Der zweite Abschnitt

Die Siebzehnjährigen bestiegen einen Dampfer, den Brown gechartert hatte, weiß wie Porzellan. Sie reisten ins Innere. Das Fräulein, der Lehrer bezogen Kabinen. In hellen Kleidern lehnten die Mädchen am Reeling. Vaudreuil winkte herauf vom Land. Browns Arme schlugen Rudertakt. Daisy schmollte den Mund schief. Noch einmal: „Komm“. Vaudreuil lachte, schüttelte den. Kopf. Man fuhr los. „Pa kommt nicht mit“, sagte Syg. In Daisys Stirn fiel eine Locke: „Du solltest dich nicht weiß anziehen. Du bist zu dunkel. Nimm blau.“

Vier Tage fuhren sie den Lorenz hinauf, die Hitze um sich, weiß. Abends ankerten sie spät, um solang als möglich Fahrtwind zu haben. Dann kam die Nachthitze traumhaft. Die schwüle Ruhe lastete mit sprengender Unausgesprochenheit. Spät kam ein Dachs ans Ufer, hob die Ohren, legte den Kopf fast auf die Luft, so weich, soff dann. Als nichts zu sehen mehr, erhob sich das Schlürfen anderer Tiere. Mit jähem Luftdruck schwebte ein Fregattenvogel von den Wellen glatt übers Deck. Aus dem blauen Dunkel formte sich Figur, Geschehen. In weiten aufschwellenden Kreisen vollzog sich Manches, nicht gesehen, aber gewußt undgeahnt. Das Ufer, das versackt drüben lag, spannte sich herüber, kam hergeschwebt, riß zurück. Das Gebrumm der Mücken über dem Schlafnetz steigerte sich, bis, mit allem verwoben, es eine Höhe erreichte, die sich selbst nicht mehr ertrug. Da schlugen aus der Spannung von Masten, Geländerspitzen, kleine blaue Flammen auf.

Das Erregte ward nun lauschend, erwartungsvoll. Mit großen Augen überwanderte sie den Dunkelheitsbogen. Ihr Herz machte sich heran an jeden Laut, mit jedem Geräusch ging es hoch und tief. Schlug mit dem Gesäusel des abfahrenden Wassers an Backbord, mit jedem Astwedel, der schauerte. Doch kam es auch zurück. Sie fühlte in sich, als geschähe es in ihr, das träumerische Aufschnellen der Fische und das jagende Husch, wenn ein Nachtvogel die Seile durchschwamm. Irgendeinmal in solchen Nächten schlief man dann ein.

Nun kamen Inseln. Smaragdgrün und gelb war der Strom getupft. Sie loteten den Tag durch. Gemischtes aus unbekannten Blumen und Wasserfäule lag als Barriere davor, erstickte sie fast, als sie eindrangen. Betäubendes Labyrinth von Kanälen umgab sie. Die Inseln wurden kleiner. Ach diese, ach jene, deuteten sie, und schon war alles verwirrt, erkannten sie die erste nicht mehr. Sie sahen keinen Boden. Es wucherte nur. Nachts hingen Schlingpflanzen herunter,im Licht, wie Drähte gespannt, die wogten, durch die von Astlilien Kopfweh heruntersank und ein grausames Süßes, das sich kaum über dem Wasser trug, einsank, in die Wellen mischte, so schwer war es.

Morgens tat eine Bai sich auf. Silbern trat die Sonne aus dem Wasser am Horizont, der ruhig, endlos lag. Sie atmeten tief in das nun Geweitete, befreit. Am Mittag schwammen neue Inseln entgegen. Aus gewaltigen Grasbüschen wuchsen Bäume mit kalt geformten Blumen. Schlugen Brücken miteinander. Die Sonne war weg, der Himmel zu. Unten liefen Regenbogenfische. Oben schwirrten bunte Vögel, ohne Rast in Bewegung und Getön. Dazwischen wogte blauer heißer Dunst.

Abends kamen sie ins Freie. Sie liefen wehend zum Vorderschiff, winkten hinaus. Schrieen: „Das Meer!“ Doch im Untergang brach sich die Sonne in einem gespaltenen Rubinfächer hinter neuen Inselherden. Sie griffen sich auf, sammelten sich, umtrieben sie mit Kanälen und Buchten, in denen sie irrten. Syg holte Daisy in der Nacht, sie schlichen im Schatten der Pflöcke bis hinter die Taurolle. Am Reeling stand neben dem Fräulein der Lehrer, sie sagten nichts, berührten sich nicht. Er wies immer mit dem Kneifer gegen das Wasser. Da unten schwamm aber auch nichts. Jedoch sprang später aus einem Baum eine Katze auf Verdeck, fraß neben der Küchezwei Hühner, die Matrosen machten Jagd, und das Tier sprang durch die Glasscheibe in Browns Kajüte. Die nackten Beine sehr verhaart, sonst nur im schwarzen Predigtrock fuhr er entsetzt mit verschlafenen Haaren auf dem Deck herum, bis man ihn beruhigte. In der Nacht fuhr das Schiff weiter, es gab ziemlich Licht von oben.

Morgens erst schlugen Himmel und Wasser entfernt fest zusammen und machten einen Kreis. Erst da ward es endlos. „Das Meer“, sagte Daisy.

„Es ist auf der anderen Seite.“

„Ich weiß Syg.“ Sie machte einen Bogen, am Geländer saß Well, der Wolf des Steuermanns. Er legte den Kopf, als sie sich kauerte, auf ihr Knie.

Gegen Mittag ward der Ontario tiefblau, spannte sich in gebogenem Spiegel hinauf und in seidiger Biegung abebbend hinab. Im glänzenden Himmel begannen Striche zu wachsen. Hoch über dem Horizont, fast wolkennah schwebten drei große Schiffe. Der Mittag ward voller, ging auf wie ein Gestirn, kam aus sich selbst und zerrann. Toste von Farben. Der Horizont ward dunkel von Glut. Es ballte sich die Weite, durchdrang sich und lud die Atmosphäre mit einem gepreßten ausschwingenden Atem. Segler nahten da und dort, hingen Fahnen heraus, bogen über das glashafte Seidene des Sees herab. Von eigenen Masten flaggten Fahnen, das Deck zog festlich, schmal dahin.Unter der Brise legte das Schiff sich seitlich. Well sprang auf, knurrte, schnappte nach ihrer Hand, sie zog ihn an der Gurgel wieder herunter. Schaumdünn zog Land in einer reinen weißen Wölbung heran. Hinter ihnen sammelte sich das Geweitete, schwang ab in Klarheit mit dem berstenden Geknäul. In der dünnen singenden Luft begann das Segel über ihr sich plötzlich zu drehen. Geräusch von Ruder und geschaufeltem Wasser fiel aus ihr heraus. Mit dem davonschwingenden riesigen Segel flog es in ihr hoch. Es bäumte sich wieder, überrannte sie, stieg aus ihr und gab sich hinaus, erschauernd, tastend, eine Sekunde. Als ihre Haut zu zittern anfing darunter, sprang das Knattern und Schäumen wieder in sie. Vorbei. Sie bebte. Wandte sich um. Das Gewesene nahm plötzlich Platz in ihr wie vorher. Aus einem Hafen kamen Drähte, Stangen, Schorne, schoben auf sie zu, fesselten sie mit ihrer Gegenwart an. Sie fuhren ein in Toronto.

Brown brachte ein Tuch. Es ging auf. An der Mole flaggte es viermal. Sogar eine Rakete schoß hoch und knallte. Darauf kamen Wagen hergerollt aus einer schrägfallenden Straße. „Sie kommen“, sagte Brown, rieb sich die Hände, schmunzelte verschmitzt, es ward eine harte Grimasse. Sechs Wagen standen nebeneinander. Junge Leute sprangen herum, hatten schiefe Helme auf den Köpfen, sammelten sich, stampften, stellten im Kreis sich um einen starkenBurschen und schrien Hurras. Der junge Mann sprang im Satz an Bord. Brown fing ihn auf, umarmte ihn, zog ihn beiseite, wisperte, sprach, kicherte. Hinter seinen Gesten sah der Bursch herüber, schnitt Fratzen vor Ungeduld, trippelte, hob den Nacken, grinste ins Blaue. Brown brach ab, schnickte den Kopf, nahm ihn am Arm, führte ihn sorglich hinüber, stellte ihn vor. Sein Neffe.

Drei Stunden Zeit. Sie erkletterten Wagen, die Peitschen stäupten auf. Fuhren den Strand entlang, sahen die Muscheln angeschwemmt in Wällen, einen Fisch, den Dampfer Skania verkracht, die Kessel gespießt von Klippen. Sahen grünseidene geschnittene Rasen abgleiten, Blumenschlangen, geordnete Beete. Sahen von Basalt umstellt eine wütende Quelle, die trommelte, schlug, aufstieß, im Schweigen noch bebte. Machten einen Korso. Stiegen ab, empfanden, es war gut, war schön. Sahen sich in die Augen, sahen die Hände, die Hälse, lachten. Tranken Wein, Schokolade. Lächelten, als Browns Neffe den Lapin setzte, Brown abschob, bei ihnen landete, das Trittbrett abhieb im Schwung. Sahen seine Achseln, das Braun des Gesichts, die Hände. Sahen das weißhelle Blau um die Pupille. Fuhren durch Spaliere, hohe Drähte mit Gärten, die schwebten. Durch eine Palmenallee, Bosketts mit Hyazinthen, Springbrunnen, durch Berge Duft. Fuhren durch Straßen mit Riesenfelsen, dieselbst Dynamit nicht zerknackte, unbeugsam blieben. Fuhren unter Hebelwerken, sausenden Oberbahnen. Fahren durch ein Dickicht, ahnten Lichtes, spürten Bewegung, sahen dünn wie Lippen Gesträuch sich spalten. Sagten: „Ontario“. Sahen den See.

Sygs Tuch fiel.

Die Augen streiften, erzitterten. Drei junge Männer sahen nach einem alten Herrn, der ein Ei aufschlug, blieben daran, erröteten, drehten die Hälse zurück, schwiegen, wandten sich immer mehr um die Achse, verrenkten sich, sahen zuletzt in die Luft.

Daisy bückte sich, hob das Tuch selbst, ließ die Lider gesenkt, die Mundwinkel etwas erschlafft. Lehnte sich ins Polster. Sah Pferdeköpfe, Pferdehälse, Browns Manschetten kommen, näher, sich vorschieben, bog sich hinüber: „Zum Hafen“.

Ging rasch, behend, teilte Handdrücke aus, suchte den Kapitän, ersuchte, den Abend noch zu fahren, sah nicht zurück, pfiff dem Hund. Der Ontario lag wie Stahl. Zwei gelbe Segel flauschten groß im Mondschein vorüber. Das Wasser wellte, spielte um das Licht in riesigem Blaukreis. Sie schloß die Augen halb, zog den Kopf des Hundes in den Schoß, einen Zug Leids von der Braue nach der Stirn. Nicht um sich. Sie stand auf. Sie fuhren die Nacht durch, den Tag. Fuhren an Dörfern vorüber, wendeten, sahen sie das zweite Mal vorübergleiten. Kamen aneine Bucht, Gelächter erscholl beim Baden. Die Linie aber wich nicht von der Stirn, die sich zum erstenmal verbog, belastete, überschnitt. Sie fuhren nach Hamilton. Nach Oswego. Legten an bei Port Hope, stellten den Dampfer ins Dock, fuhren nach dem Huron. Zwei Stunden in der Bahn, erbleichte Daisy an den Schläfen, wimmerte hinter verbissenen Lippen, fiel in Ohnmacht, erwachte die Nacht, fiebrige Augen im Dunkel. Sie brachten Essen, Trinken. Sie starb fast unter dem Drängen. Gegen Morgen frug Brown: „Was willst du?“ „Zurück“.

Sie hielt dort an sich drei Tage, saß still bei der Mahlzeit im Garten, fixierte manchmal das Auto, das kam, fuhr. Knüpfte nach dem Lunch eine Hängematte auf die Veranda, stieß den Laden zum Privatbüro zurück, schaukelte; als Vaudreuils Kopf über ihr war, sprang sie auf, eilte über die Diele, trat in das Büro, bat, daß er Syg adoptiere, stand mit ausgebreiteten Armen gegen die Wand.

Der Marquis blieb am Fenster, legte ein Messer auf den Papierstoß, schnickte das Kinn hoch, zweimal, sah auf das aufgeschlossene Gesicht der Tochter, aus der die Bitte troff, ein Leid sich weit erhob, starrte, nickte, aber sein Blut, das ohne Dünkel war, sträubte sich gegen das andere Blut, auf das sein Name, sein Blut sich legen sollte. Sagte: „Sie muß sich gewöhnen, noch mehr Schmerz aus ihrem Blut zu haben.“ Tonlos,ohne Bewegung schlug Daisy die Lippe auf: „Sie würde es leichter tragen.“ Ein Spalt warf das Lächeln des Vaters über sie, überlegen, kühl: „Das ist kein Vorteil.“ Aber von ihrer Haltung ging es über ihn und was er vorbrachte hinaus: „Sie wird es stolzer überwinden.“ Da beugte der Marquis den angezogenen Nacken, machte eine Bewegung mit der Hand, unwillkürlich, schwach, aber mit einer Bedeutung, die sie ehrte und grüßte. Sie wurde rot, das Straffe, das sie geführt zum Erfolg, zur Sicherheit, ließ ab, entfaltete sich in eine rührende Bewegung. Sie ging hinaus.

An der Tür sah sie ihn gebückt, er schob eine Kassette auf, vernahm ihren Namen, weich eingehüllt von ihm. Er zog die Nickelschlüssel, gebogene, drahtschlanke, barocke, wählte klirrend, schob auf, kam auf sie zu, sie ging entgegen. Er sprach beiläufig, ruhig, gewohnt: „Die Frauen trugen sie zur Hochzeit. Dann ihr Leben. Ich gebe sie dir früher.“ Sie trug eine Kette aus gelbem geflochtenem Dukatengold, daran drei achatne Kugeln.

Lief stracks zum Schiff, winkte, kam näher, sprang auf das Brett, rief nach dem Steuermann. Sah seineHand, die die Luke aufstieß, zerlegenes Haar, die Hemdsärmel, die Riemen, geblendete Iris. „Was willst du für Well,“ sie deutete mit dem Fuß auf den Wolfhund. Er fuhr mit dem Unterarm über die Stirn, rieb den Handrücken über die Augen, zeigte rasch die Zähne, schüttelte wirbelnd die Hand. Nein. Sie kam in der Dämmerung wieder, hob die Luke, stieg zur Kajüte, stellte sich in die Tür, ließ sie offen. Fragte. „Nein“. Sie lachte, kokettierte, betastete sein Messer, das grüne Glas, den Wandkork, verzog die schelmisch gestreiften Wangen, sagte zweimal plötzlich: „Ich lasse Sie entlassen,“ ging mit hängenden Armen. In der Nacht bellte es im Garten, ein Hund bellte wie auf der Jagd. Sie öffnete die Balkontüre. Well im Garten stand naß, triefend, außer sich. Sie öffnete unten die Haustür, ließ ihn herein, er legte den Kopf auf ihr Knie. Wie auf dem Schiff. Sie vergaß es nicht.

Ging früh zum Dampfer, trat aufs Brett, zog es ab, fuhr zurück, rief in die Luke, sah unten den Kopf des Steuermannes. „Ich bringe Well zurück.“ Ging mit langen Beinen rasch hinauf. „Do . . . do . . . Daisy . . .,“ schnatterte die Nurse, faßte ihr Kleid, küßte es, den Arm, schloß sie an den Busen an, schmatzte, schlug die flache Hand auf den Mund, tremolierte. Hatte von Vaudreuil ein kleines Haus, zwei Kühe, eine Magd. Klatschte in die Hände, summte still vorsich hin, trat mit dem rechten Fuß dazu auf. Im Gang tollte Well. Sie ließ ihn zurücktreiben. Saß allein in ihrem Zimmer, schob das Hemd ab, sah im Spiegel über dem bronzenen Körper die Kette mit den Kugeln, als liefe ihr Blut hinein, ihr Alleinsein, ihr noch Unbekanntes, Umschwebendes, ungeheuer Verhülltes, glänzender und kühler als ihre Haut, aber ihr zugehörig. Wie ihr Bein, ihre Warze, ihr Schmerz.

Der Steuermann am Morgen stand auf der Diele, zerknitterte den Hut, nickte mit dem Nacken, breitete das Maul aus, fletschte, hatte einen Sohn im Büro, spritzte Kautabak, fuhr Pelze seit Jahren, Schiffe, Städte, Stapel . . . kaute seine Frau heraus, gab ihr Reiz, Alter, ein schiefes Ohr, Zufriedenheit . . . riß den Hut hoch, die Tür auf. Well stob herein. Er war unbrauchbar. Sie hatte ihn verdorben. Er blieb nicht mehr. Er brachte ihn fluchend, Zwinkern in einem Auge. Sie suchte nach einer Note. Er nahm sie nicht, hätte ihn nie verkauft. Er wollte ihn nicht mehr. Gab ihn ab. Ging. „Gib ihm ein besseres Schiff,“ sagte Daisy Vaudreuil, „ich will nicht, daß er mir schenkt.“

Den zehnten Dezember fuhren sie nach Montreal, hoben Syg aus dem Auto, hoben sie adoptiert hinein, kauften den Tag über, machten Kommissionen, besahen, beschauten den Mittag, stopften ihn voll, eilend, häufend, bis er abbrach, die Dämmerung kam mit Laternen. In einer Schwebebahn glitten sie aus ihnen heraus.Weiß eingenietet brach die Landschaft gegen den Himmel. Das Nachtlicht flog eisern über Kanäle. „Halt“.

Daisy stieg aus, sie suchten ihren Schleier, fanden ihn, stiegen ein. Am Trittbrett wandte sie sich langsam herum: „Nehmen Sie vor uns Platz, Fräulein.“ Sie übersah den Lehrer, zog die Achseln ein wenig an, schüttelte sich, legte den Arm auf Sygs Schoß, die ihre Grausamkeit nicht begriff. Vor dem Schlafengehen gaben sie sich die Hand. „Du bist froh Syg?“ „Ja.“

Der Winter nahm Kurve auf Karneval, steigerte mit jedem Tag, den er vortrieb, das Gedrängte, Erhitzte. Männerstimmen jauchzten aus Schlitten zu, die die Gegend überkreuzten. Aus Pelzen hoben, winkend, beringte Frauenhände Tücher. Schellen überflirrten die Nacht. Auf Stahlringen der Flüsse kerbten Kufe. Damen fuhren mit Meuten, die vorrasten, sich überschlugen, Haken bogen, von Lachen aufgereizt, verärgert wurden, bis sie sich verbellten am Schlag wie ein Wespenschwarm. Pistolen funkelten in Wintersonne, schossen Salut am Portal. Illuminiert, aus jedem Loch Licht stoßend, hingen die Häuser der Seigneurs am Horizont. Kostüme kamen, bliesen Tuben.

Vier Fackelträger stiepten die Glut durch die beißende Luft. Alf fuhr sie in einer Kurve vors Portal, die Pferde stampften in einer Wolke, spritzten Schaum. Syg trug blaue Kleider. Diener stürzten auf die Treppe,zwischen Kerzen über Treppen. Der alte Fribaurt führte Daisy. Syg hatte sein Sohn, dessen weibische Lippen lächelten, ihre Knabenhände nachbebten, als sie eine Orange ihm schnitt. Im hohen Fensterbogen sah Daisy sie vorbeischwimmen, ihre Zähne leuchteten, den Körper eingespannt in den Schwung des Partners, ihr Gesicht glatt wie Frucht. Sah Syg hineingleiten in Unbekanntes, ohne Widerstand, ohne Bewußtsein, aufklingen in der Saalluft, Fremdenlust, Manngetanz. Sie zog die leise aufschwebende Linie zwischen Auge und Schläfe mit dem Finger aus. Im vierten Gang der Familienquadrille blieb ihr Blick im Fenster, ihr Fächer fiel, ein kleiner Schrei, die Paare verwirrten sich, das Arrangement schoß zum Teufel, die Augen suchten an ihr. Sie deutete auf den Fächer, der alte Fribaurt küßte ihr, zornkochend, ehrfurchtsvoll die Hand. Sie aber suchte sich noch einmal hineinzubegeben in das Umfassende, das sie nicht faßte. Sie spannte sich ihm entgegen mit aller Kraft und suchte es zu erreichen. Nahm den Arm des spanischen Vetters, gab sich seinen Pas hin, der Eleganz seiner ungewöhnlichen Kurven, schaukelte, am Platz drehend, durch alle Voluten der Geschmeidigkeit, trieb mit ihm in die Entfesselung der letzten Äußerung ihrer Körper. Zog zugleich die Kraft an und den Willen, tastete, drang vor, erreichte nichts, erreichte Fremdes, glitt ab mit der Seele. Sein Knie schob sich zwischen ihre Schenkel.Sie ließ die Arme los, die Nasenlinie ward schärfer. An der Ballustrade erwartete sie Syg.

Alf auf dem Rücksitz kreuzte die Arme im Muff, Daisy führte, das Eis schimmerte rosa. An der Ecke der Bucht knirschte das Eis, flimmerte im Frühlicht, wurde tief, herb, hielt drei Meter, brach. „Pha . . . lux.“

Sie blieben sitzen. Alf kniete auf dem Eis, haschte die Schlinge, zog sie an. Riß dem Gaul die Adern am Hals zusammen, zog sacht, langsam den Hals des strampelnden Tieres hoch. Der Bauch schwappte, die Beine traten immer mehr Eis hinein. Alf machte eine gewaltige Bewegung, das Tier ward ohnmächtig, ruhig, ging unter. Nun zog ers herauf, schleifte es aufs feste Eis, schlug die Schlinge ab. Massierte die Schlagadern am Halsstrang. Das Tier röchelte, schnappte tief Atem, sprang plötzlich auf die vier Beine, fing sich in der Kandare. Sie fuhren weiter. Syg klatschte mit den Nägeln auf den Daumenballen. Da brach das Eis zum zweitenmal. Alf würgte das Tier, um es zu retten, zog es herauf, frottierte es ins japsende Leben zurück. Als sie auf das Haus zu hielten, zog Vaudreuils Auto, vom Lorenz her, die Schleife am Fluß. Sie stiegen zugleich aus.

„Zweimal mußten wir das Tier erdrosseln,“ Syg küßte ihn. „Zweimal“, lachte Vaudreuil, schlitzte die Augen eng zur Seite. Daisy war bleicher, aber schöner, gespannter als Syg.

Der Winter kulminierte, schwang auf der Kurve noch, floß herunter. Ging vor den Fenstern irgendwie, irgendwo zu Ende, krepierte in den Mulden südlich, fraß sich satt noch hinter dem Waldgurt zum Hudson. Irgendwelches geschah, rauschte, färbte sich mit Männern und Frauen und Pferden hinter dem Glas, das ihrem Atem sich zuwölbte. Manchmal gings in der Nacht über den Horizont hin, wälzte sich, glühte sich breit aus, manchmal surrte es in der Saublutsonne, manchmal war es unter sackendem Schnee, brüllte um den Himmel, jagte an den Bäumen. Sie hob die Achseln, ging zum Stall. Das Eis sprang bis hoch in den Norden. Alf wartete mit Gäulen. Abends kamen sie von der oberen Mühle. Der Boden war fester. Blitzende Wolken flirrten zag und dünn herbei. Hirsche scharrten um eine verdeckte Quelle. Sie umschlich, kam heran, schoß nicht. Schoß einen Dachs, trug ihn ins Speisezimmer. Vaudreuil erlaubte den Ausflug mit Alf zu den ersten Faktoreien. Ihre Schenkel waren stark, sehnig, gereckt vor Grazie und Grausamem, die Hüften in beispiellos abfallender Glätte. Zwei Tage sattelten sie. Alf pfiff die Hunde heran, zurück. Ordneten, stapelten. Telephonierten, packten die Säcke für die Tiere, Teppiche, Pelze. Am vorletzten Tag kam ein Segler den Ottava herauf.

Unter den Hurras wimmelte es an Helmen am Anlegeplatz. Brown schwebte auf der Veranda, breitetedie Arme, rief, was keiner verstand. Die Torontoner Studenten kamen in einem überlieferten Zug, vorn ein Dudelsack, dann zwei mit am Rücken gekreuzten Armen, hinten ein Trommler, ein Schaf, ein Kind, unterm Arm einen grün bemalten Hahn. Ans Tor kam der Marquis, empfing, lächelte ein wenig. Es waren Engländer.

Acht Tage fingen sie Fische. Lagen halbnackt auf den Balkonen. Schlachteten Ziegen, Schweine, Stiere. Tranken in einer Mondnacht eine Bowle, steckten eine Hütte an, fuhren mit Lampionruderern aufs Wasser, warfen um. Lungerten die Weiber um die Pavillons, schrien nachts, quietschten, machten Vaudreuil sein Schlafzimmer wechseln, kein Wort sagen. Spielten Dudelsack morgens, abends, boxten, schrien alle durcheinander, hieben aufeinander ein, entknäulten sich, zogen blitzschnell in Zweireihen singend ins Wasser. Spritzten, badeten, rauchten.

Mittags ritt Daisy mit Alf und Browns Neffen über einer Fuchsspur, folgten sie über einen Acker, trieben um einen Wald, durch einen Bach. Als der Mann ihn im Schuß hatte, wich er, als bocke der Gaul, zur Seite. Daisy kam ins Schußfeld, rümpfte die Nase über die Achsel, schoß nicht.

Alf wagte nicht zu schießen. Ritten stumm nach Haus. Ostwind hatte sich an den Pappeln hochgewirbelt, war über den Wald aufgebrochen, losgesaust, wellig, weiß, fließendohne Pause stürzte er herunter. Sie fuhren ihm in Jollen schnäbelnd mit der Pinne entgegen, flogen wie Weberschiffe herauf, herab. Er faßte herüber nach ihrer Hand, da ließ sie den Fock los, der Großbaum knallte ihm über den Kopf, er wandte, warf sich herum. Faßte wieder ihre Hand, ihren Namen, ihren Namen vernahm sie, spürte sie, es wickelte sie ein, das Segel flatterte um sie wie Vögel. Sie hielt sich fest. Sie hörte immer ihren Namen flüstern, bis das Segel gegen den Wind stillstand, er am Anlegeplatz stand, ihr die Hand hinhielt. Sie nahm sie nicht. Sah durch seine ametystblauen Augen. Er hatte Syg übersehen, als sie farbig war. Der Tochter Vaudreuils nun, adoptierter, geschätzter, machte er Reverenz, Verbeugung. Er war feig. Sie wandte sich um, drängte dem entgegen, was seine Augen an ihre band, ihre zu seinen hintrieb. Fühlte seine Hand rückwärts an der Schulter, seinen Atem, die Lippen. Die Augen standen im Dreieck. Ein grauer Schein stieß ihn zurück, verlegen, stotternd, rot. Armselig und zornig stampfte er auf. Sie ging schon hochmütig, entfernt. Langsam wich der Raum zwischen ihm, zwischen ihr. Die Ecke bog am Bootshaus. Sie eilte, sprang hinter den Büschen, eilte auf der Treppe. Sagte das Essen ab, krümmte die Schultern verzogen zusammen, wimmerte im Sofa. Gab es eine Pause, kam das Bild zurück. Sie verzog das Kinn, den Mund wie unter sauren Kirschen, Galläpfeln, die Haut schütteltesich. Zog die Bluse herunter, das Mieder ab, streifte das Hemd über den Rock, wusch Wasser über die Brust und den Nacken. Zog sich aus. Sah zum Fenster hinaus, legte die Hände mit den Flächen fest ins Gesicht. Sah den bronzenen, gebogenen Körper aus dem Spiegel entgegenkommen. Da nahm sie die Kette ab mit den Kugeln, raffte sie zusammen, schob sie in die Schublade. Schloß ab.

Vom Hügel trieb der Fluß weit und schräg hinunter. Die weiße Fahne Torontos leckte darauf, Segel schossen in die Tiefe hinab. Der Mond schlug noch über die Felder. Die weißen Räder standen still im Himmel. Nach zwei Stunden ließ sie Alf halten, ritt in ein Waldstück, kniete, wusch die Brust, den Nacken in einem Quell. Sie horchte. Er flüsterte weiter, silberte, verschwand im Laub. Blumenprärien kamen, ein Orchideenpark. Der Horizont war manchmal gelb, fast seifig, eine Sonne wuchs daran sich hoch, sanften Rots, später nahm der Wind ihren Glanz an, stimmte sich wie ein weichkupfernes Abendinstrument, Oboe und Flöte. Mittags wurde er kalt. An dem Bahnhof verluden sie die Tiere. Zwei Tage darauf kamen sie an die erste Lager-Station. Ein Pavillon war reserviert, es gab viel Jagd. Alf packte aus, Teppiche, Säcke, Gepäck. Am Morgenmußte er einpacken, sie ritten den Tag, kamen in ein Dorf, übernachteten, kamen an die zweite Station. Alf ging ein paarmal im Viereck um den Raum herum, schwang die Arme, sah unter sich. Sie ließ nicht auspacken. Als er lange genug gewartet, ging er hinaus, stieg in seinen Schlafsack, mummelte sich, fluchte, kämmte am Morgen den Bart nicht. Vor dem Stall knöpfte er sich verdammend seine langen Gamaschen. Ritt den Morgen hinter ihr her, blieb immer hinten, kam nie an die Seite ihres Gauls. Sie hob die Hand, äugte nach einem Reh. Fluchs hielt er seinen an, starrte ebenso. Sie hörte ihn in den Bart reden. Sie rief ihn heran. Kurz blieb er auf gleicher Höhe, dann sockelte er zurück, fiel ab, blieb hinten. Mittags trafen sie einen Jäger. Er gab ihnen Brot, zeichnete mit dem Daumen, da ihm der Zeigefinger fehlte, einen Halbkreis in die Luft. Sie näherten sich den Ringen.

Angezogen in ausgebuchteten riesenschweren Halbkreisen spannten sich die Faktoreien, gleich Wellen anschäumend, gegen das innere Gebiet. Sie lagen voreinander, Herden gleich, sprangen vor, bestürmten sich, wurden wilder, angerissener, warfen mit dem letzten Halbring sich vor die starre Endlosigkeit, nieteten sich gegen Eis, Horizont, blaue Klippen. Sie kamen gegen den ersten. Sie mußten langsamer reiten, Alf kam nicht nach. Sein Schimmel ging, als lahme er. Sie hörte, er glitt aus Fluchen ins Gejammer: au . . you . . . wai! Spuckteund flennte. Sie ritt zurück, stellte ihn gegen ihr Gesicht. „Ich werde entlassen.“

„Troll dich.“

Sie ritt weiter. Alf geknickt hinter ihr. Er durfte nur bis zur zweiten Faktorei, nicht zu den Bögen. Die Junge vor ihm ritt, als sei er nicht da. Es machte ihm Kummer, er zog den Nacken ein, wurde flau im Magen. Folgte. Der erste Schuppen kam der dritten Linie, der zweite kam. Am vierten traten sie von rückwärts ein. Alf schlich ins Nebenzimmer, sie nach. Ein Angestellter hängte den Hörer des Telephons rasch ein, begann vor sich hinzusingen. Ein bärtiger Riese trat ein, begann zu lachen, aufs Bein zu schlagen, hatte lang keine Frau gesehen. Ein anderer flüsterte ihm Namen ins Ohr. Es war deutlich: Sein Erstaunen war frisiert.

Sofort bot er Jagdplätze aus, erstand sich ihre Beachtung durch Hartnäckigkeit, trat sein Zimmer ab. Es war schon geheizt. Sie sah sich mit Alf an. Offenkundig Komödie. Sie waren erwartet, ohne gemeldet zu sein. Sie blieb drei Tage, fing eine große Forelle, mit der sie eine Stunde kämpfte. Sah sich nicht sonderlich um. Sie ritten weiter. Wurden an der fünften Station schon erwartet. An der sechsten stellte man sich unwissend, ungläubig, die Falte des Vorstehers bebte, gefiel ihr nicht. Am Morgen machten sie einen Haken, kehrten zur fünften zurück. Sie war fast leernun. „Was sind das für Pelze?“ frug sie. Schwarze Arbeiter deuteten: für die Bay. Sie zog die Brauen hoch. Kein Wort. Alf bekam dunkelrote Schläfen und brummte vor sich hin vor Zorn. So liefen sie das Seil der Schuppen weiter, bis sie gegen die obere aufgespitzte Sichel kamen. Im Sand sahen sie immer eine Spur vor sich.

Sie schnitten ab, liefen nicht bis oben hin, sondern zogen eine Sehne in die Serpentine, kamen auf den neu geschwungenen Bogen, trafen Mittags die Spur wieder, frischer Abwurf zeigte: sie waren nah. Bald sahen sie einen Mann auf einem Esel, der zu entkommen suchte. Sie holten ihn ein.

Eine halbe Stunde ging es hin und her. Der junge Mann errötete tief, wilde Augen brachen sich um, staunten. Von selbst nahm er ein Papier, gab es ihnen. Sah noch einmal um, sie wiederholte ihm Wort für Wort, er prägte sich es ein, ritt auf seiner Spur zurück, murmelnd, daß er es nicht vergäße, jedes Wort im Mund haltend, wendend, beleckend, als sei es wertvoll, Gold, ein Stein.

Abends kamen sie zu Colonel Bol. Er hatte, ein alter Offizier, zwei Serpentinen unter sich, rollte die R, strich den parfümierten weißen Spitzbart, küßte ihr die Hand. Sie hatte ein Zimmer, verblüffend. Morgens früh strich sie mit Alf ins Gebüsch, es pfiff, durch die Lücke trat der Bursche mit dem Esel. Sie nickte. Ernickte wieder. Empfing ein Billet. Ritt nach Süden, zurück, immer rascher.

Bol genoß. Seine Spirituosen waren etikettiert, er ließ die Wahl. Fuhr sie am Weiher, stand er am Ufer, klatschte Applaus. Einen weißen Hirsch gab er zum Abschuß ihr, den er von Woche zu Woche als Dessert sich aufhob. Lieh ihr seine Gummiwanne. Das Blockhaus roch nach Seife, Talkpuder, Wassern der Walstreet. Unter Glas wuchsen Blumen, die Wasserpfeife stand im Brennpunkt des Kreises Seidenkissen. In seinen Pelzschuhen, praktischer und wärmer, kaum größer als ihre, hielt sie auf dem Anstand. Auf den Teppichen tanzte Adimokuh, mit Säbelbeinen und Hängebauch, ein Negerzwerg. Er schleifte das Traurigste der Welt auf seinen Knien. Tränen besternten vor Lachen die Gesichter der Zuschauer. Bol lächelte. In seinem schmalen Kopf saßen Augen des Elefanten. Spielte Whist abends mit Daisy, brachte sie bis an ihr Vorzimmer, ging hinaus. Im Vorzimmer schlief Alf.

Donnerstags galoppierten sechs Gäule am umgerodeten Lagerplatz. Fidley, der junge, zog den Hut. Die Jäger des Lorenz schossen vor Freude Flinten ab. Der Bursche, der südlich geritten, drängte sich heraus, war brauner, stärker geworden. Ritten zur Station. Aßen Lunch, eine Stunde, zwei. Tranken die etikettierten Liköre, Wein und wieder etikettierte. Aßen Geflügel, Braten, Gepökeltes, Rauchfisch, Muscheln, Schinken.Tranken Kaffee. Danach stand Fidley auf, hob das Glas, trank es. Sah Colonel Bol an: „Du bist entlassen.“

Kreidehell, mit zitternden Armen warf der sich im Stuhl zurück. Fidley legte ein Papier auf den Tisch, hob die Faust: „Lump. Hund.“ Langsam, vornehm richtete Bol sich hoch. Frug hochfahrend, mokanter Lippe, zur Seite geneigt, was den Irrtum ausmache. Fidley schlug auf den Tisch. „Die dritte Sektion betrügt. Die achte hat siebzig Prozent. Tosson liefert zur Bay.“ In der Tür stand der junge Mann, der die Südlichen geholt.

Bol sah ihn nicht.

Wandte sich herum im Kreis, zu Daisy. Sie sagte: „Bei Versva verfaulen zehn Ballen. Im ersten Bogen fehlt ein Schuppen. Die Staffel Bol ist halb, wird ganz bezahlt.“

Da sah Bol den jungen Mann.

Stand auf, gefaßt, die Haltung gereckt, schön im Spitzbart, küßte Daisy die Hand, ging hinaus, schoß sich zweimal durch den Bauch.

Vaudreuils Brief, aus Fidleys Tasche, hatte Gemischtes, Anerkennung, Staunen, Lob, das verwischt und gedämpft kam, zuletzt Befehl: zurück. Sie wog den Brief. Ritt allein los, ihn in der Hand. Alf folgte. Sie putschte ihn zurück wie einen Hund. Er widerstand nicht. Wollte nicht bremsen. Nur bei ihrsein. Weiter hatte er keinen Wunsch, tiefer ging das Hirn nicht. Zum erstenmal gab sie ihm die Hand. Aufheulend nahm er sie. Sie kam an den Rand des Hochplateaus.

Unter ihr brach es ab, zackte, wirbelte ein Stück hinunter, ward dann eingeschlungen in das endlose Getöse, das in den Norden sich einfraß. Sterne tummelten darüber auf wie Sand, der hochgeblasen kreist. Serpentinen jagten zuerst noch in Schlingen voran, blieben dann hängen, schwach, dünn, nichts. Aus dem grauen blitzenden Gewell kam etwas gegen sie, dem sich etwas in ihr entgegenspannte in einer entscheidenden Bestimmtheit. Etwas trat aus ihr, machte sie leicht, entstammt, entgegenschwingend. Sie hielt den juckernden Gaul mit den Schenkeln. In ihrer Hand der Brief band sie. Wog schwerer, hemmte das Überfließende. Staute es zurück, hart und schmerzlich. Zog sie zurück. Das Herz, der Mann, der sie gezeugt, Geruch des Stroms, der Gartenerde band sich an sie, riß sie zurück. Der junge Fidley übernahm den ganzen Bezirk. Ihre Abreise feierten die Boys, salbten sich mit Bols Parfüms, drehten die Haare, die Bärte, pomadisiert, in die Höhe. Der junge Bursche trat herein, protestierte bös. Hatte Bol gehaßt, gehetzt, erledigt. Verbot ihn zu schänden, wo er futsch war, im Weiher eingescharrt. Fidley gab Daisy Bols Pferd, das so feste Hufe hatte, daß mans nicht beschlug.

Als nach halber Tagestour die Eskorde zurückgeritten, glitt ihr Gaul aus an einem Bach, sie fiel herunter, verstauchte sich die Sehne. Alf wollte auf seinem sie reiten lassen, der Schmerz machte sie ohnmächtig. Er ritt zurück. Aber obwohl sie in Decken gut und weich gewickelt lag, kam die Nacht Fieber über sie, durch die Zunge sausten Stiche immerfort. Eingeborenenweiber, von Fidley geholt, zogen sie aus, warteten sie, pflegten. Wuschen, suchten Pretiosen im Achselhaar, fanden ein Zeichen am Arm, Fisch und Pfeil darin, quatschten die Nacht darüber, speichelten, summten, suckelten darum hin und her. Sie gaben ihr Milch mit Wurzelzeug, hineingekocht. Die Nacht gab ihr warmen Schweiß. In wochenlanger Pflege malten sie ihr mit dünner Nadel eine Sonne um den Nabel mit Strahlen und Mondzeichen des Tages, an dem sie sie fanden. Kuriere kamen dreimal die Woche die Kette der Faktoreien herauf, holten Nachricht, ritten zum Lorenz wieder runter. Später lag sie in der Sonne vor dem Haus.

Dabei spielte sie mit Getier, Hunden, Vögeln. Einmal umschlich ein Fuchs das Küchenfenster, wo Hühner hingen. Sie lächelte, gluckste, entsetzt sprang er zurück. Da rief sie, heller bestimmender, er hielt. Sie lockte, er kam. Nicht ganz, aber er stand im Kreise ihrer Stimme, die wie ein Lazo ihn umschlug. Sie erbleichte, rückte zurück, lauschte dem Ton ihrer Stimme,der nachklang. Versuchte sie wieder, versuchte sie neu. Als ströme aus ihr hinaus, Gesichertes, Bezähmtes in ein Gefäß der Worte, das sie berauschte und erregte bis in das Dunkel ihrer innersten Grenzen. Es sang und schwang das Belastende herauf, machte es leicht, wirbelnd, später sanft und gelöst. Sie entspannte sich in dem Rausch, hatte eine Macht und eine Befreiung. Wundersame Ruhe machte ihre Tage lang, klar, gut.

Sie spielte mit den Weibern, Kindern durch die Stimme. Lernte das Organ anzupassen, zu biegen in jede Leidenschaft, alle Bewegung. Spürte ihr Herz klopfen, dann den stillen Mollton des Bluts. Lernte von den Weibern den Dialekt. Als sie zum erstenmal ausging, trieben die Kleinen hinter ihr her. Sie scheuchte sie, zog sie zu sich „Go“ war: springen. „Fu“: erfroren fast halten. Mit Vögeln gab es andere Signale. Ein Hase hielt bezaubert von dünnem glasklarem Wimmern. Ein wenig blieb sie nachdenklich, ward traurig bei ihm, denn ihr kam in den Sinn Well. Sie kam schon bis zum Koniferenbaum. Dann bis zum Plateau. Das nördliche Flimmern tobte irgendwo unter ihr. Sie ging davon, ungerührt. Ging allein, verschmähte die Flinte, hatte Unlust zur Jagd. Allein im Gehen, Liegen, erfand sie Ton und Laut, der wie ihr Blut spritzte, säuselte und bebte. Gab sich hinein in Klang und Fülle der Vokale, als sei es ihr Anfang,ihr Teil, sich darin zu verbinden. So kam auch die Gegend ihr näher, wenn sie sie ansprach, du Strauch sagte, Silberlilie, lieber Dorn, mein Freund. Das wandte sich ihr zu dann, ward mit ihr gefüllt, lehnte sich hinüber zu ihr, empfing ihren Atem.

Es kamen Schwäne und Musketen, hinter ihnen mit einem Wagen von der Bay her Syg. Sie brach in das Verweilen ein, die Windstille des Daseins brachte Unruhe, Ahnung irgendwie von Glück. Trieb Altes, den Lorenzfall herüber in das Spiegeln des Weihers, blieb aber entfernter als sonst. Wagte nicht das zu sagen, nicht jenes, denn sie befremdete Ungekanntes an Daisy, das Nicht-Miterlebte, der Schauer der Krankheit und der ihr entquollenen großen Säfte und Ideen. Das lag ein wenig dazwischen.

Fidley schloß den Wagen. Weiber heulten. Die kleinen Affen liefen eine Zeit noch neben dem Schlag. Dann fiel es zurück. Ein Stück Land schob sich vor sie, glitt auch zurück. Ein Staffel Matrosen erreichte sie. Dann faßte sie fest in die Mähne des Gauls, schrie fast und erbleichte nach innen in einem Schreck, des sie nicht bewußt ward.

Unten, unter Dampf lag ein Schiff.

Dahinter das Meer.

Der Bogen der Sehnsucht schoß ab, die Sehne brauste. Es trat aus ihr hinaus, kein Brief, der es hemmte, kein Gedanke, nichts. Irgendwo in der vor Blau zitterndenUnbegrenztheit des Horizontes traf sich das Innerste ihres Blutes mit etwas, dem sie sich hineingab, in das sie verströmte, die Lider naß. Alles andere war Spiel, vergessen, lieb, aber ohne Gewicht. Als das Dunkle in ihr hinrann in das Ausschweifendste und Hellste, an dessen äußerstem Rand dünn die Erscheinung hing der Städte, Inseln, irgendeines ungeheuren Daseins, schlug die Schiffuhr. Es war fünf Uhr am Abend. Die Sonne hatte größte Kraft. Sie ritt bis an den Strand. Dort stieg sie ab.

Das andere ging fast traumhaft. Zu sehr war sie eingehüllt schon in ein fernres Geschehen, vor dem der jetzige Augenblick nur als Pause stand. Sie kamen in den Lorenz. Ein Auto wartete. Well sprang hoch. Der Steg. Palmen hingen herunter. Kanonen lösten sich. Mövenschwärme in Spiralen. Wagen wühlten hinter ihr ein Geschiebe. Männer kreischten Namen, Gepäcke. Sie fühlte des Hundes Druck am Knie. Sie bewegte schmerzlich eine Sekunde die Hände im Fell des Tieres. Dann kam der Ottava. Rauschte dunkel schon entgegen auf Kilometer. Das Rauschen lag in der Luft wie ein Schneefeld, sprang in Lawinen ihr leis entgegen. Die Mühlen rochen. Die Schreie der Nurse blieben hinter Bäumen stecken. Das Gittertor kam, vertraut mit seinem kalten Eisen. Glitt zurück.

Des Vaters Hand faßte die ihre. Die Treppe. Sein Mund im Kuß. Er hielt sie stürmisch mit steifenArmen weg, sie ganz zu beschauen, spürte aus allen Poren ihres Leibes ihre Richtung, das Hingewandtsein ihrer Seele. Er erbleichte, senkte den Kopf. Glitt über ihren Leib mit dem Auge, die Brust, den Hals, das zärtliche und hochmütige Kinn. In ihrem Auge saß, schlagend und aufgedonnert das Meer. Das Aufgesparte und Vorbereitete in seinem nach innen gekehrten Leben verstand den Ausbruch. Lächelte. Gab ihr den Arm. Sie gingen hinein.

Das Lächeln hatte gewährt, Unausgesprochenem sich geneigt, bejaht. Es erlosch. Nichts gab Erinnerung daran. Es fiel in seine Augen wie in einen Schlund. Die Woche rollte zurück, wie gewohnt. Vaudreuil hütete sein Gesicht. Schenkte ihr ein neues Pferd, bestellte ein Reitkleid aus Leder. Griff vor, erwähnte Zukünftiges, das sich band an Ort und Zusammensein. Berief einen Unterrichter für ungewohnte Kreise, baute ihr Zimmer an, Tapeten kamen weiß geädert mit Gold. Besprach eine Überraschung für Sygs Geburtstag in vier Monaten. Malte den Stand der Rosenbosketts aus auf Papier, eine Pergola im Bogen vor den Terrassen, Fontänen, Vögel, glitzernde Fische, sprach vom folgenden Sommer, dem Herumgehen, dem Abend. Breitete die Zeit aus vor ihr, vor sich, uferlos, vorübergleitendüber den augenblicklichen Zustand. Ohne Pause, ohne Intervall. Sah sie wenig, zwischen Mußestunden, bei der Mahlzeit, ging ohne Zögern von ihr. Ihre Erwartung allein spürte, wie tödlich er an den Sekunden hing. Sonntag bestellte er die Yacht nach dem Ontario. Sie bereiteten sich vor.

Montag früh berief er sie in das Büro, brach alles ab. Durch die Maske des gleichgültig gehaltenen Gesichts stieg von unten tief das Lächeln herauf. Gab Daisy von sich. Entfernte sie aus eigenem Entschluß. Löste sacht die Ventile von ihr, gab dem nach, was herausbrach, trieb Mauer und Wand zurück und bog sie hinter das draußen Strömende und Lockende zu einer tiefen Wölbung, in die er schmiegte, was aus ihr drang. Diktierte nicht. Folgte nur. Aber die Führung der Hand hatte die wissende Lindheit, die, nachgebend, bestimmt. So, als sei sein Plan, sein Wille, was er nur abbog, behütete. Widerlegte Widersprüche, die sie nicht erhob. Bewies Notwendiges, das sie nicht bezweifelte. Baute eine Verbindung, die nichts mehr löste zwischen ihm und ihr, indem er verstand und folgte, und das Kindliche, als es abtrieb, selber abhieb und damit unverlierbar sich gewann.

Als der Tisch beim Speisen ihr zur schrägen Scheibe ward, durch den Raum rotierte, Fidleys Pensionen, Schecks, Tips sie umflackerten, das Silber flimmernd wellte, wogte, Sygs Auge schmerzlich, neidlos, neugierigaufging, blieb ihr die Stimme Vaudreuils. Ruhig, gelassen wie im Nebel. Einen Augenblick ertrug sie nicht mehr den trostlosen Schmerz aus der Gefaßtheit des Tons, sie stand auf, wollte sagen, sie bleibe, nickte, schwieg, ging hinaus.

Sie lief um das Zimmer, betastete die Wand, den Kopf des Betts, die Girlande des Balkons. Der Garten. Wasserdunst lag, hob und senkte sich, ausgeatmet ihr entgegen von der Prärie. Hindurch, das Auto blinkte vor der Halle, stieß sich heraus, die gesiebte, durchlöcherte Brust fauchend, zermalmend die Luft. Sie beugte sich über den Fluß. Murmeln koste ihr entgegen, entzog sich ihr, floß tiefer, entfernter, uneinholbar. Drüben schleuderten am Rand des Vorstellbaren Schiffe, Städte, Bahnen sich vor ihr hin, rissen sie nach. Das Tiefe, Bleibende der Erde zog sie herunter, zu sich. Es ging nicht. Aber es riß zu Schmerz mit einer Stille, die verzehrte.

Sie legte sich auf den Bauch, senkte den Kopf zum Wasser. Über ihrem Nacken stand schwingend, kreiselnd in der Luft, aufziehend, Glück, Ahnung, in die sie hineinschwamm, sich hineinbegab, voll, ganz. Unter ihrem Gesicht brachen Tränen. Zwischen beidem lag sie, faßte die Binsen in die Hand. Sie wuchsen an ihrer Haut. Sie fühlte, erschüttert, wie sie sich vertauschte der Landschaft. Ihr Leib wuchs fest mit Geruch und Duft der Erde. Sie faßte dasGras, riß daran, es hielt. Sie tauchte die Arme ins Wasser, es war eins. Legte das Gesicht mit der Wange gegen den Weidenstrauch, den schlanken Baum, da blieb nichts übrig, was trennte, alles floß, verband sich, gehörte zueinander. Was trennte, riß entzwei.

Sie spürte plötzlich, das war das Glück. Schon hinter ihr. Nun, wo erkannt, verdorben, verloren für immer. Je mehr sie sich trennte, um so schärfer schnitt sie der Schmerz, um so hemmungsloser brach dies Gefühl vor ihr auf. Dies war ihre Heimat, durchspülte sie mit Erdsaft, machte sicher, frei, groß. Was kommen sollte, versackte in Staub, bekam feindlichen Atem. Städte lockten nicht, Menschen fielen schal ab wie von Drähten, Dampferschrauben wühlten durch ihr Fleisch. Der Tag schien wie Tod, wenn sie sich löse. Kraft und Sicherheit gingen aus den Adern. Es brach auseinander in ihr. Teilte sich. Unaufhörlich ging es von ihr: Geruch der Bäume aus den Adern, mit singenden Vögeln, lieben Namen von Booten, Wolken, Formen der Wellen. Spaltete sich ab von ihr. Sie hob das Gesicht aus dem Gras.

Frühstückte. Das Nickel des Wagens saß in der Sonne gleich einem schwingenden Insekt. Der Horizont ward heller. Sie ging zurück ins Zimmer. Schloß die Schublade auf, wühlte aus der Ecke eine Kette aus gelbem Dukatengold mit drei Steinen. Zog sie um mit einer langsamen Bewegung. Im Spiegelschien es zurück. Das Rot des Achats leuchtete glatt und kühl. Ihre Jugend stand darin, das Entfernte. Was hinter ihr lag. Die Stille, die sehnende Ruhe des Blutes. Der Umkreis des so Erlebten spiegelte von den Rundungen herab, das Land, die Wiese, das Gras. Sie warf den Hals im Ruck herum. Trat hinaus. Biß die Zähne zusammen. Das Auto schlug an. Es ging nicht anders. Sie folgte.

Fuhren Schleifen, den Fluß durch. Hielten am Lorenz. Hinter Zypressen ihr Geburtshaus. Vaudreuil gab ihr den Arm. Das Tor zum Park. Elastisch gab Vaudreuil Platz frei, ging dann rasch vor ihr. Als sie seinen Rücken sah, begriff sie plötzlich, wie sehr er diese Frau geliebt. Fühlte, was sie versäumt, stand ohne wissendes Blut des Verlustes, ertrug, was sie nie an Mütterlichem besessen, ganz hell, in einer Sekunde. Die Überlast erhärtete ihr Herz. Feindlich ging sie durch den Garten. Zedern reckten um die Bleivase sich in das frühe Rot, Tau perlte in Ketten herab. Die Tür fiel zu. Zurück, Wind strich über die Mauer, senkte sich brausend einen Moment herein. Dicker Regen platschte aus einer Fichte. Der Wagen zog an. Bei Montreal verabschiedete sich Vaudreuil. Plötzlich, daß sie erblaßte. Zusammengepreßt: „Willst du mich immer lieben?“

„Ja, Liebling.“ Sie gab ihm die kalte Hand. Tränen blieben hinter ihren Lidern. Fuhr weiter. „Nichttraurig“, spürte Sygs Hand herüberkommen, zuckte unter dem Schleier, zog ihn hoch. Zu dem blonden Fräulein: „Gehen Sie gleich aufs Schiff.“ Die Koffer stapelten sich. Das Meer schäumte leicht. Von der Barkasse läutete die Glocke. Neigte sich, küßte Syg. Spürte an ihrem Leib den Geruch wieder des Waldblocks, des Spiels im Garten, der Betten, die nebeneinandergestanden. Sie atmete heißer, blieb eine Sekunde. Dann stieg sie ins Boot. Syg winkte. Es war neblig geworden. Pendelnd, unsicher schlug Sygs Kopf aus. Bald rückwärts, bald zur Barkasse, die vorwärts stieß. Winkte noch einmal. Drehte um. Über dem Wagen, den schiebenden Gäulen stand Abglanz von Blau, Berge, See. Ging ihnen zu.

Das Ende.

Es schien ihr, es müsse geschehen etwas, irgendwie. Sie empfand jede Wolke. Jede Linie der Küste legte sich hart um ihr Herz. Die Pause ging. Nebel häufte sich dünn vor das Land, Die Barkasse drang weiter in Flut, entfernte sich, heulte, stieß vor. Nichts geschah. Da überwältigte sie der traurige Gedanke mit solcher Gewalt, daß sie den Messingknauf des Geländers zwischen die Hände preßte, die Stirn zusammenbog mit aller Durchdringung, in der Schmerzlichkeit der Flucht noch die übersinnliche Kraft des Glaubens: nun reiße die Küste ab, komme herüber, hielte sie. Da schwand das Land. Der Schrei bliebin der Kehle, erstarrte. Die Faust ballte sich ihr in Haß. Wandte sich zornig ab vom Boden, den sie liebte. Haßte jede neue Luftschicht, jede Fahne, Gaffel, Signale um sich. Trank Gift mit dem Atem, der ihr von der anderen Seite entgegenströmte. Wandte sich aber mit tieferer Ablehnung weg von dem, was hinter ihr lag. Vorbei. Das Letzte. Die Augen brannten hell, grau. In rotem Nebel begannen Maschinen zu stampfen, pufften den Boden auf unterm Fuß mit kleinen rhythmischen Schlägen. Sie wandte sich um. Die Achseln zuckten. Das Meer vor ihr aufgewölbt von Glut.

Zwei Tage Nebel vermiesten, das Pack johlte, die Feinen wurden nervös. Ein Matrose griff fehl, stürzte aufs Deck. Ein Gaul brach aus, sprang ins Schwimmbad, brach den Hals. Abends im Zwischendeck schlug sich ein Dutzend um eine braune Hure. Einer hatte einen Bruch, einer schlug hin auf den Bauch, heulte und schrie „maman“. Ein Weib lief mit halbem Ohr und sammelnd durch die Klassen. Rotteten sich zusammen, spießten einen Alten auf die Arme: „Vieux Ga . . ga.“ Eine dunkle Kugel schob aus dem Wasser, über ihr ein singender Tag.

Am abgesperrten Zipfel des Promenadendecks lagendrei Malariakranke. Zwei unterhielten sich den Vormittag, mittags wurden sie gereizt. Trommelten mit den Daumen, rauchten. Abends machte der eine Vorwürfe, gereizt, heftig, der andere pfiff leis. Der dritte schwieg.

Sah durch ein Glasfenster auf den Korso, langweilte sich am Geschauten, spiegelte sich allein in dem Glas: zerrissenes Gesicht, geschmeidigen Körper, rote Haare. Ein Mischling kam, schöner als ein Weib, flüsterte, verbeugte sich, kam mit Whisky. Der Mann deutete heftig aufs Glas, der Diener öffnete den Riegel, folgte dem Zeigefinger, sah eine Frau, einen hünenhaften Mann, nickte, verschwand. Kam in einer Viertelstunde zurück. Das Paar passierte von Norden her. Lackaugen vom Mann her wanderten herüber, blieben. Die Frau gähnte. Zwei Tage ging der Korso, zogen fern langsam Dampfer vorüber. Das Fieber sank, Temperatur ließ nach. Der Rote erhob sich. Ging am Arm des Dieners hin und her auf der Promenade, anderen Tags allein am Stock. Fiel auf, elegant, zerrissen, glatt, Augen voll Geist. Verschenkte Blumen, grüßte, ließ einen Windhund springen. Trug keinen Hut, die Haare glühend über dem pockennarbigen Gesicht gescheitelt. Eine Quintrone neben ihm, Chinchilla über der Schulter, schmalen blauen Auges, auf hohen Beinen.

Warf plötzlich die Quintrone ab. Benutzte einenMoment: Ging vor, ans Geländer, fuhr mit dem Tuch an die Stirn, knickte ohnmächtig gegen das Eisen, der Riese stieß einen kleinen Laut aus. In seinem Arm machte er die Augen auf, streckte sich lässig. Der Riese zog eine grüne Riechflasche, hielt den Arm rund, weich, damenhaft, den Kopf schräg. Er atmete rasch. Der Mischling Moki kam zu seinem Herrn, stützte den Roten. Der deutete aufs Meer, das violett erzitterte, drehte sich um: „Le Beau.“ Lächelte.

„Fribaurt“, sagte der Riese, sah nur den Diener. Le Beau lud den Riesen ein, zeigte ihm eine Sammlung Säbel. Ging mit ihm durch den Lesesaal, die Billardbälle. Gingen durch den Maschinensaal. Standen vor der schmiegsamen Wucht fressenden Metalls. Hörten die Pfiffe, schritten weiter. Ging mit ihm durch Regen übers Verdeck, sahen den Mond einschlucksen in grauen Brei, der innerlich geschwängert Blasen aufstieb, Ballone ins Meer setzte. Le Beau wickelte ihn ein, führte ihn im Kreis, in einer Spirale, streifte Moki, trieb ihn enger dem Willenspunkt zu, stieß ihn hinein.

Verlor Fribaurt, polierte er die Nägel. Gewann er in Bakkarat, Poker, Sieben, erschien Moki, servierte Zigaretten, Schnaps, Tee. Fribaurt juckte die Haut, der Blick schweifte rechts, schweifte links, hatte keine Konzentration, leckte über des Dieners Schenkel. Das Spiel blätterte auseinander, die beste Karte schlug gegen ihn zurück. Verlor. Spielte Paroli. Blähte die Nüstern,sog die Luft ein, die ihn verwirrte. Verlor. Rannte in Paroli. Verlor. Moki verschwand lautlos. Die Summe addiert. Fribaurt erbleichte. Schrieb einen Wechsel, legte ihn herüber. Le Beau rührte ihn nicht an. Polierte die Nägel, sah Fribaurt starr in die Pupille, führte ihn bis an den Rand der Spirale, in die er ihn schlug. Stellte ihn neben das Zentrum, stieß ihn endlich hinein. Sagte leis drei Sätze, abgehackt, deutlich, akzentuiert wie ein Ausländer. Fribaurt erblaßte ein wenig unter der Hypnose des Klangs. Erhob sich.

Nahm Daisy am Arm auf Deck wie eine Kusine. Die Namen fielen. Sie sah zwischen Pockennarben einen Blick, der elastisch in ihrem sich bog, ihn durchstieß, unter ihrem gestählten Zorn nicht brach. Von der harten, dunklen Stimme fielen Vokale mit glattem dunklem Wohllaut. Überrumpelt, gereizt sprang sie zum Englischen. Er folgte mit gleicher Gewandtheit, wie sein Körper, ihren führend, neben ihr ging, gebogen, nachgebend, hart, fordernd. Er stützte sich ein wenig auf den Stock. Ihr Schritt ward rascher, wogte auf und herab mit dem Schiffschaukeln. Er hielt. Über die Achsel sah sie zurück. Er beugte sich, hob ihr Tuch. „Holen Sie kalten Tee“. Es war heiß geworden. Er drehte um. Sie ging zur Kabine. Le Beau gab das Tablett dem Steward, warf sich in den Liegestuhl, wartete. In der Kühle kam sie herauf. Übersah ihn. Die Ablehnung traf ihn, verzog seinen Mund, lächelnd. AmGeländer spürte Daisy die Richtung eines Fächers, zog den Blick vom Rosafisch, der sprang, sah in die weiße Iris der Quintrone, während die Zähne hell sich öffneten. Sahen beide in das Aufzucken der Lichter, schlossen die Augen, sahen, wie das Schiff festlich, erhöht, auf eine Masse Lichter zufuhr, die höher wuchsen und stiegen und an ihnen vorbeiglitten. Die Dampfer tuteten, Lichtschnüre trennten sich, verblaßten. Fribaurt und Le Beau gingen vorbei. Die Kreolin neigte den Leib, sprach mit der ganzen Haut. Das Murmeln kam näher, spanische Missionsweiber psalmodierten, sahen in die Dämmerung, die fiel. Der Quibekaner flüsterte einer Frau zu, daß sie Regen beschwörten. Sie schrie auf. Er griff in der Dunkelheit fest in ihr volles Bein, damit die Bewegung ihn nicht verrate. Der Schrei deckte das Manöver. Am Schornstein applaudierten die Kanadier, sie gingen langsam hinüber.

Da sah sie: im Kreuzschein der großen Signallaternen bewegten sich Fribaurt und Le Beau wie Ratten, mit Brustschild und Maske, florettierend gegeneinander. Le Beau lag wundervoll in der Hüfte, bewegte sich in der Lendenwage nach oben gedreht mit fesselloser Kraft. Stieß vor, im Angriff, schien plötzlich müde. Übersah die Quintrone, die mit aller Haut atmend in seinen Blickkreis kam. Warf nur einen Blick seitwärts, der dirigierte Moki hinter seinen Rücken ins vollste Licht. Seine hitzig kalte, fast brausende Geschmeidigkeit verwirrtesich immer mehr in dem weichen unberechenbar eleganten Schlag, den Fribaurt in zu seiner Größe und Breite erstaunlichen fast mit dem Handgelenk gefächerten Etüden heraufwarf. Plötzlich machte Le Beau eine stumme eindringliche Geste. Mokis Körper schälte sich bronzeschmal aus der Dämmerung. Beau entblöste die Brust, fing Fribaurts unsicher schwankende Spitze in letzter Sekunde auf, pfiff von unten die Gegenlage, schleuderte aufspritzend das Florett des Gegners in die surrende Dunkelheit. Legte Brustschild, Maske ab, sagte Fribaurt kalt Schmeichelhaftes. Drehte Wasser an, wusch die Hände. Hob plötzlich den Kopf.

Sammelte das Gesicht zum erstenmal ganz, legte es in den Blick. Warf ihn mit einem wehenden Ruck herum, mitten in Daisys Gesicht. Entjungferte ihr Auge. Traf es mit einer Gewalt und Absicht in einer eindeutigen Sicherheit, daß sie wankte. Schmerz spürte, als durchstäche er sie. Ihr Blut aufflammen fühlte, zurückstürzen. In den Adern eine bäumende, auflösende Kraft. Sie gab den Blick nicht zurück, schloß über dem Vorgang die Lider herunter, ging mit dem Gefüllten rasch hinab, unsicher, überwältigt wie ein im Schlaf begattetes Tier, in der Haltung zart und süß, den Kopf mondhaft, nicht weinend, zur Seite gebogen.

Sie schnitt ihn. Er übersah es. Sie brüskierte ihn. Er sah es nicht. Sie reizte ihn, brachte ihn zu keiner Äußerung. Sie traf ihn auf Vorderdeck, drehte um. Am Lunchsaal strich sie ihn fast, sprach abgewendet zum Steward. Fuhr in seinen Satz, sprengte die Gruppe, in der er stand. Zeigte ihm ein Maß der Ablehnung, das sie derart steigerte, daß er ein Lächeln einmal abends darauf gab. Sie setzte die Kiefer fest aufeinander, behandelte ihn gleichgültig, suchte seine Nähe, die sie gemieden. Frug ihn nach der Zeit, lachend nach dem Barometer, scherzend, als glaube sie, es sei von der Jagd, nach den Narben seines Gesichts. Er nahm es gleichmütig, erinnerte in nichts an etwas, das traumhaft hinter ihrem Leben nun stand, sie trennte von allem. Sie aufhob und ungestüm machte nach einer Entfaltung. Ihr Drang nach Geben und Zurückströmen des Gefüllten war so groß, daß selbst die nichtssagende Bewegung ihres Ganges, die Haltung ihrer Zigarette eine Zugehörigkeit und Verbindung mit ihm annahm. Ihr nebensächlichstes Wort hatte eine Umkleidung, das ihn stach. Ihr Gespräch mit anderen nahm Richtung auf ihn. Er blieb gleich, unberührbar in seiner Glätte.

Sie wandte sich Fribaurt entgegen, holte den Klatsch herauf, trat ihn breit mit ihm, vermengte, versträhnte ihn, daß Le Beau schweigend hörte. Sie gähnte nicht mehr in des Riesen weibisches Gesicht. Holte neues heraus, Unerfindliches, Entferntes und breitete es hin.„Sie haben durch den Fächer bei der Quadrille einen Feind in meiner Familie. Mein Vater haßt Sie, daß er Sie fast liebt.“ Sie lachte ein Lachen, das kein Lachen war. Das Schweigen neben ihr blieb. Sie lockte es nicht heraus. Sie übernahm sich im Grauen davor, schob Fribaurt in Dialoge, denen er kaum folgte, erreichte die Spitze desErreichbaren: das Gespräch brach ab. Eine Pause fiel.

Da machte Le Beau eine Bewegung. Moki begann auf der anderen Seite herumzulungern, glitt auf eine Bank. Fribaurt stotterte, zog den Hut, verschwand Ihr Alleinsein machte sie wortlos, verlegen, fühlte sich verloren. Was sie in ihn überleiten, ihm zurückgeben wollte, den Zwang . . . es bog sich herum, ward Leere und Fassungsloses in ihr. Sie wartete, daß er ihre Hilflosigkeit erkenne, benutze. Allein er schmiegte sich nicht hinein, ließ den Augenblick verklingen. Es kam eine Ruhe über sie. Ihre Hände ballten sich ein wenig zusammen. Er änderte seine Stimme nicht. In der Nacht hörte sie sie im Schlaf, sie stieg mit ihr herauf ins Erwachen. Sie bog die Beine herauf, legte das Gesicht darauf in schmerzhafter Umarmung. Da schlug ihr die Stimme heiß ins Gesicht aus jedem Knie.

In ihre Augen, Schalen, legte er, was er wollte. Es war Schmiegsames, Zartes, das sich mischte mit Stahl. Auf ihr Gesicht schrieb er Vorgänge, ohne sie anzusehen. In sie hinein sprach er, ohne Widerstand.Nichts stieß ihm entgegen. Gewölbt stand ihm offen das Ganze. Er schmiegte sich hinein. Warf sein Leben hinaus ans Meer, es prallte zurück, umgab sie. Dämpfte das Gute, hob das Schwanken. Baute sich aus in ihr, langsam, gespannt, weich mit einer eindringlichen Unerbittlichkeit. Die Sonne ging in weißem Bogen. Lauschend bog sie sich über den Tisch. Langsam sammelte es sich bei ihm. Kam diesmal ohne Wucht, aber mit bis ans Schreien unterdrückter Süßigkeit. Er flüsterte zwei Worte. Sie gab den Blick langsam, schwer zurück. Nickte.

Sie stand nachts auf. Es schlug zwei. Die Tür der Kreolin schloß sich, bei Fribaurt glitt es heraus, dunkel und braun, verschwand. Sie ging die Treppe hinauf, sagte die Nummer der Kabine mit weißen Lippen vor sich hin, suchte mit den Augen, den Händen in der Dämmerung des Korridors. Ihr Arm blieb stehen. Ihr Bein, magisch gezogen, ging unter ihr weiter. Ihre Haut glühte mit einem Ruck. Da hörte sie neben sich in der Nische ein Geräusch. Sie bückte sich, durch die Luke kam Nickellicht vom Wasser. Hinter Gittern kamen die roten Augen kleiner Hasen an sie heran. Ihr Finger berührte die bewegte Schnauze. „Go . . .“ Die Tiere hoben sich, neigten sich herauf. Begannen sich zu bewegen im Ruf, der sie traf. Ihre Stimme aber kam auf sie zu, umfaßte sie selbst wie von anderen gesprochen, breitete sich in ihr aus und verließsie wieder in Seligkeit und Erfüllung. Was vorging, was sich sammelte aus ihr heraus im Ton, der sie umschwamm, brachte Ruhe in sie. Trieb sie in eine Klarheit. Stellte irgendwo etwas auf, dem plötzlich alles in ihr wie an Fahnen hingeweht sich zubewegte. Ihr Blut spannte sich dem entgegen. Es ging über alles hinaus. Trieb darauf zu mit der Kraft und der Inbrunst des Ziels. Sie lächelte. Kehrte zurück, fiel in Schlaf wie Traum.

Abgelenkt, vorbeigeführt innen an ihm, gab sie ihm die Hand. Keine Miene zeigt, daß ihn etwas enttäuschte, Unter den Sätzen warb seine Stimme um sie, um jeden, er blieb gleich. Sein katzenhaft gestraffter großer Körper blieb neben ihr. Hörner heulten aus dem gegen die Wellen trommelnden Abend. Blinkfeuer stachen kreuzend ins Licht. Aus Landduft quollen roh, verquatscht, Hupen. Die Räder gingen langsam, fielen zurück, die Mole hing voll Menschen gedrängt, wimmelnd, sich verlierend auf der tiefen Fläche. Unter den rücklaufenden Wogen schellten die Bojen los. Das Schiff stand. Da sprang plötzlich ihr Herz.

Die Barkasse legte an. Zwischen gestapelten Koffern irrten Passagiere, auseinandergespritzt. Hände durchglitten ihre. Das Fräulein stieg auf der Treppe hinunter zum Wasser. Sie sah scharf nach dem Ufer. Es kam auf sie zu.

Sie gab Le Beau die Hand. „Wohin?“ Siewußte es. Er sagte: Paris. Lächelte plötzlich: „Wohin fährt ein Franzose . . .“ Sie lachte über die Schulter dem Reeling zu. Sie sah zurück: Versäumtes, Verfehltes lag auf seinem Gesicht plötzlich gesammelt, Schmerzhaftes zog es tief in ihn hinein. Es blieb. Verließ sie nicht. „Leben Sie wohl.“ Wind bewegte sein rotes Haar. Den Hut unterm Arm. Von unten sah sie ihn am Geländer verschwimmen. Zwischen den weißen Hosen der Kapelle brach der flackernde Untergang auf. Die Musik spielte über der Sonne. Die Barkasse legte sich fest an Land.

Da war Berlin, sie erkrankte an Grippe, ihre Umgebung fürchtete den schlechten Ausgang. Siegenas. In Zackstrahlen von diesem runden Verharrungspunkt ausgeschleudert, durchschwebte sie die neuen Schichtungen. Das Fräulein führte die Liste der Stunden. Die Tabellen verengten sich, gingen bis in die Nacht. Man holte sie. Sie schob sich selbst in das Drängen. Bald stand ein Defilé vor dem Haus. Mit Holl ging sie in Lewinskys Generalproben. Vom Bazartee kam sie mit Rosen, die Zofe brachte das Abendkleid ins Bad. Das Fräulein reichte die Tabelle. Sie runzelte die Braue etwas hinauf. Verreiste. Böhmer, Below traf sie bei der Holmberg, überging sie. Erlebte den Skandal, als Männer auf der Nizzapromenade sich um deren weißbemaltes Fleisch schlugen. Drei davon starben. Andere hätten sich gewälzt vor Wonne. Fuhr weiter. Drang von Schicht zu Zelle, lächelte. Es gab keine Grenze, Geld, Wille machten vor ihr alles frei, sie folgte traumhaft. Bei Utö kam von der Regatta Symes herauf, schlenkerte im Sweater auf sie zu. Sie sah zuerst vorbei, traf plötzlich seine Gestalt,spürte in den Knien, im Auge den Schlag, erblaßte. Lief am Strand auf und ab abends, allein. Reiste zurück nach Nizza die Nacht.

Bezauberte drei Tage von neuem die Holmberg, deren Hand schmeichelnd kam, fuhr mit ihr den Korso, dessen Blumenwoge symphonisch in den Himmelrand schlug. Ihr Blick hing fest irgendwo über ihr, zog etwas daraus fest in sich Die Gräfin fragte. Sie ward scheu, umschwebte mit dem Blick ihren Kopf, wich der Hand aus, verschwand. Sah in dem Parkfest eines dekadenten Mitteldeutschen Fürsten die Megrée auf gemeißelten Beinen kommen, auf einem Wallach, zwei Messer im Mund, abspringen, den Norweger Stefan umarmen, nicht tanzen, lachend abreiten. Der mit den eisernen Backenmuskeln wandte sich ruhig um, sah, überstürzte den Blick nach Daisy. Seit dem Tag war Stefan hinter ihr her, reiste Station auf Station nach, vermochte nicht zu bitten, versuchte einen Einbruch, setzte sich selbst herab, mußte sie unter Menschen ihn hören. Seine athletische Brust zuckte zurück vor ihrem grau geworfenen Auge. Sie sah ihn kaum. Sie gab sich hin, ließ sich aufnehmen wie willenlos, von diesem bald, von jenem Hauch. Kam es vom Meer, war es gut. Kam es vom Land war es gut. Ihr Gesicht selbst war verschleiert. Es war unsichtbar, was sich vollzog. Nur war das Obere deutlich nicht das Letzte. Etwas saß darunter, fest zusammengedrängt.Nur, je mehr sie sich dem Umstrahlenden anschloß, genoß, sog und hintertrieb, bedenkenlos die Stationen nahm, die sie umwölkten, war etwas in ihrer Hingebung, das sie dem so heftig Genahten tief entzog.

Es schwankte herauf und herab in dem Treiben, bald obere, bald untere Welt, Fahnen und Wagen, auch Meer. Sah Heringsdorf, Menschen bogen sich, verkrampften den Blick, sahen in die Sonne, neigten die Hälse, flüsterten, trieben Neugier aufs Gesicht. Durch solch gewölbte Gasse kamen Heroen: Lyonel, Böhmer, Brandt, Below. Umzischelt, vertuscht, aufgerissen. Vorbei. Sie lenkte den Blick kühl darüber, er trieb nicht ab, blieb nicht haften, kein Drang schlug dort hinaus. Sicher fast, in die Höhe gehoben, blieb er dort. Haftete. Sie spielte einen Preis im Single heraus. Das Lächeln, das sie zerstreut dem Preisrichter gab, lief durch Revuen, machte ihr Gesicht bekannt. Darauf, in Zopott, trat im Doppel Stefan gegen sie. Machte ihr Fehler hin, sie nutzte nicht aus. Schlug erstaunliche Drifs, sie bewunderte nicht. Schlug einen Ball gegen ihren Schenkel, mit einem Wehlaut sank sie zusammen. Seine Entschuldigung lenkte den Blick an ihm vorbei. Gewalt gegenüber war sie eisig verschlossen. In München schwärmte sie unter herber südlicher Sonne einen Festabend. Unter der Dielentür sah sie Caspare Symes, er sah sie nicht. Da schwankte ihr Gesicht,an den Molen des Innern brach sich es, schäumte herum. Sie stieg hinauf. Nahm den Spiegel. Ungewisses, Zögerndes stand vor ihr, schlug dort hinaus, woher sie kam. Sie bog ihr Gesicht auf, lernte eine Bewegung, die es zurückschlug, was tastend offen stand, hinein fuhr in die Tiefe. Das Harte, Gespannte, sammelte sich dichter unter dem Schleier, ward reifer, fiel fast als Frucht schon heraus.

Sie saß im Zirkus, wo Sägemehl und Pferdeschaum schwirrte. Mit Steinen um den verhaltenen Mund neben dem französischen Botschafter. Fuhr im Auto durch Eifel und Rhön, über Matten, zu den stählern gereckten Chausseebändern des Bennetrennen. Kinder, Frauen, hinter ihr her, hinter nie Gesehnem. Offiziere ritten neben ihr im Herbst. Im Lunapark verlor sie einen Ring, lachte. „Masseldoff“, flüsterte Holl. Sie sah zurück. Die Zeit staffelte sich darunter. Es ward klar. Was war das all? Nichts. Die Männer, es beschäftigte sie nicht. Hochmut sprang um den Mund, als sie aufsah. Was blieb, kannte sie.

Noch blieb sie in der Schwebe, blieb sich gleich, hingegeben noch wie stets dem, was bereits vorbei war. Unbestimmbar so auf Straße, Wagen, Park. Verdichtet aber im Innern. Sie hörte Stimmen, vernahm Dinge, hörte Stefan, Holls Regie. Wohlig streckte sie sich darin, es ging sie nichts mehr an. In Christiansand an einer weißen Mauer entschloß sie sich plötzlich, bestimmtedie Rückkehr. An der Reede, von einem Schiff steigend, das kam, traf sie Symes. Er grüßte. Ihr Gesicht blieb kalt, wie sie es sich gelehrt. Aber Ohnmacht überfiel sie, so straff hielt sie unnatürlich die Maske. Es schlug sie den Fahrtmittag nieder, erweichte ihr Gesicht, das mit den heißen Wellen ging und kam. Gegen Abend warf sie den Aufruhr in sich nieder. Erreichte den Punkt wieder, wo ihr Blut hinhielt. Hielt die Richtung ein, verschärfte sie sogar aus Trotz über die Abschwenkung. Warf alles zurück auf das Zentrum. Der Schleier fiel ab. Das Gesicht fiel reifer heraus, suchend, ruhig, bestimmt.

In der Nacht kam sie an. Im Bett früh telephonierte sie nach Lewinsky. Er war nicht im Theater, nicht in der Wohnung. Sie hörte vom Diener, wo. Fuhr zu Guildendaal aufs Morgenfest im Park. Suchte die Wiese ab. Sah Perlhuhnhunde, des Einladers breite Glatze über Favorits, sah eine Polonaise am Teich. Darin am Ende Lewinsky. Da setzte sie sich beruhigt. Doch unterbrach ein Skandal. Es kam ein Anruf: die Megrée hatte sich erschossen. Man rottete sich zusammen. Holl eiferte gegen Stefan, hetzte fanatisch, jetzt noch in ihre tierhafte Anmut verliebt. Kam Stefan vorbei, schwiegen sie. Man hatte den Mut nicht, es ihm zu sagen. Fribaurt kniete neben ihr, erzählte den Fall das drittemal. Sie sah in den blauen Himmelausschnitt zwischen den Rotbuchen: wiefeig sie waren. Sie sah deutlicher nach Stefan. Eine Stunde blieb sie, überflog die Versammelten, hielt Zusammenhang immer mit einem Kopf. Plötzlich ging Lewinsky, sie sah den Hut in seiner Hand. Da stand sie mit einemmal leicht auf. Sie legte, schon halb herumgewandt, die Hand mit unnachahmlicher Lässigkeit auf Stefans Schulter: „Die Megrée ist tot.“ Ihr Gesicht war anders wie das, was sie sagte. Fern nach anderen Dingen gewandt, erhielt die helle Schärfe eines Vogels. Am Wagen blieb ihr Kleid etwas gerefft hängen. Man sah ihr Knie. Sie fuhr die Allee hinaus.

Sie fuhr ein paarmal, um Zeit zu gewinnen, um das Viereck, nachdem Lewinsky vor ihr ausgestiegen. Ließ halten vor ihrer Villa, ging unter Flieder auf das gelb leuchtende Haus. Im Boudoir zog sie sich um, saß noch einige Minuten am Fenster. Über dem Kiesweg pflückte sie einen Zweig, schwang ihn hin und her. Der Gaul wieherte, als sie wieder losfuhr. Sie ließ sich nicht anmelden und wurde daraufhin abgelehnt. Da gab sie die Karte ab, die Türen gingen auf, im Arbeitszimmer stand Lewinsky, an ihr vorbei, ihn verlassend, ging Stefan. Sie stand an der Portiere und brachte Lewinsky aus der Fassung. Sie hatte ihn den Morgen getroffen, sich nicht annonciert, war plötzlich da. Sein Blick strich die Wände hinauf, da hingen große Männer seiner Zeit. Seine Haare waren inder Stirn geschnitten, er stieß mit der Zunge an, schlug die Arme über die herausfordernde Brust, um sicher zu scheinen. Er fragte, was sie will. Sie antwortet nicht, macht nur eine Bewegung, die sie ihm ganz öffnet. Erhebt ihre Stimme. Kein Mensch hat sie gehört. Sie fühlt sie schweben. Sie spricht eine halbe Stunde vor dem Gesicht, das an Höflichkeit aufrafft, was es kann. Sie fühlt die Vokale steigen, glänzen, singen. Es entspannt sich in ihr, vieles geht hinaus. Das Beste bleibt, ist gehemmt. Als sie eine halbe Stunde gesprochen hat, hebt sie das Auge auf zu ihm, erschrickt. „Es genügt nicht?“ Er spaltet den Mund nach den Seiten, schaut herauf ihre Figur, herab. Kämpft einen Augenblick mit den Kinnmuskeln. Dann schüttelt er den Kopf.

Viele Tage verließ sie das Haus nicht. Ihr Mut war so stark, daß der Mißerfolg sie nicht schlug, sie begriff ihn kaum. Er brachte sie nur deutlich zu sich, entfernte sie von dem Hin- und Herbewegen und legte sie fest. Sie sah durch das Straßenfenster, da ging gedämpft der städtische Verkehr der Grunewaldstraße, rasch, verwirrend, elegant. Sie ging zum andern, da war rauschender Park. Baumwipfel bogen sich im Wind ihr zu. Sie hob den Kopf entgegen dem Geräusch,hob ihm die Stimme entgegen. Es klang zusammen. Belebte sie, gab ihr Resonanz, sie kettete sich daran und bekam die Leichtigkeit, die sie selbst bezauberte und hinriß. Da war sie ganz enthalten in den Lauten, wenn sie allein sich preisgab dem Gefühl, das ausfloß. Da konnte sie Sätze biegen, Wonnen rauschen lassen in blanken Diphthongen, spielen mit Worten und ungefähren Dingen, die als Sternnebel um sie waren. Beglückt trat sie zurück.

Am vierzehnten Tag fuhr sie zur Florath. Die wollte sie ablehnen, sah das gute Kupee unten stehen, ward neugierig, winkte, sie hereinzuführen. Sie lag mit gelockerten Beinen auf dem Diwan, musterte Daisy mit den runden Wolfsaugen, leckte die Lippen und führte beide Arme verführerisch nach den hell gemalten Haaren. Daisy begann, ohne sich zu setzen, sprach, nicht lang, aber eindringlich. Beim ersten Laut spürte sie, es fehle, es stoße neben hinaus, was sie wollte. Als sie ins Gesicht der Schauspielerin sah, stürzten ihr Tränen in die Augen. Alles verließ sie. Kein Mut, keine Sicherheit. Mit kindisch unsicherer Haltung raffte sie ein Taschentuch auf, das ihr gefallen, und als sie wieder stand, sagte sie nach unten hin: „Ich hatte mich nicht in der Gewalt.“ Wieder suchte sie jenen Ton, den sie seither immer besaß, der ihr eigentümlich war wie ihre Hand. Sie glaubte, sie träfe ihn, begann von ihm aus sich aufzuschwingen. Als sie unsicher ward, halfihr der Trotz zu einer intensiven Kraft. Einmal stockte sie, sah die große Frau auf dem Diwan zusammengerollt, sie nickte ihr zu. Sie fuhr fort, schleifte es weiter und brach ab. Die Florath reckte die langen Beine, erhob sich, zog die Knie an, sagte mit ihrer schwärmerischen Stimme: „Gibt es denn nichts, was Sie sonst befriedigt . . .“, kam mit langen Schritten auf sie zu. Sie sah auf, wollte, was sich sprengte in ihr, sagen. Es kamen nur Tränen, sie stampfte ein wenig auf. Als sie den Arm der Florath im Nacken fühlte, wußte sie, daß jene sie mißverstand. Sie schwieg, verschloß in sich das Geheimnisvolle, das sie sofort wieder sicher machte. Demütigung, Verzweiflung bisher, nichts war umsonst gelebt, sie fühlte, es ward klar. Noch machte an der Tür die Florath eine Bewegung mit dem Kinn, das rätselhaft herabkam: „Die Welt ist voll Möglichkeiten, reizvollen, wenn Sie die Ihren suchen . . .“, die runden Wolfsaugen überglitten sie lächelnd, die Hand glitt über ihre Brust. Sie verneigte sich. Auf der Treppe ward sie wieder zäh wie vorher. Gelang dies auch nicht, sie spürte unbedingt, unauslöschlich die Stimme in sich An der Straßenecke stand Moki. Aus dem Laden trat Fribaurt, bedrängte, behing sie mit Geschwätz. Sie log ihm Krankheit vor, erklärte ihre Unsichtbarkeit damit, frug ihn, als er nicht wich, nach dem Diener. Er schmollte mit den Lippen, verschwand. Zu Haus fand sie einenBrief. Er riet ihr, zu Löw zu gehen. Rivale Lewinskys. Sie wußte nicht, von wem. Der Goldfischteich glänzte aus der hellen Dämmerung. Sie biß die Lippen zusammen über den Eingriff, der in ihr Leben kam, der Garten stand geweitet wie ein Flußtal, Fischflossen glänzten manchmal weich und rasch.

Der Papagei schrie lang und heiser. Sie kraute die gesträubten Haubenfedern. Der Schnabel kreuzte sich, orangen und grün flimmerte es aus der Ecke: „Dogo . . . Dogo.“ Sie wandte sich von ihm um. Nahm ein gepreßtes Buch, schlug es auf. Neben Lewinskys gesalbter Glattheit stand das wohlwollende menschliche Gesicht Löws. Es zog sie an. Sie sah auf den Boden. Im Garten, sangen Nachtvögel herauf, schwebten ihr mit Wind Flüstern entgegen und nassem Buschzeug aus dem Blau. Sie spürte, daß der Brief sie gut leiten wollte, zog den Finger aus den Blättern, empfand im Schließen, wie es sich in ihr spannte, und daß vor diesem Kreuzweg Ja und Nein des Lebens stand. Dann hatte sie etwas plötzlich, was alles vertrieb.

Sie fuhr zu Lewinsky. Er hatte sie einmal besiegt. Zeigte, wie schön sie sei. Hinter der Höflichkeit reckte sich seine Macht. Er gab ihr ein anderes Buch. Sie wollte es zwingen. „Der Text ist nicht gut.“ Ein anderes Spiel. Sie wechselte. Sie bäumte sich auf, klar und weitschweifend zu sein. Schon kämpfte siegegen das Unfaßbare, da ging eine Tür hinter ihr, über den Spiegel huschte ein Schatten, eine dünne Bewegung. Es löste seine Oberfläche auf, er stand in Wellen, wurde tief und voll Horizont. Ein Springbrunn kam hereingeplätschert, ihr Mund spürte Blau und Goldregen und Baumbewegung. Es kam Geräusch der Ströme. Auf dem Ontario wogten Segel, hißten Fahnen, grüßten. Rührung und Hingabe legte sich in die Stimme, ward goldhell, posaunengroß, nun erlebte sich alles. Flog an den Drähten hinauf, sank zurück ins Blattgepischper. Trug eine Kraft, die schwoll und wuchs. Sprach zu den Tieren: Ihr Lieben. Zu den Weibern: ei welche Sonne da. Hatte den Ottawa im Traum, den Erddunst in den Nüstern der Vokale. Hatte ihr Herz. War voll. War da.

Ihr Auge frug nicht, ihr Mund hatte kein: Genügts? Lewinskys Kopf war entblättert. Macht, Höflichkeit, jede Maske war weg. Um die Lippen stand eine grausame, bebende Linie. Angst, daß ihm dies entgehe. Er versprach, was sie wolle: Erfolg, Geld, Ruhm. Der Spiegelschatten kam aus dem Polster, Stefan brachte sie an die Tür, hatte Ersticktes in der Stimme: „Erhielten Sie meinen Brief?“ Sie zögerte, sah Gesenktes an ihm, der Brief war gut. Dann hob sie schmal das Kinn: „Nein“. Er lachte heiser durch die Zähne. Ihr Blick blieb verwundert.

Dies war der Durchbruch. Die Arbeit begann.Lewinsky zeigte klug, was ihr fehle, wie, was sie in sich trug, nur die Flamme war, die das Gerüst entzündete und in die obersten Logen der Erfolge trug. Das Gerüst war zu lernen. Sie sah ein, sie konnte noch nichts. Nun gab es nur dies. Von allem schnitt es sie ab. Keine Segelfahrten lockten, an keinem Zirkus entzündete sich die Lust nach dem Dampf der pochenden Pferdebäuche. Fort gingen die Bahnen, die Wagen. Sie blieb.

Die Brauen bogen sich vor Spannung. Das I schärfte, jagte sie in den Plafond gegen Dogo, daß er flatterte und es zurückschrie. Das A baute sie zu Brücken, weiten Wölbungen, die funkelten vor Kuppelschwung und Material. Aus dem O kamen schwingende Trommeln, ferne Gewitterstürze, die erregten. Die Leidenschaften der Wälder, das Sichsagen der Leiber brannte aus dem U. Die Diphtonge glitten dazwischen. Sie trat ans Fenster, die Hände, die Brüste am Gitter.

Ein Lehrer kam, der den ausländischen Akzent abschliff. Nach acht Tagen sagte die Zofe ihm, es sei genug. Lewinsky sandte andere. Sie verbrauchte viel und rasch. Fand sie, wo sie einhaken konnte, blieb sie zäh dabei. Das Regulieren von Zunge und Zähnen, das Siebenmaldurchsprechen der Rolle, bis die Figur sich entschälte, das Hartnäckige und Sichere, das war ihr Fall, dem blieb sie treu. Ein Lehrer wies ihr dieBewegung im Raum, teilte ihn geometrisch, wies ihr die Plätze dekorativ. Stellte ihr die Gebärden, zog eine Kurve. Sie sah vorbei. Er stülpte den Ärmel hoch, den Arm auf zur Ekstase. Sie machte es nach mit der Linken, die Rechte gähnte. „Wozu?“, frug sie Lewinsky mit ermüdeter Schmerzlichkeit. Da brachte er Statisten, belebte mit Fleisch, mit Blut das Zimmer, suchte durch Lebendes ihre Verwöhnung zu überwinden. Er machte ein Kabinettstück, bezauberte mit seiner eigenen Regie, hetzte das Zimmer, die Luft zu Drama. Sie lächelte. Sie nahm drei Stühle. Sowie sie aus sich selbst sich bewegte, kam Leben in das Holz, ward Aufruhr und Ergebung. Sie entflammte es. Er zog beleidigt die Unterlippe ein, grinste impertinent, als sie den Rücken kehrte. Ließ sie aber tun, was sie wollte. Überzeugt selbst über seine Eitelkeit hinaus.


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