Der vierte Abschnitt

Dies alles brachte ihr die Heimat nahe, wenn sie Sygs Hand hielt. Sie gingen angeschmiegt durch den blauen Dunst der angefachten Nacht. Aber es trug sie nicht hinüber, sie hatte nur Abwehr. Die Unruhe war gewichen, sobald sie Syg sah und spürte. Dies aber, dachte sie im Bett, was sie froh machte, war nur die Gegenwart der Schwester, Sygs Figur und Stimme, vor deren naher Gewalt das Gelebte zurückfiel. Sie empfand Ruhe und Stille. Sie empfand sogar in Vaudreuils Grüßen das geheime Suchen und Fragen, aber sie war so sicher, daß sie sie unbefangen zurückgab.

Elfmal schlug die Uhr, dünn und silbern. Der Ton ging hinaus, wo der Glanz nicht nachließ. Syg konnte nicht schlafen, legte sich herum. Sie lächelten sich in das Gesicht. Der große helle Raum stand voll Mondstaub. Vor dem Fenster schwankten Weidengerten auf und nieder, obwohl kein Wind ging, wie der bebende Rücken eines Tieres. Nun begannen im Boudoir die Silbersachen zu leuchten, die Bettseide wurde ein Netz von zartestem Weiß, nun stand der Mond mitten im Rahmenkreuz und durchstieß gelb und flutend das Fenster.

Daisy richtete sich auf, als lausche sie: „Und Well?“ frug sie und horchte hinterher . . . „und Well? . . .“ Syg sprang aus dem Bett. Der Balkon war mit wogendem Lichtnebel über den Kletterrosen zugezogen. Die Nacht wurde immer wärmer und durchsichtiger, schon traten die Figuren vor der hintersten Hecke deutlich heraus. „O“, flüsterte Syg und führte die flache Hand über das Geländer. Stück auf Stück der Jugend gaben sie sich in die Hände, hinüber, herüber wie Bälle, und spielten sie sich zu . . . die Bäume, die Gouvernante, die vertrocknete Fischkugel, den Ameisenbau. Wie sich die kleinen Dinge, deren zärtliche Erinnerung sie am sorgfältigsten erfüllte, aus ihrer Erinnerung hoben, schmolz sie das Gefühl zusammen, daß die Jahre hinaustraten zwischen ihnen . . . Tage flogen auf und hoben sich in sanften Farben wie aus Strohhalmenabgesandte Kugeln und schwammen in den Garten hinein. Im Scheitel der Nacht hing der Mond fröstelnd und starr.

Die Uhr schlug. Vögel sangen, den Kopf noch an der Brust, in das wollüstige Grauen. Das Gras begann zu leben, und der Tau glühte mit einer hingegebenen Leidenschaft an der Erde. Daisy bog sich aus ihrem Bett über Sygs klares Gesicht. Sie empfand, daß ihr Kopf wie ein Spiegel denselben Ausdruck trage. Sie empfand das Glück dieser Gegenwart mit einem berückenden Gefühl.

„Wie lange hattest du Fieber, Syg?“

„Acht Wochen.“

„Arme, doch wirst du in Firenze nichts tun wie liegen und blaue Luft atmen.“ Sie legte den Kopf an Sygs Brust und liebkoste sie mit der Wange, denn die Erinnerung der Schmerzen, die Syg gelitten, quälte sie in dieser Stunde der Seligkeit mehr, als sei es ein eigenes Leid.

Die Uhr schlug. Syg gähnte; zog die Beine herauf und schüttelte die Locken, reckte die Arme. Sie war zu faul zum Aufstehen. Sie schellten nach dem Frühstück. Die Zofe brachte es zuerst Daisy an die linke Seite des mit breiten Stäben gegliederten Messingbettes. Sie wies nach Syg. Das Mädchen sah verwirrt von einer zur anderen. Sygs blaues Haar wallte um das ovale Gesicht, sie hatte das Kinn auf dieHand gestützt. Sie sah mit den Augen, die tief und wundervoll ausgeschnitten und mit leidenschaftlichen Schatten befiedert waren, dem Mädchen zu. In ihrem Weiß lag ein violetter Schimmer.

Sie wurden ohne Pause verwechselt. Die Bonnen kannten sich nicht aus. Der Kutscher stammelte. Ärgerlich rief Daisy: Pha . . . lux . . . Freunde vertauschten sie. Aber dies band sie nun erst aneinander, denn in jenem Wechseln der Körper und Erscheinung fühlten sie hingegebener die Harmonie. Sie lachten sich an vor dem Spiegel. Sie zogen sich verschieden an, machten sich unähnlich.

Syg trug die Haare hoch um einen dreigezackten Pfeil, Daisy zog sie unter einer Perle, die über der Stirn lag, halb über die Ohren und scheitelte den Kopf. Syg trug dunkle Seide. Daisy ging ganz weiß, der Wind schmiegte sich in die kleinen Blumen des Battists und der Boa.

Umsonst.

Sie tauschten den Puder, die Korsetts, die Rotstifte. Syg blaßte ab wie ein Pierrot. Daisy ging mit anmutig erhellten Wangen. Doch wie sie sich bemühten, stieg die Verwirrung. Da gaben sie nach, Syg hatte eine Grimasse, sie tauschten die Rollen.

„Sie baten mich, die Kette zu besorgen“, sagte ein junger Kanadier, reichte Daisy ein Etui.

„Es war meine Schwester“, sagte sie. Sie trugein silbriges Abendkleid mit Schwarz, ging hinaus, Syg zu rufen.

Sie kam zurück mit Goldpuder und einem roten Samt. Er überreichte es ihr. Sie dankte. Die Tür ging auf. Syg kam in einem blauen Schneiderkleid wie von der Straße, gab ihm die Hand und frug: „Haben Sie meine, Kette, John?“

Verblüfft sprang der junge Mann auf: „Haben Sie noch eine Schwester und wel . . .“ Syg klatschte in die Hände, nahm ihn bei den Ohren, schenkte einen Kognak ein.

Jeden Tag schob Syg die Abreise hinaus, jeden Morgen freute sich Daisy und jeden Abend litt ihr Gefühl, das um Syg Sorge trug und doch nicht vermochte, sich von ihr zu trennen. Die Tage gingen wie ein blauer Mond nach dem anderen am Fenster vorüber, und Dogo saß in jedem, auf dem Zweig des Faulbaums sich schaukelnd.

Fribaurt rief an auf der Durchreise, Syg nahm den Hörer. Er kam nach einer halben Stunde. Daisy empfing ihn. Er sah ihr von unten in die Augen, und da er ein geschärftes Ohr hatte für das herbere in Sygs Organ, frug er, den Rücken weich, hündisch, biegend: „Wozu die Komödie?“ Sie gingen auf die Veranda. Sie hob den Finger an die Lippen.

Unter ihnen stand Syg, vor ihr ein junger, schlanker Gärtner. Sie tollte und sprang um ihn herum, verzogdas Gesicht, schüttelte den Kopf. Sie frug ihn, er sagte etwas. Sie preßte die Hände in die Hüften, daß die Ellenbogen nach auswärts standen und lachte. Ihre Bewegungen waren in diesem Augenblick ganz unerlöst und kindlich. Dann frug sie wieder. Er sagte einen slawischen Namen und zischte. Sie schüttelte den Kopf und lachte noch heller. Sie faßte ihn unter dem Kinn, richtete sein Auge nach ihrem (denn er schlug es nieder) und horchte angespannt, dabei bewegte sie die Nüstern in Spott.

Er errötete, dann schrie er mit voller Stimme: „Zsigis“. Syg blieb ganz ernst, hob die Hand, fuhr ihm die Grenze der Stirn entlang, sagte ihm etwas ins Ohr und ging lachend die Treppen zur Veranda hinauf. Oben blieb sie stehen: „Pony“ . . . rief sie. Er hielt an, wandte sich um, errötete und blickte hinauf. Dann wurde er ganz blaß. Sie winkte. Er ging.

„Warum nennst du ihn Pony?“

„Wegen der Haare.“ Auch ihre Locken hingen gefächert in die Stirn.

Daisy preßte plötzlich die Hände fest zusammen: „Fribaurt fährt Donnerstag nach Italien . . .“ Sie stockte. Mit einem seltsamen und nie gesehenen Ausdruck sah Syg an Fribaurt hinauf und wieder herab, zuckte kaum deutlich die Schultern. Aber Fribaurt, der stark nach einem süßen Wasser roch, sah es nicht, denn sein Blick folgte dem Gärtner, der in den Büschen verschwand.

Aber Daisy vergaß den Ausdruck nicht, mit dem Syg den anderen angesehen. Sie blieb den ganzen Tag dicht neben ihr, als ob schon die Entfernung eines Zimmers, der Raum einer Wand sie trenne.

„Ich danke, daß du bleibst“, sagte sie stockend, als sie in den breiten Mondstrom hineingingen. Sie kamen dreimal um das Bassin, dessen Rotunde in Marmor glühte. Das Gras war blau und Dogo hing in einem Kreis von Fächerschatten. Als sie um die Hecken bogen, stand der Mondschein gezackt als Segel über dem Garten, der unter ihren Füßen schwebte.

„O“, sagte Syg mit plötzlich ganz erhelltem Gesicht, „ich freue mich, daß du dies sagst.“, Sie gingen hinein, Daisy stumm vor dem Glücksgefühl, das diese Antwort ihr gab. Aber auf der Treppe zögerte ihr Fuß. Sie spürte, wie unrecht es sei, daß auch ihr Wunsch nur Syg halte. Aber sie sagte nichts.

Am nächsten Tag fuhr Syg im Métro zur Etoile, besuchte eine Dame in der Avenue Wagram, schloß das Tor, fuhr zur Seine, stieg an der Madeleine aus und suchte zur Oper zu ein Geschäft. Sie sah in ein vorübergleitendes Auto. Ein Herr sprang heraus, in höchster Erregung auf sie einsprechend, sie sah seinen Bart zittern, die Leute blieben stehen, als er schrie. Sie nahm ihr kleines Stilet, drängte ihn bis an den Rand, er sprang in sein Auto, verdeckte das Gesicht. Sie sah um. Ein Photograph knipste und kurbelte nebenihr. Ein Herr mit einem Notizbuch zog den Hut. Sie machte eine rasche gewandte Bewegung, glitt zwischen dem Haufen durch, mitten in ein Orchester, das vor dem Café konzertierte. Sie saß eine halbe Stunde vor einem Whisky. Dann fuhr sie heim.

Zwei Tage sprach sie kein Wort über den Vorfall. Sie lebte neben Daisy. Aber die Worte, die sie gehört und die nicht ihr galten, sondern Daisys Leben herausrissen aus Stunden, die sie nicht ahnte, entfielen ihr nicht. Nachts setzte sie sich neben Daisys Bett und sah sie stumm an. Aber die Worte spannten sich zwischen sie und die Schwester und trieben sie auseinander. Sie vermochte nicht mehr, den Blick unbefangen auf Daisy zu heften.

„Du hustest?“ frug Daisy und fuhr aus dem Schlaf.

Syg schüttelte den Kopf. Daisy preßte die Lippen, als die Schwester schlief. Sie fühlte, wie die Unbefangenheit riß, die Ruhe wankte, sie bangte um die Schwester und wagte nichts zu sagen, denn sie fürchtete, daß dann das Helle aus dem Himmel falle und die Kraft daraus lösche. Sie lag lange wach. Plötzlich öffnete Syg die Augen, schloß sie wieder. Mittwoch Nacht sagte sie, daß sie reise. Daisy sagte kein Wort. Sie gingen nebeneinander durch den Garten, als sie fuhr. Zwischen den Winden und Bohnen stand mit hohen, schlanken Beinen der Gärtner. Sie stiegen ein.

Die Räder rollten.

Sie fuhr zurück.

Eine schmutzige Faust reckte sich in ihren Wagen. Sie nahm die Zeitung. Der Wagen stockte im Lauf eine Sekunde. Sie gab den Sou. Wieder spannten die Motore sich an. Sie las, ihre Lippen verzerrten sich. Sie verstand zum erstenmal. Ein maßloser Schreck, dann Zorn verdeckten ihr die Augen. Ekel schüttelte sie, daß sie die eine Hand mit der anderen festhielt und geschlossenen Auges zurück sich warf in das Polster. — Sie sah die Karikaturen auf den Parlamentarier, sah die Photos, die die Kinos von seinem Überfall her spielten, sie begriff die Verwechslung . . . die Folies Bergères trugen die Nummer in ihrer Revue. In der Ecke unten unflätige Telegramme, die er aus der Provinz, wohin er vor dem Skandal geflohen, gedrahtet. Sie biß auf den Daumen vor Schmerz, der Wagen rauschte in den Garten.

Sie saß auf der Diele. Das tiefe Fenster hinaus nach dem Bassin lag wie ein niedergelassener Vorhang. In der Tiefe des Gartens stand Pony und arbeitete. Seine Beine und seine trainierte Brust wiegten mit den elastischen Ruten der Büsche und Stauden. Der Abendnebel flammte den Geruch der Erde rötlich um seine Hüften hinauf.

Sie warf die Hände gegen die Brust und empfandzum erstenmal, wie sie, gleich einem verlassenen Tier, allein sei. Sygs Zug glitt irgendwo in die Dämmerung und aus ihrem Leben. Sie blieb zurück, um eine Lüge beraubt, die sie sich vorgeredet jede Sekunde des Daseins und der Gegenwart der Schwester. Sie fröstelte. Jugend und Heimat fielen an ihr nieder, hart, als klirrten Ringe auf der Diele. Woran ihr Herz (sei es auch nur wie ein Traum) und unwissentlich trotz des Hasses gehangen, nun lag es nackt verschwunden. Mit kaltem Grauen empfand sie die Einsamkeit, aus der die zarten Gefühle weggeschwungen. Einsamer und verzweifelter schluchzte sie auf als jede Stunde, die sie gelebt.

Es kam ihr, wie lind es sei, wenn sie weinen könne. Aber sie konnte es nicht.

Es genügte noch nicht.

Sie fühlte sich frei und verantwortungslos mit einem Male. Aus der Tiefe des Blutes kam ein Strom, der sie zu einer Unbedingtheit zwang, deren zügelloses. Streifen sie zu Gelöstheit erhob, die den Atem benahm. Die Lippen bebten übereinander. Nichts hielt sie, bedingte ihr Tun, gab Verantwortung für ihre Handlung. Mit einer zerstörerischen Wollust empfand sie ihr Ausgestoßensein, das ihr eine Kühnheit verlieh, die sie fast berauscht empfand. Nun trat Pony aus dem Dampf ins Helle. Sie begann zu winken. Das Fenster lag wie eine aufgeschlagene Terrasse in demGarten. Tritte schlichen herauf. Dogo schrie in seinem Ring und stieß die Flügel gegen die Wand, als zerbräche er Glas. Sie stand auf.

Zwischen dem dritten und vierten Tanz hob die Kleine, die zwischen den Stühlen schaukelte, stehend die Hand nach der Seite. Daisy ging hinüber. In der Toilette brannte eine weiße Flamme. Sie hob den Schleier, zog Rot über die Lippen. Im Spiegel sah sie die zögernd Eintretende. Ihre Augen trafen sich in dem Glas. In dem Gesicht der Tänzerin ging ein Schreck auf, sie flüsterte etwas und glitt zurück. Daisy ging zu Léons Tisch hinaus. Beim Hinausgehen fragte sie den Kabarettportier nach ihrem Namen. Sie bestellte sie in das Hotel. Sie kam und bat, zart wie eine Libelle, daß Daisy ihr den Mann nicht nehme. Sie sah zitternd auf den gefalteten wollüstigen Mund der Frau vor ihr. Daisy nickte gleichmütig, prüfte sie mit einem Blick, schenkte ihr Strümpfe, Hosen, Dessous. Oft, wenn sie abends frei war, kam Renée herauf, ein Band umgab sie. Bald hatten sie kein Geheimnis. Daisy wußte jede Bewegung des Attachés, seine Lieblingsworte, seine geheimen Sätze, aber es reizte sie nicht. Sie fuhr mit Léon baden, sie stieg in das Wasser, das ihren Körper aufsog; ihre Haut aus dem Wasserheraus selbst trübte ihm die Augen vor Erregung. Auf der Rückfahrt suchte seine Hand nach ihrer. „Das andere Ufer“, kommandierte sie, er mußte wenden. Sie ging am Abend mit Renée in den Florissant.

Zwischen orangenen Lampions drehten Matrosen und Mädchen. Als ihre Hüfte unter den anderen erschien und in der abendlichen Dämmerung in die Tanzschleife wogte, umgab sie Gedränge, Blicke, Augen. Ein großer Steuermann von der savoyischen Linie faßte sie, brach die Finger fast an ihren Korsettstäben. Sie tanzte mit starrem Blick, ihr Zofenkleid machte sie noch herber, sie bog in den Vorsaal. Er taumelte, fiel in das Knie, schäumte, erhob sich, sie führte, sie schwindelten, sie tanzten in den Garten. Er konnte sich nicht helfen und stammelte Flüche. Sein Kopf fiel auf ihre Schulter und er schlug sie auf den Arm. Sie ließ nicht nach, bis sie langsam mit zitternden Knien hineinging in den Dampf, der Mann besinnungslos auf dem Kiesbeet lag. — Ein Kolonialoffizier erschoß sich, einen Ring von ihr auf der Brust, durch den er die Kugel gesandt hatte. Kam sie mit hochroten Lippen durch die Rue du Purgatoire, ward der See eine Tönung blässer, der Montblanc steiler am Horizont. Die Augen der Männer wanderten ruhelos nach ihr. Verkleidet im Mannskostüm bei einem Ball jeute sie im Kursaal, trat hinaus vor die Schnüre von Lichtern, die die Fassade umlohten, ihr Blick tauchte in den eines ganz jungen Studenten,er fuhr sie hinaus. Ihre langgeformten Knie, die eine wundervolle Sehnsucht in seine Seele zeichneten, verzückten ihn, daß er ins Wasser sprang und am Ufer schreiend davonlief. Sie ging mit zwei weißen Windhunden durch die Palmgefieder des Parc des Eaux Vives. Sie blieb stehen, kehrte langsam um. Auf einer Bank saßen Léon und Renée. Ein Zug seines Mundes erinnerte sie den Abend lang an Pony.

Sie fuhr zu ihm. Er hatte den Garten, den sie ihm geschenkt, geschnitten, begossen, bestellt. Ihren Namen mit Ranunkeln gesetzt, in die vier Bäume des Eingangs geschnitten. Auf der Höhe des Belchens ihr Wappen mit Steinen zusammengesetzt. All seine einsamen Tage erstanden als Monument seiner Liebe. Hinter dem Strohdach sank die Vogesennacht feucht und traurig. Sie stiegen hinunter am Morgen. Kuheuter und Wiesen rochen unter dem roten Mond, über dem Rhein lagen die Schwarzwaldtage mit silbernen Wolken. Über den Grat der Vogesen rollte die purpurne Kugel groß und träg.

„Hast du die Harmonika?“ Er nickte. Nur ein scheuer Blick nach aufflatternden Vögeln zeigte, daß er Sehnsucht hatte. „Ich schreibe deiner Schwester“, sagte sie am Morgen. Sie arrangierte ihren Hutkauf, sogar eine Stelle und nahm ihm mit einem Brief die große Sorge. Aus den Weinbergen glühte blau dieSonne. Sie lockte unter seinem Fenster. Als er in die Hecke ihr nachstieg, ließ sie seine Lippen ihn aufmachen und legte ihm seidenschwarze Brombeeren eine nach der anderen in den Mund, der feucht und schmal und rot war. Seine Tierischkeit, die die einfältigen schönen Formen der Natur edel befolgte, gab ihr jeden Tag das Neue. Ringe kamen, Nadeln für ihn. Er spiegelte sich im Rücken seines Zigarettenetuis.

Er erbrach sich nachdem er zu viel gefressen. Sie saß an seinem Bett, er fürchtete sich vor dem Unbekannten, das ihm Leiden brachte, verehrte sie wie eine Mutter, indem seine Seele zum Schutz dicht an ihre sich schmiegte. Er tollte in die Gesundung, riß den Schwanz der Hühner aus, saß auf den Bäumen, ward traurig am Abend, wusch sich nicht, roch nach Schweiß und Erde, sie fand ihn schöner als je.

Sie bekam Sehnsucht nach Wasser, als nach einem Gewitter ein Bach neben dem Haus herabstürzte. Sie fuhren zurück, zusammen diesmal. Neben ihr zwischen den Hunden schritt Pony in weißen Hosen und Schuhen durch die Rue du Rhône. Er blieb am Geländer stehen, schaute träumerisch in den tiefblauen Schuß, der aus der Brücke kam, die Insel umrahmte und überschwungen blieb von unwahrscheinlichen Schwanenherden. Sie pfiff durch die Zähne. Zwei Passanten blieben stehen, sahen nach. An der Brücke flog eine Autotür auf, ein Herr, indem er die Kurve nahm, alssause eine Kugel in einer gebogenen Schiene, starrte sie an. — Auf dem Balkon saß Renée im Lederstuhl, die Knie hochgezogen. Ihre Atropinaugen, tief untermalt, glänzten einen milden Schein, sie starrte auf Pony, flog darauf Daisy an den Hals. Der Abend schoß durch die Platanen. Renée legte die Gabel hin, kniff ein Fünffrancstück ins Auge, legte dem Kellner den Absynthstrohhalm über das Ohr und breitete die Arme aus. Pony sah auf das Wasser. Die Küste wich zurück. Schwärmerische Raketen überwanderten den immer neu geäderten Himmel. Ein Konzertstück wie eine rosa Wolke lag mitten im See. Auf den Fußspitzen wiegte Renée erwartend den ganzen Körper langsam über die Lehne, blieb einige Minuten von einem unaufhörlichen Zittern durchflossen. Plötzlich wühlte sie den Bauch in den Mondschein, bebte in der Wage der Hüften in einer pfeilschnellen Schwingung, tauchte aus dem Licht, fuhr mit einer kreisenden tollen überschwingenden Eile wieder hinein — dann kamen die Lenden in ein glücklicheres beruhigtes Schweifen, die Muskeln des Leibes ebbten zurück und wurden spiegelglatt, fast ohne Atmung. Sie tanzte nur noch mit den Knien, die den Körper in einem fast gläsernen Taumel ertrugen. Die Hüften malten sich unbeweglich und zart in die Schatten. Nur der Rock rauschte, Daisy preßte dagegen, sie schwangen atemlos, ihre Leiber bedeckten sich, sie küßten sich — „Warum brachtest du mich her?“ frug Ponyschauernd in ihrem Arm die Nacht. Sie lachte: „Reizt es dich nicht zu größerer Liebe?“ Sie zog ihn auf ihren Mund: „Pony.“ Er schloß die Augen.

Eines Nachts brachte sie von den Anlegeplätzen vor Versoix Jérôme mit, im Sweater ohne Kragen und Ärmel. Selbst wenn er flüsterte, war seine Stimme rauh und biß sich durch die Dunkelheit. Im Zimmer nebenan lag Pony, die Wand war so dünn, daß das Geräusch einer Fliege im einen Raum im anderen noch lauter scholl. Sie legte die Kleider langsam ab. Am anderen Tag mußte Jérôme sie rudern, hinaus, zurück, in die Rhône, um die Insel, dann immer um ihr Haus. Eine Kette von Schwänen verfolgte das Boot, ihre Weiße verblich am Abend mählich der Blässe ihrer schimmernden Haut. Sie sah immer auf Jérômes Nacken, wo die braunen Halsmuskeln wie Fächer zusammenschnellten. Abends ging sie einsam und allein nach Haus. Die Schwäne geleiteten sie noch eine Weile in der Dunkelheit am Ufer. Als Léon von der Gesandtschaft in Bern zurückkam, lag er verzweifelt im Boot vor ihr, berührte ihre Hände, ihre Schuhe. Sie schüttelte den Kopf. Sogar das Wasser erhielt eine Feierlichkeit und schäumte leicht in dunkler Erregung, wie sie mit langen braunen Beinen immer tiefer hineinstieg. Auf der Terrasse des Café du Nord ballte Léon die Hände und hörte auf zu atmen nach seiner Frage. Sie ging hinweg über Pony, schaute ihn einen Augenblickan, die Bernsteinkörper in seinen Augen ihr gegenüber erstarrten, sie ließ eine Sekunde schweben, dann sagte sie auf sein Drängen, wie er es wage, mit ihr zu reden, habe er doch Renée. Ihr Hochmut ließ ihn bei diesem Namen eine Bewegung machen, als lege er dies nebenhin als ohne Gewicht für sein Leben. Sie zeigte nichts, aber er strich sich damit aus ihrem Dasein. Aber Renées Geschrei machte sie müde am anderen Tage, denn sie tobte in ihren Zimmern, weil sie Léon liebte. Die Zarte irrte wie ein Vogel auf den Balkon gegen das Blaue und zurück in das Zimmer. Daisy sah sie lange an. Sie sagte kein Wort, gab ihr Geld und zwei Koffer. Am Abend ging sie zum Zug. Renée weinte gerührt an ihrem Hals. Als der Zug weg war, sah sie einen Männerschatten am Bahnhofeingang, sie nickte mit dem Kopf. Zu sich selbst.

Léon griff sie stürmischer an, befreiter, beim Segeln, auf den Quais. Sie bedeutete ihn ruhig, daß das Opfer, mit dem er sich brüste, ihr nichts bedeute, denn es sei eine Selbstverständlichkeit und ohne die kleinste Verpflichtung für sie. Sie kam mit Pony wieder und den Hunden am Abend die Anlage her, als die Rhône sanft, tiefblau vorüberströmte, schon die Dämmerung aufnehmend, während ihr Anfang noch biegsam und stählern mit den Schneebergen glühte. Léon flehte sie an, Pony zu verlassen.

„Gab ich nicht Renée?“ Es verstörte sie eine Sekunde,an die Tänzerin zu denken. Doch glitt es schon weiter, hinter sie. Sie zog die Augen an, daß sie schräg standen.

Am Morgen war sie verreist. Enttäuscht von der Brust eines glatten Fischers kam sie von Beaurivage. Der Morgen fiel prall und von seraphischer Bläue in die Schwebe getragen auf den weißen Ufersand. Erstaunt sah sie Genf wieder auftauchen. In der Betäubung des irrsinnigen Suchens fiel Gelebtes sofort hinter sie, Leidenschaften verschwammen wie nie geatmet nach Tagen. Die Landschaft der Woche vorher, das Haus, ihre Gedanken prallten schon im Wesenlosen. Als Léon, die Hand am Steuer, den Großschot in der anderen seilend, in ekstatisch erhellter Nacht, in der der Mont Blanc wie ein weißer Ballon schwamm, schwor, Pony zu erschießen, wenn sie ihn nicht verjage, sein Auge den fiebrigen Wahnsinn bestätigte, wies sie ihn zurück mit Nein. Kalt vor Zorn verließ sie ihn über die Drohung, mehr voll Liebe zu Pony wie je. In dieser Nacht weigerte sich Pony zum erstenmal, sein gequälter Körper gab ihm Mut, den sein Geist nicht hatte. Sie sprang aus dem Bett: „Gut . . . du wirst Bonnen wieder haben.“ Am Abend kreuzte Léon Ponys Abreise, sie hatte ihn nicht begleitet. Er nahm einen Wagen, jagte. Er kam als Sieger. Auf dem Tablett kam mit ihm ein Brief, Daisy nahm ihn, als Léon eintrat und legteihn sofort wieder zurück. „Welche Eitelkeit in Ihrem Gesicht“, höhnte sie und wandte sich um nach dem Shawl und dem Spiegel. Bestürzt, zerschmettert kehrte Léon um. Am Ende des Zimmers hielt er, nahm eine Vase und schlug sie hin, blickte starr und ging hinaus. Daisy trat auf die Rampe des dunkel gewordenen Hauses, um das die Brust des Wassers langsam stieg und fiel. Sie pfiff. Zwei grüne Lichter bewegten sich auf dem Anlegeplatz, stachen ins Wasser, kamen im Bogen heran. An Léon vorbei, strich Jérôme in das Haus. Plötzlich hob er den wirren braunen Kopf und lauschte. Im untersten Fenster sang eine weiche berückende Männerstimme: „Andulko me dite —vy se mne libite . . .“ „Was ist das?“ frug Jérôme. Sie lauschte. Pony war zurückgekehrt. Sie lachte, zog ihn wie einen Hammel am Fell. „Einer der Hunde?“ frug sie ihn; er fletschte die Zähne. Sie bückte sich, hob den Brief auf. Die Schrift war von Syg. Sie ließ ihn in das pfaublaue Wasser hinunterflattern. Am Morgen brachte sie Pony selbst in die Bahn.

Ringe in Blumen . . . sie gab die Buketts, ohne sie zu sehen, dem Zimmermädchen. Ein Kreuz mit Ametyst auf Rosenholz, vom Athos, lag auf ihren Kissen. Ein Pferd stände bereit, schrieb man. Léon schmiegte sich manchmal durch die Dämmerungsschatten draußen. Eine Yacht trug ihren Namen am Lee unter dem Fenster vorbei. Eine kalte Verschwendungtrug die Luft jedem aus ihrem Leben zu, die erzittern machte, wer in ihren Kreis trat. Sie atmete, sah Augen, Tage, blaue Ausschnitte über dem Salève, kurz und farbig blitzten Blicke in ihren, schon entrann es zu anderem. Es floß zurück wie in einen Bogen, in dessen Kurve ihre Seele unermüdlich schwang. Irrsinnig eines Abends erstürmte Léon die Treppen, kam in ein Zimmer, wo sie las, streifte die Kleider ab. Sie eilte hinaus, schloß ab, klingelte. Er flehte. Sie wollte den Skandal. Dann überlegte sie, sie schloß einen Vertrag, legte ihm auf, daß er sie mitnahm auf die Gesandtschaft in Bern. Er kompromittierte seinen Namen, die Stellung. Doch er sah sie nur entfernt wie immer. Sein Diener erzählte ihm von dem Kreis und den Monden auf ihrem Leib, er ward ohnmächtig. Sie frug ihn nach seiner Arbeit, den Geheimnissen des Berufs, sein Leben. Seine Nägel ballten sich in die Handflächen, aber sie sah die geheimsten Akten. „Wäre ich eine Agentin?“ Er zuckte die Achseln, schon war ihm alles gleich. Seine Familie steckte ihn in ein Sanatorium. Er folgte. Vorher bestach er die Zofe, erhielt eine ihrer Hosen, schluchzend fuhr er damit im Zug. Er hatte sie nicht gehabt. Er hatte wenigstens dies. Am Abend spielte sie in einen Mann verkleidet auf einem Kostümfest, an den „Kleinen Pferden“, verlor, konnte nicht alles zahlen, bat ihren Partner mitzukommen. Er warteteim Vestibül. Als sie die Treppe zurück herunterkam, erstarrte er. Sie kam als Frau.

Er neigte sich über ihre langen Finger. Wie sie in den Wagen stieg, sprang Jérôme hinter einem Busch heraus und schrie: „Hure“. Etwas blaß, unsichtbar durchglüht trat sie zögernd ein wenig zurück. Als sie ihn aber ansah, ließ er die Hände sinken, schlug sie um den Nacken und lief brüllend davon. Der Wagen rollte. Sie trat mit ihrem Partner ein Treppenhaus mit Marmor hinauf. Die rote Weste eines Dieners leuchtete hinauf neben ihr unter einem zehnkerzigen Halter. Die Fräcke im Saal glitten durch einen dünnen silberbläulichen Rauch, den der Atem des Tanzes und der Getränke schon zum Rausch gemacht hatten. Sie legte den Arm auf eine Schulter, der blasse Schein einer Nische umglitt sie. Ein Mund fiel auf ihre Achsel. Sie zuckte zusammen. Ihre Glieder wurden kalt und abwesend wie oft in unerklärlichem Wechsel. Sie starrte vor sich hin. Sie hatte einen Brief eingesteckt, als sie sich umzog. Es fiel ihr ein, sie öffnete ihn. Sie stand auf. Der Mann hielt sie. „Was?“ Ein verzweifeltes Gesicht krallte sich in ihr Auge. „Hast du mich nicht wahnsinnig gemacht?“ Sie schüttelte den Kopf. Sie hatte ihn kaum bemerkt, ihre Gedanken kreisten irgendwo entfernt, es fiel ihr nicht ein. Mitten im Saal schrie der Mann ihr nach: „Hure“ . . . Sie zuckte kaummerkbar die Schultern. Sie hörte es zum zweitenmal heute. Allein es drang auf keinen Punkt in ihr ein, der ihr Gefühl bewegte. Vorbei schon. „Ein Opfer“, lächelte ein übergroßer lässig gebeugter Herr im Monokel. Schon suchten an seinem Mund vorüber gleichmütig ihre Augen nach Neuem. Ein olivenfarbener Jüngling, der wie ein Mädchen tanzte, legte den Arm um sie. Lächelnd glitten sie Ring auf Ring herum, gewiegt von einer Klarheit der Füße wie nie in diesen Sekunden. An einer Ecke des Saals fiel ihr das zweifach gesagte Wort mit einem Mal ein und sie setzte sich. Es war, als zerschmetterte es etwas in ihr. Sie trat an das Fenster. Unten im Garten hörte sie deutlich eine Frau weinen. Das faßte sie wie mit Schrauben, sie glitt hinaus. Eine Bank. Es war, als ströme mit dem Weinen in dem Busch, ihr Leben weg, bräche ein wie in Eis, zerrinne haltlos zwischen ihren Händen. Sie sah, wie sie Stück auf Stück verloren hatte, unter dem Schmerzenston brach es zusammen. Sie versuchte nicht, sich zu wehren. Perlmutten flauschte im Mondschein ein Segel vorüber und rückte ins Dunkel. Zerfetzte Trümmer lagen um sie, was sie gesehnt, gedacht, begehrt im Blut . . . es knallte um sie zusammen.

Da erst, wie angezogen von der anderen Stimme, konnte sie weinen und je länger die Tränen über ihr Gesicht strömten, fühlte sie, wie in ihr die Verzweiflungund das gierige Suchen brach. Sie fühlte sich elend wie nie, aber gleichzeitig verband sie ein Strom ungekannter Süßigkeit mit der anderen Weinenden. Es war ihr, wie, als sie erkannte, daß die Stimme versage, und jedes Leidende, jede Kreatur dicht ihr Herz berühre. Sie stand in einer wunderbaren Empfindung. Schon rissen die Wochen hinter ihr wie unwirklich und ihrem Wesen ungehörig sich ab und stießen ins Wesenlose. Aus der Tiefe des Elends aber zog sie ein Gefühl von einer ergreifenden Harmonie in die Höhe. Sie empfand, als stehe sie auf anderem Boden, wie plötzlich ihr Schicksal sich zusammenlegte mit Tausenden von Menschen, an die sie nie gedacht, daß ihr Schmerz sie erhob und verband, und daß, wie sie verzweifelt gesucht auf der Jagd und mit den greifenden Händen, in ihr lag mit einer stillen Verantwortung, die nichts übertraf. Sie sah die Welt plötzlich anders.Es stieg eine Kraft aus ihrem Elend, die sich in ihr bäumte. Ein Glücksgefühl überfloß sie. Demütig grüßte sie den Fall der Jetée, die Neigung der Berge, das träumerische Schleifen der Schwäne. Herauf kam der Kleinen Gesicht, aber die Schuld, die sie empfand, drückte sie nicht, sondern entflammte sie zur vollen Anspannung. Ihr war, als ruhe die Achse alles, was Hülfe bedurfte, in ihrem Herzen in dieser Nacht und ihr Herz drehte es in einem wunderbaren Stolz. Sie schaute lange unter der vorgehaltenenHand ins Wasser. Ein Gesicht kam zurück von der glatten Fläche. Sie schauten sich an. Dann ging sie hinein.

Sie hatte ein anderes Gesicht gesehen.

Sie ließ ihre Sachen verteilen. Jérôme sandte sie einen Ring. „Ay . . . ay . . .“ rief sie an der Gasse. Die arabischen Weiber küßten ihre Hände und Füße. Die Zofen kamen, nahmen. Die Bonnen gingen mit Ballen, zitternden Händen. Die Kostbarkeiten wurden versteigert. Die Depots sperrte sie. Die Spitzen rannen ihr durch die Finger. Eine frische stolze Hure in einem Kleid, daß ihrer Haltung zu gering war, zog sie aus dem Tanzsaal. Die Hosen, deren Plissees rauschten, in matter Seide zu Dutzenden fielen, durchfühlte sie mit der Hand, gab sie ihr. Mit jedem Stück, das sie verließ, schenkte sie sich zurück. Und die Wollust des Hingebens verband sie den Dingen um sie. Gebend lebte sie drei Tage und fühlte, wie unter dem Hinweggehen ihres seitherigen Daseins Freiheit in sie strömte.

Eine kleine Summe füllte sie in ihr Portemonnaie. Sie besaß einen Koffer noch und ein weiches helles Kleid aus indischer Seide. Sie schellte Marguerite,die Manikure. Vor dem Spiegel die Figur und den Kleidschnitt abmessend, bot sie ihr den Tausch an. Die lehnte ab, da es zu kostbar war, errötete, ließ sich langsam zwingen, küßte Daisys Hand. Mit kleinen Sachen ging sie auf die Straße, gab dem, jenem, Frauen, Kindern. Es reizte sie nicht, zu wissen, wer es besaß, denn jede Tat der Entäußerung entlastete sie zu Glück. Sie beschäftigte ein halbes Dutzend Agenten. Ihre Pariser Wohnung ward verkauft. Pferde untergebracht. Möbel, Schmuck versteigert. Die Summen festgelegt, geschlossen. Selig fühlte sie alles entgleiten. Dem prächtigen Körper eines verlotterten Mädchens, dessen Anmut sie rührte, schenkte sie ihr Kleid. Sie stand in Hosen plötzlich am Badestrand abends. Verlegen ging sie in die Kabine, sandte ein Kind mit dem Portemonnaie zu der Manikure. Das Kind kam mit einem Kleid, brachte das Geld zurück. Sie zog ihr Armband aus, es Marguerite zu senden, runzelte die Stirn und blieb eine Minute in einem merkwürdig erhellten Zustand. Darauf schenkte sie es dem Kind für sich selbst. Küßte es, tief getroffen. Mit der Entledigung zog die Einsamkeit des Reichtums aus ihr. Sie besaß noch zwei Ringe. Einen warf sie den Schwänen zu, vom Geländer, abends.

Vierzehn Tage wohnte sie Mont Martre, stieg hinab zu den Hallen, nach drei Wochen war sie Mont Parnasse, geriet in ein falsches Haus; ein Kind fiel die Treppe herunter, sie nahm es hoch, es schrie. Ein Mann brüllte sie von oben herunter an, ging in sinnloser Wut auf sie zu. Sie strich das Kind über den Kopf, legte es der Frau an die Brust. „Verzeihen Sie“, sagte sie, schlug die Augen herunter und ging mit einer Stille, daß der Mann, verstummt, sie grüßte. Sie wohnte Rue Bonaparte, die so eng war, daß vor der Ecole des Beaux Arts nur eine Linie der Autos vom rechten zum linken Seineufer durchfuhr, und die ohne Pause zitterte. Sie bewohnte die Hotels am Boulevard Sebastobol, wo Huren und Apachen nachts schrien. Sie ging durch die Straßen, früh, mittags, die Nacht. Beim Löwen von Belfort sah sie Ringer und Stemmer in Trikots unter den Bäumen turnen. Kokotten pfiffen ihr nach. Rue Richelieu schlugen Huren sie nachts, weil sie glaubten, sie breche marodierend in ihr Männerquartier. Abends in der Olympia Bar fletschten vierzig Mulattinnen dieZähne um sie, im Saale der roten Papageien und drei Kapellen drehte sie sich, tanzte, ging allein, als die Rudel schönbeiniger Frauen lachend aus der Revue mit dem Geruch ihrer Haut und der Tierbewegung der Hüften und langen Schenkel kamen. Auf Imperials rollte sie von Quartier zu Quartier, Liebespaare, Trunkene, Studenten mit zerrissenen Schuhen, Russen, alte Böcke, aufgegeilt hinter Midinettes her, neben sich. Im Hotel des Etrangers schrie ihr Nachbar in Herzkrämpfen auf. Sie saß drei Nächte, kühlte ihm die Brust mit Eis. Als er hochkam, beschloß er sie dankbar unter die Decke zu ziehen, griff in ihr Bein. Am Panthéon erschoß sich ihr Visavis, ein blonder Student, der morgens mit roten Lippen gleichzeitig wie sie die Milchkaraffe in Unterkleidern in seine Tür hineinzog, an Syphilis. Sie wohnte Rue Monsieur Le Prince, Vaugirard, Champollion, zählte die Schornsteine, Betrunkene an ihrer Tür, die Fenster, Mondaufgänge.

Sie wohnte Rue Gay Lussac. Ihr Geburtstag trüb Quai de Valmy. Kehrte zurück, als die Seine sie drückte, zu Mme Fleurquin, in das Zittern der Rue Bonaparte, Bäume schwankten Boulevard St. Germain. Square Monge erlebte die Überschwemmung. Rue des Bernardins verließ sie das Hotel im Kahn, half Emigranten retten, ward als Diebin verhaftet, lächelte sich frei. Ging auf die Mairie neunzehntesArrondissement, vierundsiebzigstes Quartier, gab sich hin für Überschwemmtenhilfe, empfing ein ironisches Ziehen des Mundes, ging wieder. „Geben Sie, Notre Dame des Lorettes willen, einen Sou zum Métro, damit ich die Kaserne erreiche,“ flehte in der Rue Pigalle ein Piou-Piou. Sie gab ein Fünfzig-Centimes Stück. Er lachte sie aus, suchte sie zu umarmen. „Kommen Sie, es ist warm darin,“ sagte ein großer Mann, glaubend, sie friere, nahm sie mit in das Café Cluny, las die Zeitung, ignorierte sie, zahlte für beide, ging mit einem Gruß. Erstaunt suchte sie ihn drei Tage, fand ihn nie wieder. Sie wohnte gegenüber Ecole Polytechnique, wo nach Regen Abenddächer mit weißen ovalen Schilden blitzten, dumpf Seinehörner tuteten, sah die Zöglinge der höchsten Artillerieschule farbig an Kanonen seltsame Bewegungen machen. Saß Closerie des Lilas, hörte die Revolte der Kunst. Aux trois Poulards schlug ein Mann einer Frau durch den Schädel, nahe den Hallen, warf sich heulend über sie. Sie belauschte das Gespräch zweier Absynthe-Weiber, Ausgedörrte, die gleich Hyänen gegeneinander stürzten und von der Berührung des Fingers schon umfielen, in den Pausen der Schlacht, wo sie, unfähig aufzustehen, nebeneinander in der Gosse lagen. Sie machte dem Trio an der Sorbonne Platz, dem Star-Mann, dem beinlosen Singenden auf dem Räderbrett, dem jungen Louis, sie warfen ihr Schlüpfriges nach. Sie aß mit der Papageienverkäuferin,studierenden Negern, österreichischen Spitzeln, Lesbierinnen der Place St. Michel, mit spanischen Zöglingen der Schneiderakademie, Chauffeuren, Gasarbeitern, Deutschen.

Sie ging zum Löwen von Belfort, wo Ringer und Stemmer unter den Bäumen turnten. „Wie elend zum Kotzen dies Leben“, sagte ein gesunder Mann, der Postkarten verkaufte, mit weißen Zähnen lachte. Da brach eine fremde Frau in Tränen aus. „Haben Sie Hunger?“ frug Daisy mit einem Blick auf den Ellenbogen der Frau; die aber stieß ihr durch das Kreisloch den spitzen Knochen in den Leib, schrie, fluchte, drückte sich hinaus. Sie wohnte Porte Maillot, wo Métros aus der Erde stießen, Menschenmassen aufquollen, Korsos zum Bois wallfahrten, selige Benzingerüche in Parkwipfeln schäumten, lange Frauenketten in Wagen unhörbar, mit Pelzen und süßen Pferden zu Wiesen zogen. Sie wohnte Impasse Bérthier, Rue de la Rochefoucauld mit der Grabesruhe und Sacré Coeur blitzend darüber mit weißen Türmen, Rosenkränzen, Zitronen. Moulin Rouge brannte das Parterre aus, vom dritten Stock sprang ein dicker Offizier ab, zerschellte unter dem Flammenschein. Sie wohnte Quartier Ternes, fleißige kleine Bürger arbeiteten in offenen Fenstern. Stand Champs Elysées vor Luxushotels, sah Autos anfahren, gepflegte Frauen, helle Glacés, Skunks, weiße wundervolle Füchse. Sahan sich herunter. Sah gespannter lang hinüber. Wohnte Rue Delambre, zweiter Hof, dritte Baracke, Numéro Vierundachtzig. Wohnte neben Jardin du Luxembourg. Wohnte Parc Monceau, diese Nacht selig von Bodengerüchen. Wohnte Bastille-Platz. Wohnte zwei Nächte nirgends. Wohnte St. Germain des Près, sah um sich Pfauenräder der Lichtkaskaden zum Himmel brennen über dem rötlichen süßen Straßengefieber, folgte einem Ruf, stieg zwei Treppen zu Musik, sah sich um, prüfte, wer gerufen, ging zurück. Am zweiten Tage hier folgte sie einer Bluse in ein Kaffeekonzert.

Einen warfen sie heraus neben ihr, zehn Meter unter der Erde, der zweite Keller, schrieen: „Sortez-le!! Peschärsche, Affenschwänze, Bauchzimbel, Irrgebrunste, Saligots!!“ Im Rauch fiel ein Sergeant gegen die bemalte Kalkwand, weiß im Gesicht, beugte sich im Gesäß. „Rotz-Lumpen“, er verschwand. Ein ungarisches Violinstück kam aus der Ecke. Sie ging über den Boden, in dessen Lehm ihr Absatz leicht sank, saß nieder der Bühne gegenüber unter dem zweiten Lampion. Ein Rosablusenmädchen besah im Spiegel die Zungenwurzel genau und angespannt, schüttelte den Kopf lachend gegen den Rauch. Eine unsichtbare Stimme, siehe, rief: „Schlaf mit mir, süße Freundin.“ Sie erhob sich und warf sich einer sanften Schwimmenden gleich in den Dampf.

Daisy stand mit ihr auf, ging zwischen gesäten Tischen, den Blick fest nach vorn. Ein altes Weib neben den Kulissen auf einem Faß zog über ihre schamlosen Beine einen Keuschheitsgürtel, stampfte im Tanz, grimassierte den Bauch, zwischen gelben Zähnen: „Elle avait un petit cadnaz . . .“ Auf der Bütte in dem Winkel gegenüber schwang die Kitschfanfare eines militaristischen Fanfarengauls. Sozialisten schrien sich am Ausgang zu: „Allons Camerades“, stürmten, warfen die Bütte um, schwangen einen Kreis um die Alte. Daisy stand auf, ging weiter nach vorn. Sie saß in der ersten Reihe. Auf der Rampe über ihr stand ein Mädchen, und die ungewöhnliche Zierlichkeit und Anmut ihrer Beine machte ein Loch in den Lärm. Daisys Blick blieb lange an der Biegung ihrer Lippen, dem Schwung ihres Leibes, der kindlichen aufreizenden Geste, mit der sie sich entzog. Sie saß nun ganz an der Spitze des ersten Tisches. Als im Vorgang des Schattenspieles ein schwarzes Mädchen ohnmächtig ward, der Mittelpunkt des Abends unter Gemurre schwankte, sagte sie entschlossen: „Ich“, trat hinter das aufgespannte Leinentuch, fand dort Renée, die den Stoff ihres Kleides prüfte, ihre Augen dicht ansah, lachte und sie küßte, neben dem Conférencier Philippe.

Sie lieh ihre Stimme einem Schwan hin, der an Philippes Hand grotesk in Schatten verzogen auf derFläche tanzte und es nicht unterließ, in heftigen Perfidien dem Präsidenten der Republik nahezutreten, den Abend zu retten.

Sie gingen eingehängt zum Boulevard St. Michel, überquerten den Platz, hielten an der Boulangerie. Trabten weiter. Stießen auf d’Harcourt, passierten, liefen zur Bar, standen vor der Luxembourg-Fontäne, gingen in die Source, trieben heraus. Wurden aufgehalten, Philipp erkannt, umringt. Studenten schwenkten die Biretts, drückten aus ihren Mimis süße Schreie. Einer löschte die Laterne, einer kitzelte den Sergant de Ville. Sie zogen durchs Croissant, grüßten mit Zuruf Jaurès, stoben im Hinterzimmer über das Klappern der Jetons, warfen einen Spieltisch um, beknurrt vom Haß der Tische hinaus. Zurück zu d’Harcourt. Dann zur Source. Reichere Studenten schrien den Mimis Preise zu. Im Panthéon fiel ein Mann klatschend auf einen rundoffenen lackierten Hurenmund. Damen von dreißig bis sechzig Franken stießen verächtliche Parfümwolken aus gegen die Mimis, die frech und ängstlich an den Armen ihrer Freunde schwebten. Auf dem Boulmich verdrehte die Mimi Madeleine die Augen, fiel um, blutete aus einem Achselgeschwür. Sie schafften sie in die Brasserie Lorraine, gaben sie ab, saßen um einen Tisch, klatschten in die Hände, hoch im Rhythmus, wieder herunter und dann monoton in einer Schleife. Daisy schlich hinaus, vermochtesich nicht zu entziehen, denn am Ausgang stieß sie neben der Kranken auf Philippe. Sein Gesicht, wie er, unermüdlich, helfend, gekniet, beschäftigt war, hielt sie fest. Sie beugte sich vor, ging überflüssig zurück. Renée tanzte schon auf dem Tisch, die blanken hellen Scheitel der Dänen blendeten in einem Kreis um sie, wieder sah sie ihre unvergleichlich schönen Beine. Man ging Rue des Ecoles, Notre Dame, eine Brücke, Place St. Michel, Rue St. Jaques, Rue des Etrangers, wühlte sich ins Dreieckkreuzfeuer der Lichter vor der Nacht-Boulangerie. Zwei wurden abgefaßt beim Gebäckdiebstahl. Die Spionin, die im Gewühl der aus allen schließenden Cafés sich hier um warme Hörnchen massierenden Massen lauerte, griff die Gelenke, die Kassadame keifte, vom Pult brüllte der fette Chef mit aufgeschlagenen Ärmeln: „Steck ihr Pferdäpfel ins Maul. Kanalsau.“ Man riß einige mit aus dem Haufen, wechselte ein blombiertes Fünffrancsstück, warf ein Pißhaus um, rollte es über die Trottoirs. Man kam Rue Guijas. Die Droschke mit Madeleine kam an. Man rettete sich aus der Clique ins Hotel, trug Madeleine vornher, riß Renée aus den Armen der Studenten in den Chauffeurmänteln, knallte die Tür hinter sich zu, riegelte ab.

Sie stiegen durch die drei Hurenetagen zur sechsten der Artisten und Studenten, trugen Madeleine ins Zimmer Philippes. Er schlug sein Bett für sie auf,legte ein reines Taschentuch auf das Kissen. Beim Abstieg zum zweiten Stock in Renées Couloir gab es im dritten Skandal. Zwei Weiber, eine im Korsett, eine im Hemd, die schimpfte, standen vor zwei Männern mit Zylindern im Genick, die Kerzen hielten, und einer sagte: „Alte Sau . . .“ Die Hure hieb zu, traf nicht den Hut, sondern das Licht. Das Dunkel stürzte, eine Tür knallte, es schoß. Aus den Gängen quollen Weiber. Männer in Pyjamas fluchten, drückten Knipslaternen. Atemloses Geschrei verwirrte alles, plötzlich lief man. An Daisys Körper griff eine Hand.

Sie flog an einen schlanken Körper, der sie rasend küßte. Erstarrt hielt sie in dem Zug, der sie einsog, in Besitz nahm mit den Lippen, plötzlich schrie sie. In Renées Alkoven aber schlief sie im Traum die Nacht mit jenem blonden Skandinavier, der die erste Nacht, wo sie auf den Mann traf, bei Le Beaus Umarmung ihr die Nacht zerfleischte, sie hinaushob über die Seligkeit des Franzosen und sie an eine Wonne hochstieß, gegen die nichts im späteren auch nur gering bestand. Der mit der Hand aus ihr streng heraushob, was ihr Schmerzen machte bis dahin. Er tat nichts, was ihr zurückgab, aber er küßte ihr Bauch und Bein, durchwühlte sie, ward blitzscharf am Rande des Körpers, aber im Gesicht milder, als er sie verließ. Dies blieb in ihrem Schlaf, so daß sie aus dem Traum mit dem Engel glücklicher und befreiter erwachte als je auseiner Männernacht. Sie stellte die Schüssel auf die Kiste, wusch sich, schüttete das Wasser in den Schacht, aus dem mit einer Wolke das Gekeif in das kurz geöffnete Fenster hineinstieß. Sie schloß auf zu Renée, sah Bewegungen in ihrem Bett, roch den Schweiß des Kampfes. Sie wartete still, geduldig. „Hundert Sous“ im Nebenzimmer. Die Tür klappte. Sie trat hinein zu Renée, die sich müde im Rücken nach der Schüssel bückte. „Nein,“ sagte Daisy mit unbegreiflichem Lächeln, „laß mich“, und sie hob die Schüssel auf ihre Knie und wusch Renée das Gesicht und die Brust. Erbleichend sah sie am eigenen Hals, wie sie sich vorneigte, die Dukatenkette vorschwingen. Es fehlte seit der Nacht eine Kugel.

Sie hatte nur noch eine.

Für Madeleine, die ins St. Denis-Hospital gefahren ward, sprach sie allabendlich im Schattenspiel Philippes Sätze. Ward seine Angestellte, Vertraute, Sekretärin. Sie erlitt das Kneifen ins Bein zwischen den Tischen durchgehend, Zurufe Besoffener, während sie sprach und ihre Stimme einen Schmelz annahm, der sie nie beflügelt. Sie schrieb unter der Petrollampe seine Briefe, sein Diktat. Sie schloß, war er weg, die Dachluke, räumte sein Zimmer, besorgte seine armselige Wäsche.Wurde ihr Auge verzerrt von Gesehenem, gab seines ihr Haltung. Rief er, Kommis und Louis zu ergötzen, die Nummern des Programms in fanatisch heldischer Pose, las sie zu Haus, was er schrieb. Ging sie mit ihm neben den Bahnen, verschleierte die Straße sich in wohltuenden Nebel. Als im Jardin des Plantes der Tiger aus aufgeklafftem Rachen heulte und sie mit ihm ans Gitter trat, sah sie die Jungen, nur an den Zitzen spielend, ruhig saufen. Er wehrte jede Hilfe ab, bot ihr als Ausgleich von seinen sieben Centimes, blieb streng dabei, als sie lächelte. Bald konnte sie nur tun für ihn, was er nicht merkte.

Am Tage des Bastillesturms gab er drei Vorstellungen. Am Mittag darauf kam sie in sein Zimmer. Er schlief auf dem Stuhl. Sie suchte bis mitten in das Zimmer zu kommen. Dann schlich sie hinaus. Nach einer Stunde kam sie wieder. Er schlief noch. Sie preßte das Kinn wider die Brust, weckte ihn, gab ihm den offenen Brief, ihre Augen trafen sich, er nickte.

Sie gingen durch den Park, wo Kinder kleine Segelboote fahren ließen, durch Rosahüte, Militärmusik, sanfte Alleen mit Dogcarts. Kamen in Gassen, Geruch von Fischen, Kartoffeln, süßlichem Kinderschmutz. Eine Wolke Karbol umstand sie. Eine Schwester mit spöttisch grünem Blick versagte den Eintritt, Philippe sah sie an, nahm ihre Hand. Sie schwankte, öffnete die Tür. Als sie eintraten, lauerte eisiges Schweigen,eine Frau wälzte sich lautlos auf dem Rücken im Kot. Zwei fuhren auf aus den linealstarren Bettkolonnen, schrien, mit Armen die Kissen zerreißend, nach dem Mann: „Reiß die Mempel aus! Schlammbeißer, Creusot!“ Sie rülpsten, ihre Köpfe waren verbunden und geschwollen, Eifersüchtige sich wähnend, schmissen die im letzten Stadium Irren über sechs Betten, die sie trennten, sich ihren Schleim, ihre Wut ins Gesicht. Er trat heran, sie zu beruhigen, indem er die Schwester leicht zurückdrängte. Aber als er der einen sich näherte und das Gesicht herabsenkte, begann sie zu zittern, fiel auf den Rücken, zog das Hemd auf und stülpte den zerfressenen Schoß ihm entgegen. Er wollte etwas sagen, doch die Schwester riß ihn zurück, hinaus. Daisys Rock ward gezogen. Eine dünne Stimme: „Zu mir?“ Aus grauenhafter Sehnsucht kehrte ein gläserner Blick wieder zum Plafond zurück. Die Frau vom Boden stieß sie zur Seite, lief bis an die Tür, wo der Mann verschwunden, wimmerte, brach zusammen, umfaßte mit den Fingern die Klinke, die er berührt. Links war die Krankheit schon Agonie bei einer Kette Betten, rechts saß ein Kind und lächelte, vierzehn Jahre. Nun kam Daisy zum Fenster, blieb fünf Minuten bei Madeleine, gab ihr Äpfel, Rosinen, Bananen, Brot. Dann gingen sie auf die Nachbarbetten zu, legte bald auf jenes Kissen, bald auf dieses Tuch Frucht, und wie sie austeilte mit einer Armbewegung, die fast nicht dawar vor innerer Inanspruchnahme, begann, ohne daß sie sprach, es immer stiller zu werden. Als sie fertig war, peitschte ein Schrei, stand, stieß, zerbrach. Zwei neueingekleidete Mimis, die Kette mit der Indikation der Maladie um den Hals, die frech herein kamen, bekamen andere Augen, andere Bewegungen, zerbrachen irgendwie unter dem Schrei. Neben der Toten stand die Schwester. Madeleine sah auf das Grün im Garten, zurück zu Daisy, ließ ihre Hand nicht bis zur Türe. „Zu mir?“ frug die gläserne Stimme, wandte das zarte Profil sich hinauf. In die geklemmte Tür noch zwängte Madeleine den Hals, sah Daisy nach, bis sie verschwand.

„Dies ist ein Zuchthaus.“

„Aber auch von St. Denis sehen sie den Himmel“, sagte Philippe.

Ihr Blick blieb nachdenklich, zugeschüttet, an dem glänzenden Lack der Kinderhüte und dem weißen Crepe, der die Hemden der Croquetspieler leuchten ließ auf der Luxembourgterrasse, als streichle er empört ihre Zartheit.

Abends nahmen und sperrten Apachen unter Jeannot das Café Guijas ihres Hotels. Sie blieben mit einem Teil, während die meisten Studenten und Mimis durch den Keller flohen. Jeannot mit sympathischen Augen aß mit Kameraden um einen Tisch, drei standen Wache. Nach dem Dessert zog er die schmale Ly herüber,knutschte sie durch, fuhr ihr an den Bauch, lachte, legte sie aufs Billard. Alle umstellten es im Kreis, sahen zu, reichten ihre Röcke nach rückwärts. Jeannot strich seine Mouche, herrenhaft amusiert und wandte sich schon wieder ab, lachend über die Kuriosität der Hermaphrodite, als diese, außer sich, ihm einen Siffon an den Kopf schmiß. Kellner und Wirt, bleich vor Angst, dienernd vor Jeannot, schrien sie an. Der irische Aufwischer faßte sie wie ein Schwein, tat den größten Schimpf, warf sie aus der Tür. Sie wehrte sich, weinte, biß, kratzte, hielt sich an jedem Tisch, an jedem Arm. „Gut zum Schlafen, wäre sie nicht . . .“ sagte Jeannot achselzuckend zum Ringkampf, dem er lässig zusah, wandte sich ab. Sie schlug vor den Scheiben in die Gosse, das Gesicht im abspülenden Regenstrom, wimmernd: „On m’a sortie.“ „Fiaker?“ frug ein Kutscher, der vorbeifuhr, gröhlte in sich hinein, hieb die Gäule um die Ecke. „Hilf“, sagte Daisy leis, als sie rangen. Aber Philippe blieb unbeweglich, bis sie im Schmutz lag, ging dann hinaus, tröstete sie, nahm sie am Arm, führte sie zurück vorbei an Jeannot, der die Pfauenbrauen zuckte, umdrehte, dem Iren mit der flachen Handkante ins rote Genick schlug, daß der in die Knie schoß und über ihn kindlich herüberlächelte.

Sie legten sie in Daisys Zimmer. Um Zwei klopfte es. Philippe brachte zwei Männer, einer betrunken, der andere fiebernd. Sie teilte die Matratzen. Siemachte mit Freundlichkeit Platz, haßte ihn nachts, morgens schlich sie in sein Zimmer, alles aus ihr stürzte in sein Wesen zurück.

Sie ward seine Begleiterin, nichts geschah ohne sie. An Betten, bei Kranken war sie hinter ihm. Sein Ausdruck flog ihr an. Mit seinem Wort gab sie Erhebung. Sie stand unsichtbar, ein sorgender Schatten, vor seiner täglichen Existenz. Sie wies Renée aus dem Zimmer, die mit den Waden nach einem Literaten kokettierte, die Stunde störte, wo er sich gab. Sie stand an der Wand, las er seinem Publikum, Russen, Kranken, Bettlern, Studenten. Ihre Seele schwang mit, glühte fromm mit seiner, pries er das Unglück, das tiefer forme, Hunde inniger, Pferde schöner mache. Sie bewunderte ihn, wie er gab, schenkte, sich teilte und verdoppelte mit einer Freude, die seinem Gesicht nie die weiche Erfülltheit nahm.

Sie strebte, ihm zu gleichen.

Sie warf jeden Gedanken aus dem Hirn, der von seiner Richtung abwich, kasteite sich, übertraf eine Stunde mit der anderen. Sie gab das Letzte, was sie trug, den Ring an Ly, die ihn bewunderte wie eine Legende, ihn vor Freude in den Mund steckte, darauf biß und ihn fast verschlang. Sie begleitete ihn zu Guigui, sprach mit ihr hinter dem Gitter des Gefängnisses, vergaß nicht den Zug des Rehhalses am Eisen, kam über die Korridore mit ihm heraus und begann, als die Sonne herabströmte, zu weinen.

Doch die unbewegliche Güte seines Gesichts brachte sie ins Gleichgewicht zurück und sie vergaß die Auflehnung und den Druck, mühte sich stark zu sein, ihn zu übertreffen.

Sie mogelte Geld in seine Kasse, hungerte um ihn, kürzte den Schlaf, brachte ihm Menschen, die sie instinktiv auflas, in seinen Abend, gab ihm, wenn sie beschwingter ihm folgten, einen Wirkungskreis, der öffentlich ihm fehlte, da er Elend lobte.

Sie sah ihn, Vorbild, gerührt ins Letzte, den Vorschuß des Café-Konzert an ein Kleid Renées geben, Essen für Guigui. Er speiste auf einer Bank im Monceau, damit sie nicht sah, daß er trockenes Brot aß. Sein Bett lieh er aus, blieb die Nacht im Stuhl. Er sprach freundlich zur Concièrge, obwohl er wußte, daß sie seine Manschettenknöpfe stahl. Lächelte, als das Sopha unter ihm brach. Ging still neben Ly, ohne Protest, als sie unschuldig wegen des Ringes als Diebin abgeführt ward. Sie sah mit einem schaudernden Mitleid, wie er sich verschwendete, Unfruchtbares tat jeden Tag, ohne Tat und Ziel, das half, wie er Hohn bekam, belacht, verschimpft ward, aber unrührbar blieb in seiner Weise.

Die Liebe aber zu seinem Vorbild wuchs daran über jeden Begriff, wuchs an jedem höhnischen Lächeln, das man auf ihn zielte. Bedenkenloser stellte sie sich vor ihn. Sie suchte noch mehr, ihm alles leicht zu bereiten.Sie sah, wie er sich quälte, das neue Schattenspiel zu stellen, Ordinäres und Geistloses aus den Tageskämpfen zog, Unterleib und Hirn des Pöbels zu reizen, um so die armseligen Sous für sein Leben zu gewinnen, die er doch wieder weggab. Und schien ihr sein Kampf verfehlt und schlecht eingesetzt am ungünstigen Hebel in mancher Sekunde, so schien die Stärke, die ihn überwindend führte, doch ungeheuerlich im Großen, daß sie über alles hinweg sich diesem hingab, restloser bemüht, zu sein wie er, Übel zu vergessen, Trost zu geben, ihm Stütze zu sein. Sie überwand sogar, was schwerer schien wie das andere, was ihr Geist vollbrachte, sie überwand ihren Körper. Holte Leder und Federn, übte die Tänze ihrer Heimat, deren Bauchkonvulsionen hinrissen, um seine schwache Nummer zu stützen und gab ihren Leib den geilsten Blicken.

Aber ihr Hirn erreichte selbst in der Opferung kein Glück.

Sie konnte, wo er sie gelehrt, tiefer zu schauen, die Abgründe nicht mit ihren Händen zusammenschweißen, die aus der Not verfluchter Zeit und dem Zwang, sie zu lindern, sich ergaben, und Dienen und Helfen schlugen ihr gleich Gewichten aus der Hand, wenn bei aller Hingabe keine letzte Befriedigung kam.

Sie blieb allein. Lief durch die Gassen. Erbleichte unter seinem Anblick, schloß sich ihm demütig an. Sie kamen ins Café, als Ly von einem Krampf ergriffenauf dem Rücken lag und schrie. Philippe ging auf sie zu und, indem er die Hand ausstreckte nach ihrer Stirn, gelang es, daß sie beruhigt aufstand. Daisy neben ihr auf dem Barstuhl. Renée verkaufte sich einem blassen Deutschen feilschend um ihre Taxe: hundert Sous. Sie frug nach Luison. Achselzucken. Sylvie, die mit einem Amerikaner zog, der ihr Opium ins Gedärm gab, eh er mit ihr schlief . . . „May?“ „Die Krankheit.“ „Riette?“ „Die Krankheit.“

St. Denis.

Das Wort schlug wie ein Hammer sekündlich in ihre Seele. Verheerte, verwüstete sie, trieb Wut heraus und Auflehnung, bis sie flammte. Schlichtete ihr Glaube sich an Philippes Nähe sanfter und demütig, ein jeder Besuch, ein jeder Tag rieb sie an der Unvollkommenheit, dem Irrsinn der Welt. Bald sah sie nur noch so, daß sie Kontraste maß, Distanzen spürte, das Riesige, was die Menschen schied und sie unglücklich machte, nur als geringe Strecke, als kleine Unterscheidung empfand und unverstehend blieb an der Hartnäckigkeit, mit der gestempelte Dummheit das Glück hintertrieb.

Samstag verschwand Renée, sie sah sie nicht wieder. Abends brach eine kastilische Mimi zusammen, spie das Lokal voll Blut. Man warf sie in einen Karren, er rollte los. Herauf schwankte ein Beerdigungswagen, ein Auto mit bemalten Kokotten schnitt die Bahn.Da fiel sie ohnmächtig zurück, wie vom Blitz zerschmettert von dem einstürzenden Gefühl der Unzulänglichkeit ihres seitherigen Lebens.

Die Nacht kam sie zu Philippe. Er hatte die Augen weit und sehnsüchtig auf sie gerichtet, wie sie, das Licht über dem nackten Arm, hereintrat. Sie ging bis an sein Bett, kniete auf das Holz. Sie neigte sich zu ihm, und es fiel ihr schwer zu sagen: „Wäre es nicht schöner, Philippe, du hättest Ly geholfen, statt mit ihr zu gehen?“

Er schwieg.

Dann sagte er: „Ich kann nicht bestimmen, auch du nicht, was ihr Glück ist. Aber ich suchte zu helfen, als sie litt.“ Es gab für ihn keinen anderen Weg.

Sie ging, sagte nie mehr ein Wort. Von ihrem Gesicht nahm stets sein Auge die Auflehnung hinweg.

Aber sie sah, wie das Café mit neuen Mimis sich füllte, wie die wieder verschwanden, zu rasch durchgekeltert, zerbrochen, verbraucht. Wie neue Wellen der Boulevard hereinwarf. Die Lues wütete. St. Denis sich füllte, gespeist aus tausend Lokalen, Schicksal sich vollzog, in der Maschine des Hospitals das Fleisch gesiebt ward, die beiden ersten Stadien noch mit Grazie vergingen, das dritte aber wie Pestilenz die jungen Körper durchwütete . . . . wie Verlebtes herausschoß, Angenagtes hineinkam, wie die Maschine kaute, fraß, schlang — — und nichts half an der Wurzel, nichtsumstülpte, was gemeinhin half. Gott nicht unterstützte. Was blieb als helfen? Nachts bohrte ihr Hirn, sie schlug an die Wand, riß an der Tapete. Ging sie mit Philippe, gab sie Hingebung, Duldung, Erquickung. Ihr Lächeln bezauberte. Louison beantwortete es zwischen einer Hungerohnmacht. Madeleine schien es, sie empfange mit ihren Bananen Himmel, Musik, Freiheit. In Philippes Leben stand sie und fühlte, daß er es brach wie Brot, zu heben, finden zu lernen, Stärke in Ruinen zu bauen.

Ihr Hirn jedoch bäumte sich dagegen und ihr Blut, das frisch mit den Dingen des Daseins strömte, daß er dem Ende der Tragödie sich nur hingab, in schon Zerschlagenem erst das Menschliche züchtete, statt an der Quelle groß und sicher die alten Schleußen zu zerschlagen und neue aufzubauen. Und mit Haß empfand sie seine große Begrenzung, die wohl das Eigentliche wollte und im Zerbrochenen gleich das Geläuterte sah, aber keinen Sinn hatte für Anfang und Ende des qualvollen Weges, der das Menschliche verdarb und vergeudete in einer ungeheuerlichen Preisgabe. Sie konnte nicht unterlassen zu denken, während er Madeleine sein Geld gab, ihre Geschwüre seien nicht, flöge ein Paragraph in die Luft; Guigui sei frei, blase ein Tapferer ein dünnes Vorurteil auf wie Seifenschaum. Wohl empfand sie süß aus jeder hilfreichen Bewegung, das Wichtigste sei, die Menschen zu bessern am Beginn,Menschen zu schaffen mit Vorbild und Beispiel, aber was half es, dauerte es Jahrhunderte. Ihr Herz, das mit tausend Fasern in die Zeit schlug, bewegte bei jedem Zusammenstoß mit dem Elend ihres Cafés, ihres Hotels, ihres Zimmers sie, einzugreifen, statt mitzuleiden, und der Irrsinn, der Hundert zerschmetterte, um wenige sinnlos zu heben, benahm ihr den Atem und ließ sie in Gedanken sündigen stündlich gegen seinen Sinn. Denn da im Umschwung des Daseins sie aus der oberen Kuppel des Theaters hinabgestürzt aus dem Willen ihres Blutes in die hintersten Parterre, empfand sie die Kontraste deutlicher und schicksalshafter wie er, der im Bodensatz nur lebend liebte und tröstete.

Und mit der Berührung des Primäraffekts erlebte sie erst die ganze Rundheit des Daseins und mehr als je klaffte ihr von dieser Tiefe ihrer Existenz nur die eine Losung: „Hilfe dem Menschen“, und aus Dreck und Kot und Unzucht kamen die Übersicht und die Entscheidung in ihr Leben.

Noch hielt sie seine Güte, noch brach nicht aus, was sich wehrte, noch rührte die Liebe zu ihm und sein Bild sie zu solchem Mitleid, daß sie nachts hinausschlich, seine Schuhe reinigte, dem Kaffee, wenn er morgens an ihrer Etage vorbei ihn sich durch den Garçon bringen ließ, einen Zucker noch, den er liebte, hinzufügte, wozu sie eine halbe Stunde harrend auf der Treppe stand. Sie mühte sich, in die Seineantiquariatezu laufen, Kolibris, Lederfransen und Muscheln zu kaufen, ihr Kostüm heller zu verzieren und ihren Tanz zu Schleifen zu bringen, die das Letzte, was Scham ihr noch ließ, preisgaben, damit sie seine Premiere sichere und ihm Ruhe gebe. Sie schwieg, während ihr Innerstes sich elementar schon empörte, rückte näher an ihn, schmiegte sich in seine verborgensten Falten, lebte selbst in seinem eingeschlafenen Gesicht.

Am Abend der Neuaufführung glühte der Kellereingang phantastisch. Die Stühle um zwanzig vermehrt. Sie stand im Kostüm halbnackt. Da arretierte ein Sergeant de Ville ihm die unersetzbare Sprecherin des Uhu. Das Spiel fiel aus sieben Minuten vor Beginn. Das Weib war im achten Monat, der Sergeant riß sie schleifend die Treppe hinauf.

Da überstieg der Zorn über das, was er am Guten verfehlte, an falschen Plätzen vergeudete und verpraßte und nicht aufhob für das Donnernde, das seinem Leben Ziel und Erhebung geben konnte, all das in ihr einen Augenblick lang, das an ihm hing. Geröteten Gesichts unter der Schminke bat sie heftiger, er solle sich wehren, nicht gefalteter Hand sich selbst zerstören und abbauen, statt zu schaffen. Aber er wehrte sie mit der Hand leicht ab und einem Ausdruck um den schöngeschlossenen Mund, daß ihre Hand, Verzeihung erbittend, die seine strich.

Aber sie verlor nicht das Gefühl, wie sehr die Unzulänglichkeitseines Lebens das ihre bedränge und daß sie sich zerstöre und fessele, lebte sie weiterhin wie seither. Sie verstummte verzweifelt. Sie empfand zum ersten Male die Ungenügendheit der Menschen, in denen die Führer taub und falsch gerichtet lagen und an denen zerbrach, was glühte.

Sie tanzte mit einem Lächeln, das sein Gesicht nicht ausließ, steigerte sich zu den schamlosesten Gebärden, hob Bauch und Schenkel, daß nichts ihr blieb, alles ins Publikum fiel an Reiz und Erregung ihres unbegreiflich schönen gebogenen Körpers. Während ihre Füße in Unzucht gingen, lobte ihr Mund nur sein Gesicht, forderte ihr Auge sein Lächeln.

Sie sammelte, durchbrach die knatternden Applause, stellte den gehäuften Teller vor ihn, strich über seine Hand. Ging.

In seinem Zimmer begann sie zu schluchzen. Sie sah sich um, verließ es.

Sie lebte vor Cafés, auf Imperials. Lebte Rue Richelieu, Rue Bonaparte. Kam Quartier Ternes, fuhr auf einem Karussell mit Affen am Etoile. Glühender Scheibe gleich sauste der Kreis des Daseins vorbei. Sie blieb draußen. Atemlos. Ohne Besinnung. Die Zähne aufeinander. Ohnmächtig Knie an Knie. Immer wars, es stürze wie über Terrassen das Gesehene und Erlebte ab von ihr. Ihre Verzweiflung trieb die hellsten Tage zurück. Der Papagei der Savoyardinim Luxembourg, der sie kannte und liebte und dessen Hals sie kraute seit Wochen in schöner Zärtlichkeit, rieb den grünen Kopf an ihrer Hand. Sie sah ihn nicht. Sie fuhr nach St. Germain. Vom Imperial brach die Stange vor der Station, ein Latschmützer sauste ab, hielt sich, stürzte eine alte Frau auf die Chaussee, sie brach die Beine, schrie aus kreisrundem Mund „Adolphe“. Kondukteur und Arzt herbei, der Apache bestach, blieb an der Ecke, höhnte: „un plomb“, der Schaffner warf das Bleistück wütend auf die Erde, ging mit roten Fäusten auf die Apachen, die die Zigaretten in den anderen Mundwinkel steckten, ihn über einen Zaun schmissen. Der Arzt reinigte sich, unter Gequietsch rollte ein Handwagen mit der Frau ab, die Männer sagten „merde“, schlenderten weiter. Die Vögel sangen toll. Aus einer blauen Woge trieb sich der Park gleich einer Wolke heran und stand zitternd in der duftenden Luft. Der Wind wogte golden um den Hochstieg der Sonne. Die Boskettes fluteten vor Licht. Sie nahm eine Bank. Hinter dem Brunnen ward der rote Strumpf eines Mädchens deutlicher, stieg, die Hand eines Mannes hob, der Rock flog auf wie ein Pfau. Als die kristallene Abendwölbung kam, hing eine rote Windfahne über dem Schloß, ein Mandelbaum, der fast weiß ward vor Hingabe, roch wie im Traum.

Frierend fuhr sie zurück.

Wohnte Trocadero, sah Flugzeuge silbern am Himmel surren. Rue du Château d’eau schlief sie bei der Concièrge, spielte abends in Porte St. Martin. Stand mitHeiligenbildern vor St. Sulpice. Wohnte Porte de Bercy, Bois de Vincennes. In einer Gärtnerei Neuillys goß sie Blumen, hütete ein Kind, bis es schrie und lief unter dem Schreien plötzlich davon. Stand fest vor der Porte Maillot mit „Intransigeant“, „La Presse“, empfing das Trinkgeld der Soldaten, hielt unter den Wasserpalmwedeln durchsausender Automobile, spielte Karten mit den Zollwächtern der Barrikade. War eine Negerin im Odeon, entblößte den Bauch und schwang ihn wie ein kupfernes Schild zwischen den zärtlichen Hüften. Hielt Narzissen in einem Kiosk der Place des Vosges. Stand auf dem Wagen der demonstrierenden Studenten der juristischen Fakultät, umbrüllt von Jugend, Benzin, Fleisch. Verkaufte „Les Trois Couleurs“, mit denen der „Matin“ den Deutschland-Frankreich-Rekordflugpreis des „Journal“ bekämpfte. Wohnte Rue St. Jaques, diebarock vom Panthéon steil und dämmerig zum Boulevard de Port Royal steigt. Sah Madeleine aus einem Auto, verhüllte ihr Gesicht. Fiel zurück in das Getriebe, sah Gare St. Lazare die Auslandszüge über den starren Friedhof brausen, drückte Blériots schwielige Faust. Stieß im Louvre auf Guigui, die mit schwarzem Lorgnon, elegant gekleidet, an ihr vorbei auf einen zottigen Rumänen sichlanzierte. Sah die blauen Monde elektrischer Laternen die Sommernacht der Boulevards schwärmerisch durchschwimmen. Wohnte Tuilerien zwischen Hecken und Marmorbildern. Kam in ein Musikcafé, eine Geige riß ihr ins Herz, löste sie wundervoll auf und zog aus dem Verschütteten mit dem schon über das Menschliche hinausgehenden Hinreißenden ihrer Stimme sie in die Höhe. Sie ging hinaus, begann zu weinen, kam auf die Bahnhofsbank des Boulevard Montparnasse. „Kommen Sie“, sagte eine Stimme hinter ihr. Durch Tränen sah sie den Mann, der im Café Cluny neben ihr die Zeitung gelesen, ihren Kaffee bezahlt hatte. Atemlos nahm sie seinen Arm. Da sie ausgedurstet war nach einer menschlichen Stimme, wäre sie gefolgt, wäre sie rauher noch und befehlender gewesen wie diese. Verscholl.

Aus den Sonnenblumen des Rangunschen Weibergemeinschaftshauses brechend, schlug Stefan ihr die Arme um den Hals von rückwärts, drückte, schob einen Knebel in ihren Mund, warf sie auf einen Gaul, das Tier lag in den Knien, ein anderer Pferdekopf schob sich vor, sie war frei, da rasten die Gäule, eine Hand riß ihren Zaum. Sie ritten die Nacht durch. Ihre Augen zählten die Äcker, sieben Bäche, sie lauschte. Geräusche. Alarm. Wasserzüge leuchteten Metall.Mond über einem Ölbaum. Der Mann schlug Schleifen, ritt ein Stück mit ihr im Fluß. Der Küstenstrich war alarmiert, er ritt zurück. Eine Finte. Seine Ohren standen steif vor Anspannung. Die Gäule stoben durch Gestein zurück auf einen Hügel. Vor dem Himmel gebrochen hingen Bergzüge in die Weißnacht, darüber eine Kuppe wie ein Segel geflaggt. Hinzu trieben sie in Wälder. Als sie den Gurt durchbrachen, Zweige um sie schnellten, flammte die Sonne auf. Sie kamen an ein Bambushaus. Er stellte die Leiter an, ging in den Verschlag, zog die Leiter hinter ihr ab. Als er sich umdrehte, ward sie unwohl, die Periode erfüllte sie mit Nebel, warf sie um. Abends, als sie die Augen aufschlug, entdeckte er es. „Vier Jahre“, sagte er, seine Hände zitterten. Sie sah an seinen Fingern hinauf, hinab, schlief ein. Anderen Tages mußte sie reiten. Sie ritt.

Sie ritt mit ihm, der unter holländischem Lampenhut das Kostüm des nördlichen Chinesen trug, um die Wette. Schlief bei Tage. Fuhren nachts in Lagerfeuer. Eingeborene zwischen spritzenden Spänen sausten, die Fäuste in den Augen, in die blonden Felder. Ölbäume zitterten erregt unten in Ebenen. Sprach kein Wort mit ihm, nur an seinen Händen sah sie die Sehnsucht von Jahren. Als sie wohl ward, kniete sie, beugte sich über den Kopf, der quadratisch geschlossen schnarchte. Beugte sich tiefer, roch ihn, empfand die Gewalt,schlug die Zweige zurück, auf Schuhspitzen und Handflächen schlich sie in eine Rinne, kam an den Rand, pfiff die Gäule, ritt nach der Küste zurück. Hielt am Mittag. Von ihrem Gesicht fiel ab, was sie gelebt das Jahr und was sie erwartete. Sie lauerte, überströmte sich mit Blut. Kehrte um, wandte den Rücken, schlug Stefan einen Pfiff, machte Bogen, führte die Gäule rechts und links am Halfter, rannte mit ihnen ins Wiesenwachs, ließ los . . . zwei Bogen sausten in den Horizont. Sie schlug sich morgens zu einer Karawane. Um sie Sand. Nach dem Berg zu. Allein.

Mitten trugen sie einen Alligator, vorn ein Parah mit Weibern für Bergradjahs. Die Armenier liefen beim Halt nach vorn, starrten in das Kattun. Daisy gab einem Ceylonier ein Messer für einen Esel. Er sah auf ihre Weiberhand, mißtraute ihr in dem Jünglingsrock mit abgeschnittenen Haaren, bedachte, es sei ein politischer Emissär, meckerte, sah Rebbach in der Beziehung, blieb treu neben ihr. Abends hob sich der Kattun des Vorderkamels. Hüften schaukelten prall und weiß. Ein Tuch fiel. Eine Auge grell nach Fleisch suchte das ihre, die Lider senkten sich, der Kattun verschluckte nicht das Zeichen. Es galt ihrer männlichen Kleidung, der tänzerinnenhaften Bronzeschlankheit. Am Morgen kreuzte sie eine Karawane. In der zweiten Reihe ritt Stefan auf sie zu, sie erstiegeneinen Palankin, sie schloß die Augen. Wieder roch sie seinen Körper, dessen breite Muskeln sie fast zerbrachen. Demütig nahm sie seinen Zorn, seine Beglückung. Sie hoben sich aus den Knien. Der Kattun beim Vorderkamel stieg in die Höhe, das Zeichen des ersten Feuers kam. Dolche sahen in den erhellten Palankin. Wütend schlug der Kattun zurück. Das Weib heulte die Nacht, geschändet in ihrem Geschlecht, denn das Tun der beiden Männer im Palankin war ein Greuel. Am Gebirge bremsten sie, trennten sich von der Masse, schlugen sich in die Täler. Ein sanftes Gesicht wandte sich ihm zu, als sie allein hinter einer Düne standen. Allein die Fremdheit dieser Ergebung füllte ihn mit Mißtrauen so, daß er sie mehr beobachtete, als hätte sie Fäuste in sein Gesicht geschlagen. Doch sie tat keinen Laut, ergab sich und war in ihrem Erleiden und sich Schenken von einer Entferntheit, die ihn rasend machte hinter seinem steinernen Gesicht. Entfernte sie sich: „Halt“. Ging er vor ihr, sahen zwanzig Augen aus seinem Rücken. Führte sie, fraß sie sein Blick. Doch je mehr er sich bemühte, um so mehr gab sie sich ihm schrankenlos in die Hand. Allein er empfand auch hierin nur, was sie verschwieg.

Als ihr die Milz schwoll vor Feuchtigkeit, Fieber ihr Hirn verwirrte, trug er sie am Leib an einen Sonnenabhang. Das gesteigerte Blut wehrte sich, sie schlug ihm das Gesicht auf. Als das Licht das Fieber ausihrem Körper warf, sah sie das Blut. „Ich schlug dich nicht“, sagte sie. Er schwieg. Da küßte sie seine Hand; „Verzeih.“ Sie lag wie ein Kind an ihn geschmiegt. Er sagte nichts, denn er besaß.

Je mehr er besaß, um so stärker zog er sie in den Kreis, den seine Kraft um sie schloß und sie bedingungslos ihm gab. Bronzekörper fielen hinter sie zurück, Geschlitzte trieben Yaks auf Abhänge, tranken Alkohol, schrieen die Nacht. Er band sie mit jedem Gedanken, als es schneefrei ward. Ihren Willen schied er aus. Seinen pumpte er ein. Ihr Schritt ward bestimmt. Das Moos für den Fuß bezeichnet. Selbst ihren Gang, da das Unaussprechliche ihrer Ergebung ihn wie mit tausend Widerständen peinigte, regelte er nach Tempo, Biegung, er hätte versucht, sein Blut ihren Adern einzuführen, das dunkle Letzte suchend, was er besitzen wollte. Die Nacht nahm er ihr die letzte der achatnen Kugeln. Im Morgengewölk entblätterte die Spitze. Ein schnurgerader Weg in Fels gemeißelt blitzte hinauf. Links, rechts sausten Abgründe. Am Ende oben stand ein Bau. Zweimal stieß Stefan vor, kam zurück. Das drittemal war er bleich. Er untersuchte die Abstürze, den Stein, blieb die Nacht weg. Am Morgen kam er: Aus. Rot im Weiß des Auges. Die Hände hingen schlaff. Sein Mund murmelte die Stationen, die in vier Jahren die Sehnsucht ins Irrsinnige gesteigert: „Paris . . . Marseille . . . Kalkutta . . . Pegu.“

Sie lächelte, band den Gürtel schräg, torkelte, strich die Sandalen ab und ging mit einem kühlen Schatten neben sich los. Auf das Tor zu. Klopfte den vierfachen Rhythmus, es schloß sich hinter ihr. Sie glitt in die Welle, die im Kreis des Hofes brauste. Senkte den Kopf, schritt mit, strich nach zwei Stunden von der Peripherie, sah ein gelbes Band, kam in den zweiten Stern, sprach eine Minute, glitt durch die Barriere in die innere Drehung. Die gelbe Binde verschwand, bückte sich. Ein anderer wiegte an der Seite. Sie kam näher der Kuppel am Mittag. Der Kreislauf faßte sie enger um die Mitte, schlang sie ein, trieb sie in den innersten Kern, sie flog von Schleife in Schleife, glitt an ein Metall, es erzitterte, nach fünf Minuten kam sie bleich mit einer Tafel. Den Kopf gesenkt, die Welle nahm sie auf. Langsamer und vorsichtiger spie sie sie aus. Ihr Bein tat weh im Torkeln, aber das vergangene Jahr verließ sie nicht. Sie strömte durch das Brausen, die Flügel des Umschwungs geleiteten sie mählich, hochmütiger aus dem Herz des Sternes. Gegen Abend zog die Menschen-Mühle mit Schweigen, sie bog in die äußerste Peripherie, stand abgestoßen vor dem Tor.

Es war dunkel. „Komm“, sagte sie.

Sie überschritten den Steg, ein schmales Tal schmiegte sich entlang, am Ende ein Tor. Die Türen sperrten, die Nacht zischte in der Laterne, die ihr Gesicht überflog,das Licht fiel auf die Tafel, das Gegentor schoß auf. Die Ebene lag vor ihnen. Sie lächelte. In seine Hand gab sie die Tafel, sie konnte sein Gesicht nicht sehen, später erst ward der Himmel heller, fiel weiß im Bogen gegen den Grenzfluß. Unter dieser Bewegung spürte er, daß das Unwägbare in ihr, was er gesucht und nie erreicht, solang er gezwungen, ihm näher nun, wo sie sich über ihn schwang, war als je. Dies schlug ihn ganz zusammen. Sie übersah es. Blieb die gleiche. Frug ihn nach Weg, Leitung, gab ihm die Führung, folgte ohne Zögern. Sprach ruhig zu ihm von Wäldern und Flüssen und Dingen, die sie umgaben. Von sonst nichts. Sie häufte alles auf ihn, was ihm das Ansehen, den Ausschlag, die Leitung gab. Als es ihn zu sehr bedrückte, ergab sich eine stillschweigende Harmonie, sie wünschte, er tat, aber sie zeigten, sprachen es nicht aus. Er verstauchte das Knie eines Tags. Sie blieb erschrocken, da fraß ihn das, was ihm Komödie schien, ans Herz, er brauste auf, die Schläfen wölbten sich, die Fäuste wuchsen. Sie aber unterzog sich dem ohne Betonung, demütig, nahm es hin wie vorher. Dies wischte seine Erregung weg, und von diesem Augenblick blieb er in einer gefaßten Ruhe, die jede Schwingung seines Blutes in einer ehrfürchtigen Entfernung hielt. In diesem Gefühl fand er sich wieder, wurde stolzer, sicherer, und so empfand er die Entfernung, die sie wirklich von seinem Erleben trennte und zu deren Aufstieg der großeWeg ihn noch trennte. Von weißem Licht bespült, fast unirdisch in der Ruhe der Fächerabende kreiselte ihr Floß, dessen Ränder sie bewohnten. Der Himmel hatte die Farbe des Perlhuhns, seiden in der Berückung der Flötendämmerung. So entglitt sie ihm immer ferner, je tiefer er sie in Wahrheit erkannt und empfand, und indem sie das sprengte, was er bis zu diesem Tage als höchstes Vertrauen seiner Kraft in sich hielt, befreite sie in ihm die Freiheit, die mit schmerzlicher Glut ihn ganz erfüllte. Aus einem Abend stachen Dampferlichter. Unter senkrechter Flamme entzündete sich ein Hafen. Eine Stadt mit Musik, Cafés, Papierlaternen und Lichtern kam aus der Wölbung. Als sie in der Bahn abfuhr, sagte er wie im Garten Guildendaals: „Du bist der Wirbel, der mein Leben einfängt“, aber er sagte es mit einem schmerzlich veränderten, zu anderen Entschlüssen umgebrochenem Gesicht. Sie nickte zurück. Aus dem Aufschlag ihres groß bewimperten Auges blieb eine träumerische Bewegung in der Luft, die bald rot ward. Die Ebene glitt in dunklem Samt zurück, der Himmel berauscht, bebend wie eine Trommel, grau mit tierischem Glänzen der Fluß. Sie schloß die Augen und es kam nur das lösende Gefühl mit grenzenloser und gütiger Kraft: Schlaf.


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