Ha! ha!—Ich dank' dir Freund!
Milo.Wie sonderbar—
Jason
(den Mantel um das Vließ hüllend). Wir wollen das verhüllen, So—und hier aufbewahren bis wir's brauchen.
(Er legt das Vließ hinter ein Felsenstück, auf das sich Medea sinnend gesetzt hat.)
Was sinnest du Medea, sinnest jetzt?Laß uns die Überlegung aufbewahrenAls Zeitvertreib auf langer Überfahrt.Komm her mein Weib, mir angetrautBei Schlangenzischen unterm Todestor.
Milo (sich zu Medea wendend).Das Schiff dort birgt, was dir willkommen wohl.Ein Weib, Medeens Pflegerin sich nennendWard eingebracht—
Medea.Gora.—Zu ihr!
Jason (rauh).Bleib da!
(Medea erschrocken die Hände auf Brust und Stirn legend, bleibt stehen.)
Jason (milder).Ich bitte dich bleib da!
(Indem er sie zurückführt.)
Geh nicht Medea!
(Sie wirft einen scheuen Blick auf ihn.)
Entwöhne dich vom Umgang jener WildenDafür an unseren gewöhne dich!Wir sind jetzt Eins, wir müssen einig denken.
Milo.Kommt jetzt zu Schiff!
Jason.Ja, ja! Komm mit Medea!Wie lau die Feinde sind! Ich hätte LustZu fechten, fechten. Doch sie schlafen scheint es!
Absyrtus
(hinter der Szene). Hierher!
Milo.Sie schlafen nicht.
Jason.So besser! Schließt euch!Zieht gegen unser Fahrzeug euch zurück.Wir wollen unser Angedenken ihnenZum Abschied noch erneun auf immerdar.
(Er rafft das verhüllte Vließ auf.)
Medea, in den Kreis und zittre nicht!Absyrtus (tritt mit) Kolchern (auf.)
Absyrtus.Hier ist sie! Komm zu mir! Medea! Schwester!
Medea (die bei seinem Eintritt ihm unwillkürlich einigeSchritte entgegen gegangen ist, jetzt stehen bleibend).Wohl deine Schwester, doch Medea nicht!
Jason.Was weilst du dort? Tritt wieder her zu uns!
Absyrtus (mitleidig zu ihr tretend).So wär' es wahr denn, was sie alle sagenUnd ich nicht glauben konnte bis auf jetzt.Du wolltest ziehen mit den fremden Männern?Verlassen unsre Heimat, unsern HerdDen Vater und mich MedeaMich, der dich so liebt, du arme Schwester!
Medea (an seinen Hals stürzend).O Bruder! Bruder!
(Mit tränenerstickter Stimme.)
O mein Bruder!
Absyrtus.Nein es ist nicht wahr!—Du weinst!Ich muß auch weinen. Doch was tut's?Ich schäme mich der Tränen nicht GenossenIm K a m p f will ich zeigen, was ich wert.Weine nicht Schwester, komm mit mir!
Medea (an seinem Halse, kaum vernehmlich).O könnt' ich gehn mit dir!
Jason (hinzutretend).Du willst mit ihm?
Medea (furchtsam).Ich?
Jason.Du sagtest's!
Medea.Sagt' ich etwas Bruder?Nein, ich sagte nichts!
Absyrtus.Wohl sagtest du's, und komm, o komm,Ich führe dich zum Vater, er verzeiht!Schon hat ihn mein Flehen halb erweicht;Gewiß verzeiht er, noch ist nichts geschehn,Die Fremden, sie fanden's noch nicht das Vließ.
Medea (sich entsetzt aus seinen Armen losreißend).Nicht?
(Schaudernd.)
Sie haben's!
Jason (indem er die Hülle von dem Vließ reißt und es hochgeschwungen vorzeigt). Hier!
Absyrtus.Das Vließ!
(Zu Medeen.)
So hast du uns denn doch verratenGeh hin in Unheil denn und in Verderben!
(Zu Jason.)
Behalt sie, doch das Vließ gib mir heraus!
Jason.Du schwärmst mein junger Fant! Mach' dich von hinnen,Und sag' dem Vater was du hier gesehn.Nehm' ich die Tochter, schenk' ich ihm den Sohn!
Absyrtus.Das Vließ!
Jason.Ich will dein Blut nicht. Schweig und geh!Mit Drachen ist mein Arm gewohnt zu kämpfen,Mit Toren nicht wie Du: Geh sag' ich geh!
Absyrtus (eindringend).Das Vließ.
Jason (ausweichend).Mir zu begegnen ist gefährlich,Denn ich bin grimmig wie der grimme Leu.
Absyrtus.Das Vließ!
Jason.So hab's!
(Er haut, über die linke Schulter ausholend mit einem grimmigen Seitenhieb auf Absyrtus, daß Helm, Schild und Schwert ihm rasselnd entfallen, er selbst aber, obschon unverwundet, taumelnd niederstürzt.)
Medea
(bei dem Fallenden auf die Kniee stürzend und sein Haupt in ihrem Schoß verbergend). Halt ein!
Jason.Ich töt' ihn nicht!Allein gehorchen muß er, (muß—gehorchen)!
Medea (Absyrtus aufrichtend).Steh auf!
(Er ist aufgestanden und lehnt sich betäubt an ihre Brust.)
Medea.Bist du verletzt?
Absyrtus (matt).Es schmerzt!—Die Stirn!
Medea (ihre Lippen auf seine Stirne pressend).Mein Bruder!
Milo
(der früher spähend abgegangen ist, kommt jetzt eilig zurück). Auf! Die Feinde nahen! Auf! In großer Zahl, der König an der Spitze!
Medea (ihren Bruder fester an sich drückend).Mein Vater!
Absyrtus (matt).Unser Vater!
Jason (zu den Beiden).Ihr, zurück!
Milo (auf Absyrtus zeigend).Der Sohn sei Geisel gegen seinen VaterBringt ihn dort auf die Höh' zum Schiff hinauf!
Absyrtus (matt die ihn Anfassenden abwehren wollend).Berührt ihr mich?
Medea.O laß uns gehn, mein Bruder!
(Sie werden auf die Höhe gebracht.)
Jason.Hinan, ins Schiff und spannt die Segel auf.Aietes (kommt mit bewaffneten) Kolchern.
Aietes (hereinstürzend).Haltet ein! Meine Kinder! Mein Sohn!
Absyrtus (oben am Hügel sich loszumachen strebend).Mein Vater!
Jason (den Hügel hinauf rufend).Haltet ihn!
(Zu Aietes.)
Er bleibt bei mir,Folgt mir zu Schiff, als Geisel wider dich.Wenn nur ein Kahn, ein Nachen uns verfolgtSo stürzt dein Sohn hinab ins Wellengrab!Erst wenn erreicht ist Kolchis' letzte Spitze,Setz' ich ihn aus und send' ihn her zu dir.Barbar, du lehrtest mich, dich zu bekämpfen!
Aietes.Sohn, stehst du in den Armen der Verworfnen?
Absyrtus (fruchtlos sich loszuwinden strebend).Laß mich!
Medea.Mein Bruder!—Vater!
Jason.Haltet ihn!
Aietes.Komm, Sohn!
Jason.Umsonst!
Aietes.So komm' ich, Sohn, zu dir!Mir nach ihr Kolcher, folget eurem König!
Jason.Zurück!
Aietes (vordrängend).Glaubst du, du schreckest mich?
Jason.Zurück!Du rettest nicht den Sohn, als wenn du weichst.Kein Haar wird ihm gekrümmt, ich schwör' es dir!Bringt ihn an Bord!
Absyrtus (ringend).Mich? Nimmermehr!
Aietes.Mein Sohn!
Absyrtus.Fall sie an, befrei' den Sohn, o Vater!
Aietes.Kann ich's? sie töten dich, wenn ich's tue!
Absyrtus.Lieber frei sterben, als leben gefangenFall' ich auch, wenn nur sie fallen mit!
Jason.An Bord mit ihm!
Aietes.Sohn komm!
Absyrtus (der sich losgerissen hat).Ich komme Vater!Frei bis zum Tod! Im Tode räche mich!
(Er springt von der Klippe ins Meer.)
Medea.Mein Bruder! Nimm mich mit!
(Sie wird zurückgehalten und sinkt nieder.)
Aietes.Mein Sohn!
Jason.Er stirbt!Die hohen Götter ruf' ich an zu ZeugenDaß d u ihn hast getötet und nicht ich!
Aietes.Mein Sohn!—Nun Rache! Rache!
(Auf Jason eindringend.)
Stirb!
Jason.Laß mich!Soll ich dich töten?
Aietes.Mörder stirb!
Jason.Ich Mörder?Mörder du selber!
(Das Vließ einem Nebenstehenden entreißend, dem er es früher zu halten gegeben.)
Kennst du dies?
Aietes (schreiend zurücktaumelnd).Das Vließ!
Jason
(es ihm vorhaltend). Kennst du's? Und kennst du auch das Blut, das daran klebt? 's ist Phryxus' Blut!—Dort deines Sohnes Blut! Du Phryxus' Mörder, Mörder deines Sohns!
Aietes.Verschling mich Erde! Gräber tut euch auf.
(Stürzt zur Erde.)
Jason.Zu spät, sie decken deinen Frevel nicht.Als Werkzeug einer höheren GewaltSteh' ich vor dir. Nicht zittre für dein Leben,Ich will nicht deinen Tod; ja stirb erst spät,Damit noch fernen Enkeln kund es werde,Daß sich der Frevel rächt auf dieser Erde.Nun rasch zu Schiff, die Segel spannet aufZurück ins Vaterland!
Aietes (an der Erde).Weh mir wehLegt mich ins Grab zu meinem Sohn!(Indem die Kolcher sich um den König gruppieren und Jason mit denArgonauten das Schiff besteigt fällt der Vorhang.)
Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Die Argonauten, von Franz Grillparzer.