Während er mit fast zu Sicherheiten sich spannenden Hoffnungen den Strand entlang mit aufgewühlter Seele lief, ging Granuella die zweihundert Stufen zu dem Leuchtturm hinauf. Sie stand mit einem Herzen da, das die Erlebnisse dieser leidenschaftlichen Szene mit ungeheurer Empfindlichkeit nach der Richtung seines eigentlichen Ziels gewandt hatte, ja man hätte sie für eine Wahnsinnige halten müssen, wie sie, die Arme aufgerissen, auf der Brüstung stand. Mit der Energie einer Tollen erlebte sie das phantastische Glück der Gegenwart ihres entfernten Geliebten. Sie wäre fast von der Zinne gestürzt. Trotzdem der Herzog tausende Kilometer von ihr entfernt war, empfand sie in der Tat eine ungeheuerliche Bewegung. Seine Anwesenheit hätte sie nicht verstärkten können und die Verbindung, die sie auf der Höhe dieser Minute mit aller Tiefe ihres Wesens durchatmete, war fast tötlich schön. Das Meer lag unter ihr wie Getreide. Der Mond spannte mit seinen Lichtfurchen die Kanäle ihrer Heimaterde dazwischen. Was blieb ihr, als zu erstarren vor Glück, obwohl sie immer den eiligen kaum mehr vor Eile wahrnehmbaren Herzschlag in sich vernahm. Sie war keine eigentlich schwärmerische Natur und eher mit Geduld begabt, auf Genuß zu warten, als sich an Visionen zu begeistern in der Abwesenheit des Gegenstands ihrer Wünsche und ihres Schicksals. Sie hatte aber die bestimmte hellsichtige Zuversicht in dieser Nacht, daß ein ungeheures Glück nahe.
Dieses junge Mädchen mußte am Morgen hören, Leuchtenberg sei gefallen. Sie nahm es ohne Gefühlsäußerung auf, vielleicht lächelte sie sogar in den Winkeln ihres kühlen und doch wollüstigen Mundes. Sie sagte am Abend zu St. Goar, als er kam und sich stumm zu ihr setzte: „Ich glaube nicht, daß ich vergessen kann, Sie eine kleine Freude bei der Nachricht empfinden zu sehen.“ Ihre Offenheit beschämte ihn grenzenlos und öffnete wieder das Tor des Verstehens zwischen ihnen, das durch seine Unsicherheit einen Augenblick zugeschlagen war. Natürlich konnte er weder jetzt noch je in seinem Leben den Gedanken verlieren, daß er der natürliche Nachfolger Leuchtenbergs sein müsse und die Hoffnung auf eine Füsilierung des Herzogs war eines der sichersten Besitztümer seiner Seele. Er hätte den Triumph meistern müssen, denn er setzte damit alles, nämlich ihr Stück Zuneigung zu ihm, aufs Spiel. Er klagte sich fassungslos an. Sie war sehr gütig und entschuldigte ihn selbst. St. Goar empfand an diesem Tag die Furchtbarkeit seiner Lage, die ihm Granuella für immer nahm. Das einzige, was ihm den Weg zu ihr frei machte, würde als Gespenst sie ihm mit der Pistole noch weigern. Er verfiel in eine tragische Melancholie, in der der Entschluß in ihm reifte, sein Leben lang für dieses Stück Zuneigung bei ihr zu werben, auch wenn er sie nicht besitzen solle, zufrieden, wenn ihm das wenigstens bliebe. Von ihm wurde sie wohl am meisten und besten geliebt, obwohl er nicht wie andere dafür in den Tod hineinjagte. Sie zeigte ihm dafür eine nachsichtige Freundschaft nicht ohne Zärtlichkeit bis zu ihrem Sterben.
Niemand vermochte ihr abzuraten, als sie sich entschloß in die Heimat zu fahren. Ihre Familie galt immer noch als Mittelpunkt der Irredenta der Provinz. Sie begab sich, alle Warnungen freundlich ablehnend, am festgesetzten Tag auf die Reise. Jedermann sah einen schlechten Ausgang, sie allein tat es nicht im mindesten. In der Tat sah sie den Wind mit den Maisfeldern spielen, roch den Duft, den beseligenden träumerischen Duft der Gartenerde und sah die Sonne zwischen dem kühlen Schatten der Kastanienallee. Aber nur mit geschlossenen Augen in ihrem Kupee. Man fing sie gleich hinter der Grenze ab und gab ihr ein anständiges aber sie völlig abschließendes Gefängnis in einer Festung, von deren Namen sie keine Ahnung hatte. Man transportierte sie nachts und in geschlossenem Auto. Sie vermochte sich nicht mit der Douglas in Verbindung zu setzen, und die Nachforschungen, die diese anstellte, zogen sich wochenlang resultatlos hinaus.
Granuella suchte verhört zu werden, verfaßte Proteste, bat um Erklärungen. Es war, als verschwände jedes Zeichen von ihr in der Luft. Sie konnte über nichts klagen, aber sie kam nicht aus der geheimnisvollen Isolierung heraus. Es blieb nichts übrig, als sich auf den Stolz zurückzuziehen und die Dinge mit Hochmut abzuwarten. Das war nicht immer leicht, wenn man die Vögel und die Wolken ansehn mußte. Zu ihrem Glück liebte die Wärterin sie ebenso umständlich wie tief. Sie hatte die Neigung eines ergebenen Haustiers zu ihr gefaßt und sie tat ihren Dienst unter Schmerzensausbrüchen über ihre schöne Gefangene. Wenn sie Granuella in schwachen Stunden zart und in Tränen aufgelöst fand, küßte sie ihr das Kleid wie einer Heiligen.
Nach einer Zeit von etwa zwei Monaten kam eine Kontrolle der Regierung in die Festung. Der Führer benahm sich äußerst seltsam, prallte an der kaum geöffneten Tür Granuellas, die schlief, zurück, hauchte den Atem scharf aus und verschloß die Tür rasch hinter sich. In dieses Zimmer trat er überhaupt nicht ein, ließ sich die Listen vorlegen, tobte durch die anderen Zellen, steckte drei Pförtner sofort in strengen Arrest, fluchte über die Unsauberkeit und ließ den Kommandeur kommen: „Pfui Teufel, Sie Schwein“, schrie er ihn an, „schreiben Sie Ihren Abschied“, und warf ihm ein Papier auf den Tisch und schlug die Reitpeitsche quer über das Blatt. Weiter äußerte er nichts, ließ einen seiner Leute als Kommandeur zurück und reiste ab. Nach zwei Tagen kam er nachts wieder zurück. Man sagte, er hätte den Berg selbst wie ein Rasender hinauf gelenkt. Er blieb da, ob in Urlaub ob in einer Mission war nicht klar. Täglich ging er mit entschlossenem Schritt bis an die Tür der Gefangenen. Es war um die Zeit, wo sich niemand auf den Gängen befand. Wenn er die Klinke fassen wollte, griff er höher, bis sein Arm senkrecht stand. Dann drehte er um, ließ den Arm herunterfallen und verschloß sich im Bureau, wo er Akten studierte.
Nach einiger Zeit ging in dem Augenblick, wo er anmarschierte, die Tür weit auf. Die Wärterin, die nicht in dem Zimmer zu sein hatte, warf sich ihm zu Füßen und bettelte, ob sie ihm einen Brief übergeben dürfe. Das war verboten und er schob sie mit einem Tritt bei Seite. Granuella sah in das Gesicht des Obersten Gagarin. Ihre Blicke, die aus dem Wolfshaß heraufkamen, hatten einige Zeit, sich ineinander zu verketten. Der Fürst war General geworden und noch tiefer ergraut. Sein Gesicht war marmorweiß und fast jung geblieben. Zugleich nahm sie in seinem Blick, der die schrankenlose Energie der Soldaten seiner Zeit hatte, die gleiche Energie eines schmerzlichen Zugs wahr, der eigentlich sein ganzes Gesicht nun erfüllte. Plötzlich griff er an die Schläfe, grüßte und begann zu sprechen: „Es ist meine Aufgabe, Ihre Angelegenheit zu prüfen und zu bedenken, welchen Wert Ihre Anwesenheit für meine Nation hier haben kann. Die Verantwortung darüber ist völlig in meine Hände gelegt, auch inwieweit man sich Ihrer als Geisel für zukünftige Fälle bedienen kann. Diese Verantwortung ist ungeheuer, da ich jeden Tag meines Lebens für das Wohl der Nation nur atme. Ich würde mich eher in den Kasematten auf meinen eigenen Befehl erdrosseln lassen, als daß ich nicht auch in diesem Falle lediglich für die Nation handelte. Sie werden begreifen, wie entsetzlich mir die unerwartete Aufgabe über Sie zu entschließen geworden ist.“ Sie sah in den Hof hinab, wo man aufgeregt hin und her lief und dachte nach, welche Vorbereitung zu welchen Schrecken das sein solle. „Es ist meine Pflicht, Ihnen diese Briefe zu übergeben, die eingelaufen sind.“ Er hielt sie ihr hin und da sie nicht zugriff, legte er sie auf den Tisch. Sie standen sich wieder gegenüber. Er rang mit etwas, hielt es aber zurück.
„Obwohl es nicht mein eigentliches Amt ist, habe ich Ihnen eine weitere Mitteilung zu machen.“ Es war offensichtlich, daß er sich trotz seiner eisigen Ruhe in tiefster Bewegung befand. Sie dachte, indem sie ihn mit halbgesenkten Lidern ansah: er hat meine Brüder erschossen. Möge Gott ihn bei der ersten Gelegenheit töten . . . und schloß die Augen. Er hob die Hand an sein Käppi und salutierte: „Ich bringe Ihnen die Nachricht Ihrer Freiheit, Baroneß.“ Sie sah ihn mit aufgerissenen Augen an. Sie glaubte, er wolle ihr Herz langsam martern. Es war klar, daß er noch etwas, worauf es ihm überhaupt ankam, im Hintergrund habe. Er sagte langsam: „Wenn Sie die Grenze nicht innerhalb fünf Stunden überschreiten, werden Sie heute Abend erschossen sein. Bis zur Grenze kann Sie mein Auto bringen. Eilen Sie sich, je eiliger, um so besser. Es geht um Ihr Leben. Später wird die Grenze geschlossen sein, da man Unruhen befürchtet. Ich werde in der Zwischenzeit einen Brief nach Warschau zu telephonieren haben, den ich, an Sie gerichtet, öffnen mußte. Noch einmal, beeilen Sie sich.“
Sie wurde totenfahl. Sie erkannte die Schriftzüge Leuchtenbergs. Es wurde ihr klar, daß der Mann ein furchtbares Spiel gegen sie vorhaben müsse. Er reichte ihr ungeöffnet das Schreiben. Sie öffnete es aber nicht, sondern legte es auf den Tisch zurück. In diesem Augenblick empfand sie, daß dieser Mensch sich in einem grauenvollen Zwiespalt wand. Er war so unglaublich, daß sie ihn kaum anzusehen wagte. Seine Augen bohrten sich förmlich in ihr Herz hinein. Es wäre dem Fürsten ein Leichtes gewesen, mit ihr als Angelhaken den Leuchtenberg heranzulocken, den er mehr haßte, als er hätte sagen können. Er hatte den Entschluß gefaßt, die Frau loszulassen, mit der er als Geisel seiner Karriere einen starken Dienst hätte tun können. In der Tat hatte er sich geschworen für das, was er seinem Edelmut nachgab, sich zu rächen und den Herzog sofort zu töten, wo er ihn erreichen konnte, wenn dessen Ankunft den Beginn neuer Schwierigkeiten in den Provinzen bedeutete. Das Mädchen begriff in der einen Sekunde alles und schlug die Hände vor das Gesicht. So schlich sie bis an die Tür. Als sie diese erreicht hatte, blieb sie einen Augenblick stehen. Fürst Gagarin salutierte noch immer, obwohl ihm der Hals bald sprang. Sie sah ihm auf die Zähne. Er sagte aber nichts mehr.
Da sie aber an die Hölle, die sie in ein paar Minuten durchlebt hatte, nicht mehr glauben konnte, als sie im Auto saß, sondern alles für einen Traum hielt, fragte sie den Chauffeur, der sie an die Grenze fuhr: „Höre, ist Dein Herr, der General, der Herzog von Leuchtenberg?“ Sie hatte sich nach vorn gebeugt, er konnte aber in der rasenden Fahrt nicht zurückschauen und sie mußte wiederholen und ihr Ohr weit nach vorne schieben. „Nein, Frau“, sagte er kopfschüttelnd, „es war nicht der Herzog von Leuchtenberg.“ Darauf fragte sie: „Und nun? War es Fürst Gagarin?“ Darauf erwiderte der Chauffeur, es wäre der General Gagarin gewesen. Mittlerweile kamen sie an die Grenze. Sie hielt den Brief noch in der Hand, sie hatte vergessen ihn zu öffnen. Sie erbrach ihn und erbleichte. Das Blut schoß ihr in die Schläfen. Als sie ausstieg, sandte sie durch den Chauffeur dem General, der ihre Brüder erschossen hatte, das Tuch, mit dem sie in Florenz ihrem ersten Geliebten gewinkt hatte. Sie hätte es in der nächsten Sekunde lieber mit den Zähnen zerrissen. Dieser Mann, dem sie das Tuch sandte, hatte keinen anderen Gedankten, als den Herzog von Leuchtenberg zu töten. Es kam jedoch anders, und Fürst Gagarin kam nicht in die Lage, dafür, daß er Granuella de Voß, die er wahnsinnig liebte, zu ihrem ersten Geliebten entweichen ließ, zum Schutz seines Landes und als Sühne für seine Tat den Herzog abzuschießen. Leuchtenberg kam nicht in die Provinz.
Das junge Mädchen traf eine Woche nachher Lady Douglas und reiste mit ihr Leuchtenberg entgegen nach Süden, wo man sich besser traf als in der Nähe fanatisierter Kugeln. Diese Reise war der Höhepunkt ihres Lebens. Dieses Glück hatte sie nicht für möglich gehalten. Sie mußte immer wieder innehalten und von vorne anfangen zu denken, weil die Vorstellungen sich ihr verwirrten. Zu manchen Zeiten wußte sie kaum, was sie sprach, und starrte mit erschreckten Augen um sich, wo sie sich überhaupt befinde. Diese Woche war so, als trete sie immer aus einem Traum, um für Sekunden Wahrnehmungen zu machen, worauf sie wieder in den Traum zurücksank. Ein Gefühl von so maßlosem Entrücktsein hatte sie ergriffen, daß vor dieser machtvollen Verzauberung Lady Douglas Beängstigung empfand. Es schien unfaßlich, wie diese völlige Verwandlung noch zu übertreffen, ja überhaupt je wieder ins einfache Leben zurückzuleiten sei. Das Gespenst einer ungeheueren Gefahr lebte in dieser Wonne alle acht Tage hindurch. Die Douglas hatte eine Schatulle mit Papieren bei sich, um die Eheschließung, wo auch immer sie sich träfen, sofort vornehmen zu lassen.
Sie begegneten sich in Triest. Der Herzog kam mit einer Art Janitscharenregiment auf einem eigenen Schiff. Die Kapellen spielten, Schüsse wurden abgefeuert und Signale gewechselt. Der Einzug hatte einen beinahe offiziellen Anstrich, da die Souveränitäten von Dutzenden neuer östlicher Staaten nie durchschaubar waren, solange die asiatischen Auseinandersetzungskämpfe mit den Bolschewiken dauerten. Der Herzog hatte offenbar ein kriegerisches und abenteuerliches Dasein zu Ende gebracht. Er hatte so wilde Sitten, daß die Douglas ihre ganze Autorität gebrauchte, ihn kein Aufsehen erregen zu lassen. Granuella war fast von Sinnen vor Aufgelöstheit. Sie sah nichts und hörte nichts. Offenbar wußte sie gar nicht, wo sie sich befand. In der Nacht raubte sie Leuchtenberg, nachdem er sie geschickt während einer kurzen Abwesenheit der Engländerin in den Garten geführt hatte.
Auf einem eigenen Motorboot, in das er Blumen hatte werfen lassen, fuhr er sie nach einer kleinen Insel. Zwischen einer Lichterkette gelangten sie zu einem Haus auf einem Hügel. Er trug sie mehr, als sie ging. Was Granuella in dieser Nacht erlebte, war das Süßeste und Unfaßbarste für sie. Sie spürte selbst, alles Spätere sei überflüssig. Am liebsten wäre sie nicht wieder erwacht. Sie erinnerte sich, daß ihre Jugendträume alle auf etwas hingingen, das sie noch nicht damals erfassen und erblicken konnte. Das war es. Es war nun da. Sie empfand eine Bestätigung heute für alles, was sie getan und unterlassen hatte in ihrem Leben. Sie mußte Leuchtenberg wie einen Gott empfunden haben, der sie besuchte. Bei diesen beiden Menschen schlug das Feuer ihrer Begeisterung und ihrer Liebe immer wieder zusammen, wenn sie sich die Nacht zurückriefen, wo er sie aus ihrem Kindheitshause holte. Baroneß Granuella de Voß war überzeugt, daß sie ihr Vaterland umarme, wenn sie ihre Mädchenarme zärtlich um ihren Geliebten schlang, und daß die Sehnsucht, um die sie Jahre hindurch in der Fremde gewandert und die sie grauenhaft durchlitten, ihr nun mit Dank in dem besten Mann ihrer glühenden Nation sich erfülle.
Am Morgen vermochte sie von der Adlernase dieses Mannes nicht mehr zu entdeckten als die ferne Spur seines Schiffes, das wie ein Hauch in dem Meerblau schwebte. Der Herzog hatte sich aus dem Hafen des Freistaats entfernt und das Schiff wieder südlich gesteuert, nachdem er einen diplomatischen Auftrag erledigt hatte. Gewiß war er nicht ohne etwas wie Gewissen, obwohl bei Männern in Frauensachen diese Tugend nicht viel mehr als eine angenehme Verlogenheit bedeutet, aber er war keineswegs der Mann, ein wildes und hartes männliches Leben für eine auf Jahre verlängerte Schäferszene hinzugeben. Und er hatte in der Tat, abgesehen davon, ob sein Ideal gewichtig oder erbärmlich sei, wahrhaftig die Empfindung, Träger und Bringer eines unsterblichen und nie wieder erreichbaren Glücks gewesen zu sein. Granuella starb um eines Haares Breite, als sie begriff. Sie hatte bis zum Mittag aufgerichtet im Bett allein am Fenster gesessen. Als die Douglas sich über sie beugte, sah sie diese einen Augenblick an. Die Engländerin, die sie den Tag mit großer Ängstlichkeit gesucht hatte, nickte. Granuella wurde weiß und fiel auf das Gesicht. Sie hatte lange mit dem Tod zu kämpfen, und Lady Douglas vermochte lange nicht, ihrem Nicken hinzuzufügen, daß sie diese ganze Sache vorausgesehen habe.
Granuella wurde in der Folge sehr schön. Man sah nur ihre Zähne nicht mehr. Früher hatte sie die Lippen stets leicht geöffnet getragen. Sie hatte weniger Gelegenheit nunmehr zu lächeln. Ihr Bruder war während ihrer Krankheit auf eine unaufgeklärte Weise gestorben. Sie reiste daher, als sie die Nachricht vom Tod ihres Vaters erhielt, zu seiner Beisetzung noch einmal nach Kowno. Wie der blonde Erzengel stand sie mit dem wollüstigen Madonnengesicht zwischen den Fahnen und Uniformen. Sie blieb allein am Grab vor einem wilden Haufen Blumenkränzen: „Das da unten ist der Mann, mit dem ich meine Jugend geduldet, gelitten, gehofft,“ dachte sie. „Das Leben war zu schwer für ihn und hat ihn zerbrochen. Habe ich ihm nicht Unrecht getan, daß ich ihm deshalb zu zürnen wagte? Hat er diesen Unsinn nicht einfach nur eher durchschaut wie ich?“ Sie griff sich an die Stirn und fühlte die Traube blonden Haars, die aus dem koketten Turbanhut und dem dicht unter dem Kinn geführten Schleier herausquoll. Sie sah die letzten Menschen um die Ecke des Friedhofgangs biegen. Sie hatten dieses Wrack, das schon vor Jahren aus Leidenschaft zum Geld die Sache der Nation verriet wie einen großen Führer begraben. Sie war toll verliebt in diesen Vater, weil er dem Leben unterlegen war, aber sie verachtete die Schreier, die ihre Phrasen über seinen armseligen Tod geschwungen hatten, als ob ein Heros für sie gefallen sei. „Man hätte dieses Volk nie versuchen sollen zu retten. Es wäre vielleicht zu seinem besten gewesen, wenn man es hätte rädern lassen,“ dachte sie. Etwas fehlte nunmehr in ihrem Gesicht, aber es war unbestimmt was. Sie ging bis dicht an das Grab heran, dann drehte sie um. Um Weihnachstag heiratete sie den General Gagarin.
Seinen Anweisungen und Wünschen verstand sie sich völlig anzuschließen. Er vergötterte diese Frau. Er sprach auch in Gesellschaft, wenn sie abwesend war, nur mit einer märchenhaften Verehrung von ihr. Sie selbst wohnte des öfteren mit ihm auf dem väterlichen Gut, das nun endgültig polnisch war. Die interalliierten Mächte hatten schließlich die Macht, die die Provinz halten konnte, sanktioniert. Sie war auch bei allen Anweisungen auf der Seite ihres Gatten, der in der rücksichtslosesten Weise vorging. Wenn man sie gefragt hätte, was sie dabei empfinde, hätte sie voraussichtlich mit der Duldung aber auch der Härte, die sie auszeichnete, auf die Verachtung gedeutet, die sie für jene baltischen Schwärmer empfand, die, ehemals deutschen Blutes, mit ritterlichen und unklaren Gesten ihr Leben verkämpften, das nichts als nebelhaften Inhalt hatte. Die Phrasen taten ihr zu jeder Stunde weh. Sie konnte Begeisterungen nicht mehr ertragen, da sie auf der Kehrseite die Dummheit sah. Sie stand auf dem Boden ihres Mannes und hielt für recht, daß er behielt, was er besaß und daß er besaß, was er zu halten vermochte. Sie hatte Gelegenheit, sich in alle Geistesrichtungen ihrer Zeit zu versenken, es ist nicht gesagt, daß sie das primitive und wohl etwas kindische Ideal ihres Gatten zu oberst stellte, auch wenn sie es billigte. Als Frau war sie allen Schwingungen des Geistes ihrer Epoche zugänglich und selbst den Geheimnissen offen, in deren Schoß die Erde sich auf furchtbare Zeichen neu ankündigt. Aber als Frau wiederum fühlte sie sich in der brutalen Gradheit ihres Mannes geborgen, darüber mochte die Welt zerspringen. Sie hielt nicht genügend von ihr, um in Ereiferung darüber zu geraten. So war es ihr gleich, daß man sie haßte, wo sie der besinnungslosen Liebe des Generals sicher war.
„Gehen Sie,“ sagte sie, als sie sich unwohl fühlte, zu dem General Fürst Gagarin, der den Vorzug hatte, ihr Gatte zu sein, „dieses Telegramm bestellen.“ Nach zwei Tagen rannte, den Krummsäbel in der Hand, um nicht zu stürzen, ein fast weißhaariger litauischer General die Treppe herauf. Er schien völlig verstört und irrte sich in den Zimmern. Plötzlich riß er einen Teppich zurück. Sie war schon tot. Neben ihrem Bett stand Gagarin. Er grüßte stumm und nahm von ihrem Gesicht das Tuch, das sie ihm als erste Sache geschenkt hatte. Der Mann, der ihre Brüder erschossen, reichte es St. Goar, an dem sie ein wenig mit der Zärtlichkeit ihrer Glutseele gehangen und der zu spät kam. Er hatte die Nachfolgeschaft des Herzogs nie antreten dürfen. Die Männer reichten sich die Hände in einem plötzlichen Liebesempfinden, das wunderbar in ihren Augen glühte. „Ich beschwöre Sie, mir zu gestatten, dieses auf ihre Brust zu legen“, sagte St. Goar, und legte die Fahne mit der Silberfaust und den drei roten Punkten nieder, mit der sie zum erstenmal ans Meer gefahren waren. Er ließ sie eine Sekunde liegen, dann nahm er sie zu sich.
Als er das Haus verließ, sanken überall die Standarten. St. Goar schritt ein wenig torkelnd aus. Jemand lief hinter ihm her. „Geben Sie mir die Fahne — ich beschwöre Sie“, sagte Gagarin. St. Goar holte sie aus der Tasche und gab sie ihm mit einem herzlichen Gefühl und tiefer Verneigung. Sie mußten denselben Gedanken gehabt haben, sie lächelten, als ob ihr Leben umsonst gewesen wäre ohne diesen Augenblick oder vielmehr, als ob die ungeheure Seligkeit dieser Vereinigung alles auslösche, was sie im Guten und Schlechten gegeneinander getan hatten und noch tun würden.
Die Straße schien leer. Es konnte aber St. Goar nicht entgehen, daß das Volk der Toten fluchte. Er schaute seine Hände an, die ihre Brust berührt hatten und wäre fast darüber für immer stehen geblieben. „Sie hat mich ein wenig geliebt“, dachte er. Er war der Ansicht, es sei das glühendste Geschenk, daß sie ihn zum Sterben nicht missen wollte. Er faßte das Tuch und preßte es gegen sein toll gewordenes Herz. Der alte General war fast närrisch vor Glück. Er bedurfte einer Menge Kraft sich zu fassen, da er mit Uniform, in der er Hals über Kopf herübergejagt war, auf fremdem Territorium sich befand, und seinen Wagen herbeizuwinken.