Chapter 5

Die kleine Maja stand erschüttert und wußte nichts zu antworten. Ach, sie selber trieb das gleiche Gefühl, die Liebe zu den Ihren, die Treue gegen ihr Volk. Sie fühlte, hier gab es kein anderes Mittel mehr als List oder Gewalt, es tat jeder seine Pflicht und doch blieben sie einanderfremd und feind. — Aber hatte der Krieger nicht zuletzt einen Namen genannt? Hatte er nicht von einer Untreue gesprochen, die jemand gegen ihn begangen hatte? Schnuck kannte sie ja, war das nicht die schöne Libelle gewesen, die am Seeufer bei den Wasserrosen wohnte? Sie bebte vor Aufregung, vielleicht lag hier eine Rettung für sie, aber sie wußte noch nicht, inwiefern. Vorsichtig fragte sie:„Wer ist denn Schnuck, wenn ich fragen darf?“„Ach, das kümmert dich nicht, Kleine,“ antwortete der Wächter, „sie ist für mich verloren und ich werde sie nie mehr finden.“„Ich kenne Schnuck,“ sagte Maja und zwang sich zur Gelassenheit, „sie gehört zur Familie der Libellen und ist wahrscheinlich die schönste, die es unter ihnen gibt.“Maja hatte den Krieger noch nicht so gesehen, wie nach diesen Worten, er schien alles um sich her vergessen zu haben und sprang stürmisch auf sie zu.„Wie?“ rief er, „du kennst Schnuck? Sofort sagst du, wo sie ist.“„Nein“, sagte die kleine Maja, ganz still und fest. Aber innerlich glühte sie vor Freude.„Ich beiße dir den Kopf ab, wenn du nicht sprichst“, rief der Wächter. Er kam ganz nahe.„Der wird mir ja sowieso abgebissen. Tun Sie’s nur! Ich werde doch nicht die liebliche Libelle verraten, mit der ich eng befreundet bin! Jedenfalls wollen Sie sie gefangennehmen.“Der Krieger atmete schwer. Da es draußen zu dämmern begann, sah Maja, daß seine Stirn bleich war und seine Augen voll Angst und Unfrieden.„Mein Gott,“ sagte er verstört, „es ist Zeit, ich muß die Krieger wecken. — Nein, nein, kleine Biene, ich will Schnuck nichts Böses tun. Ich liebe Schnuck mehr als mein Leben. Sag mir, wo ich sie wiederfinde!“„Ich liebe mein Leben auch“, sagte die kleine Maja klug und zögernd.„Wenn du mir den Aufenthalt der Libelle Schnuck verrätst,“ sagte der Wächter und Maja sah, daß er mühsam sprach und am ganzen Körper zitterte, „so werde ich dich freigeben, dann kannst du fliegen, wohin du willst.“„Werden Sie Wort halten?“„Mein Ehrenwort als Räuber“, sagte der Wächter stolz.Die kleine Maja konnte kaum sprechen. Kam es nicht auf jede einzelne Minute an, wenn sie die Ihren noch rechtzeitig vor dem Überfall warnen wollte? Aber ihr Herz jubelte.„Gut“, sagte sie. „Ich glaube Ihnen. So hören Sie: Kennen Sie die alten Linden beim Schloß? Hinter ihnen ziehen sich viele Blumenwiesen hin und endlich kommt ein großer See. Im Seewinkel im Süden, wo der Bach einmündet, stehen in der Sonne die weißen Seerosen im Wasser. Dort im Schilf wohnt Schnuck, Sie finden sie jeden Mittag dort, wenn die Sonne hoch steht.“Der Krieger hatte beide Hände an seine blasse Stirn gedrückt. Er schien schwer mit sich selbst zu kämpfen.„Du hast recht“, sagte er leise und stöhnte so, daß man nicht sagen konnte, ob er Schmerz oder Freude empfand. „Sie hat mir erzählt, sie wollte zu weißen schwimmenden Blumen. Das werden die Blumen sein, von denen du gesprochen hast. So flieg denn, und hab’ Dank!“Und wirklich trat er vom Eingang zurück. Draußen dämmerte der Tag herauf.„Ein Räuber hält sein Wort“, sagte er. Er wußte nicht, was die kleine Maja in dieser Nacht in der Burg gehört hatte, und so dachte er: Was liegt an einer kleinen Biene, gibt es nicht genug andere?„Leben Sie wohl“, rief Maja und flog davon, atemlos vor Hast und ohne ein Wort des Dankes. Es war wirklich keine Zeit mehr dazu.Fünfzehntes KapitelDie HeimkehrDie kleine Maja nahm ihre ganzen Kräfte zusammen, alles an Willen und Tatkraft, was ihr geblieben war. Wie eine Kugel aus dem Lauf einer Jagdbüchse flog sie blitzschnell schnurgrade durch die bläuliche Morgenluft dahin, grade auf den Wald zu. Die Bienen können rascher fliegen als die meisten anderen Insekten. Dort war siezunächst sicher, dort konnte sie sich verstecken, falls die Hornisse bereuen sollte, sie freigegeben zu haben, und ihr folgte.Aus den Bäumen fielen schwere Tropfen in die welken Blätter des Waldbodens. Es war so kalt, daß der Biene die Flügel zu erstarren drohten. Überall lagen feine Schleier in der Ebene, und vom Morgenrot war nichts zu sehen. Dabei war es so still in der Runde, als habe die Sonne die Erde vergessen und als hätten alle Wesen sich zu einem Todesschlaf niedergelegt. Da flog Maja so hoch empor in die Luft als sie konnte. Es galt für sie nur eines: sie mußte so rasch als ihre Kräfte und Sinne zuließen, den Stock der Ihren finden, ihr Volk, ihre bedrohte Heimat. Sie mußte die Ihren warnen, daß sie sich gegen den Überfall rüsten konnten, den die furchtbaren Räuber an diesem Morgen planten. O, das Volk der Bienen war stark und wohl befähigt, den Kampf mit den überlegenen Gegnern aufzunehmen, wenn sie sich wappnen konnten und zur Verteidigung vorbereiten. Niemals aber, wenn sie überrumpelt und im Erwachen überfallen wurden. Wenn die Königin und die Soldaten noch schliefen, dann würde es ein furchtbares Morden geben und viele Gefangene, und der Erfolg der Hornissen war gewiß. Und nun, da die kleine Biene an die Kraft und die Stärke der Ihren dachte, an ihre Todesbereitschaft und ihre Treue gegen die Königin, überkam sie ein hoher Zorn gegen die Feinde und zugleich ein beseligter Opferwille und ein beglückender Mut ihrer begeisterten Liebe.Es war nicht leicht für sie, sich in der Umgegend zurechtzufinden. Sie hatte sich schon seit lange nicht mehr auf jene Art das Land gemerkt, wie die anderen Bienen es gewohnt waren, die immer von weiten Ausflügen mit ihrer Honigtracht zum Stock zurückfinden mußten.Ihr war, als sei sie noch niemals so hoch in der Luft gewesen, wie nun, die Kühle tat ihr weh, und sie konnte die einzelnen Gegenstände drunten kaum noch deutlich unterscheiden. Worauf soll ich mich verlassen, dachte sie, ich habe keinen Anhalt und werde den Meinen keine Hilfe bringen können. „Ach, hier war nun die beste Gelegenheit, alles gutzumachen,“ seufzte sie in ihrer Angst, „was soll ich tun?“ Aber plötzlich trieb es sie mit heimlichen Mächten unwiderstehlich nach einer bestimmten Richtung hin. Was ist es nur, das mich drängt und zieht, dachte sie, es muß mein Heimweh sein, das mich führt. Und sie überließ sich diesem Gefühl und flog so rasch sie konnte gradeaus. Und plötzlich brach sie in helles Jubeln aus, dort schimmerten fern wie graue Kuppeln aus der Dämmerung die Baumkronen der großen Linden des Schloßparks. Nun wußte sie sich zurechtzufinden und augenblicklich ließ sie sich bis dicht über die Erde nieder. Sie sah auf den Wiesen zur Seite die hellen Nebelstriche wieder dichter und dachte an die Blumenelfen, die dort getrost und selig ihren frühen Tod starben. Das füllte ihr das Herz aufs neue mit Zuversicht, und ihre Angst verlor sich. Mochten die Ihren sie wegen ihrer Flucht aus dem Reiche verachten, mochte dieKönigin sie strafen, wenn nur ihr Volk von dem furchtbaren Unheil verschont blieb, das ihm drohte.Dort schimmerte schon dicht an der langen Steinmauer die Blautanne, die die Bienenstadt der Ihren gegen den Westwind schützte, und nun sah sie die bekannten Fluglöcher, die roten, blauen und grünen Tore ihrer Heimat leuchten. Ihr Herz schlug so stürmisch, daß sie glaubte, ihr Atem müßte ihr vergehn, aber sie hielt aus und steuerte grade auf den Eingang des roten Tors zu; dort führte es zu ihrem Volk und zu ihrer Königin.Als sie sich auf dem Flugbrett vor dem Tore niederließ, vertraten ihr die beiden Wächter den Eingang und ergriffen sie sogleich. Maja konnte in ihrer Atemlosigkeit anfangs kein Wort hervorbringen, und die Wachen machten Miene, sie zu töten. Denn es ist den Bienen bei Todesstrafe verboten, in eine fremde Stadt zu dringen ohne den Willen der Königin.„Zurück!“ rief der Wächter und stieß sie rauh vor sich her, „was kommt Ihnen in den Sinn?! Wenn Sie nicht augenblicklich umkehren, ist es um Sie geschehen.“ Und dem anderen Wächter zugewandt, sagte er: „Ist dir schon einmal so etwas vorgekommen, und noch dazu vor Tagesanbruch?“Da rief Maja das Losungswort ihres Volks, woran alle Bienen die Ihren erkannten, und die Wächter ließen sie augenblicklich los.„Was ist das?!“ riefen sie, „du bist eine der Unsrigen, und wir kennen dich nicht?“„Laßt mich vor die Königin,“ stöhnte die kleine Maja, „gleich, rasch, es droht großes Unheil.“Die Wächter zögerten noch, sie verstanden nicht, was vor sich ging.„Die Königin darf nicht vor Sonnenaufgang geweckt werden“, sagte der eine von ihnen.Da schrie Maja so laut und leidenschaftlich, wie die beiden wohl niemals eine Biene haben schreien hören:„So erwacht die Königin vielleicht nie mehr zum Leben! Der Tod folgt mir auf dem Fuß.“ Und sie fügte so wild und zornig hinzu: „Ihr sollt mich vor die Königin führen!“ daß die Wächter ganz erschrocken und tief ergriffen gehorchten.Nun eilten sie miteinander durch die warmen, vertrauten Straßen und Gänge, die Maja alle wiedererkannte, und obgleich ihre Erregung und Hast sie fast überwältigten, zitterte doch ihr Herz vor Wehmut unter den Wohltaten ihrer Heimat.„Ich bin zu Hause“, stammelte sie mit blassen Lippen.Im Empfangssaal der Königin brach sie beinahe zusammen. Einer der Wächter stützte sie, während der andere mit der ungewöhnlichen Botschaft in die Gemächer der Königin eilte. Sie hatten nun beide erkannt, daß etwas ganz Außerordentliches im Anzuge war, und der Bote lief so rasch, als seine Füße ihn trugen.Die ersten Wachsbereiterinnen waren schon auf, neugierig schaute hier und da ein Köpfchen durch die Eingänge, die Nachricht dieses Vorfalls verbreitete sich schnell.Da kamen zwei Offiziere aus den Gemächern der Königin. Maja erkannte sie sogleich, sie nahmen ernst und schweigend am Eingang ihre Stellungen ein, ohne Maja anzureden; nun mußte gleich die Königin erscheinen.Sie kam ohne ihren Hofstaat, nur in Begleitung zweier Dienerinnen und ihres Leibadjutanten. Als sie Maja sah, trat sie schnell auf sie zu, und da sie den argen Zustand und die große Erregung der kleinen Biene sah, verlor sich der Zug von Ernst und Strenge ein wenig, der in ihrem Gesicht gelegen hatte.„Du kommst mit einer wichtigen Botschaft?“ fragte sie ruhig. „Wer bist du?“Maja konnte nicht gleich sprechen. Endlich brachte sie mühsam nur die Worte hervor:„Die Hornissen!“Die Königin erbleichte, aber sie blieb gefaßt, und das beruhigte auch Maja ein wenig.„Großmächtige Königin,“ rief sie, „vergib mir, daß ich die Pflichten nicht beachte, die deine Hoheit und Würde erheischen, ich will später alles sagen, was ich getan habe und was ich von Herzen bereue. Ich bin in dieser Nacht wie durch ein Wunder der Gefangenschaft der Hornissen entronnen, und das letzte, was ich von ihnen gehört habe, ist, daß in der Morgendämmerung dieses Tages unser Reich überfallen und ausgeraubt werden soll!“Das Entsetzen, das diese Worte der kleinen Maja bei allen Anwesenden hervorriefen, läßt sich kaum schildern.Die beiden Dienerinnen, die die Königin begleiteten, brachen in lautes Jammern aus, und die Offiziere am Eingang machten Miene, bleich vor Schreck, davonzufliegen und Alarm zu schlagen. Der Adjutant sagte: „Ja Herrgott ...“, und drehte sich einmal um sich selbst, weil er sich nach allen Seiten zugleich umsehen wollte.Es war wirklich ein ganz außerordentlicher Anblick, zu sehen, mit welcher Ruhe und Geisteskraft die Königin die furchtbare Nachricht aufnahm. Sie reckte sich ein wenig empor, und in ihre Haltung kam etwas, was alle einschüchterte und ihnen zugleich ein grenzenloses Vertrauen einflößte. Die kleine Maja zitterte vor Erhobenheit, so etwas Bedeutungsvolles an Überlegenheit glaubte sie noch niemals gesehen zu haben. Und die Königin winkte die Offiziere an ihre Seite und sprach laut und gefaßt ein paar rasche Sätze zu ihnen. Maja hörte zum Schluß noch die Worte: „Ich gebe euch eine Minute zur Ausführung meines Befehls, wenn es länger dauert, kostet es euren Kopf.“ Aber die beiden Offiziere sahen gar nicht so aus, als ob man sie anfeuern müßte; sie stürmten davon, daß es eine Freude zu sehen war.„O, meine Königin“, sagte die kleine Maja.Da neigte sich die Königin noch für einen kleinen Augenblick zu Maja nieder, noch einmal für kurze Zeit sah die kleine Biene das Angesicht ihrer Fürstin milde und voll Liebe erstrahlen.„Hab’ Dank,“ sagte sie zu Maja, „du hast uns allegerettet, was immer vorher geschehen sein mag, du hast es tausendfältig gut gemacht. Aber nun geh und ruh dich aus, mein Herzchen, du siehst elend aus, und deine Hände zittern.“„Ich möchte für dich sterben“, stammelte Maja bebend.Da antwortete die Königin:„Sei nun ohne Sorge um uns. Unter all den Tausenden, die diese Stadt bewohnen, ist nicht eine einzige, die nicht ohne Besinnen ihr Leben für das Wohl der anderen und für mein Wohl hingeben würde. Du kannst ruhig schlafen.“Sie beugte sich zu der kleinen Maja nieder und küßte sie auf ihre Stirn, dann winkte sie ihren Dienerinnen und befahl ihnen, für das Wohl und die Ruhe Majas Sorge zu tragen.Die kleine Biene ließ sich willenlos und tief von Herzen beglückt davonführen. Ihr war zumute, als habe ihr das Leben nun nichts Schöneres mehr zu geben. Sie hörte wie im Traum noch in der Ferne hohe helle Signalrufe, sah wie die Würdenträger des Staates sich um die Eingänge der Königsgemächer drängten, und dann vernahm sie ein dumpfes, weithinhallendes Dröhnen, das den ganzen Stock erschütterte.„Die Soldaten! Unsere Soldaten!“ flüsterte neben ihr die Dienerin.Das letzte, was sie in der kleinen stillen Kammer hörte, in der ihre Begleiterinnen sie zur Ruhe betteten, wardicht unter ihrer Tür der Marschschritt vorbeieilender Truppen. Sie vernahm eine klare Kommandostimme, die froh und zuversichtlich klang, und in ihren ersten Traum hinein tönte das alte Soldatenlied der Bienen, und sie hörte, verklingend wie aus weiter Ferne:Sonne, goldne Sonne duleuchte unserm Treiben.Segne unsere Königin,laß uns einig bleiben.Sechzehntes KapitelDie Schlacht der Bienen und HornissenEs herrschte eine ungeheuere Erregung im Reich der Bienen. Selbst in den Tagen der Revolution war der Aufruhr nicht so groß gewesen. Der Stock brauste. Es war nicht eine Biene, die nicht von einem heiligen Zorn der Empörung befallen war und von glühendem Verlangen, den alten Todfeinden mit ganzer Kraft zu begegnen. Und doch traten weder Verwirrung noch Unordnung ein, es war gradezu erstaunlich, wie rasch die Regimenter sich gesammelt hatten und wie gut jeder wußte, was seine Pflicht war und wodurch er sich nützlich machen konnte.Allerdings war es die höchste Zeit. Als auf den Ruf der Königin die Freiwilligen vortraten, die sich als erste zu der Verteidigung des Eingangs hergaben, kamen raschwie sausende Pünktchen die ersten Botschafter zurück, die ausgesandt worden waren und nun meldeten, daß die Hornissen nahten. Es trat eine furchtbare Ruhe der Erwartung ein. Mit gefaßtem Ernst und bleich vor Stolz, standen die ersten Soldaten hart am Eingang in drei geschlossenen Reihen. Keiner sprach mehr, es war totenstill umher. Nur im Hintergrund hörte man die leisen Kommandorufe der Offiziere, die die Reserven ordneten. Es schien, als schliefe der Stock. Nur am Tor arbeiteten leise und fieberhaft noch etwa ein Dutzend Wachsbereiterinnen, die den Befehl erhalten hatten, den Eingang mit Wachs zu verengen. Wie durch ein Wunder waren in den wenig Minuten zwei dicke Wachswände entstanden, die auch die stärkste Hornisse nicht ohne Zeitverlust zerstören konnte. Das Flugloch war fast um die Hälfte verkleinert worden.Die Königin hatte einen Posten inne, von dem aus sie in der Lage war, den Kampf zu überblicken. Ihre Adjutanten eilten und flogen hin und her. Nun war schon der dritte Kundschafter zurück. Er sank völlig erschöpft vor der Königin nieder.„Ich bin der Letzte, der zurückkommt,“ schrie er mit äußerster Anstrengung, „die andern sind tot.“„Wo sind die Hornissen?“ fragte die Königin.„Bei den Linden“, rief er, und dann stammelte er in Todesangst: „Hört, hört! die Luft saust von den Flügeln der Riesen!“Es war nichts zu hören. Es mußte seine Angst sein, daß er immer noch glaubte, verfolgt zu werden.„Wie viele sind es?“ fragte die Königin streng, „sprich leise.“„Ich habe vierzig gezählt“, flüsterte der Botschafter, und obgleich die Königin über die Stärke des Feindes erschrak, sagte sie doch laut und zuversichtlich:„Es wird keine von ihnen ihre Heimat wiedersehen.“Die Worte der Königin wirkten auf die Soldaten und Offiziere wie eine furchtbare Wahrsagung zum Unheil des Feindes, und der Mut aller hob sich.Als aber nun draußen in der stillen Morgenluft erst leise und dann lauter und lauter ein scharfes unheilvolles Surren entstand, als der Eingang sich verdunkelte und alle deutlich die schrecklichen Flüsterstimmen dieser grausamsten Räuber und Mörder vernahmen, die es in der Welt der Insekten gibt, da erbleichten die Angesichter der kleinen mutigen Bienen, als ob ein fahler Lichtschein über die Reihen sänke. Sie sahen einander mit Augen an, in denen der Tod wartete, und die ersten wußten, daß keine Minute mehr vergehen würde, bis sie ihr Leben gelassen hatten.Da klang die gefaßte Stimme der Königin ruhig und klar aus der Höhe:„Laßt die Räuber eindringen, einen nach dem andern, bis ihr meinen Befehl hört, dann stürzen die ersten Reihen, je hundert zugleich, sich auf die Eingedrungenen, und diehinteren Reihen decken den Eingang. Auf diese Art teilen wir die Streitmacht des Feindes. Bedenkt ihr Ersten, von eurer Kraft und Ausdauer und von eurem Mut hängt das Wohl des ganzen Staates ab. Aber seid getrost, die Feinde werden im Dämmerlicht nicht sogleich erkennen, wie wohl wir gerüstet sind und arglos eindringen ...“Sie brach ihre Worte ab, denn im Tor erschien der Kopf des ersten Räubers. Tastend und vorsichtig spielten die Fühler, die Zangen öffneten und schlossen sich, daß einem das Blut erstarren konnte, und langsam schob der ungeheure getigerte Leib mit seinen starken Flügeln sich nach. Der Panzer funkelte im Licht, das von außen eindrang.Es ging wie ein Zittern durch die Reihen der Bienen, aber kein Laut war vernehmbar.Die Hornisse trat leise zurück, und man hörte ihre Meldung:„Der Stock schläft! Aber der Eingang ist halb vermauert und es sind keine Wächter da. Ich weiß nicht, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist.“„Ein gutes!“ klang es von außen, „vorwärts!“Da sprangen zwei Riesen nebeneinander hinein, lautlos drängte es flimmernd, getigert und gepanzert nach. Es war fürchterlich anzuschauen. Nun waren schon acht der Räuber im Stock und immer noch erklang kein Befehl der Königin. War sie vor Entsetzen erstarrt, daß ihre Stimmeversagte? Sahen denn die Räuber immer noch nicht, daß zur Rechten und zur Linken dicht gedrängt und todesbereit im Schatten die glitzernden Reihen der Soldaten standen ...Da klang es laut aus der Höhe:„Im Namen eines ewigen Rechts und im Namen der Königin, verteidigt das Reich!“Da erhob sich ein Brausen und füllte die Luft, wie noch kein Kriegsgeschrei die Stadt erschüttert hatte. Es erschien, als müsse der ganze Stock durch dies tobende Brummen zersprengt werden, und wo eben noch klar gesondert die einzelnen Hornissen kenntlich gewesen waren, wälzten sich nun in dichten, dunklen Knäueln brausende Haufen. Ein junger Offizier der Bienen hatte kaum das Ende des Kommandos abgewartet. Er wollte der erste sein, der angriff, und er war der erste, der starb. Er hatte schon eine Weile bebend vor Kampfeslust, zum Sprung bereit dagestanden, und als über ihm das erste Wort des Befehls laut wurde, stürmte er vor, gerade dem vordersten Räuber in die Fänge, und sein feiner, unendlich spitzer Stachel fand den Weg zwischen dem Kopf und dem Brustring in den Hals seines Gegners. Er sah noch, wie die Hornisse sich mit einem wütenden Aufschrei zusammenkrümmte, so daß sie für einen Augenblick wie eine gelbschwarze, glitzernde Kugel erschien, dann drang der furchtbare Stachel des Räubers dem jungen Offizier durch die Brustringe ins Herz, und sterbend sah er sich und den tödlich getroffenenFeind in einer Wolke der Seinen versinken. Sein kühner Soldatentod hatte allen die wilde Seligkeit einer hohen Todesbereitschaft ins Herz gesenkt, und der Ansturm der Bienen wurde zu einer furchtbaren Not für die Eindringlinge.Aber die Hornissen sind ein altes, kampfgewohntes Räubervolk, und Morden und Rauben ist ihnen längst zum grausigen Handwerk geworden. Wenn auch der erste Anprall der Bienen sie verwirrt und versprengt hatte, so bedeutete er nicht so viel an Schaden, als es anfangs erscheinen mochte. Denn die Stachel der Bienen drangen nicht durch die Panzer der Riesen, und die Kraft und Größe der Hornissen gab ihnen eine Überlegenheit, derer sie sich wohl bewußt waren. Ihre durchdringenden, surrenden Kampfrufe, vor denen alle Wesen in Entsetzen geraten, die sie hören, überhallten das Kriegsgeschrei der Bienen. Fürchten doch sogar die Menschen diesen Warnruf der Hornissen und weichen ihnen lieber aus, ehe sie ungewappnet den Kampf mit ihnen wagen.Die überfallenen Hornissen, die bereits in den Stock eingedrungen waren, erkannten rasch, daß sie vor allen Dingen vordringen mußten, um den Ihren draußen nicht selbst den Eingang zu sperren. Und so wälzten sich die kämpfenden Knäuel voran in die dunklen Straßen und Gänge. Wie richtig war der Befehl der Königin gewesen, denn kaum war ein wenig Platz am Eingang entstanden, da stürzten die hinteren Reihen der Soldaten vor, um ihnzu verteidigen. Es war eine altbewährte und furchtbare Kampfweise, die befolgt wurde. Kaum hatte eine Hornisse sich am Eingang im Kampfe ermüdet, so taten die Bienen, als seien sie selbst erschöpft, und ließen den Räuber eindringen. Aber stets gelang es nur dieser einen Hornisse in die Stadt zu gelangen, denn kaum drängte die zweite nach, so stürzte sich auch schon ein dichter Schwarm neuer Soldaten auf das scheinbar unverteidigte Tor. Und der eingedrungene Gegner, der vom Kampf ermüdet war, sah sich plötzlich den glitzernden Reihen ganz neuer Bienenkrieger gegenüber, die noch kein Glied im Kampf gerührt hatten, und meist erlag er schon im ersten Ansturm ihrer Übermacht.Aber in die Kampfrufe mischten sich nun schon seit lange das Todesgeschrei der Sterbenden, das Jammern der Verwundeten und ein wildes, schmerzvolles Stöhnen voll Todesangst und Abschiedsweh. Die furchtbaren Stachel der Hornissen hatten in der entsetzlichsten Weise unter den Bienen gewütet. Die wälzenden Haufen der Kämpfenden im Stock ließen eine ganze Bahn von Toten zurück. Die eingeschlossenen Hornissen hatten erkannt, daß ihnen der Ausweg abgeschnitten war, und daß wohl keine von ihnen das Tageslicht wieder erblicken würde. So kämpften sie einen furchtbaren Verzweiflungskampf. Aber langsam erlagen sie doch, eine nach der anderen, denn es trat ein Umstand ein, der den Bienen sehr zugunsten kam, erschöpfte sich auch die Kraft der Riesen nicht so rasch, so erschöpfte sich doch das Gift ihrer Stachel und ihre Stiche wirktennicht mehr tödlich. Die verwundeten Bienen wußten jetzt, daß sie sich erholen würden, das gab ihnen ein ganz neues Siegesbewußtsein, zu dem der Schmerz um ihre Toten kam, der ihnen höchste Kräfte des Zorns verlieh.Langsam wurde es stiller. Die lauten Zurufe der Hornissen vor dem Stock fanden keinen Widerhall mehr bei den eingedrungenen Gefährten.„Sie sind alle tot“, sagte die Führerin der Hornissen in grimmigem Schmerz und rief die Kämpfenden vom Tor zurück. Ihre Schar war auf die Hälfte zusammengeschmolzen. Bis zu ihnen hinaus tönte das Dröhnen des zornigen Bienenstocks.„Es muß Verrat vorliegen,“ sagte die Führerin wieder, „die Bienen waren vorbereitet.“Sie hatten sich auf der Blautanne versammelt. Es war langsam immer heller geworden, und das Morgenrot vergoldete schon die Wipfel der Linden. Die Vogelrufe wurden laut, und der Tau fiel. Bleich und vor Kampfeswut zitternd standen die Krieger um ihre Führerin, die innerlich mit sich rang, ob sie ihrer Raublust oder ihrer Klugheit gehorchen sollte. Nein, sie sah ein, es ging nicht an, der ganze Stamm der Ihren war in Gefahr, aufgerieben zu werden. Und mit Widerwillen und vor beleidigtem Ehrgeiz bebend, beschloß sie, einen Boten an die Bienen zu senden, um die Eingeschlossenen zu retten.Sie wählte den klügsten ihrer Offiziere, den sie kannte, und rief seinen Namen.Ein bedrücktes Schweigen war die Antwort. Er war unter den Eingeschlossenen.Da wählte sie einen andern, rasch und angstvoll, plötzlich überkam sie eine Todesangst um die Ihren, die nicht zurückkehrten. Das Toben der Bienenstadt war weithin vernehmbar.„Eile dich!“ rief sie und gab dem Friedensboten ein weißes Jasminblatt in die Hand, „sonst kommen am Ende noch die Menschen, und wir sind verloren. Sag ihnen, wir würden davonziehen und ihren Stock für immer verschonen, wenn sie die Eingeschlossenen ausliefern würden.“Der Bote stürzte davon, schwenkte vor dem Tor sein weißes Blatt und ließ sich am Flugbrett nieder.Sofort wurde der Bienenkönigin die Nachricht gebracht, es sei ein Abgesandter da, der verhandeln wollte, und die Herrscherin schickte ihm ihre Adjutanten. Als ihr die Kunde gebracht wurde, ließ sie die Antwort sagen:„Wir Bienen liefern die Toten aus, wenn ihr sie mit euch nehmen wollt. Gefangene sind nicht gemacht. Die Euren, die eingedrungen sind, sind alle tot. Euerm Versprechen, nicht wiederzukommen, glauben wir nicht. Ihr könnt wiederkommen, wann ihr wollt, es wird euch niemals besser gehen als heute, und wenn ihr jetzt fortkämpfen wollt, so findet ihr uns bis auf den letzten Mann bereit.“Die Führerin der Hornissen erbleichte, als sie diese Kunde vernahm. Mit geballten Fäusten kämpfte sie einen schwereninneren Kampf. Gar zu gern hätte sie dem Wunsch ihrer Krieger Folge geleistet, die um Rache schrien. Aber ihre Vernunft siegte.„Wir kommen wieder“, knirschte sie. „Wie konnte uns dies geschehen? Sind wir nicht stärker und mächtiger, als das Volk der Bienen? Noch ist mir jeder Feldzug zu unserm Ruhm geglückt. Wie soll ich nach dieser Niederlage vor unsere Königin treten?“ Und wutbebend wiederholte sie: „Woran liegt das, was ist hier geschehen? Das kann nur Verrat sein.“Da antwortete eine ältere Hornisse, die als eine Freundin der Königin galt:„Wir sind wohl stärker und mächtiger, aber das Volk der Bienen ist einig und treu. Das ist eine große Macht, der niemand widerstehen kann. Keine würde ihr Volk verraten, jede dient zuerst dem Wohl aller.“Die Führerin hörte kaum zu.„Mein Tag wird kommen“, knirschte sie. „Was schert mich die Weisheit dieser Kleinbürger. Ich bin ein Räuber und will als Räuber sterben. Aber hier wäre kämpfen Wahnsinn. Was nützt es uns, wenn wir den ganzen Bienenstock vernichten und keiner von uns käme zurück?“ Und an den Boten gewandt, rief sie:„Verlange die Toten. Wir ziehen.“Es antwortete ihr ein dumpfes Schweigen. Der Wächter flog davon. —„Wir müssen mit einer neuen Tücke rechnen, obgleichich nicht glaube, daß die Hornissen noch große Kampfeslust haben“, sagte die Bienenkönigin, als sie diesen Entschluß der Feinde hörte. Sie befahl, daß zwei neue Abteilungen Krieger den Eingang zu decken hätten und daß die Wachsbereiterinnen und Trägerinnen und die Nachhut die Toten aus der Stadt schaffen sollten.Und so geschah es. Über Berge von Toten hin wurde eine Räuberleiche nach der andern langsam zum Eingang geschafft und hinabgeworfen. In düsterem Schweigen verharrte drüben die Schar der Hornissen auf der Blautanne und sah die Körper der Gefallenen einen nach dem anderen zu Boden sinken. Es war ein Bild von grenzenloser Trauer, das die heraufsteigende Sonne beschien. Einundzwanzig Gefallene, die einen ruhmvollen Tod gestorben waren, häuften sich im Gras unter der geretteten Stadt. Kein Tröpflein Honig und keine Gefangenen gingen in die Hände des Feindes über. Die Hornissen ergriffen ihre Toten und flogen davon, die Schlacht war beendet, und das Volk der Bienen hatte gesiegt.Aber welche Opfer hatte dieser Sieg gekostet! Überall lagen Tote umher, in den Straßen und Gängen und den dämmerigen Plätzen vor den Brut- und Honigschränken. Es gab eine traurige Arbeit im Stock an diesem schönen Sommermorgen voll Blumenblühen und Sonnenschein. Die Toten mußten hinausgeschafft und die Verwundeten verbunden und gepflegt werden. Aber bevor der Mittag heraufzog, begann schon wieder die gewohnte Arbeit imStock. Denn die Bienen feierten weder ihren Sieg, noch trauerten sie lange Zeit um ihre Toten. Ein jeder trug seinen Stolz und seinen Schmerz still mit sich herum und ging seiner Pflicht und Arbeit nach. Es ist ein seltsames Volk, das Volk der Bienen.Siebzehntes KapitelDie Freundin der KöniginDie kleine Maja war aus ihrem kurzen Schlaf der Betäubung erwacht, als der Kampfeslärm losbrach. Augenblicklich richtete sie sich auf und wollte hinausstürmen, um sich an der Verteidigung der Stadt zu beteiligen, aber da merkte sie, daß ihre Kräfte versagten und daß sie keine Hilfe leisten konnte.Eine Gruppe der Kämpfenden wälzte sich in ihre Nähe. Es war eine junge, starke Hornisse, ihres Abzeichens ein Offizier, wie es Maja schien, die sich gegen eine gewaltige Übermacht von Bienen ganz allein verteidigte. Langsam wälzte das Knäuel sich näher. Maja sah mit Entsetzen, wie eine Biene nach der andern sterbend zurückblieb. Aber der Riese war zu sehr behindert. An seinen Armen, Beinen und Fühlern hingen Scharen von Soldaten, die sich eher töten ließen, ehe sie ihn freigaben. Und schon drangen die ersten Bienenstiche ihm zwischen die Panzerringe in die Brust. Maja sah ihn ermatten und niedersinken.Stumm, ohne Klage und kämpfend bis zuletzt, starb er seinen Räubertod. Er bat nicht um Gnade, und keine Schmähung kam über seine Lippen.Kaum war er gefallen, als die Bienen zum Eingang zurückeilten, um sich aufs neue in den Kampf zu werfen. Der kleinen Maja hatte das Herz heiß und heftig gepocht, als sie dies gesehen hatte. Leise schlich sie zu dem Sterbenden. Gekrümmt lag er still im Dämmerlicht, aber er atmete noch. Maja zählte wohl zwanzig Stiche, aber die meisten waren vorn und sein goldener Panzer war unversehrt. Da Maja sah, daß er noch lebte, eilte sie fort und holte Wasser und Honig, um den Sterbenden noch einmal zu erfreuen, aber er schüttelte den Kopf und wehrte mit der Hand ab.„Was ich haben will, nehme ich mir selbst,“ sagte er stolz, „geschenkt will ich nichts.“„O,“ sagte die kleine Maja, „aber ich dachte nur, Sie hätten vielleicht Durst.“Da lächelte der junge Offizier die kleine Maja an und sagte ganz eigenartig ernst und fast ohne Traurigkeit:„Ich muß sterben.“Die kleine Biene konnte nicht antworten. Ihr war, als begriffe sie zum erstenmal, was es hieß, sterben zu müssen. Ihr schien, als sei ihr der Tod viel näher, nun wo ein anderer ihn erleiden mußte, als damals, wo sie selbst im Netz der Spinne ihn erwartet hatte.„Wenn ich doch etwas tun könnte“, sagte sie und weinte.Der Sterbende antwortete ihr nicht mehr. Er schlug noch einmal seine Augen auf und atmete noch einmal tief, und beides tat er zum letztenmal.Eine halbe Stunde später wurde er mit seinen erschlagenen Gefährten aus dem Stadttor nieder ins Gras geworfen. Aber die kleine Maja vergaß nicht mehr, was sie durch diesen kurzen Abschied erfahren hatte. Sie wußte nun für alle Zeit, daß auch ihre Feinde Wesen waren wie sie selbst. Daß sie ihr armes Leben liebten, wie sie selbst, und den schweren Tod sterben mußten ohne Hilfe. Sie mußte an den Blumenelf denken, der ihr von seiner Wiederkehr in jedem neuen Erblühen der Natur erzählt hatte, und sie wünschte sich sehr zu wissen, ob auch die anderen Wesen, die den Tod der Erde starben, zum Licht zurückkehrten.„Ich will glauben, daß es so ist“, sagte sie leise. Da kam ein Bote und rief sie vor die Königin.Maja fand den Hofstaat versammelt, als sie den Empfangssaal der Königin betrat. Ihre Füße zitterten und sie wagte kaum den Blick zu heben, in Gegenwart ihrer Fürstin und so vieler Würdenträger. Unter den Offizieren, die den Stab der Königin bildeten, fehlte so mancher der tapfersten, und die Stimmung im Saal war sehr ernst und außerordentlich feierlich. Aber auf den Stirnen aller lag ein Glanz von Erhobenheit, es war, als ob das Bewußtsein ihres Siegs und ihres neuen Ruhms alle wie ein heimliches Leuchten umgab.Da erhob sich die Königin, trat ganz allein inmitten aller auf die kleine Maja zu und schloß sie in die Arme.Ach, das hatte sie nicht erwartet, das ganz gewiß nicht, und ihre Freude war so groß, daß sie weinte. Es ging eine tiefe Bewegung durch die Reihen, und wahrscheinlich war niemand darunter, der das Glück der kleinen Maja nicht teilte und der ihr nicht von Herzen dankbar dafür war, für ihre Entschlossenheit und für den Wagemut ihrer raschen Warnung.Und dann mußte sie erzählen. Jeder wünschte zu wissen, wie es gekommen war, daß sie die Pläne der Hornissen in Erfahrung gebracht hatte, wie es ihr gelungen war, dieser schrecklichen Gefangenschaft zu entrinnen, aus der noch keine Biene entkommen war.Und sie erzählte von Anfang bis zu Ende alles Wichtige und Bedeutsame, was sie erlebt und erfahren hatte. Von Schnuck mit den glitzernden Flügeln, vom Grashüpfer, von der Spinne Thekla, von Puck und von Kurts liebevoller Hilfe. Als sie vom Elfen erzählte und von den Menschen, war es so still im Saal, daß man durch die Wände hören konnte, wie hinten die Trägerinnen im Stock Wachs kneteten.„Ach nein,“ sagte die Königin, „wer hätte gedacht, wie lieblich die Elfen sind.“Und sie lächelte vor sich hin, wehmütig und voll Sehnsucht, wie Leute lächeln, die Verlangen nach der Schönheit haben.Und alle Würdenträger lächelten auf dieselbe Art mit.„Wie war doch das Lied des Elfen?“ fragte die Königin, „sag es uns noch einmal, man sollte es wirklich behalten.“Und die kleine Biene sagte noch einmal das Lied der Elfen:Meine Seele ist der Hauch,der aus aller Schönheit bricht,wie aus Gottes Angesicht,so aus seiner Schöpfung auch.Es war eine kleine Weile still, nur im Hintergrund tönte ein verhaltenes Schluchzen. Wahrscheinlich dachte dort jemand an einen gefallenen Freund.Als Maja dann fortfuhr zu berichten und von den Hornissen sprach, wurden alle Augen groß und still und dunkel. Jede versetzte sich in die Lage, in der eine der Ihren sich noch vor ganz kurzer Zeit befunden hatte, und ein leises Zittern und tiefe Atemzüge gingen durch die Reihen.„Entsetzlich,“ sagte die Königin, „also schrecklich ...“Die Würdenträger sagten leise etwas Ähnliches.„Und so bin ich denn endlich wieder angelangt,“ schloß Maja, „und ich bitte vielmals um Verzeihung.“O, es wird allen verständlich sein, daß niemand der kleinen Maja ihre Flucht aus dem Stock nachtrug. Die Königin legte den Arm um ihren Hals und sagte gütig:„Du hast deine Heimat und dein Volk nicht vergessen, und im Herzen warst du treu. So wollen auch wir dir Treue halten. Für die Zukunft sollst du an meiner Seitebleiben und mich in der Leitung der Staatsgeschäfte unterstützen, ich glaube, daß deine Erfahrungen und alles, was du gelernt hast, auf diese Art am besten allen zustatten kommen werden und dem Wohl des Staates.“Diese Bestimmung der Königin wurde von den Anwesenden mit großem Jubel aufgenommen, und es ist dabei geblieben.So endet die Geschichte von den Abenteuern der kleinen Biene Maja. Man hörte, daß ihre Wirksamkeit der Bienenstadt zum Wohl und Nutzen gereichte, daß sie zu hohem Ansehen kam und von ihrem Volk geliebt wurde. Zuweilen suchte sie an ruhigen Abenden für ein Stündchen der Unterhaltung das stille Kämmerchen auf, in dem immer noch Kassandra lebte, Gnadenhonig aß und alterte. Dort erzählte sie den jungen Bienen, die ihr gerne lauschten, die Geschichten, die wir mit ihr erlebt haben.Ende

Die kleine Maja stand erschüttert und wußte nichts zu antworten. Ach, sie selber trieb das gleiche Gefühl, die Liebe zu den Ihren, die Treue gegen ihr Volk. Sie fühlte, hier gab es kein anderes Mittel mehr als List oder Gewalt, es tat jeder seine Pflicht und doch blieben sie einanderfremd und feind. — Aber hatte der Krieger nicht zuletzt einen Namen genannt? Hatte er nicht von einer Untreue gesprochen, die jemand gegen ihn begangen hatte? Schnuck kannte sie ja, war das nicht die schöne Libelle gewesen, die am Seeufer bei den Wasserrosen wohnte? Sie bebte vor Aufregung, vielleicht lag hier eine Rettung für sie, aber sie wußte noch nicht, inwiefern. Vorsichtig fragte sie:

„Wer ist denn Schnuck, wenn ich fragen darf?“

„Ach, das kümmert dich nicht, Kleine,“ antwortete der Wächter, „sie ist für mich verloren und ich werde sie nie mehr finden.“

„Ich kenne Schnuck,“ sagte Maja und zwang sich zur Gelassenheit, „sie gehört zur Familie der Libellen und ist wahrscheinlich die schönste, die es unter ihnen gibt.“

Maja hatte den Krieger noch nicht so gesehen, wie nach diesen Worten, er schien alles um sich her vergessen zu haben und sprang stürmisch auf sie zu.

„Wie?“ rief er, „du kennst Schnuck? Sofort sagst du, wo sie ist.“

„Nein“, sagte die kleine Maja, ganz still und fest. Aber innerlich glühte sie vor Freude.

„Ich beiße dir den Kopf ab, wenn du nicht sprichst“, rief der Wächter. Er kam ganz nahe.

„Der wird mir ja sowieso abgebissen. Tun Sie’s nur! Ich werde doch nicht die liebliche Libelle verraten, mit der ich eng befreundet bin! Jedenfalls wollen Sie sie gefangennehmen.“

Der Krieger atmete schwer. Da es draußen zu dämmern begann, sah Maja, daß seine Stirn bleich war und seine Augen voll Angst und Unfrieden.

„Mein Gott,“ sagte er verstört, „es ist Zeit, ich muß die Krieger wecken. — Nein, nein, kleine Biene, ich will Schnuck nichts Böses tun. Ich liebe Schnuck mehr als mein Leben. Sag mir, wo ich sie wiederfinde!“

„Ich liebe mein Leben auch“, sagte die kleine Maja klug und zögernd.

„Wenn du mir den Aufenthalt der Libelle Schnuck verrätst,“ sagte der Wächter und Maja sah, daß er mühsam sprach und am ganzen Körper zitterte, „so werde ich dich freigeben, dann kannst du fliegen, wohin du willst.“

„Werden Sie Wort halten?“

„Mein Ehrenwort als Räuber“, sagte der Wächter stolz.

Die kleine Maja konnte kaum sprechen. Kam es nicht auf jede einzelne Minute an, wenn sie die Ihren noch rechtzeitig vor dem Überfall warnen wollte? Aber ihr Herz jubelte.

„Gut“, sagte sie. „Ich glaube Ihnen. So hören Sie: Kennen Sie die alten Linden beim Schloß? Hinter ihnen ziehen sich viele Blumenwiesen hin und endlich kommt ein großer See. Im Seewinkel im Süden, wo der Bach einmündet, stehen in der Sonne die weißen Seerosen im Wasser. Dort im Schilf wohnt Schnuck, Sie finden sie jeden Mittag dort, wenn die Sonne hoch steht.“

Der Krieger hatte beide Hände an seine blasse Stirn gedrückt. Er schien schwer mit sich selbst zu kämpfen.

„Du hast recht“, sagte er leise und stöhnte so, daß man nicht sagen konnte, ob er Schmerz oder Freude empfand. „Sie hat mir erzählt, sie wollte zu weißen schwimmenden Blumen. Das werden die Blumen sein, von denen du gesprochen hast. So flieg denn, und hab’ Dank!“

Und wirklich trat er vom Eingang zurück. Draußen dämmerte der Tag herauf.

„Ein Räuber hält sein Wort“, sagte er. Er wußte nicht, was die kleine Maja in dieser Nacht in der Burg gehört hatte, und so dachte er: Was liegt an einer kleinen Biene, gibt es nicht genug andere?

„Leben Sie wohl“, rief Maja und flog davon, atemlos vor Hast und ohne ein Wort des Dankes. Es war wirklich keine Zeit mehr dazu.

Die kleine Maja nahm ihre ganzen Kräfte zusammen, alles an Willen und Tatkraft, was ihr geblieben war. Wie eine Kugel aus dem Lauf einer Jagdbüchse flog sie blitzschnell schnurgrade durch die bläuliche Morgenluft dahin, grade auf den Wald zu. Die Bienen können rascher fliegen als die meisten anderen Insekten. Dort war siezunächst sicher, dort konnte sie sich verstecken, falls die Hornisse bereuen sollte, sie freigegeben zu haben, und ihr folgte.

Aus den Bäumen fielen schwere Tropfen in die welken Blätter des Waldbodens. Es war so kalt, daß der Biene die Flügel zu erstarren drohten. Überall lagen feine Schleier in der Ebene, und vom Morgenrot war nichts zu sehen. Dabei war es so still in der Runde, als habe die Sonne die Erde vergessen und als hätten alle Wesen sich zu einem Todesschlaf niedergelegt. Da flog Maja so hoch empor in die Luft als sie konnte. Es galt für sie nur eines: sie mußte so rasch als ihre Kräfte und Sinne zuließen, den Stock der Ihren finden, ihr Volk, ihre bedrohte Heimat. Sie mußte die Ihren warnen, daß sie sich gegen den Überfall rüsten konnten, den die furchtbaren Räuber an diesem Morgen planten. O, das Volk der Bienen war stark und wohl befähigt, den Kampf mit den überlegenen Gegnern aufzunehmen, wenn sie sich wappnen konnten und zur Verteidigung vorbereiten. Niemals aber, wenn sie überrumpelt und im Erwachen überfallen wurden. Wenn die Königin und die Soldaten noch schliefen, dann würde es ein furchtbares Morden geben und viele Gefangene, und der Erfolg der Hornissen war gewiß. Und nun, da die kleine Biene an die Kraft und die Stärke der Ihren dachte, an ihre Todesbereitschaft und ihre Treue gegen die Königin, überkam sie ein hoher Zorn gegen die Feinde und zugleich ein beseligter Opferwille und ein beglückender Mut ihrer begeisterten Liebe.

Es war nicht leicht für sie, sich in der Umgegend zurechtzufinden. Sie hatte sich schon seit lange nicht mehr auf jene Art das Land gemerkt, wie die anderen Bienen es gewohnt waren, die immer von weiten Ausflügen mit ihrer Honigtracht zum Stock zurückfinden mußten.

Ihr war, als sei sie noch niemals so hoch in der Luft gewesen, wie nun, die Kühle tat ihr weh, und sie konnte die einzelnen Gegenstände drunten kaum noch deutlich unterscheiden. Worauf soll ich mich verlassen, dachte sie, ich habe keinen Anhalt und werde den Meinen keine Hilfe bringen können. „Ach, hier war nun die beste Gelegenheit, alles gutzumachen,“ seufzte sie in ihrer Angst, „was soll ich tun?“ Aber plötzlich trieb es sie mit heimlichen Mächten unwiderstehlich nach einer bestimmten Richtung hin. Was ist es nur, das mich drängt und zieht, dachte sie, es muß mein Heimweh sein, das mich führt. Und sie überließ sich diesem Gefühl und flog so rasch sie konnte gradeaus. Und plötzlich brach sie in helles Jubeln aus, dort schimmerten fern wie graue Kuppeln aus der Dämmerung die Baumkronen der großen Linden des Schloßparks. Nun wußte sie sich zurechtzufinden und augenblicklich ließ sie sich bis dicht über die Erde nieder. Sie sah auf den Wiesen zur Seite die hellen Nebelstriche wieder dichter und dachte an die Blumenelfen, die dort getrost und selig ihren frühen Tod starben. Das füllte ihr das Herz aufs neue mit Zuversicht, und ihre Angst verlor sich. Mochten die Ihren sie wegen ihrer Flucht aus dem Reiche verachten, mochte dieKönigin sie strafen, wenn nur ihr Volk von dem furchtbaren Unheil verschont blieb, das ihm drohte.

Dort schimmerte schon dicht an der langen Steinmauer die Blautanne, die die Bienenstadt der Ihren gegen den Westwind schützte, und nun sah sie die bekannten Fluglöcher, die roten, blauen und grünen Tore ihrer Heimat leuchten. Ihr Herz schlug so stürmisch, daß sie glaubte, ihr Atem müßte ihr vergehn, aber sie hielt aus und steuerte grade auf den Eingang des roten Tors zu; dort führte es zu ihrem Volk und zu ihrer Königin.

Als sie sich auf dem Flugbrett vor dem Tore niederließ, vertraten ihr die beiden Wächter den Eingang und ergriffen sie sogleich. Maja konnte in ihrer Atemlosigkeit anfangs kein Wort hervorbringen, und die Wachen machten Miene, sie zu töten. Denn es ist den Bienen bei Todesstrafe verboten, in eine fremde Stadt zu dringen ohne den Willen der Königin.

„Zurück!“ rief der Wächter und stieß sie rauh vor sich her, „was kommt Ihnen in den Sinn?! Wenn Sie nicht augenblicklich umkehren, ist es um Sie geschehen.“ Und dem anderen Wächter zugewandt, sagte er: „Ist dir schon einmal so etwas vorgekommen, und noch dazu vor Tagesanbruch?“

Da rief Maja das Losungswort ihres Volks, woran alle Bienen die Ihren erkannten, und die Wächter ließen sie augenblicklich los.

„Was ist das?!“ riefen sie, „du bist eine der Unsrigen, und wir kennen dich nicht?“

„Laßt mich vor die Königin,“ stöhnte die kleine Maja, „gleich, rasch, es droht großes Unheil.“

Die Wächter zögerten noch, sie verstanden nicht, was vor sich ging.

„Die Königin darf nicht vor Sonnenaufgang geweckt werden“, sagte der eine von ihnen.

Da schrie Maja so laut und leidenschaftlich, wie die beiden wohl niemals eine Biene haben schreien hören:

„So erwacht die Königin vielleicht nie mehr zum Leben! Der Tod folgt mir auf dem Fuß.“ Und sie fügte so wild und zornig hinzu: „Ihr sollt mich vor die Königin führen!“ daß die Wächter ganz erschrocken und tief ergriffen gehorchten.

Nun eilten sie miteinander durch die warmen, vertrauten Straßen und Gänge, die Maja alle wiedererkannte, und obgleich ihre Erregung und Hast sie fast überwältigten, zitterte doch ihr Herz vor Wehmut unter den Wohltaten ihrer Heimat.

„Ich bin zu Hause“, stammelte sie mit blassen Lippen.

Im Empfangssaal der Königin brach sie beinahe zusammen. Einer der Wächter stützte sie, während der andere mit der ungewöhnlichen Botschaft in die Gemächer der Königin eilte. Sie hatten nun beide erkannt, daß etwas ganz Außerordentliches im Anzuge war, und der Bote lief so rasch, als seine Füße ihn trugen.

Die ersten Wachsbereiterinnen waren schon auf, neugierig schaute hier und da ein Köpfchen durch die Eingänge, die Nachricht dieses Vorfalls verbreitete sich schnell.

Da kamen zwei Offiziere aus den Gemächern der Königin. Maja erkannte sie sogleich, sie nahmen ernst und schweigend am Eingang ihre Stellungen ein, ohne Maja anzureden; nun mußte gleich die Königin erscheinen.

Sie kam ohne ihren Hofstaat, nur in Begleitung zweier Dienerinnen und ihres Leibadjutanten. Als sie Maja sah, trat sie schnell auf sie zu, und da sie den argen Zustand und die große Erregung der kleinen Biene sah, verlor sich der Zug von Ernst und Strenge ein wenig, der in ihrem Gesicht gelegen hatte.

„Du kommst mit einer wichtigen Botschaft?“ fragte sie ruhig. „Wer bist du?“

Maja konnte nicht gleich sprechen. Endlich brachte sie mühsam nur die Worte hervor:

„Die Hornissen!“

Die Königin erbleichte, aber sie blieb gefaßt, und das beruhigte auch Maja ein wenig.

„Großmächtige Königin,“ rief sie, „vergib mir, daß ich die Pflichten nicht beachte, die deine Hoheit und Würde erheischen, ich will später alles sagen, was ich getan habe und was ich von Herzen bereue. Ich bin in dieser Nacht wie durch ein Wunder der Gefangenschaft der Hornissen entronnen, und das letzte, was ich von ihnen gehört habe, ist, daß in der Morgendämmerung dieses Tages unser Reich überfallen und ausgeraubt werden soll!“

Das Entsetzen, das diese Worte der kleinen Maja bei allen Anwesenden hervorriefen, läßt sich kaum schildern.Die beiden Dienerinnen, die die Königin begleiteten, brachen in lautes Jammern aus, und die Offiziere am Eingang machten Miene, bleich vor Schreck, davonzufliegen und Alarm zu schlagen. Der Adjutant sagte: „Ja Herrgott ...“, und drehte sich einmal um sich selbst, weil er sich nach allen Seiten zugleich umsehen wollte.

Es war wirklich ein ganz außerordentlicher Anblick, zu sehen, mit welcher Ruhe und Geisteskraft die Königin die furchtbare Nachricht aufnahm. Sie reckte sich ein wenig empor, und in ihre Haltung kam etwas, was alle einschüchterte und ihnen zugleich ein grenzenloses Vertrauen einflößte. Die kleine Maja zitterte vor Erhobenheit, so etwas Bedeutungsvolles an Überlegenheit glaubte sie noch niemals gesehen zu haben. Und die Königin winkte die Offiziere an ihre Seite und sprach laut und gefaßt ein paar rasche Sätze zu ihnen. Maja hörte zum Schluß noch die Worte: „Ich gebe euch eine Minute zur Ausführung meines Befehls, wenn es länger dauert, kostet es euren Kopf.“ Aber die beiden Offiziere sahen gar nicht so aus, als ob man sie anfeuern müßte; sie stürmten davon, daß es eine Freude zu sehen war.

„O, meine Königin“, sagte die kleine Maja.

Da neigte sich die Königin noch für einen kleinen Augenblick zu Maja nieder, noch einmal für kurze Zeit sah die kleine Biene das Angesicht ihrer Fürstin milde und voll Liebe erstrahlen.

„Hab’ Dank,“ sagte sie zu Maja, „du hast uns allegerettet, was immer vorher geschehen sein mag, du hast es tausendfältig gut gemacht. Aber nun geh und ruh dich aus, mein Herzchen, du siehst elend aus, und deine Hände zittern.“

„Ich möchte für dich sterben“, stammelte Maja bebend.

Da antwortete die Königin:

„Sei nun ohne Sorge um uns. Unter all den Tausenden, die diese Stadt bewohnen, ist nicht eine einzige, die nicht ohne Besinnen ihr Leben für das Wohl der anderen und für mein Wohl hingeben würde. Du kannst ruhig schlafen.“

Sie beugte sich zu der kleinen Maja nieder und küßte sie auf ihre Stirn, dann winkte sie ihren Dienerinnen und befahl ihnen, für das Wohl und die Ruhe Majas Sorge zu tragen.

Die kleine Biene ließ sich willenlos und tief von Herzen beglückt davonführen. Ihr war zumute, als habe ihr das Leben nun nichts Schöneres mehr zu geben. Sie hörte wie im Traum noch in der Ferne hohe helle Signalrufe, sah wie die Würdenträger des Staates sich um die Eingänge der Königsgemächer drängten, und dann vernahm sie ein dumpfes, weithinhallendes Dröhnen, das den ganzen Stock erschütterte.

„Die Soldaten! Unsere Soldaten!“ flüsterte neben ihr die Dienerin.

Das letzte, was sie in der kleinen stillen Kammer hörte, in der ihre Begleiterinnen sie zur Ruhe betteten, wardicht unter ihrer Tür der Marschschritt vorbeieilender Truppen. Sie vernahm eine klare Kommandostimme, die froh und zuversichtlich klang, und in ihren ersten Traum hinein tönte das alte Soldatenlied der Bienen, und sie hörte, verklingend wie aus weiter Ferne:

Sonne, goldne Sonne duleuchte unserm Treiben.Segne unsere Königin,laß uns einig bleiben.

Es herrschte eine ungeheuere Erregung im Reich der Bienen. Selbst in den Tagen der Revolution war der Aufruhr nicht so groß gewesen. Der Stock brauste. Es war nicht eine Biene, die nicht von einem heiligen Zorn der Empörung befallen war und von glühendem Verlangen, den alten Todfeinden mit ganzer Kraft zu begegnen. Und doch traten weder Verwirrung noch Unordnung ein, es war gradezu erstaunlich, wie rasch die Regimenter sich gesammelt hatten und wie gut jeder wußte, was seine Pflicht war und wodurch er sich nützlich machen konnte.

Allerdings war es die höchste Zeit. Als auf den Ruf der Königin die Freiwilligen vortraten, die sich als erste zu der Verteidigung des Eingangs hergaben, kamen raschwie sausende Pünktchen die ersten Botschafter zurück, die ausgesandt worden waren und nun meldeten, daß die Hornissen nahten. Es trat eine furchtbare Ruhe der Erwartung ein. Mit gefaßtem Ernst und bleich vor Stolz, standen die ersten Soldaten hart am Eingang in drei geschlossenen Reihen. Keiner sprach mehr, es war totenstill umher. Nur im Hintergrund hörte man die leisen Kommandorufe der Offiziere, die die Reserven ordneten. Es schien, als schliefe der Stock. Nur am Tor arbeiteten leise und fieberhaft noch etwa ein Dutzend Wachsbereiterinnen, die den Befehl erhalten hatten, den Eingang mit Wachs zu verengen. Wie durch ein Wunder waren in den wenig Minuten zwei dicke Wachswände entstanden, die auch die stärkste Hornisse nicht ohne Zeitverlust zerstören konnte. Das Flugloch war fast um die Hälfte verkleinert worden.

Die Königin hatte einen Posten inne, von dem aus sie in der Lage war, den Kampf zu überblicken. Ihre Adjutanten eilten und flogen hin und her. Nun war schon der dritte Kundschafter zurück. Er sank völlig erschöpft vor der Königin nieder.

„Ich bin der Letzte, der zurückkommt,“ schrie er mit äußerster Anstrengung, „die andern sind tot.“

„Wo sind die Hornissen?“ fragte die Königin.

„Bei den Linden“, rief er, und dann stammelte er in Todesangst: „Hört, hört! die Luft saust von den Flügeln der Riesen!“

Es war nichts zu hören. Es mußte seine Angst sein, daß er immer noch glaubte, verfolgt zu werden.

„Wie viele sind es?“ fragte die Königin streng, „sprich leise.“

„Ich habe vierzig gezählt“, flüsterte der Botschafter, und obgleich die Königin über die Stärke des Feindes erschrak, sagte sie doch laut und zuversichtlich:

„Es wird keine von ihnen ihre Heimat wiedersehen.“

Die Worte der Königin wirkten auf die Soldaten und Offiziere wie eine furchtbare Wahrsagung zum Unheil des Feindes, und der Mut aller hob sich.

Als aber nun draußen in der stillen Morgenluft erst leise und dann lauter und lauter ein scharfes unheilvolles Surren entstand, als der Eingang sich verdunkelte und alle deutlich die schrecklichen Flüsterstimmen dieser grausamsten Räuber und Mörder vernahmen, die es in der Welt der Insekten gibt, da erbleichten die Angesichter der kleinen mutigen Bienen, als ob ein fahler Lichtschein über die Reihen sänke. Sie sahen einander mit Augen an, in denen der Tod wartete, und die ersten wußten, daß keine Minute mehr vergehen würde, bis sie ihr Leben gelassen hatten.

Da klang die gefaßte Stimme der Königin ruhig und klar aus der Höhe:

„Laßt die Räuber eindringen, einen nach dem andern, bis ihr meinen Befehl hört, dann stürzen die ersten Reihen, je hundert zugleich, sich auf die Eingedrungenen, und diehinteren Reihen decken den Eingang. Auf diese Art teilen wir die Streitmacht des Feindes. Bedenkt ihr Ersten, von eurer Kraft und Ausdauer und von eurem Mut hängt das Wohl des ganzen Staates ab. Aber seid getrost, die Feinde werden im Dämmerlicht nicht sogleich erkennen, wie wohl wir gerüstet sind und arglos eindringen ...“

Sie brach ihre Worte ab, denn im Tor erschien der Kopf des ersten Räubers. Tastend und vorsichtig spielten die Fühler, die Zangen öffneten und schlossen sich, daß einem das Blut erstarren konnte, und langsam schob der ungeheure getigerte Leib mit seinen starken Flügeln sich nach. Der Panzer funkelte im Licht, das von außen eindrang.

Es ging wie ein Zittern durch die Reihen der Bienen, aber kein Laut war vernehmbar.

Die Hornisse trat leise zurück, und man hörte ihre Meldung:

„Der Stock schläft! Aber der Eingang ist halb vermauert und es sind keine Wächter da. Ich weiß nicht, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist.“

„Ein gutes!“ klang es von außen, „vorwärts!“

Da sprangen zwei Riesen nebeneinander hinein, lautlos drängte es flimmernd, getigert und gepanzert nach. Es war fürchterlich anzuschauen. Nun waren schon acht der Räuber im Stock und immer noch erklang kein Befehl der Königin. War sie vor Entsetzen erstarrt, daß ihre Stimmeversagte? Sahen denn die Räuber immer noch nicht, daß zur Rechten und zur Linken dicht gedrängt und todesbereit im Schatten die glitzernden Reihen der Soldaten standen ...

Da klang es laut aus der Höhe:

„Im Namen eines ewigen Rechts und im Namen der Königin, verteidigt das Reich!“

Da erhob sich ein Brausen und füllte die Luft, wie noch kein Kriegsgeschrei die Stadt erschüttert hatte. Es erschien, als müsse der ganze Stock durch dies tobende Brummen zersprengt werden, und wo eben noch klar gesondert die einzelnen Hornissen kenntlich gewesen waren, wälzten sich nun in dichten, dunklen Knäueln brausende Haufen. Ein junger Offizier der Bienen hatte kaum das Ende des Kommandos abgewartet. Er wollte der erste sein, der angriff, und er war der erste, der starb. Er hatte schon eine Weile bebend vor Kampfeslust, zum Sprung bereit dagestanden, und als über ihm das erste Wort des Befehls laut wurde, stürmte er vor, gerade dem vordersten Räuber in die Fänge, und sein feiner, unendlich spitzer Stachel fand den Weg zwischen dem Kopf und dem Brustring in den Hals seines Gegners. Er sah noch, wie die Hornisse sich mit einem wütenden Aufschrei zusammenkrümmte, so daß sie für einen Augenblick wie eine gelbschwarze, glitzernde Kugel erschien, dann drang der furchtbare Stachel des Räubers dem jungen Offizier durch die Brustringe ins Herz, und sterbend sah er sich und den tödlich getroffenenFeind in einer Wolke der Seinen versinken. Sein kühner Soldatentod hatte allen die wilde Seligkeit einer hohen Todesbereitschaft ins Herz gesenkt, und der Ansturm der Bienen wurde zu einer furchtbaren Not für die Eindringlinge.

Aber die Hornissen sind ein altes, kampfgewohntes Räubervolk, und Morden und Rauben ist ihnen längst zum grausigen Handwerk geworden. Wenn auch der erste Anprall der Bienen sie verwirrt und versprengt hatte, so bedeutete er nicht so viel an Schaden, als es anfangs erscheinen mochte. Denn die Stachel der Bienen drangen nicht durch die Panzer der Riesen, und die Kraft und Größe der Hornissen gab ihnen eine Überlegenheit, derer sie sich wohl bewußt waren. Ihre durchdringenden, surrenden Kampfrufe, vor denen alle Wesen in Entsetzen geraten, die sie hören, überhallten das Kriegsgeschrei der Bienen. Fürchten doch sogar die Menschen diesen Warnruf der Hornissen und weichen ihnen lieber aus, ehe sie ungewappnet den Kampf mit ihnen wagen.

Die überfallenen Hornissen, die bereits in den Stock eingedrungen waren, erkannten rasch, daß sie vor allen Dingen vordringen mußten, um den Ihren draußen nicht selbst den Eingang zu sperren. Und so wälzten sich die kämpfenden Knäuel voran in die dunklen Straßen und Gänge. Wie richtig war der Befehl der Königin gewesen, denn kaum war ein wenig Platz am Eingang entstanden, da stürzten die hinteren Reihen der Soldaten vor, um ihnzu verteidigen. Es war eine altbewährte und furchtbare Kampfweise, die befolgt wurde. Kaum hatte eine Hornisse sich am Eingang im Kampfe ermüdet, so taten die Bienen, als seien sie selbst erschöpft, und ließen den Räuber eindringen. Aber stets gelang es nur dieser einen Hornisse in die Stadt zu gelangen, denn kaum drängte die zweite nach, so stürzte sich auch schon ein dichter Schwarm neuer Soldaten auf das scheinbar unverteidigte Tor. Und der eingedrungene Gegner, der vom Kampf ermüdet war, sah sich plötzlich den glitzernden Reihen ganz neuer Bienenkrieger gegenüber, die noch kein Glied im Kampf gerührt hatten, und meist erlag er schon im ersten Ansturm ihrer Übermacht.

Aber in die Kampfrufe mischten sich nun schon seit lange das Todesgeschrei der Sterbenden, das Jammern der Verwundeten und ein wildes, schmerzvolles Stöhnen voll Todesangst und Abschiedsweh. Die furchtbaren Stachel der Hornissen hatten in der entsetzlichsten Weise unter den Bienen gewütet. Die wälzenden Haufen der Kämpfenden im Stock ließen eine ganze Bahn von Toten zurück. Die eingeschlossenen Hornissen hatten erkannt, daß ihnen der Ausweg abgeschnitten war, und daß wohl keine von ihnen das Tageslicht wieder erblicken würde. So kämpften sie einen furchtbaren Verzweiflungskampf. Aber langsam erlagen sie doch, eine nach der anderen, denn es trat ein Umstand ein, der den Bienen sehr zugunsten kam, erschöpfte sich auch die Kraft der Riesen nicht so rasch, so erschöpfte sich doch das Gift ihrer Stachel und ihre Stiche wirktennicht mehr tödlich. Die verwundeten Bienen wußten jetzt, daß sie sich erholen würden, das gab ihnen ein ganz neues Siegesbewußtsein, zu dem der Schmerz um ihre Toten kam, der ihnen höchste Kräfte des Zorns verlieh.

Langsam wurde es stiller. Die lauten Zurufe der Hornissen vor dem Stock fanden keinen Widerhall mehr bei den eingedrungenen Gefährten.

„Sie sind alle tot“, sagte die Führerin der Hornissen in grimmigem Schmerz und rief die Kämpfenden vom Tor zurück. Ihre Schar war auf die Hälfte zusammengeschmolzen. Bis zu ihnen hinaus tönte das Dröhnen des zornigen Bienenstocks.

„Es muß Verrat vorliegen,“ sagte die Führerin wieder, „die Bienen waren vorbereitet.“

Sie hatten sich auf der Blautanne versammelt. Es war langsam immer heller geworden, und das Morgenrot vergoldete schon die Wipfel der Linden. Die Vogelrufe wurden laut, und der Tau fiel. Bleich und vor Kampfeswut zitternd standen die Krieger um ihre Führerin, die innerlich mit sich rang, ob sie ihrer Raublust oder ihrer Klugheit gehorchen sollte. Nein, sie sah ein, es ging nicht an, der ganze Stamm der Ihren war in Gefahr, aufgerieben zu werden. Und mit Widerwillen und vor beleidigtem Ehrgeiz bebend, beschloß sie, einen Boten an die Bienen zu senden, um die Eingeschlossenen zu retten.

Sie wählte den klügsten ihrer Offiziere, den sie kannte, und rief seinen Namen.

Ein bedrücktes Schweigen war die Antwort. Er war unter den Eingeschlossenen.

Da wählte sie einen andern, rasch und angstvoll, plötzlich überkam sie eine Todesangst um die Ihren, die nicht zurückkehrten. Das Toben der Bienenstadt war weithin vernehmbar.

„Eile dich!“ rief sie und gab dem Friedensboten ein weißes Jasminblatt in die Hand, „sonst kommen am Ende noch die Menschen, und wir sind verloren. Sag ihnen, wir würden davonziehen und ihren Stock für immer verschonen, wenn sie die Eingeschlossenen ausliefern würden.“

Der Bote stürzte davon, schwenkte vor dem Tor sein weißes Blatt und ließ sich am Flugbrett nieder.

Sofort wurde der Bienenkönigin die Nachricht gebracht, es sei ein Abgesandter da, der verhandeln wollte, und die Herrscherin schickte ihm ihre Adjutanten. Als ihr die Kunde gebracht wurde, ließ sie die Antwort sagen:

„Wir Bienen liefern die Toten aus, wenn ihr sie mit euch nehmen wollt. Gefangene sind nicht gemacht. Die Euren, die eingedrungen sind, sind alle tot. Euerm Versprechen, nicht wiederzukommen, glauben wir nicht. Ihr könnt wiederkommen, wann ihr wollt, es wird euch niemals besser gehen als heute, und wenn ihr jetzt fortkämpfen wollt, so findet ihr uns bis auf den letzten Mann bereit.“

Die Führerin der Hornissen erbleichte, als sie diese Kunde vernahm. Mit geballten Fäusten kämpfte sie einen schwereninneren Kampf. Gar zu gern hätte sie dem Wunsch ihrer Krieger Folge geleistet, die um Rache schrien. Aber ihre Vernunft siegte.

„Wir kommen wieder“, knirschte sie. „Wie konnte uns dies geschehen? Sind wir nicht stärker und mächtiger, als das Volk der Bienen? Noch ist mir jeder Feldzug zu unserm Ruhm geglückt. Wie soll ich nach dieser Niederlage vor unsere Königin treten?“ Und wutbebend wiederholte sie: „Woran liegt das, was ist hier geschehen? Das kann nur Verrat sein.“

Da antwortete eine ältere Hornisse, die als eine Freundin der Königin galt:

„Wir sind wohl stärker und mächtiger, aber das Volk der Bienen ist einig und treu. Das ist eine große Macht, der niemand widerstehen kann. Keine würde ihr Volk verraten, jede dient zuerst dem Wohl aller.“

Die Führerin hörte kaum zu.

„Mein Tag wird kommen“, knirschte sie. „Was schert mich die Weisheit dieser Kleinbürger. Ich bin ein Räuber und will als Räuber sterben. Aber hier wäre kämpfen Wahnsinn. Was nützt es uns, wenn wir den ganzen Bienenstock vernichten und keiner von uns käme zurück?“ Und an den Boten gewandt, rief sie:

„Verlange die Toten. Wir ziehen.“

Es antwortete ihr ein dumpfes Schweigen. Der Wächter flog davon. —

„Wir müssen mit einer neuen Tücke rechnen, obgleichich nicht glaube, daß die Hornissen noch große Kampfeslust haben“, sagte die Bienenkönigin, als sie diesen Entschluß der Feinde hörte. Sie befahl, daß zwei neue Abteilungen Krieger den Eingang zu decken hätten und daß die Wachsbereiterinnen und Trägerinnen und die Nachhut die Toten aus der Stadt schaffen sollten.

Und so geschah es. Über Berge von Toten hin wurde eine Räuberleiche nach der andern langsam zum Eingang geschafft und hinabgeworfen. In düsterem Schweigen verharrte drüben die Schar der Hornissen auf der Blautanne und sah die Körper der Gefallenen einen nach dem anderen zu Boden sinken. Es war ein Bild von grenzenloser Trauer, das die heraufsteigende Sonne beschien. Einundzwanzig Gefallene, die einen ruhmvollen Tod gestorben waren, häuften sich im Gras unter der geretteten Stadt. Kein Tröpflein Honig und keine Gefangenen gingen in die Hände des Feindes über. Die Hornissen ergriffen ihre Toten und flogen davon, die Schlacht war beendet, und das Volk der Bienen hatte gesiegt.

Aber welche Opfer hatte dieser Sieg gekostet! Überall lagen Tote umher, in den Straßen und Gängen und den dämmerigen Plätzen vor den Brut- und Honigschränken. Es gab eine traurige Arbeit im Stock an diesem schönen Sommermorgen voll Blumenblühen und Sonnenschein. Die Toten mußten hinausgeschafft und die Verwundeten verbunden und gepflegt werden. Aber bevor der Mittag heraufzog, begann schon wieder die gewohnte Arbeit imStock. Denn die Bienen feierten weder ihren Sieg, noch trauerten sie lange Zeit um ihre Toten. Ein jeder trug seinen Stolz und seinen Schmerz still mit sich herum und ging seiner Pflicht und Arbeit nach. Es ist ein seltsames Volk, das Volk der Bienen.

Die kleine Maja war aus ihrem kurzen Schlaf der Betäubung erwacht, als der Kampfeslärm losbrach. Augenblicklich richtete sie sich auf und wollte hinausstürmen, um sich an der Verteidigung der Stadt zu beteiligen, aber da merkte sie, daß ihre Kräfte versagten und daß sie keine Hilfe leisten konnte.

Eine Gruppe der Kämpfenden wälzte sich in ihre Nähe. Es war eine junge, starke Hornisse, ihres Abzeichens ein Offizier, wie es Maja schien, die sich gegen eine gewaltige Übermacht von Bienen ganz allein verteidigte. Langsam wälzte das Knäuel sich näher. Maja sah mit Entsetzen, wie eine Biene nach der andern sterbend zurückblieb. Aber der Riese war zu sehr behindert. An seinen Armen, Beinen und Fühlern hingen Scharen von Soldaten, die sich eher töten ließen, ehe sie ihn freigaben. Und schon drangen die ersten Bienenstiche ihm zwischen die Panzerringe in die Brust. Maja sah ihn ermatten und niedersinken.Stumm, ohne Klage und kämpfend bis zuletzt, starb er seinen Räubertod. Er bat nicht um Gnade, und keine Schmähung kam über seine Lippen.

Kaum war er gefallen, als die Bienen zum Eingang zurückeilten, um sich aufs neue in den Kampf zu werfen. Der kleinen Maja hatte das Herz heiß und heftig gepocht, als sie dies gesehen hatte. Leise schlich sie zu dem Sterbenden. Gekrümmt lag er still im Dämmerlicht, aber er atmete noch. Maja zählte wohl zwanzig Stiche, aber die meisten waren vorn und sein goldener Panzer war unversehrt. Da Maja sah, daß er noch lebte, eilte sie fort und holte Wasser und Honig, um den Sterbenden noch einmal zu erfreuen, aber er schüttelte den Kopf und wehrte mit der Hand ab.

„Was ich haben will, nehme ich mir selbst,“ sagte er stolz, „geschenkt will ich nichts.“

„O,“ sagte die kleine Maja, „aber ich dachte nur, Sie hätten vielleicht Durst.“

Da lächelte der junge Offizier die kleine Maja an und sagte ganz eigenartig ernst und fast ohne Traurigkeit:

„Ich muß sterben.“

Die kleine Biene konnte nicht antworten. Ihr war, als begriffe sie zum erstenmal, was es hieß, sterben zu müssen. Ihr schien, als sei ihr der Tod viel näher, nun wo ein anderer ihn erleiden mußte, als damals, wo sie selbst im Netz der Spinne ihn erwartet hatte.

„Wenn ich doch etwas tun könnte“, sagte sie und weinte.

Der Sterbende antwortete ihr nicht mehr. Er schlug noch einmal seine Augen auf und atmete noch einmal tief, und beides tat er zum letztenmal.

Eine halbe Stunde später wurde er mit seinen erschlagenen Gefährten aus dem Stadttor nieder ins Gras geworfen. Aber die kleine Maja vergaß nicht mehr, was sie durch diesen kurzen Abschied erfahren hatte. Sie wußte nun für alle Zeit, daß auch ihre Feinde Wesen waren wie sie selbst. Daß sie ihr armes Leben liebten, wie sie selbst, und den schweren Tod sterben mußten ohne Hilfe. Sie mußte an den Blumenelf denken, der ihr von seiner Wiederkehr in jedem neuen Erblühen der Natur erzählt hatte, und sie wünschte sich sehr zu wissen, ob auch die anderen Wesen, die den Tod der Erde starben, zum Licht zurückkehrten.

„Ich will glauben, daß es so ist“, sagte sie leise. Da kam ein Bote und rief sie vor die Königin.

Maja fand den Hofstaat versammelt, als sie den Empfangssaal der Königin betrat. Ihre Füße zitterten und sie wagte kaum den Blick zu heben, in Gegenwart ihrer Fürstin und so vieler Würdenträger. Unter den Offizieren, die den Stab der Königin bildeten, fehlte so mancher der tapfersten, und die Stimmung im Saal war sehr ernst und außerordentlich feierlich. Aber auf den Stirnen aller lag ein Glanz von Erhobenheit, es war, als ob das Bewußtsein ihres Siegs und ihres neuen Ruhms alle wie ein heimliches Leuchten umgab.

Da erhob sich die Königin, trat ganz allein inmitten aller auf die kleine Maja zu und schloß sie in die Arme.

Ach, das hatte sie nicht erwartet, das ganz gewiß nicht, und ihre Freude war so groß, daß sie weinte. Es ging eine tiefe Bewegung durch die Reihen, und wahrscheinlich war niemand darunter, der das Glück der kleinen Maja nicht teilte und der ihr nicht von Herzen dankbar dafür war, für ihre Entschlossenheit und für den Wagemut ihrer raschen Warnung.

Und dann mußte sie erzählen. Jeder wünschte zu wissen, wie es gekommen war, daß sie die Pläne der Hornissen in Erfahrung gebracht hatte, wie es ihr gelungen war, dieser schrecklichen Gefangenschaft zu entrinnen, aus der noch keine Biene entkommen war.

Und sie erzählte von Anfang bis zu Ende alles Wichtige und Bedeutsame, was sie erlebt und erfahren hatte. Von Schnuck mit den glitzernden Flügeln, vom Grashüpfer, von der Spinne Thekla, von Puck und von Kurts liebevoller Hilfe. Als sie vom Elfen erzählte und von den Menschen, war es so still im Saal, daß man durch die Wände hören konnte, wie hinten die Trägerinnen im Stock Wachs kneteten.

„Ach nein,“ sagte die Königin, „wer hätte gedacht, wie lieblich die Elfen sind.“

Und sie lächelte vor sich hin, wehmütig und voll Sehnsucht, wie Leute lächeln, die Verlangen nach der Schönheit haben.

Und alle Würdenträger lächelten auf dieselbe Art mit.

„Wie war doch das Lied des Elfen?“ fragte die Königin, „sag es uns noch einmal, man sollte es wirklich behalten.“

Und die kleine Biene sagte noch einmal das Lied der Elfen:

Meine Seele ist der Hauch,der aus aller Schönheit bricht,wie aus Gottes Angesicht,so aus seiner Schöpfung auch.

Es war eine kleine Weile still, nur im Hintergrund tönte ein verhaltenes Schluchzen. Wahrscheinlich dachte dort jemand an einen gefallenen Freund.

Als Maja dann fortfuhr zu berichten und von den Hornissen sprach, wurden alle Augen groß und still und dunkel. Jede versetzte sich in die Lage, in der eine der Ihren sich noch vor ganz kurzer Zeit befunden hatte, und ein leises Zittern und tiefe Atemzüge gingen durch die Reihen.

„Entsetzlich,“ sagte die Königin, „also schrecklich ...“

Die Würdenträger sagten leise etwas Ähnliches.

„Und so bin ich denn endlich wieder angelangt,“ schloß Maja, „und ich bitte vielmals um Verzeihung.“

O, es wird allen verständlich sein, daß niemand der kleinen Maja ihre Flucht aus dem Stock nachtrug. Die Königin legte den Arm um ihren Hals und sagte gütig:

„Du hast deine Heimat und dein Volk nicht vergessen, und im Herzen warst du treu. So wollen auch wir dir Treue halten. Für die Zukunft sollst du an meiner Seitebleiben und mich in der Leitung der Staatsgeschäfte unterstützen, ich glaube, daß deine Erfahrungen und alles, was du gelernt hast, auf diese Art am besten allen zustatten kommen werden und dem Wohl des Staates.“

Diese Bestimmung der Königin wurde von den Anwesenden mit großem Jubel aufgenommen, und es ist dabei geblieben.

So endet die Geschichte von den Abenteuern der kleinen Biene Maja. Man hörte, daß ihre Wirksamkeit der Bienenstadt zum Wohl und Nutzen gereichte, daß sie zu hohem Ansehen kam und von ihrem Volk geliebt wurde. Zuweilen suchte sie an ruhigen Abenden für ein Stündchen der Unterhaltung das stille Kämmerchen auf, in dem immer noch Kassandra lebte, Gnadenhonig aß und alterte. Dort erzählte sie den jungen Bienen, die ihr gerne lauschten, die Geschichten, die wir mit ihr erlebt haben.


Back to IndexNext