Herr von Pulteleben schauderte übrigens zurück, wie er nur einen Blick darauf geworfen; er konnte etwas Derartiges nicht sehen und begriff jetzt selber nicht, weshalb er hier eigentlich heraufgestiegen sei. Von den Umstehenden erfuhr er aber bald die Einzelheiten des Thatbestandes. Der Justus war, wie sich ganz zweifellos ergab, einfach todtgeschlagen worden, und zwar mit einem etwa vierpfündigen Steine, den man circa vierzig Schritt von der Stelle, wo die Leiche lag, ganz mit Blut bedeckt gefunden hatte. Der Ermordete konnte ihn dort nicht hingeworfen haben, denn der ganze Schädel war ihm zerschmettert, und er todt da niedergesunken, wo er lag. Der Mörder mußte den Stein also weggeworfen haben.
Daß der Unglückliche bei einem zufälligen Sturz um's Leben gekommen sei, zeigte sich als unmöglich, denn wenn auch ein kleiner Felshang geradedort emporragte, so hätte er doch von da oben herunter nie an die Stelle stürzen können, wo er sich befand und wo sich die einzigen Blutspuren zeigten, und dann war auch der Abhang nicht hoch genug, eine solche Beschädigung glaubbar zu machen – selbst ohne den entfernt davon gefundenen blutigen Stein.
Geld trug der Ermordete nicht bei sich, ein paar Kupfermünzen ausgenommen, eben so wenig eine Uhr, obgleich er nie ohne eine solche ausging. Er lag – als man ihn, durch eine Unmasse darüber kreisender Aasgeier aufmerksam gemacht, gefunden hatte – auf dem Gesicht, beide Arme von sich gestreckt, und war jetzt nur noch halb bekleidet, denn die Beinkleider hatten ihm schon die Soldaten ausgezogen und bei Seite gebracht. Die Stiefel mochten sie wohl nicht abbekommen haben.
Jeremias stand auch oben, die Hände in beiden Hosentaschen, und betrachtete sich nachdenklich, ohne jedoch den geringsten Ekel zu verrathen, den Ermordeten; aber er machte keine Bemerkung, that keine Frage und ging, nachdem er sich Alles genau angesehen, wieder ruhig in die Stadt zurück.
Als er die Straße hinunter kam, hatte Bux mit seiner Familie und seinem Esel schon SantaClara verlassen und den Weg eingeschlagen, der an der früheren Meierei – den Namen hatte die Chagra noch immer behalten – vorüber führte.
Herr von Pulteleben kehrte etwas echauffirt in das Haus zurück und betrat es mit dem unbehaglichen Gefühl, daß er darin nicht Alles in der gehörigen Ordnung wußte. Sollte er jetzt noch einmal bei der Frau Gräfin anklopfen? Er stand noch unschlüssig an der Treppe, da ging plötzlich die Thür auf und die Dame trat selber heraus. Sie schien allerdings Herrn von Pulteleben nicht erwartet oder besonders gesucht zu haben, und ihr erstes Gefühl das zu sein, wieder in ihr Zimmer zurückzutreten. Das aber war jetzt nicht mehr möglich; der junge Mann näherte sich ihr auch schon und sagte mit sehr bestürztem Gesicht:
»Aber ich bitte Sie um Gottes willen, Frau Gräfin, was ist denn nur eigentlich vorgefallen? Helene hat mir einen so schrecklichen Brief geschrieben, daß ich ...«
»Hat sie in der That?« sagte die Dame ruhig – »das Mädchen ist voller Launen, aber ängstigen Sie sich nicht deshalb, mein junger Freund, ich werde das Alles schon wieder in Ordnung bringen.«
»Sie glauben wirklich?«
»Lassen Sie mich nur machen« – und die Thür schloß sich wieder hinter der Schwiegermutter.
In Santa Clara, wo Alles sonst im gewohnten Geleise seinen stillen und ruhigen Gang ging, schien die ganze bestehende Ordnung auf den Kopf gestellt zu sein, als gegen Abend der junge Köhler, und zwar als Mörder des Justus Kernbeutel angeklagt, von seiner Chagra herunter, gefangen eingebracht wurde. In Todesangst folgte ihm dabei seine junge, hübsche Frau mit dem Kind auf dem Arme und erzählte unter Thränen, wie die Soldaten oben bei der Verhaftung gewirthschaftet, ihr Geschirr und Fenster zerschlagen und sie selber auf die boshafteste und rohste Art gekränkt und beleidigt hätten.
Köhler selber, als er durch die Colonie geführtwurde, sah wohl todtenblaß vor innerlich kochender Wuth aus, ließ aber sonst nicht durch ein Wort, nicht durch eine Miene merken was in ihm vorging; mußte er sich ja doch auch dem Unabänderlichen fügen, denn die Hände hatten ihm die Burschen auf dem Rücken zusammengeschnürt, und als er sich unterwegs nur ein einziges Mal an seine ihm folgende Frau wenden wollte, war er mit Kolbenstößen bedeutet worden, daß er sich mit Niemandem zu unterhalten hätte, bis er von seinem Richter verhört und vielleicht auch gleich abgeurtheilt sei.
»Ehe er gehängt würde,« tröstete ihn einer der rohen Gesellen, »dürfe er seiner Frau noch einmal einen Kuß geben. – Wenn er selber einen dafür von ihr bekomme, wolleerihm das erlauben.«
Köhler knirschte mit den Zähnen und vertröstete sich nur darauf, daß sich seine Unschuld ja gleich bei dem ersten Verhör herausstellen müsse und er dann schon Rechenschaft von Allem fordern wolle, was ihm jetzt geschehen. – Darin hatte er sich aber geirrt und ganz vergessen, daß kein neuer brasilianischer Delegado in der Colonie angestellt und dem Director gegenwärtig von dem Präsidenten auch die oberste Polizeigewalt übergebensei.[2]Er hatte hier also keine Behörde über sich als den Director selber, von dem er, wie er recht gut wußte, nach den letzten Vorgängen keine besondere Freundlichkeit erwarten durfte.
Er wurde auch ohne Weiteres in das gegenwärtige Stadtgefängniß – ein kleines, heißes, aus rohen Balken erbautes Loch mit schweren Gittern vor dem niedern Fenster – abgeführt und dort trotz seiner Berufung, daß er verhört werden wolle, mit Spott und rohem Gelächter eingeschlossen und allein gelassen.
Könnern, der kurz vorher in die Stadt zurückgeritten war, hörte kaum von der Verhaftung Köhler's und dem Verdacht der auf ihm ruhte, als er augenblicklich zu ihm eilte. Er wurde aber zurückgewiesen. Es war strenger Befehl des Directors, keinen Menschen zu ihm zu lassen, bis die Untersuchung geschlossen sei, und daß eine Bitte vonihmbei dem Director Nichts fruchten würde, wußte er vorher. Köhler's Frau war indessen zu Kaufmann Rohrland gegangen, um dessen Hülfe in Anspruch zu nehmen und vor allen Dingen gleich nach ihrem nicht weit von Santa Clara wohnenden Bruder zu schicken, daß der so langeoben auf der Chagra bei ihr wohne, bis ihr Mann seine Unschuld bewiesen haben konnte; denn sie getraute sich jetzt nicht, bei all' dem in der Nachbarschaft herumstreifenden Soldatenvolk, allein dort oben zu bleiben, und konnte doch auch ihr mühsam erarbeitetes Eigenthum nicht im Stich lassen.
Eine Voruntersuchung, ohne indessen den Angeschuldigten selber dazu zu ziehen, hatte unter der Zeit im Directionsgebäude stattgefunden, die der Director selber abhielt, obgleich er sich eigentlich heute nicht wohl fühlte. Er war, wie er ausgesagt hatte, mit dem Pferde gestürzt, als er den steilen Hang herunterritt, und hätte sich eigentlich recht beschädigen können. Glücklicher Weise lief es noch gut ab.
Die beiden Hauptzeugen gegen Köhler waren Justus' alte Haushälterin und der Wirth Buttlich. Die Frau erzählte, daß der »arme, unglückliche Mann« an dem Tage mit dem Angeschuldigten einen Wortwechsel gehabt und dann mit ihm fort in den Wald gegangen wäre. Der Angeschuldigte sei dann erst am nächsten Abend mit der Dämmerung wiedergekommen und der Justus gar nicht, weil er da schon, von Mörderhand erschlagen, im Walde gelegen hätte.
Eine Uhr habe der Ermordete bei sich gehabt, als er von Hause fortgegangen sei, denn er wäre nie ohne seine Uhr ausgegangen. Die Frau erinnerte sich genau auf die Uhr, die sie oft in Händen gehabt. Es war eine silbervergoldete Uhr mit weißem Zifferblatt, und in den innern Deckel hatte Justus selber die Anfangsbuchstaben seines Namens,J. K., eingravirt oder vielmehr eingekratzt gehabt, darunter ein von einem Pfeile durchstochenes Herz – wovon aber die Frau nicht wußte, auf was es sich beziehen sollte.
Geld habe Justus ebenfalls stets etwas bei sich gehabt. Sie konnte allerdings nicht angeben wie viel und was für Münzen, aber ohne Geld wäre er nie im Leben über Land gegangen, und wenn er hätte 'was dafür versetzen müssen. Ein paar Milreis seien es gewiß gewesen, wenn nicht vielleicht noch mehr.
Der Wirth, Buttlich, sagte aus, daß er an Justus' Haus vorbeigekommen wäre, als Köhler davor gestanden und sich mit dem Schneider heftig gezankt hätte. Es sei ihm so auffallend gewesen, daß er noch gerufen hätte: sie möchten doch nicht einen solchen Skandal machen und sich ein wenig vor den Leuten und der Nachbarschaft schämen – er erinnere sich aber nicht mehr genau der Worte,die er gebraucht hätte, oder was die Zankenden sich einander vorgeworfen. So viel wisse er außerdem, daß der Köhler den Schneider nie hätte leiden können – wenigstens so langeerjetzt in der Colonie sei – und ihm stets alles nur erdenkliche Böse nachgesagt habe. Er selber könne ein solches Urtheil aber nicht bestätigen. Der Justus sei oft zu ihm gekommen, habe sich aber immer als ein nüchterner, anständiger Mensch gezeigt, der nur manchmal gegen die Ungesetzlichkeiten des vorigen Regiments protestirt haben mochte. Deshalb wollten auch alle die Anhänger des früheren Directors, zu denen Köhler ebenfalls gehöre, Nichts von ihm wissen. An jenem Abend besonders sei Justus' Absicht gewesen, nach Zuhbel's Chagra hinauszugehen, um dort den Antritt des neuen Herrn Directors durch einen fröhlichen Abend zu feiern. Er sei dazu in seinem Sonntagsstaat gewesen. Köhler war nicht dort eingeladen, aber doch mit ihm denselben Weg in den Wald gegangen. Es wäre auch möglich, daß sich die beiden Männer gerade über diesen nämlichen Gegenstand vorher gezankt hätten, denn die eine Partei hätte über diese sogenannten »Director-Feste« immer ihren Spott gehabt und die andere verhöhnt.
So weit Buttlich, der außerdem noch zwei andereZeugen brachte, die Justus und Köhler zusammen auf der Straße etwas vor Sonnenuntergang und ganz allein im Walde begegnet waren, aber nicht bestätigen konnten, daß sie irgend Etwas von einem unfreundlichen Benehmen zwischen den Beiden bemerkt hätten. Sie seien freilich auch zu rasch vorbeigeritten, um darauf zu achten.
Das waren die letzten Menschen, die den Justus Kernbeutel lebend gesehen hatten, und zwar in Begleitung Köhler's und gar nicht so weit von der Stelle entfernt, auf der man den Leichnam des Ermordeten gefunden, ja, noch dazu der Richtung entgegengehend. Was dann weiter geschehen, darüber lag das Dunkel der Nacht und konnte nur vielleicht durch die weitere Untersuchung aufgehellt werden.
Der Verhaftete selber wurde an diesem Tage nicht verhört; es sollten vorher noch mehr Beweise gegen ihn gesammelt werden, und mit Mühe und Noth erlangte Rohrland persönlich die Erlaubniß vom Director, ihm ein Bett und gute Speisen in das Gefängniß schicken zu dürfen. Vor diesem standen außerdem sechs Mann Wache mit geladenem Gewehr, um irgend einen etwaigen Befreiungsversuch der Colonisten zurückzuweisen. Niemand dachte aber an einen solchen, denn Köhlerhatte ein viel zu reines Gewissen, um sich durch die Flucht einer Haft zu entziehen, die ja doch nur höchstens bis zum nächsten Morgen dauern konnte. Da er seine Frau und sein Kind jetzt gut aufgehoben wußte, kümmerte er sich um das Andere wenig genug.
Desto mehr aber empörte es den besseren Theil der Colonisten, einen aus ihrer Mitte, einen Mann, den Alle als einen braven und ehrlichen Menschen seit Jahren gekannt hatten, nur auf solch' oberflächlichen Verdacht hin wie einen Missethäter und gemeinen Verbrecher behandelt zu sehen, und selbst Rohrland, Pilger, der Bäckermeister Spenker und mehrere andere ansässige Handwerker und auch Colonisten ließen sich noch an dem nämlichen Abend beim Director melden und erboten sich, für Köhler irgend eine verlangte Bürgschaft zu stellen, daß er keiner Untersuchung ausweichen würde. Der Baron von Reitschen nahm etwas Derartiges nicht an.
Der Verhaftete, gegen den, seiner Meinung nach, ein dringender Verdacht vorlag, mußte sorgfältig von jeder Verbindung abgeschnitten werden, bis die Untersuchung beendet sei, damit er nicht von Außen auf irgend eine Weise beeinflußt werden könne. Nach geschlossener Untersuchung könneihn besuchen wer da wolle, oder er auch vielleicht gegen Bürgschaft entlassen werden.
Es war indessen Abend geworden, und die Leute, die heute alle keine Ruhe zur Arbeit gehabt, sammelten sich bei Bohlos, um dort noch das Weitere zu besprechen und ihrer Entrüstung in gemäßigter Weise bei einem Glas Bier den natürlichen Ausfluß geben zu können. Ursache zu klagen hatten sie außerdem genug, denn schon in der kurzen Regierungszeit ihres neuen »Herrn« waren eine Menge von Mißbräuchen zu Tage getreten, von denen die Colonisten unter Sarno gar keine Ahnung gehabt.
»Das wird ja wahrhaftig alle Tage besser!« rief der Schneidermeister Berthold, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug. »Jetzt stecken sie einen ehrlichen Mann ein, weil ein Lump zu Schaden gekommen ist, und wollen nicht einmal eine Caution annehmen! Ist so Etwas schon da gewesen?«
»Das wäre das Wenigste,« meinte der Bäckermeister Spenker, »denn den Köhler können sie nicht lange im Loch behalten, aber der Herr Director fängt seine Wirthschaft hier auch in anderer Weise schon gut an. Wißt Ihr, daß er jetzt den neu angekommenen Colonisten nicht einmal mehr baarGeld als ihre Subsidien, sondern kleine Anweisungen auf Buttlich giebt, für die ihnen dieser nur Waaren aus seinem eigenen Laden verabfolgt? Das will denn doch bei Gott die Regierung nicht, daß die armen Leute auf solche Art geschunden werden, blos um es dem Lump, dem Buttlich, in den Hals zu jagen.«
»Lieber Meister, zuButtlich'sNutzen geschieht das auch nicht,« lachte Rohrland, der mit am Tische saß; »ich weiß aus ganz sicherer Quelle, daß unser sehr verehrter Director ein stiller Compagnon des Buttlich'schen Geschäfts ist, da er als Director offen keinen Laden halten darf. Auf solche Weise sichert er sich dann, eben durch die Subsidiengelder, einen ganz bestimmten Absatz von wenigstens fünfhundert Milreis monatlich.«
»Und ist das etwa recht und billig?« rief Berthold.
»Davon sage ich kein Wort,« meinte Rohrland, »aber ich erzähle Nichts, was ich nicht beweisen kann.«
»Aber da sollte man ihn darauf verklagen!« rief Spenker.
»Wo?« sagte Rohrland ruhig – »bei der Regierung in Rio ist Keiner von uns bekannt, und beim Herrn Präsidenten in Santa Catharina?Das wäre schade um das Papier, das man damit verschriebe!«
»Und hat ein Director das Recht,« sagte ein anderer Mann, der Tischler Nithal, »daß er mir einen Platz verweigert, wo ich mich niederlassen kann? Ich hab' allerdings noch nicht das baare Geld, aber ich weiß auch, daß sich die Regierung selber die größte Mühe giebt, ordentliche und tüchtige Handwerker in's Land zu bekommen, und der – Herr da treibt mich wieder hinaus, weil ich nicht zu seiner Partei gehöre und in sein krummes Horn stoße.«
»Deshalb braucht Ihr nicht zu gehen, Nithal,« sagte Spenker – »ichgeb' Euch einen Platz auf Credit, auf fünf Jahre, wie's die Regierung thut, und kein Teufel soll Euch von dem herunter bringen.«
»Vergelt's Euch Gott, Meister, und Ihr sollt wahrlich nicht dabei zu Schaden kommen!«
»Das weiß ich und bin nicht bange drum.«
»Und weshalb hat er die Soldaten mitgebracht?« fuhr Rohrland fort – »der Indianer wegen? Unsinn! So lange wir hier sind, und wenigstens seit den letzten zehn Jahren, hat kein Mensch 'was von einer Rothhaut gehört und gesehen. Wenn sie aber an den Gränzen herumschlichen,wohin gehörten die Soldaten denn da anders, als eben an die Gränze, um uns wirklich zu schützen? So aber lagern sie unten am Flusse, mit der ganzen Colonie zwischen sich und den eingebildeten Wilden, die, wenn sie wirklich da wären, alle die Gränz-Colonien abschneiden und selbst die Stadt anzünden könnten, ehe das Militär auch nur ein Wort davon erführe, viel weniger denn zu Hülfe kommen könnte.«
»Ja, das ist, Gott straf' mich! wahr,« sagte Berthold – »da unten am Fluß nutzen sie doch wahrhaftig Nichts, als daß sie wie die Raben stehlen, denn seit sie da sind, kann man kein Ruder mehr fünf Minuten lang unbewacht in einem Canoe liegen lassen, oder fort ist's, und da klage nachher einmal Jemand – was wär's dann?DieHalunken verrathen einander schon lange nicht.«
»Guten Abend mit einander,« sagte da ein Fremder, der zu ihnen in die Wirthsstube trat, seine Mütze abnahm und sich an einen andern kleinen Tisch allein setzte. Der Mann war sehr ärmlich gekleidet und sah vollkommen aschfarben und krank im Gesicht aus. Er schien auch schwach auf den Füßen, und bat den Wirth um ein Glas Bier und ein Stück Schwarzbrod.
Bohlos brachte es ihm und blieb dann neben seinem Tische stehen.
»Wohl bekomm's!« sagte er – »und wo kommt Ihr denn her? Ihr seid wohl krank gewesen.«
»Danke schön,« antwortete der Mann – »nein, krank gerade nicht, aber das Klima hat mich ein Bißchen heruntergebracht. Wir kommen aus dem Norden.«
»Aus dem Norden? Von Rio?«
»Nein, noch weiter herunter, aus der Provinz Minas Geraes.«
»Alle Teufel – und habt Ihr lange da oben gesteckt?«
»Zehn Jahre,« sagte der Mann, und ein schwerer Seufzer hob seine Brust.
»Da seid Ihr wohl Einer von den Parcerieleuten?« fragte Berthold vom andern Tische herüber – »kommt, setzt Euch mit zuunsherüber; was hockt Ihr da allein an einem Tisch?«
»Wenn's erlaubt ist,« sagte der Mann demüthig, und nahm sein Bier und Brod und ging hinüber; »ja, Landsmann, wir sind unserer Sieben, die jetzt aus dem Parcerievertrag zurückgekommen, meine Frau und ich und zwei Kinder – dreisind mir gestorben – und mein Schwager mitseinerFamilie.«
»Und ist's Euch schlecht da oben gegangen?«
»Rechtschlecht,« erwiederte der Mann, noch einmal tief aufseufzend – »und wie wir's Alle ausgehalten, begreife ich eigentlich selber noch nicht. Wir waren aber freilich lauter kerngesunde Menschen, wenn ich auch jetzt ein Bißchen abgemagert aussehe.«
Abgemagert aussehe – Du lieber Gott, der Mann glich eher einem Skelett als einem lebendigen Menschen, und schien sich doch geduldig in sein Schicksal zu ergeben! Freilich waren auch durch die lange, schwere Zeit Geist und Körper bei ihm gebrochen.
»Und haben sie Euch schlecht behandelt dort?« fragte Rohrland.
»Ih nu, schlecht behandelt nun gerade nicht,« sagte der Deutsche, »aber arbeiten mußten wir noch viel mehr wie die Sclaven, denn es war Alles Accord-Arbeit, nur konnten wir immer keine Abrechnung kriegen, und unser Herr machte uns manchmal Vorwürfe, daß wir so viel brauchten und immer mehr in Schulden kämen. Ja, lieber Gott, leben mußten wir doch, und weiter wie das Bißchen schlechtes Essen und die nothwendigstenKleider bekamen wir so Nichts. Wenn sie uns nur gehalten hätten, was uns der Agent in Deutschland damals versprach und was wir auch unterschrieben haben, daß wir nämlich ein Stück Land sollten angewiesen bekommen, was wir uns selber hätten bebauen können – dann wär's gut gewesen.«
»Aber dasmußtensie Euch ja doch geben, wenn's einmal ausgemacht war!« rief der Tischler.
»Ja, lieber Herr, sie gaben's auch,« lächelte der Mann verlegen, »aber nur freilich anders, wie wir's gemeint und verstanden hatten, und wie's uns auch der Agent erklärte – daß daseigenesLand sein sollte. Aber hier war's anders. Ein Stück Land bekamen wir richtig angewiesen – Waldland mit großen dicken Bäumen darauf, und das mußten wir uns urbar machen und wir thaten's auch gern. Alle Sonntage arbeiteten wir darauf bis in die späte Nacht, bis wir's glatt wie meine Hand hatten, und dann bauten wir zwei Jahre drauf was wir brauchten. Wie aber die zwei Jahre um waren, nahm's uns der Eigenthümer weg, pflanzte Kaffeebäume drauf und wies uns ein anderes Stück Land an, wieder mit dicken Bäumen, und wenn wir uns nur ein paar Säcke Bohnen, ein Bißchen Reis und dergleichenziehen und nicht gar hungern wollten, so mußten wir richtig wieder an die schwere Arbeit gehen, und das ist für Jemanden, der eigentlich an ein kaltes Klima gewöhnt war, beiderHitze da oben wahrhaftig keine Kleinigkeit!«
»Das war ja aber schändlich – und litt denn das die Regierung?«
»Ja, lieber Gott,« sagte der Mann, »es war einmal so ein vornehmer deutscher Herr, so ein Consul, glaub' ich, war's, oben, und der wohnte bei unserm Herrn und ritt immer mit ihm spazieren, und das war ein Tractiren und eine Festlichkeit! Dem klagten wir unser Leid und fragten ihn, ob er uns nicht helfen könnte, denn es ginge uns doch gar zu schlecht und wir wären lauter ehrliche, brave Menschen, die ja nichts Unrechtes wollten, blos ihr Recht. Aber der Herr zuckte die Achseln und meinte, wir sollten nur noch eine Weile geduldig ausharren, bis wir das abgearbeitet hätten, was der Herr für uns ausgelegt habe, und dann wären wir ja wieder frei und könnten thun und lassen, was wir wollten.«
»Und habt Ihr das gethan?« fragte Rohrland.
»Ach nein, lieber Herr,« sagte der Mann wehmüthig – »wie sich's nachher herausstellte, wären wir damit im ganzen Leben nicht fertig geworden.Aber es kam wieder einmal vor ganz kurzer Zeit ein anderer Herr hin und erkundigte sich nach Allem, und dann reiste er wieder fort und kam nachher zurück und sagte uns, wir brauchten nicht mehr dort zu arbeiten, denn unser Herr hätte nicht ordentlich in seine Bücher eingeschrieben, was der Kaffee gekostet und was er verdient habe an uns, und es wäre sehr leicht möglich, daß wir unsere Schuld schon zehn Mal bei ihm abgearbeitet hätten. Aber es ließe sich Nichts weiter dagegen machen, denn er sei ein sehr vornehmer Herr, und hätte eine Menge Verwandte in Rio – und der Brasilianer wollte uns auchnochnicht fort lassen, aber da wurden wir böse, und wie er sah daß er Nichts mehr ausrichten konnte, da ließ er uns eben ziehen.«
»Und habt Ihr Euch in der ganzen langen Zeit gar Nichts verdienen können?« fragte Spenker kopfschüttelnd – »zehn Jahre waret Ihr dort oben, nicht wahr?«
»Zehn Jahre und zwei Monate,« bestätigte der Mann – »aber verdienen? Du lieber Gott! Nichts als was wir auf dem Leibe tragen, und vielleicht Jeder noch ein Hemd zum Wechseln. Ja, in dem Brasilien geht das nicht so rasch.«
»Nicht so rasch?« rief Rohrland erschüttertvon der einfachen, rührenden Schilderung des Mannes, »der Zuhbel, der Benkhof, der Binder, der Metweiher, der Wurzer, die sind alle nur erst zehn Jahre hier, der Bellheim erst acht, der Bastel drüben gar erst sieben, und mit Nichts herübergekommen, mit Nichts in der Gotteswelt als einer kleinen Lade voll Wäsche und einige achtzig Milreis Schulden obendrein, und kommt zu denen hinaus, seht, was sie für eine hübsche Chagra, Vieh, Ackergeräth, Häuser und gesunde Familien haben, und abgehen ließen sie sich in der Zeit doch auch wahrlich Nichts.«
»Ja, Manchem glückt's,« seufzte der Mann – »aber die Gegend soll ja auch gut sein, und der Herr, der uns frei gemacht und uns auch freie Fahrt auf dem kleinen Schiff hieher geschafft hat, gab uns die Versicherung, daß wir hier ein Unterkommen finden und von dem Director Unterstützung bekommen würden. – Aber 's ist wieder Nichts, und was wir jetzt mit uns anfangen sollen, weiß nur Gott – ich nicht!«
»Wart ihr schon bei dem Director?« fragte Spenker rasch.
»Ja – unserer Drei. Wir baten ihn um ein Stückchen Land und ein paar Milreis Subsidiengelder, daß wir nur anfangen könnten – lieberGott, schaffen wollen wir ja schon und können's auch. Aber er schlug es uns rund ab und meinte, wer schon zehn Jahre in Brasilien sei und noch keinen ordentlichen Rock auf dem Leibe hätte, mit dem wolle er auch Nichts zu thun haben, und je eher wir machten, daß wir wieder aus seiner Colonie kämen, desto besser.«
»AusseinerColonie?« rief Berthold in voller Entrüstung – »na, Gott straf' mich, 's wird doch alle Tage besser! AusseinerColonie! Aber heute geht Ihr noch nicht, Ihr Leute, und morgen auch nicht und übermorgen auch nicht, und dann wollen wir doch einmal sehen, ob die Colonisten hier in der Nachbarschaft nicht so viel zusammen auftreiben können, um ein paar arme Landsleute, die zehn Jahre in der Sclaverei gewesen, wieder auf die Beine zu bringen. He, Landsleute!« wandte er sich, plötzlich aufstehend, an die übrigen Gäste, von denen sich nach und nach eine ziemliche Zahl im Zimmer gesammelt und an den verschiedenen Tischen vertheilt hatte – »hier sind zwei arme deutsche Familien eben aus so einem schurkischen Parcerievertrag von Minas Geraes herunter gekommen – krank dabei und elend, denen der Director Subsidien verweigert, und die er wieder aus der Colonie jagen will, weilsie kein Geld mitbringen. Sollten wir denn nicht hier unter uns so viel zusammenbringen können, um den armen Leuten einen vergnügten Abend zu machen und ihnen zu beweisen, daß sie wieder unter Landsleuten und nicht unter Sclavenhaltern sind? Hier ist von mir ein Milreis – wer hat noch ein Bißchen klein Geld bei sich?«
»Hier ist auch einer – hier auch einer!« rief es von allen Seiten – »hier sind fünf,« sagte der Bäckermeister, »und hier auch,« erwiederte Rohrland, und es dauerte keine zehn Minuten, so war die Mütze des Schneiders mit Silbermünzen fast halb angefüllt.
»Da, nun gebt einmalEureMütze her,« lachte Berthold den armen Teufel an, der ganz verdutzt und seinen Sinnen kaum trauend daneben stand, indem er ihm das Geld klirrend hineinschüttelte – »so, nun lauft heim und zeigt's Eurer Frau und Eurem Schwager – denn für den ist's auch mit, und morgen reden wir weiter, wo wir ein paar Colonien für Euch herbekommen. Nur nicht ängstlich; es geht Alles in der Welt, wenn man's nur auf der rechten Seite anfaßt.«
»Ja, aber du lieber Gott ...« stotterte der Mann.
»Fort mit Euch!« rief aber der Schneider, derihm die Verlegenheit ersparen wollte, und schob ihn lachend zur Thür hinaus – »wenn Ihr wollt, könnt Ihr nachher wieder herkommen, aber jetzt liefert erst Eure Capitalien ab.«
»O, so vergelt's Ihnen Gott tausend und tausendmal!« rief der Überglückliche, aber Berthold hatte die Thür schon hinter ihm zugemacht.
Immer mehr Gäste kamen herein, so daß sich das große Zimmer ziemlich gefüllt hatte, und das Gespräch wurde immer lebhafter, gab es doch heute auch genügenden Stoff, um bei einem Glas Bier oder Wein die Tagesfragen gehörig durchzunehmen! Das junge Volk aber, das sich darüber bald ausgesprochen hatte – denn Keiner von Allen glaubte, daß Köhler länger als bis morgen früh zu sitzen haben würde – fing an zu singen. An dem einen Ecktisch bildete sich ein Quartett, und »Ännchen von Tharau«, »Wir sitzen so fröhlich beisammen« und eine Menge andere deutsche Lieder wurden vorgenommen.
Bohlos' Hotel war nämlich das beliebteste in Santa Clara, denn man wußte jetzt, daß Buttlich nur eine Creatur des neuen Directors war, und wollte Nichts mit ihm zu thun haben.
Indessen war es neun Uhr geworden, als die Thür plötzlich aufging, einer der braunen brasilianischenSoldaten den Kopf hereinsteckte und in portugiesischer Sprache nach dem Wirth fragte. Bohlos, der gerade, eine Partie Bierkrüge in der Hand, an der Thür vorbeigehen wollte, blieb stehen, sah den Burschen an und fragte:
»Na? Was ist nu wieder los?«
»Es ist neun Uhr,« erwiederte der Soldat, der jetzt voll in's Zimmer trat.
»So?« sagte Bohlos, »bist Du Nachtwächter hier im Orte geworden?«
»Es ist neun Uhr,« wiederholte jedoch der Bursche, »und der Director hat befohlen, daß um neun Uhr alle Leute nach Hause gehen und daß nicht mehr gesungen wird.«
»Nanu?« rief Bohlos, beinahe stumm vor Staunen.
»Was ist los? Was giebt's da?« riefen eine Menge Gäste durch einander, welche den Soldaten bemerkt hatten und Bohlos' Erstaunen sahen. »Was will er, Bodenlos? Ist er durstig?«
»Polizeistunde, bei Gott!« rief jetzt der Wirth, »und das Singen stört den Herrn Director.«
»Da soll er sich doch Baumwolle in die Ohren stecken,« lachte Berthold – »Polizeistunde, na, weiter fehlte Nichts in Brumsilien!«
»Alle sollen nach Hause gehen und Singenaufhören!« schrie der Soldat über den ganzen Lärm hinaus, und stieß dabei seinen Gewehrkolben heftig auf den Boden nieder, und wie er das gethan hatte, antwortete es draußen dem Signal. Die Gewehrkolben ziemlich der ganzen Mannschaft stießen draußen auf, die Thür wurde aufgerissen, und die Gäste sahen zu ihrem Staunen, daß hier wirklich Ernst gemacht wurde.
»Ei, da schlag' denn doch ein Himmeldonnerwetter drein!« schrien aber ein paar von den jungen Leuten, die sich einer solchen boshaften Willkür nicht gutwillig fügen mochten, und sprangen von ihren Sitzen auf. Die Soldaten wollten jetzt in's Zimmer dringen, aber die deutschen Burschen faßten ein paar von den braunen, verlebten Gestalten, daß diese eben nicht sanft und pfeilschnell auf ihre Kameraden zurückflogen, und es wäre jedenfalls zu einer ganz ordentlichen Schlägerei gekommen, wenn nicht Bohlos dazwischen gesprungen wäre.
»Meine Herren,« rief er auf die Gäste ein, »ich bitte Sie um Gottes willen, widersetzen Sie sich nicht den, wenigstens angeblich gesetzlich gegebenen Anordnungen des Directors, der auch zugleich Delegado ist. Sie wissen nicht, in was für Schererei wir deshalb kommen können. Thun Siemirden Gefallen und gehen Sie heute Abend ruhig nach Haus – morgen wollen wir dann schon sehen, was sich in der Sache thun läßt.«
Es gelang ihm auch wirklich, die Ruhe wieder herzustellen, und die Gäste folgten seinen Bitten und verließen – aber alle mit bitteren Flüchen auf den Director in portugiesischer Sprache, damit es die Soldaten verstehen sollten – das Hotel. Draußen aber formirten sie sich zwei Mann hoch und zogen jetzt Arm in Arm und laut singend und jubelnd vor des Directors Haus. Natürlich schlossen sich ihnen noch gleich eine Menge anderer Colonisten an, und das Resultat war dann eine ganz richtige deutsche Katzenmusik, die ihrem weltlichen Oberhaupt in der Stille der Nacht gebracht wurde; dann zerstreuten sie sich lachend durch den Ort, um ihre eigenen Wohnungen aufzusuchen.
Etwa drei Viertelstunden später traten drei Soldaten in Bohlos' Hotel, gingen in die nur von einem Talglicht erhellte und sonst vollkommen leere Gaststube, und verlangten eine Flasche Branntwein zu kaufen.
»Thut mir leid, meine Herren,« sagte Bohlos ruhig – »Sie haben mir im Namen des Herrn Directors selber verboten, nach neun Uhr nochEtwas auszuschenken; von mir können Sie also Nichts bekommen. Ich habe übrigens gesehen, daß sich das Verbot nicht auf den andern Wirth Buttlich auszudehnen scheint. Bei dem sitzen die Gäste noch fest; wenn Sie also Branntwein haben wollen, bemühen Sie sich dort hinüber.«
Indessen waren noch drei oder vier andere Soldaten nachgekommen, und sprachen leise mit den übrigen. Endlich drehten sie sich, um hinauszugehen.
»Hier ist's verdammt dunkel!« rief der Eine, und da er draußen ein Gepolter hörte, nahm Bohlos das Licht vom Tisch und trat hinaus auf den Hausflur. In dem Augenblick sah er, daß einer der Soldaten mit einem großen Zaunpfahl, den er von draußen mit hereingebracht hatte, gegen ihn ausholte. Er behielt eben noch Zeit, seinen rechten Arm empor zu werfen, um sich vor dem Schlag zu schützen, als dieser mit voller Wucht auf ihn niedertraf. Unwillkürlich stieß er einen Schmerzens- und Hülfeschrei aus, als die Soldaten lachend und fluchend aus der Thür sprangen, und im nächsten Augenblick im Dunkel draußen verschwunden waren.
Bohlos' Frau kam jetzt aus ihrem Zimmer gestürzt, und die Dienstleute eilten herbei. Bohlosaber, der noch mit dem Licht in der Hand, doch todtenbleich vor ihnen stand, sagte ruhig:
»Lauf doch einmal Einer von Euch zum Bader. Die Halunken haben mir den Arm zerbrochen« – und sank dann ohnmächtig zusammen.
So lange die Colonie Santa Clara stand, hatte noch keine solche Aufregung geherrscht, wie in diesen Tagen, und es fehlte wahrlich nicht viel, so wäre eine wirkliche Revolution ausgebrochen. Nur die älteren Leute hielten das junge Volk noch zurück, daß sie nicht das Directions-Haus stürmten und Herrn von Reitschen selber »zu allen Teufeln« jagten.
Herr von Reitschen mochte auch etwas Ähnliches fürchten, denn die Stimmung gegen ihnkonnteihm nicht verborgen bleiben, und er hatte zwölf Mann seines sogenannten Indianerschutzes unten in sein eigenes Haus gelegt, wo sie mit geladenen Gewehren Wache halten mußten.Die Übrigen waren theils vor das Gefängniß, theils in das »Auswanderer-Haus« postirt worden, und die armen Parcerie-Arbeiter hätten am Fluß-Ufer lagern müssen, wäre ihnen nicht durch Bohlos eines seiner Hintergebäude angewiesen worden.
Bohlos' Arm war übrigens durch den Schlag dicht über dem Handgelenke wirklich gebrochen, und auf eine Klage seiner Frau bei dem Director erwiederte dieser:
Bohlos sei ein widerspänstiger Gesell und in seinem Hause gestern sogar offene Widersetzlichkeit gegen die Militärgewalt vorgefallen, was übrigens noch weiter geahndet werden würde. Diesen Fall nun betreffend, der unwahrscheinlich genug klinge, daß der Wirth nämlich von einem Polizeisoldaten solle ohne weitere Veranlassung überfallen und ihm der Arm zerschlagen sein, so möge er den betreffenden Soldaten bringen und die Sache werde dann weiter untersucht werden.[3]
Natürlich war das unmöglich, denn auf dem dunklen Hausflur, zwischen den braunen, schmutzigen Gesichtern, alle in ähnlicher Uniform, die sich selbst am Tag auffallend glichen, wäre es ganzunmöglich für Bohlos gewesen, den Thäter mit Bestimmtheit bezeichnen zu können – und vielleicht wußte das auch der Director, denn es geschah weiter Nichts in der Sache. Wohl aber wurde Bohlos drei Tage später davon in Kenntniß gesetzt, daß er »wegen Widersetzlichkeit gegen die Behörden« fünfzig Milreis Strafe zu zahlen habe, und ihm, bei einem Wiederholungsfalle, die Schankgerechtigkeit entzogen werde.
Und Köhler kam nicht frei. Erst am fünften Tage, als das Gesicht des Directors nicht mehr so deutlich die Spuren der erlittenen Mißhandlung zeigte, wurde er zumerstenMal zu seinem Verhör geführt und – als er nicht bekennen wollte – wieder in seine Zelle zurückgebracht.
Könnern war indessen abwesend und nach irgend einer andern Colonie geritten, Niemand wußte wohin. Als er aber nach acht Tagen zurückkehrte, saß Köhler noch immer, und er beschloß jetzt den Director selber aufzusuchen. Der Erfolg war indessen, wie er sich hätte voraus denken können, kein günstiger, denn daß ihm der Director nicht freundlich gesinnt sei, da dieser ihn als Sarno's Freund kannte, läßt sich denken. Außerdem war er Zeuge oben auf Köhler's Chagra gewesen, wie er jene Mißhandlung erlitten,und mit aller Höflichkeit und einigen nichtssagenden Redensarten wurde der junge Mann abgespeist, daß er das Directionsgebäude empört verließ.
Was jetzt thun? Er war fest entschlossen, die Sache zum Äußersten zu treiben, und beschloß nun Günther aufzusuchen und dessen Rath einzuholen. Günther stak aber irgendwo im Walde bei seinen Vermessungen, Niemand konnte ihm genau die Stelle angeben, wo er ihn möglicher Weise treffen würde, und es dauerte drei Tage, bis er ihn endlich in seinem aufgeschlagenen Lager fand.
Hier erzählte er Günther mit kurzen Worten die Vorgänge in Santa Clara, und dieser saß dabei, nickte mit dem Kopfe und lächelte nur still vor sich hin.
»Ich hab' mir's gedacht, daß es etwa so kommen würde,« sagte er endlich, »und der Herr Baron scheint seiner Protectorin alle Ehre zu machen; aber ich denke, sein Spiel soll nicht ewig dauern. Haben Sie guten Muth, Könnern, dem armen Teufel, dem Köhler, können sie doch Nichts anhaben, denn das darf er nicht wagen, und er läßt es auch nicht zum Äußersten kommen, und wenn es jetzt für unseren jungen Freundauch schlimm genug ist, von dem allerliebsten Frauchen so lange getrennt zu sein, kann er sich doch darauf verlassen, daß er glänzende Genugthuung erhält. Also Ihr habt den Herrn Director droben auf verbotenen Wegen erwischt? Was gäb' ich nicht drum, wenn ich dabei gewesen wäre und das später einmal der Frau Präsidentin hätte recht ausführlich erzählen können! Aber die alte Geschichte – wenn's Brei regnet, fehlt mir jedes Mal der Löffel – so 'was Gutes kommt an mich nicht!«
»Und können Sie mit hinunter?«
»Ja,« sagte Günther nach einigem Zögern – »das heißt heute nicht mehr, aber morgen Abend oder spätestens übermorgen früh habe ich meine Arbeiten hier oben so weit beendet, daß ich das Übrige an jeder andern Stelle fertig machen kann – mein neuer Hülfsarbeiter hat mich aber auch wacker dabei unterstützt.«
»Und haben Sie sich leicht in die Arbeit gefunden, lieber Graf?«
»Vortrefflich!« lachte der junge Mann – »und außerdem hatte ich nie im Leben wirklich geglaubt, daß ich noch je einmal zu Etwas nützlich sein könnte, während ich sogar jetzt das volleVertrauen des von der Regierung angestellten Beamten besitze.«
»Du findest gewiß noch solche Freude an dieser Beschäftigung,« sagte Günther, »daß Du wacker dabei aushältst, und gar noch ebenfalls brasilianischer Beamter wirst.«
»Möglich, aber nicht wahrscheinlich,« sagte Felix achselzuckend; »jedenfalls hat es mir hier geholfen eine Quantität Zeit todtzuschlagen, und das ist schon immer ein unberechenbarer Gewinn, den ich selber gar nicht hoch genug anzuschlagen weiß.«
»Du bist unverbesserlich!« lachte Günther – »und nun wieder an die Arbeit, denn wenn ich bis morgen fertig werden will, haben wir Beide noch genug zu thun.«
Die Arbeit wurde in der That in der angegebenen Zeit beendet, aber doch zu spät, um noch an dem nämlichen Abend an den Abmarsch denken zu können, den sie auf den andern Morgen mit Tagesanbruch festsetzten.
»Und haben Sie Nichts wieder von jenem alten Mann und seiner Tochter gehört?« fragte Günther den Freund, als er mit ihm zusammen einen Waldweg nach Santa Clara hinüber ritt – Felix war gerade ein Stück zurückgeblieben.
»Nichts – gar Nichts,« sagte Könnern leise– »ich habe sie sogar gesucht – ich bin fünf Tage nach ihnen in der ganzen Nachbarschaft umher geritten, und die ersten zwei ihrer Spur gefolgt. Dann war diese urplötzlich verschwunden. Kein Mensch konnte mir weitere Nachricht von den Verschollenen geben, und der Gedanke ist mir jetzt furchtbar, daß ihnen, allein und hülflos wie sie waren, ein Unglück zugestoßen sein könne. Meine arme, arme Elise!«
»Spurlos verschwunden?« sagte Günther, ungläubig mit dem Kopf schüttelnd – »wie wäre dashierin der Coloniemöglich?«
»Und warum nicht? Sobald sie die Hauptstraße verlassen und sich nach rechts oder links in den Wald ziehen, wo überall noch einzeln zerstreute Hütten liegen, wer soll ihnen da folgen? Und ehe ich sie aufzufinden vermöchte, können sie verdorben sein.«
»Und von dem Mörder des Schneiders hat man ebenfalls keine Spur? Gar keinen Verdacht?«
»Keinen – der liederliche Gesell hatte zu wenig Geld bei sich, als daß das könnte einen Menschen zum Morde gereizt haben, und, kleine Häkeleien ausgenommen, hat er sich auch Niemanden in der Colonie so zum Feinde gemacht, daß man glaubenkönne, der Mord sei irgendwie aus Rache verübt. Es bleibt räthselhaft.«
»Der Director kann doch unmöglich Köhler für schuldig halten?«
»Sicher nicht,« sagte Könnern, »aber eine bessere Gelegenheit fände er im Leben nicht, sich an dem zu rächen, der ihn einmal mißhandelt hat, und daß er sie eben benutzt, liegt in seiner Natur.«
»Gut, dann wollen wir einmal sehen, was wir gegen ihn ausrichten können. Die erste Warnung vor dem Mann, der hierher als Director gesetzt ist, hat der Minister des Innern schon von mir aus Santa Catharina bekommen; jetzt ist Nichts weiter nöthig, als in Santa Clara die genauen Daten der letzten Vorfälle zu sammeln, und dann gehe ich selber mit der nächsten Gelegenheit nach Rio ab, um das Weitere zu betreiben.«
»Sie wollen wirklich fort – und dann nach Deutschland?«
»Dann nach Deutschland, nach meinem Thüringen!« rief Günther, und spornte fast unwillkürlich sein Pferd zu schärferem Trab, als ob ihn schon der Gedanke seinem Ziele rascher entgegenführe.
»Und Sie kommen vorher nicht noch einmal hieher zurück?«
»Hieher? Gewiß nicht! Ich habe das wilde, unstäte Leben recht von Herzen satt bekommen und muß doch jetzt auch wieder einmal fühlen lernen, wie einem wirklichen Menschen zu Muth ist. Sechs Jahre, Könnern – sechs Jahre lebe ich jetzt hier, mit dem Bewußtsein, daß Alles, was mir lieb und theuer auf der Welt ist, da drüben treu und geduldig, aber mit immer wachsender Sehnsucht meiner harrt. Jetzt ist's genug! Der Brief, der mich drüben anmeldet, ist schon damals von Santa Catharina abgegangen; jetzt habe ich weiter Nichts in Rio zu thun, als meine Berechnungen vorzulegen und mein Geld einzucassiren – wobei ich aber dafür sorgen werde, daß Sarno Gerechtigkeit widerfährt, und dann mit dem nächsten Dampfer heim – heim – es giebt ja gar kein schöneres Wort in unserer reichen, deutschen Sprache –heim!«
Könnern war schweigend neben ihm hingeritten, denn die heiße Sehnsucht, welche den Freund zurück in die Heimath trieb, fand inseinemHerzen keinen Wiederklang. Für ihn war die Heimath todt und leer, denn all'seinHoffen, all'seinLieben deckten die düsteren Schatten des brasilianischen Urwaldes – vielleicht schon mit Todesnacht – arme Elise!
Noch an demselben Nachmittag erreichten siedie Colonie, in der sich in den Tagen Nichts verändert hatte, das ausgenommen, daß die Erbitterung gegen den Director fast noch mit jedem Tage gestiegen war. Herr von Reitschen verkehrte jetzt auch nur noch mit dem Baron und der Gräfin; die gewöhnlichen Colonisten durften seine Stube gar nicht mehr betreten und wurden stets auf dem Vorsaal abgefertigt, wo sie mit abgezogenem Hut warten mußten, bis der Herr Director einmal einen Augenblick zu ihnen heraustrat.
Günther von Schwartzau ließ sich übrigens, als er Alles das erfuhr, gar nicht bei ihm melden und sandte ihm nur ein paar Zeilen, worin er ihm anzeigte, daß er seine Arbeiten in der Colonie beendet habe und mit der ersten Gelegenheit nach Rio Janeiro gehen würde. Wünsche der Herr Baron ihn zu sprechen, so sei er Morgens bis zehn Uhr in Bohlos' Hotel zu finden.
Natürlich kam Herr von Reitschen, über eine solche Zumuthung empört,nicht, arbeitete aber dafür sehr fleißig an verschiedenen Depeschen, die allen möglichen ungünstigen Berichten in Rio entgegenwirken sollten. Wußte er doch recht gut, daß er an Herrn von Schwartzau keinen Fürsprecher finden würde.
Könnern hatte den Mittag wieder einen vergeblichenVersuch gemacht, bei dem Gefangenen vorgelassen zu werden, und saß eben in seiner Stube mit einiger Correspondenz beschäftigt, die Günther mit nach Rio nehmen sollte, als es an die Thür klopfte. Er rief: »Herein!« und im nächsten Augenblicke steckte Jeremias sein dickes, gutmüthiges Gesicht, aber mit einem besondern Grad von Vorsicht, in die Thür.
»Heda, Jeremias!« rief Könnern, der den kleinen, komischen Burschen gern leiden mochte, noch dazu da er wußte, wie treu er früher an Sarno gehangen – »läßt Du Dich denn auch einmal wieder sehen?«
»Wieder sehen?« sagte Jeremias, nachdem er sich überzeugt hatte, daß Könnern allein im Zimmer sei – »Sie haben mich wohl erwartet, undichlaufe mir seit beinahe einer Woche im ganzen Neste die Beine ab und suche den Herrn Könnern in allen Winkeln und Ecken.«
»Mich – und weshalb? – Ich war im Walde draußen.«
»Na ja, das hab' ich mir etwa gedacht, aber – wollen Sie mir einen Gefallen thun?«
»Wenn ich kann, recht gern, doch jetzt bin ich beschäftigt.«
»Wie lange?«
»Ist es so wichtig?«
»Ja.«
»Nun denn, heraus damit!«
»Hier nicht. Sie müssen einen Spaziergang mit mir machen.«
»Was hast Du denn nur, Du thust ja so geheimnisvoll?«
»Es ist auch ein Geheimniß,« sagte Jeremias, sich leise und scheu umsehend, »das ich zwischen den papiernen Wänden hier nicht auskramen möchte, denn man weiß nicht wer dahinter steckt.«
»Und wie lange wird es mich aufhalten?«
»Eine gute Stunde – vielleicht zwei – vielleicht eine Woche.«
»Alle Teufel,« lachte Könnern, »Dein Geheimniß scheint dehnbar zu sein; doch dann laß mich erst diesen Brief schließen und siegeln, nachher habe ich eine Stunde Zeit für Dich – vorausgesetzt aber, daß es wirklich wichtig ist.«
Jeremias antwortete gar nicht; er setzte sich ruhig auf einen Stuhl, seinen Hut zwischen den Knieen, und wartete dort geduldig, bis Könnern seine Correspondenz völlig beendet und seine Schreibmaterialien weggeschlossen hatte. Dann erst, als er seinen eigenen Hut nahm und nun sagte: »So komm!« stand er auf, öffnete demjungen Mann die Thür und folgte ihm die Treppe hinunter.
»Und wohin wollen wir?« fragte Könnern, unten angelangt, und sah zu seinem Erstaunen, daß ihm Jeremias schon sein Pferd gesattelt und angebunden hatte – »ist es so weit?«
»Nein,« meinte Jeremias; »aber Sie können's sich eben so gut bequem machen. Nur den Berg hinauf steigen Sie ab und ich erzähle Ihnen dann die ganze Geschichte.«
Könnern wurde wirklich neugierig; Jeremias hielt sich aber hinter seinem Pferde, bis sie den Fuß des Hügelrückens erreichten, über den der Weg nach Zuhbel's Chagra führte. Dort sprang er vor, hielt Zügel und Steigbügel, bis der Reiter abgestiegen war, nahm dann das Pferd am Zügel und begann nun, ohne die geringste Vorbereitung, Könnern, zu dem er ein großes Vertrauen hegte, seine ganzen Geldverhältnisse zu erzählen und ihm den Platz zu beschreiben, wo er den Sack versteckt gehalten. Dann kam er auf den Abend, an dem er das vom Director Sarno erhaltene Geld dort einheimsen wollte, und zuletzt zu seinem Abenteuer, wie ihm der Dieb seines eigenen Geldes, den gestohlenen Sack, freilich unfreiwillig, vor die Füße geworfen habe, und dann in wilder Flucht in denWald gesprungen sei. – Sie hatten indeß dieselbe Stelle erreicht und Jeremias konnte dem jungen Mann genau den Fleck zeigen, wo der Verbrecher gestürzt und in den Busch hineingebrochen war.
»Ja, mein guter Jeremias,« sagte Könnern endlich, »das ist eine ganz interessante und höchst wunderbare Geschichte, aber – nimm mir's nicht übel – was gehtmichdas eigentlich an?«
»Das will ich Ihnen gleich sagen,« erwiederte der kleine Bursche, nicht im Mindesten dadurch gekränkt. »Sie wissen doch, daß sie den Köhler, als des Mordes verdächtig, eingesperrt haben? – ich weiß aber jetzt wer der wirkliche Mörder ist.«
»Du – Du kennst ihn?« rief Könnern rasch und erstaunt.
»Ahem!« nickte Jeremias entschieden mit dem Kopfe – »Bux.«
»Bux? – Wer ist Bux?«
»Sie kennen Buxen nicht? – den Bauchredner, den Lump?«
»Und wo ist er jetzt?«
»Pfutsch!« sagte Jeremias mit einer entsprechenden Handbewegung.
»Und woher glaubst Du das?«
Jeremias holte, ohne zu antworten, aus seiner Tasche ein altes Klappmesser und zeigte es Könnern.
»Sehen Sie,« sagte er, »das hat der Lump bei der Arbeit verloren und im Stich gelassen. Es war mir auch gleich so, wie er an mir vorübersprang, als ob ich die Canaille kennte. In der Stadt hab' ich mich indessen vorsichtig erkundigt, wem das Messer gehört, und der Buttlich kannt' es und wollt' es mir abnehmen. – So, und jetzt steigen wir zu meinem Versteck hinauf, in dem das Messer eingeklemmt war, und dort zeig' ich Ihnen die ganze Bescheerung, auch den Platz, wo der Mann erschlagen ist.«
»Und weshalb sollte der den Schneider ermordet haben?«
»Die Sache ist einfach genug,« sagte Jeremias, der mit ziemlich richtiger Combination der That folgte. »Die beiden Lumpen, denn der Justus war nicht um ein Haar besser, haben mir, Gott weißwie, nachgespürt, oder auch vielleicht hier oben irgendwo gerade Etwas ausgeheckt, als ich vorbei kam. Nachher sind sie mir nachgekrochen und haben mein Versteck gefunden; dann hat der Bux den Schneider auf den Kopf geklopft, um den ganzen Sack für sich allein behalten zu können. Mit dem bösen Gewissen aber und dem Mord auf der Seele bekam er die Angst, sah nicht auf den Weg, stürzte und glaubte nun im ersten Schrecken,als er eine Stimme neben sich hörte, er solle des Mordes wegen abgefaßt werden, weshalb er, wie vom Teufel gehetzt, in die Büsche fuhr.«
»Bux? – Bux? – Ich kann mich auf den Menschen gar nicht besinnen.«
»Aber ich bitte Sie,« sagte Jeremias – »der Liedrian, der immer einen Tressenstreifen um die Mütze trug.«
»Der?« rief Könnern, rasch auffahrend – »den hab' ich neulich auf meinem Ritt in die Colonien getroffen. – Es war ihm Etwas geschehen, ich glaube, sein Lastthier, ein Esel oder Maulthier, war ihm gestürzt, und er mußte dort bei einem Bauer liegen bleiben.«
»Dann kriegen wir ihn auch,« sagte Jeremias bestimmt.
»Aber weshalb, um Gottes willen, hast Du den Verdacht, der fast an Gewißheit gränzt, nicht schon lange ausgesprochen?« rief Könnern vorwurfsvoll – »und der arme Köhler sitzt die ganze Zeit!«
»So?« sagte Jeremias, »und wenn ich Etwas gegen den Buttlich oder einen von den Consorten hätte merken lassen, dann wär' der Bux wohl nicht unter Hand gewarnt worden, nur um den Köhler noch ein Bißchen länger unter dem Daumenzu halten? Und dann, sollt ich'sdenenwohl auch auf die Nase binden, daß ich so viel Geld hätte, um es verstecken zu müssen? – Über jeden Milreis würden sie mir Rechenschaft abverlangt haben, und meines eigenen Lebens wäre ich von da an keinen Augenblick mehr sicher gewesen. Nein, lieber nicht, und ich hätt's auch jetzt noch nicht, und selbst Ihnen nicht gesagt, wenn nicht – der Köhler heute krank geworden wäre. Der arme Teufel hält die Hitze in dem Loche aber nicht mehr lange aus, und wenn dem 'was passirte –dasmöcht' ich nicht auf dem Gewissen haben – da noch lieber die Angst, bestohlen zu werden. Fassen sie den Bux, so kommt's nachher mitmeinemGelde auch heraus, das ist sicher, denn gestehen muß er und wird er, weshalb er den Justus todtgeschlagen. Nachher freue ich mich aber nur auf das dumme Gesicht von ihm, wenn er erfährt, wo er sein Geld die Nacht hingeworfen hat, und daß ich beinahe eben so erschreckt gewesen wäre, als er selber.«
»Dann wollen wir augenblicklich hinunter und die Anzeige machen,« rief Könnern rasch.
»Nein,« sagte Jeremias ruhig, »wir wollen gerade das Gegentheil thun und augenblicklich hinaufsteigen und meinen Versteck betrachten, damitSie sich erst von Allem überzeugen, und nachher noch lange keine Anzeige machen, bis wir den Bux fest haben. Wissen Sie ungefähr wo er steckt, so wird das auch nicht so schwer halten, und wenn wir dem Herrn Director dann die Beweise unter die Nase reiben,mußer den Gefangenen herausgeben, oder – wir stecken ihm das Haus über dem Kopf an und räuchern ihn zum Tempel hinaus. Gott straf' mich, es wird überhaupt Zeit, daß die Wirthschaft einmal ein Ende nimmt!«
Könnern mußte sich, er mochte wollen oder nicht, dem kleinen Burschen fügen, der sein Pferd in das Dickicht führte und dort anband und dann mit ihm in die Schlucht hinaufstieg, damit er mit dem Terrain genau bekannt würde. Dabei erzählte er ihm eine Menge Einzelheiten aus Bux' Leben, wie er seine Familie mißhandelte und sich überhaupt die kurze Zeit in der Colonie benommen habe, und kehrte dann Nachmittags mit dem jungen Mann nach Santa Clara zurück, wo dieser ohne Säumen die beiden Freunde aufsuchte, um mit ihnen das Nöthige zu berathen.
Herr von Schwartzau billigte auch ganz Jeremias' Vorschlag: vor allen Dingen sich der Person des wahrscheinlichen Mörders zu versichern,ehe man gegen den Director ein Wort von dem Verdacht äußerte. Es schien allerdings kaum möglich, daß dieser, nur um einem Gefühl der Rache zu folgen, dem wirklichen Verbrecher Gelegenheit zur Flucht verschaffen würde, aber – sicher blieb sicher, und er hatte nachher keine Ausrede mehr.
Graf Rottack erbot sich augenblicklich, Könnern zu begleiten, brachte das doch einmal eine Abwechslung in sein monotones Leben, wie er meinte, und die jungen Leute beschlossen, keinem Menschen ein Wort von ihrer Expedition zu sagen. Daß Jeremias schwieg wußten sie außerdem, und je geheimer das Ganze betrieben wurde, auf desto sicherern Erfolg konnten sie rechnen.
An dem nämlichen Tage hatten fast sämmtliche Einwohner Santa Clara's auf Günther's Veranlassung eine Adresse an die Regierung in Rio aufgesetzt und unterzeichnet, in der sie mit einfachen aber klaren Worten die gegenwärtigen Verhältnisse und deren Rechtszustand schilderten und um Abhülfe baten. Sie sagten außerdem darin, »sie wollten die Regierung nicht drängen, ihren jetzigen Director wieder abzurufen, obgleich es keinen verhaßteren Menschen in der Colonie gäbe, aber das könnten sie verlangen, daß wenigstensein ehrlicher Mann als Delegado ihnen zugetheilt würde und die Polizeigewalt, nicht länger in Einer Hand mit der bürgerlichen Obrigkeit sei. Die Colonisten wären sonst verrathen und verkauft und hätten keinen Platz in der Welt, wo sie Recht und Gerechtigkeit bekommen könnten, als das abgelegene und schwer zu erreichende Rio de Janeiro.«
Der eigentliche Postdampfer, der zwischen den Colonien und Rio, angeblich regelmäßig, lief, wäre allerdings schon wieder seit zwei Tagen fällig gewesen, aber es herrscht unter den Dampfern aller jener Linien an der brasilianischen Küste eine solche consequente Unregelmäßigkeit, daß man nie mit Sicherheit darauf rechnen konnte; ja, es war schon vorgekommen, daß der eine vierzehn Tage über seine Zeit ausblieb und der andere dann dicht hinter ihm her oder mit ihm gar zu einer Zeit eintraf.
Günther wollte sich also dem nicht aussetzen und nahm Passage auf einem nach Rio bestimmten Schooner, demselben, der die Parcerie-Colonisten hieher gebracht und indessen eine Ladung Bohnen, Maniokmehl und etwas geräuchertes Fleisch eingenommen. Er hatte die ganze Nacht gearbeitet und seine Karte über die Vermessung der Coloniebeendet und copirt, da er die Copie dem Director zurücklassen mußte, schickte ihm dieselbe am nächsten Morgen in's Haus und nahm dann von den Freunden Abschied, die ihn bis zur Landung hinunter begleiteten. Beide junge Leute versprachen ihm auch fest, ihn in der Heimath aufzusuchen, sobald sie selber wieder Fuß auf deutschen Boden setzen würden, und eine halbe Stunde später sprengten Graf Rottack und Könnern auf der Straße hinaus, die an der Meierei vorüber in den Wald führte.
»Was wir doch eigentlich für ein wunderliches, abenteuerliches Leben führen,« brach Felix endlich das Schweigen, denn Könnern's Herz war heute, wo er sich dem Platze wieder näherte, an dem er Elisen zum ersten Mal gesehen, schwer und gedrückt, und wie die Ahnung eines großen Unglücks lag es auf seiner Seele. – »Heute hier, morgen da, heute philisterhaft sich mühend, um das tägliche Brod zu verdienen, nur des täglichen Brodes wegen, und morgen wieder im Sattel – wie wir Beide heute – als Rächer und Verfolger: ein paar richtige Romanhelden, wie man sie nicht brauchbarer erfinden könnte.«
»Mein lieber Graf,« sagte Könnern, »wie oftauch gleicht unser Leben einem künstlich erdachten und selbst unnatürlich combinirten Romane, mit all' den Zufälligkeiten, die hineingreifen und alle Pläne über den Haufen werfen. Und wir brauchen dazu nicht einmal nach Brasilien auszuwandern; Tausende und Tausende solcher Beispiele finden wir eben so gut daheim, eben so in den anscheinend hausbackensten Verhältnissen, die nach außen die glatte, nichtssagende Oberfläche zeigen. Könnten wir oft den Schleier heben, der darauf liegt, was für wunderbare und interessante Dinge würden wir zu sehn bekommen!«
Graf Rottack lächelte still vor sich hin, denn er dachte in diesem Augenblick an seine Scene mit der Madame Baulen. »Apropos,« sagte er, »haben Sie kürzlich Nichts von unsererGräfingehört? Ich vergaß in der kurzen Zeit, die ich in Santa Clara war, ganz nach ihr zu fragen – oder kennen Sie die Dame gar nicht?«
»Ich habe sie wohl ein paar Mal auf der Straße gesehen,« sagte Könnern, »aber nie das Vergnügen ihrer persönlichen Bekanntschaft gehabt. Ja, ich muß sogar zu meiner Schande gestehen, daß ich selbst meine Schuldigkeit versäumt habe: ihr nämlich meine Aufwartung nach der unbenutztenEinladung zu machen. Wie ich aber neulich von Jeremias zufällig gehört, so scheinen Mißhelligkeiten in der Familie ausgebrochen zu sein.«
»In der gräflichen?« lachte Felix.
»Allerdings; da ich mich jedoch für die Leute nicht interessire, sind mir auch die Einzelheiten wieder entfallen – ich hatte überhaupt damals den Kopf voll genug. Nur so viel erinnere ich mich, daß die Verbindung zwischen der Comtesse und Herrn von Pulteleben abgebrochen ist ...«
»Ha!« rief Felix, sich erstaunt im Sattel aufrichtend.
»Und daß sich die Comtesse sogar von ihrer Mutter getrennt hat,« fuhr Könnern fort, »was vielleicht Aufsehen in der Colonie erregt hätte, wenn die Leute nicht in der Zeit gerade mit wichtigeren Dingen beschäftigt gewesen wären. Gesprochen wurde aber doch viel darüber.«
»Helene fort?« sagte Felix nachdenkend; »was mag da vorgefallen sein? – Und wo wohnt sie jetzt? – Wo konnte sie hin?«
»Das habe ich zufällig bei Rohrlands gehört, ohne der jungen Dame selber aber dort zu begegnen. Sie hat sich in Rohrland's Hause ein Zimmer gemiethet und einen Theil ihrer Möbelwie ebenfalls ihr Pferd an Director von Reitschen verkauft.«
»Wunderbar, wunderbar!« murmelte der junge Mann kopfschüttelnd vor sich hin. »Von derMuttergetrennt, und die Verbindung mit dem Bräutigam abgebrochen, da muß etwas ganz Absonderliches geschehen sein. Sehen Sie, Könnern, da haben Sie gleich wieder einen kleinen Familienroman mit den interessantesten Persönlichkeiten: einem schönen Mädchen, einer intriguanten Mutter und – einem überflüssigen Bräutigam. Schade nur, daß der wirklicheGeliebtefehlt, der zu einem wünschenswerthen Schluß gehört, denndieDamen, die in einem Buche immer zuerst die letzten Seiten lesen, betrachten das als eine stillschweigende Bedingung. – Und da drüben auch,« fuhr er fort und deutete mit der linken Hand nach der Stelle hinüber, wo des alten Meier Haus lag – »dort hat sich ebenfalls eine anscheinend glückliche Familie plötzlich ohne bekannt gewordene Veranlassung zerstreut – die Mutter ist in's Wasser gesprungen, Vater und Tochter sind verschwunden – verdorben vielleicht, und Alle hatten die Berechtigung an dieses Leben, wie wir – gerade so gut als wir, und jetzt Alles – Alles zerstoben wie ein Traum! Sonderbare Geschichtedas, höchst sonderbare Geschichte, und man weiß zuletzt wirklich nicht einmal ganz gewiß, wer von uns Allen denn auch sicherwacht.«
Könnern, dem die Worte des Grafen den alten Schmerz auf's Neue wach riefen, ohne daß Felix eine Ahnung davon haben konnte wie erbarmungslos er in die frische Wunde eingeschnitten, ritt schweigend an seiner Seite, und da auch durch Rottack's Seele eine Menge von alten Erinnerungen und Bildern zuckte, trabten die Beide eine lange Strecke still und schweigend neben einander hin.
»Hol' der Teufel die Grillen,« sagte Felix plötzlich mit seinem frühern wilden Humor, »man ist bei Gott ein Thor, sich ihnen hinzugeben, wenn man selbst überflüssige Zeit hat, und das – haben wir hier nicht einmal! Wir wollen an unsere Jagd denken, Könnern, Diebsfänger, die wir doch jetzt nun einmal sind, an den mörderischen Schuft und an das glückliche Gesicht der jungen allerliebsten Frau – um die ich den Gefangenen, aufrichtig gesagt, beneide. Sie mögen mich auslachen wie Sie wollen, aber ich tauschte den Augenblick mit ihm, selbst mit seinem jetzigen Aufenthalt in dem ungesunden Loch, wenn ich nur wüßte, daß mich beim Herauskommen ein PaarsolcherArme inGlück und Seligkeit umschlingen würden. – Aber was habenwirBeiden, wenn wir zurückkommen? – Quartier bei Bodenlos für unser gutes Geld und ein einschläfiges Gastbett, zweischläfig mit Flöhen versehen – es ist zum Todtschießen!«
»Ich denke Sie wollen nicht mehr sentimental werden?« lächelte Könnern.
»Wollt' ich auch nicht,« sagte der junge Graf; »aber unwillkürlich steckt die sentimentale Fratze den Kopf durch jedes Gespräch, selbst wenn man sich von Mördern und Dieben unterhält. Wo haben Sie denn jenen Bux – so heißt der Kerl ja wohl – zum letzten Mal gesehen?«
»Wir biegen an der nächsten Chagra links in den Wald,« sagte Könnern, »und können den Ort dann etwa mit Dunkelwerden erreichen.«
»In den Wald? Wie, zum Henker, sind Sie denn da hineingekommen – auf der Jagd?«
»Wo streift ein Maler nicht überall umher,« war Könnern's ausweichende Antwort – »noch dazu, wenn er sein Gewehr auf dem Rücken hat!«
»Von dem sind Sie unzertrennlich?«
»Bei unserm jetzigen Ritte war es nöthig, denn wir wissen nicht, wie wir es gebrauchen können. Es ist wenigstens unwahrscheinlich, daßsich jener verwegene Bursche so gutwillig wird gefangen geben. SindSiekein Jäger?«
»Nein, und nie gewesen,« sagte der junge Mann; »zu Hause hätte ich dazu Gelegenheit genug gehabt, aber ich konnte nie Freude daran finden, mich irgendwo in den Hinterhalt zu legen und ein armes, ahnungslos daherkommendes Stück Wild wie ein Meuchelmörder niederzuschießen. Die Jäger nennen das freilich »auf dem Anstand«, ich hielt es aber für unanständig – wie ich denn überhaupt mein ganzes Leben lang mit den verschiedenen Menschenklassen verschiedener Meinung gewesen bin. Ich habe auch nur selten ein Gewehr in die Hand genommen; desto häufiger hetzte ich aber dafür Füchse und Hasen im freien Felde. Das ist List gegen List, Muskel gegen Muskel, und ein viel gleicherer Kampf als mit Pulver und Blei, dem das arme Wild keine ähnliche Waffe entgegenzusetzen vermag.«
»Aber eine Tigerjagd mit der Büchse hier in Brasilien würden Sie doch nicht für so ungleichen Kampf halten?«
»Nein,« meinte Felix; »wenn die Tiger nur nicht anderer Meinung wären. Aber Wochen lang hier im Gestein und Dorngestrüpp umherkriechen, von Durst und Hitze halb aufgerieben werdenund dann nicht einmal einen Tiger zu Gesicht zu bekommen, nur höchstens einmal seine Fährte zu finden, woerseinen Durst löschte, während ich auf irgend einem unwirthbaren Bergrücken saß und schmachtete, dafür danke ich ebenfalls. Dazu gehört eben eine Passion die mir fehlt, und ich überlasse es denen, die wirklich Freude daran finden.«
Die Reiter hatten indessen die nächste Chagra, die ebenfalls einem Deutschen gehörte, erreicht, und Könnern hielt hier, ohne das Haus zu berühren, gleich schräg in den Wald hinein, umritt die Umzäunung und traf auf der andern Seite derselben wieder einen schmalen Weg, der fast direct nach Westen hinüberlief. Diesem folgten sie mehrere Stunden lang und mußten sogar Einer hinter dem Andern reiten, so schmal war die Bahn an vielen Stellen und so viel hineingebrochenes Holz lag darin. Hier und da führte auch manchmal ein schmaler Pfad rechts und links ab; Könnern schien aber völlig vertraut mit seiner Bahn und zögerte nur immer lange genug, ehe er die als richtig erkannte verfolgte, bis er die Abwege genau und sorgfältig untersucht hatte.
Endlich erreichten sie einen Fleck, wo Reisende eine Nacht zugebracht hatten. HalbdurchgebrannteStücke zusammengetragenen Holzes lagen dort, und abgebrochene, nicht mit Messer oder Beil abgehauene Zweige waren mit unkundiger Hand verwandt worden, eine Art von Schutzdach gegen den Nachtthau herzustellen.
Könnern erfaßte ein herbes, bitteres Weh, als er den Platz wieder sah, denn hier hatte – dem Berichte der Leute nach, die in der nächsten Colonie wohnten – seine arme Elise mit dem Vater eine Nacht im Walde zugebracht und mit ihren zarten, solcher Arbeit ungewohnten Händen Holz herbeigetragen, sein Lager weich mit trockenem Laube bereitet, und versucht eine Hütte für ihn zu spannen. – Und an der nächsten Chagra eben verlor sich vollständig ihre Spur. Der Pfad war von da an steinig, da er in das Gebirge hineinlief, aber selbst in der nächsten menschlichen Wohnung wollte Niemand Etwas von ihnen gesehen haben. Weit noch war er damals umhergestreift, rechts und links vom Wege ab, durch Dornen und Dickicht brechend, immer das Eine, theure Ziel im Auge – umsonst, wie in den Boden hinein schien das hülflose Paar verschwunden, und es blieb keine andere Möglichkeit, als daß sie vom Wege abgekommen seien und sich verirrt hätten,wo sie dann rettungslos in der furchtbaren Wildniß verderben mußten.