(Die Türen nach der Reihe öffnend.)
Kommt und seht!—Hier dies mein ZimmerMeiner Tochter Schlafgemach
(An der Türe von Jaromirs Gemach.)
Hier—
Berta.O gönnt ihm Ruhe, Vater!
Graf.Nun, Ihr saht ja erst vor kurzemMeinen Eidam es betreten.
Hauptmann.Ihr verlangt mich zu beschämen.
Graf.Nur zu überzeugen, Herr!Und nun kommt!
Hauptmann.Wohin?
Graf.Ins FreieMit Euch auf der Räuber Spur.
Hauptmann.Wie, Ihr wolltet?
Graf.Was ich muß.Bin ich nicht Vasall des Königs?Und ich kenne meine PflichtMinder nicht als Ihr die Eure.Drum ohn' eine zweite MahnungLaßt uns gehen—
Berta.O mein Vater!So bedenkt doch!
Graf.Still, mein Kind!Hier hör ich nur eine StimmeUnd die hat bereits gesprochen.—Kommt mein Herr, und sagt dem König,Daß ich Graf von BorotinKein Genoß von Räubern bin,Sagt, daß in des Löwen Höhle,Statt des kräftigen, gesundenEinen welken Ihr gefunden,Der gebeugt und hilflos zwar (aufgerichtet)Aber doch noch Löwe war.
(Ab mit dem Hauptmann.)
Berta. Ach er geht, er hört nicht, geht!Läßt mich hier allein zurück,Der Verzweiflung preisgegebenUnd der Sorge Natterzahn.
Soll ich für den Vater beben,Fürchten was dem Trauten droht?Hab doch nur dies eine LebenWarum zweifach mir den Tod!(An der Türe von Jaromirs Gemach)Jaromir! Mein Jaromir!Keine Antwort, alles stille,Alles schweigend wie das Grab.
Wie bezähm ich diese Angst,Wie bezähm ich dieses Bangen,Das mir schwül wie WetterwolkenAuf der schweren Brust sich lagert.
O ich seh es in der Ferne,Es verhüllen sich die Sterne,Es erlischt des Tages Licht,Der erzürnte Donner spricht,Und mit schwarzen EulenschwingenFühl ich es gehaltnen FlugsSich um meine Schläfe schlingen.O ich kenn dich finstre Macht,Ahne was du mir gebracht,Muß ich's vor die Seele führen!O es heißt, es heißt verlieren,Und des Unheils ganzes ReichKennt kein Schrecken deinem gleichWeh! Besitzen und verlieren!Besitzen und verlieren!—
Wohin seid ihr goldne Tage?Wohin bist du, Feenland?Wo ich ohne Wunsch und Klage,Mit mir selber unbekannt,Lebte an der Unschuld Hand.
Wo ein Hänfling meine Liebe,Eine Blume meine Lust,Und der schmerzlichste der TriebeNoch ein Fremdling dieser Brust.
War der Himmel auch umzogen,Heiter strahlte doch mein SinnUnd auf spiegelhellen WogenTaumelte das Leben hin.
Spielend in dem Strahl der Sonne,Lockte mich des Bechers Rand,Und ich trank der Liebe WonneUnd ihr Gift aus seiner Hand.
Seit sein Arm mich hat umwunden,Seit ich fühlte seinen Kuß,Ist das Feenland verschwundenUnd auf Dornen tritt mein Fuß;
Dornen, die zwar Rosen schmücken,Aber Dornen, Dornen doch,In dem glühendsten EntzückenFühl ich ihren Stachel noch.
Sehnend wünsch ich seine Nähe,Und er kommt. Wie jauchzt die Braut!Doch wie ich ins Aug' ihm sehe,Werden innre Stimmen laut,
Tief im Busen scheint's zu sprechenWenn mein Blick in seinem ruht,Deine Liebe ist Verbrechen,Gottverhaßt ist diese Glut.
Jenes dumpfe, trübe Brüten,Seines Auges starrer Blick,Scheint Entfernung zu gebietenUnd ich bebe bang zurück.
Doch will ich mich ihm entziehen,Trifft sein Blick mich weich und warm,Mit dem Willen zu entfliehen,Flieh ich nur in seinen Arm,
Und wie der Charybde Tosen,Erst von sich stößt Schiff und Mann,Dann verschlingt die Rettungslosen,Stößt er ab und zieht er an.
Wer mag mir das Rätsel lösen?Ist es gut; warum so bang?Ach und führet es zum Bösen;Woher dieser Himmelsdrang?
(Mit ausgebreiteten Armen.)
Kann mein Flehen dich erreichen,Unerklärbar hohe Macht,Die ob diesem Hause wacht,So gib gnädig mir ein Zeichen,Einen Leitstern in der Nacht!
Ist es Tod—(Es fällt ein Schuß.)Ha!—Was war das?—Ein Schuß!Deut ich es das grause Zeichen?Ward mein frevler Wunsch erhört?—Weh mir!—Weh!—Ich bin allein!—Ha, allein?—Was streifte daKalt und wehend mir vorüber!—Bist du's geist'ge Sünderin?—Ha, ich fühle deine Nähe,Ha, ich höre deinen Tritt!(An der Türe von Jaromirs Gemach.)Jaromir, wach auf, wach auf!Schütze deine Berta!—Jaromir!Nur ein Wort, nur einen Laut,Daß du wachst, daß du mich hörst,Daß ich nicht allein!—Bei dir!—Schweigst du?—Ha ich muß dich sehen,Dich umfangen, dich umschlingen,Sehen, fühlen daß du lebst.
(Öffnet die Türe und stürzt hinein. Es fällt noch ein Schuß.Heraustaumelnd.)
Haltet ein! O haltet ein!Alles leer!—das Fenster offen!Er ist fort!—ist tot! tot!—tot!
Ende des zweiten Aufzuges
Dritter Aufzug
Halle wie in den vorigen Aufzügen.
Berta (sitzt am Tische, den Kopf in die Hand gestützt).Liebe das sind deine Freuden,Das Besitz ist deine Lust?Wie sind dann der Trennung Leiden,Und wie martert der Verlust?
(Sinkt in ihre vorige Stellung zurück.) (Pause—Jaromir öffnet die Seitentüre rechts, und will schnell zurück da er jemanden erblickt.)
Berta.Jaromir!—Du weichst zurück?Weichst vor mir zurück?—O bleib!Wie hab ich um dich gezittert,O Geliebter, wie gebebt!Sprich, wie fühlst du dich?
Jaromir (scheu und düster).Gut! Gut!
Berta.Gut? O daß ich's glauben könnte!Jaromir, wie siehst du bleich!Gott! Am Arm die Binde—
Jaromir.Binde?
Berta.Hier!
Jaromir.Ei Scherz!
Berta.Ein blut'ger Scherz!Sieh das Blut hier an dem Ärmel.
Jaromir.Hat's geblutet? Possen, Possen!
Berta.Reiß mich doch aus dieser Angst!Wo wardst du, und wie verwundet?
(Ihre Augen begegnen den seinigen, er wendet sich schnell ab.)
Berta.Du erbebst? du kehrst dich ab?
Jaromir (einige Schritte sich entfernend).Nein ich kann nicht, kann nicht, kann nicht!Seh ich diese reinen Züge,Senkt zu Boden sich mein BlickUnd der finstre Geist der LügeKehrt zur finstern Brust zurück.Hölle! eh' du das begehrst,Laß zuvor dies Herz sich wandeln,Und soll ich als Teufel handeln,Mache mich zum Teufel erst!
Berta.Jaromir, ich laß dich nicht!Steh mir Rede, gib mir Antwort!Wo wardst du und wie verwundet?
Jaromir (mit gesenktem Aug').Schlafend ritzt' ich mich am Arme.
Berta.Schlafend? Du hast nicht geschlafen!Sieh, ich war in deiner Kammer,Du warst fort, das Fenster offen!
Jaromir (erschreckend).Ha!
Berta.Geliebter, laß mich's wissen!O du weißt nicht, welche BilderSchwarz vor meine Seele treten.Heiß sie weichen! Heiß sie fliehn!Wo wardst du, und wie verwundet?
Jaromir (mit Bedeutung).Du begehrst's, so sei es denn! (Mit Absätzen.)Angelangt in meiner KammerHört' ich schießen, klirren, schreien—Deinen Vater wußt' ich unten—Wollte helfen—schützen—retten—Weiß kaum selbst mehr was ich wollte. (Gefaßter.)Wie ich nun so sinnend stehe,Da gewahr ich einer Linde,Die die frostentlaubten AsteBis zu jenem Fenster streckt.Ich ergriff die starken Zweige,Die sie hilfreich bot, und steige,Unbesonnen, unbedachtRasch hinunter in die Nacht.Hundert Schritte kaum gegangen—Fällt ein Schuß—Ob Freund ob Feind—Weiß ich nicht—genug—er traf.Da erwacht' ich zur Besinnung,Sah mit Schreck was ich gewagt.Weiter gehen schien gefährlich,Drum eilt' ich zurück zur Linde,Die herab mir half, und findeAuch den Rückweg so zurück.
Berta.Und bei allen dem befiel dichAuch nicht ein, nicht ein GedankeNur an mich, an meinen Schmerz.Einem Einfall hingegeben,Wagtest lieblos du dies LebenDas zugleich das meine ist.O du fühlst nicht so wie ich!Wenn dich gleiche Sehnsucht triebe,Wüßtest du wohl, daß die LiebeAuch das eigne Leben ehrt,Weil's dem Teuern angehört.
Jaromir (an seinem verwundeten Arm zerrend).Tobe, tobe, heißer Schmerz,Übertäube dieses Herz!
Berta.Warum zerrst du so am Arme?Deine Wunde—
Jaromir.Ist verbunden!
Berta.Rauh die Schärpe umgewunden!Harter, fühle meine Schmerzen,Wenn du deine auch nicht fühlst.
Hier ist Balsam—hier ist Linnen—Mir den Arm! Ich will ihn heilen.Reich mir ihn; ich will versuchen,Ob es mir vielleicht gelingt,Einen jener lieben Blicke,Ein Geschenk in schönern Tagen,Jetzt als Lohn davonzutragen.Jaromir, ich will's versuchen,Ob die Hand hier mehr erreicht,Als dies Herz voll heißer Triebe,Ach und ob dein Dank vielleichtReicher ist, als deine Liebe, (Die Schärpe ablösend.)Sieh doch nur, die schöne Schärpe,Die ich mühevoll gestickt,Und auf die, statt reicher Perlen,Manche Träne frommer Liebe,Dir einst teurer Schmuck, gefallen,Sieh, wie ist sie doch zerrissen.Ach zerrissen, wie mein Herz!
(Sie verbindet ihn. Die Schärpe fällt vor ihr auf den Boden hin.)
Berta.Immer stumm noch, immer düster!Ach du bist so sonderbar.Im Gesichte wechselt GlutMit des Todes fahler Farbe,Gichtrisch zuckt der bleiche MundUnd dein Aug' sucht scheu den Grund.Gott, du schreckst mich!
Jaromir (wild).Schreck ich dich?
Berta.Güt'ger Himmel, was war das?
Jaromir.Horch!—Im Vorsaal—Hörst du? Tritte!Fort!
Berta.Bleib doch!
Jaromir.Nein, nein, nein!Horch, man kömmt!—Schnell fort! fort! fort!
(Eilt ins Gemach zurück.)
Berta.Ist er's noch? Ist's noch derselbe?Wie er bebte, und erblich,Wie sein Aug' zu Boden sank!Himmel! Wie er's auch verhehle,Schwer ist noch sein Körper krank,Oder—schwerer seine Seele.
Ein Soldat (kömmt, ein abgerissenes Stück von einer Schärpe in derHand).Ihr verzeiht! Ist hier mein Hauptmann?
Berta.Nein, mein Freund.
Soldat.Wo mag der sein?Erst war er bei unsern Posten,Und jetzt nirgends aufzufinden.Glaubt' ihn schon zurückgekehrtUm der Ruhe hier zu pflegen.
Berta.Und mein Vater?—
Soldat.Ist bei ihm!Habt nicht Angst, mein holdes Fräulein.An den Räubern ist's zu zittern,Denn wir sind auf ihrer Spur.Zielte Kurt ein bißchen schärfer,Oder hatt' ich beßres Glück,War der Räuberhauptmann unser.Ja der Hauptmann! Staunt nur Fräulein.Ei, ich war ihm nah genugUm ihn wieder zu erkennen!Wie er da so um die MauernUnd durch die Gebüsche kroch,Da schoß Kurt nach ihm, und brav,Denn, bei meiner Treu, es traf,Hier, am Arme.
Berta.Gott!—Am Arme?
Soldat.Ja, am Arm, 's floß Blut darnach.Taumelnd wankt' er hart und schwer,Und es wollt' uns fast bedünken,Jetzt müss' er zu Boden sinken.Wie ich ihn so wanken sehe,Ich hervor, und auf ihn hin.Hart faßt' ich ihn an am GürtelUnd am Hals mit starker Hand,Trotz dem Sträuben, trotz dem Ringen,Meint' es müsse mir gelingen:Doch bald war er aufgerafft,Packte mich mit Riesenkraft,Wie ich mich verzweifelt wehrte,Mußt' ich dennoch auf die ErdeUnd der Höllensohn verschwand.Ob wir rasch gleich nach ihm setzen,All umsonst, und dieser Fetzen,Blieb statt ihm in meiner Hand.
(Das Stück der Schärpe hinhaltend.)
Berta (es erkennend).Ha!
(Sie läßt ihr Schnupftuch auf die Erde fallen, so daß es die am Boden liegende Schärpe bedeckt, und steht zitternd.)
Soldat.Ei ja mein schönes Fräulein.Glaubt, fürwahr es ist kein ScherzDem da in den Weg zu treten.Ich war lang in seinen Klauen,Und noch jetzt denk ich mit Grauen,Mit Entsetzen jener Zeit.Wenn er so nach seiner WeiseStand in der Gefährten Kreise,Mit dem dunkel glühnden Blick,Wie da nicht ein Laut entschwebte,Und der Mutigste selbst bebte,Und der Ungestümste schwieg.Bis er mächtig dann begann:Frisch Genossen, drauf und dran!Jeder zu den Waffen eilte,Und der wilde Haufen heulte,Daß es bis gen Himmel drangUnd die Gegend rings erklang.Und dann fort der ganze Troß,Er vorauf auf schwarzem Roß,Wie des Teufels Kampfgenoß,Heiß von Wut und Rachgier glühend,Blitze aus den Augen sprühend.Wo der Haufe sich ließ sehenWar's um Menschenglück geschehen;Nichts verschonte ihre Wut,Alles nieder! MenschenblutRauchte auf der öden StätteMit den Trümmern um die Wette.Schaudert ihr? Es ist darnach.Doch gekommen ist der Tag,Wo auch ihnen wird ihr LohnUnd der Henker wartet schon.
Berta.Weh!
Soldat (den Fetzen auf den Tisch werfend).Da lieg unnützes Stück.Will noch mal hinaus zum Tanz,Und was gilt's, ich bring ihn ganz!Gott befohlen, schönes Fräulein! (Ab.)
Berta.Weh mir weh!—Es ist geschehn!
(In den Sessel stürzend, und die Hände vors Gesicht schlagend.)
Jaromir (die Türe öffnend).Ist er fort?—Was fehlt dir Berta?
Berta (deutet mit abgewandten Blicken auf das am Boden liegendeSchnupftuch hin).
Jaromir (es aufhebend).Meine Schärpe!
Berta (hält ihm das abgerissene Stück vor, mit bebender Stimme).Räuber!
Jaromir (zurücktaumelnd).Ha!Nun wohlan, es ist geschehn!Wohl, der Blitzstrahl hat geschlagen,Den die Wolke lang getragen,Und ich atme wieder frei.Fühl ich gleich es hat getroffen,Ist vernichtet gleich mein Hoffen,Doch ist's gut, daß es vorbei!Jene Binde mußte reißenUnd verschwinden jener Schein;Soll ich zittern das zu heißen,Was ich nicht gebebt zu sein?Nun braucht's nicht mehr zu betrügen,Fahret wohl ihr feigen Lügen,Ihr wart niemals meine Wahl:Daß ich es im Innern wußte,Und es ihr verschweigen mußte,Das war meine gift'ge Qual.Wohl, der Blitzstrahl hat geschlagen,Das Gewitter ist vorbei;Frei kann ich nun wieder sagenWas ich auf der Brust getragen,Und ich atme wieder frei.—
Ja ich bin's, du Unglücksel'ge,Ja ich bin's, den du genannt!Bin's den jene Häscher suchen,Bin's dem alle Lippen fluchen,Der in Landmanns NachtgebetHart an an dem Teufel steht;Den der Vater seinen KindernNennt als furchtbares Exempel,Leise warnend: Hütet euch,Nicht zu werden diesem gleich!Ja ich bin's, du Unglücksel'ge,Ja ich bin's, den du genannt!Bin's den jene Wälder kennen,Bin's den Mörder: Bruder nennen,Bin der Räuber Jaromir!
Berta. Weh mir, wehe!
Jaromir.Bebst du Mädchen?Armes Kind, schon bei dem NamenFaßt es dich mit Schauder an?Laß dich nicht so schnell betören,Was du schauderst anzuhören,Mädchen, das hab ich getan!Dieses Aug', des deinen Wonne,War des Wanderers Entsetzen;Diese Stimme, dir so lieblich,War des Räuberarms GehilfinUnd entmannte bis er traf;Diese Hand, die sich so schmeichelndIn die deinige getaucht,Hat von Menschenblut geraucht!
Schüttle nicht dein süßes Haupt,Ja ich bin's, du Unglücksel'ge!Weil die Augen Wasser blinken,Weil die Arme kraftlos sinken,Weil die Stimme bebend bricht,Glaubst du, Kind, ich sei es nicht?Ach der Räuber hat auch Stunden,Wo sein Schicksal, ganz empfunden,Solche Tropfen ihm erpreßt.Berta, Berta, glaube mir,Dessen Augen jetzt in WeinenFruchtlos suchen nach den deinen,Ist der Räuber Jaromir!
Berta.Himmel! Fort!
Jaromir.Ja du hast recht!Fast vergaß ich wer ich bin!Feige Tränen fahret hin!Darf ein Räuber menschlich fühlen?Darf sein heißes Auge kühlenEiner Träne köstlich Naß?Fort! Von Menschen ausgestoßen,Sei dir auch ihr Trost verschlossen,Dir Verzweiflung nur und Haß!Wie ich oft mit mir gestritten,Wie gerungen, wie gelitten,Darnach frägt kein Menschenrat.Vor des Blutgerichtes SchrankenRichtet man nicht die Gedanken,Richtet man nur ob der Tat!
Nun, so weiht mich eurem Grimme,Willig steig ich aufs Schafott,Doch zu dir ruft meine Stimme,Auf zu dir du heil'ger Gott!Du hörst gütig meine Klagen,Dir Gerechter will ich's sagen,Was mein wunder Busen hegt,Du, mein Gott, wirst gnädig richten,Und ein Herz nicht ganz vernichten,Das in Angst und Reue schlägt.
Unter Räubern aufgewachsen,Groß gezogen unter Räubern,Früh schon Zeuge ihrer Taten,Unbekannt mit milderm Beispiel,Mit dem Vorrecht des Besitzes,Mit der Menschheit süßen Pflichten,Mit der Lehre Lebenshauch,Mit der Sitte heil'gem Brauch;Wirst du wohl den Räuberssohn,Wirst Gerechter ihn verdammen,Menschenähnlich, schroff und hart,Wenn er selbst ein Räuber ward!Ihn verdammen, wenn er übte,Was die taten, die er liebte,Und an seines Vaters Hand,Dem Verbrechen sich verband.Weißt du doch, wie beim ErwachenAus der Kindheit langem Schlummer,Er mit Schrecken sich empfand,Seinem schwarzen Lose fluchte,Zweifelnd einen Ausweg suchte,Suchte, Himmel, und nicht fand.Weißt du doch, wie seit den Stunden,Als ich sie, ich sie gefunden,Die mich nun bei dir verklagt,Meinem wüsten Tun entsagt;Weißt du—Doch wozu die Worte!Wie mein Herz auch schwellend bricht,Bleibt versperrt des Mitleids Pforte,Du weißt alles, ew'ges Licht,Und die Harte hört mich nicht.Ab von mir bleibt sie gewendet.—Nun wohlan, so sei's vollendet!Ach, geendet ist's ja doch!Ob mein Blut die Erde rötet:Hat doch sie mich schon getötet,Henker, sprich! Was kannst du noch?
(Geht rasch der Türe zu.)
Berta (aufspringend).Jaromir!—Halt ein!
Jaromir.Was hör ich?Das ist meiner Berta Blick!Ihre Stimme tönt mir wieder,Und auf goldenem GefiederKehrt das Leben mir zurück.
(Auf sie zueilend.)
Berta! Berta! Meine Berta!
Berta.Laß mich!
(Sie eilt fliehend gegen den Vorgrund. Jaromir erreicht sie und faßt ihre Hand, die sie nach einigem Widerstreben in seiner läßt. Sie steht mit abgewandtem Gesichte.)
Jaromir.Nein, ich laß dich nicht!Ach soll denn der Unglücksel'ge,Kaum dem Schiffbruch nur entgangen,Dem die Kraft schon schwindend sinkt,Treibend auf der Wasserwüste,Denn umklammern nicht die Küste,Die ihm reich entgegenblinkt?Nimm mich auf, o nimm mich auf!Was aus meinem frühern LebenNoch mir hafte, noch mir bliebe,Alles, bis auf deine Liebe,Als unwürdig deinem Blick,Stoß ich's in die Flut zurück;Als ein neues, reines Wesen,Wie aus meines Schöpfers Hand,Lieg ich hier zu deinen FüßenUm zu lernen, um zu büßen.
(Ihre Kniee umfassend.)
Nimm mich auf! O nimm mich auf!Mild, wie eine Mutter, leiteMich, dein Kind, wie's dir gefällt,Daß mein Fuß nicht strauchelnd gleiteIn der neuen, fremden Welt.Lehr mich deine Wege treten,Glück gewinnen, Glück und Ruh',Lehr mich hoffen, lehr mich beten,Lehr mich heilig sein wie du!
Berta, Berta, und noch immer,Und noch immer fällt kein BlickAuf den Flehenden zurück?Meine Berta, sei nicht strenger,Als der strenge Richter, Gott;Der mit seiner Sonne StrahlenIn des Sünders letzten QualenNoch vergoldet das Schafott.—Ha ich fühle—dieses Beben—Ja—du bist mir rückgegeben!
(Die schwach sich Sträubende in seine Arme ziehend.)
Berta! Mädchen! Gattin! Engel!
(Aufspringend.)
Stürze jetzt die Erde ein!Ist doch hier der Himmel mein!
Berta.Jaromir, ach Jaromir!
Jaromir.Fort jetzt Tränen, fort jetzt Klagen!Mag das Schicksal immer schlagen,Wenn dein Arm mich, Teure, hält,Trotz ich einer ganzen Welt.
Meine Schuld ist ausgestrichen,Jubelnd bin ich mir's bewußt,Und Gefühle, längst verblichen,Blühen neu in dieser Brust.
Wieder bin ich aufgenommenIn der Menschheit heil'gem Rund,Und des Himmels Geister kommenSegnend den erneuten Bund.
Unschuld mit dem Lilienstengel,Liebe mit der goldnen Frucht,Hoffnung, jener Friedensengel,Der sich jenseits Kronen sucht.
Nun stürmt immer, wilde Wogen,Schwellt in himmelhohen Bogen,In des Hafens sichrer HutLach ich der ohnmächt'gen Wut.
Und nun höre, meine Berta!Lange noch eh' ich dich kannte,Dacht ich schon auf künft'ge Flucht.Weit von hier, am fernen RheinIst ein Schloß, ein Gütchen mein,Gelder, Wechsel stehn bereit,Fertig wie mein Wink gebeut.Dorthin, wo mich niemand kennt,Wo man mich: von Eschen nennt,Nach dem stillen Gütchen hin,Dahin, Berta, laß uns fliehn.Dort fang ich auf neuer BahnAuch ein neues Leben an,Und nach wenig kurzen Jahren,Dünkt uns was wir früher warenWie ein altes Märchen, kaumKlarer als ein Morgentraum.
Berta.Fliehen soll ich?
Jaromir.Kann ich bleiben?Kann ich fliehen ohne dich?
Berta.Und mein Vater?
Jaromir.Weib, und ich?Wohl so bleib, auch ich will bleiben!Hier, hier sollen sie mich finden,Fassen, würgen, fesseln, binden,Hier vor deinem Angesicht.Wohl, so bleib du gute Tochter,Pflege deinen grauen Vater,Führ lustwandelnd ihn hinaus,Hin zu jener schwarzen Stätte,Wo auf sturmdurchwehtem BetteIm durch dich vergoßnen BlutDein ermordet Liebchen ruht.Zeig ihm dann am RabensteineJene modernden Gebeine—
Berta.Ach, halt ein!
Jaromir.Du willst?
Berta (halb ohnmächtig).Ich will!
Jaromir.So hab Dank, hab Dank, mein Leben!Schnell jetzt fort, ich kann nicht weilen;Hier wird mich ihr Arm ereilen,Meine Spur ist schon entdeckt.Dieses Schloß wird man durchspüren,Sie durch die Gemächer führenDenn ihr Argwohn ist geweckt.Abwärts suchen jetzt die Späher,Dieses Schlosses Außenwerke,Seine halbverfallnen GängeSind dem Räuber längst bekannt.Dorthin will ich mich verbergen,Bis der Augenblick erscheint,Der auf ewig uns vereint.
Wenn erschallt die zwölfte StundeUnd kein lebend Wesen wacht,Nah ich leise, leis im BundeMit der stillen Mitternacht.
Im Gewölbe, wo in ReihenDeiner Väter Särge stehn,Führt ein Fenster nach dem Freien,Dort, mein Kind, sollst du mich sehn—
Und schnell eil ich, wenn das ZeichenVon der lieben Hand erschallt,Schnell dahin, wo unter Leichen,Mir dies liebe Leben wallt.
Dort an deiner Väter Särgen,Die Verdacht und Argwohn fliehn,Soll die Liebe sich verbergen,Und dann schnell ins Weite hin!
Also kommst du?
Berta (leise).Ja, ich komme!
Jaromir.Also willst du?
Berta.Ja, ich will!
Jaromir.Jetzt leb wohl, denn ich muß fort;Daß sie uns nicht überraschen.Lebend soll man mich nicht haschen.Doch noch eins! Kind, schaff mir Waffen!
Berta.Waffen? Waffen? Nimmermehr!Daß du von Gefahr gedrängt,Selber nach dem eignen Leben—
Jaromir.Sei nur unbesorgt, mein Kind.Seit ich weiß wie du gesinnt,Seit ich deinen Schwur gehört,Hat mein Leben wieder Wert.Auch bedürft' es nicht der Waffen.Um mir Freiheit zu verschaffen,Wär' dies Fläschchen wohl genug.
Berta.Fort dies Fläschchen!
Jaromir.Kind, warum?
Berta.Glaubst du denn, mir würde Ruh',Glaubst ich könnt' es bei dir wissenOhne daß mein Herz zerrissen?
Jaromir.Macht's dich ruhig, nimm es hin!
(Das Fläschchen auf den Tisch werfend.)
Doch nun schaff mir Waffen, Waffen!
Berta.Waffen? Ach woher?
Jaromir.Ei hängt nicht,Hängt denn nicht an jener MauerDort ein Dolch?
Berta.Ach laß ihn, laß ihn!Zieh ihn nicht aus seiner Scheide,Unglück hängt an dieser Schneide.Von dem Dolche, den du siehst,Ward der Ahnfrau unsers HausesEinst in unglücksel'ger StundeEingedrückt die Todeswunde.Als ein Zeichen hängt er daVon dem nächtlichen VerhängnisDas ob unserm Hause brütet.Blut'ges hat er schon gesehn,Blut'ges kann noch jetzt geschehn!
(Die Ahnfrau erscheint hinter den beiden, die Hände, wie abwehrend, gegen sie ausgestreckt.)
Berta.Was starrst du so gräßlich hin?Mann du zitterst? Ich auch bebe!Grabesschauer faßt mich an,Leichenduft weht um mich her!
(Sich an ihn schmiegend.)
Ich erstarre! Ich vergehe!
Jaromir.Laß mich!—Diesen Dolch da kenn ich!
Berta.Bleib zurück! Berühr ihn nicht!
Jaromir.Sei gegrüßt, du hilfreich Werkzeug!Ja du bist's, fürwahr du bist's!Wie ich dich so vor mir seheTauchen ferner Kindheit Bilder,Lang verborgen, lang entzogenVon des Lebens wilden Wogen,Wie der Heimat blaue Berge,Auf aus der Erinnrung Flut.—An dem Morgen meiner TageHab ich dich schon, dich gesehn.
Seitdem durch die Nacht des LebensSchwebtest du mir gräßlich vorWie ein blutig Meteor.In der flucherfüllten Nacht,Als ich auf der ersten StufeMeinem furchtbaren BerufeScheu die Erstlinge gebracht,Da sah ich mit bleichem SchreckenIn der Wunde, die ich schlug,Statt des Dolches, den ich trug,Deine, deine Klinge stecken.Und seit jenem SchreckenstagBlieb dein Bild mir immer wach!Sei gegrüßt, du hilfreich Werkzeug!Lockend seh ich her dich blinken,Und mein Schicksal scheint zu winken.Du bist mein! Drum her zu mir!
(Drauf los gehend.)
Berta (zu seinen Füßen).Ach, halt ein!
Jaromir (immer unverwandt auf den Dolch blickend).Weg da!—Zurück!
(Er nimmt den Dolch. Die Ahnfrau verschwindet.)
Jaromir.Was ist das? Was ist geschehn?Als du dort noch flimmernd hingst,Schien von deiner blut'gen SchneideAuszugehn ein glühend Licht,Das durch der VergangenheitNachtumhüllte Nebeltäler,Scheu, mit mattem Strahle flammte.Und Gestalten, oft gesehn,Wie in einem frühern LebenFühlt' ich ahnend mich umschweben.Diese Hallen grüßten michDies Gerät schien mir zu winken,Und in meines Busens GründenSchien ich mir mich selbst zu finden.Und jetzt ausgelöscht, verweht,Wie ein Blitzstrahl kommt und geht.
Berta.Diesen Dolch! O leg ihn hin!
Jaromir.Ich, den Dolch? Nein, nimmermehr!Er ist mein, ist mein, ist mein!Ei fürwahr ein tüchtig Eisen!Wie ich ihn so prüfend schwingeWird mit eins mir guter DingeUnd mein innres Treiben klar.Wen's mit dir, mein guter Stahl,Mir gelingt so recht zu fassen,Der wird mich wohl ziehen lassenUnd kömmt nicht zum zweitenmal.Nun leb wohl, leb wohl mein Kind!Mutig! Froh! Die Zukunft lacht!Und gedenk!—Um Mitternacht!
(Mit erhobenem Dolche ins Seitengemach ab.)
Ende des dritten Aufzuges
Vierter Aufzug
Halle wie in den vorigen Aufzügen. Lichter auf dem Tische. Berta sitzt, den Kopf in die flachen Hände und diese auf den Tisch gelegt.
Günther (kommt).Ihr seid hier, mein gnäd'ges Fräulein?Mögt Ihr weilen so alleinIn den düsteren GemächernUnd in dieser, dieser Nacht?Wahrlich, eine schreckenvollreHat dies Aug' noch nie gesehn.Wimmernd heult der Sturm von außenUnd im Innern schleicht EntsetzenSinnverwirrend durch das Schloß.Auf den dunkeln Stiegen rauscht es,Durch die öden Gänge wimmert's,Und im Grabgewölbe druntenPoltert's mit den morschen Särgen,Daß das Hirn im Kreise treibtUnd das Haar empor sich sträubt.Manches steht uns noch bevor,Wandelt doch die Ahnfrau wieder;Und man weiß aus alten Zeiten,Daß das Großes zu bedeuten,Schweres anzukünden hat,Unglück oder Freveltat!
Berta.Unglück oder Freveltat?Unglück, ach und Freveltat.—Reichte nicht das Unglück hinDieses Dasein zu vernichten,Warum noch den schweren FrevelLaden auf die wunde Brust?Warum, du gerechtes Wesen,Noch mit des Gewissens FluchDeinen harten Fluch verschärfen?Warum, Gott, zwei Blitze werfen,Wo's an einem schon genug?
Günther.Ach, und Euer grauer VaterDraußen in dem WintersturmBloßgestellt der Wut des WettersUnd der blut'gen Räuber Dolch!
Berta.Dolch?—Was sagst du?—Welcher Dolch?Gab ich? Nahm er nicht?
Günther.Liebes Fräulein,Laßt den Mut nicht ganz entweichen!Alle diese trüben ZeichenSind ja doch nur Wetterwolken,Die des Sturmes Nahn verkünden:Doch nicht alle Donner zünden,Und des Blitzes glühnder BrandLiegt in Gottes Vaterhand.
Berta.Du hast recht.—In Gottes Hand!Du hast recht!—Ja ich will beten!Er wird Hilf' und Trost verleihn;Er kann schlagen, er kann retten,Er kann strafen und verzeihn!
(Am Sessel niederknieend.)
Günther (ans Fenster tretend).Es erhellet sich die Gegend,Fackeln streifen durch das Feld.Man verfolgt den Rest der Räuber,Der sich hier verborgen hält.
Berta (knieend).Heil'ge Mutter aller Gnaden,Laß mich dir mein Herz entladen,Aus mich schütten meinen Schmerz;Mild, mit weichem Finger streifeVon der Brust den Kummer, träufeBalsam in dies wunde Herz!
Günther.Rund herum im Kreis sie stehen,Jeder Ausweg ist verstellt.Da mag keiner wohl entgehen,Wie er sich verborgen hält.
Berta (in steigender Angst).Hüll ihn ein in deinen SchleierDen Geliebten, mir so teuer,Er ist ja zurückgekehrt!Wollest gnädig ihn bewahren!Führ ihn durch der Späher Scharen,Führ ihn durch der Feinde Schwert!
Günther.Wär' doch Euer Vater hier.Daß es ihn hinausgetrieben!Wär' er doch bei uns geblieben,Wenn—mit Schaudern denk ich's mir!
Berta.Schau herab vom Sternensitze,Und auch ihn, auch ihn beschütze,Dem man schon so viel geraubt;Was den Teuern, Lieben dräuet,Sei auf dieses Haupt gestreuet,Sei gelegt auf dieses Haupt!
Günther.Jetzt scheint etwas auf gespürt!Alles eilt der Mauer zu.Setzt er sich auch noch zur Wehr,Der entkömmt wohl nimmermehr.
Berta (in höchster Angst, fast schreiend).Wend es ab!—Ach, wende! wende!Hier erheb ich meine Hände.Oder ende!—ende!—ende!
(Pause.—Beide horchen mit der gespanntesten Aufmerksamkeit. Berta richtet sieh langsam auf.)
Günther.Horch!—Ein Schrei!
Berta.Ein Schrei!
Günther.Wieder Stille.
Berta.Wieder Stille—
Günther.Himmel! War das nicht die Stimme?
Berta.Wessen Stimme?
Günther.Fort Gedanke!Das zu denken wär' schon Tod!
Berta.Wessen Stimme?
Günther.Ei nicht doch!Alle stehen sie versammeltRings um einen Gegenstand,Der, so scheint's, am Boden liegt.
Berta.Liegt? Am Boden liegt?
Günther,Ich kannNicht hinvor bis dahin blicken,Denn des Hauses scharfer VorsprungHemmt die Aussicht nach der Seite.Doch dünkt mich an jener Linde,Die das Fenster dort beschattet—
Berta.An der Linde?
Günther.Ja, so dünkt mich.
Berta.An der Linde?—Liegt am Boden?
Günther.Wie ich sagte. Also scheint's.
Berta.Gott, mein Jaromir!
Günther.Ei Fräulein,Der schläft ruhig in der Kammer.
Berta.Schläft? Ach schläft um nie zu wachen!
Günther.Horch, man kömmt.—Da laßt uns fragenWas sich unten zugetragen.
(Hauptmann kommt.)
Hauptmann (eintretend).Heda! Betten! Tücher! Betten!
Günther.Ach sagt an doch, edler Herr!
Berta (steht bewegungslos).
Hauptmann.Ihr auch hier, mein holdes Fräulein?Darauf war ich nicht bereitet.Hilfe wollt' ich hier begehren,Nicht des Unglücks Bote sein.Euer Vater ist—
Berta (schnell).Und Er?
Hauptmann.Wer, mein Fräulein?
Berta.Und—die Räuber?
Hauptmann.Noch ist es uns nicht gelungen.Ach und Euer Vater—
Berta.Nicht?—Nun habt Dank für Eure Botschaft! 2
Hauptmann.Botschaft? Welche Botschaft?
Berta.Daß—Ich erwarte wollt' ich sagen,Ich erwarte Eure Botschaft.
Hauptmann.Hört sie denn mit wenig Worten.—Euer Vater ist verwundet.
Berta.Ist verwundet? Wie, mein Vater?O ich will ihn pflegen, warten,Sorglich heilen seine Wunden,Und er soll gar bald gesundenAn der Tochter frommen Brust.
Hauptmann.Nun mich freut's, daß meine Botschaft,Euch gefaßter, mut'ger trifft,Als ich fürchtete und—hoffte.
Günther.Also war's doch seine Stimme!Ich will alsogleich hinaus—
Hauptmann.Bleib! Bereite lieber alles,Denn man bringt ihn schon hierher.Hart traf ihn der Stoß des Räubers—
Berta.Ha!—des Räubers?
Hauptmann.Wohl, des Räubers;Wessen sonst? Doch ja, Ihr wißt nicht.—Wir durchstreiften rings die Gegend,Euern Vater in der Mitte,Denn trotz meiner warmen Bitte,Blieb er, tief die Kränkung fühlend,Die ich schuldlos ihm gebracht,Helfend, leitend unter uns—Horch! Da rauscht's durch die Gebüsche,Und die Wachen rufen's an.Keine Antwort. Meine LeuteFroh ob der gefundnen BeuteStürzen jubelnd drauf und dran.Und nach einem jener GängeDie in wildverworrner Menge,Halb verfallen, weit umhinDieses Schlosses Wall umziehn,Sahn wir einen Schatten fliehn.Euer Vater stand der Nächste,Und mit vorgehaltnem DegenStürzt er jugendlich verwegen,Nach dem Räuber in den Gang.Da ertönt ein matter Schrei.Eilig stürzen wir herbei.Euer Vater liegt am Boden,Ohne Leben, ohne Odem,Seiner selbst sich nicht bewußt,Einen Dolch in seiner Brust.
Berta.Einen Dolch?
Hauptmann.Ja, liebes Fräulein!
Berta.Einen Dolch?
Hauptmann.Ja, einen Dolch.
Berta.Fort! hinaus! hinaus! hinaus!
Hauptmann (sie zurückhaltend).Bleibt doch, liebes Fräulein, bleibt doch!Seht man bringt ihn.—
(Soldaten und Diener bringen den Grafen auf einer Tragbahre, die sie in der Mitte der Bühne niedersetzen.)
Berta.Gott! Mein Vater!Laßt mich! Laßt mich!
Hauptmann.Ruhig, Fräulein!Denn Ihr tötet Euch und ihn!Ruhig!
Berta.Ruhig?—Laßt mich! Laßt mich!
(Sich losreißend und an der Bahre niederstürzend.)
Vater! Vater! O mein Vater!
Graf (in Absätzen).Ah bist du es, meine Berta?Gutes Mädchen, armes Kind,Armes, armes, armes Kind!
Berta.Vater, mir nicht diese Güte,Vater, mir nicht diese Huld,Sie vergrößert meine Schuld!
Graf.Wenn in jenem AugenblickeBei der Fackeln fernem LichtMich getäuscht mein Auge nicht,Wenn er's war, er den ich meine—Armes, armes Kind, dann weineUm dich selber, nicht um mich!Wo ist Jaromir?
Berta (bebend, leise).Ich weiß nicht.
Graf.Wo ist Jaromir, mein Kind?
Berta (ihr Gesicht in die Kissen verbergend).Vater! Vater!
Graf.Nun, es sei!Fahre wohl denn, fahre wohlMeine letzte, einz'ge Hoffnung!Wohl, die Sonne ist hinunter,Ausgeglimmt der letzte Schein,Dunkle Nacht bricht rings herein.Es ist Schlafens-, Schlafenszeit!—Gutes Mädchen, armes Kind,Klage, dulde, leide, stirb!Dir kann nimmer Segen werden,Für dich gibt's kein Glück auf Erden,Bist du ja doch meine Tochter,Bist doch eine Borotin.
Günther.Haltet ein, mein gnäd'ger Herr!Eure matte, wunde BrustLeidet unter Eurem Sprechen.
Graf.Laß mich, treuer Diener, laß michNoch einmal, am Rand des Grabes,Diesem wüsten, wirren Leben,Wüst und rauh und dennoch schön,Noch einmal ins Auge sehn.Seine Freuden, seine LeidenMich zum letzten, letzten Abschied,Noch einmal als Mensch mich fühlend,Drücken an die Menschenbrust.Noch zum letzten Male schlürfenAus dem bittersüßen Becher—Und dann Schicksal nimm ihn hin!
Berta.Vater, nein! Nicht sterben!—Nein!Nein, Ihr dürft nicht, dürft nicht sterben!Seht, ich klammre mich an EuchSeht, Ihr dürft, Ihr könnt nicht sterben!
Graf.Willst du mit den KinderhändenIn des Schicksals Speichen greifen?Seines Donnerwagens LaufHält kein sterblich Wesen auf.
(Ein Soldat kömmt.)
Soldat (zum Hauptmann).Eben hat man einen Räuber,Der im Schilfe lag verborgenVon dem nahgelegnen Weiher,Edler Herr, hier eingebracht.
Graf.Einen Räuber?
Berta.Güt'ger Gott!
Graf.Jüngling noch? Von schlankem Wuchse?
Soldat.Nein, Herr Graf, beinah schon Greis.Er verlangt mit Euch zu sprechen.Wicht'ges hab' er zu verkünden,Wichtiges für ihn und Euch.
Hauptmann.Mag der Bösewicht es wagenDieses Mannes letzte Stunden—
Graf.Laßt ihn kommen, lieber Herr!Hat er sich gen mich vergangen,Will ich sterbend ihm verzeihn,Oder ward vielleicht von mirIhm Beleid'gung oder Unbild,Soll ich aus dem Leben scheidenMit des Armen Fluch beschwert?
Hauptmann.Wohl, er komme!
(Soldat ab.)
Günther.Gnäd'ger Herr,Unbequem ist dieses Lager.Ihr erlaubt es wohl, wir tragenEuch in Euer Schlafgemach.
Graf.Nein, nicht doch! Hier will ich bleiben,Hier in dieser heil'gen Halle:Die des Knaben muntre Spiele,Die des Jünglings bunte Träume,Die des Mannes Taten sah,Soll auch sehn des Greises Ende.Hier, wo meiner Ahnen GeisterMich mit leisem Flug umschweben,Hier, wo von den hohen WändenEine lange, würd'ge Reihe,Die noch jetzt der Ruhm erhebt,Niederschaut auf ihren Erben,Wo die Väter einst gelebt,Soll der letzte Enkel sterben!
(Boleslav tritt ein, von Wachen geführt.)
Boleslav (sich auf die Kniee niederwerfend).Gnäd'ger Herr, ach habt Erbarmen!Laßt mich Gnade, Gnade finden,Sprecht für mich ein mächtig Wort!Und zum Lohne will ich dannEine Kunde Euch erteilen,Die schnell Euer Siechtum heilen,Euch mit Lust erfüllen soll.
Graf.Gibt's für mich gleich keine Kunde,Die so mächtig wie du sprichst,Doch versprach ich dir zur Stunde,Hier in meines Freundes Geist,Wenn's zum Guten was du weißtSollst du gnäd'ge Richter finden,Gnädig auch bei schweren Sünden.
Boleslav.Wohl so hört, ach, und verzeiht!Einst, jetzt sind's wohl zwanzig Jahre,Ging ich eines Sommerabends,Damals schon auf schlimmen Wegen,Hier an Euerm Schloß vorbei.Wie ich lauernd ringsum spähe,Da gewahr ich an dem Weiher,Der an Eure Mauern stößt,Einen schönen, holden Knaben,Kaum drei Jahre mocht' er haben;Der warf spielend Stein auf SteinIn die klare Flut hinein.
Günther.Güt'ger Gott!
Graf.Was werd ich hören!
Boleslav.Schön und köstlich war sein Kleid,Und um seinen weißen NackenHing ein funkelndes Geschmeid.Mich gelüstet nach der Beute.Ringsum schau ich, nirgends Leute,Ich und er nur ganz allein.Ich versuch's ihn anzulocken,Abzulocken ihn vom Schlosse,Zeig ihm Blumen, zeig ihm Früchte,Und der Knabe froh und heiterFolgt mir weiter, immer weiterBei des Abends DämmerscheinIn den düstern Wald hinein.
Graf.Ach es war, es war mein Sohn!
Günther.Und wir glaubten ihn ertrunken,In des Weihers Schlamm versunken,Weil sein Hut im Wasser schwamm!
Graf.Jubelst du in toller Lust,Glaubst du, daß in Räubers BrustMenschlichkeit und Mitleid wohnet?Glaubst du, daß er ihn verschonet?
Boleslav.Ja ich habe ihn verschont!Morden wollten ihn die Brüder,Daß nicht durch des Knaben MundUnsre Wege würden kund,Doch ich setzte mich dawider.Und als die Gefährten schwören,Nimmer soll' er wiederkehrenAus des Waldes Nacht herausIn der Eltern heimisch Haus,Da, Herr, dau'rte mich der Kleine,Da ward Euer Sohn der meine.Bald vergaß er Euch und sich,Und er ehrt als Vater mich.
Graf.Gott! Mein Sohn!—Er lebt! er lebt!Aber wie?—Ha, unter Räubern!Ist wohl gar?—Weh ist—
Boleslav (mit gesenkten Augen).Was ich!
Graf.Räuber?—Gott, er sagt nicht: Nein!Schweigt erstarrt und sagt nicht: Nein!Ha mein Sohn ein Räuber, Räuber!Hätt' ihn doch dein schwarzer MundTückisch Wassergrab verschlungen,Besser, schien's mir gleich so hart,Wär' sein Name nie erklungen,Als mit Räuber jetzt gepaart.Aber ach, was fluch ich ihm?Gott, hab Dank für diesen Strahl!Räuber! War's denn seine Wahl?Bring ihn, Guter, bring ihn mir,Auch für den Räuber dank ich dir!
Boleslav.Er ist hier in Euerm Schlosse!
Graf.Hier?—
Boleslav.Ja, Herr, Euch unbekannt.Jener Fremde der heut abendMatt und bleich um Zuflucht bat—
Berta.Jaromir?
Boleslav.Derselbe, ja!
Graf.Teufel! Schadenfroher Teufel!Nimm's zurück das Donnerwort,Nimm's zurück!
Boleslav.Er ist's, mein Herr!
Graf.Widerruf!
Boleslav.Ich kann nicht, Herr!
Graf (sich mit höchster Anstrengung aller Kräfte vom Lageraufrichtend).Widerruf!
Hauptmann (besänftigend zum Grafen).Herr Graf!
(Auf Boleslav zeigend.)
Fort mit ihm!
Boleslav.Mein Herr Ritter!
Hauptmann.Fort mit ihm!
(Boleslav wird abgeführt.)
Graf.Er geht fort, und sagt nicht: Nein!So begrabt mich denn ihr Mauern,Und Verwüstung brich herein,Stürzet ein ihr festen Säulen,Die der Erde Ball getragen,Denn den Vater hat sein Sohn erschlagen!
(Zurücksinkend.)
Berta (aufs Lager hinstürzend).Todespforte tu dich auf!
(—Pause.—Alle stehen in stummen Entsetzen.)
Graf.Wie hab ich so oft geklagt,Daß ein Sohn mir ward versagt,Kampfgerecht und lehenbar,Wie der Väter hohe Schar.Seht des Schicksals giftigen Hohn!Seht, ich habe einen Sohn,Es erhielt ihn mild am Leben,Mir den Todesstreich zu geben!
Wenn mein Aug' sich tränend netzte,War die Klage ohne Not,Väter, ich bin nicht der Letzte!Noch lebt einer!—am Schafott!—Was liegt dort zu meinen FüßenUnd blinkt mich so blutig an?
Günther (den Dolch aufhebend und hinhaltend). 's ist der Dolch, der Euch verwundet!
Graf.Dieser war es? Dieser Dolch?Ja du bist es, blutig Eisen,Ja, du bist's, du bist dasselbe,Das des Ahnherrn blinde WutTauchte in der Gattin Blut.Ich seh dich, und es wird helle,Hell vor meinem trüben Blick.Seht ihr mich verwundert an?Das hat nicht mein Sohn getan!Tiefverhüllte, finstre MächteLenkten seine schwanke Rechte!
(Günthern anfassend.)
Wie war, Alter, deine Sage,Von der Ahnfrau früher Schuld,Von dem sündigen Geschlecht,Das in Sünden ward geborenUm in Sünden zu vergehn!Seht ihr jenen blut'gen PunktAus der grauen Väterwelt,Glühendhell herüberblinken?Seht, vom Vater zu dem SohneUnd vom Enkel hin zum EnkelRollt er wachsend, wallend fort,Und zuletzt zum Strom geschwollen,Hin durch wildgesprengte Dämme,Über Felder, über Fluren,Menschendaseins, MenschenglücksLeichtdahingeschwemmte Spuren,Wälzt er seine Fluten her,Uferlos, ein wildes Meer.Ha, es steigt, es schwillt heran,Des Gebäudes Fugen krachen,Sinkend schwankt die Decke drobenUnd ich fühle mich gehoben!
Tiefverhüllte Warnerin,Sünd'ge Mutter sünd'ger Kinder,Trittst du dräuend hin vor mich?Triumphiere! Freue dich!Bald, bald ist dein Stamm vernichtet;Ist mein Sohn doch schon gerichtet!Nimm denn auch dies Leben hin,Es stirbt der letzte Borotin! (Sinkt sterbend zurück.)
Günther.Gott! Es sprengen die Verbande!Weh, er stirbt!
(Über ihn gebeugt, die Hand auf seine Brust gelegt, nach einer Pause.)
Er ist nicht mehr!—Kalt und bleich sind diese Wangen,Diese Brust hat ausgebebt.Qualvoll ist er heimgegangen,Qualvoll, so wie er gelebt.Fahr denn wohl, du reine Seele,Ach und deine TugendenTragen dich wie lichte Engel,Von der Erde Leiden losIn des Allerbarmers Schoß.Schlummre bis zum Morgenrot,Guter Herr, und was dies Leben,Karg und hart, dir nicht gegeben,Gebe freundlich dir der Tod!
(Er sinkt betend auf die Kniee nieder. Der Hauptmann und alleUmstehenden entblößen die Häupter. Feierliche Stille.)
Hauptmann.So, ihm ward der Andacht Zoll!Und jetzt Freunde, auf, zu rächenDas entsetzliche VerbrechenAuf des blut'gen Mörders Haupt!
Günther.Wie, Ihr wolltet?
Hauptmann.Fort, mir nach!
(Ab mit seinen Leuten.)
Günther.Güt'ger Himmel! Haltet ein!Hört Ihr nicht? Es ist sein Sohn!Meines Herren einz'ger Sohn!Fräulein Berta!—Hört doch, hört!
(Dem Hauptmanne nach.)
Berta (sich aufrichtend).Rief man mir?—Nu, Berta rief es,Ei, und Berta ist mein Name.—Aber nein, ich bin allein!
(Vom Boden aufstehend.)
Stille, still! Hier liegt mein Vater,Liegt so sanft und regt sich nicht.Stille! Stille! Stille! Stille!
Wie so schwer ist dieser Kopf,Meine Augen trübe, trübe!Ach ich weiß wohl, manche Dinge,Manche Dinge sind geschehn,Noch vor kurzem erst geschehn;Sinnend denk ich drüber nach;Aber ach, ein lichter Punkt,Der hier an der Stirne brennt,Der verschlingt die wirren Bilder!
Halt! Halt! Sagten sie denn nicht,Nicht, mein Vater sei ein Räuber?Nicht mein Vater, nicht mein Vater!Jaromir, so hieß der Räuber!Der stahl eines Mädchens HerzAus dem tiefverschloßnen Busen,Ach, und statt des warmen HerzensLegte er in ihren BusenEinen kalten Skorpion,Der nun grimmig, wütend nagtUnd zu Tod' das Mädchen plagt.Und ein Sohn erschlug den Vater
(freudig.)
Und mein Bruder kam zurück,Mein ertrunkner, toter Bruder!Und der Bruder—Halt!—Hinunter!Nur hinunter, da hinunter!Fort in euren schwarzen Käfich!
(Die Hand krampfig aufs Herz gepreßt.)
Nage, nage, gift'ges Tier,Nage, aber schweige mir!
(Ein Licht vom Tische nehmend.)
Ei, ich will nur schlafen gehn,Schlafen, schlafen, schlafen gehn.Lieblich sind des Schlafes Träume,Nur das Wachen träumt so schwer!
(Ihre umherschweifenden Blicke auf den Tisch heftend.)
Was blinkt dort vom Tisch mich an?O ich kenn dich, schönes Fläschchen!Gab mir's nicht mein Bräutigam?Gab zum Brautgeschenke mir's.Sprach er nicht als er mir's gab,Daß in dieser kleinen WiegeSchlummernd drin der Schlummer liege?Ach der Schlummer! Ja, der Schlummer!Laß an deinem Rand mich nippen,Kühlen diese heißen Lippen,Aber leise—leise—leise.—
(Sie geht auf den Zehenspitzen, mit jedem Schritte mehr wankend auf den Tisch zu. Eh' sie ihn noch erreicht, sinkt sie zu Boden.)
Ende des vierten Aufzuges
Fünfter Aufzug
Schloßzwinger. Von allen Seiten halbverfallene Werke. Links an einerWand des Vorgrundes ein Fenster in der Mauer. Im Hintergrunde einTeil des Wohngebäudes mit der Schloßkapelle.
Jaromir (kommt durch die Nacht).So,—Hier ist der Ort, das Fenster!Hier in diesen wüsten MauernWill ich tiefverborgen lauern,Bis des Glückes Stunde schlägt.
(Auf und ab gehend.)
Fort, ihr marternden Gedanken,Schlingt nicht eure dunkeln RankenIn dies weichliche Gefühl!Pfui! Der nie dem Tod gezittert,Fest und mutig, den erschüttertLoser Bilder leichtes Spiel!—
Ha, und wenn ich ihn erschlug,Ihn der mich erschlagen wollte,Was ist's, daß ich zittern sollte?Hat die Tat nicht Grund genug?Hab ich ihm den Tod gegeben,War's in ehrlichem Gefecht,Ei, und Leben ja um Leben,Spricht die Sitte, spricht das Recht!Wer ist's, der darob errötet,Daß er seinen Feind getötet,Was ist's mehr?—Drum fort mit euch,War ich sonst doch nicht so weich!—
Und wenn's recht, was ich getan,Warum faßt mich Schauder an?Warum brennt es hier so heiß,Warum wird mein Blut zu Eis?Warum schien's, als ich es tat,In dem schwarzen Augenblicke,Teufel zögen mich zur Tat,Gottes Engel mich zurücke!
Als ich fliehend in den Gang,Der Verfolger nach mir sprang,Schon sein Atem mir im Nacken,Jetzt mich seine Hände packen,Da rief's warnend tief in mir,Deine Waffen wirf von dirUnd dich hin zu seinen Füßen,Süß ist's durch den Tod zu büßen!Aber rasch, mit neuer GlutFlammt empor die RäuberwutUnd ruft ungestüm nach Blut.Vor den Augen seh ich's flirren,Hör es um die Ohren schwirren,Geister, bleich wie Mondenglanz,Wirbeln sich im Ringeltanz,Und der Dolch in meiner HandGlühet wie ein Höllenbrand!Rette, ruft es, rette dich!Und blind stoß ich hinter mich.Ha es traf. Ein wimmernd AchFolgt dem raschen Stoße nach,Mit bekannter, süßer Stimme,Mit erstorbner Klagestimme.Bebend hör ich sie erschallen.Da faßt ungeheure AngstMich mit kalten Eises-Krallen.Wahnsinn zuckt mir durchs Gehirn.Bebend such ich zu entweichenMit dem blutigen Kains-ZeichenFlammend auf der Mörderstirn.
All mein Ringen, all mein TreibenKann den Ton nicht übertäuben,Immer dröhnt mir dumpf und bangIn das Ohr sein hohler Klang;Und mag ich mir's immer sagen:Deinen Feind hast du erschlagen;Ruft der Hölle gift'ger Hohn:Das war keines Feindes Ton!—Doch wer naht dort durch die Trümmer,Eilig schreitend auf mich zu?Tor! Den Rückweg findst du nimmer,Ich muß fallen, oder du.Denn wenn einmal nur der TigerErst gesättigt seine Wut,Bleibt die Gierde ewig SiegerUnd sein Innres schreit nach Blut. (Er zieht sich zurück.)
(Boleslav kommt.)
Boleslav.Gott sei Dank! Es ist gelungen,Ledig bin ich meiner Haft,Doch von Mauern noch umrungenUnd schon schwindet meine Kraft.Daß ich ihn doch finden könnte,Ihn, den Teuern, den ich suche,Meinen, seinen, unsern Sohn.Werf ich mich mit JaromirZu des mächt'gen Vaters Füßen,O dann muß der Richter schonen,Trifft desselben Schwertes Streich,Doch den Sohn mit mir zugleich.
Jaromir (hervortretend).Das ist meines Vaters Stimme!
Boleslav.Jaromir!—du bist's?
Jaromir.Ich bin's.
Boleslav.Sei gesegnet!
Jaromir.Großen Dank!Ei, behaltet Euren Segen,Räubers Segen ist wohl Fluch.Und woher des Wegs, mein Vater?Welcher Dietrich, welche LeiterFührt Euch in des Sohnes Arm?
Boleslav.Ach, ich war in Feindeshänden.An dem Weiher dort gefangen,Ward ich in das Schloß gebracht.Doch benutzend die Verwirrung,Die des Grafen jähe KrankheitUnter seine Diener streute,Sucht' ich Rettung, und entsprang.
Jaromir.Und entsprangt? Ihr seid mein Mann!Seht, so hab ich auch getan;Denn uns blüht kein Glück, uns beiden,Unter unbescholtnen Leuten,In des Waldes Nacht und Graus,Fühlt ein Räuber sich zu Haus.Recht mein Vater! Wackrer Vater!Würdig eines solchen Sohns.
Boleslav.Solchen Sohns?—Er weiß noch nicht!—Jaromir, du nennst mich Vater!
Jaromir.Soll ich nicht?—Wohl, tauschen wir!Nehmt den Vater Ihr zurück,Doch erlaßt mir auch den Sohn!
Boleslav.Wozu mag noch Schweigen frommen,Ist die Stunde doch gekommen,Wo die Hülle fallen muß.Nun wohlan denn, so erfahreDas Geheimnis langer Jahre:Wer dir gab des Lebens Licht.Laß den Dank nur immer walten,Denn ich habe dir's erhalten,Wenn auch gleich gegeben nicht.
Jaromir.Ha!—Wenn gleich gegeben nicht?Nicht gegeben? Nicht gegeben?
Boleslav.Nein, mein Sohn, nicht mehr mein Sohn.
Jaromir.Nicht dein Sohn?—Ich nicht der SohnJenes Räubers Boleslav?Alter Mann, ich nicht dein Sohn?Laß mich's denken, laß mich's fassen,O es faßt, es denkt sich schön!Ich gehörte mit zum Bunde,Den verzweifelnd ich gesucht,Und Gott hätte in der StundeDer Geburt mir nicht geflucht?Meinen Namen nicht geschriebenEin in der Verwerfung Buch,Dürfte hoffen, dürfte liebenUnd mein Beten ist kein Fluch?
(Boleslav hart anfassend.)
Ungeheuer! Ungeheuer!Und du konntest mir's verhehlen,Sahst mich gift'ge Martern quälen,Sahst des Innern blut'gen Krieg,Ha, und deine Lippe schwieg!Schlichst dich kirchenräuberischIn des reinen KinderbusensUnentweihtes Heiligtum;Stahlst des teuren Vaters BildVon der gottgeweihten Schwelle,Setztest deines an die Stelle!
Ungeheuer! Ungeheuer!Wenn ich im Gebete kniete,Und des Dankes Gegenstand,Der, mir selber unbekannt,In dem heißen Herzen brannte,Lebensschenker, Vater nannte,Segen auf ihn niederflehte,Schlichst du dich in die Gebete,Eignetest dir, Mörder, du,Meiner Lippen Segen zu!Sprich's noch einmal, sprich es aus,Daß du dir den VaternamenWie ein feiger Dieb gestohlen,Mörder! Daß ich nicht dein Sohn!
Boleslav.Ach mein Sohn—
Jaromir.Sprich es nicht aus!Deine Zunge töne Mord,Aber nicht dies heil'ge Wort!—Nicht dein Sohn! Ich nicht dein Sohn!Habe Dank für diese Nachricht!Mörder! Darum haßt' ich dich,Seit ich Gottes Namen nenne,Seit ich Gut und Böses kenne.Darum bohrten deine BlickeSich wie Meuchelmörder-DolcheIn des Knaben warme Brust,Darum faßt' ihn kalter Schauder,Wenn du mit den blut'gen HändenSeine vollen Wangen strichst,Dich zu ihm herunter neigtest,Auf erschlagne Leichen zeigtest,Und dein Mund mit Lächeln sprach:Werd ein Mann, und tu mir nach!Und ich Tor, ich blinder Tor,Ich verstand des eignen InnernTief geheime Warnung nicht,Rang mit meinem weichen Herzen,Rang in fruchtlos blut'gem RingenUm ihm Liebe abzudrängenFür des Mannes greises Haar,Der der Unschuld Henker war.Bösewicht, gib mir zurück,Was mir die Geburt beschieden,Meiner Seele goldnen Frieden,Meines Daseins ganzes Glück,Meine Unschuld mir zurück!
Boleslav.Gott im Himmel! Höre doch!
Jaromir.Und wo ist, wer ist mein Vater?Führ mich hin zu seinen Füßen.Laß ihn einen Landmann sein,Der mit seiner Stirne SchweißSeiner Väter Erbe dünget.Hin zu ihm! An seiner Seite,Will ich gern, ein Landmann nur,Mit der sparsamen NaturRingen um die karge Beute,Legen meiner Tränen SaatMit dem Samen in die Erde,Froh wenn mir die Hoffnung naht,Daß noch beides grünen werde.Laß ihn einen Bettler sein;Ich will leiten seine Schritte,Teilen seine dürft'ge Hütte,Teilen seine Angst und Not,Teilen sein erbettelt Brot;Will, wenn späte Sterne blinken,Auf den nackten Boden sinken,Und mich reich und selig dünken,Reicher als kein König ist,Wenn der Schlaf mein Auge schließt.Sprich wo ist er? Führ mich hin!
Boleslav.Nun wohlan, so folge mir!Nicht ein niedrig dunkler LandmannNicht ein Sklav' in Bettlertracht,Nein, ein Mann von Rang und Macht,Den des Landes Höchste kennenUnd den Fürsten Bruder nennen,Dem der Ersten Haupt sich beugt,Jaromir, hat dich gezeugt.Heiß den düstern Mißmut fliehn,Denn dein Los ist nicht so herbe,Stolz sieh auf den Boden hin,Du trittst deiner Väter Erbe,Bist ein Graf von Borotin!
Jaromir (zusammenfahrend).Ha!—