Beschneidung und Taufe.
Da alle Stellen des N. Testaments, die zur Begründung der Kindertaufe herangezogen werden, nicht ausreichen, um dieselbe aufrechtzuerhalten, so greift man in der Not ins A. Testament zurück und ist der Meinung, daselbst etwas Stichhaltiges für die Säuglingstaufe gefunden zu haben. Man sagt nämlich, die Taufe sei im N. Testament an die Stelle der Beschneidung getreten. Wie nun im A. Testament die Beschneidung das Bundeszeichen wäre, ebenso sei es die Taufe im N. Testament. Deshalb, wie im A. Bund die Kinder schon das Bundeszeichen empfangen hätten, so sollten sie es auch im N. Bunde empfangen. Wir wollen nun auch diesen letzten Beweisgrund an etlichen allgemeinen Tatsachen und auf Grund von Gottes Wort prüfen.
Zuerst: Ist die Taufe im N. Testament an die Stelle der Beschneidung getreten? Diese Frage ist an der Hand einiger Bibelstellen leicht zu beantworten. So wird in Röm. 2, 29 gesagt: „Die Beschneidung des Herzens ist eine Beschneidung, die im Geist und nicht im Buchstaben geschieht.“ Was nun diese „Beschneidung des Herzens“ zu bedeuten hat, sagt derselbe Apostel in seinem Brief an die Kolosser: „In welchem ihr auch beschnitten seid mit der Beschneidung ohne Hände, durch Ablegung des sündlichen Leibes im Fleisch.“[352]Diese Worte Pauli sind für jeden Unbefangenen ein klarer Beweis dafür, daß an Stelle der Beschneidung nicht die Taufe, sondern dieHerzensbekehrung trat, welche der Apostel hier als eine Beschneidung des Herzens erklärt, die aber das Ablegen der Sünde als Erkennungszeichen trägt. Wie im A. Testament das Zeichen des Bundes die Beschneidung war, so ist die Beschneidung des Herzens das Siegel des N. Bundes. Aber der letzte Text birgt für diesen Punkt noch einen Beweis. Es heißt nämlich da, daß diese Beschneidung des Herzens „ohne Hände“ geschieht. Die Taufe wird aber mit den Händen vorgenommen wie auch die Beschneidung des A. Testaments.
Ein weiterer Beweis, daß die Taufe nicht an die Stelle der Beschneidung trat, ergibt sich aus den Verhandlungen auf dem Apostelkonzil zu Jerusalem, wo über die Frage verhandelt wurde, ob auch die Heiden sich nach dem mosaischen Gesetze beschneiden lassen müßten, um als wirkliche Bekenner Christi angesehen zu werden. Wäre nun die Taufe wirklich an die Stelle der Beschneidung getreten, so hätten dies die Apostel unbedingt in ihren Erklärungen erwähnen müssen. Doch findet sich auch nicht das geringste davon in den Urkunden jenes Konzils vor.[353]Ferner lesen wir, daß Paulus Timotheus beschnitt, nachdem er schon getauft war.[354]Andererseits widersetzte er sich entschieden, Titus zu beschneiden.[355]
Dr.Langeführt in bezug auf die Herbeiführung der Kindertaufe aus: „Andere beriefen sich auf die Parallele zwischen der jüdischen Beschneidung und der christlichen Taufe. Kol. 2, 11. Wenn bekanntlich schon im 2. Jahrh. diese Vergleichung zur allmählichen Empfehlung und Einführung der Kindertaufe mitwirkte, so wollen wir das dem christlichen Altertum gern zugute halten; wir wissen aber auch, daß auf dieselbe Weise das Priestertum, die Hierarchie, in die christliche Kirche eingeführt wordenist. In letzter Hinsicht hat unsere Kirche die Unstatthaftigkeit einer solchen Parallele erkannt; hinsichtlich der Taufe will man sie noch aufgut katholische Weisegelten lassen, ohne zu bedenken, daß dastertium comparationisso etwas gar nicht gestattet.“ „Der Heide und Jude solltegeistigbeschnitten werden, die Vorhaut des Fleisches, Begierden und Sünden ablegen. Konnte man aber an eine solche allegorische Deutung bei der Kindertaufe denken? Hat man später in der Kirche, nachdem die Lehre von der angeborenen Sündhaftigkeit, von dem Einwohnen des Teufels und der bösen Geister in den Seelen der Ungetauften Eingang gefunden, eine solche Parallele angewendet, so erlaubt diese dem heutigen evangelischen Theologen, der allein der hl. Schrift folgen soll, keine Anwendung auf die Schriftlehre.“[356]
Wenn aber die Verteidiger der Kindertaufe aus der Vorschrift der Beschneidung doch eine Berechtigung für die Säuglingstaufe folgern wollen, so sind sie doch nur berechtigt, die Knaben zu taufen, und dies müßte dann auch genau am achten Tage geschehen.
Schließlich ist zu beachten, daß die Beschneidung ein nationaler Akt war, und schon die fleischliche Abstammung berechtigte zur Annahme dieses Zeichens, während im N. Bunde eine „neue Kreatur“, eine „Wiedergeburt von oben her“, erforderlich ist.[357]Der N. Bund pflanzt sich nicht durch leibliche Geburt von Christen fort, auch nicht durch äußerliche Gemeinschaft mit Christen, sondern durch den Glauben an Christum.[358]Der Mensch muß seine höhere geistige Bestimmung, seinen Ursprung von Gotterkennen. Liebe zur Wahrheit und Tugend machen ihn allein der Liebe Gottes, die er durch seinen eingebornen Sohn offenbarte, würdig, und der Glaube an diesen gibt einem jeden die Hoffnung wahrer und ewiger Seligkeit.[359]„Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, die an seinen Namen glauben; welche nicht von dem Geblüt noch von dem Willen des Fleisches noch von dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind.“[360]Der Unterschied zwischen dem A. und N. Bund besteht darin: Unter dem ersten hatten wohl die leiblichen Nachkommen Abrahams ein Anrecht auf das Bundeszeichen, und zwar nur die Kinder männlichen Geschlechts; aber unter dem zweiten ist kein Unterschied zwischen Juden und Griechen, zwischen Knecht und Freiem, zwischen Mann und Weib, d. h. es besteht kein anerkannter Unterschied in der Vorsehung des Evangeliums, sondern „ihr seid allzumaleinerin Christo Jesu“.[361]Alle Klassen, alle Nationen müssen, wenn sie der Vorrechte und Segnungen des N. Bundes teilhaftig werden wollen, die Beschneidung des Herzens annehmen. Nur unter dieser Bedingung können sie Abrahams Same und Miterben der gleichen Verheißungen werden.[362]„In Christo Jesu gilt weder Beschneidung noch Vorhaut etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.“[363]
Wir kommen also zu dem Schluß, daß aus der Beschneidung des A. Bundes auch nicht im geringsten die Berechtigung zur Kindertaufe hergeleitet werden kann. Diejenigen, die die Taufe an die Stelle der Beschneidung setzen, weisen ihr einen Platz an, den die Bibel ihr nie angewiesen hat. Diese Theorie ist nur eine rein menschliche Erfindung, und zwar nur, um die Kindertaufe aufrechtzuerhalten.
Ende des Kapitels