Der in der Kirche gefaßte Vorsatz, ausLorenz und Lorchen ein Paar zu machen, erreichte schon an diesem Tage seine völlige Reife, und die Höflichkeit, mit der Lorenz die Fremden behandelte, und das aufmerksame Wohlwollen, mit dem sie ihm begegneten, rückte sie in Gedanken auf dem Weg zum Traualtar der beiden jungen Leute um einige Schritte näher.
Wirklich war die ganze Wernersche Familie so beschaffen, daß, ohne Rücksicht auf ihr beträchtliches Vermögen zu nehmen, eine zärtliche Mutter dem Liebling ihres Herzens wohl wünschen konnte, mit ihr verbunden zu seyn. Indessen bei der Verwalterin war das Geld die Hauptsache. Jede liebenswürdige Eigenschaft, die Lorchen berechtigte auf einen glücklichen Ehestand zu hoffen, jede häusliche Tugend, die das Glück eines braven Mannes zu machen versprach, hätte die Alte gegen klingende Münze willigvertauscht, um dadurch ihre Mitgift zu vergrößern. Sie glich so vielen thörichten Müttern, die zufrieden sind, wenn ihre Kinder nur glücklichscheinen. Daß die unverfälschte Natur des Menschen mehr für eine ruhige Mittelmäßigkeit, als für Überfluß geschaffen ist, dünkte sie nur ein süßer Traum zu seyn, mit dem die Armuth sich über die Bitterkeit des Mangels und des Entbehrens täuscht. Ach der Reichthum ist ein goldener Schild, der die Pfeile des Kummers nicht von unserer Brust zurück zu halten vermag; — der höchstens nur durch seinen Glanz verhindert zu sehen, wie tief sie gedrungen sind! — Das glaubte aber die Verwalterin nicht.
Der alte Werner vereinte mit strenger Redlichkeit eine frohe, heitre Laune, der das Bewußtseyn immer Nahrung gab, kein Stiefsohn des Glücks gewesen zu seyn, unddennoch die günstigen Blicke desselben, nicht, wie so viele thun, auf Kosten seines guten Namens und seines Gewissens erschlichen zu haben. Seine Frau, ein Weib voll Herzensgüte, ohne alle Anmaßungen, hatte aus ihrer ehemaligen Armuth in ihren jetzigen Wohlstand jene seltne Stimmung des Charakters übergetragen, die mit Phlegma verschwistert ist, und mit der gewisse Menschen gute und böse Tage gleich freundlich anzulächeln im Stande sind. Sie war vergnügt und gutes Muthes gewesen, als ihre Umstände sie noch zwangen, durch harte Arbeit ihr Brod zu erwerben — vergnügt und gutes Muthes — doch nichtmehrals vorher — war sie auch jetzt, da Fleiß und Glück ihre Lage verbessert, und ihre alle die Bequemlichkeiten selbst verschafft hatten, die sie sonst nur bei Andern gekannt, — aber darum nicht beneidet hatte. Der einzigeGegenstand, wobei es sich verrieth, daß ihr stiller Gleichmuth auch in Leidenschaft übergehn konnte, war ihre Tochter, der Augapfel beider Eltern, aber doch vorzüglich von der Mutter geliebt, die mit Freuden ihr Leben, und alles was es angenehm machte, hätte opfern können, wenn es nothwendig zur Zufriedenheit ihres Lorchens gewesen wäre.
Lorchen war ein gutes, einfach erzogenes, einfach gesinntes Mädchen. Still und unbemerkt war sie im Schooße der Häuslichkeit und der Familienliebe herangewachsen, und ihre bescheidenen Wünsche reichten nicht über den Kreis hinaus, den ihr das Schicksal angewiesen hatte, um ihre Kräfte nützlich zu üben. Fleiß, Sanftmuth, Gehorsam und Ordnung — — alle diese Tugenden waren ihr angebohren — sie hatte keinen Kampf mit ihrer Neigung nöthig,um sie erst zu erringen — sie durfte nur mechanisch ihrem Gefühle folgen, so war sie sicher, niemahls irre auf dem Wege zu gehen, den ihre Pflicht ihr vorzeichnete. Weder Empfindung noch Verstand waren bei ihr lebhaft, aber ihre reine, bescheidene Gutmüthigkeit hätte darum doch den strengsten Forderungen genügt, weil sie alles freundlich ersetzte, was ihr von andern Seiten noch zu fehlen schien.
Der Umgang zwischen beiden Familien wurde nun fleißig fortgesetzt, und die Verwalterin, die bald bemerkte, daß Lorenz Eindruck auf Lorchen gemacht hatte, glaubte, daß es nun Zeit sey, mit ihrem Plan gegen die beiden Alten herauszurücken. Sie fing mit leisen Anspielungen an, die gehörigen Orts wohl aufgenommen, und günstig erwiedert wurden. Auch Lorenz machte seiner Mutter durch sein Betragen die schönsteHoffnung, er werde in ihre Wünsche einwilligen, und jeder Lobspruch, den er mit freundschaftlicher Wärme Lorchens Tugenden zollte, galt bei ihr für eine Äußerung der Liebe. So standen die Sachen — es schien, da alle Theile gleichsam schweigend in eine Verbindung der beiden jungen Leute eingewilligt hatten, als fehle nur noch die letzte deutliche Erklärung, um sie völlig zu schließen, und gerade zu dieser Zeit war's, als mein Unstern den Kammerherrn zum erstenmahl nach Mühlberg führte.
Was darauf folgte, wissen Sie. — Die Anstalten zu meiner Abreise waren bald getroffen, und endlich erschien auch der Tag, der mich meiner neuen Bestimmung entgegen führte. Eine dunkle Ahndung des Kummers, der auf mich wartete, kämpfte mit den Freuden des Wiedersehns, die ich schon in Gedanken genoß, und mischte doppelteBitterkeit in den Becher des Scheidens. Fest an die Brust meiner weinenden Mutter gedrückt, versprach ich, ihren Lehren zu folgen, und den Grundsätzen treu zu bleiben, die meine verewigte Wohlthäterin mir eingeprägt hatte, und die bisher der Stolz und das Glück meines einfachen Lebens gewesen waren. Der Ernst und die kindliche Zärtlichkeit mit der ich ihr gelobte, nie ihre Warnungen zu vergessen, besänftigte den mütterlichen Schmerz, und lieh der Trennung eine mildere Gestalt als vorher. Voll Vertrauen auf den Schutz der Vorsicht, der sie mich übergab, und auf meine eigne Festigkeit ließ sie mich aus ihren Armen — ach! um mich unglücklich wieder zu sehn. —
Wie in Gewittertagen die Sonne oft durch finstere Wolken strahlt — oft sich wieder hinter sie verbirgt, so wechselten süße und traurige Empfindungen in mir auf derkurzen Reise, die mich dem Nachdenken einsam überließ. Der Abschied war überwunden — in der Ferne winkte mir tröstend das Bild meines Geliebten — und dennoch flossen meine Thränen. Ach die Ungewißheit, in deren Dunkel meine Zukunft schwamm, war nicht gemacht, sie zu trocknen oder zu stillen. — Bange Sorgen, denen ich keinen Namen zu geben wußte, drückten mit Centnerlast mein Herz, das sich bald den schwermüthigsten Zweifeln, bald den fröhlichsten Hoffnungen hingab. Und in dieser Stimmung, die die Vorbedeutung meines Schicksals war, langte ich in Spillingen an.
Lorenz half mir aus dem Wagen. Seine Freude, seine Liebkosungen verbannten bald die zagende Unruh meiner Brust, und der erste Augenblick, den ich ungestört in seinen Armen verlebte, söhnte mich aus mitdem Schritt, den ich gethan hatte, um seinetwillen meine stille sichere Heimath zu verlassen.
Ich trat meinen Dienst nun an. Die ersten Wochen ließen mir nichts zu wünschen übrig, und spotteten der Furcht, mit der ich hergekommen war. Der Kammerherr behandelte mich mit Güte und Herablassung, aber bei aller seiner Freundlichkeit doch so offen, daß auch das besorgteste Mißtrauen keine Ursach zum Argwohn gefunden hätte. Seine Gemahlin betrug sich gegen mich nicht wie eine Gebieterin, sondern wie eine gütige Freundin. Ihr ganzes Wesen war eine Mischung von Unbesonnenheit und Leichtsinn, aber ihre angebohrne Liebenswürdigkeit lieh ihren Fehlern eine so gefällige, einschmeichelnde Aussenseite, daß man sie nur nach einer langen, genauern Bekanntschaft verachten konnte.Sie hatte kein Herz, sie liebte nichts — nur das Vergnügen war ihr Abgott. Sie konnte weinen und in Ohnmacht fallen, wenn ein Falke vor ihren Augen eine Taube zerriß, aber kalt und fühllos wandte sie sich von den Leiden ihrer Nebengeschöpfe ab, und wenn sie half, so geschah es mit Geld, nicht aus Mitgefühl, sondern weil der Anblick des Elends ihr zuwider war. Jene feinern Wohlthaten, die Theilnahme, Trost und guter Rath dem Unglücklichen sind, waren ihr fremd. Sie wußte nicht, daß sie den Werth der kleinsten Gabe damit unendlich erhöhen könnte, oder, wenn sie es auch wußte, so war ihr Charakter zu diesen Tugenden nicht fähig. Und dennoch vermochte diese Frau Anfangs, ehe ich sie näher kennen lernte, durch ihre reizende Freundlichkeit, die ich für Güte hielt, mein argloses Herz an sich zu ziehen, denn eshing zu fest an den süßen Glauben an allgemeinen Edelmuth, als daß ich ihn so leicht auf eine bloße Warnung hätte aufgeben können — und käme sie selbst aus dem Munde meines Lorenz.
Lorenz that diesen Menschen Unrecht, sagt' ich oft zu mir selbst. Auch die heftigste Tadelsucht kann an der Art, wie sie mit mir umgehn, nichts strafbares entdecken. Seine Liebe machte ihn besorgt, und gab seinen Schilderungen die schwarze Farbe der Gefahr, indeß die Wirklichkeit mir nur den Glanz der Freude zeigt. — Ich hatte Gelegenheit, ihn täglich einigemahl zu sprechen. Süße, unvergeßliche Stunden der vertraulichsten Liebe schwanden mir an seiner Seite dahin. — Einst sagt' ich ihm meine Meinung über seine ungegründete Furcht. Gott gebe, daß es so bleibt, antwortete er mit frohem Blick. Wir werden dann beide vielen Kummers überhoben seyn.
Drei Wochen war ich ohngefähr in Spillingen gewesen, als Lorenz eines Tages zu mir kam. Ich habe eine Bitte an Dich, sprach er. Wirst Du sie mir auch gewähren? — Fordere, was Du willst, versetzt' ich, ich thue Dir alles zu Gefallen. — Nun denn, so mache meiner Mutter einen Besuch. Ich wünschte, daß sie Dich kennen lernte, sie wird Dich denn gewiß auch lieben, und wir kommen unserer Vereinigung dadurch um manchen beschwerlichen Schritt näher. Freilich fühl' ich wohl mit innerm Schmerz, daß sie Dir nicht behagen kann und wird, — aber schone ihre Schwächen, Justine! sieh sanft über ihre Fehler hin, und denke: Sie trug Deinen Lorenz unter ihrem Herzen. Diese Vorstellung wird Deinem Betragen doch wenigstens einen Schein von der Achtung geben, die sie übrigens durch ihre Denkungsart Dir nicht einflößen kann.
Ich umarmte ihn. Ein süßer Aufruhr, vermengt mit zagender Angst, mit bangen Erwartungen, entstand in meinem Innern bei dem Gedanken, die Frau zu sehen, die meinem Geliebten das Leben gegeben. Ich hatte schon längst ihren Anblick gewünscht und gefürchtet. — O Lorenz, rief ich aus, sie ist Deine Mutter, und die heiligen Rechte, die ihr die Natur über Dich verlieh, sind Ursach genug für mich, sie zu lieben und zu ehren. Sieh, ich habe noch um keines Menschen Neigung geworben, — aber alles was in meinen Kräften steht, will ich anwenden, um die ihrige zu erlangen, und es wird mir gelingen. Das Bestreben, Liebe zu gewinnen, kann nicht mißfallen, wenn es aus einem reinen, redlichen Herzen kömmt.
Gerührt sah Lorenz mich an, — in sein ernstes, großes Auge traten Thränen. GutesMädchen! sagte er mit inniger Empfindung, Deine Unschuld und Deine anspruchslose, stille Güte muß jeden, der Dich sieht, unwiderstehlich für Dich einnehmen. Laß mich die süße Hoffnung nähren, daß auch meine Mutter gerecht gegen Dich seyn werde. Wäre sie es nicht, — er drückte heftig meine Hand an seine schlagende Brust; seine Thränen verlohren sich, — sein sonst so ruhiger Blick fing an zu flammen; — wäre sie es nicht, — o Justine! ich würde die Seligkeit, Dich zu besitzen, dann freilich nicht so ungetrübt und lauter genießen, als wenn der Segen meiner Eltern auf unserm Bündniß ruhte, aber ich würde sie dennoch mit allem erkaufen, was mir ehedem theuer war, denn ich fühl' es, ich kann ohne Dich nicht glücklich seyn, und nicht wahr, auch Du kannst es nicht ohne mich? — Ich fühle mein Wesen so fest, so unauflöslich andas Deinige gekettet, daß mich nichts mehr von Dir scheiden kann. Nur, wenn ich mich in Deinem Herzen betrogen hätte, — wenn die Erfahrung mir lehrte, daß Du meiner Achtung nicht werth wärst, nur dann könnte ich von Dir lassen, — nur dann würde ich meine Liebe den Pflichten des Gehorsams aufopfern, die ich meinen Eltern schuldig bin, aber um den Frieden meines Gemüths, um das Glück meines Lebens wäre es auf immer geschehn. Doch das wird nie geschehen! — Du siehst, und ich schwör' es Dir von neuem, daß mich nichts von Dir zu trennen vermag, als eine Unmöglichkeit, die ich nicht einmahl fürchte, und die ich nur als Schatten neben dem Bilde voll Licht und Freude aufstelle, das mir entgegen lacht, um durch den Contrast mein Glück desto lebhafter zu empfinden.
Ich bin vielleicht zu weitläuftig, unterbrachJustine ihre Erzählung, aber Sie müssen mir vergeben. Es ist so süß schöner Stunden zu gedenken, auch wenn sie auf ewig verlohren sind, und mein nur allzu treues Gedächtniß ruft sie mir mit den kleinsten Umständen zurück, daß ich mich gern der Erinnerung überlasse, die mich in die Vergangenheit zurückführt. Auch werde ich nun kürzer seyn. — Den angenehmsten Theil meines Lebens habe ich Ihnen bereits geschildert, — — nur mit Thränen und Entsetzen kann ich bei den Auftritten verweilen, die ihm folgten, darum werde ich so schnell als möglich über sie hineilen.
Mein Besuch bei der Verwalterin war der Anfang meiner Leiden. Ich ging mit einem Herzen zu ihr, das so bereitwillig war, sie kindlich zu verehren, daß es ihres ganzen Hochmuths, den sie mich fühlen ließ, ihrer ganzen niedrigen Denkungsart, die siemir verrieth, bedurfte, um sich mit Widerwillen von ihr zu entfernen. Es hatte ihren Stolz beleidigt, daß ich als ein neuer Ankömmling in Spillingen, erst in der dritten Woche einen Besuch abstattete, der, wie sie dünkte, einer Frau von ihrem Ansehn schon in den ersten Tagen gehörte. Alle die Kammerjungfern, die vor mir hier gewesen waren, hatten ihr kein solches Beispiel von Geringschätzung und Unhöflichkeit gegeben. Überdieß war ihr auch die Herzlichkeit aufgefallen, mit der Lorenz meiner gedacht hatte, und die sich sehr von den Lobsprüchen unterschied, die er Lorchen gab. Der Argwohn schärfte ihren Blick, und um das Einverständniß unserer Liebe zu errathen, brauchte ihr Auge nicht einmahl so hell zu seyn, wie es wirklich war. Lorenz und ich haßten die Verstellung, und sie mißlang uns selbst da, wo sie nöthig war. Unserer unbefangenenOffenheit entschlüpfte mancher Ausdruck, der unser Geheimniß enthüllte, statt es zu verbergen, und mich dünkt, eine Liebe, die sich so zu verstecken weiß, daß man ihr Daseyn nicht einmahl ahndet, kann unmöglich so wahr und so innig seyn, wie die unsrige war.
Lorenz bemerkte die verächtliche Kälte wohl, mit der seine Mutter mich aufnahm. Ich sah ihn leiden, ich fühlte die Feinheit, mit der er ihren gemeinen, beleidigenden Äusserungen eine andere Wendung zu geben suchte, und das Herz blutete mir. Die Wehmuth, die ich empfand, mich so abstoßend behandelt zu sehen, ließ mich meine gereizte Empfindlichkeit beherrschen, und nach einer höchst abschreckenden, unfreundlichen Begegnung von Seiten der Verwalterin trennte ich mich dennoch von ihr mit Höflichkeit.
Lorenz wollte mit mir nach dem Schlossezurückgehn, aber ich nahm seine Begleitung nicht an, um die üble Laune seiner Mutter nicht noch mehr zu erregen, da sie, wie ich mir nicht verhehlen konnte, auf unsere Liebe mit einem sehr ungünstigen Auge sah. Als ich in meine Kammer trat, warf ich mich aufs Bett, um recht herzlich zu weinen. Ach noch vor zwei Stunden war ich um eine schöne Hoffnung reicher gewesen — bitter hatte sie mich getäuscht. — Jetzt lag nur eine kummervolle Aussicht vor mir, die Aussicht mit der Abneigung seiner Mutter kämpfen zu müssen, um glücklich zu seyn, und wie mißlich war dieser Kampf, da mein eigenes Selbstgefühl mich abhielt, ihn zu wagen.
Es klopfte leise an meiner Thür. Ich glaubte, es sei Lorenz, und trocknete schnell meine Thränen. Als ich die Thür öffnete, stand der Kammerherr vor mir.
So allein, mein Kind? sagte er, indem er hereintrat, und wenn ich nicht irre, so hast Du geweint? — Was ist Dir, Justine? ich will doch nicht hoffen, daß Dir jemand im Hause Anlaß zur Unzufriedenheit gegeben hat?
Ich war verlegen, daß mein Kummer einen andern Zeugen hatte, als den, um den ich ihn litt, und wußte seiner Frage weder auszuweichen, noch sie zu beantworten.
Rede freimüthig, fuhr er fort, Du sprichst mit einem Freunde, der warmen Antheil an Dir nimmt, und dem Du ganz offen den Gram und die Sorgen Deines Herzens entdecken kannst. Hat Dich jemand beleidigt? ist Dir sonst etwas unangenehmes widerfahren? — O reiß mich aus der Unruh, in der ich Deinetwegen bin, und sei versichert, daß ich Dein Zutrauen verdiene.
Dies alles sagte er mit einer sanften Stimme, wie ungeheuchelte Theilnahme zu sprechen pflegt; — selbst den widerlichen Ausdruck, den seine Augen gewöhnlich hatten, wußte er zu beherrschen, ob er sie gleich fest und forschend auf mich heftete. Durch sein untadelhaftes Betragen gegen mich während meines Aufenthalts in Spillingen war der Argwohn so ziemlich in mir verlöscht, den sein erster Anblick unwillkührlich in mir erregte. Die Gewohnheit, ihn täglich zu sehn, hatte seinen Zügen das Auffallende benommen, das mich bei unserer ersten Bekanntschaft mit einem heimlichen Schauder von ihm zurückstieß, und weit entfernt, mir die feindseelige Bedeutung, die in ihnen lag, auf Kosten seines Charakters zu erklären, hielt ich sie bloß für ein Spiel der Natur zum Nachtheil seiner Gestalt.
Indessen, so sehr auch meine Brust dasdringende Bedürfniß fühlte, ihren Kummer mitzutheilen, um sich zu erleichtern, so wagt' ich doch nicht, mein schüchternes Schweigen zu brechen, weil ich nicht wußte, ob Lorenz meine Offenherzigkeit billigen würde. Der Kammerherr blickte mich unverwandt an, — seine ernste Miene verlohr sich endlich in ein gütiges Lächeln. So willst Du mir denn nichts gestehen, sagte er, indem er meine Wange streichelte, über welche noch immer Thränen herabflossen. Ich muß mich also wohl aufs Rathen legen. Glaube mir, Justine, ich kenne das menschliche Herz und seine Regungen, — und wenn dieß auch nicht wäre, — diese lieben Augen, die der Spiegel Deiner Seele sind, verrathen Dein Geheimniß nur allzu deutlich, selbst wenn Deine Lippen schweigen. Du liebst, ist es nicht wahr, Justine? — Du liebst meinen Jäger?
Ich antwortete nicht, aber ich weinte heftiger. Ach die Liebe möchte ihren Kummer gern der ganzen Welt verbergen, und doch ist sie nur allzubereit, ihn zu enthüllen, wenn ein ahndender Blick in ihr Inneres dringt, und eine theilnehmende Frage, nach ihrem Zustande forscht. Der Kammerherr führte mich freundlich zu einem Stuhl, und ließ mich setzen, da ich von Betrübniß ganz erschöpft war.
Gutes Mädchen! fuhr er fort. Die Empfindungen Deines Herzens waren mir längst klar, und jetzt muthmaße ich auch die Ursach Deiner Thränen. Du kommst von der Verwalterin — mütterlich, glaubtest Du, würde sie Dich empfangen, und die stolze, thörichte Frau, die sich nur von einem vollen Kasten das Glück ihres Sohns verspricht, ließ Dir ihre ganze Albernheit fühlen. Ist es nicht so, meine Liebe? —Ich bejahte es durch Zeichen, denn ich war unvermögend, zu sprechen.
Beruhige Dich, nahm er das Wort auf's neue. Noch sind Deine Aussichten so trübe nicht, wie Du vielleicht denkst, undmeineVerwendung bringt Dich am schnellsten und sichersten zum Ziel Deiner Wünsche, wenn Du sie annehmen willst.
Die Allgewalt der Freude ergriff mich. Mit der Hoffnung fand ich die Sprache wieder. — Ob ich will? rief ich aus, o gnädiger Herr, wie kann ich jemahls Ihre Güte vergelten? Ich läugne es nicht, mein ganzes Herz hängt an Lorenz, und die Unfreundlichkeit seiner Mutter hat es zerrissen, weil sie die Wahrscheinlichkeit vernichtete, mit ihrer Einwilligung dereinst die Seinige zu werden. Wenn Sie Sich unserer annehmen — ach Gott!lohnenkönnen wir es Ihnen nicht, aber als unsernSchutzgeist werden wir Sie ewig verehren, und lebenslang will ich für Ihr Glück und Ihre Wohlfahrt mit dem dankbarsten Herzen zum Himmel beten! — Ich fiel vor ihm nieder und umfaßte seine Kniee. Die Erkenntlichkeit, die ich für ihn fühlte, umgab ihn mit der Glorie eines Engels für mich. —
Hier hast Du meine Hand, versetzte der Kammerherr lächelnd, ehe ein halbes Jahr vergeht, bist Du Lorenzens Frau; freilich nur unter einer Bedingung — aber diese ist zu billig, und Du bist viel zu klug, als daß Du sie nicht gern erfüllen solltest.
Bestürzt sah ich ihn an. In seinen Ton mischte sich auf einmahl so etwas schneidendes — und in seinen Blicken brannte plötzlich ein so düstres arglistiges Feuer, daß sich mein alter längst entschlummerter Argwohn leise aber schrecklich wie ein Gespenstder Mitternacht wieder hervor stahl. Und was ist das für eine Bedingung? fragt' ich bebend. Ich denke, sie soll Dir nicht schwer fallen, sagt' er grinzend. Sie besteht darin: daß Du mich liebst.
Diese Worte, der Ausdruck mit dem er sie sprach, und die Miene mit der er sie begleitete, jagten einen Fieberfrost durch meine Glieder.
Mir ahndete nichts Gutes, doch sah ich wohl ein, daß meine Lage eher schlimmer als besser werden könnte, wenn ich die Angst verriethe, die mein Innres beklemmte, darum sucht' ich sie zu verbergen, und that, als hätte ich ihn nicht verstanden, wiewohl sein verhaßtes, brennendes Auge selbst meiner Unerfahrenheit keinen Zweifel mehr übrig ließ.
Ja, ich werde Sie lieben, antwortete ich zitternd, als meinen Wohlthäter, als denSchöpfer meines Glücks. — Mehr verlangen Sie gewiß nicht von einem armen Mädchen, deren Wesen Sie genau genug erforscht haben, um zu wissen, daß Lorenz ihr Eins und ihr Alles ist.
Kleine Närrin! erwiederte er, ich will auch Lorenzen keineswegs Deinen Besitz streitig machen. Warum siehst Du mich so zaghaft an? — Verliehre nicht das Vertrauen zu mir. Ich verspreche Dir feierlich, Du sollst Deinen Geliebten haben; aber da unsere beiderseitige Glückseligkeit recht wohl neben einander bestehen kann — warum wolltest Du mir da wohl Grillen in den Weg legen, die unter vernünftigen Leuten längst aus der Mode gekommen sind, und die nur Dir selbst schaden, indem sie die Erfüllung Deines Lieblingswunsches weiter hinausschieben, als nöthig ist? — Ich schaffe Lorenzen einen Dienst, der Euch beideanständig ernährt — ich bewege die Mutter zur Einwilligung — Dir gebe ich eine artige Aussteuer — — kann ichmehrthun, Dir meine Neigung zu beweisen, und wolltest Du wirklich so grausam seyn, sie mit nichts als Deinem Gebet zu belohnen? —
Länger konnte ich meinen Unwillen nicht verhehlen. Ich habe geglaubt, sagt' ich bitter, daß Wohlthaten, die aus einem edlen Herzen kommen, auf weiter nichts Ansprüche machen dürften, als auf Dank. Sonst verliehren sie ja ihren höchsten Werth, den Werth der Uneigennützigkeit.
Du kennst den Lauf der Welt noch nicht, mein Kind, versetzte er höhnisch lächelnd. Niemand thut etwas umsonst, wie kannst Du vonmirverlangen, daß ich für meine Mühe leer ausgehen soll, da mir Deine Liebenswürdigkeit eine so reiche Vergeltunganbietet? — Du besinnst Dich noch eines Bessern, ich gebe Dir Bedenkzeit. Ich habe mir wohl eingebildet, daß ich Hindernisse bei Dir antreffen würde; indessen denke ich sie zu bekämpfen. Schwierigkeiten erhöhen den Reiz der Liebe, und die Früchte, die langsam reifen, sind am süßesten. Du wirst schon einen Entschluß fassen, der Deiner Vernunft Ehre macht, wenn Du überlegst, welch' einen Ausgang Deine Liebschaft nehmen könnte, wenn Du mich zum Feinde bekämest — und das wäre ja unvermeidlich, wenn Du meiner heißen innigen Zärtlichkeit das Afterbild jener lächerlichen Tugend vorziehen wolltest, die man Dir einprägte, wie man Kinder mit dem Knecht Ruprecht zu fürchten macht, und die jetzt der gebildetere Theil der Menschen nur für das, was sie ist, für einen abergläubigen Wahn erklärt, den frömmelnde Matronen ergreifen,wenn die Jugendfreuden an ihnen vorübergeeilt sind.
Mein Abscheu brach gewaltsam hervor — kaum konnt' ich seine erste Heftigkeit mäßigen. Ist Ihnen, sagt' ich verächtlich, der Gedanke nicht Belohnung genug, zwei gute Menschen glücklich gemacht zu haben, so kann ich Ihre Verwendung nicht annehmen. Lieber will ich unglücklich seyn, als die Grundsätze verläugnen, die mir unverbrüchliche Treue zum heiligsten Gesetz der Liebe machen.
Lorenz hat Dich wohl schon mit seinen Schwärmereien angesteckt, unterbrach mich der Kammerherr. Bedenke alles recht genau — nur in Deiner eignen Hand steht das Glück oder Unglück Deines Lebens. In einigen Tagen sprechen wir uns wieder. Eher will ich keine Maßregeln treffen, und ich schmeichle mir, Dein Betragen wird michniemahls nöthigen, welche zu ergreifen, die Deinen Wünschen entgegen sind. Ich befehle Dir Verschwiegenheit gegen Jedermann, selbst gegen Lorenz — überhaupt, setzte er lachend hinzu,sollundmußfür ihn alles ein Geheimniß bleiben, was zwischenunsvorfällt.
Mit diesen Worten ging er fort, und ließ mich in einer größern Hoffnungslosigkeit zurück, als er mich angetroffen hatte. Ich überlegte mein Schicksal — ich betrachtete es von allen Seiten, aber ich konnte keine finden, die nur einigermaßen freundlich war. Das stille Wohnhaus meiner Eltern allein trat wie der einzige Ruhepunkt, der mir übrig blieb, vor die Blicke meines Geistes, die sich übrigens in die Zukunft wie in eine dunkle Nacht verlohren. Dort, rief ich mit stürmischer Wehmuth, und richtete mein nasses Auge nach der Gegend,wo Mühlberg lag, dort in meiner friedlichen Einsamkeit war ich glücklich! O warum mußte ich sie verlassen! — Doch nach und nach verlohr mein Schmerz seine erste Heftigkeit, und mein Unmuth wurde milder. Leiden, sagt' ich zu mir selbst, sind der Probierstein des menschlichen Herzens. O Lorenz — das Schicksal kann alle Freuden, alle Hoffnungen meines Lebens vernichten, nur meine Liebe und meine Tugend nicht. Weg mit aller Bangigkeit! — Menschen können unsern Bund zwar erschweren, aber doch nicht trennen; denn unsre Seelen haben ihn geschlossen, und wahre Liebe trotzt der Ewigkeit. Ach ich wäre Deines Herzens nicht werth, Geliebter! wenn die kummervollen Stunden, denen ich entgegen sehe, meinen Muth und meine Festigkeit erschüttern könnten.
Wäre Lorenz in diesem Augenblick zumir gekommen, hätte der Druck seiner Hand mir gleiche Ausdauer, der Blick seines Auges gleiche Liebe gelobt, so wären die Funken meiner stolzen Zuversicht, die in mir glimmten, hell und kräftig zur Flamme emporgelodert. Aber sein Wegbleiben in einer Stunde, wo seine Gegenwart und sein Trost mir so nothwendig war, ließ sie nach und nach wieder verlöschen, und ich sank in meinen vorigen Kleinmuth zurück. Es wurde Abend, und er kam noch nicht; — nun wagt' ich es, mit leisen Fragen nach ihm zu spähen, und erfuhr, daß ihn der Kammerherr in dringenden Geschäften nach der Residenz geschickt hatte.
Die Absicht des Bösewichts war mir klar. Er wollte Lorenzen entfernen, um eine vertrauliche Unterredung zwischen uns zu verhüten, denn er traute meiner Verschwiegenheit nicht, und wenn er auch kühngenug war, der wehrlosen Unschuld gegenüber sich in seiner ganzen Nichtswürdigkeit zu zeigen, so fürchtete er doch den festen, verachtenden, strafenden Blick des ehrliebenden Mannes, der, wenn Lorenz ihn auf ihn heftete, ihn immer mit einer Art Scheu antrieb, die Plane der Verführung zu verbergen, mit denen sich sein Geist beschäftigte.
Als ich die gnädige Frau des Abends ausgekleidet hatte, hielt sie mich mit einem spöttischen Lächeln vom Weggehn ab. Nun, Du kleiner Tugendspiegel, sagte sie, Du bist wohl recht stolz auf den Sieg, den Du Dir einbildest, erfochten zu haben? Wenn ich Dir aber freundschaftlich rathen soll, so spanne die Saiten nicht höher. Mein Mann ist des Widerstands ungewohnt, und kann ihn nicht vertragen. Du könntest Dich leicht durch Deine Sprödigkeit zeitlebensunglücklich machen. Gieb ihm nach, das ist das beste Mittel, ihn bald los zu werden. Ich stehe Dir dafür, in einigen Wochen ist er Deiner so müde, daß er Dich keines Blicks mehr würdigt, und dann kannst Du ja ganz ungestört für Deinen Lorenz leben. Er giebt Dir eine anständige Aussteuer, und auch ich will gern etwas dazu beitragen, nur mache, daß er beßrer Laune wird; denn wer kann die verdrießlichen Gesichter aushalten, mit denen er seit einen Paar Stunden im Hause herum tobt, und die die einzige Antwort sind, die ich auf meine lustigsten Vorschläge erhalte.
Wie, gnädige Frau, versetzt' ich, Sie können im Ernst verlangen, daß ich meine Ehre aufopfern soll, um den Verdruß zu verscheuchen, den Ihr Gemahldarüberempfindet, daß ich besser denke, als Er? — O Ihr Vornehmen, rief ich dann halb außermir mit immer steigender Hitze, ist Euch denn die Armuth so wenig heilig, daß Ihr mit kalter Gleichgültigkeit das Einzige zu zertrümmern strebt, was sie so oft vor Euch voraus hat, das stille Glück, das in dem BewußtseynreinerTugend liegt? — —
Nun, nun, nur gemach, meine schöne Romanenheldin! unterbrach sie mich mit zornigen Blicken. Wer nicht hören will, muß fühlen. — Ich denke, mein Mann hat noch ganz andre Mittel in den Händen, Dich zahm zu machen, als meine Vorstellungen, die ich nicht bei Dir verschwenden will.
Damit drehte sie sich von mir weg, und hieß mich gehen. — Die Einsamkeit meiner stillen Kammer umfing mich mit allen Schauern der Dunkelheit, und begünstigte die Schwermuth meines Herzens. Ach, Lorenz, Du hast doch Recht gehabt, seufzte ich, alsDu mir diese Menschen schildertest, und mein argloser Sinn Dich der Übertreibung beschuldigte. — Ich fühlte deutlich, daß mir nichts mehr übrig war, als nach meiner Heimath zurück zu gehn, und ich beschloß, es so bald zu thun, als möglich. Nur wollt' ich erst Lorenzens Wiederkunft abwarten, um seine Meinung und seinen Rath zu hören. Bis dahin betete ich zu Gott um Geduld und Muth, und endlich kehrte Ruhe, — wenigstens ein Schimmer, der ihr glich, in meine Seele zurück.
Die nächsten beiden Tage vergingen, ohne daß sich etwas zutrug, was mich von neuem hätte ängstigen können. Wenn mir der Kammerherr zufälligerweise begegnete, so waren seine Blicke so kalt und gleichgültig, daß ich höchstens nur seinen Unwillen, nichteineSpur von Liebe in ihnen finden konnte, und ich freute mich darüber, ob ichgleich dem Entschluß treu blieb, zu meinen Eltern zurück zu gehn, und mir in dieser Rücksicht sein Zorn eben so ohnmächtig wie seine Zärtlichkeit schien. Wie groß war daher mein Schrecken, als ich den nächsten Abend, da ich schon im ruhigen Schlummer in meinem verschlossenen Stübchen lag, durch das Geräusch eines Kommenden geweckt wurde. Ich fuhr bestürzt auf, und suchte mich anzukleiden, als ich eine Bewegung an der Thür vernahm, und einen Lichtstrahl, der durch das Schlüsselloch fiel, über den finstern Boden zittern sah. Endlich ging die Thür auf, — eine männliche Gestalt in einen Mantel gehüllt, trat mit einer Blendlaterne herein, und zog den Hauptschlüssel aus dem Schloße. Ich erstarrte, denn es war der Kammerherr. —
Nun, Justine! ich komm Deinen Entschluß zu vernehmen, redete er mich an.
In dieser Stunde? — rief ich entrüstet. Sie ist der Liebe am günstigsten, versetzte er. Keine Zierereien mehr! Du mußt mein seyn, ich habe mir es zu geschworen. Er näherte sich mir, und wollte mich in seine Arme schließen. — Ein leichtes Zittern durchflog mich doch nur für einige Momente, — mit allen Kräften, die mir der Abscheu gab, stieß ich ihn zurück. Elender, verworfener Mensch! rief ich, glaubst Du, daß Deine Drohungen, die Schauder der Nacht und das Alleinseyn mit Dir mich schrecken? — Nein, Bösewicht, ich trotze Deiner Gewalt. Er umfaßte mich aufs Neue, aber ich riß mich los, und stürzte zum Fenster, um Hülfe zu rufen. Er hielt mir den Mund, — ich fühlte seine Hand beben, und der Gedanke, daß das Laster fast immer feigherzig ist, erhöhte meinen Muth.
Er schleppte mich in die Mitte des Zimmers.Mädchen, sagte er, sei keine Närrin, ich bitte Dich darum. Bei dem kleinsten Lärm, den Du machst, bist Du verlohren. Giebst Du mir aber nach, so schwör ich Dir bei allen Heiligen, ich will nicht eher ruhen, bis ich Dein Glück vollendet, und Dich mit Lorenz verbunden habe. Beharrst Du aber bei Deiner Thorheit, so betheure ich Dir, daß ich nicht mehr die Stimme der Menschlichkeit, nur die der Rache hören werde. Dein ganzes übriges Leben soll dann der Reue und der Thränen über das Schicksal geweiht seyn, das ich Dir bereiten will. —
Seine Worte machten keinen Eindruck auf mich. Ich konnte nicht mehr zittern vor dem Mann, den ich so tief verachtete, — nur die leichten Bebungen des Zorns, nicht der Angst, durchschauerten meinen Busen. Mein Herz und meine Tugend erhoben mich so weit über ihn, daß ich seine Drohungenverlachen konnte. Ungeheuer! antwortete ich, denkst Du, daß ich selbst meine liebsten Wünsche um einen so niedrigen Preis erkaufen möchte? Nein und wenn Lorenz nie der Meinige würde, — — ich lieb' ihn über alles, — ich würde höchst elend ohne ihn seyn, — dennoch würd' ich seinem Besitz freiwillig entsagen, wenn ihn mir nur das Laster verschaffen könnte. — Er biß die Zähne zusammen, und lachte gräßlich. Nun denn, Unglückliche, sagte er, ich habe Dich gewarnt. So werde denn das Opfer Deiner Dummheit und Deines Starrsinns. Es wird noch manche Stunde in Deinem künftigen Leben kommen, wo Du bedauern wirst, diesen Augenblick verlohren zu haben. Deine Verzweiflung soll mein Triumph seyn! — Er verließ mich mit dem fürchterlichen Schwur, mich zu verderben.
Daß ich den Rest jener Nacht schlaflosund unruhig hinbrachte, ist wohl natürlich. Zwar traute ich mir Entschlossenheit genug zu, im entscheidendsten Falle lieber den Tod, als den Verlust meiner Tugend zu wählen, — zwar gaukelte die süße Hoffnung mir vor, daßdießvielleicht die letzte Prüfung des Schicksals gewesen sei, mit deren Ende die Rosenzeit meiner Liebe ungetrübt und lachend von neuem beginnen werde, — zwar sicherte mich der Vorsatz, der durch diesen nächtlichen Überfall in mir entstanden war, selbst ohne Lorenzens Zurückkunft abzuwarten, in die Arme meiner Eltern zu fliehen, vor den fernern Verfolgungen des Kammerherrn, aber dessen ungeachtet verdrängten finstre Ahndungen schnell jeden Strahl des Trostes, der in meine Seele fiel, und mit heißen Thränen begrüßte ich das anbrechende Morgenroth. Sein milder Schimmer schien mir zur Flucht zu winken.— Ich packte einen Theil meiner Wäsche und meiner Kleider in ein Tuch, um es mit mir zu nehmen, weil ich befürchtete, der Kammerherr werde sehr saumselig seyn, mir meine Sachen nachzuschicken, — dann ging ich in die Garderobe der gnädigen Frau, die ich unter meiner Aufsicht hatte, und brachte alles sorgfältig in Ordnung. Es war noch sehr früh, — ich glaubte Jedermann in tiefem Schlaf begraben, und wollte die herrschende Stille benutzen, um unbemerkt zu entkommen. Als ich die Thür der Garderobe leise und vorsichtig verschloß, hört' ich jemand gehen; — es war Wolf, ein Bedienter, der aus den Zimmern des Kammerherrn kam. Ich konnte es nicht vermeiden, ihm zu begegnen. Bestürzt, daß schon ausser mir jemand wach war, ging ich ihm vorüber. In seinem Gesicht mahlte sich Verwunderung, mich zu einer so ungewöhnlichenStunde zu treffen. Neugierig und kopfschüttelnd sah er mir nach bis Ende der Gallerie; — ich glaubte, daß ich keine Zeit mehr zu verliehren hätte, flog in meine Kammer, und eilte dann wie ein gejagtes Reh mit meinem Päckchen davon.
Als ich durch die Hinterthür des Hauses in den Garten, und von da in einen Seitenweg trat, der mich in sanften Krümmungen die waldigte Anhöhe hinab führte, da wurde meine Brust leichter, und mir war, als sei ich nun allen Gefahren entschlüpft, die mir drohten. Mit weiten frohen Athemzügen trank ich die kühle Morgenluft in mich, und mein glühendes inniges Gebet stieg mit dem Gesang der Lerche, die sich von einem Waizenfelde trillernd erhob, zum Geber alles Guten empor.
Schon hatte ich den Spillinger Wald so weit hinter mir, daß ich nur leise undunterbrochen den Schlag einer späten Nachtigall noch vernahm, die ihn bewohnte, — meine Einbildungskraft trug mich weiter, wie meine Augen, und zeigte mir Mühlberg, als das Ziel meiner Wanderschaft lachend von Ferne mit all' dem stillen Frieden, den ich mir von seinem Wiedersehn versprach. Ich wurde heiter, — im Grase blitzte noch der Thau, und die warmen belebenden Strahlen der Sonne weckten all' die schlummernden Insekten und Würmchen zum Genuß des neuen schönen Tags, der so freundlich über uns aufgegangen war. Ich dachte an Lorenz. Liebend hätt' ich bei seinem Andenken die ganze kleine summende und schwirrende Welt umfassen mögen, die zu meinen Füßen im Sonnenschein sich freute, — ich fühlte mich vertraut mit dem regen Leben der Natur, daß so tausendfache kleine Gestalten in froher Thätigkeit bewegte.Ach kalt und gefühllos geht das leere Herz an allen Gegenständen vorüber, die es nicht mittelbar betreffen. Nur die Liebe haucht mit süßem Zauber jenes reiche Wohlwollen in die Brust, mit dem wir auch das gleichgültigste Geschöpf als ein fühlendes Wesen betrachten: nur die Liebe knüpft uns mit den zarten Banden eines allgemeinen Antheils an alles, was uns umgiebt, weil sie den Kreis unserer Empfindungen erweitert und verfeinert.
Ich mochte ohngefähr eine Meile gegangen seyn, als mein Weg sich theilte. Ich war der Straße nicht kundig, die nach meiner Heimath führte, denn ich hatte Mühlberg zum erstenmahl in meinem Leben verlassen, als ich nach Spillingen zog, und damahls beschäftigten mich so viele ernste Gedanken an die Zukunft, daß ich achtlos mich der Leitung des Kutschers überließ, der michabholte. Ich konnte zwar nicht irren, denn ich hatte den Himmelsstrich immer vor Augen, unter dem das geliebte Ziel meiner Reise lag, aber dennoch wünschte ich irgend einem Landmann zu begegnen, um zu erfahren, welcher von den beiden Wegen am nähesten und sichersten sei. Indem ich so einen Augenblick stehen blieb, und mich umsah, wurde ich in weiter Entfernung eine große Staubwolke gewahr, die sich sehr lebhaft bewegte. Der Gedanke, daß sie von Spillingen kam, machte mir einige Unruh, doch glaubte ich nicht eher, daß man es der Mühe werth finden würde, mir nachzusetzen, bis ich die Scharlachuniform des Kammerherrn deutlich von seinen übrigen Begleitern unterscheiden konnte. Eine namenlose dunkle Angst bemächtigte sich nun auf einmahl meiner. Das Zittern, das mich überfiel, war beinahe convulsivisch. Ich wolltemich verbergen, — umsonst! Da war kein schützendes Gesträuch, keine gefällige Anhöhe, die mich den Blicken meiner Verfolger hätte entziehen können. Endlich wurde ich einen kleinen trockenen Graben gewahr, der seitwärts die halb aufgeschossenen Kornfelder theilte. Brombeerenranken und Nesseln warfen ihren kurzen Schatten darüber, — ich besann mich nicht lange, und warf mein Bündel hinein. Eben wollte ich ihm folgen, als mich die donnernde Stimme des Kammerherrn ereilte, der im Gallop herangesprengt kam.
Justine hielt hier einige Augenblicke inne. Ihre Nerven waren in sichtlicher Spannung, ihre Lippen erblaßten und fingen an, zu zittern. Endlich fuhr sie fort:
Seine erste Anrede, die sehr heftig war, ging für mich verlohren, denn ich befand mich in einer Betäubung, die mir weder zuhören noch zu sprechen vergönnte. Als ich ein wenig zu mir selbst kam, erfuhr ich, daß man mich während meiner heimlichen Entweichung im Verdacht eines Diebstahls habe. Wolf hatte mich in einer so frühen Stunde aus der Garderobe der gnädigen Frau kommen sehn; — meine Bestürzung war ihm aufgefallen, er hatte mich belauscht. Kurz nachher sah er mich mit einem Päckchen unter dem Arm leise und vorsichtig durch die Gartenthür schlüpfen, — nun war in seinen Augen nichts gewisser, als daß ein Verbrechen mich jagte. Er ging wieder in die Zimmer des Kammerherrn, in die ihn, als er mir begegnete, die Unruh über einen begangenen Fehler in der Bedienung getrieben hatte, den er verbessern wollte, ehe der Herr erwachte, weil er ihn streng zu ahnden pflegte. Noch schlief er, und so scharf es auch verboten war, ihn im Schlafzu stören, so glaubte er doch, daß ein so verdächtiger Fall seine Kühnheit entschuldigen werde. Er weckte ihn also, und theilte ihm seine Muthmaßungen mit. Ich bin überzeugt, daß der Kammerherr in seinem Herzen gleich im ersten Augenblick mich von dem Verdacht eines Diebstahls frei sprach, indessen kam ihm Wolfs Vermuthung doch erwünscht, da die Rache, die er mir gelobt hatte, vielleicht noch planlos war, und hier am ersten Gelegenheit fand. Eilig ließ er satteln, eilig traf er die Maaßregeln, die zu meinem Verderben nöthig waren, und mit all' der Schadenfreude, die ihm sein Bubenstück schon machte, ehe es gelungen war, sprengte er dahin. Er rechnete auf eine Menge ihm günstiger Umstände, die seiner Beschuldigung wenigstens einen Anstrich von Wahrscheinlichkeit gaben. Wolfs Aussage, mein Schrecken, als ich mich eingeholtsah, die Angst, mit der ich mein Päckchen in den Graben geworfen hatte, gleichsam als ob das böse Gewissen mir rieth, es zu verstecken, — alles dieß und das starre Schweigen, mit dem ich mich des Diebstahls anklagen hörte, hätte vielleicht auch einen unbefangenen Menschen wider mich eingenommen. Ach niemand konnte ja in mein geängstetes Herz sehen, als Gott! und Gott thut keine Wunder. Niemand hatte Mitleid mit der Dumpfheit meiner Sinne, in der ich fühllos wie eine Bildsäule da stand, ohne mich zu vertheidigen. Man zog meinen Reisebündel hervor, und brachte es dem Kammerherrn zur Untersuchung. Ich sah es ruhig an, — das Bewußtseyn meiner Unschuld goß wieder einen Strahl von Lebenswärme in mich, und die Überzeugung mich gerechtfertigt zu sehn, verscheuchte meine Betroffenheit. Als aber der Kammerherrmit dem Ausruf: O die Betrügerin! sich zu den Umstehenden wandte, die mich, indeß er suchte, sorgfältig gehütet hatten, — als er mit den flammenden Blicken der höchsten Wuth auf mich zukam, und mir ein Armband von Juweelen unter die Augen hielt, das seiner Gemahlin gehörte, und das er vorgab, unter meinen Sachen gefunden zu haben, — da ward es Nacht in meiner Seele, — alle Gegenstände schwankten um mich her, und eine tiefe Ohnmacht, in die ich fiel, breitete wenigstens für eine halbe Stunde einen mildernden Schleier über den endlosen Jammer, der mein Inneres zerriß.
O warum mußte ich wieder zu mir selbst kommen! — Schrecklich, wie mein Dahinsinken war auch mein Erwachen. Nicht einmahl der tröstende Wahn, daß ein schwerer Traum mich nur geängstigt habe, verminderte die Bitterkeit seines ersten Augenblicks,und mein Elend starrte mich in all' seiner gräßlichen Wahrheit an. Ach weg! weg! rief sie weinend, von dem Andenken jener fürchterlichen Stunde. Die Erinnerung an sie verwundet mich aufs neue, ob sie gleich noch nicht die schwerste meines Lebens ist.
Der Gerichtsdiener, der den Kammerherrn begleitete, erhielt den Befehl, für mich zu haften. Man brachte einen Bauerwagen herbei, da ich mich vor Mattigkeit nicht auf den Füßen erhalten konnte. — Der Kammerherr ritt mit seinem Gefolge voraus, und langsam folgte ihm mein Fuhrwerk, das der Gerichtsdiener mit grimmigen Blicken bewachte.
So kamen wir wieder in Spillingen an. Mit dem Gefühl eines Vogels, der dem Käficht entschlüpft ist, hatte ich es am Morgen verlassen, — von der Ungerechtigkeit meines Schicksals und von unverdienterSchande beinahe vernichtet, sahe ich es wieder. Das Verbrechen, dessen man mich beschuldigte, war schon vor meiner Ankunft von dem Kammerherrn und von seinen Leuten auf dem Hofe verbreitet worden. Alles lief zusammen, um die ertappte Diebin zu sehn. Ein ganzer Zug von Kindern und gemeinem Volk aus dem Dorfe folgte mir, theils mit lauten Schmähreden, theils mit kranken Spott bis vor das Schloß, und die Verwalterin lehnte sich triumphirend weit zum Fenster ihrer Wohnung heraus, und schlug ein schallendes Gelächter auf, als sie mich erblickte. Nur ein mitleidiges Auge verbarg sich hinter die Gardinen ihres Zimmers, und weinte mir die sanften Thränen des Mitleids, — — es war Lorchen.
Man warf mich in einen feuchten Thurm der zum Gefängniß diente, und der selten von Missethätern und niemahls von Ungezieferleer war. Als die eiserne Thür hinter mir zuschlug, war mir, als hätte sie mich auf ewig von jeder Lebensfreude geschieden. Ich fiel auf das nasse Stroh, das den Boden bedeckte, rang die Hände und schrie voll Verzweifelung: Ach! hätte man so mein Grab verschlossen! — Ich verlohr mein Bewußtseyn von neuem. Als ich mich erhohlte, sah ich den Gerichtsdiener neben mir stehn. Eine düster brennende Lampe, die an einer Kette hing, brach die schwarze Finsterniß meines Aufenthalts in eine schauerliche Dämmerung, die nicht weniger furchtbar war. Neben mir stand Wasser und Brod zu meiner Nahrung.
Ein Strom von Thränen stürzte aus meinen Augen. Ich streckte meine Arme bittend nach dem Gerichtsdiener aus, denn es war ja ein Mensch, und zwar ein Mensch, den ich nie beleidigt hatte. Aber durch seinAmt war er schon längst an Auftritte dieser Art gewöhnt — der immerwährende Anblick verworfener oder leidender Geschöpfe hatte sein Herz nach und nach mit einer eisernen Rinde überzogen. Mit kalter Unempfindlichkeit lachte er mir in's Gesicht und sagte: Nicht wahr, das ist ein kühles Nachtlager? Ja, wie man's treibt, so geht's! — Hierauf nöthigte er mich zu essen, und als mir dieß unmöglich war, löschte er brummend die Lampe wieder aus, und ging.
O wie lebhaft empfand ich in jenen einsamen nächtlichen Stunden trotz den mannichfaltigen Leiden meines Zustandes den Werth eines vorwurfsfreien Gewissens, und einer unbefleckten Tugend. Zwar that ich Verzicht auf jedes irdische Glück, das ich mir sonst von der Zukunft versprochen und erbeten hatte, aber in meiner Seele erklangwie eine reine Harmonie jene tröstende Stimme, die auch das Weh der bittersten Gefühle zu lindern vermag, die Stimme des Glaubens, daß wenigstensüber den SternenVergeltung und Gerechtigkeit wohnt, die die verkannte Unschuld entschädigt. O wohl dem Unglücklichen, dem ein reines Gewissen bleibt! wohl ihm, wenn auch das Schicksal seinen herbsten Kelch ihm reicht. Der Kummer kann ihn niederbeugen, aber sein Bewußtseyn hebt ihn wieder empor; und wenn sein Blick auch von Thränen getrübt wird, so bleibt ihm doch die Aussicht in die Ewigkeit klar und hell, die den Schuldigen mit Grausen erfüllt.
Die vorige schlaflose Nacht, die ich gehabt hatte, und die Ermüdung des Körpers und des Geistes, die immer auf heftige Gemüthsbewegungen folgt, wiegte mich baldin einen Schlaf, der sanfter war, als man ihn wohl gewöhnlich in Gefängnissen zu schlummern pflegt.
Als ich erwachte, war der Morgen bereits angebrochen. Sein jugendlicher Schimmer stahl sich durch eine Ritze meines Kerkers, und weckte mich aus den Träumen einer bessern Welt zu dem schmerzlichen Gefühl der Gegenwart. Ach, Lorenz! was wirst du sagen, wenn du wiederkehrst? seufzte ich mit gerungenen Händen. — Kann ich, darf ich noch daran denken, dich jemahls zu besitzen? — Ach nein! — Die Unbescholtenheit meines Nahmens war ja nächst einem Herzen voll treuer Liebe das Wichtigste und Heiligste, was ich dir zubringen konnte. Ich bin beschimpft, wenn auch nicht vor Gott, doch in den Augen der Menschen, deren Meinung du ehren mußt. Nur dereinst in jenem Leben, wodas Verbrechen entlarvt und deine Justine gerechtfertigt seyn wird, nur da winkt mir Vereinigung mit dir! —
So sagt' ich, aber ich läugne nicht, daß sich allmählig und leise der Gedanke unter mein Selbstgespräch mischte: Warum soll ich unglücklich seyn, da ich tugendhaft war? — Kann ich mich denn nicht vertheidigen? — Warum soll ich meine Rechtfertigung erst von der Zukunft jenseits des Grabes hoffen, da sie auf Erden noch möglich ist, und da meine tadellosen Handlungen mir die kräftigsten Ansprüche auf sie geben? —
Süßer Wahn! Du kamest freundlich wie die lächelnde Gestalt der Hoffnung in die melancholische Abgeschiedenheit meines traurigen Behältnisses, und ich hielt dich fest, weil dein holdes Lächeln Balsam in meine blutenden Wunden goß. Ach ich wußte nicht, daß die Rache eines Wollüstigen unversöhnlichist, bis sie ihren Gegenstand geopfert und zertreten hat — ich wußte nicht, daß in diesem Falle die Armuth — sei auch die reinste Tugend ihr Schild — in der Gewalt eines mächtigen Bösewichts sich nur sträubt, wie ein wehrloses Lamm in den Klauen des Wolfs, um zerrissen zu werden. Ich wußte es nicht, aber bald erfuhr ich's.
Man foderte mich vor den Kammerherrn. Ich trat mit all' dem Muth und Stolz, den mir mein Selbstgefühl gab, unter seine triumphirenden arglistigen Augen. Neben ihm saß seine Gemahlin und tändelte mit ihrem Schooßhunde. Das sämmtliche Hofgesinde schloß einen Kreis um ihn und mich.
Es herrschte eine feierliche Stille. Ich vernahm die Schläge meines pochenden Herzens — — der Gedanke, weswegen ich hier gleichsam vor Gericht stand, färbtemeine Wangen mit dem brennenden Roth der unwilligen Beschämung, der gemißhandelten Ehrliebe.
Ei, ei! Du hast Deine Sachen dumm gemacht, redete mich die Kammerherrin an. Wenn Du denn doch einmahl stehlen wolltest, warum gerade ein Kleinod von so entschiedenem Werth, von einem Werth, den Du gar nicht einmahl zu schätzen verstehst? Tausend andre Dinge, die man weniger vermißt hätte, wären Dir nützlicher gewesen, und ihre Verantwortung würde Dir jetzt leichter seyn.
Ich habe nicht gestohlen! rief ich mit überwallendem Zorn. Nur die abscheulichste Bosheit, die schwärzeste Verläumdung kann mich eines Verbrechens beschuldigen, an das ich nie gedacht habe.
Das geht zu weit, unterbrach mich der Kammerherr. Vor allen diesen Zeugen —er wies auf Wolf und mehrere — hab' ich das Armband aus Deinen Kleidern gezogen, in die Du es listig verborgen hattest, und dessen ungeachtet bist Du so unverschämt, noch zu läugnen? Willst Du uns alle blind machen? — Schon Dein heimliches Entlaufen, Dein Schrecken, als man Dich ergriff, und die Ängstlichkeit mit der Du Dein Bündel über die Seite schafftest — schon dieß allein würde Dich verdammen, auch wenn ich den Beweis nicht in Händen hätte, der Dich vor aller Welt zur Diebin brandmarkt. Elendes Geschöpf! in Hinsicht Deiner Eltern will ich milder gegen Dich seyn, als die Gesetze des Landes, die Dir wenigstens das Spinnhaus auf Lebenslang zuerkennen würden. Jedermann zum Beispiel und zur Warnung sollst Du heute den ganzen Tag am Schandpfahl stehn; den Abend soll Dich der Gerichtsdienermit Ruthen streichen, und über die Gränze von Spillingen bringen, die ich Dir bei ähnlicher Strafe verbiete, jemahls wieder zu betreten.
Pfui, lassen Sie das Ruthenstreichen nur weg, sagte die gnädige Frau mit einem Gesicht voll Abscheu, das aber nicht der kleinste Zug von Mitleiden verschönerte. Es ist genug, wenn sie am Schandpfahl der versammelten Menge beweißt, wieviel an der hochgepriesenen Tugend war, mit der sie so prahlte.
Auf ihr Zureden milderte der Kammerherr sein Urtheil. Überhaupt will ich zu ihrer Ehre glauben, daß sie nicht daran zweifelte, daß ich schuldig war. Der Kammerherr hatte das Armband zu sich gesteckt, um es unter meinen Sachen zu mischen, da meine unbesonnene Flucht den Verdacht eines Diebstahls einmahl erregt hatte, und diesernoch immer nicht hinlänglich war, mich ganz zu verderben, wenn der Beweis fehlte. Es gelang ihm. — Mit hämischem Triumph befriedigte er seine Rache, aber die Art und Weise, deren er sich bedient hatte, um dahin zu kommen, war doch zu schändlich, als daß er sie irgend einem Menschen hätte anvertrauen können, wär es auch seine eigene Gemahlin gewesen, vor der er übrigens eben nicht nöthig hatte, sich seiner Gesinnungen zu schämen, da sie so ziemlich übereinstimmend mit ihm dachte.
Vergeblich betheuerte ich unter Schwüren und Thränen die Falschheit seiner Anklage. Man überschrie, man mißhandelte mich, man schleppte mich fort. In der Mitte des Hofraums stand der sogenannte Schandpfahl, an dem Hausdiebe und ähnliche Verbrecher geschlossen wurden, um durch die damit verbundene Beschimpfung demPöbel, dessen Muthwillen sie Preis gegeben waren, ein warnendes Exempel zu seyn. In dumpfer Betäubung ließ ich alles mit mir machen, — es braußte vor meinen Ohren, ein schwarzer Flor, in dem alle Farben des Regenbogens spielten, schien vor meinen starren Augen zu schweben, — meine Gedanken mischten sich verworren unter einander, — ich wußte nicht, was um mich vorging.
Ach! diese Fühllosigkeit, — daß sie nimmer gewichen wäre! — Aber leider zerrann sie wie ein vergänglicher Nebel, gerade in dem Augenblick, wo ich ihrer am meisten bedurfte, um meine Sinne wider die härteste Minute meines Schicksals zu waffnen. Der donnernde Huf eines Rosses drang dumpf durch das lärmende Geschrei der Menge zu mir her. Eine schmerzliche Ahndung durchzuckte schneidend mein Inneres, —unwillkührlich schlug ich mein gesenktes Auge empor, — ach da erblickt' es Lorenzen, der so eben von seiner Reise zurückgekommen war. Blaß wie der Tod, mit hingeworfenem Zügel hing er auf dem Pferde, wie ein schauerliches Bild der Vernichtung. Erstarren, Wuth und Verzweiflung, seine Geliebte am Pranger zu sehn, mahlte sich auf seinem entstellten Gesicht. Krampfhaft zog sich meine Brust zusammen bei diesem Anblick, und ein Schrei des Jammers erstarb auf meiner Lippe, — — weiter kann ich nichts mehr von jener zermalmenden Stunde sagen, — immer dunkler wurde es vor meinen Blicken, — ich fühlte nur noch, daß ich niedersank. —
Das Rütteln eines Wagens, auf den man mich geworfen hatte, brachte mich nach einer langen Bewußtlosigkeit wieder zu mir selbst. Es fing schon an, Abend zu werden.— Die Sonne neigte sich zum Untergange, und ihr purpurrother Schimmer vergoldete Mühlbergs Thurm, der nur in einer geringen Entfernung von mir in dem Kranz der freundlichen Gebüsche lag, den ich nimmer hätte verlassen sollen. Mein zerrissenes Herz regte sich in der Fülle seiner Schmerzen bei dem Andenken meiner vorigen einfachen Glückseligkeit, und bei der Annäherung des erschütternden Wiedersehens, das mir bevorstand.
Ich konnte dem Ausbruch der Thränen nicht wehren, die mir die Verzweiflung erpreßte, und mein lautes Weinen, zog endlich die Aufmerksamkeit meines unempfindlichen Führers auf sich. Es war ein Bauer aus Spillingen. Der Gerichtsdiener hatte mich ihm ohnmächtig überliefert, mit dem Befehl, mich meinen Eltern zu bringen. Höchst unbekümmert um meinen Zustandwar er ruhig mit mir fortgefahren, ohne sich damit zu befassen, ihn zu erleichtern. Gleichgültig langte er bey der Wohnung meiner Eltern an, und als ich kraftlos aus dem Wagen stürzte, und weinend weder ihre Fragen zu beantworten, noch ihre Angst zu stillen vermochte, warf er murrend, daß ihm niemand beistand, meine Sachen herunter, die man mit aufgeladen hatte, und sagte: Ja, ja, wie die Arbeit, so der Lohn. Da habt Ihr Euer sauberes Früchtchen. Dankt Gott, daß sie noch so davon gekommen ist, und haltet sie künftig lieber zum Gebet und Fleiß, als zum Stehlen an. — Damit schwang er seine Peitsche und fuhr fort. Ich sah nur noch meinen Vater schwanken, sein graues Haupt entblößen, und seine gerungenen Hände mit dem gebrochenen Blick des tiefsten Jammers zum Himmel erheben, — ich hörte nur noch die Frage meinerMutter: Ach Gott! was hast Du angefangen? — dann entzog mir ein heftiges Fieber, das mich überfiel, meine Besinnung, und diesen herzzerschneidenden Anblick.
Fünf Wochen lag ich ohne Hoffnung, ohne jemand zu kennen, — ohne meiner Vernunft mächtig zu seyn. Die wilden Fantasien, in denen ich schwärmte, meine Ausrufungen und meine Klagen, in denen trotz der Verwirrung meiner Sinne doch ein gewisser Zusammenhang war, der den Stempel der Wahrheit trug, alles dieß verrieth den Meinigen mein Schicksal und mein Elend. — Ach ich war glücklicher als sie, so lang die Raserei der Krankheit dauerte. — Der erste Tropfen, der mir im Becher der Genesung blinkte, war mit neuer Bitterkeit vermischt, die mein ganzes Leben mit stillem, zehrendem Gram vergiftete.
Als ich wieder zum erstenmahl die Gegenständeund die Personen unterscheiden konnte, die mich umgaben, erkannt' ich meine gute Schwester, die an meinem Bette saß. Ich streckte meine Arme nach ihr aus, und sie drückte mich zwar mit einem Freudengeschrei, aber zugleich mit einer Fluth von Thränen an ihr Herz, die mich erschreckte, als ich ihr bleiches, kummervolles Gesicht, die tiefe Trauer in ihrem Anzug und in ihrem ganzen Wesen bemerkte. Ich konnte die ängstliche Furcht nicht verscheuchen, die mir zuflüsterte, daß mir noch ein neues schweres Leiden bevorstand. Eilig und sehnsuchtsvoll frug ich nach meinen Eltern. Die Mutter ist krank, antwortete Philippine. Ihre Sorgfalt für Deine Pflege, ihr Gram über Dein Unglück und über mancherlei andere Dinge hat sie aufs Krankenbett gelegt. Doch verspricht der Doktor sie bald wieder herzustellen, und die Freude, daß essich mit Deiner Gesundheit bessert, wird vortheilhafter auf sie wirken, als die kräftigsten Arzeneien. —
Und mein Vater? — Philippine schwieg einige Momente, dann sprach sie mit zurückgehaltenen Thränen: Der Vater schläft — ihm ist wohl!
O wenn das ist, so wecke ihn. Laß mich ihn sehn, daß ich ihm mein Schicksal klage, und meine Unschuld betheuere. —
Philippine fing heftig an zu weinen. Ich soll ihn wecken? sagte sie. Ach, wenn ichdaskönnte! — Das vermag nur Gott, der ihn zu sich nahm.
Justinens Auge floß hier über — sie nahm den Faden ihrer Erzählung nur nach einer langen Pause wieder auf, in der sie mit ihrem Schmerze zu kämpfen schien. O lassen Sie mich von den Gefühlen schweigen, sagte sie dann, die bei dieser schrecklichenNachricht meine Seele erschütterten. Ich erfuhr, als ich erst wieder Kräfte hatte, mich näher zu erkundigen, daß der Schrecken meinem Vater eine Art von Schlagfluß zugezogen, und daß der Kummer und die Vorwürfe, die er meinetwegen sich selbst gemacht hatte, ihn nach einem kurzen Krankenlager ins Grab gestürzt hatten. Die festere Natur meiner Mutter erhielt sie mir noch ein Jahr — dann folgte sie ihm vor Gottes Richterstuhl, wo sie als Anklägerin den Urheber meines Elends erwartet.
Und Lorenz? fragte ich mit inniger Bewegung. Konnte Lorenz ein Herz verkennen, das so edel, und so ganz sein eigen war? —
Lorenz, versetzte Justine mit einem traurigen Lächeln, Lorenz war ein Mensch. Ob er mich wirklich einer niedrigen Handlung fähig hielt, ob die Umstände, die widermich sprachen, auch ihn zu meinem Nachtheil stimmten — ob die Schande, die ich öffentlich erduldete, oder der Wille seiner Mutter eine unübersehbare Kluft zwischen ihm und mich warf — das weiß ich nicht. Nur das weiß ich, daß ein halbes Jahr verging, ehe mein Schmerz über den Verlust meines Vaters, und meine Sorge für die wankende Gesundheit meiner Mutter mir erlaubte, nach ihm zu forschen. Die erste Nachricht, die ich von ihm einzog, war die Nachricht seiner Verbindung mit Lorchen.
Es überraschte mich — ich läugne es nicht — es fiel mir hart. Aber ich war nun schon so in der Übung zu leiden, wenn ich mich so ausdrücken darf, ich hatte der Hoffnung glücklich zu seyn nun schon so ernst und freiwillig entsagt, daß ich bald im Stande war, mich zu fassen. Kurz daraufhatte ich Gelegenheit, mich von den nähern Umständen und dem Charakter des alten Werners und seiner Familie genau zu unterrichten. Ich hörte so manchen Zug ihrer Rechtschaffenheit, so manches ungekünstelte herzliche Lob, das vorzüglich Lorchen betraf, daß ich nicht daran zweifeln konnte, Lorenz sei glücklich. Auch erfuhr ich, daß seine Heirath der lange ernste Plan seiner Mutter gewesen war, und ich tröstete mich durch die Überzeugung, daß sie nie in eine Verbindung mit mir gewilligt, oder doch wenigstens durch ihre Abneigung und ihre Denkungsart unser häusliches Glück getrübt haben würde.
Als ich die letzte, traurigste aller kindlichen Pflichten befolgt, und meine Mutter zu ihrer Ruhestätte begleitet hatte, verließ ich Mühlberg, und zog hieher zu meiner Schwester. Die freundliche Liebe, die michempfing, und die mich bald an ihr Haus, an ihren Mann und ihre Kleinen fesselte, die Einigkeit in unserm engen, trauten Familienkreise, — o das erweckte die erste blühende Empfindung wieder, die mich aus dem langen Winterschlaf meiner Seele riß. In Thätigkeit und Fleiß, und — warum sollte ich die reinste Quelle meiner Beruhigung verhehlen? — in stiller Andacht und Gebet errang ich mir jene sanfte Ergebung, die sich ruhig auch in harte Schicksale fügt. Ich dachte noch oft an Lorenz, und trauerte um meine vergeblichen Träume. Wenn ich mir ihn als Lorchens Gatten vorstellte, war es mir eine Art von Trost zu glauben, daß ihn nur die Meinung meines Unwerths, und kein Wankelmuth von mir geschieden hatte, denn, — es dünkt Sie vielleicht bloß eine Schwärmerei, — aber fest und innig ist der Glaube in meine geprüftesten Grundsätzeverwebt, daß eine Liebe, dievon selbstaufhören kann, keine Liebewar, und diesen heiligen Namen nimmer verdiente. Und die Gewißheit, daß mich Lorenz nicht so mit ganzer Seele geliebt hätte, als ich es meinte, — — achdiekönnt' ich schwerer ertragen, als all' mein gehabtes Unglück, stürmte es auch noch einmahl über mich zusammen, denn sie ist der einzige Strahl, der meine stille Abgeschiedenheit erheitert, wenn ich an die vorigen Zeiten denke.
Und suchten Sie nicht den Bösewicht zur Strafe zu ziehen, der Ihnen diese trüben Tage bereitete, fragte ich. Drangen Sie nicht auf eine öffentliche Genugthuung?
Nein, antwortete Justine. Bei dem Cirkel, in welchem ich lebe und bei meinen Bekannten in Mühlberg bin ich längst gerechtfertigt. Sie kannten mich zu gut, umnur Einen Augenblick an meiner Unschuld und an der Wahrheit meiner Aussage zu zweifeln. Daß man auch in Spillingen weiß, daß ich unverdient gelitten habe, kann mir nichts helfen, denn ich habe keinen Sinn für Rache, und wenn es Lorenz erführe, so könnt' es den Frieden seiner Ehe stören. Denn ach! — müßten nicht Reue und Schaam sein Inneres zerreißen, wenn er hörte, daß ich niemahls seiner Achtung unwerth gewesen wäre, — — daß nur meine Treue und meine Tugend mich in Schande und Elend gestoßen, undErmich ungehört verdammt, und den Bund der Liebe zerrissen hätte, den ich durch keinen Fehltritt entweiht? — Nein, oft wünscht ich zwar in seinen Augen gerechtfertigt zu seyn, aber nicht auf Kosten seiner Ruhe. Er lebt vielleicht zufrieden und glücklich, — könnte er es auch noch dann, wenn er wüßte, wieungerecht er dadurch gegen mich gewesen, daß der Schein einer strafbaren Handlung ihm soviel als Gewißheit gegolten habe? Ich glaube es nicht, und darum trage ich ohne Murren das kränkende Gefühl seiner Verachtung.
Sie sagte diese Worte feierlich und langsam mit dem Ton der stillsten Trauer. Ich umarmte sie dankbar für ihre Erzählung, und konnte ihr den Zoll des Mitleids und der Bewunderung nicht versagen. Zu gleicher Zeit aber erregte Lorenzens Betragen den ganzen Unwillen meines Herzens, ob ich ihn gleich nicht zu äussern wagte, da Justinens reine Güte ihn zu entschuldigen schien. Ach verdiente das treuste Herz keine Nachforschung, ob es auch schuldig war? dacht' ich schmerzlich bei mir selbst, als ich Justinens blasse Gestalt, so rührend mit dem Stempel jener stillen Ergebung bezeichnetsah, die nur ein langwieriger Gram hervorbringen konnte, — jener Ergebung, die zwar geduldig die Bürde des Schicksals trägt, aber todt für alle Freuden ist, die ihr die Zukunft als Entschädigung bietet. In ihrem nassen Auge strahlte noch der Liebe reinste Flamme in unvergänglicher Jugend bei der Erinnerung des Geliebten, — ach, und er konnte sie einem Verdachte opfern, den nur leise zu fassen, schon Beleidigung für ihre fromme Seele war? Nicht allein die Innigkeit seines Verhältnisses mit ihr; auch die Pflicht des redlichen Mannes, dünkte mich, hätte ihn auffordern sollen, die Entdeckung der Wahrheit zum Ziel seiner regesten Thätigkeit zu machen, ihre Unschuld zu prüfen, sie der Welt zu beweisen, und das Unrecht zu rächen, das sie drückte. —
Die kindischen Ausrufungen der Freude, die wir vernahmen, kündigten Justinen dieZurückkunft ihrer Verwandten an. Wir traten heraus, als eben das ländliche Fuhrwerk vor der Hausthür hielt. Die Kleinen begrüßten mit frohem Geschrei ihre Geschwister und ihre Mutter, die, als mich Justine ihr vorstellte, mich zwar freundlich, aber nur flüchtig willkommen hieß, und mit ihrem wohlwollenden Auge, in das sich Unruh mischte, aufmerksam und forschend auf dem stillen, ruhigen Gesicht ihrer Schwester verweilte, die mit den Kindern, welche indessen froh die bunten Geschenke des Jahrmarkts betrachtet hatten, sogleich den Schwager vermißte.
Aber wo ist denn Dein Mann? frug sie Philippinen, und die Kleinen hingen sich mit zärtlichem Ungestüm an ihre Mutter und riefen: Warum hast Du uns denn den Vater nicht wieder mitgebracht? —
Er kommt zu Fuße nach, antwortetePhilippine, und bringt einen Fremden mit. Sie stiegen unten am Walde ab, um Dich nicht zu heftig zu überraschen.
Verwundernd blickte sie Justine mit großen Augen an. Wer ist denn dieser Fremde? sagte sie furchtsam, als ergriffen ahndende Vorstellungen ihr Inneres. Philippine fiel ihr mit Thränen um den Hals. Ein Unglücklicher, sagte sie, der an Deinem treuen Herzen Ersatz für das verlohrene Glück der Vergangenheit sucht, um welches das Schicksal ihn betrogen. Ach Justine, bist Du wohl stark genug, um ohne gewaltsame Erschütterung einen alten Bekannten wieder zu sehn, der Dir so theuer war, und der es noch ist, ob Du gleich seinen Verlust als unwiederbringlich betrauertest?
Justine zitterte — ihre Brust arbeitete unter heftigen Bewegungen, ihre Lippen bebten, ohne zu sprechen. Eben kam Färbermit dem Fremden aus dem waldigten Hintergrund. Ich sah eine hohe, schöne männliche Gestalt mit edlen ausdrucksvollen Zügen, denen aber stiller Kummer seine Furchen eingegraben hatte. Dunkles Haar umflog die bleichen Wangen, von denen der Gram die Blüthe der ersten Jugend und der vollen lachenden Gesundheit hinweg gebrochen hatte, ohne darum seinem Gesicht die Anmuth zu rauben, die es mit unaussprechlichem Interesse beseelte. Wäre auch die Ähnlichkeit zwischen ihm und dem Schattenriß in Justinens Zimmer nicht so auffallend gewesen, wie sie wirklich war, so würde schon sein großes schwarzes unbeschreiblich rührendes Auge, das ich aus ihrer Erzählung kannte, mir ihn als Lorenz genannt haben.
Obgleich Justine durch ihre Schwester und durch ihre eignen Ahndungen auf seinenAnblick vorbereitet war, da niemand alsEreine so tiefe innige Beziehung auf ihr Herz und ihr Geschick hatte, als daß sie zweifeln konnte,ihnzu sehn, so wirkte seine Annäherung doch gewaltsam, beinah vernichtend auf ihr ganzes Wesen. Sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, und warf sich mit einem Laut des durchdringendsten Schmerzes in meine Arme. Lorenz eilte, beinahe eben so sehr von seinen Gefühlen ergriffen, wie sie, auf sie zu, und zog eine ihrer Hände von ihren strömenden Augen zu seinem Munde. O Justine, sagte er leise, denn seine Stimme wurde durch die Wehmuth halb erstickt, die ihn beherrschte: könnten wir beide alle die Leiden vergessen, die zwischen diesem Augenblick und der Stunde liegen, in der wir uns zum letztenmahl sahen! — Ich beweinte Dich als eine Todte, ach! und als ich erfuhr,daß Du lebtest, hielten mich ernste Pflichten von Dir entfernt, und ich durfte nichts, als um Dich trauern.
Du hieltest mich für todt? schluchzte Justine: ach, das war ich auch für Dich — ich mußte es ja seyn, um meiner Ruhe willen und wegen Deines eignen Friedens, da Du mich so schnell, so grausam, so ungeprüft vergessen konntest. — Sie zog ihre Arme zurück, die sich gleichsam mechanisch gehoben hatten, ihn zu umfassen. Der Gedanke: Er ist nicht mehr mein! schien vor ihrer Fantasie zu schweben, und mahlte sich in ihren starren, verzweiflungsvollen Augen.