haben, zu dulden, wo Sie Ungeheures vermögen?“ Sie schnitt ihm das Fleisch, legte die Messer hin: „Wie gering ist das alles.“
Nachts beim Füllen des Wassers fiel sie ohnmächtig um neben der Wanne des Zigeuners. Sie sah auf,erwacht. Die große Schwester drückte ihr ein kaltes Wasserkissen auf die Brust, schielte mit den Augen zwinkernd nach der Seite, ein noch nie erblicktes Lächeln um den harten Mund. Der Zigeuner saß in größter Erregung. Er hatte geschrieen, jetzt beruhigte er sich. Als sie allein mit ihm war, stammelte er, Sprechens kaum mehr fähig: „Die . . . vorher . . . schlug mich.“ Er tanzte im Wasser auf und ab. Die Angst, sie zu verlieren, löste ihn. Er schlug in die Hände: „Bitte . . . bitte . . .“ Dann schwieg er.
Der letzte Sieg. Auch diesen halbverfaulten Kretin, der vor Bösem strotzte, überwand sie.
In diesem Augenblick fühlte sie verzweifelt, daß etwas fehle. Schwer atmend ging sie durch den schwülen Raum. Die Luft vor der Küste war zusammengezogen von silbernen Nebeln. Die Erde, aufgetan, dampfte zarteste Glut. Sie ging, erschrak, öffnete sich mit maßlosem Entzücken: das Meer. Es lag hinter dem Schleier, schlug groß und dumpf. Ein Vogel flog auf, stob über den Boden, setzte sich wieder. Sie erreichte ihn. Er flog zur anderen Seite, wischte den Nebel zu großen Strudeln. „Rype“, rief sie ihm. Ein Hase mit hell leuchtendem Pelz. Der Bach geschliffen, stählern. Langsam das Rauschen einer schwimmenden Otter wie aus der Ferne. Die Gegend ging heller, von seinem Dunst ins Gespenstische zugezogen. Möven schlugen sich hoch. O Möven. Der Mond fiel plattauf das Wasser. Dunkelblau gemeißelt stieg das Meer, ungeheuer gereckt mit metallen gekühlter Wut. Die Möven, hochgerollt, hingen eine unbewegliche Schlange vor dem Himmel. Alles trug ihren demütigen Sieg ihr zu. Am höchsten Triumph spürte sie die Lücke. Es genügte nicht. Das Letzte fehlte. Woher?
Sie hatte Sehnsucht, wußte nicht wohin.
Was Menschliches zu tun war, flammend war es getan. Sie war zufrieden. Nichts störte ihr Treiben. Im Lallen des leprosen Idioten formte sich glühend ein Glück. Hatte entsagt dem Eigenen. Nichts Einzelnes sog, lockte, begehrte. Entwichenes pries nur ihre Unermüdlichkeit. Kein Phantastisches, Gewähntes verwirrte. Dennoch fehlt dasLetzte, stieg das Sehnsüchtige unerträglich. Dreieck spannte sich aus den Brauen, ihr eisgrauer Blick streifte das Meer.
Ihr Rücken stieß an etwas.
Ein Baum.
Der Saft zog in sie, ihren Leib, die Schenkel, das Herz. Das Meer ward ein Spiegel, scharf, nebellos: Smaragdene Inseln tauchten aus Fächern der Sonne. Abends kamen sie ins Freie. „Meer“, schrieen sie. Die Sonne sank blutrot über Herden neuer Inseln. Phalux. Der Ottava rauschte, Flöße und Feuer. Warum flog der Körper nicht über das Segel. Tausend Klüver wiegten auf dem Ontario, schliffen träumerisch den Horizont stahlblau . . . .
Sie senkte die Lider, hielt die Sehnsucht fest im Innern, sie durchdrang sie mit dem Saft in jeder Pore. Ihr Leib und der Baum hoben sich, ineinandergeflochten, zum schlankesten Instrument der Sehnsucht. Standen im Traumgrau der Landschaft aufgerichtet, eine Flöte. Der Klang des Blutes, weich sich hebend, nur nach Getrenntem gierig, war Schmerz des Rohrs nach der Weide, aus der es geformt. Wurde tigerhaft, stürzte durch die Gefäße, ein Aufschrei: zurück zur Heimat.
Der Morgen ging auf.
Ein Segelschiff bootete aus. Sie nahm es. Eine Stadt entschwand. Nebel rollten unter der Sonne. Unter braunen Segeln entschwand glühend das Kupferbergwerk in die Klippe. Noch einmal standen die Flaggen starr. Dann fraß das Meer mit einem Ruck das Ganze.
Stand am Schornstein, ging auf Verdeck mit großen raschen Schritten, schaukelte mit jeder großen Woge, ging hinunter, hinauf, es kam ihr entgegen. Der magische Pol ihrer Jugend streifte ihr zu, je näher sie rückte. Studierte Barometer, Karten, die Lotung. Traf Beamte, frug, sah den Kapitän, lächelte. Wind trug ihr Frische zu. Schaum, vom Bug heraufgeschlagen, legte sich köstlich auf ihre Haut, Schmelz blühte sie hoch. Abends unter der eingeholten Fahne kam es: Sie hatte Kraft verbraucht, ihr Leben hingegeben, Stück für Stück vergeben, gezahlt im Guten wie im Bösen. Die Spannung blieb wohl, die sie schnellte.Aber erst der Saft der Erde, aus der sie kam, durchdrang sie neu, strebte ihr entgegen. Kräftigte sie und machte sie schön, glühend, auf langen Beinen die zarterhaltenen Brüste, der wilde Zug um den demütigen Mund, die heißen großen Lippen: daß sie die Stärke habe, tätig und unermüdlich wachsend und handelnd zu warten, Di Contis Vermächtnis erfüllend, daß irgendetwas, Erdbeben, ein Komet, die faulige Erde (geschminkt zwar und kokottenhaft noch lächelnd in ihrer Raserei), durchwühle und stürze, daß Schicksal sich balle und sie selbst zurückkehre, die Maschine zu entfachen in den großen Kreis der Tat, gespeist aus dem Atem ihrer Jugenderde zu Mut und unentspannbarer Dauer.
Ein Mittag scholl. Klippen. Der Lorenzo. Möven in Spiralen durchwälzten die Luft. Kanonen brüllten. Der erste Halteplatz kam. Sie raffte die Plaids. Langsam zählte sie die Koffer, etikettierte, ging über den Steg ins Boot, ans Land. Das Gepäck häufte sich um sie in der Morgendämmerung, noch grau unter Bäumen. Ein Park von Wagen scharrte um sie. „Hinweg . . . hinweg —“, ein Diener stieß sie an, rief einen Namen, rief den Namen, rief ihn dreimal. Hinter ihr Kommende drückten, kamen vor sie, verdeckten. Da dienerte ein Neger. „Nein.“ Er lutschte die Zunge zurück, steckte die kleinen Finger in die Ohren, wiegte auf den Beinen. Über ihrer Achsel schwebte etwas, ein Eselmaul schrie, den Hals hoch neben ihrem Ohr.Etwas fiel vor ihr hin, als klatsche ein nasser Fisch auf Stein. Sie bückte sich, faßte ihr Paket, sah rasch auf. Ein Schatten blitzte vorüber. Sofort schloß sie die Augen, griff namenlos entsetzt an die Brust. Es spielte sich beißend ab unter den geschlossenen Lidern: Ein Mann mit Lichtkonturen machte eine Bewegung, aber er riß nichts heraus, sondern streifte die Hand nach ihr, schob etwas in sie hinein. Eine Beglückung durchfuhr sie, stieg in ihre Haut, in die Warzen der Brust. Sie schwebte. Sein Gesicht war blond, gescheitelt, das eines Skandinaven, die Figur ihres Traumes, ihrer Sehnsucht. Ihre Augen hoben sich, es verschwand, das Erhobene, Blutsüße blieb. Gepäckträger häuften ihre Koffer auf einen Wagen. Sonne stach durch das Grau, brauste mit einer Welle durch die Zweige. Ein Wagen streifte ihre Schulter, schmiß sie fast um. Sie drehte unter der Gewalt des Stoßes sich um die Achse. Eine rauhe Stimme brüllte: „Idiot.“ Sie steckte das Paket in die Manteltasche, wieder blitzte der Schatten, nur ähnlicher, sie erbleichte. Zitternd hob sie mit der Hand aus der Tasche die drei achatenen Kugeln. Zurück? Sie dreht sich wild herum. Die Wagen scharren alle, bewegen sich, ein Gewölk unter den Palmen. Eine Lichtung entsteht.
Da steht darin Caspare Symes. Neben ihm ein Pferd.
Die Kluft ist zu groß — ihr Herz erstarrt — zwischen ihm und ihrem Leben. Sie hat überwunden, längst.Die unbefangenen Gefühle fehlen zu dem, was im Menschlichen ihr am erstrebenswertesten schien. Vorbei. Sie zieht den Mund ein.
Als er den Kopf bewegt, hebt sie die Achseln, ein wenig, zuckend. Sie schüttelt den Kopf. Nun rast ihr Herz.
Da sieht sie erschreckend, daß sein Gesicht verändert ist. Di Contis Atem schlägt ihm aus der Haut, sein Geist vom Auge. Seuche, Leidenschaft, Erlebnis haben ihn geschlossen zu unsterblich menschlicher Schönheit.
Da erkennt sie in ihrer tiefsten Minute plötzlich: Daß dies ihr aufgespart war, damit sie vor eigenem Glück das Größere, Menschliche erst erfahre. Und da sie tapfer gekämpft bis auf die Höhe, schlägt der andere Pol ihres Lebens ins Zentrum, wächst, beglückt, ist da, ist da.
Und da sie nicht enttäuscht und feig vom Dasein kam, sondern durch größte Bemühung nur der Weisheit näher ein Geringes gekommen, geladen mit Kraft, gegen die Welt zu stoßen, sie zu ändern und Contis Hebel aufzuschlagen aus dem nun unfehlbaren Gehäuse, wandte sie ihm, der auf sie zuging, kurz und heiß die Hand zu:
„Komm.“