„Lise!Da ich mich vor morgen bei Euch nicht zu zeigen wage und noch dazu leider gezwungen bin (scheußlich!) 3 Seiten, schreibe drei Seiten, voll lateinischen Unsinns zu übersetzen (ich möchte nur wissen, wozu ein Maler, und ichwilleiner werden, Latein braucht?????) so bitte ich Dich, den Onkel (Du brauchst ihm diesen Brief nicht zu zeigen) ebenso auf seinem Lehnstuhl festzubinden, wie ich die alte Martha festgebunden habe undsobald als möglichvor die Tür zu kommen. — Ich will Dir mal was Wichtiges sagen.Gustav.P. Scr.Ich passe auf, und wenn ich Deine Nasenspitze sehe, schleiche ich an den Häusern hin zu Euerer Tür! Komme bald!!P. Scr.Bring Deine Korbtasche mit!“
„Lise!
Da ich mich vor morgen bei Euch nicht zu zeigen wage und noch dazu leider gezwungen bin (scheußlich!) 3 Seiten, schreibe drei Seiten, voll lateinischen Unsinns zu übersetzen (ich möchte nur wissen, wozu ein Maler, und ichwilleiner werden, Latein braucht?????) so bitte ich Dich, den Onkel (Du brauchst ihm diesen Brief nicht zu zeigen) ebenso auf seinem Lehnstuhl festzubinden, wie ich die alte Martha festgebunden habe undsobald als möglichvor die Tür zu kommen. — Ich will Dir mal was Wichtiges sagen.
Gustav.
P. Scr.Ich passe auf, und wenn ich Deine Nasenspitze sehe, schleiche ich an den Häusern hin zu Euerer Tür! Komme bald!!
P. Scr.Bring Deine Korbtasche mit!“
„Was mag er nur wollen?“ fragt Lischen, die schon nach dem Nagel guckt, an welchem ihre Tasche hängt, während ich trotz des warnenden Passus den Brief des Übeltäters und seine echte Tertianerlogik studiere. Es ist prächtig:weilich ein Exerzitium von bedenklichster Länge machen muß —so komme sobald als möglich!Und dann die kleine Heuchlerin, die recht gut weiß, was der Faulpelz will!
„Was für einen Tag haben wir heute, Lischen?“
„Ah — Sonnabend!“ ruft Elise. „Jetzt weiß ich’s! Er hat sein Taschengeld gekriegt.“
„Welches eigentlich die alte Martha konfiszieren müßte. Höre, Lischen; schreib ihm als Bedingung Deines Kommens vor, daß die ‚scheußliche‘ Arbeit fertig sein müsse.“
„Wie lange dauert das wohl, Onkel?“ fragte die Lise ganz bedenklich; sie zöge das „Sobald als möglich“ unbedingt vor.
„Nun — zwei Stunden, mindestens.“
„Oh, oh zwei Stunden?!“
„Ja, und dann wimmelt sie doch noch von Fehlern, einer immer schlimmer als der andre.“
„Onkel, Gustav sagt aber: je länger er an einer Arbeit säße, desto mehr Böcke mache er.“
„Nun denn, wenn er das sagt, so soll er sie fürs erste nur fertig machen und mit herüberbringen. Schreib ihm das.“
Elise stellt jetzt eine große Auswahl unter meinen Federn an und beklagt sich sehr über „unsere“ schlechteTinte; während Flämmchen, auf einer Stuhllehne sitzend, anfangs geduldig wartet, dann aber, als ihm die Sache zu lange dauert, sich bemüht, über dem Tisch flatternd, ebenfalls in das Tintenfaß zu schauen, um den Grund der Zögerung zu erfahren. Endlich jedoch ist Elise mit ihren Vorbereitungen fertig und schreibt:
„Lieber Gustav!Dein Brief ist glücklich angekommen. Flämmchen hat ihn gebracht. Die alte Martha hat einen nassen Waschlappen im Fenster liegen; sie will Dich tüchtig waschen, wenn Du kommst. Den Onkel kann ich nicht festbinden, er rennt heute immer in der Stube auf und ab und sitzt keinen Augenblick still. Du sollst erst Dein Exerzitium fertig machen und es mitbringen, eher soll ich nicht kommen! Mach schnell!!! Meine Tasche bringe ich mit!Elise.“
„Lieber Gustav!
Dein Brief ist glücklich angekommen. Flämmchen hat ihn gebracht. Die alte Martha hat einen nassen Waschlappen im Fenster liegen; sie will Dich tüchtig waschen, wenn Du kommst. Den Onkel kann ich nicht festbinden, er rennt heute immer in der Stube auf und ab und sitzt keinen Augenblick still. Du sollst erst Dein Exerzitium fertig machen und es mitbringen, eher soll ich nicht kommen! Mach schnell!!! Meine Tasche bringe ich mit!
Elise.“
Auch diese Botschaft wird dem Flämmchen umgehängt; die Praxis hat es gelehrig gemacht; zwitschernd schüttelt es das Köpfchen, als wolle es sagen, nun ist’s aber genug, jetzt komme ich nicht wieder, und — verschwunden ist’s. Elise sitzt wartend vor ihrem Nähtischchen unter der Efeulaube, ich vertiefe mich wieder in meine Bücher, aber keine halbe Stunde vergeht, da ertönt unterm Fenster ein heller Pfiff, und Elise springt auf und schaut hinaus.
„Da ist er schon!“ ruft sie halb zurück mir zu.
„Komm herauf, Gustav!“ ruft sie hinunter.
„Dieses weniger!“ erschallt unten die Schülerredensart, und mich wundert wirklich, daß der Bengel diesmal nicht die noch dazu gehörende weise Benachrichtigung damit verbindet: Aber mein Bruder bläst die Flöte.
„Hast Du Dein Exer?“ (scilicet citium) ruft Elise.
„Versteht sich; fix und fertig, komm herunter, Du kannst esihmhinaufbringen.“
Elise sieht mich fragend an, und ich nicke. Herunter ist sie wie der Blitz, und ich gehe ans offene Fenster, hüte mich aber wohl, etwas von meiner werten Persönlichkeit sehen zu lassen.
„Du bist aber schnell damit fertig geworden, Gustav!“ sagt Elise, und ich stelle mir eben lebhaft vor, wie der Schlingel grinst, als er ihr sein Machwerk einhändigt.
„Mit Geduld und SpuckeFängt man jede Mucke!“
„Mit Geduld und Spucke
Fängt man jede Mucke!“
lautet die Antwort: „Hier, nimm Dich in acht, es ist noch naß; und höre, Lischen — komm schnell wieder herunter, eh er hineingeguckt hat; er könnte mich noch zurückrufen!“
„Taugenichts! das mag was schönes sein!“ moralisiert Elise, die ich nun die Treppe heraufkommen höre.
„Da ist’s, Onkel!“ ruft sie in die kaum handbreit geöffnete Tür, wirft das edle Manuskript auf den nächsten Stuhl, schlägt die Tür zu, und — in drei Sätzen ist sie die Treppe hinunter.
„Lise, Lischen, Elise!“ rufe ich, aber wer nicht hört, ist Fräulein Elise Johanne Ralff.
„Komm schnell, er ruft schon!“ sagt unten der Schlingel, sie am Arm fassend, und fort sind sie um die Ecke!
Da liegt nun das blaue Heft, auf dem Umschlag: „Gustav Berg“ und drunter die geniale ÜbersetzungGustavusMonsmit Angabe von Wohnort, Datum und Jahreszahl. Ich schlage es auf, und es ist in der Tat zweifelhaft, ob der Kollaborator Besenmeier es mit roter Tinte, oder ob es MeisterGustavus Monsmit schwarzer geschrieben hat. — Hier sind die neuesten Seiten. Reizend!Ita uno tempore quatuor locibus(Schlingel!)pugnabatur etc. etc.Als Schulmeister müßte ich ausrufen: „Wassollaus dem Jungen werden?“ Als Nichtschulmeister aber halte ich mich an das — Löschblatt und rufe aus: „Waskannaus dem Jungen werden!“ — Hier „an vier Orten“ schlagen sie ebenfalls Römer, Karthager, Mazedonier, Sarden, und zwar besser als im Latein: Pferde, Menschen,Hannibal ante portas, Triarier, Veliten, Prinzipes! Ausgezeichnet! Ich werde dem Schlingel eine tüchtige Rede halten sowohl über seine „locibus“ als auch über die Unverschämtheit, ein Heft mit solch beschmiertem Löschblatt drin „abliefern“ zu wollen. Das letztere aber werde ich konfiszieren, und Zeichenstunde soll der Junge auch haben; dieser Signifer hat doch etwas zu lange Arme.
Eine halbe Stunde sitze ich nun noch arbeitend, dann schlägt es auf der Sophienkirche Sechs. Ich weiß nicht, ist es das schlechte Beispiel, welches mir da eben gegeben wurde, oder der blaue Sommerhimmel und die Sonne draußen; auf meinem Papier rücke ich nicht weiter, wohlaber unruhig auf dem Stuhle hin und her. Elise hat übrigens auch recht: „unsere“ Tinte ist wirklich abscheulich. Ich schlage meine Bücher zu, ziehe den Rock an und gehe den Tönen eines Fortepianos nach, welche von drüben herüberklingen. Wenn ich in Nr. Zwölf die Treppe hinaufgestiegen bin, so finde ich dort in dem einfach aber hübsch ausgestatteten Zimmer des ersten Stockes eine Dame vor dem Klavier sitzen, die mir freundlich zunickt, ohne sich in ihren Phantasien stören zu lassen. Ich setze mich neben die Rosen- und Resedatöpfe im Fenster, der Musik lauschend, und kann dabei zugleich einen musternden Blick über das Zimmer gleiten lassen. Hier gleich neben mir unter den Blumen steht Flämmchens Messingbauer, in welchem der kleine Vogel bereits auf der Stange sitzt, und das Köpfchen unter den Flügel gezogen hat. Müde von den Anstrengungen des Tages, ist er früh zu Bett gegangen. Im zweiten Fenster, mir gegenüber, steht ein ähnliches Nähtischchen wie das, vor welchem ich sitze; ein Stickrahmen mit angefangener Arbeit liegt darauf. Das ist Elisens Platz; auch sie hat wie Flämmchen hier eine zweite Behausung. Zwischen beiden Fenstern, gegen das Licht gezogen, macht sich ein einst rot bemalt gewesener Tisch breit; bedeckt mit Büchern, Schreibzeug, Heften, Federmessern usw. usw.; bekritzelt, zerschnitten, zerhackt, ist er der Schauplatz von Gustavs „stillen Freuden“.
Hier brütet das Genie über seinen „locibus“, den Kopf auf beide Fäuste gestützt und in den Haaren wühlend; hier füllen sich die Blätter mit Fratzen aller Art, statt mitlateinischen Phrasen; hier werden alle die Dummheiten ausgebrütet, welche die Gasse in Verwunderung und Verwirrung setzen sollen; hier werden mit dem demütigsten Gesicht, der reuevollsten Miene, die Ermahnungen und Vorwürfe, welche die Mutter von ihrem Thron herab auf das Haupt des Taugenichts der Sperlingsgasse schüttet, in Empfang genommen und richtig quittiert durch — einen tollen Streich, eine Viertelstunde nachher; hier, kurz hier — ist Gustav Bergs Schreibtisch!
Als die Tante Helene ihr Spiel beendet hat, erzähle ich ihr die Geschichte des Katzendiners, von dem sie natürlich noch nicht das mindeste weiß.
„Ich kann ihn nicht bändigen!“ ruft sie halb lachend, halb in Verzweiflung aus. „Und die Elise verdirbt er mir auch ganz! Statt zu sticken und Vokabeln aufzuschlagen, schießen sie sich mit Papierkugeln; wenn er ihr einen Käfer in den Nacken gleiten läßt, bin ich sicher, daß sie ihm einen Zopf ansteckt oder einen Eselskopf auf den Rücken malt. Ich spreche und schelte mich heiser und müde, aber es hilft nichts! ‚Tante, er hat angefangen, ich saß ganz ruhig!‘ ‚Mutter, ’s ist nicht wahr, sie hat zuerst geschossen!‘ So geht das den ganzen lieben Tag! Wo mögen sie nur jetzt wieder stecken?“
„Wenn man den Wolf an die Wand malt, so kommt er um die Ecke!“ sagt das Sprichwort, und unsere Altvordern wußten, was sie taten, als sie es aufbrachten. Mit Helenens Frage öffnet sich die Tür, oder vielmehr, sie wird aufgerissen, und herein, hochrot, stürzen — Windbeutelund Wildfang! Kaum erblickt mich aber Freund Gustav, so macht er Kehrt und sucht schleunigst die Tür wiederzugewinnen, glücklicherweise aber bin ich diesmal schneller.
„Halt, Meister! hiergeblieben!“
„Ja, hiergeblieben, Gustav!“ ruft die Mutter.
Ich beginne nun das Verhör.
„Wie alt bist Du jetzt, Gustav? Antwort!“
„Vierzehn und ein halb!“
„Welchen Platz in der Klasse hast Du jetzt?“
„Ich bin der Vierundzwanzigste von oben!“
„Und von unten?“
„Der — der — der Fünfte!“ — (Pause.)
Ich lege nun ein Gesicht an wie Zeus Kronion, wenn’s lange heiß gewesen ist, und er donnern will, und beginne eine Rede, die anfängt: Als ich in Deinem Alter war (wieNota benealle Väter und Erzieher beginnen, seit Adam seinen Erstgeborenen „rüffelte“); ich flechte die Milchgeschichte ein, gehe dann zu den „locibus“ in der letzten Arbeit über, bringe einen kleinen Seitenhieb auf Elise an und ende, indem ich die rührend-pathetische Seite — den Kummer der Mutter — herauskehre.
Während der ganzen Dauer dieser „Pauke“ hat mein Missetäter, bald auf dem einen, bald auf dem andern Fuß stehend, mit einem dummpfiffigreuigwehmütigen Gesicht angestrengt einen Punkt oben an der Decke, der ihm sehr merkwürdig erscheinen muß, ins Auge gefaßt. Kaum aber habe ich geendet, so verliert auch besagter Punkt alles Interesse für den Schlingel, „die Erde hat ihn wieder“, er schiebt sich hinter Elise, die fortwährend mit ihrer Schürze zu tun gehabt hat, und dann zu seiner Mutter, die ihm bemerkt:
„Siehst Du; ich hab’s Dir oft gesagt, aber aufmichhörst Du nicht. Wie heiß Ihr seid! Geh’ aus dem Zugwind, Elise, Kind, Du erkältest Dich! Wo habt Ihr eigentlich gesteckt?“
„Wir sind nur auf dem Fontänenplatz gewesen!“ sagt Elise, mit dem Rücken der Hand über den Mund fahrend.
„So! — Und was habt Ihr da gemacht?“
„Wir haben die Goldfische gefüttert!“
„Die Goldfische?! — Gustav, wieviel von Deinem Taschengeld hast Du noch?“
Bei dieser Wendung des Gesprächs steht Gustav auf einmal wieder auf einem Bein und scheint sehr zu bedauern, daß er sich nicht wie die Gänse mit dem andern hinterm Ohr kratzen kann. Langsam fährt er mit der Hand in die Tasche, besinnt sich aber und zieht sie schnell zurück.
„Nun?!“
„Hast Du’s mir zum Ausgeben gegeben, Mama?“ fragt der Schlingel, den seine Erziehung Weiberlogik kennen gelehrt hat.
„Freilich — aber — aber“ — — —
„Nun, ausgegeben hab’ ich’s! Lise kann es bezeugen!“
„Ja, daskann ich!“ ruft Lischen ganz eifrig. „Darüber braucht Ihr ihn nicht auszuschelten!“
Ich komme jetzt der bedrängten Tante zu Hilfe.
„Ausgeben kann er’s freilich, aber das ‚Wie‘ ist jetzt die Frage. Was habt Ihr mit dem Gelde angefangen?“
Das Paar sieht sich stumm an. Plötzlich greift Lise in die Tasche, zieht einen Kirschkern hervor und schnellt ihn Gustav an die Nase. Die Frage ist gelöst.
„Ach so!“ ruft die Tante Berg. „Nun, es ist gut, daß es fort ist, so kann er wenigstens nicht wieder Zigarren dafür kaufen, wie in der vorigen Woche.“
Auch ich bin ganz damit einverstanden, während Elise den Vetter mit dem Ellenbogen in die Seite stößt und ihm zuflüstert: „Warte nur, morgen kriege ich meins!“
Glückliche Kindheit! Alle späteren Lebensalter, die eine einsame Minute fröhlich verträumen wollen, lassen dich vor sich aufsteigen, und ich — der alternde Greis fülle diese Bogen mit längst vergangenen, längst vergessenen Kindergedanken und Kindersorgen! Träumt nicht sogar die Menschheit von einem „goldenen Zeitalter“, einer längst untergegangenen glücklichen Kinder-Welt?
Es ist gar kein übler Monat dieser Februar, man muß ihn nur zu nehmen wissen! — Da ist erstlich die ungeheuere Merkwürdigkeit der fehlenden Tage. Wie habe ich mir einst, vor langen Jahren, den Kopf über ihr Verbleiben zerbrochen. Jeder andere Monat paßte aufs Haar mit Einunddreißig auf den Knöchel der Hand, mit Dreißig in das Grübchen, und nur dieser eine Februar — ’s war zu merkwürdig! — Das ist ein Stück aus der formellen Seite der Vorzüge dieses Monats, jetzt wollen wir aber auch die inhaltvolle in Betrachtung ziehen. Was ist an diesem Regen auszusetzen? Tut er nicht sein möglichstes, die Pflicht eines braven Regens zu erfüllen? Macht er nicht naß, was das Zeug halten will und mehr? Deralte Marquart in seinem Keller ist freilich übel daran, seine Barrikaden und Dämme, die er brummend errichtet, werden weggeschwemmt, seine Treppe verwandelt sich in einen Niagarafall. Alles, was Loch heißt, nimmt der Regen von Gottes Gnaden in Besitz. Immer ist er da; seine Ausdauer grenzt fast an Hartnäckigkeit! Man sollte meinen, nachts würde er sich doch wohl etwas Ruhe gönnen. Bewahre! Da pladdert und plätschert er erst recht. Da wäscht er Nachtschwärmer von außen, nachdem sie sich von innen gewaschen haben; da wäscht er Doktoren und Hebammen auf ihren Berufswegen; da wäscht er Kutscher und Pferde, Herren und Damen — maskiert und unmaskiert, da wäscht er Katzen auf den Dächern und Ratten in den Rinnsteinen; da wäscht er Nachtwächter und Schildwachen selbst in ihrem Schilderhaus. Alles was er erreichen kann, wäscht er! Kurz: „Bei Tag und Nacht allgemeiner Scheuertag, und Hausmütterchen Natur so unliebenswürdig, wie nur eine Hausfrau um drei Uhr nachmittags an einem Sonnabend sein kann.“ Das ist das Bulletin des Februars, den man einstmensis purgatoriusnannte. — Jetzt finde ich auch einen Vergleich für das Aussehen der großen Stadt. Lange genug hab’ ich mich besonnen, keiner schien passend. Nun aber hab’ ich’s! Aufs Haar gleicht sie einem unglücklichen Hausvater, welchen die Fluten des sonnabendlichen Scheuerns auf einen Stuhl am kalten Ofen geschwemmt haben, wo er sitzt — ein neuer Robinson Crusoe — mit Kind, Hund, Katze und Dompfaffenbauer, die Beine auf einen hohen Schemelstehend und die Schlafrockenden herabhängend in die Wogen.
Brr! — Das ist mal wieder ein Wetter, um in alten Mappen zu wühlen, und ich wühle auch darin schon seit geraumer Zeit! Da muß ein Brief sein, den ich trotz aller Mühe nicht finden kann, und der doch eigentlich schon früher der Chronik hätte eingelegt werden sollen. Briefe mit späterem Datum von derselben Hand finde ich genug; sie berichten von Kindtaufen, und einer auch von dem Hinscheiden eines ehrwürdigen Pudels, „Rezensent“ genannt. Ich möchte aber gern ein älteres Schreiben haben, welches noch nicht von Kindtaufen erzählt! Gottlob, hier ist’s! Die Chronik hätte es, wie gesagt, viel früher aufnehmen müssen, aber was tut’s. Je ältersolcheBriefe werden, je älter ihr Schreiber selbst geworden ist, desto frischer klingen sie!
Hier ist das Skriptum:
„Unter Verantwortlichkeit der Redaktion.“
Liebe und Getreue!
Eben hatte ich diesen Anfang ‚Liebe und Getreue‘ gemacht, als sich auf einmal ein kleines Patschhändchen auf meine Schulter legte, ein brauner Lockenkopf sich vorbeugte, und ein Stimmchen ganz fein sagte:
‚Erlaube, liebes Kind (‚liebes Kind,‘ das bin ich, der Dr. Wimmer) — erlaube, liebes Kind, an was für ein Frauenzimmer willst Du da schreiben?‘ Ich sah verwundertauf und erblickte — eine kleine runde Dame (sie sitzt neben mir und zieht mich für das ‚rund‘ tüchtig am Ohr), die ein allerliebstes Mäulchen machte:
‚Liebes Kind ich möcht’s halt gern wissen!‘
‚Sollst Du auch, Schatz,‘ sagte ich lachend. Gib acht, es ist eine seltsame Geschichte! — Es war einmal ein Mann, der lief in der Welt herum, und die Leute nannten ihn Dr. Heinrich Wimmer; einige freilich titulierten ihn auch ‚Esel‘ oder so. Das waren aber nur die, welchen er dasselbe Epitheton gegeben hatte — was er oft sogar schriftlich, Schwarz auf Weiß, tat. Gut, dieser Mensch hatte eigentlich nur wenig wahre Freunde (Bekannte genug), denn er war so eine Art von Vagabond, wenn auch nicht in der schlimmsten Bedeutung des Worts. Er war ein Literat. Zu den Freunden, die ihn ertrugen und nicht ‚Esel‘ nannten, gehörte erstens ein Schulmeister Namens Roder, zweitens ein ältlicher Herr, Wachholder genannt, und drittens — ein junges Mädchen (beruhige Dich, Nannette, sie war höchstens elf Jahre alt, als wir schieden), Namens Elise Ralff. Wir wohnten in einer großen Stadt, wo es viel Staub gibt, und aus der sie mich, höchst wahrscheinlich aus Sorge um meine Gesundheit, wegjagten, weil jener Staub mich stets zum Husten brachte, ziemlich dicht zusammen, und betrugen uns gegeneinander, wie gute Freunde sich betragen müssen. Sogar der Pudel Rezensent, mein vierter Freund, fühlte oft eine menschliche Rührung darüber; wie es in der Tat ein vortreffliches Vieh ist, was Du auch dagegen sagen magst, Nannerl!
Und nun höre — grimme Othelloin, das „Liebe und Getreue“ gilt dendreiFreunden und ‚halt‘ nicht einem Frauenzimmer, Du Eifersucht!
Da wir nun aber einmal dabei sind, so laß Dir auch weiter erzählen, liebe Nannette. Mit diesen Freunden lag ich an dem Tage, an welchem ich den letzten Staub von den Füßen über jene Sand-Stadt schüttelte, in einem Holze, wo wir den ganzen Tag über Vogelnester gesucht, Blumen gepflückt und Märchen erzählt hatten, als auf einmal ein Gefühl bodenloser Einsamkeit und moralischen Katzenjammers u. s. w. u. s. w. über mich kam. Da stieg plötzlich, mitten im grünen Walde, wo die Vögel so lustig sangen, und die Sonne so hell und fröhlich durch die Zweige schien, ein Gedanke in mir auf, ein Gedanke an ein kleines hübsches Mädchen, mit welchem ich einst zusammen gespielt, und an das ich oft, oft gedacht hatte in späteren Jahren. — Daran aber dacht’ ich in dem Augenblick nicht, daß zwischen dem Kinderspiel und dem Waldtage so lange Zeit lag; — ich dachte — ich dachte: Heinrich warum gehst du nicht nach München, wo du geboren bist, wo dein Onkel Pümpel, wo dein — kleines liebes Mühmchen Nannette wohnt?
Wie ein Lichtstrahl, viel heller und fröhlicher als die Sonne — durchzuckte mich das, ich sprang auf, warf den Hut in die Luft und schrie: ‚Hurra, ich gehe nach München zu meinem Onkel Pümpel, zu meiner Cousine Nannerl!‘ — Die Freunde sahen mich verwundert und lächelnd an, und der Lehrer Roder sagte: ‚Junge, das wäre prächtig, wenn Du — solide würdest!‘
(Gib mir einen Kuß, Schatz, und ich erzähle weiter.)
Sieh’, da wand die kleine Lise Ralff dem Pudel einen hübschen Waldblumenkranz um den Pelz, sie drückten mir alle die Hand — das kleine Mädchen weinte sogar — und — — — ich ging nach München.
Lange Jahre waren hingegangen, seit ich meine Vaterstadt nicht gesehen hatte, und ganz wehmütig gestimmt, schritt ich in der Abenddämmerung durch die alten bekannten Gassen der Altstadt. Da lag das Haus meiner Eltern; — Fremde wohnten darin. Ich lugte durch die Ritze eines Fensterladens und sah zwei Kinder, die allein am Tische bei der Lampe saßen; sie waren sehr eifrig in ein Gänsespiel vertieft, und ich dachte an unsere Jugend, Nannerl, und das Herz ward mir immer schwerer, — Seidelgasse Nr. 20, da stand ich nun vor einem andern Haus. Dort hing ein altes wohlbekanntes Schild: ‚Pümpel’s Buchhandlung‘ darauf gemalt. Der Laden war bereits geschlossen, der Onkel jedenfalls schon im Hofbräuhaus; ein Lichtschein erhellte noch die Fenster des obern Stockwerks.
Ich wagte kaum die Klingel zu ziehen. Endlich tat ich’s aber doch. Mein Gott, ebenso jämmerlich klang die Glocke schon vor zehn Jahren. Schlürfende Schritte näherten sich — die Tür ging auf; wahrhaftig da war sie noch, die dicke Waberl, eher jünger als älter! Der Pudel und ich hätten sie beinahe über den Haufen geworfen; sie kannte mich nicht und stand starr vor Schrecken und Verwunderung, als ich mit meinem vierbeinigen Begleiter in zwei Sätzen die Treppe hinauf war.
Eine kleine runde … (Au, mein Ohr! Hör’ einmal, Nannette, das ist das Ohr, in welches es bei mir ‚hineingeht‘, was wird das für eine Ehe abgeben, wenn Du mir das abkneifst. Nannette, ich würde in Deiner Stelle mal das andere, zu welchem es ‚herausgeht‘, nehmen!) Dame trat mir entgegen:
‚Der Vater ist nicht zu Haus, mein Herr!‘ — — — Ich antwortete nicht, sondern nahm ihr das Licht aus der Hand, — die kleine runde Dame erschrak ebenfalls gar sehr, — und hielt es so, daß mir der Schein voll ins Gesicht fiel.
‚Herr Gott, der Vetter Heinrich!‘ rief die kleine rrr Dame (Nannette, sag’ mal, ich glaube, ich habe Dir in dem Augenblick einen Kuß gegeben?)
‚O welch’ abscheulicher Bart — — und eine Brille trägt er auch! Waberl, Waberl, schnell nach dem Bräuhaus: der Vetter Wimmer sei da!‘
Ja, er war da, der Vetter Heinrich Wimmer, und der alte Onkel kam auch; er umarmte den Landläufer und steckte ihn in seinen Sonntagsschlafrock; er wollte — — ja, was wollte er nicht alles! Der Pudel sprang wie toll und machte sogleich, als ein vernünftiger Köter, Freundschaft mit dem dicken Pümpelschen Kater Hinz.
Und dann — dann ward ich Redakteur der ‚Knospen‘, unter der Bedingung, den fatalen politischen Husten vorher erst auszuschwitzen; dann ward ich von Deinem Papa, meinem guten, dicken, vortrefflichen Onkel in den deutschen Buchhandel ‚eingeschossen‘, und dann — — — Nun,Nannette, und dann? — — — — — — — — — — — — — — — — —Meine Herren und Freunde, was hab’ ich Ihnen da geschrieben!— So geht’s, wenn man verlobt ist und neben seiner Braut einen Brief schreiben will! Die reine Unmöglichkeit! Statt eines soliden, nach allen Regeln der Logik und Briefschreibekunst abgefaßten Berichts, schmiere ich Ihnen meine Unterhaltung mit dem Frauenzimmer. ’s ist göttlich!
Nun — was tut’s? Die Hauptmomente meiner Geschichte habt Ihr doch bei der Gelegenheit erfahren. Ich habe eine neue Seite meines Lebens aufgeschlagen; und wer hat diesevita nuovabewirkt? Der edle Polizeikommissar Stulpnase nebst seinen Myrmidonen und — meine kleine Beatrice, genannt Nannette Pümpel! Gesegnet sei das HausPümpel et Comp.bis ins tausendste Glied!! —
Ich schließe. Meinegentilissimaverlangt ebenfalls Platz auf diesem Bogen. Mich soll’s wundern, was sie schreiben wird, ihre Augen leuchten gar arglistig.
Dr. Wimmer.
Liebe, kleine Elise!
Obgleich wir uns noch nicht mit Augen gesehen haben, so kann ich doch halt nicht unterlassen, Dir, Herz, diesen ganz kleinen Brief zu schreiben, der böse Mensch hat nicht viel Raum übergelassen. So ganz böse freilich ist er doch nicht, denn er hat mir viel Gutes und Schönes von Dir erzählt, aber sage doch den beiden Herren, die ich auch nicht kenne, daß sie das törichte Zeug, was er alles geschriebenhat, halt nicht alles glauben. Ich hab’ ihn durchaus nicht so viel ins Ohr gekneift, als er sagt. — Liebes Kind, Ihr müßt uns einmal alle besuchen. Ich habe zwei Kanarienvögel und einen Stieglitz, der sich sein Futter selbst herauf zieht. Ich hätte Dir gern eins von den Vögelchen geschickt, aber der Onkel Doktor meint, sie könnten das Fahren nicht vertragen, das könnte selbst sein häßlicher Puhdel nicht. Es ist nur gut, daß das schwarze Tier sich so vor meinem schönen bunten Hinz fürchtet; sie beißen sich zwar halt nicht, aber sie sehen sich oft schief an von der Seite. Liebes Kind, besuche uns einmal und grüße den Herrn Onkel Wachholder und den Herrn Lehrer recht schön;
Deine unbekannte FreundinNannette P.
P. Scr.Verehrtester, überreichen Sie doch meiner dicken Freundin, der Madam Pimpernell, beifolgende drei Fünftalerscheine; da wird ein noch zu tilgender Schuldenrest sein.
Dr. W.
P. Scr.Ich muß in die Küche, sonst hätte ich mich eben noch recht über den Doktor zu beklagen. Er ist recht böse. Gestern hat er sein Tintenfaß über meine beste Tischdecke gegossen. Das geht mein Lebtag nicht wieder heraus! — Aber das ist das wenigste. — ’s ist nur gut, daß ich den Tabaksdampf gewohnt bin, auch mein Papa macht furchtbare Wolken, und die Gardinen müssen nun noch einmal so bald gewaschen werden. Adieu!
Nannette.
P. Scr.Der Onkel Pümpel hat sich’s in den Kopf gesetzt, dem armen ‚Puhdel‘, wie Nann’l schreibt — auf seine alten Tag’ noch das „Todstellen“ beizubringen.
Dr. W.
P. Scr.Bier mag er schon! (Ich meine halt den Pudehl — so wird’s wohl recht geschrieben sein) Gott, ich muß wirklich in die Küchen!
N.
P. Scr.Nannette ist fort! Meine lieben Freunde, ich bin sehr glücklich und fidel! Ich hoffe auf baldige Nachrichten von Euch allen. Gruß und Brüderschaft!
EuerH. Wimmer.“
Welchen Jubel hatte einst dieser Doppelbrief mit seinen Postskripten in der Sperlingsgasse erregt! Wie tanzte an jenem Augustnachmittag im Jahre 1841, als er ankam, der Lehrer Roder mit der kleinen Elise im Zimmer herum! Heute, wo ich ihn wieder hervorsuchte, ist weder Roder bei mir, — sie haben ihn im Jahr Achtzehnhundertundneunundvierzig nach Amerika gejagt,sie fürchtetensich gewaltig vor ihm — noch guckt das kleine Lischen, auf einem Stuhl stehend, mir über die Schulter. Aber allein bin ich doch nicht beim Wiederlesen; trotz dem Regen hat sich der Zeichner Strobel herausgewagt und ist, da das Glück dem Kühnen lächelt, wohlbehalten, wenn auch etwas durchnäßt, bei mir angekommen.
„Es ist ein prächtiges Ehepaar geworden,“ sagte er lächelnd, indem er mir die Nadel einfädelte, mit welcherich das Dokument der Chronik anheften wollte. „Seit der Doktor den bösen politischen Husten, der ihn sonst plagte, losgeworden ist, hat er einen Umfang gewonnen, dem nur das Embonpoint der kleinen fidelen Frau Doktorin Nannerl nahe kommt. Und diese kleinen fetten Wimmerleins: Hansl, Fritzl und Eliserl, „das jüngste Wurm“, wie der Doktor sagt! — Und diese Nachkommenschaft des edeln Rezensent! — Für jedes Wimmerlein ein Pudel, einer immer schwärzer und schnurrbärtiger als der andere. Wie heißen sie doch? Richtig: Stulpnas (gewöhnlich Stulp abgekürzt), Tinte und Quirl. Es ist ein Schauspiel für Götter, die Familie spazieren gehen zu sehen. Voran schreitet der Doktor mit dem alten Großvater Pümpel, dann folgen Tinte und Quirl, die den Korbwagen ziehen, in welchem das „Kroop“ Elise liegt. Neben ihnen trabt Stulp mit des Doktors Hut und Stock, und zuletzt kommt die Nannerl, an der Rechten den Hans, an der Linken den Fritz. Von Zeit zu Zeit treibt sie mit dem Sonnenschirm das Paar der Zugtiere an oder ruft dem Doktor zu:
„Wimmer, Du wirst gleich Dein Taschentuch verlieren!“
oder:
„Wimmer, renne nicht so mit dem Vater. Wir kommen halt nicht mit!“
oder:
„Wimmer, Stulp hat nur noch Deinen Stock!“
Dann dreht sich der Doktor gravitätisch um, wirft einen Feldherrnblick über den langsam daher ziehenden Heereszug, pustet und fächelt, knöpft die Weste auf, bindetdas Halstuch ab, oder zieht wohl gar den Rock aus und sagt:
„Schatz, das Spazierengehen müssen wir aufstecken. Beim Zeus! es wird zu angreifend für unsereinen! — Stulp, Schlingel, hol’ meinen Hut — dortallons!“
Während nun der Zug so lange hält, bis Stulp mit dem Verlorenen zurückkommt, sagt der Alte wohl:
„Heinerich, paß auf, das neue Komplimentierbuch geht nicht!“
„Weshalb nicht, Papa?“
„Wir sind hier zu Lande nicht recht daran gewöhnt!“ lautete die Antwort.
„Das weiß ich schon aus den Nibelungen und dem Parcival,“ sagt der Doktor, eine gewaltige Rauchwolke auspuffend. „Es soll aber schon ‚gehen‘, Onkel und Schwiegerpapa Pümpel! Das Ungewohnte und Ungewöhnliche macht am meisten Glück. Fritzl, laß den Frosch in Ruhe, setz’ ihn wieder ins Gras, sonst kriegst Du ihn gebraten zum Abendessen, was keinem jungen Bayern angenehm sein kann! — Vorwärts!Yankee doodle doodle dandy!“ Damit setzt sich das Haus Pümpel & Komp. wieder in Marsch.
Ich lachte herzlich über diese Schilderung. „Es wachse, blühe und grüne das Haus Pümpel & Kompagnie wie — wie — —“
„Hopfen! — Vivat hoch!“ schrie der Zeichner, nahm den Hut und trabte wieder davon. Wo er gesessen hatte, stand ein kleiner Sumpf Regenwasser: einen Schirm brauchte ich ihm also nicht anzubieten.
Wie traurig hat dieser Tag geendet! Ich wollte die Geschichte der armen Tänzerin über mir, die wir einst auf den Weihnachtsmarkt begleiteten, nicht erzählen aus Furcht, diesem Bilderbuch eine dunkle Seite mehr zu schaffen, aber die unsichtbare Hand, welche die gewaltigen Blätter des BuchesWelt und Leben, eins nach dem andern umwendet, mit ihren zertretenen Generationen, gemordetenVölkern und gestorbenen Individuen, will es anders, als der kleine nachzeichnende Mensch. Dunkel wird doch dieses Blatt, dunkel — wie der Tod!
„Herr Wachholder,“ sagte die Frau Anna Werner, die um neun Uhr abends an meine Tür klopfte. „Herr Wachholder, das Kind der Tänzerin stirbt in dieser Nacht! Der Doktor Ehrhard, der eben oben ist, hat’s gesagt. Ist’s nicht schrecklich, daß die Mutter in diesem Augenblicke tanzen muß? Sie haben ihr nicht erlauben wollen, die schlechten Menschen, wegzubleiben diesen Abend: es wäre heute der Geburtstag der Königin, siemüssetanzen!“
Arme, arme Mutter! Ein hübscher, leichtsinniger Schmetterling, gaukeltest du, bis die Verführung kam und siegte. Verlassen, verspottet, suchtest du dein Glück nur in den Augen, in dem Lächeln deines Kindes und jetzt nimmt dir der Tod auch das!
Arme, arme Mutter! Mit geschminkten Wangen und dem Tod im Herzen zu tanzen! Du hörst nicht die tausend jubelnden Stimmen der Menge, du hörst nicht die rauschende Musik: das Ächzen des winzigen sterbenden Wesens in der fernen Dachstube übertönt alles. — Ich steige die enge, dunkle Treppe hinauf, die zu der Wohnung der Tänzerin führt. Frau Anna und der gute, alte Doktor Ehrhard sitzen an dem Bettchen des kranken Kindes. Eine verdeckte Lampe wirft ein trübes Licht über das kleine Zimmerchen! hier und da liegt auf den Stühlen phantastischer Putz; eine schwarze Halbmaske unter den Arzneigläsern auf dem Tische. Der Doktor legt das Ohr dem Knaben aufdie Brust und lauscht den schweren, ängstlichen Atemzügen; ich stehe am Fenster und horche in die Nacht hinaus. Der Regen schlägt noch immer gegen die Scheiben; aus einem Tanzlokal der niedrigsten Volksklasse dringen die schrillen, schneidenden Töne einer Geige bis hier herauf. — Jetzt zieht der Doktor die Uhr hervor und sagt leise und ernst:
„Sie muß sich beeilen!“
Das Kind stöhnt in seinem unruhigen Schlaf; die Hand des Todes drückt schwer und schwerer auf das kleine, unwissende Herz, dem sich gleich ein Geheimnis enthüllen wird, vor welchem alle Weisheit der Erde ratlos steht.
Auf der Sophienkirche schlägt es dumpf Zehn. Der Wind macht sich plötzlich auf und rüttelt an den schlechtverwahrten Fenstern. Die Februarnacht wird immer unheimlicher und düsterer.
Unter Blumenkränzen sich verneigend, steht jetzt im Theater die große, berühmte Künstlerin, die Menge jubelt und klatscht Beifall; der König, die Königin, das Publikum haben sich erhoben; — der schwere, goldbesternte Vorhang rollt langsam nieder. Die bleiche Königin ist müde in ihren Wagen gestiegen; die große Künstlerin nimmt die Glückwünsche und Schmeicheleien der sie Umgebenden in Empfang; leer wird das eben noch so menschengefüllte Opernhaus und — die arme Choristin ist halb bewußtlos an einer Kulisse zu Boden gesunken, um, wie aus wildem Traume zu noch wilderer Wirklichkeit erwachend, mit dem herzzerreißenden Schrei: „mein Kind! mein Kind!“ fortzustürzen. — Wir in dem kleinen Dachstübchen haben dasnicht gesehen, nicht gehört, aber jeder kürzer werdende Atemzug des sterbenden Kindes sagte uns, was dort in dem lichterglänzenden, musikerfüllten Gebäude am anderen Ende der großen Stadt geschehe.
Horch! Ein Wagen rasselt heran; er hält drunten.
„Die Mutter,“ sagt der Doktor aufstehend. „Es war Zeit!“
Ein eiliger Schritt kommt die Treppe herauf; eine Frau, in einen dunkeln Mantel gehüllt, erscheint todbleich und atemlos in der Tür. Sie läßt den regenfeuchten Mantel fallen, und im phantastischen Kostüm der Teufelinnen, wie wir es in Satanella sahen, stürzt sie auf das Bettchen zu.
„Mein Kind! Mein Kind!“ flüstert sie, in gräßlicher Angst den Doktor ansehend. Sie beugt sich, sie hört den leisen Atem des Kindes: Es lebt noch! — Das schwarze Lockenhaupt mit dem Flitterputz von Glasdiamanten und feuerroten Bändern sinkt auf das ärmliche Kissen.
„Mama! liebe Mama!“ stöhnt das sterbende Kind, mit dem kleinen fieberheißen Händchen durch die schwarzen Haare der Mutter greifend, daß die Steine darin blitzen und funkeln. — — Jetzt läuft ein Schauer über den kleinen Körper — — —
„Vorüber!“ — sagt der alte Doktor dumpf, mir die Hand drückend.
Frau Anna und eine Nachbarin blieben die Nacht bei der armen bewußtlosen Mutter.
Gestern Nachmittag begannen die schweren Regenwolken, die wochenlang über der großen Stadt gehangen hatten, sich zu heben. Sie zerrissen im Norden wie ein Vorhang und wälzten sich langsam und schwerfällig dem Süden zu. Ein Sonnenstrahl glitt pfeilschnell über die Fenster und Wände mir gegenüber, um ebenso schnell zu schwinden; ein anderer von etwas längerer Dauer folgte ihm, und jetzt liegt der prächtigste Frühlingssonnenschein auf den Dächern und in den Straßen der Stadt. Wahrlich, jetzt gleicht die Stadt nicht mehr einem scheuergeplagten Ehemann; sie gleicht vielmehr seiner besseren Hälfte, die nun ihre Pflicht getan zu haben meint, erschöpft auf einen Stuhl zum Kaffeetrinken niedersinkt und lispelt: „Puh! hab’ ich mich abgequält, aber Gottlob, nun ist’s auch mal wieder rein!“
Ja, rein ist’s! Verschwunden ist der Schnee, der zuletzt doch gar zu grau und unansehnlich geworden war; viel mißmutige, verdrossene Gesichter haben sich aufgehellt, und — die kleine Leiche von oben ist fort. Die alte Großmutter Karsten hat auch ihr nachgeblickt; sie hat die arme Mutter auf die Stirn geküßt, als man den Sarg hinabtrug, und hat, gleichsam als wundere sie sich über etwas, lange das Haupt geschüttelt. Wer weiß, wie viele jüngere Leben sie noch dahin schwinden sieht.
Ich habe diese Blätter, glaub’ ich, einmal ein Traumbuch genannt; — wahrlich, sie sind es auch.
Wie Schatten ziehen die Bilder bald hell und sonnig, bald finster und traurig vorüber. Jetzt ist der dunkle Grund, aus dem sie sich ablösen, ganz bedeckt von Leben und Jubel; jetzt taucht wieder die unheimliche finstere Folie auf. Die Freude verstummt, der Jubel verhallt, es ist tote Nacht allenthalben, die nur dann und wann ein Klagelaut unterbricht. Sei die Nacht aber auch noch so dunkel, ein Stern funkelt stets hinein: Elise! — Ich brauche nur in meine alten Mappen und Erinnerungsbücher mich zu versenken, und die Gespenster entfliehen, die Nebel sinken, und es wird wieder fröhlicher Tag in mir.
Elise!
Die Knospe, die hundert duftige Blumenblätter in ihrer grünen Hülle einschloß, entfaltet sich wie ein süßes, liebliches Geheimnis. Noch ein warmer Kuß der Sonne, und die Centifolie, den reinen Tautropfen der Jugend und der Unschuld im Busen, ist die schönste der Erdenblüten.
Ich glaube an keine Offenbarung, als an die, welche wir im Auge des geliebten Wesens lesen; sie allein ist wahr, sie allein ist untrüglich; in dem Auge der Liebe allein schauen wir Gott „von Angesicht zu Angesicht“. Die Zunge ist schwach, und des Menschen Sprache unvollkommen; die Schrift ist noch schwächer und unvollkommener, und ein Blatt Papier zum Urquell der Erkenntnis des ewigen Geistes machen zu wollen, ist ein arm töricht Beginnen. Ich drücke die Augen zu, und —sieist vor mir mit ihrem süßen Lächeln,sieschlägt sieauf, diese großen, blauen Augen, in denen ich Trost suche und finde. Elise, Elise, nun bist du ein großes, schönes Mädchen geworden, und das Bild dort, welches dein toter Vater von deiner toten Mutter malte, gleicht einem Spiegel, wenn du so sinnend davor stehst und so süßtraurig lächelnd zu ihm emporblickst. Die wilden Spiele, die tollen Streiche in dem Hause und auf der Gasse sind vorüber (wenn auch noch nicht ganz, Schelm); wo du sonst lachtest, Elise, lächelst du jetzt, wo du sonst weintest und klagtest, senkst du jetzt die Augen und träumst: wo du sonst den Schürzenzipfel in den Mund stecktest oder die Ärmchen auf dem Rücken ineinander wandest, fliegt jetzt ein hohes Rot über deine Wangen, — du bist eine Jungfrau geworden in den Blättern der Chronik, Elise!
Oftmals lässest du, vor dem Nähtischchen deiner Mutter unter der Efeulaube sitzend, die Arbeit lauschend in den Schoß sinken, das Köpfchen in das dichteste Blätterwerk verbergend. Eine helle, frische Stimme klingt dann von drüben herüber, ein Studentenlied anstimmend. Wo will Flämmchen hin, Elise? — Einen Augenblick sitzt es auf ihrer Schulter, ihr ins Ohr zwitschernd, als habe es ihr ein wichtiges, ein gar wichtiges Geheimnis mitzuteilen, dann verschwindet es aus dem Fenster. Wo ist es geblieben?
Die Stimme drüben, die plötzlich mitten in ihrem Gesang abbricht, gibt Antwort darauf. Ein wohlbekanntes, wenig verändertes, braunes Gesicht, von dunkeln Lockenumwallt, erscheint in Nr. Zwölf am Fenster; es ist der junge Maler Gustav Berg, der Vetter Gustav, der einstige Taugenichts der Gasse, jetzt ein „denkender“ Künstler und, wie man munkelt, oft genug der „Taugenichts des Ateliers“ beim Meister Frey in der Rosenstraße.
„Cousine, Cousine Elise! Onkel Wachholder!“ ruft er. „Die Mama ist außer sich! Flämmchen hat ein Leinölglas umgestoßen, und — Unordnung über Unordnung — nicht nur eine sehr angenehme Verschönerung auf dem Fußboden, sondern auch eine sehr unangenehme Verbesserung auf meiner Zeichnung angebracht. Es ist keine Möglichkeit, weiter zu arbeiten! Wie wär’s mit einem Spaziergang?“
Ich denke lächelnd an den Doktor Wimmer, der auch einst oft genug ähnliches von drüben herüber rief; die Chronik der Sperlingsgasse hat ihre Wiederholungen, wie alles in der Welt. — Elise setzt ihren Strohhut auf, und wir gehen hinüber. Auf der Treppe schon empfängt uns Gustav, noch im leichten farbebeschmutzten Malrock, den Kanarienvogel auf dem Finger.
„Da ist der Verbrecher,“ lacht er. „Sieh, Lischen, wie unschuldig er aussieht, gerade wie Du, die doch auch um kein Haar breit besser ist als er.“
„Was? — Was hab’ ich denn verbrochen?“ fragt Elise.
„Höre nicht auf den bösen Menschen,“ sagt die Tante Helene, die jetzt in der Tür erscheint.
„So; — das ist ja prächtig, Mama! höre nicht auf den bösen Menschen! Das ist himmlisch! Onkel Wachholder,das Frauenzimmervolk hängt wie Pech zusammen; ich rufe Sie zum Richter auf. Aber kommen Sie herein, die Sache ist zu wichtig, als daß man sie auf der Treppe abmachen könnte.“
Wir treten ein, jeder sucht sich einen Platz und Gustav beginnt:
„Hören Sie zu, Onkel! Heute morgen gehe ich, mit meiner Zeichenmappe unter dem Arm, ganz solide von hier weg. Die besten Vorsätze und Gesinnungen bewegten meinen Busen, und ich rechnete mir innerlich für den immensen Fleiß, den ich heute beweisen wollte, verschiedene Bummeleien zugute. Ich wollte, ich hätte das Selbstgespräch, welches ich hielt, stenographieren können, es würde mir jetzt von großem Nutzen sein. An mancher Scylla und Charybdis, wo meine guten Vorsätze sonst dann und wann gescheitert waren, war ich diesmal glücklich vorbei gesegelt. Als mich Thomas Helldorf aus seinem Fenster anbrüllte, hatte ich mich taub gestellt, als aus Schnollys Konditorei Leopold Dunkel mir zuwinkte, hatte ich mich blind gestellt; gefühllos zu sein, hatte ich geheuchelt, als Richard Breimüller mich in die Seite stieß und mir den Arm fast ausrenkte, um mich mit zu einem großartigen Frühstück zu ziehen, welches die unmoralischen Menschen, die Freiwilligen von den Zweiunddreißigern, gaben. Ich entwickelte eine riesige Moral! Da biege ich im vollen Gefühl meiner Sittlichkeit um die Ecke, die auf den Gemüsemarkt führt und — renne gegen einen Korb oder vielmehr eine Korbträgerin, welche mir entgegen kommtund mir ohne weiteres mit ihrem Sonnenschirm den Weg versperrt …“
„Oh, dieser Lügner!“ fällt hier Elise ein. „Wer hat Dir den Weg versperrt? Hast Du mich nicht angehalten? Hast Du mir nicht einen Korb weggenommen! Du …“
… „Die mir also den Weg versperrt und …“
„Verleumder! — Hast Du mir nicht meinen ganzen Korb umgekramt und die größte Mohrrübe hervorgezogen, um sie auf der Stelle mit dem Messer …“
… „Die mir, wie gesagt, den Weg versperrt und sagt: Sieh, das ist prächtig, Gustav; jetzt sollst Du wider Deinen Willen einmal zu etwas nützlich sein; hier, nimm meinen Korb! — Kannst Du das leugnen, Lise?“
„Onkel, er lügt entsetzlich,“ sagt Elise, „er verdreht die ganze Geschichte. Ich hätteihndoch nicht den Korb tragen lassen?! Er war es, der ihn nicht wieder herausgab, und da er noch dazu zwischen jedem Biß, den er an seine Mohrrübe tat, an einem Rosenstrauß roch, welchen er ebenfalls herausgewühlt hatte, so sagte ich: Ich habe keine Zeit mehr und …“
„Onkel Wachholder,“ unterbricht jetzt Gustav, „ich verband das Schöne mit dem Nützlichen! Mama, sind rohe Mohrrüben nicht etwa gut gegen — gegen alles Mögliche?“
… „Ich habe keine Zeit mehr, und wenn Du den Korb einmal nicht wieder herausgeben willst, so behalte ihn und schleppe ihn, meinetwegen!“
„Siehst Du! Seht Ihr! Da gesteht sie ihre Schlechtigkeit selbst ein. Denken Sie, Onkel Wachholder, auf einmaldreht sie sich um, rennt davon wie eine Gazelle und läßt mich an der Ecke stehen wie ein Kamel, beladen mit Rosen von Schiras und Gemüse aus dem Tal von Schâm. Elise, Lischen, Cousine Ralff! rufe ich aus vollem Halse; Lise, mit dem Korb kann ich doch nicht ins Atelier gehen! Himmlische Cousine Lischen, befreie mich von diesem Stilleben! — Wer aber nicht hört, ist Elise. Was war zu tun? Ich setze mich in Trab; mit Korb und Mappe, mit Rüben und Rosen hinter ihr her. Solch eine Jagd! — Von Zeit zu Zeit sehe ich ihren Strohhut oder ihr blaues Kleid zwischen dem Schwefelholz-, Herings-, Butter- und Käsehandel — ich glaube sie zu haben, — Täuschung, da ist sie wieder hinter einer Bude verschwunden! Ich fange an, dem kaufenden und verkaufenden Publikum sehr lächerlich zu werden mit meiner Mohrrübe, die ich noch immer krampfhaft in der Hand halte. Ich trete in einen Eierkorb! Riesiger Skandal! — Die Polizei erscheint! ‚Verkoofen Se Ihr Grünkraut sachte,‘ sagt grinsend Polizeimann Nr. 69, ‚immer langtemang!‘ — Ich bezahle für den Eierkorb mit blutendem Herzen und gelben Stiefeln; von Elise keine Spur! — Neue Jagd, — ich glitsche über einen Kohlstrunk aus, — baff, da liege ich mit Korb und Mappe; Kohlrüben, Rosen, Zwiebeln, meine Zeichnungen und Elisens Marktrechnungen im malerischen Durcheinander um mich her. ‚O Jotte, det arme Kind,‘ sagt eine dicke Gemüsefrau, ‚ebent in die Eier und nu in den D…! Soll ich Se ufhelfen, Männeken?‘ — ‚Immer langtemang,‘ grinst wieder Polizeimann Nr. 69, der mir wie mein bösesPrinzip gefolgt ist. — Ich suche meine Schätze, die ich zu allen Teufeln wünsche, gleich im Liegen auf und erhebe mich dann in einer wirklich anmutigen Verfassung. Außer Atem und hinkend schlage ich mich durch die Menge und sinke auf den Eckstein an derselben Ecke, wo mein Leiden begonnen hatte. Ich stelle den Korb zwischen die Beine und starre mit äußerst bitterem Gefühl hinein. Soll ich das Ungetüm wirklich hinschleppen nach der Sperlingsgasse? Vorüber an der Kaserne der Zweiunddreißiger und an Schnollys Konditorei? — Einen Spitznamen hätte ich und meine ganze Nachkommenschaft weg — dreiEllen lang! Mein innerster Mensch sträubt sich zu mächtig dagegen. Eine Droschke konnte ich nicht nehmen, denn meinen Geldvorrat hatte das Eierunglück aufgefressen, es blieb mir nichts anderes übrig, als eine neue Mohrrübe abzukratzen, meine Verzweiflung an ihr zu verbeißen. Das kommt davon, wenn man mit soliden Vorsätzen von Hause weggeht! Wie gemütlich hätte ich in dem Augenblick, statt auf diesem fatalen Eckstein, bei dem Frühstück der Freiwilligen sitzen können! Ich weiß nicht, wie lange ich so brütend dagekauert habe, als ich plötzlich, um zum Himmel zu schauen, meinen Blick aufschlage, aber ihn halbwegs erstarrt ruhen lasse! — —Da saß sie! — Kichernd lehnt sie an dem Eckstein der anderen Straßenecke, mir gegenüber, eine große, grüne, angebissene Birne in der Hand! ‚Guten Morgen, Vetter!‘ lacht sie, ohne sich vom Fleck zu rühren. ‚Könntest Du mir jetzt vielleicht meinen Korb geben? Ich muß wirklich nach Haus; der Onkel kriegt sonst nichts zu essen!‘ — Ich fahre mit der Hand über die Stirn, ich muß wirklich erst meine Sinne zusammensuchen: ich stoße einen tiefen Seufzer aus, — da erhebt sie sich, als schicke sie sich an, wieder fortzurennen. In Todesangst springe ich auf, bin mit einem Satz mit dem verdammten Korb an ihrer Seite, hänge ihn ihr an den Arm und sinke nun auf den Eckstein neben ihr, um auch ihn als Sitzmittel zu probieren. — ‚Hab’ ich Dich aber gesucht, Gustav!‘ hohnlächelt die Boshafte. ‚Gott, wie siehst Du aus? Wo hast Du denn gesteckt?‘ — ‚Δαιμονίη!‘ murmele ich dumpf, während es noch dumpfer auf der uniertenKirche Elf schlägt, und die Atelierszeit ihrem Ende naht; und so ziehen wir nach Haus, Elise immer kichernd voran, ich hinkend hinter ihr her, meine Rockschöße vorsichtig zusammenhaltend. Eine derangierte Toilette, ein leerer Geldbeutel, müde Beine, ein gräßlicher Nachgeschmack von den fatalen Mohrrüben, und das bodenlose Gefühl, mich unendlich lächerlich gemacht zu haben, das waren die Ergebnisse dieses Morgens! Und nun richten Sie, Onkel Johannes!“