Das Lido-Fest ist heuteLust und Vergnügen ringsum lächelt …
Das Lido-Fest ist heute
Lust und Vergnügen ringsum lächelt …
Entsetzen faßte die Geisterschar; ihre schillernden, glänzenden Farben verblichen; von dem Resonanzboden des ächzenden Musikkastens (wie Gustav sagt), und zwischen den Lippen der Sängerin entwickelte sich eine mißgestaltete Gnomenschar, die, gespenstisch kreischend und jammernd, sich in der Luft überstürzte und überschlug und grimmig über die Geister des Lichts herfiel. Es war schrecklich! Schon fühlteich mich von einem koboldartigenC, welches mich an dem Halse gepackt hielt, halb erdrosselt, und zappelte wie eine unglückliche Mücke in den Krallen der Spinne; da — erhob sich die Frau Hofrätin; die weiße Gardine sank herab: wie ein elektrischer Schlag durchzuckte es mich und das ganze Heer des Lichts! Gerettet! — An der Außenseite des Tuchs hing der Strahl mit seinen Kindern, bleich und angegriffen; drinnen aber tönte es fort:
Ein schöner Herr, ein holder Jüngling,Mit mildem, liebendem Aug’,Umflattert mich, mit schmeichelnder Zunge! …
Ein schöner Herr, ein holder Jüngling,
Mit mildem, liebendem Aug’,
Umflattert mich, mit schmeichelnder Zunge! …
Schnell und schneller sank jetzt der Strahl herab, und eben berührte er die Erde, da — erwachte ich, und Gustav, dicht vor mir, den Kopf auf beide Fäuste gestützt, grinste mich an. — (Au! nein, Du hast mich nicht angegrinst?) Eine dicke schwarze Wolke stand vor dem Mond, und mein Traum war zu Ende, mein Märchen ist zu Ende!“
Das Märchen war zu Ende, aber noch nicht unser Mondscheinabend damals.
„Und nun, Gustav, Quälgeist … hier … da“ …
Mit diesen Worten greift Elise in das Wasserbecken neben ihr und schleudert eine Hand voll blitzender Tropfen ihrem nichts ahnenden Gefährten ins Gesicht. Erschrocken und pustend springt dieser zur Seite, worauf die Übeltäterin, böse Folgen ahnend, sogleich, um das Becken herum, die Flucht ergreift.
„Ihr seid Zeugen, daßSieangefangen hat!“ ruft Gustav, ebenfalls die Hand ins Wasser tauchend und Elisen nacheilend.
„Tante! Tante! — Onkel, Hilfe!“ schreit diese, mit der abgebundenen Schürze den Verfolger im Rennen abwehrend und ihn mit der anderen freien Hand unaufhörlich bespritzend.
„Warte, Wasserjungfer!“ ruft Gustav und bemächtigt sich der Schürze. „Das sollst Du büßen, Verräterin!“
Mit einem Schrei läßt Elise ihre Ägide fahren, und — wie ein Reh ist sie seitwärts im Gebüsch hinter den Hollundersträuchen verschwunden, doch nicht, ohne ihren durchnäßten Verfolger auf den Fersen zu haben.
„Diese Wildfänge!“ seufzt die Tante Helene, auf eine Bank sinkend; während ich Taschentuch, Arbeitskörbchen und umherrollende Äpfel, welches alles das Frauenzimmer, den Ausgang ihres Attentats vorhersehend, sogleich zu Boden geworfen hat, aufsuche, wie es einem guten Onkel und Vormund geziemt. „Hören Sie nur, wie das Mädchen kreischt!“
Indem wir noch der wilden Jagd zwischen den Büschen lauschen, belebt sich plötzlich die Szene, und andere Figuren kommen durch die Monddämmerung. Mädchen- und Männerstimmen, kichernd und summend und Opernmelodien pfeifend! Jetzt treten die Kommenden aus dem Schatten in den helleren Lichtkreis um das Fontainenbecken: „Der Onkel Wachholder!“ rufen verwundert mehrere Stimmen, und im nächsten Augenblick sind wir von den Nachtschwärmern undAbendfaltern umgeben und erkennen in ihnen wohlbekannte Freunde und Freundinnen von Gustav und Elise. Ein Gewirr von Begrüßungen und Fragen erhebt sich nun. Wo ist Fräulein Ralff, wo ist Lischen, wo ist die Lise, wo ist Herr Gustav, wo steckt der Mensch? schwirrt das durcheinander und wird beantwortet; bis endlich Gustav und Elise zurückkommen von ihrer wilden Jagd, keuchend und rot, die Haare in Unordnung, Elise mit einem großen Riß im Kleide, aber beide Arm in Arm, wie artige, verträgliche Kinder. — Jetzt geht der Jubel erst recht an! Das ist schön, das ist prächtig, das ist ausgezeichnet; guten Abend, Natalie; guten Abend, Ida; ich grüße Sie, mein Fräulein; wo kommt ihr her, ihr Herumtreiber usw. usw.
Wie ist doch die Jugend so schön; wie wenig bedarf sie, um glücklich zu sein! Ein bißchen Mondschein, ein paar klingende Wassertropfen, die Strophe eines Liedes, und die jungen Herzen fühlen Gedichte, wie sie noch nie dem Papier anvertraut werden konnten. Ich, der alte Mann, welch ein Dichter, welch ein Maler müßte ich sein, wenn ich alle diese frischen, blühenden Gestalten, die da heute an diesem einsamen Abend wieder um mich her auftauchen, mit ihrem fröhlichen Lachen, ihren kleinen Sorgen und Freuden, ihren kleinen Sünden und Tugenden, mit ihren verstohlenen Seufzern, noch verstohleneren Zärtlichkeiten und ihren lauten Neckereien auf die Blätter dieser Chronik festbannen wollte. Wie abgeblaßt und schal sieht alles aus, was ich bis jetzt zusammengetragen und niedergeschrieben habe; wie farbenbunt und frisch erlebte es sich!
Aber wo war auf einmal der Mond geblieben? Die dunkeln Wolkenmassen, die im Süden lange genug gedroht hatten, hatten sich unbemerkt herangewälzt; es grollte und murrte in der Ferne, und schwere, warme Regentropfen schlugen vereinzelt in dielenes susurros sub noctem, in das leise Geflüster im Schatten der Nacht.
Kennt ihr das „Rette sich wer kann!“ bei einem plötzlich hereinbrechenden Gewitter in einer großen Stadt? Alle Gruppen lösen sich; — Schürzen werden über den Kopf, Taschentücher über die Hüte gebunden; hier flüchtet ein Pärchen unter eine laubige Akazie, dort ein dicker alter Herr unter den Vorsprung eines Hauses; hier schlüpft leichtfüßig ein junges Mädchen dicht an den Häuserwänden hin, dort wandelt langsam und gleichmütig ein Naturmensch daher, nichts vor dem Regen schützend als seine glühende Zigarre.
Die Droschken scheinen sich zu vervielfältigen, und — „süß ist’s, vom sichern Hafen Schiffbrüchige zu sehen“, an allen Fenstern erscheinen lachende Gesichter. Studenten, Referendare, junge Theologen usw. wischen ihre Brillen ab; Maler verlassen ihre Paletten und Staffeleien und machen Studien nach dem Leben; Tanten und Mütter schelten über Indezenz. — Platsch! platsch! alle Dachrinnen senden, wie hämische Ungeheuer, ihre Wassergüsse der dahertrabenden Menschheit in den Nacken. Es ist lächerlich-schrecklich bei Tage, schrecklich bei Nacht!
„Siehst Du, Lischen, das hast Du erst gewollt, — so lange hast Du mit dem Wasser gespielt! Das kommt davon!“ruft ärgerlich die Tante Helene. Gustavs Jubel erreicht den höchsten Grad, und lachend schleppt er seine Mutter nach, während diesmal ich mit Lisen vorauslaufe. Nach allen Seiten haben sich unsere Freunde und Freundinnen von vorhin zerstreut. Das Gewitter kommt immer näher, der Donner brummt ganz artig, und die Blitze sind gar nicht übel. Selbst Gustav meint: „Gottlob, da ist die Sperlingsgasse!“ Welche Überschwemmung! — Gute Nacht und keine langen Worte! — Gustav verschwindet mit seiner Mutter hinter ihrer Haustür, und auch wir erreichen glücklich die unsrige.
„Gott, Herr Wachholder, was habe ich für ’ne Angst gehabt!“ ruft die alte Martha uns von der Treppe entgegen.
Lischen pustet und ächzt und lacht, hält Arme und Hände weit ab vom Leibe und wird so schnell als möglich ins Bett geschickt. Gustav ruft natürlich von drüben noch einige Fragen herüber, auf welche wir aber nicht antworten, und der Mondschein-Spaziergang ist zu Ende.
Der April, der einstmensis novarumhieß, ist der wahre Monat des Humors. Regen und Sonnenschein, Lachen und Weinen trägt er ineinemSack; und Regenschauer und Sonnenblicke, Gelächter und Tränen brachte er auch diesmal mit, und manch einer bekam sein Teil. Ich liebe diesen janusköpfigen Monat, welcher mit dem einen Gesichtegrau und mürrisch in den endenden Winter zurückschaut, mit dem anderen jugendlich fröhlich dem nahen Frühling entgegenlächelt. Wie ein Gedicht Jean Pauls greift er hinein in seine Schätze und schlingt ineinander Reif und keimendes Grün, verirrte Schneeflocken und kleine Marienblümchen, Regentropfen und Veilchenknospen, flackerndes Ofenfeuer und Schneeglöckchen, Aschermittwochsklagen und Auferstehungsglocken. Ich liebe den April, welchen sie den Veränderlichen, den Unbeständigen nennen, und den sie mit „Herrengunst und Frauenlieb“ in einen so böswilligen Reim gebracht haben. —
Ich wurde diesen Morgen schon ziemlich früh durch das Geräusch des Regens, der an meine Fenster schlug, erweckt, blieb aber noch eine geraume Zeit liegen und träumte zwischen Schlaf und Wachen in diese monotone Musik hinein. Das benutzte ein schadenfroher Dämon des Trübsinns und des Ärgernisses, um mich in ein Netz trauriger, regenfarbiger Gedanken einzuspinnen, welches mir Welt und Leben in einem so jämmerlichen Lichte vorspiegelte und so drückend wurde, daß ich mich zuletzt nur durch einen herzhaften Sprung aus dem Bette daraus erretten konnte. — Aprilwetter! Die Hosen zog ich — wie weiland FreundYorick — bereits wieder als ein Philosoph an, und der erste Sonnenblick, der pfeilschnell über die Fenster der gegenüberliegenden Häuser und die Nase des mir zuwinkenden Strobels glitt, vertrieb alle die Nebel, welche auf meiner Seele gelastet hatten. Frischen Mutes konnte ich mich wieder an meineVanitassetzen, und als ich gar in einem derschweinsledernen, verstaubten Tröster, die ich gestern von der königlichen Bibliothek mitgebracht hatte, eine alte vertrocknete Blume aus einem vergangenen Frühling fand, konnte ich schon wieder die seltsamsten Mutmaßungen über die Art und Weise, wie das tote Frühlingskind zwischen diese Blätter kam, anstellen. Hatte sie vielleicht an einem lang vergangenen Feiertage ein uralter, längst vermoderter Kollege mitgebracht von einem lustigen Feldwege, oder hatte sie vielleicht eins seiner Kinder spielend in dem Folianten des gelehrten Vaters gepreßt? Hatte sie etwa ein Student von der Geliebten erhalten und hier aufbewahrt und vergessen? Welche Vermutungen! hübsch und anmutig, und um so hübscher und anmutiger, als sie nicht unwahrscheinlich sind.
O, versteht es nur, Blumen zwischen die öden Blätter des Lebens zu legen; fürchtet euch nicht, kindisch zu heißen bei zu klugen Köpfen; ihr werdet keine Reue empfinden, wenn ihr zurückblättert und auf die vergilbten Angedenken trefft!
Sei mir gegrüßt, wechselnder April, du verzogenes Kind der alten Mutter Zeit und — —
„Beschütze Deinen Sohn Ulrich Georg Strobel! — Guten Morgen, Meister Wachholder!“ sagte eine Stimme hinter mir.
Es war der Karikaturenzeichner, welcher, den grauen Filz auf dem Kopf, die Reisetasche über der Schulter, den Eichenstock in der Hand, hinter mir stand.
„Ach Gott, nun ist mein’ Zeit vorbei!“ fuhr er lachend fort. „Ich komme, Ihnen Lebewohl zu sagen, alter Herr.“
„Was, Sie wollen fort? Was fällt Ihnen ein?“
„Kann Deutschland nit findenRutsch allweil drauf ’rum!“
„Kann Deutschland nit finden
Rutsch allweil drauf ’rum!“
sang der Zeichner und zeigte auf eine lustige blaue Stelle zwischen den ziehenden Wolken. „Es ist nicht anders; haben Sie einen Gruß an die freie, weite Welt zu bestellen, heraus damit! Oder noch besser; kommen Sie — dort steht Ihr Regenschirm — begleiten Sie mich. Hören Sie, wie lustig der Spatz da ins Fenster pfeift!“
Was sollte ich machen; ich schlug meinen Folianten zu, der tolle Vagabonde bot mir seinen Arm, und wir traten hinaus in die Gasse.
„Leben Sie wohl, Mama; viel Glück, mein Fräulein!“ rief der Zeichner seiner Hausgenossenschaft zu, die ganz aufgeregt in der Tür stand. „Gott grüß’ Euch, Freund Marquart; lebt wohl, Mutter Karsten; lebt wohl, Meister und Meisterin; lebt wohl, lebt wohl!“ rief er nach rechts und links hinüber. An der Ecke warf er noch einen letzten Blick hinauf nach seiner verlassenen Wohnung, wo die Fenster offen standen und eine zerrissene Gardine lustig im Frühlingswinde flatterte, und brummte: „Zum Teufel, Du Nest!“
„Und wo wollen Sie nun hin?“ fragte ich meinen wunderlichen Begleiter.
Der Zeichner lachte. „Was meinen Sie,“ sagte er, „wenn ich mir das Völkergewühl im Orient ein wenig ansähe, Kostüme zeichnete und über das Bemühen lachte: einen neu eintretenden Faktor der Menschheitsentwicklungdurch Lancasterkanonen und Kriegsschiffe aufhalten zu wollen?“
„Was?!“ rief ich mit offenem Munde.
„Wem gilt das ‚Was?‘“ lachte Strobel. „Meinem Vorhaben oder meiner Meinung?“
„Sie glauben“ …
„Ich glaube, daß die Erde jung ist, alter Freund! Wir brauchen frisches Blut und wollen nicht meinen, daß, weil man uns nur Geschichte der Vergangenheit lehrt, es keine der Zukunft geben werde. Wir leben uns gar zu gern in alles ein: in unseren Rock, in unseren Körper, in unsere Familie, in unser Volk; wir freuen uns, wenn ein kleiner verwandter Mitbürger das Licht der Welt erblickt; wir ärgern uns, wenn wir den Rock zerreißen oder ein Krähenauge bekommen; wir betrüben uns, wenn unser Vater, unsere Mutter stirbt; aber wir halten das alles für natürlich, — bloß weil wir es leichter übersehen können. Soll nun auf einmal in dem Krähenaugenkriegen, Geborenwerden und Sterben der großen Völkerfamilie der Erde ein Stillstand eintreten; eindeus ex machinamit Manschetten in das ewige Werden fahren und sagen:Stop!halt da; entwickelt euch in euch selbst und — entschlaft an Euthanasie? Bah!“
Der Redner blies eine gewaltige Rauchwolke aus seiner Zigarre und fuhr fort, während ich den Kopf bedachtsam schüttelte:
„Es hat den Griechen nichts geholfen, die besten Dichter, Bildhauer und Maler zu sein, die geistreichsten philosophischenSysteme aufstellen zu können: die eisernen Männer Roms klopften an, stellten die griechische Bildungsub hasta, spielten Würfel auf den Gemälden, fabrizierten korinthisches Erz aus den Metall-Statuen, und — die Weltgeschichte ging einen Schritt vorwärts. Es hat den Römern nichts geholfen, die größten Kriegs- und Verwaltungskünstler zu sein, — Zündnadelgewehre und Lancasterkanonen sind Spielzeug im Kampf gegen dieeineMacht im Weltall, welche die Gestirne treibt und die Wandervögel, und welche die Völker bewegt zur rechten Zeit. Die Barbaren kümmerten sich nicht um Kommandowörter; sie stürmten die Tore Roms und — die Weltgeschichte ging einen Schritt weiter!“
Ich schüttelte wieder das Haupt und brummte: „Immer zertrümmern, zertrümmern!“
„Meine Mutter starb, indem sie mich gebar!“ sagte der Zeichner grimmig und stand still. Wir hatten den Ausgang der Sperlingsgasse erreicht; ein kleiner Handwagen, mit Kisten und Kasten beladen, versperrte uns den Weg. „Jetzt will ich Ihnen auch sagen, wo ichin der Tathin will; nicht wohin ich gehenkönnte,“ sagte Strobel. „Kommen Sie!“
Verwundert folgte ich dem in eine dunkle Kellerwohnung Hinabsteigenden.
So ist das menschliche Leben. Lange, lange Jahre hatte ich in dieser Gasse gewohnt, täglich fast war ich vor diesem Hause, vor diesen trüben Fenstern vorbeigegangen, und heute, am letzten Tage, den die arme hier wohnende Familie dahinter zubringt, steige ich zum ersten Male diefeuchten Stufen hinab zu ihr. Der Zeichner stellte mich dem Hausherrn vor, dem Schuhmacher Burger, einem Manne, welchem eine ganze Passionsgeschichte vom Gesichte abzulesen war. Heute Abend führt ihn und die Seinigen die Eisenbahn der Seestadt zu, von wo sie ein Schiff nach einer neuen Heimat, nach dem jungen Amerika bringen soll; und der Zeichner — will die Familie begleiten nach Hamburg.
Die wenigen des Mitnehmens werten Habseligkeiten der ärmlichen Wohnung waren schon zusammengepackt; die bleichen, traurigen Gesichter der Eltern, das teilnahmlose der alten Großmutter, die auch heute noch am gewohnten Platz hinter dem Ofen spann, die Kinder, welche verwundert in den Winkeln kauerten, alles machte einen tiefen, wehmütigen Eindruck auf mich.
Es ist nicht mehr die alte germanische Wander- und Abenteuerlust, welche das Volk forttreibt von Haus und Hof, aus den Städten und vom Lande; welche den Köhler aus seinem Walde, den Bergmann aus seinem dunkeln Schacht reißt, welche den Hirten herabzieht von seinen Alpenweiden, und sie alle fortwirbelt, dem fernen Westen zu: Not, Elend und Druck sind’s, welche jetzt das Volk geißeln, daß es mit blutendem Herzen die Heimat verläßt. Mit blutendem Herzen; denn trotz der Stammzerrissenheit, trotz aller Biegsamkeit des Nationalcharakters, der so leicht sich fremden Eigentümlichkeiten anschmiegt und unterwirft, — worin übrigens in diesem Augenblick vielleicht allein die welthistorische Bedeutung Deutschlands liegt — trotzalledem hängt kein Volk so an seinem Vaterland als das deutsche.
In englischen Schriften läuft Deutschland öfters als „the fatherland“κατ’ ἐξοχήν. Das wird zwar mit einem gewissen „sneer“ gesagt, aber es ist eine Ehre für unsere Nation, und wir können stolz darauf sein.
O, ihr Dichter und Schriftsteller Deutschlands, sagt und schreibt nichts, euer Volk zu entmutigen, wie es leider von euch, die ihr die stolzesten Namen in Poesie und Wissenschaften führt, so oft geschieht! Scheltet, spottet, geißelt, aber hütet euch, jene schwächliche Resignation, von welcher der nächste Schritt zur Gleichgültigkeit führt, zu befördern oder gar sie hervorrufen zu wollen.
Als die Juden an den Wassern zu Babel saßen und ihre Harfen an den Weiden hingen, weinten sie, aber sie riefen:
„Vergesse ich Dein, Jerusalem, so werde meiner Rechten vergessen!“
DieWorte waren kräftig genug, selbst die zuckenden Glieder eines Volkes durch die Jahrtausende zu erhalten.
Ihr habt die Gewohnheit, ihr Prediger und Vormünder des Volkes, den Wegziehenden einen Bibelvers in das Gesangbuch des Heimatsdorfes zu schreiben; schreibt:
„Vergesse ich Dein, Deutschland großes Vaterland: so werde meiner Rechten vergessen!“
Der Spruch in aller Herzen, und — das Vaterland ist ewig!
Das letzte Hausgerät war zusammengebunden und auf den kleinen Wagen in der Gasse gelegt. Traurig schauten sich die armen Leute in ihrer verödeten Wohnung, die alle Leiden und Freuden der Familie gesehen hatte, um.
„’s ist ’n hart Ding, ’s ist ’n hart Ding!“ sagte seufzend der Meister, und Strobel klopfte ihn leise auf die Schulter.
„Es ist Zeit, Mann! Faßt Euch ein Herz, geht Eurer Frau mit einem guten Beispiel voran.“
„Der Totengräber hat versprochen, er will unseres Fritzen Hügel draußen nicht verrotten lassen!“ schluchzte die Frau.
Burger wischte sich mit dem Ärmel über die Augen, erhob sich aus seinem Hinbrüten und ging, seine alte Mutter hinaufzuführen auf die Gasse; seine Frau weinte laut, brach einen Zweig von der verkümmerten Myrte im Fenster, legte ihn in ihr Gebetbuch und nahm ihr jüngstes Kind auf den Arm, während sich die anderen an ihre Schürze und ihren Rock hingen. Die Familie stieg die enge schwarze Treppe, welche auf die Straße führt, hinauf, — sie hatte ihren langen Weg begonnen!
Draußen wechselte Regen mit Sonnenschein, wie der April es mit sich brachte. Der Meister zog seinen Wagen voraus, wir anderen folgten. Einen letzten Blick werft zurück in die enge, dunkle, arme Sperlingsgasse — ihr werdet wohl oft genug an sie denken — und dann hinaus in die weite Welt, ihr Wanderer!
Bis an das Tor brachte ich den Zeichner und seine Schützlinge. Ein letzter Händedruck, ein letzter Gruß! Wer weiß, ob wir nicht noch einmal uns wieder sehen, Strobel! Lebt wohl! lebt wohl! — Und wieder einmal konnte ich einsam und allein zurückkehren, einsam und allein dies Blatt der Chronik der Sperlingsgasse aufzuzeichnen.
Ich saß heute Nachmittag draußen im Park in den warmen Sonnenstrahlen, die hell und lustig durch die noch kahlen Zweige der höheren Bäume und durch das mit zartem, frischem Grün bedeckte niedere Gesträuch fielen. Kinder mit Sträußen von Frühlingsblumen zogen an mir vorüber; ein Maikäfer, mit einem Zwirnfaden am Bein, hing schlaftrunken an einem Zweige mir zur Seite, und ein stubengesichtiger junger Mann, dem ein Buch hinten aus der Rocktasche guckte, grub sorgsam eine Pflanze aus. Es war ein prächtiger Frühlingsnachmittag. Da begannen auf einmal in der Stadt die Glocken zu läuten, den morgenden Sonntag zu verkünden, und wieder schwebte, von den „Himmelstönen“ getragen, eine süße Erinnerung heran.
Es war auch ein erster Mai. Da war der Frühling gekommen mit jungem Grün, bauenden Schwalben und einem — Hochzeitstage in der alten, dunklen Sperlingsgasse. Sie hatten Blumen gestreut, und mit Blumen und Laubkränzen die Pfosten umwunden; sie hatten Sonntagskleider angezogen in der Sperlingsgasse, und alle hatten fröhliche,fröhliche Gesichter. Und der Himmel war blau, und die Sonne schien strahlend durch den Efeu, welchen vor so langen Jahren Marie Ralff im Ulfeldener Walde ausgegraben hatte; aber weder Himmelsblau noch Sonnenschein kamen an heiliger Reinheit dem Gesichtchen gleich, das sich an jenem ersten Mai an meine Schulter schmiegte und durch Tränen lächelnd zu mir aufschaute. Das Bild der Mutter sah aus seinem Rahmen und den Kränzen, die es heute umwanden, ebenfalls lächelnd auf uns herab. Lächeln, Lächeln überall! Und als das junge Herzchen an meiner Brust pochte, auf der anderen Seite Gustav mir den Arm um die Schulter legte; als Helene weinend der jungen Braut den Kranz in die Locken drückte, da war es mir, als sei nun ein lange dunkles Rätsel gelöst, und ich senkte das Haupt vor der geheimnisvollen Macht, welche die Geschicke lenkt und ein Auge hat für das Kind in der Wiege und die Nation im Todeskampf. Wie die Fäden laufen mußten, um hier in der armen Gasse sich zusammen zu schürzen zu einem neuen Bunde! Wie so viele Herzen fast brechen wollten, um ein neues Glück aufsprießen zu lassen! Das ist die große, ewige Melodie, welche der Weltgeist greift auf der Harfe des Lebens, und welche die Mutter im Lächeln ihres Kindes, der Denker in den Blättern der Natur und Geschichte wahrnimmt. —
Wir sprachen an jenem Tage nicht viel! Das Glück ist stumm, und was die Liebe — die wahre Offenbarung Gottes — sich zuflüstert, hat noch kein Dichter auf Papyrus, Pergament oder Papier festgehalten. Die kleine Kirche wargar feierlich heilig, als der junge Maler — er dachte in dem Augenblick gewiß nicht an sein gefeiertes Bild, Milton, den Galilei im Gefängnis zu Rom besuchend — als der junge Maler seine schöne Braut hineinführte an den geschmückten, lichterglänzenden Altar. Und niemand fehlte in dem Kreise teilnehmender Gesichter umher! Da war das Atelier, da waren Elisens Freundinnen, da war vor allem die alte Martha und die Hausgenossenschaft und Nachbarschaft der Sperlingsgasse. Die Orgel begann den Choral — und die Jungfrau Elise Johanna Ralff und Herr Gustav Theodor Maximilian Berg wurden durch ein ganz leises, leises Ja und ein anderes viel lauteres, auf eine gar verfängliche Frage, Mann und Frau! —
* **
Die Chronik der Gasse nähert sich ihrem Ende. Was sollte ich auch noch vieles erzählen? Unsere Kinder sind glücklich in dem schönen Italien; die alte Martha schläft nicht weit von Mariens Grabe auf dem Johanniskirchhofe; ich bin alt und grau. Wenn ein Paket von Rom gekommen ist, so gehe ich hinüber zu der freundlichen, schönen, weißhaarigen Frau, die da drüben in Nr. Zwölf gewöhnlich strickend am Fenster sitzt, und unsere alten Herzen schlagen höher bei dem frischen Lebensglück, welches uns aus den engbeschriebenen Bogen entgegenleuchtet. Wir folgen den Kindern durch alle die alten und neuen Herrlichkeiten, wirstehen mit ihnen vor dem Laokoon, wir steigen mit ihnen zum Kapitol hinauf, unsere Schritte hallen an ihrer Seite in den Sälen des Vatikans, in den Loggien Raffaels wider. Wie eine reizende Märchenarabeske ist jeder Brief: blauer Himmel und Sonne und ein fröhliches Lachen auf jeder Seite!
Es ist spät in der Nacht, als ich dieses schreibe; tiefe Dunkelheit herrscht in der Gasse; kein einziges erhelltes Fenster ist zu erblicken. Der einzige Laut, den ich vernehme, ist das Schlagen der Turmuhren oder der Pfiff des Nachtwächters. Da liegen alle die bekritzelten Bogen vor mir! bunt genug sehen sie aus! —
Was sollte ich noch viel hinzufügen? Wenn die alten Chronikenschreiber ihre Aufzeichnungen bis zu ihren Tagen fortgeführt und ihr Werk beendet hatten, hefteten sie noch einige weiße Bogen hinten an, damit der künftige Besitzer die „wenigen“ Ereignisse, welche vor dem Untergang der Welt noch geschehen würden, darauf nachtragen könne. Das nachzuahmen habe ich nicht im Sinn. Diese Erde wird sich noch lange drehen, in dieser engen Gasse wird noch manches Kind geboren werden, manche Leiche wird man hinaustragen, und unter den letzteren vielleicht in nicht langer Zeit auch den, welchen sie Johannes Wachholder nannten. — Was die paar Tage, die mir noch übrig sind, bringen werden, will ich in Ruhe erwarten; viel Neues können sie mir nicht zeigen. —
Ich öffne das Fenster und blicke in die dunkle, stille, warme Nacht hinaus. Hier und da flimmert ein einsamerStern an der schwarzen Himmelsdecke. Wie feierlich der Glockenton in der Nacht klingt! Zwölf Uhr. In wie viele Träume mag sich dieser Schall verschlingen? Der grübelnde Gelehrte wird von seinem Buche verwirrt aufsehen, das junge Mädchen wird von Tanz- und Ballmusik träumen, der arme Kranke wird von dem kommenden Tage Genesung erflehen, die Mutter wird im Schlaf ihr kleines Kind fester an sich drücken, und der Herrscher, die Stirn wund vom Druck einer Krone des Zeitalters der Revolution, wird das Haupt in die Kissen senken und seufzen: Ein neuer Tag! —
Meine Lampe flackert und ist dem Erlöschen nahe. Mit müder Hand schließe ich das Fenster und schreibe diese letzten Zeilen nieder:
Seid gegrüßt, alle ihr Herzen bei Tag und bei Nacht; sei gegrüßt, du großes, träumendes Vaterland; sei gegrüßt, du kleine, enge, dunkle Gasse; sei gegrüßt, du große, schaffende Gewalt, welche du die ewigeLiebebist! — Amen! Das sei das Ende der Chronik der Sperlingsgasse!
Anmerkungen zur TranskriptionDer Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Fremdsprachige Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden in einemanderen Schriftsatzmarkiert.Die variierende Schreibweise des Originales wurde weitgehend beibehalten. Nur offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):... machen, ich will — der schreibende Greis kann jetzt nur ...... machen, ich will“— der schreibende Greis kann jetzt nur ...... lächeln — die Welt für Dich gewinnen, Marie!“ ...... lächeln —„die Welt für Dich gewinnen, Marie!“ ...... der Stirn! Franz fiel mir weinend um den Hals; junge,...... der Stirn! Franz fiel mir weinend um den Hals; junge...... und „klobige“ Artillerie. — Hier und dawandtensich ...... und „klobige“ Artillerie. — Hier und dawandensich ......welchendie Madame Pimpernell ankündigt: ......welchemdie Madame Pimpernell ankündigt: ...... „Wo lassen wir alle die Blumen, die wir pflücken, Lischen? ...... „Wo lassen wir alle die Blumen, die wir pflücken, Lischen?“...... Ist’s nicht wie im Märchen, wo der Vater die verlorenen ......„Ist’s nicht wie im Märchen, wo der Vater die verlorenen ...... „Wahrhaftig,“ seufzt der eliminierte Schriftsteller „ich ...... „Wahrhaftig,“ seufzt der eliminierte Schriftsteller,„ich ...... Menschen ein Wohlgefallen!“...... Menschen ein Wohlgefallen!...... „Gustav Berg“ und drunter die geniale Übersetzung Gustavus....... „Gustav Berg“ und drunter die geniale Übersetzung Gustavus...... Mons mit Angabe von Wohnort, Datum und Jahreszahl ...... Mons mit Angabe von Wohnort, Datum und Jahreszahl....... dieserChronkein so zerfetztes, zerlumptes Ansehen gegeben ...... dieserChronikein so zerfetztes, zerlumptes Ansehen gegeben ...... Die Hosen zog ich — wie weiland FreundYorik...... Die Hosen zog ich — wie weiland FreundYorick...
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